XXXII. SATAGIRA

Die ganze Nacht blieb ich auf der Terrasse, eine willenlose Beute der entfesselten, mir unbekannten Leidenschaften, die mit meinem Herzen ihr Spiel trieben wie Wirbelwinde mit einem Blatt.

Mein Kamanita war noch am Leben! Er hatte in seiner fernen Heimat von meiner Heirat gehört--denn sonst wäre er ja längst gekommen. Wie treulos--oder wie erbärmlich schwach mußte ich in seinen Augen sein! Und an dieser meiner Erniedrigung war allein Satagira schuld. Mein Haß gegen ihn wurde mit jeder Minute tödlicher, und tief fühlte ich die Wahrheit in Angulimalas Worten, daß ich, wenn ich ein Mann gewesen wäre, sicherlich Satagira getötet hätte.

Dann zeigte sich wieder jene Aussicht, die Angulimala mir so unerwartet eröffnet hatte:--wenn ich frei war, konnte ich den Geliebten heiraten. Bei diesem Gedanken geriet mein ganzes Wesen in einen so stürmischen Aufruhr, daß ich glaubte, das Blut müßte mir Brust und Schläfen sprengen. Außerstande, mich aufrechtzuhalten, vermochte ich nicht einmal, nach der Bank zu wanken, sondern sank auf die marmornen Fliesen nieder, und die Sinne vergingen mir.

Die Kühle des Morgentaues brachte mich zu meinem unseligen Dasein mit seinen furchtbaren Fragen zurück.

War es denn Wahrheit, daß ich mich mit einem Räuber und tausendfachen Mörder verbinden wollte, um den Mann aus dem Wege zu räumen, der mich einst um das Hochzeitsfeuer geführt hatte?

Aber ich wußte ja noch gar nicht, wann mein Gemahl fortzöge! Und wie sollte ich die Zeit seiner Abreise, wie auch den genauen Weg, den er zu nehmen beabsichtigte, erfahren, wenn er ein Geheimnis daraus machte?

"Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwierig, dem Gemahl ein Geheimnis zu entlocken"--diese Worte des Räubers klangen mir noch im Ohre und zeigten mir die ganze Niedrigkeit einer solchen Handlungsweise. Nie würde ich mich dazu entschließen können, mich durch Zärtlichkeit in sein Vertrauen einzuschleichen, um ihn dann seinem Todfeinde zu verraten. Aber gerade dadurch, daß ich dies so deutlich fühlte, wurde es mir auch klar, daß es eigentlich nur das verräterische und heuchlerische Erschleichen des Geheimnisses war, das ich so von Grund aus verabscheute. Wäre ich aber schon im Besitz des Geheimnisses gewesen--hätte ich gewußt, wo ich hingehen und eine Tafel finden könnte, auf der Alles aufgeschrieben stand:--dann würde ich sicher die tödliche Kunde Angulimala mitgeteilt haben.

Wie mir dies nun klar wurde, zitterte ich vor Entsetzen, als ob ich schon schuldig an Satagiras Tod wäre. Ich dankte meinem Schicksal, daß keine Möglichkeit für mich vorhanden war, diese Kunde zu erlangen; denn wenn ich auch vielleicht hätte erfahren können, zu welcher Stunde sie aufbrechen würden, so konnte doch nur Satagira selbst und höchstens noch ein Vertrauter wissen, welche Wege und Stege man gewählt hatte.

Ich sah die aufgehende Sonne die Türme und Kuppeln Kosambis vergolden, so wie ich dies hinreißende Schauspiel von der Terrasse der Sorgenlosen aus so oft--aber ach! mit wie ganz anderen Gefühlen--betrachtet hatte, wenn ich selige Nachtstunden dort mit dir verbrachte. Unglücklich wie noch nie zuvor, matt und elend, als ob ich in dieser Nacht um Jahrzehnte gealtert wäre, begab ich mich in den Palast zurück.

Um nach meinem Zimmer zu kommen, mußte ich durch eine lange Galerie gehen, nach der einige Räume mit vergitterten Fenstern sich öffneten. Als ich an einem derselben vorüberschritt, vernahm ich Stimmen. Die eine--die meines Gemahls--hub gerade an:

"Gut, wir wollen also heute Nacht--eine Stunde nach Mitternacht--aufbrechen."

Ich war unwillkürlich stehen geblieben. Die Stunde wußte ich also! Aber den Weg? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht, weil ich den Lauscher an der Tür spielte--"fliehe, fliehe!" rief es in mir--"noch ist es Zeit!" Aber ich blieb wie angewurzelt stehen.

Satagira sprach indessen nicht weiter. Er mochte meine Schritte und ihr Aufhören an der Tür bemerkt haben; denn diese wurde plötzlich aufgerissen. Mein Gemahl stand vor mir.

"Ich hörte deine Stimme im Vorbeigehen," sagte ich mit raschem Entschluß, "und dachte daran, anzufragen, ob ich dir einige Erfrischungen bringen sollte, da du so früh den Geschäften obliegst. Dann befürchtete ich wieder, dich zu stören und wollte weitergehen."

Satagira sah mich ohne Mißtrauen, ja sogar sehr freundlich an.

"Ich danke dir," sagte er, "ich bedarf keiner Erfrischungen, aber du störst mich keineswegs. Im Gegenteil, ich wollte gerade nach dir schicken und fürchtete nur, daß du noch nicht aufgestanden wärest. Du kannst mir gerade jetzt von dem größten Nutzen sein."

Er lud mich ein, in das Zimmer zu treten, was ich mit der höchsten Verwunderung tat, sehr darauf gespannt, Was für einen Dienst er wohl von mir begehrte, gerade in diesem Augenblick, wo ein tödlicher Anschlag gegen ihn mein Gemüt erfüllte.

