Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289; in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr; und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller. Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen. Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern (Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen (Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt, doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem Gilbertarchipel und den Ratakinseln — denselben Inseln, wo Chamisso Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte — ist die Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt (Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist (Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver (1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar (b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331) und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O. 390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt, spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche auf Maui verbreitet fand — was auch La Perouse mit mehreren anderen Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen (1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im 16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war, hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen, welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291; Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt (1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere Formen nach und nach angenommen zu haben.
Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei. Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern, mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen, sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.
Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet, die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen, Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161). Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern, in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.
In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf (Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür, dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.
Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten, in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000 Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit 360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4. 174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und 1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren), welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10, in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52. 2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe, Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000 blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000 Menschen (Waitz 1, 176).
Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande (Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten, die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren. Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche, wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind (Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares, dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte (Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete, geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien 1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben — und er hat es gewiss — dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer, vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch! Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt, welche sie früher nicht hatten.
Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern eingeschleppt werden.«
Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen (Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu benehmen pflegen.
Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester, welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet (Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5, 262).
So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183); Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte, so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias G***, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151). In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn — und führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110; 362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270). So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland (Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129). Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben. Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen (Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien), Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41). Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292). Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1, 161).
In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner, obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz 4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen, Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn, merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden, wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4, 327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas (Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer, die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur, ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert, ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville 130) u.s.w.
Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4, 270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi (Schomburgk 2, 333) und sonst.
Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren der Aleuten.
Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein — hier einen Knochen — unter mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei, hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus (Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w. (Sparmann 273).
Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt, in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann 198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können. Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und, wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung; und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe, an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders als kümmerlich gedeiht — wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2, 189.
Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1, 228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch, während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege, sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana (Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196). Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen, was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder, wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.
In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191). Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia) werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122). Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti (Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12 Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North, äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut; schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach Remy XLII Hunde und Schweine.
In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe; als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand und arbeitete fort (eb. 63).
Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey 2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen, wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern, wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt, dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2, 279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr, als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist gewiss oft genug selten.
Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht zu unterschätzender Abbruch gethan.
Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt, folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten, und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen, die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3 — ein Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte, neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.
Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen, wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b, 98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet, zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103). Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser (Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen, ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428), eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout 2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl. obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland (Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten, ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1, 126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188 sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten, erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt (Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von 11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).
Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in Neuholland die Weiber — und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach a.a.O. und anderen — so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte (Schomburgk 2, 239. 315).
Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach, in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt, dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt, da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche, die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen, dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen; dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.
Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen. Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles, ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen, Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder 18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und — fressen sie lebendig (Voigt Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey 2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen Wurzel gemischt.
In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse. Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast sprichwörtlich geworden. — —Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2, 278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart, einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen, die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten, obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91 die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung, welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe, der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth, besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können, soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565 von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193 Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.
Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen. Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119 sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich (ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie, wurde von dieser heilig gehalten und durfte von ihr nicht gejagt werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119). Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin« Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten) stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229 vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi (O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307), auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in Polynesien später vielfach aufgekommen ist.
Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren, selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte, noch mancherlei sammeln.
Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.