Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
Erzählet jener Stein mit stummem Munde
Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.

Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht: denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben, das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und suchte ihn so zum — Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356). Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben; 1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370). — Als nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).

Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr, während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie, überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung, andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend: denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187). Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm, von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf einmal verbrennen liess (4, 189) — kurz, es ergoss sich auf die unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen Tag nicht ausgerottet sind.

Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua (280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).

Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro. Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen, und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können; diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss, wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas von der Urbevölkerung existirt.


§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.


Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4, 171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731 ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen. Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen, mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit, Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen hatten; allein nicht eher konnte er es — so tapfer war der Widerstand — einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig, einzelne Aufstände abgerechnet — welche ein deutliches Bild geben, wie die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung, welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben, nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen, die wir schon geschildert haben.

Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«

Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen zusammengeschmolzen.

Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks, welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1, 295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167 — 68) ganz übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).

Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668 landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt fanden — und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte, zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet, auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott« (einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden, wildeste Verzweiflung der Eingeborenen — welche hier wie dort anfangs den Spaniern sehr freundlich entgegenkamen — massenhaftes Auswandern derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation seien, den Weissen erlägen.

Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten, der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B. Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.

Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).

Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen nach anderer Seite hin schadete.

Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000 an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der oben die Rede war, zu.

Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht, entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit, welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter verübten — so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen und wobei sie oft genug — so namentlich von der Neuseelandcompagnie — sich betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth, durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen (Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.

In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).

Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich. Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.), wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor, die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten (Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde Blutgier ist nichts als Fabel — wohl aus dem naheliegenden Grund erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis 1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2, 217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt; sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen, hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben, nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst (Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang. Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186); nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275, Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.

Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen, wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.) stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun, anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2, 376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder. Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,

Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?

Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.

Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.

Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832] 4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl. 204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit 1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte (Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich (1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber — war doch auf das Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p. 161) — schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist, dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835 (nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10 Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch). Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832, appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.


§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.


Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit, theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.

In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch, die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil überstanden hat.

Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen Bedrückung erlagen.

Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten, war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden — den Trunk haben erst die Weissen gebracht — sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht fallen könnten.

Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist, nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.

Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist: eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende Melancholie oder Apathie eintritt.

Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg — wozu indess ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte — so würden auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und absichtlich vergeudet.

Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war, wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben mächtig.

Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk), denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb zum Widerstand nicht mehr stark genug.

Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet, zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti, Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand. Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam, und diese hat nur — einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf sich luden, abgerechnet — durch die physische und psychische Erregung, die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und schnelleren Verlauf gebracht.

Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste, so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer, trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen: auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die, welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.

Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.

Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg, Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.

Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten. Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker, welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte, nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.

Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher betrachten werden.

Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund, in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen. Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist, dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger zu ertragen im Stande sind.

Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet, wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.

Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint; dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien, sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen, als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen und so waren sie jedenfalls verloren — wenn sie nicht von aussen her gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz; ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst, früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen, erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.


§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre Lebenskraft.


Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker. Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten. Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren Erfolg derselben sehen.

Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls, alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne — und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.

Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht, welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.

Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil, welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in Hand geht. — Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens, die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.

Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch weit mildere Schicksale heimgesucht werden. — Auch die Eintheilung der Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben (Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker) zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit vorfinden.