Ein Mann, in dem ich einen Reiterführer und Vertrauten Satagiras erkannte, saß auf einem niedrigen Sitz. Er erhob sich bei meinem Eintreten und verbeugte sich tief. Satagira ließ mich neben sich Platz nehmen, winkte dem Reiteranführer, sich wieder zu setzen, und wandte sich zu mir.

"Es handelt sich, meine liebe Vasitthi, um Folgendes: Ich muß möglichst bald eine Reise antreten, um einen Dorfstreit in den östlichen Gauen zu schlichten. Nun haben sich seit einigen Wochen in den Waldgegenden östlich von Kosambi, und zwar recht nahe der Stadt, Räuber gezeigt. Es geht sogar das törichte Gerücht, ihr Führer sei kein anderer als Angulimala, indem man die unerhörte Frechheit hat, zu behaupten, Angulimala sei damals aus dem Gefängnis entflohen, und ich hätte statt seines Kopfes einen anderen, dem seinen ähnlichen, über dem Tor aufgesteckt. Über solche Märchen können wir freilich lachen. Allerdings aber scheint dieser Räuber dem berühmten Angulimala an Dreistigkeit nicht viel nachzugeben, und wenn er sich wirklich für jenen ausgibt, um durch den glorreichen Namen großen Anhang zu finden, so geht er gewiß darauf aus, irgend eine recht glänzende Tat zu vollbringen. Deshalb ist immerhin eine gewisse Vorsicht geboten."

Auf einem kleinen, mit edlen Steinen ausgelegten Tische neben ihm lag ein seidenes Tuch. Er nahm es und wischte sich damit die Stirn. Es sei doch heute, meinte er, trotz der frühen Stunde recht heiß. Ich merkte wohl, daß es die Angst vor Angulimala war, die ihm den Schweiß aus den Poren trieb. Aber anstatt daß dadurch mein Mitleid geweckt worden wäre, fühlte ich bei diesem Anblick vielmehr nur Verachtung für ihn. Ich sah, daß er kein Held war und fragte mich verwundert, durch welchen Glücksfall er dazu gekommen wäre, Angulimala gefangen zu nehmen, Angulimala, den Räuber, der mir vorkam wie der furchtbare Bhima im Mahabharata, an dessen Seite du ja selber, mein lieber Kamanita, auf der Ebene Kurukschetra gekämpft hast.

"Nun kann ich aber," fuhr indessen mein Gemahl fort, "nicht gut in jenen Dörfern mit einem ganzen Heere ankommen, ja ich möchte sogar nicht gern mehr als dreißig Reiter auf diese Reise mit mir nehmen. Um so mehr aber ist Vorsicht und sogar täuschende List geboten. Ich habe dies gerade mit meinem getreuen Panduka besprochen, und er hat mir einen guten Vorschlag gemacht, den ich dir auch mitteile, damit du nicht während dieser Tage in allzu großer Angst um mich bist."

Ich murmelte etwas, das einen Dank für diese Rücksichtnahme bedeuten sollte.

"Panduka," fuhr er fort, "wird also recht augenfällig alle Vorbereitungen treffen, als ob ich morgen früh mit einer ziemlich ansehnlichen Truppenmacht gen Osten einen Zug machen wollte, um die Räuber zu fangen. Wenn diese also--was ich nicht bezweifle--hier in der Stadt Helfershelfer haben, die sie auf dem Laufenden halten, so werden sie dadurch hinters Licht geführt. Mittlerweile breche ich mit meinen dreißig Reitern eine Stunde nach Mitternacht auf, und zwar durch das südliche Tor, und ziehe durch das Hügelland in einem großen Bogen ostwärts. Doch möchte ich auch hier gern die Hauptstraßen vermeiden, bis ich einige Meilen von Kosambi entfernt bin. Nun liegt ja aber gerade in dieser Gegend das Sommerhaus deines Vaters, und du kennst von Kind auf alle Wege und Stege dort--kannst mir also, denke ich, hier mit deinem Rate viel nützen."

Ich war sofort dazu bereit, und während ich ihm Alles ausführlich beschrieb, ließ ich mir eine Tafel geben und zeichnete darauf eine genaue Karte von der Umgebung jenes Hauses, mit Kreuzzeichen an den Stellen, die er sich besonders merken mußte. Vor allem aber empfahl ich ihm einen Pfad, der durch eine Schlucht führte. Diese verengte sich allmählich so sehr, daß auf einer kurzen Strecke nicht zwei Reiter nebeneinander reiten konnten, dafür war aber dieser Weg so unbekannt, daß, selbst wenn die Räuber ahnen sollten, daß er einen solchen Umweg machte, gewiß niemand ihn dort suchen würde.

In dieser Schlucht aber hatte ich als ein unschuldiges Kind mit meinen Brüdern und Medini und den Kindern unseres Pächters gespielt.

Satagira bemerkte, daß meine Hand, die auf die Tafel zeichnete, zitterte, und fragte mich, ob ich Fieber hätte. Ich antwortete, daß es nur etwas Müdigkeit nach einer schlaflosen Nacht sei. Er ergriff aber meine Hand und fand besorgt, daß sie kalt und feucht sei, und als ich sie mit der Bemerkung, das habe gar nichts zu sagen, zurückziehen wollte, behielt er sie in der seinen, während er mich ermahnte, vorsichtig zu sein und mich zu schonen; und in seinem Blick und seiner Stimme bemerkte ich mit unsagbarem Unwillen, ja mit Entsetzen etwas von der bewundernden Zärtlichkeit aus jener Zeit, als er vergebens um mich warb. Ich beeilte mich zu sagen, daß ich mich wirklich nicht ganz wohl fühlte und mich gleich zur Ruhe begeben wollte.

