§ 6. Charakter der Naturvölker.


Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin, betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist (Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung (auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.

So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.

Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1, 103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch, sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso, Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit, die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender wird.

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen. Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75; für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213: und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz 1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.


§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.


Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor allen in geschlechtlicher Beziehung.

Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer. Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig) berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso (Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten, unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4. Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4, 85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster, wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten, nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4, 417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie, durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze gegen derartiges verhängten, sprechen.

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne 128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w. (Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt (eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben, anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden, als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23. b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist. de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben, Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige Parallele erwähnt.

Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier (Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3, 423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).

Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque, Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird; allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279). Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten, waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten Völker dem Trunk ergeben (227) — wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan, bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und indogermanischen, religiöse Motive wirksam.

Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen, mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste (Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3, 423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533), die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb. 1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337). Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf, die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch, trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3, 314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten (nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer, einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93), sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen, nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden, geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser Zügellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen, unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer, bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit, Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt, Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt, kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden) nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl. Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes) wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60, Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter, Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff. 256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst, vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu erhöhen — doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11 Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b, 126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti, Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie, die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111 dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika, auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust (Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten, so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier. Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam (Remy XLIII).

Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten (Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich. — Auch im eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere Sittenstrenge.

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe waren (Freycinet 2, 368) — so werden wir auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen müssen.

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und gefährlich erweisen musste.


§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.


Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125 betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck. Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland (Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312) der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe, wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale, unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2, 284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).

Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt (b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn. Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt, schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B. Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte, welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von 25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen« (Waitz 3, 103).

Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen, auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso, was man für manche amerikanische Völker als Grund für die Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig, Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten Folgen sicher ist.

Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen, werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41 Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?

Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe Verhältniss eintritt.

Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie, wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen. Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.

Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge, deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen; ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst die Quellen).

Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war (Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika. Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war (Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen, wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob, getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr Aussterben — denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei ackerbauend, am Paraguay vor — als auch in Betreff dieser furchtbaren Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an: sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3, 476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay) tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3, 530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis, einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten: wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür; und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).

Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4, 164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367). Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte, den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt, lieber sah als Mädchen.

Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien; missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen machen — diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen glaubt — tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben, nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt (Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).

Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4, 359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten, wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig, aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als »ausgestossene« getödtet werden.

Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien. Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren (Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin, sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu haben.

Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2, 134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).

Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249) annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden, sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10 und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert, und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich, kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren, bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout 1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten entlehnt sind — er handelt von den Areois 1, 485-98 — ist der Meinung, alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird; wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle Kinder einer Mischehe — wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen Mannes und einer adligen Frau — umgebracht wurden, versteht sich nach den Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer, in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19 umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams 562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder) geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand, zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber, welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).

Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte (Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte, galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568) und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.

Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind (Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern, während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves 85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich, so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte (Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau, welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht habe. — Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten (Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165). Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne 40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben. Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33) sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade zärtliche Eltern (Browne 39).

Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung. Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte, auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50 Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt, dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2, 441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf, und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen (Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass, wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen (Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«, fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein, ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird. Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit, Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen, mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.

Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin, und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben; veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man (wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als Opfer fürs eigene Leben — solche Opfer werden wir gleich noch mehr sehen — den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete, so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B. die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit schon ausser Gebrauch gekommen war.

Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit, Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen. Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen (Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.