Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am besten die Tabelle.

Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.

Länder Landwirtschaft Industrie Handel und Verkehr Lohnarbeit wechselnder Art Dienstboten
Auf 100
männliche weibliche männliche weibliche männliche weibliche männliche weibliche männliche weibliche
Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten
Deutschland 1882 bis 1890 89 106 140 182 149 253 108 127 60 103
Oesterreich 1880 bis 1890 119 175 131 130 144 191 125 117 16 72
Frankreich 1881 bis 1891 114 94 116 101 163 192 -- -- 66 86
Frankreich 1891 bis 1896 176 100 3/10 135 132 134 158 -- -- 87 95
Vereinigte Staaten 1880 bis 1890 105 92 113 176 139 209 106 76 142 141

Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode giebt einen noch drastischeren Beweis dafür:

Länder Zählungsperiode Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in
Landwirtschaft Industrie Handel und Verkehr Lohnarbeit wechs. Art Häusliche Dienstboten
Deutschland 1882 51,08 12,37 3,29 4,17 29,09
1895 45,16 18,70 6,90 4,42 24,82
Oesterreich 1880 57,34 12,35 0,85 13,77 15,69
1890 68,78 11,03 1,12 11,08 7,99
Frankreich 1891 39,69 32,64 8,94 -- 18,73
1896 34,69 37,58 12,29 -- 15,44
Vereinigte Staaten 1880 19,56 32,84 0,24 3,44 42,92
1890 12,69 42,13 0,35 1,85 42,98

Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.

In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen folgendermaßen gestaltet:467

Zählungsperiode Weibliche Arbeiter
absolute Zahl Zunahme
absolut Prozent
1895 739755    
1896 781882 41,127 5,7
1897 822462 40,580 5,2
1898 859203 36,741 4,5
1899 884239 35,036 4,1

Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist, daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die entsprechenden Zahlen für Frankreich,—so vorsichtig sie auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,—sind besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte:

Zählungsperiode Weibliche Arbeiter Männliche Arbeiter
absolute Zu- resp. Abnahme absolute Zu- resp. Abnahme
Zahl absolut Prozent Zahl absolut Prozent
1894 732760     1722183    
1896 844911 112,151 15,9 1828403 106,220 6,2
1898 812591 -32,320 -3,9 1820979 -7,424 0,4

Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau demselben Maß, doch das gleiche gilt.468

Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für Deutschland vor.469 Wir müssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert: Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis 20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender Tabelle geschieht:

Gewerbearten Frauen in Alleinbetrieben 1895 Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882 Frauen in Gehilfenbetrieben 1895 Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882
Gärtnerei, Tierzucht und Fischerei 708 285 17998 10505
Industrie, Bergbau, Baugewerbe 443333 -87753 1114986 479030
Handel, Verkehr, Gast- und Schankwirtschaft 145165 42500 617115 385591

Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist. Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher:

Gewerbearten Frauen in Alleinbetrieben Zu- resp. Abnahme Frauen in Gehilfenbetrieben Zu- resp. Abnahme
Strickerei und Wirkerei 15472 -2324 28164 14950
Häkelei und Stickerei 6178 -336 6049 3413
Spitzen-Verfert., Weißzeugstickerei 7802 -8737 11532 7017
Näherei 185716 -58183 28078 3848
Schneiderei 89250 35227 84350 46746
Kleider- und Wäschekonfektion 585 -3886 35409 15946
Putzmacherei, künstl. Blumen 12429 -1150 28874 11213
Handschuh, Kravatten, Hosenträger 3995 -4109 7760 1754
Wäscherei, Plätterei 66029 -17662 27687 14057

Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:

Gewerbearten Von 100 selbständigen
Frauen sind
Von 100 selbständigen
Männern sind
Inhaber von Alleinbetrieben 84,4 50,0
     "        "    Gehilfenbetrieben 15,6 50,0
     " mit bis zu 5 Personen 13,9 40,5
     "   "  6-20 Personen 1,5 6,9
     "   "  21 und mehr Personen 0,2 2,6

Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist. Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen.