Satagira folgte mir aber noch in die Galerie hinaus, und hier, wo wir allein waren, fing er an, sich zu entschuldigen: er habe allerdings über die Mutter seines Sohnes mich jetzt lange Zeit vernachlässigt; aber nach seiner Rückkehr sollte das anders werden; ich würde nicht länger nötig haben, die Nacht allein auf der Terrasse zuzubringen.

Wenn auch jene Zärtlichkeit, die dem Grabe einer verschollenen Jugendliebe entstiegen schien, bei der ich anerkennen mußte, daß sie sogar mit einer gewissen halsstarrigen Treue nur mir gegolten hatte, nicht umhin konnte, mein Herz etwas zu seinen Gunsten zu stimmen, so daß ich einen Augenblick in meinem Vorsatz wankte: so waren doch die letzten Worte, die mit einem süßlichen Lächeln und einer ekelhaften Vertraulichkeit vorgebracht wurden, nur zu geeignet, diese Wirkung wieder aufzuheben, indem sie mich an Rechte gemahnten, die er sich mir gegenüber durch seinen feigen Verrat erschlichen hatte.

XXXIII. ANGULIMALA

Eine schreckliche Ruhe kam über mich, als ich jetzt in meine Zimmer zurückkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu bekämpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden. Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat mir und Angulimala verfallen.

So groß war diese Ruhe, daß ich einschlief, sobald ich mich auf das Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ängstlich bemüht gewesen wäre, über diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.

Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mächtige Gestalt Angulimalas schwang sich über die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf der ich, halb abgewendet, saß.

Ich rührte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--

"Was du zu wissen wünschest, weiß ich. Alles: die Stunde, wann er fortzieht, die Stärke seiner Begleitung, die Richtung, die er einschlägt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bösen Karma getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst wüßte ich das alles nicht, denn nie hätte ich es ihm durch heuchlerische Zärtlichkeit entlockt."

Ich hatte mir diese Worte wohl überlegt; denn so töricht sind wir in unserem Stolz, daß es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines Verbrechers machte, für mich ein unerträglicher Gedanke war, in seinen Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.

Nicht weniger überlegt waren meine weiteren Worte.

"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht zuerst versprichst, daß du ihn nur töten, auf keine Weise aber quälen wirst, und daß du nur ihn, jedoch keinen seiner Begleiter töten wirst, wenn du es nicht zur Selbstverteidigung nötig hast. Ich werde dir aber eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tödlich treffen kannst. Dies also mußt du mir mit einem feierlichen Eide versprechen. Sonst kannst du mich töten, wirst aber kein Wort mehr von mir vernehmen."

"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte Angulimala, "so gewiß will ich keinen von seinen Begleitern töten, und so gewiß soll er auch keine Qual erleiden."

"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So höre also nun und merke dir Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon erfahren haben, daß Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die Räuber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu täuschen. In Wirklichkeit verläßt Satagira, von dreißig Reitern gefolgt, noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das südliche Tor, läßt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas südlicher aus, um auf Nebenwegen durch das Hügelland ostwärts zu ziehen."

Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mußte, und wo er ihn leicht und sicher erschlagen konnte.

Meiner Rede folgte ein bedrückendes Schweigen, währenddessen ich nur mein eigenes schweres Atemholen hörte. Ich fühlte, daß ich noch nicht Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir vorgenommen hatte.

Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner Stimme überraschte mich derart, daß ich fast erschrak und unwillkürlich zusammenfuhr.

"So wäre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte, milde Frau, die du gewiß niemals mit Willen auch nur dem geringsten Geschöpfe ein Leid zugefügt hast, du wärest nunmehr im Bunde mit dem schlechtesten Menschen, dessen Hände von Blut triefen, ja der Mord deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und würde für dich seine schwarzen Karmafäden auf abschüssiger Fährte bis in die höllische Welt weiter wirken--ja, so wäre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Räuber Angulimala geredet hättest."

Ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit jener sonderbaren Veränderung des Klanges; und als ich mich jetzt bestürzt umwandte und ihn scharf ansah, war es außer allem Zweifel, daß der Räuberhäuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrückte als der, der mich Tags zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.

"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fügte er hinzu--"dies Alles ist nicht geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an diesen Baum gerichtet hättest."

Diese Worte waren mir so rätselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber verstand ich, daß er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen Satagira aufgegeben hatte.

Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkämpfe zu dieser unnatürlichen Höhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies plötzliche unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflüchtigung des Werkes eine Enttäuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines Gemütes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was weiß ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, daß dieser wegen seines Jähzorns in ganz Indien berüchtigte Mann, solchermaßen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust leblos zu Boden strecken würde.

Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat ausging, antwortete mir Angulimala mit beschämender Ruhe:--

"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und nicht einmal den alten Angulimala hättest du damit, glaube ich, so reizen können, daß er dich getötet hätte--denn dies zu erreichen ist ja, wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer mir noch Schlimmeres gesagt hätte, so würde ich das nicht nur ruhig ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafür sein, daß er mir Gelegenheit gab, eine heilsame Prüfung zu bestehen. Hat doch der Meister selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut üben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich sträubt--also sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut üben.' Denn du sprichst ja, Vasitthi, nicht mit dem Räuber, sondern mit dem Jünger Angulimala."

"Was für ein Jünger? Welcher Meister?" fragte ich mit verächtlicher Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes nicht verfehlte, eine eigentümliche, fast bestrickende Wirkung auf mich auszuüben.

