§ 9. Krieg und Kannibalismus.


Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?

Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit, Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde, schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B. die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein schienen als die Nulkas und Chinooks.

Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B. den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees, Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen, den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3, 159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J] Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache, theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte, anzueignen (Waitz 3, 159).

In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3, 374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden, denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe! Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können (ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die Katarakten des Orinoko, wo

ihres Stammes letzte Spuren
birgt des Uferschilfes Grün,

hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana. Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert) Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas (Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259 sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung unfehlbar tödtet.

Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz, auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut, den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407), aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte, blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben, eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158); doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4, 374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind (Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt, geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198) — so sind sie für die Zahl und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt — ein Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt (Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M] — ebenso müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas 1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum, obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus (Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen) fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen. Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde, natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt, wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen (Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten, sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth, mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9, 476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert 55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt (257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange« Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440). Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk. 244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben, gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen (1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen (Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u. Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz bestimmtem Rythmus

Rhytmus

der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein (Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211). Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten (Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal, weil es anthropologisch von hohem Interesse ist — dann aber und hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm 200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280). Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt, welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es, welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen (Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene (Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal 18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***). Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte, alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis 1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten, welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen, wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt (Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22) — kurz die Besiegten wurden womöglich ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht. Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis 4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte, heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren, Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung, nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln, hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169). Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).

Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135, Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette (Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte, namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur allzusehr gerechtfertigt.

Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359, Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale 38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19; 1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte. Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner 194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten, ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum eine Widerlegung verdient.


§ 10. Menschenopfer.


In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend. 3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht (Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen, denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff. entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung) schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet, dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl. ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada (1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar 80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu, dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten, so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).

Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua (279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden und in Mexiko (4, 309).

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466) und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).

In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen. Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von 4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren, besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz, wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten, welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich trugen.

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).

Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi, wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477), denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben (Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine 293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte, von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben (S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich nicht mehr allzulange dauern. — Aehnliche Gebräuche fanden sich auch sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier: namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken, die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind stirbt, was uns berichtet wird.

Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna (nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276), dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357). In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk (Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves 47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war. Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in Neuseeland Sitte — jetzt ist sie abgekommen — dass sich die Weiber am Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor 97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst eiferten, schliessen lässt.

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u. dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden; jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten sicher steht, ein lebender Sklave umfassen — und zu diesem lebendig Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer, denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4, 360).

Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen, wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung eines Volkes beigetragen haben.


§ 11. Verfassung und Recht.


Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt, als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt, dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft, und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4, 84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben), wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).

In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel. Revolutionen des Volks waren — abgesehen von neu eroberten Ländern — fast unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II. noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier — und so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.

Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen (während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1, 60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den Vornehmen werth ist — und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf Hawaii — man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth, Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305). Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde; andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch, auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves (a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es, mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.