In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle giebt die genaueren Zahlen:

Areal Selbständige in der Landwirtschaft Von je 100
Selbständigen
sind weiblich
Absolut in Prozenten
Männer Frauen Männer Frauen
unter 2 ha 248209 177088 15,96 52,24 33,71
2 bis 5  " 604562 74565 27,70 22,00 10,98
5   " 10 " 501482 40059 22,98 11,82 7,40
10 " 50 " 636275 41167 29,15 12,14 6,08
50 " 100 " 62920 4182 2,88 1,23 6,23
100 und mehr ha 28921 1918 1,33 0,57 6,21

Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,—von 76,63% auf 76,51%,—angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten Bedürfnisse.

Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen. Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,—99,2%,—Berufsarbeiter sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses:

Berufsarten Von 100 berufsmäßigen Arbeitern
sind weiblich in Betrieben
Von 100 mithelfenden Familienangehörigen
sind weiblich in Betrieben
bis 5
Personen
6 bis 20
Personen
über 20
Personen
bis 5
Personen
6 bis 20
Personen
über 20
Personen
Landwirtschaft 14,3 25,6 19,9 76,5 85,6 85,7
Industrie 9,8 15,2 19,9 84,4 77,9 44,2
Handel und Verkehr 44,0 34,0 20,2 92,9 85,9 79,7
im ganzen 18,9 19,5 20,0 90,2 82,0 56,0

Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, ist außerordentlich wichtig für die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen, was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten berufsmäßigen Arbeiterinnen,—besonders hervorstechend ist das Verhältnis in der Industrie,—und fast alle mithelfenden Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung des Großbetriebs eine Förderung der berufsmäßigen proletarischen Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, eine große Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde der aufstrebenden weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen zu sein, an der Familie einen Rückhalt haben.

Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen läßt sich feststellen, daß die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in rascherem Tempo zugenommen hat, als die Männerarbeit und viel schneller gewachsen ist, als die weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt sich dagegen, daß durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten, besonders in der Industrie, die männlichen Arbeitskräfte großenteils erschöpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur Verfügung stehen. Bis jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrücken der weiblichen Reservearmee zugleich ein Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem Tempo wie die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist als nichts Unnatürliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schäden, die sie mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt, sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen.

Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen die meisten Frauen beschäftigt sind, giebt Aufschluß darüber:

Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.470

Gewerbearten Deutschland Oesterreich England u. Wales Vereingte Staaten Frankreich Belgien
Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl. Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl. Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl. Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl. Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl. Zahl der Arbeite-
rinnen
Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.
Kleider- und Wäschekonfektion 27453 83,38 59923 93,58 38812 95,83 304303 98,08 976161 88,50 44324 66,06
Schneiderinnen 61480 31,66 43678 35,72 82667 48,89 63809 34,42
Näherinnen 97979 100,00 257408 98,80 146043 97,33
Putzmacherinnen 16517 98,33 7388 89,04 60087 99,35
Korsettnäherinnen 5663 88,80 -- -- 5800 88,78
Handschuh-, Kravatten- und Hosenträger- fabrikation 6428 54,45 7863 63,26 9007 78,50 8675 57,28 3043 52,20
Hutfabrikation und Kürschnerei 7659 31,24 5070 30,28 16392 45,74 6694 23,71 1052 23,88
Blumen- und Federn- fabrikation 8227 87,32 -- -- 6174 88,76 2543 83,48 -- --
Schuhfabrikation 11537 7,03 8774 6,54 43671 22,93 33677 15,77 -- -- 3154 11,76
Stroh-, Bast- und Holzflechterei, Strohhüte 7297 32,50 -- -- 11227 54,58 2423 66,09 -- -- -- --
Spitzen- fabrikation, Stickerei und Häkelei 12376 70,34 18030 75,35 6945 87,57 4435 84,38 483393 52,18 95944 62,80
Strickerei und Wirkerei 25325 54,59 8639 62,35 29111 63,29 20810 70,40
Posamenten- fabrikation 9974 52,07 5001 67,72 19634 62,47 -- --
Spinnerei, Hechelei, Haspelei 103350 59,76 31586 55,46 540832 59,82 202848 49,72
Weberei 175918 48,47 116034 43,01
Färberei und Bleicherei 22551 29,96 4494 23,60 5167 11,75 3246 15,52 1285 21,88
Gummi-, Guttapercha-, und Kautschuk- fabrikation 3532 29,31 308 35,16 4112 40,22 6456 39,95 23370 35,76 306 53,11
Buchbinderei und Kartonage 15010 32,22 3242 33,70 30234 71,15 24603 59,11 -- --
Papierfabrikation 22352 33,70 6362 40,12 13101 39,79 2961 13,57 3043 35,60
Setzer, Drucker, Lithographen und Schriftgießer 13071 13,93 1966 15,72 4737 5,46 12054 10,32 14720 19,58 745 7,30
Bäcker und Konditoren 23740 14,10 6617 9,40 26358 28,56 7961 23,57 43795 13,98 228 2,15
Herstellung vegetabilischer Nahrungsmittel 13142 28,60 7916 27,54 5228 5,36 2130 10,12 -- --
Animalische Nahrungsmittel 18140 15,20 6192 12,36 26022 29,54 -- --
Tabakfabrikation 65286 53,75 16985 89,01 12574 60,41 27997 25,08 -- -- 7710 33,83
Ziegelei, Thonröhren- fabrikation 12925 7,45 7785 68,10 2601 6,27 144 0,24 -- -- 1176 19.90
Steingut-, Porzellan- fabrikation 11204 27,22 4552 31,47 21679 39,28 -- -- -- --
Glasbläserei 5095 12,12 11882 32,57 2086 8,80 1710 0,50 -- -- 3174 11,20
Verarbeitung edler Metalle 9737 30,55 1222 14,81 3156 16,54 3349 16,53 7209 31,95 -- --
Zinnwaren- fabrikation 7027 13,48 106 20,78 6466 15,10 899 1,62 -- -- -- --
Nägelfabrikation 1685 12,78 1152 16,36 4690 50,52 477 10,41 -- -- -- --
Näh- und Stecknadeln, Stahlfedern 2912 26,98 -- -- 5220 68,19 -- -- -- -- -- --
Besen- und Bürstenmacher 5608 30,07 758 25,68 5945 80,56 1166 11,53 -- -- -- --
Schirmmacher und Stockarbeiter 4907 15,49 4086 53,13 1938 56,95 -- -- -- --
Möbelfabrikation und Tischlerei 1760 0,67 5946 7,73 10921 15,18 1748 6,81 -- -- 1040 8,73
Andere Industrie- arbeiter 6459 23,23 60164 48,64 40843 5,64 15908 20,74 -- -- 8769 86,59

Sie zeigt deutlich, daß die Konzentration der Frauenarbeit auf bestimmte Berufe eine um so stärkere ist, je fortgeschrittner die industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Häkelei: Deutschland zählt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in England 71 % Arbeiterinnen beschäftigt werden. Besonders charakteristisch ist auch die Möbeltischlerei: Deutschland zählt darin wenig über 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es sich, daß in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell vorgeschrittenen Ländern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel diene die Glasbläserei: Oesterreich zählt 32 %, Deutschland 12, England 8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter beschäftigt. So viele Umstände auch sonst noch bei der Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch festzustehen, daß die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte Berufe mit einem Rückgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen Berufen Hand in Hand geht, daß sich also nach und nach bestimmte fast ausschließlich von Frauen und andere fast ausschließlich von Männern besetzte Berufe herausbilden werden.

Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der Konfektion, der Näherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen Frauenberufe zu werden. Die Gründe dieser sich immer stärker ausprägenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthätigkeit liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und körperlichen Veranlagung, teils in dem Umstand, daß bestimmte wohlfeile Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. möglichst billiger Arbeitskräfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an dieser Stelle ausschließlich in Betracht gezogen werden soll, weil der zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berührt, die nicht hierher gehören, so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein wesentliches Moment, das die Frau für alle Thätigkeiten prädestiniert, die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehören daher ebensowohl hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine großen Körperkräfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen besonders befähigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie überall dort die männlichen Arbeiter verdrängen, wo die Maschine die menschliche Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben. So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer Vorbildung für alle diejenigen Arbeiten gewählt, die ungelernte Arbeiter im allgemeinen gebrauchen können und die fast stets zu beobachtende Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit zu richten, ist die Ursache, daß rein mechanische Thätigkeiten ihnen mit Vorliebe überlassen werden. Diese negativen sowohl körperlichen als geistigen Fähigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der gänzlichen Vernachlässigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet, und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der Erziehung und Gewohnheit. Die Hände des Mannes härteten sich, sie wurden breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil alle feineren Arbeiten meistens ihr überlassen blieben. Von größtem Einfluß hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber auch, die den weiblichen Geist ungünstig beeinflußte, indem sie die Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit unterstützt hat; nichts ermöglicht mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einführung des maschinenmäßigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der Nähmaschine, ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil für die Frauen. Würde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und körperliche Ausbildung, die der der Männer entspricht, Hand in Hand gehen, so wäre zu erwarten, daß nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflüsse die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren könnten. Das scheint unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schärferen Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu widersprechen, während es sie thatsächlich nur bestätigt. Denn erst die Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natürlichen zur Entwicklung verhelfen und zwar dürfte sich dabei folgendes herausstellen: in Bezug auf ihre Körperkräfte werden die Geschlechter sich einander nähern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitäten der Geschlechter dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute auf ihre körperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften zurückzuführen sein.

Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den Thatsachen zurück. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das großenteils noch arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie.

Deutschland und Belgien gebührt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik der Hausindustrie unternommen zu haben. Natürlich ist sie eine unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschäftigten Personen außerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht angenommen werden kann, daß die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind, so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten Zählungen in Deutschland insofern zuverlässig, als ihre Methoden die gleichen waren. Es zeigt sich danach, daß die Hausindustriellen im allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der Arbeiter, bei der Gewerbezählung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711 zurückgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie beschäftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der einzelnen Gewerbearten führt jedoch zu dem Resultat, daß die Abnahme sich nicht auf alle gleichmäßig verteilt, daß vielmehr bedeutende Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen begleitet werden.471 Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, führt zu folgenden Resultaten:

Gewerbearten mit Verminderungstendenz.

Gewerbearten Seit 1882 haben abgenommen
Betriebe um Personenzahl um
Zeugschmiede, Scherenschleifer, Feilenhauer 2006 4044
Seiden- und Shoddyspinnerei 2037 2922
Baumwollspinnerei 4067 3645
Seidenweberei 20000 34381
Leinenweberei 10660 14667
Baumwollenweberei 18859 19089
Weberei von gemischten Waren 5811 4895
Strickerei und Wirkerei 7026 12768
Häkelei und Stickerei 1251 549
Posamentenfabrikation 73 2098
Strohhutfabrikation und Strohflechterei 4185 2836
Näherinnen 12391 11502
Handschuhmacherei, Kravattenfabrikation 4087 3653
 

92483 117049

Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.

Gewerbearten Seit 1882 haben zugenommen
Betriebe um Personenzahl um
Grobschmiede 1394 2638
Schlosser 1126 2903
Stellmacher 986 1519
Musikinstrumente 1383 1955
Wollenweberei 645 4072
Gummi- und Haarflechterei 1712 889
Spitzenverfertigung und Weißzeugstickerei 2091 5560
Sattlerei, Spielwaren aus Leder 1041 1673
Verfertigung grober Holzwaren 530 634
Tischlerei und Parkettfabrikation 3934 9338
Korbmacherei 3903 6007
Dreh- und Schnitzwaren 1805 3526
Tabakfabrikation 3400 6949
Schneiderei 17268 30106
Konfektion 382 885
Putzmacherei 376 96
Schuhmacherei 7099 7765
Wäscherei 1353 2388
 

50228 88883

Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, daß diejenige Art der Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmäßigen Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick überraschend wirkt, die Zahl der Näherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß sie sich in Werkstatthausindustrielle umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden Näherinnen gezählt in Betrieben mit

zwei Personen drei bis fünf Pers. sechs bis zehn Pers. zwei bis zehn Pers.
1882 6551 2321 793 9656
1895 11514 9247 2456 23247

Diese Tendenz zur Zusammenfassung der früher vereinzelt arbeitenden Näherinnen in Werkstätten ist im wesentlichen auf die Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Die Ausgaben für Miete werden geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloße Schlafstelle dafür eingetauscht wird.

Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin beschäftigten Personen betrifft, so hängt sie fast ohne Ausnahme mit der Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die zugleich die allein lebensfähige ist: die Werkstattarbeit mit dem Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem Arbeiter die Vermittlung übernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist.