"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast doch wohl auch schon von ihm gehört?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Glücklich preise ich mich," rief er, "daß ich es bin, durch dessen Mund du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst als der Räuber viel Böses getan, so hat er dir jetzt als Jünger noch mehr Gutes getan."

"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt war.--"Was hat er mit diesem deinem rätselhaften Betragen zu tun, und was könnte mir das für Segen bringen, seinen Namen zu hören?"

"Auch nur den Namen dessen zu hören, den sie den Willkommenen nennen," sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte für den, der im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzählen, wie er mir begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewiß ist das nicht zum wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."

Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen entströmte, ein gewisser Anstand seines Betragens überrascht; noch auffallender war aber die ungesuchte Würde, mit der er jetzt neben mir Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fühlt.

XXXIV. DIE SPEERHÖLLE

Ich stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am Waldesrande und spähte nach den Türmen Kosambis hinüber, meine Rache an Satagira im Sinne, und die Frage erwägend, ob du mir wohl die erwünschten Aufklärungen bringen würdest: als ich auf der Straße, die vom östlichen Stadttor zum Walde führt, einen einsamen, in einen gelben Mantel gehüllten Wanderer gewahr wurde, der rüstig einherschritt. Zu beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren Arbeiten beschäftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am nächsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, während auch die weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit Fingern auf ihn zeigten. Und die Nächststehenden schienen ihn, je weiter er vorwärts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen, indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit eifrigen und entsetzten Gebärden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte ich hören zu können, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in den Wald! Dort haust ja der schreckliche Räuber Angulimala."

Aber jener Wanderer schritt unbekümmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, daß es ein Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehören, ein alter Mann von stattlicher Gestalt.

Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreißig und fünfzig Mann vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten: und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"

Und es verdroß mich, daß er so offen meiner Macht Hohn sprach. So entschloß ich mich denn, ihn zu töten, um so mehr, als ich mir dachte, möglicherweise sei er als Späher von Satagira in den Wald geschickt. Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen, die sie durch den Aberglauben des Volkes genießen--denn so hatte ich von meinem gelehrten Freunde Vajaçravas gelernt, die Sache zu betrachten.

Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hängte Bogen und Köcher um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt für Schritt nach.

Als ich aber eine günstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bäume uns trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und schoß einen Pfeil so ab, daß er dem Wanderer in die linke Seite des Rückens eindringen und sein Herz durchbohren mußte; aber er flog über den Kopf des Asketen dahin.

"Da muß sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben," sagte ich mir, nahm meinen Köcher zur Hand und wählte einen schön gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, daß er dem Asketen das Genick durchbohren mußte. Der Pfeil schlug aber links von ihm in einen Baumstamm ein. Der nächste flog rechts von ihm vorbei, und so ging es mit allen Pfeilen, bis mein Köcher geleert war.

"Unbegreiflich, außerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rücken an einen Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schießen, daß, nachdem er zur Seite getreten, der ganze Umriß seines Körpers durch die im Zaune steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch größere Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"

Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu töten. Nachdem ich ihm aber auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, gewann ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte, jener Asket aber ganz gemach vorwärts zu schreiten schien.

Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flüchtigen Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute meinen Füßen?"

Und ich blieb stehen und rief ihm zu:

"Stehe, Asket! Stehe!"

Er aber schritt ruhig weiter und rief zurück:

"Ich stehe, Angulimala! Stehe auch du!"

Da wunderte ich mich denn wieder gar sehr und dachte: "Offenbar hat dieser Asket soeben durch irgend einen Wahrheitsakt mein Pfeilschießen vereitelt, durch irgend einen Wahrheitsakt mein Laufen vereitelt. Wie kann er denn also jetzt eine offenbare Unwahrheit sagen, indem er zu stehen behauptet, während er doch geht, mich aber zum Stehenbleiben auffordert, obschon er sehr wohl sieht, daß ich bereits so still stehe wie dieser Baum? So würde wohl die fliegende Gans zur Eiche sagen: 'Ich stehe, Eiche! Stehe auch du!' Sicher muß also hier etwas dahinter stecken. Wohl möchte es mehr wert sein, den geheimen Sinn dieser Asketenworte zu verstehen als einen Asketen zu töten."

Und ich rief ihm zu:

"Wandelnd wähnst du dich stätig, Asket, und mich, der stätig, wähnst du wandelnd. Erkläre mir das, Asket! Wie bist du stätig, wie bin ich unstät?" Und er antwortete mir:

"Ich, der ich keinem Wesen Leides antue, bin beständig, wandle nicht mehr; du aber, der du gegen die Wesen wütest, mußt ruhelos von Leidensort zu Leidensort wandeln."

Ich antwortete wieder:

"Daß wir immer wandeln, habe ich wohl gehört. Das vom Beständigsein, vom Nachtwandeln verstehe ich aber nicht. Wolle, Ehrwürdiger, mir das kurz Gesagte ausführlich erläutern. Sieh, ich habe meinen Speer von mir getan und feierlich schwöre ich dir: ich schenke dir Frieden!"

"Zum zweiten Male, Angulimala," sagte er, "hast du falsch geschworen."

"Zum zweiten Male?"

"Das erste Mal geschah es bei jenem falschen Wahrheitsakt."

Das schien mir nun nicht der Wunder geringstes, daß er um jene geheime Sache wußte; aber ohne mich dabei aufzuhalten, beeilte ich mich, meine schlaue Handlung zu verteidigen.

