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Zwei Städte

Chapter 57: Vierzehntes Kapitel. Ausgestrickt.
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About This Book

The narrative interweaves the fortunes of several people living in two contrasting urban centers on the verge of political upheaval, tracing how private loyalties, family ties, and a tender affection endure amid growing public violence and injustice. It moves from relative calm through escalating unrest to revolutionary crisis, depicting imprisonment, legal peril, and the moral choices that arise. Central motifs include resurrection, duality, and self-sacrifice, and the work alternates intimate domestic scenes with large-scale scenes of crowd fury, culminating in a redemptive act that reframes personal identity and moral responsibility.

Vierzehntes Kapitel.
Ausgestrickt.

Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.

„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte Jaques Drei, „nicht wahr?“

„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige Racheengel mit schriller Stimme.

„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“

„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“

„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“

„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie ein Epikuräer.

Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.

„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“

„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“

„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen. Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden Tag Hundertzwanzig haben.“

„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“

Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen Mütze, heran.

„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“

„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen Augen habe ich es gesehen.“

Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen hatte.

„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“

„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit einem düstern Lächeln an.

„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe für meine Mitgeschworenen.“

„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend. „Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“

„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte ich meinen.“

„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“

Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben, nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“

„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der Hinrichtung. — Ihr?“

Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte) er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen für seine persönliche Sicherheit.

„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist — sagen wir um 8 Uhr Abends — kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“

Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen, der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung hinter dem Griffe seiner Säge.

Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit folgenden Worten auseinander:

„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten. Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein, die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“

„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der Racheengel und umarmte sie.

„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als gewöhnlich.“

„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät kommen?“

„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“

„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war schon auf der Straße draußen.

Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen Eigenschaften.

Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten, als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging. Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande, großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz aus ihr verschwunden.

Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod schickte, den Platz zu tauschen.

Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer. So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die Straßen.

Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen, die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr. Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth, die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor, daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu beschleunigen.

Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe gingen, immer näher kam.

„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“

„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr. Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im Unrecht.“

„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen, mein guter Mr. Cruncher?“

„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr. Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“

„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend, „nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“

„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie wieder thun!“

„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“

„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören. Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist, so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen, nie, nie wieder!“

„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem Belieben — ach meine gute Herrschaft!“

„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort — „und merken Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher — ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs. Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“

„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“

„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß, nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu finden.

Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.

„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß, „so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“

Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.

„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das nicht das Beste?“

Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.

„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.

„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden Thürmen, einstiege?“

„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.

„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“

„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“

„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß, „aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr. Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die von uns beiden abhängen können!“

Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die verabredete Weise zu folgen.

Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2 Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig machen.

In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen, die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt im Zimmer stehen.

Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.

Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin Evrémondes?“

Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu. Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt hatte.

Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes, eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf bis zu den Füßen.

„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß, während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich bin eine Engländerin.“

Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.

„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“

„Ich weiß, daß Du böse Absichten hast,“ sagte Miß Proß, „und Du kannst Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“

Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu errathen, was die unverständlichen Worte sagten.

„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen will. Hört ihr?“

„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß, „und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es mit Dir aufnehmen.“

Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.

„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen. Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink ihrer Hand, Platz zu machen.

„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“

Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen. Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat sie einen Schritt näher.

„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat. Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß, je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“

So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt hatte.

Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha, ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“

Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung, unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und blickte hinein.

„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter Euch. Laßt mich hinein sehen!“

„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand, wie Madame Defarge die Antwort.

„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.

„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht, weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange ich Dich halten kann.“

„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.

„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“ sprach Miß Proß.

Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge; mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden.

Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“

Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und stand allein — blind vom Rauche.

Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden lag.

In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen; aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute, oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel, als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen gezogen und gezerrt.

Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr mit ihr fort.

„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.

„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an, erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.

„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“

Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß konnte ihn nicht hören.

— So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls wird sie Das sehen. Und sie sah es.

„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach kurzer Weile.

Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.

„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“

„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“

„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“

„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so lange mein Leben dauert.“

„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“

Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.