Das Geschlechtsverhältnis in der deutschen Hausindustrie ist von besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunächst die übliche Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhältnis ist dieses:472

1895 1882 1895
männliche weibliche Von je 100 Hausindustriellen sind
Hausindustrielle Männer Frauen Männer Frauen
256131 201853 56,3 43,7 55,9 44,1

Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufällige oder vorübergehende, sie hängt vielmehr eng mit der ganzen modernen Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurückzuführen ist, daß der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskräfte und stößt dabei zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die Zunahme der Frauenarbeit am stärksten war:

Gewerbearten 1882 1895
Von je 100 Hausindustriellen
sind weiblich
Töpferei 7,9 29,9
Glasbläserei vor der Lampe 27,7 44,9
Gold- und Silberschlägerei 50,0 53,3
Gold- und Silberdrahtzieherei 80,3 86,9
Verfertigung von Spielwaren aus Metall, feinen Blei- und Zinnwaren 38,6 60,1
Erzeugung von Metalllegierungen 13,3 35,8
Blechwarenfabrikation 5,1 27,6
Fabrikation von Weberei- und Spinnereimaschinen 30,5 37,2
Verfertigung von Bleistiften 65,8 83,5
Leinenweberei 35,0 43,4
Baumwollweberei 25,9 43,3
Weberei von gemischten Waren 18,7 33,4
Gummi- und Haarflechterei und -Weberei 60,6 81,5
Strickerei und Wirkerei 29,0 50,3
Leinenbleicherei und -Färberei 19,4 50,9
Färberei und Bleicherei 19,7 21,2
Verfertigung von Papiermachéwaren 42,0 50,0
Buchbinderei und Kartonage 36,3 40,8
Sattlerei, Spielwaren aus Leder 32,7 44,7
Verfertigung von Dreh- und Schnitzwaren 6,7 13,2
Tabakfabrikation 30,3 45,2
Putzmacherei 93,8 99,8
Hutmacherei und Filzwaren 34,8 36,3
Verfertigung von Korsetts 67,1 94,8

Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß eine Verschiebung zu Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fällen dort stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Männerarbeit auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Textilindustrie. Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein Rückgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger gezählt worden. Trotz dieses Rückgangs zeigt die Frauenarbeit im Verhältnis zur Männerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlängert den Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, daß dem Unternehmertum eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeiläßt, gegen Hungerlöhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der Hausindustrie zur Großindustrie, wie sie andernfalls heute schon möglich wäre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb könnte an Stelle des Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer schlimmsten Form den Todesstoß versetzen. Das gilt auch in beschränkterem Maße von der Nähmaschinenarbeit in jeder Form: die Einführung motorisch betriebener Nähmaschinen scheitert wesentlich an der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer höchsten Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stände ist. Außerhalb ihres Eroberungsgebiets giebt es keine fühlbare Aufsaugung durch die Fabrik.473

Unter den übrigen hier in Betracht kommenden Ländern hat zweifellos Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik. Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band474 behandelt nur Böhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende Aufschlüsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die unübersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmäßigen Darstellung entgegenstehen: Mißtrauen der Unternehmer sowohl wie der Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schärfere Besteuerung vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter Gründe, die auch die deutsche Statistik als ungenügend kennzeichnen ließen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschäftigt:

Heimarbeiter im Budweiser Bezirk

männlich weiblich mithelfende Familienangehörige im ganzen
5231 6107 4317 15655

Die Zahl der Frauen überwiegt danach die der Männer um fast tausend und ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden Familienangehörigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als Männer befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei beschäftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische Berechnung der Brünner Handelskammer, die auf einer Kombination der Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter, feststellt475, kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der Wirklichkeit zurück.

Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre zahlenmäßige Erfassung eine ganz unzuverlässige. Für die Frauen kommt im wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Näherei, Schneiderei, die Handschuhnäherei und die Verfertigung der sogenannten Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhône wurden noch gegen 20000 Handwebstühle für Seidenwaren gezählt, die eine noch größere Zahl von Arbeitern für die erste Bearbeitung der rohen Seide zur Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie beschäftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In der Schneiderei beschäftigt allein Paris 72 % Frauen, in der Handschuhnäherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %, fast lauter Hausindustrielle.