"Meine Worte, Ehrwürdiger, waren da freilich gleichsam auf Schrauben gestellt, aber mit den Worten beschwor ich nichts Falsches, nur der Sinn war täusehend. Das aber, was ich dir schwöre, ist sowohl den Worten wie dem Sinne nach wahr."

"Nicht doch," antwortete er, "denn du kannst mir keinen Frieden schenken. Wohl dir, wenn du dir von mir den Frieden schenken ließest."

Dabei hatte er sich umgewandt und winkte mir freundlich, heranzutreten.

"Gern, Ehrwürdiger," sagte ich demütig.

"So höre denn und gib wohl acht!"

Er setzte sich im Schatten eines großen Baumes nieder und hieß mich zu seinen Füßen Platz nehmen.

Und er fing an, mich über gute und böse Taten und über ihre Folgen zu belehren, indem er mir Alles ausführlich auseinandersetzte, so wie man zu einem Kinde spricht. Denn ich war ja ganz ungelehrt, während sonst Asketenschüler meistens Brahmanenjünglinge sind, die sogar den Veda kennen. Ich aber hatte so tiefgedachten Reden nie gelauscht, seitdem ich im nächtlichen Walde zu den Füßen Vajaçravas' gesessen, von dem ich dir schon erzählt habe, und den du wohl auch sonst hast nennen hören.

Als nun aber dieser Asket mir offenbarte, daß nicht eine willkürliche Göttermacht, sondern unser eigenes Herz allein durch seine Gedanken und Taten uns hier und dort geboren werden läßt, bald auf Erden, bald in einem Himmel, bald wieder in einer Hölle--da mußte ich eben an jenen Vajaçravas denken, wie er uns durch Vernunftgründe und mittelst der Schrift bewies, daß es keine Höllenstrafen geben könne, und daß alle darauf bezüglichen Stellen in der heiligen Schrift von den schwachen und feigen Seelen in dieselbe hineingeschmuggelt seien, um die starken und mutigen durch solche Drohungen einzuschüchtern und dadurch sich vor der Gewalttätigkeit der letzteren zu schützen.--"Freund Vajaçravas," dachte ich, "hat mich niemals so ganz überzeugen können. Ob wohl dieser Asket es vermag? Hier steht eben Meinung gegen Meinung, Gelehrter gegen Gelehrten. Denn selbst, wenn auch dieser Asket einer der großen Jünger des Sakyersohnes sein sollte, so wurde ja auch Vajaçravas von seinen Anhängern hochgepriesen, und jetzt, nach seinem Tode, wird er sogar vom gemeinen Volke als ein Heiliger verehrt. Wer will also entscheiden, wer von diesen beiden recht hat?"

"Du bist nicht mehr ganz bei der Sache, Angulimala," sagte da der Asket: "du denkst an jenen Vajaçravas und an seine Irrlehren."

Sehr verwundert gab ich das zu.

"So hat denn der Ehrwürdige auch meinen Freund Vajaçravas gekannt?"

"Man hat mir sein Grab vor dem Tore gezeigt, und ich sah, wie dort törichte Reisende ihr Gebet verrichteten in dem Wahne, er sei ein Heiliger"

"So ist er denn kein Heiliger?"

"Nun, wir wollen, wenn es dir so scheint, ihn aufsuchen und sehen, wie es ihm mit seiner Heiligkeit nun geht."

Der Asket sagte dies, als ob es sich darum handele, von einem Hause ins andere zu gehen. Ganz bestürzt starrte ich ihn an:

"Ihn aufsuchen? Vajaçravas? Wie wäre denn das möglich?"

"Gib mir deine Hand," sprach er. "Ich werde mich in jene Selbstvertiefung versenken, durch die in einem standhaften Herzen der zu den Göttern und der zu den Dämonen führende Weg sichtbar werden. Da wollen wir denn seiner Fährte folgen, und was ich sehe, wirst auch du sehen."

Ich reichte ihm meine Hand. Eine Weile saß er schweigend da, die Augen gesenkt, die Pupillen nach innen gerichtet, und ich spürte nichts. Plötzlich aber war es mir, wie es wohl einem Schwimmer sein mag, wenn der Dämon, der im Wasser haust, seinen Arm ergreift und ihn nach unten zieht, so daß der blaue Himmel und die Bäume des Ufers verschwinden, indem die Welle über seinem Kopfe zusammenschlägt, und immer tiefer werdendes Dunkel ihn umgibt. Bisweilen aber loderte auch Flammenschein um mich, und mächtiges Getöse dröhnte mir im Ohre.

Schließlich befand ich mich wie in einer ungeheuren Höhle, die ganz dunkel war, jedoch durch unzählige kurz zuckende Blitze unruhig beleuchtet wurde. Als ich mich etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatte, entdeckte ich, daß diese Blitze von dem Erglänzen eiserner Speerspitzen herrührten, die hin und her fuhren, als ob Lanzen von unsichtbaren Armen geschwungen würden--etwa in einer Geisterschlacht. Auch hörte ich Schreie, aber nicht wilde und mutige wie von kampfestrunkenen Streitern, sondern Schmerzensschreie und Stöhnen Verwundeter, die ich jedoch nicht sah. Denn diese Schreckenslaute kamen aus dem Hintergrunde, wo das Zucken der Lanzenspitzen einen einzigen zitternden und wirbelnden Nebel bildete. Der Vordergrund aber war leer.

Hier traten nun aber drei Gestalten herein, von einem rechts einmündenden, schwarzen Höhlenschlund gleichsam ausgespieen. Der Mann in der Mitte war Vajaçravas; sein nackter Körper zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, als ob er heftig fröre oder vom Fieber geschüttelt würde. Seine Begleiter hatten beide einen menschlichen Rumpf, der aber von Vogelbeinen mit starken Krallen getragen wurde, während er bei dem einen von einem Fischkopfe, bei dem anderen von einem Hundekopfe gekrönt war. In den Händen trug jeder einen langen Speer.

Der mit dem Fischkopf sprach zuerst:

"Dies, Ehrwürdiger, ist die Speerhölle, wo du nach dem Spruch des Höllenrichters zehntausendjährige Strafe abzubüßen hast, indem du von diesen zuckenden Speeren ununterbrochen durchbohrt wirst;--um dann je nach deinen sonstigen Taten irgendwo wiedergeboren zu werden.

Dann sprach der mit dem Hundekopf:

"So oft sich, Ehrwürdiger, in deinem Herzen zwei Speere kreuzen, wisse, daß dann tausend Jahre von deiner Höllenqual um sind."

Kaum hatte er dies gesagt, so schwangen beide Höllenwächter ihre Lanzen und durchbohrten Vajaçravas. Wie auf ein gegebenes Zeichen zuckten jetzt alle Speere ringsum auf ihn los und durchbohrten ihn mit ihren Spitzen von allen Seiten, wie eine Schar von Raben sich über ein hingeworfenes Aas wirft und ihre Schnäbel in das Fleisch hackt. Bei diesem schrecklichen Anblick und den jammervollen Schreien, die Vajaçravas in seiner Qual ausstieß, vergingen mir die Sinne.

Als ich wieder erwachte, lag ich im Walde, unter dem großen Baume, zu Füßen des Erhabenen hingestreckt.

"Hast du gesehen, Angulimala?"

"Ich habe gesehen, o Herr."

Und ich wagte nicht einmal hinzuzufügen: "Errette mich!" Denn wie konnte ich begehren, errettet zu werden?

"Wenn du nun nach der Auflösung deines Leibes infolge deiner Taten auf abschüssige Fährte gelangst, in höllische Welt, und der Richtender Schatten über dich denselben Spruch ergehen läßt, und die Höllenwächter dich in die Speerhölle zu derselben Strafe führen: geschieht dir dann zuviel, Angulimala?"

"Nein, Herr, es geschieht mir nicht zu viel."

"Ein Wandel aber, von dem du selber gestehst, daß er gerechterweise zu solchen, unausdenkbaren Qualen führt, ist das wohl, Angulimala, ein Wandel, der wert ist, fortgesetzt zu werden?"

"Nein, o Herr! Diesem Wandel will ich entsagen, abschwören will ich meine teuflischen Gewohnheiten um ein Wort deiner Wahrheit."

"Vor Zeiten einmal, Angulimala, hat der Richter der Schatten innig erwogen: 'Wer da wahrlich Übeltaten in der Welt verübt, wird mit solchen mannigfachen Strafen gestraft. O, daß ich doch Menschentum erreichte, und daß ein Vollendeter, ein vollkommen erwachter Buddha in der Welt erschiene, und ich um ihn, den Erhabenen, sein könnte: und daß er, der Erhabene, mir die Satzung darlegte, und daß ich sie verstände!'

Was nun jener Richter der Schatten sich so innig erwünschte, das ist dir, Angulimala, geworden. Du hast das Menschentum erreicht. Gleichwie aber, Angulimala, auf diesem indischen Festlande nur wenig freundliche Haine, herrliche Wälder, schöne Hügel und liebliche Lotusteiche sich befinden, sondern im Vergleich damit reißende Flüsse, Urwälder, öde Felsgebirge und dürre Wüsten bei weitem zahlreicher sind:

ebenso auch werden nur wenig Wesen unter den Menschen geboren im Vergleich zu den weit zahlreicheren Wesen, die in anderen Reichen als dem der Menschheit zum Dasein gelangen;--

ebenso auch sind nur wenige Geschlechter gleichzeitig mit einem Buddha auf Erden, im Vergleich zu den weit zahlreicheren, zu deren Zeit kein Buddha erstanden ist;--

ebenso auch wird es von jenen wenigen Geschlechtern nur wenigen Wesen zuteil, den Vollendeten zu sehen, im Vergleich zu jenen weit zahlreicheren, die ihn nicht sehen.

Du aber, Angulimala, hast Menschentum erlangt; und zwar zu einer Zeit, wo ein vollkommener Buddha in der Welt erschienen ist, und du hast ihn gesehen und du kannst um ihn, den Erhabenen, sein."

Als ich diese Worte vernahm, faltete ich die Hände und rief:

"Heil dir, o Heiliger! So bist du denn selber der vollkommen erwachte Buddha! So hat denn das edelste der Wesen sich des schlechtesten erbarmt! So willst denn du, Erhabener, mir erlauben, um dich zu sein?"

"Ich will's," antwortete der Erhabene. "Und so vernimm nun auch dieses:

ebenso gibt es unter den wenigen, die den Erhabenen sehen, nur wenige, die seine Satzung hören, und von diesen nur wenige, die sie verstehen. Du aber wirst die Satzung hören und verstehen. Komm, Jünger!"

Und der Erhabene war in den Wald hineingeschritten gleichwie ein Elefantenjäger, der auf seinem zahmen Ilfen reitet. Er verließ aber den Wald wieder, gleichwie ein Elefantenjäger den Wald verläßt, von einem wilden, durch seine Kunst bezähmten Ilfen gefolgt.

So bin ich denn nun zu dir gekommen, Vasitthi: nicht der Räuber Angulimala, sondern der Jünger Angulimala. Sieh, ich habe Speer und Keule, Stock und Geißel von mir geworfen, habe Töten und Quälen abgeschworen, und vor mir haben alle Wesen Frieden.