England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form der Hausindustrie schon gründlich aufgeräumt. Dagegen hat die moderne sich rasch entwickelt. Sie umfaßt hauptsächlich die Konfektionsindustrie und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie vollständig. Für Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem elendesten und schwächsten Menschenmaterial nährt, das Europa abstößt. Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezügliche Tabelle Aufklärung:476

Zählungsperiode Werkstätten Männer Frauen Kinder Im ganzen
1893 704 2611 3617 595 6823
1894 1413 4469 5912 721 11101
1895 1715 5817 7780 1307 14904
1896 2378 6383 7181 1188 14752

Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere Zunahme als die Männerarbeit, der gegenüber sie auch absolut im Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklärt sich teils aus der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, daß es sich bei den vorliegenden Zahlen nur um Werkstättenarbeiter handelt, die vereinzelten Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die Gesetzgebung in die Werkstätten eingreift, wobei es sich fast immer um den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich in die Heimarbeit zurückziehen müssen.

Die belgische Berufszählung von 1896477—die erste, die sich hier mit der Frage beschäftigte—teilt alle Arbeiter in zwei große Kategorien ein: 1.) Die in Fabriken, Werkstätten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthätig sind. Das heißt mit anderen Worten, daß nur die eigentlichen Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen Ergebnisse der nach diesen Grundsätzen erfolgten Erhebung waren folgende:

Es waren beschäftigt Von 100 Arbeitern
waren weiblich
Männer Frauen
In Fabriken, Werkstätten u.s.w. 588248 115981 16,47
Zu Hause 41689 77058 64,89
Im ganzen 629937 193039 23,43

Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender als die der Männer und beträchtlich größer als der Anteil der Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhältnis zu dem der Männer. Die wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:

Spitzenarbeiterinnen 49158
Kleiderkonfektion 7166
Handschuhfabrikation 3477
Strohflechterei für Hüte 2611
Wollenweberei und Spinnerei 2458
Leinenweberei und Spinnerei 2383
Strickerei 2376
Schuhmacherei 1437

Die große Zahl der Spitzenarbeiterinnen fällt hier besonders ins Auge. Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrößter Teil, nämlich über 47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist aber jetzt schon eine gefährliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestädte zu entvölkern.

Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die erwerbsthätigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie würde weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht gerade die Frauen sie zäh am Leben erhielten, worin sie von den Unternehmern—allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in Deutschland spricht dafür—unterstützt werden. Die Gründe dafür sind teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklärenden Ideen den Zugang zu ihr verschließen, teils in dem Bestreben des profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsräumen, Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu umgehen. Beweis dafür ist unter anderem, daß in dem industriell fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und in einem der zurückgebliebenen Länder z.B. in Oesterreich, allem Anschein nach den größten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar hervor, daß die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer gegenwärtigen Form nach und nach vernichten wird.

Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere Betrachtung: diejenigen nämlich, die in persönlichen oder häuslichen Diensten stehen, und zu denen, außer den Dienstboten, die Aufwartefrauen, Köche etc., die Wäscherinnen und die Kellnerinnen gehören. Ihre Zahl ist folgende:

Berufsarten Deutschland Oesterreich England und Wales Vereinigte Staaten
Häusliche Dienstboten 1313957 424387 1386167 1302728
Aufwartefrauen, Köche u.s.w. 182769 75533 124253 3444
Wäscherinnen 129513 -- 185246 216631
Kellnerinnen und Hotelbedienstete 302743 76083 87984 --

Wir haben schon gesehen, daß die Zahl der Dienstboten fast überall im Rückgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen Dienstboten im Verhältnis zur Bevölkerung, so ist das Resultat dieses:

Länder Zählungsperiode Auf 100 Personen
der Bevölkerung kamen
weibliche Dienstboten
Deutschland 1882 2,84
1895 2,54
Oesterreich 1880 2,58
1890 1,78
England und Wales 1881 2,69
1891 2,28
Vereinigte Staaten 1880 1,75
1890 1,97
Frankreich 1881 2,17
1891 1,84
1896 1,73

Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika überall eine Abnahme der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fällt auch nicht schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevölkerung eine Steigerung im Gefolge haben mußte. Das Bild dürfte sich wesentlich verschieben, sobald die Ergebnisse der Zählung von 1900 vorliegen, denn das Verhältnis der Zahl der Dienstboten zur Bevölkerung hängt nicht nur von deren pekuniären Lage, von der Lust oder Unlust der Mädchen zum Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfaßt. Je mehr sie, wie es z.B. in England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist, zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen werden sich die für gelegentliche Dienstleistungen benötigten außer dem Hause wohnenden Hilfskräfte vermehren. Sie standen in folgendem Verhältnis zur Bevölkerung:

Länder Zählungsperiode Auf 100 Personen
der Bevölkerung kamen
außerhäusliche Dienstboten
Deutschland 1882 0,26
1895 0,35
Oesterreich 1880 --
1890 0,32
England und Wales 1881 0,47
1891 0,55

Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehörigen ein sehr unbestimmter ist,—deshalb mußten die Zahlen für Frankreich und die Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,—sondern weil sicher viele hierher Gehörige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelöhner" etc. einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur für Deutschland feststellen läßt, wo sie 33 % beträgt. Es kann aber auch im allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten und beweist auch ihrerseits, daß der Privathaushalt zu Gunsten des öffentlichen im Rückgang begriffen ist: Das Leben außer dem Hause ist für einen großen Teil der Bevölkerung immer mehr in Aufnahme gekommen.

Eine außerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie gewährt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformpläne nach dieser Richtung.

Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundsätzen, als den Prinzipien geistig-sittlicher Volkserziehung, daß die Erwerbsthätigkeit in ihrer heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin folgende Tabellen:

Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von

Deutschland unter 20 Jahren 346
20-30     " 314
30-40     " 124
40-50     " 92
50-60     " 73
60-70     " 39
70 Jahren und darüber 12
Oesterreich unter 20 Jahren 200
21-30     " 220
31-40     " 182
41-50     " 173
51-60     " 135
61-70     " 71
über 70   " 19
Frankreich unter 18 Jahren 141
18-24     " 209
25-34     " 218
35-44     " 152
45-54     " 125
55-64     " 90
65 Jahren und darüber 65

Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fällt die stärkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das einundzwanzigste bis dreißigste, in Frankreich in das fünfundzwanzigste bis vierunddreißigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung hier die gesündesten Verhältnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir, daß vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend abnimmt, während sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in Frankreich im vierundfünfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und während in Deutschland die über siebzigjährigen Greisinnen 12 % der Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich für die über fünfundsechzigjährigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland weit regelmäßiger über das ganze Leben, hat daher, die starke Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhältnis zur weiblichen Bevölkerung betrachten:

Von je 1000 weiblichen Personen

im Alter von sind Arbeiterinnen
Deutschland 14-20 Jahren 397
20-30     " 273
30-40     " 136
40-50     " 127
50-60     " 127
60-70     " 105
70 Jahren und darüber 57
Oesterreich 11-20 Jahren 570
21-30     " 685
31-40     " 577
41-50     " 561
51-60     " 507
61-70     " 393
über 70   " 218
Frankreich unter 24 Jahren 517
25-34     " 324
35-44     " 256
45-54     " 237
55-64     " 245
65 Jahren und darüber 161

In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis zwanzigjährigen Mädchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgeführt werden konnte, weil zwar die Bevölkerung nach fünfjährigen Altersperioden gegliedert wurde, man für die Berufsthätigen der jüngeren Altersklassen aber eine andere Einteilung, nämlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung sämtlicher Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine außerordentlich hohe. Die gesteigerte Erwerbsthätigkeit fällt besonders für die Altersklasse zwischen dem fünfundfünfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf.

Von noch größerer Bedeutung für die Beurteilung der proletarischen Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungenügend, als die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und der sozialen Schichtung zum Teil vollständig fehlt. Ein Vergleich zwischen den Zählungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur für Deutschland möglich, und zwar auch hier mit der Einschränkung, daß im Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen zusammengerechnet, während sie 1895 getrennt gezählt wurden.

Auf Grund der letzten Zählungen stellt sich die Gliederung nach dem Familienstand folgendermaßen dar:

Länder Zählungsperiode Von je 1000 Arbeiterinnen waren
ledig verheiratet verwitwet
Deutschland 1895 702 215 83
Oesterreich 1890 424 446 130
Frankreich 1896 649 206 145
Vereinigte Staaten 1890 791 113 96