XXXV. LAUTERE SPENDE

Ich weiss nicht, wie lange es dauerte, ehe ich meine Lippen öffnete, aber eine recht lange Zeit, glaube ich, saß ich stumm da und ließ Alles, was mir Angulimala erzählt hatte, Punkt für Punkt vor mir auftauchen, und dachte darüber nach und wunderte mich immer mehr. Denn obwohl ich viele Sagen aus alter Zeit von göttlichen Wundern und besonders von den Wundertaten Krishnas, als er auf dieser Erde wanderte, gehört hatte, so kamen sie mir doch alle miteinander geringfügig vor, wenn ich sie mit dem verglich, was an diesem Tage Angulimala im Walde widerfahren war.

Und ich fragte mich nun selber, ob jener große Mann, der in wenigen Stunden aus dem schrecklichen Räuber diesen sanften Menschen, der soeben zu mir gesprochen, gemacht hatte--jener "Vollendete", der das Wildeste, was es in der ganzen Natur gab, so leicht und sicher gezähmt hatte: ob er nicht auch imstande sei, mein friedloses, von Leidenschaften stürmisch bewegtes Herz zu beruhigen und durch das Licht seiner Worte die nächtige Trauerwolke von ihm zu verscheuchen? Oder war dies vielleicht noch schwieriger, ja wohl gar eine Aufgabe, deren Lösung selbst die Kräfte des heiligsten Asketen überstieg?

Fast fürchtete ich, das letztere möchte der Fall sein, aber ich fragte doch, wo wohl jener große Asket, den er seinen Meister nannte, sich aufhielte, und ob auch ich ihn wohl aufsuchen könne.

"Recht so," antwortete Angulimala, "daß du sofort danach fragst--und wonach solltest du auch sonst fragen? Deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Die wir im Bösen Verbündete sein wollten, wir werden es jetzt im Guten sein. Der Erhabene weilt jetzt im Sinsapawalde, von dem du selber sprachst. Begib dich morgen dorthin, aber erst gegen Abend. Denn dann haben die Mönche ihre Gedenkenruhe beendigt und versammeln sich am alten Krishnatempel, und der Erhabene spricht da zu ihnen und zu den sonst Anwesenden. Zu dieser Stunde gehen nämlich viele Männer und Frauen von der Stadt dort hinaus, um den Gesegneten zu sehen und seinen lichtspendenden Worten zu lauschen; und mit jedem Abend wird der Andrang größer. Oft dauert ein solcher Vortrag bis in die späte Nacht hinein. Von alledem war ich schon genau unterrichtet, weil ich in der Sündhaftigkeit meines Herzens den scheußlichen Plan geschmiedet hatte, mit meinen Leuten nächstens die Versammlung zu überfallen. Die Gaben an Lebensmitteln und Stoffen, die viele der Besucher als Geschenke für den Orden mitbringen, bilden schon eine--wenn auch nicht reiche--so doch keineswegs ganz zu verschmähende Beute. Besonders aber gedachte ich einige vornehme Bürger aufzuheben und schweres Lösegeld von ihnen zu erpressen, und verband damit die Hoffnung, durch einen so dreisten Handstreich, gerade vor den Toren der Stadt, Satagira endlich aus den Mauern herauszulocken. Denn als ich den Plan faßte, war mir seine bevorstehende Reise noch unbekannt.--Versäume also nicht, edle Frau, morgen gegen Abend nach dem alten Krishnatempel zu gehen, das wird dir lange zum Heil gereichen. Mich verlangt es jetzt eiligst dahin zu kommen, ob ich wohl noch etwas hören werde. Doch in solchen schönen Mondnächten bleiben die Mönche lange beisammen, in religiöse Gespräche vertieft, und erlauben Einem gern zuzuhören."

Er verbeugte sich tief vor mir und entfernte sich schnell.--

Am nächsten Vormittage schickte ich nach Medini, die nun ebenso bereit war, mit ihrem Gatten Somadatta mir Gefolge nach dem Krishnahain zu leisten, wie damals, als es sich darum handelte, die Begegnung zweier Liebenden zu vermitteln. In der Tat hatte sie schon vorher einmal ihren Gatten gebeten, sie eines Abends dort hinaus zu bringen, denn sie ließ sich nicht leicht etwas entgehen, wovon die Leute sprachen. Somadatta aber hatte sich vor dem Hausbrahmanen gefürchtet, und so war sie denn hocherfreut, durch die Aufforderung der Ministersgattin jenem Tyrannen gegenüber gedeckt zu sein.

Wir fuhren sofort nach den Kaufhallen, wo Somadatta, der dort seine Geschäfte besorgte, uns behilflich war, solche Stoffe auszusuchen, die für die Bekleidung der Mönche und der Nonnen geeignet waren. Auch kaufte ich dort eine große Menge Arzneien. Wieder nach Hause gekommen, plünderten wir die Vorratskammern: Krüge mit dem feinsten öl, Kisten mit Honig, mit Butter und mit Zucker, Schüsseln mit Eingemachtem aller Art wurden für unseren frommen Zweck zur Seite gestellt. Meine eigenen Schränke mußten das Ausgesuchteste, was sie an wohlriechendem Wasser, Sandelstaub und Kampfer bargen, hergeben, und dann ging es in den Garten, dessen Blumenflor nicht geschont wurde.

Als die ersehnte Stunde kam, waren schon alle diese Sachen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen geladen. Wir selber nahmen unter dem Zelte eines anderen Wagens Platz, und von den zwei silberweißen Vollblut-Sindhrossen gezogen, die jeden Morgen dreijährigen Reis aus meiner Hand fraßen, fuhren wir zum Stadttor hinaus.

Die Sonne näherte sich schon den Kuppeln und Türmen der Stadt hinter uns, und ihre Strahlen vergoldeten den Staub, der den ganzen Weg entlang aufgewirbelt wurde von den vielen, die wie wir--meistens jedoch zu Fuß--hinauspilgerten, um den Buddha zu sehen und zu hören.

Bald erreichten wir den Eingang zum Walde. Hier ließen wir die Wagen halten und begaben uns zu Fuß weiter, von Dienern gefolgt, welche die mitgebrachten Weihgeschenke trugen.

Seit jener Nacht aber, als wir dort voneinander Abschied nahmen, war ich in diesem Walde nicht wieder gewesen. Als ich nun--in derselben Begleitung--in seinen kühlen Schatten eintrat, überwältigte mich ein solcher Erinnerungsduft, der, gleichsam für mich hier aufgespeichert, im Verlaufe der Jahre seine Süßigkeit bis zur Giftigkeit konzentriert hatte, daß ich betäubt stehen blieb. Es war mir, als ob meine Liebe, in voller Stärke erwacht, sich mir in den Weg stellte, mich der Fahnenflucht und des Verrates zeihend. Denn ich kam ja nicht hierher, um ihr durch Einatmen des Erinnerungsduftes neue Nahrung zu geben, sondern um für mein enttäuschtes und gequältes Herz den Frieden zu suchen. Hieß das aber nicht vergessen, der Liebe entsagen wollen? War das nicht Wortbruch und feiger Verrat?

In solchem bangen Zweifel stand ich da, unschlüssig, ob ich weitergehen oder umkehren solle--zu großer Enttäuschung Medinis, die vor Ungeduld trippelte, wenn Andere uns überholten.

Jedoch der Anblick dieses Waldinneren, von der späten Nachmittagssonne mild und goldig durchstrahlt--das leise, gleichsam mahnende Rauschen und Lispeln der Blätter--die Leute, die beim Eintreten sofort verstummten und sich erwartungsvoll, fast scheu umsahen--hier und dort, in einiger Entfernung, am Fuße eines mächtigen Baumstammes, ein in die Falten seines gelben Mantels gehüllter Asket, mit untergeschlagenen Beinen und in Selbstvertiefung versunken, aus der erwachend wohl dann auch dieser und jener sich erhob und, ohne sich umzusehen, dieselbe Richtung einschlug, in der alle einem noch unsichtbaren Ziele zustrebten:--alles dies trug einen so still erhabenen Charakter und schien davon zu zeugen, daß hier Geschehnisse vorgingen so seltener, ja heiliger Art, daß sich keine Macht in der Welt dagegen stellen dürfte, ja, daß selbst die Liebe, wenn sie ihre Stimme dagegen erhöbe, ihres ganzen göttlichen Rechtes verlustig gehen würde.

So schritt ich denn entschlossen weiter, und die an Angulimala gerichteten Worte des Erhabenen von den vielen Menschengeschlechtern, die dahinleben, ohne daß ein Buddha in der Welt wäre, und von den so äußerst wenigen selbst unter den Zeitgenossen eines Buddha, denen es beschieden sei, ihn zu hören und zu sehen--diese Worte hallten mir im Ohre, wie das Läuten einer Tempelglocke, und ich fühlte mich wie eine Gebenedeite, die einem Erlebnisse entgegengeht, um welches kommende Geschlechter sie beneiden.

Als wir die Lichtung erreichten, wo die Tempelruine stand, waren hier schon viele Leute versammelt, sowohl Laien wie Mönche. Sie standen in Gruppen verteilt, die meisten in der Nähe der Ruine, die sich uns gegenüber erhob. Nahe an der Stelle, wo wir die Waldwiese betraten, bemerkte ich eine größere Gruppe von Mönchen, unter welchen mir ein wahrer Riese auffallen mußte, denn er überragte auch die höchsten neben ihm Stehenden um Haupteslänge.

Während wir uns nun umsahen, wohin wir wohl am besten unsere Schritte lenken sollten, trat zwischen uns und jenen Mönchen ein alter Asket aus dem Walde heraus. Seine hohe Gestalt hatte eine so königliche Haltung, und eine so heitere Ruhe strahlte aus seinen edlen Zügen, daß mir sofort der Gedanke kam: ob dieser Asket wohl der Sakyersohn sein sollte, den sie den Buddha nennen?

In seiner Hand trug er einige Sinsapablätter, und an jene Mönche sich wendend, sprach er:

"Was meint ihr, ihr Jünger, was ist mehr, diese Sinsapablätter, die ich in der Hand halte, oder die anderen Blätter droben im Sinsapawalde?"

Und die Mönche antworteten:

"Die Blätter, die der Erhabene in der Hand hält, sind wenige, und viel mehr sind jene Blätter droben im Sinsapawalde."

"So auch," sagte er, der--wie ich jetzt wußte--der Buddha war--"so auch, ihr Jünger, ist das viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet, als das, was ich euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich euch jenes nicht verkündet? Weil es euch keinen Gewinn bringt, weil es nicht den Wandel in Heiligkeit fördert, weil es nicht zur Abkehr vom Irdischen, zum Untergang aller Lust, zum Aufhören des Vergänglichen, zum Frieden, zum Nirvana führt."

'So hatte also jener törichte Greis doch darin recht!' rief Kamanita.

'Welcher Greis?' fragte Vasitthi.

'Jener Asket, mit dem ich--wie ich dir erzählte--im Vororte Rajagahas, in der Halle eines Hafners, die Nacht zubrachte, die letzte meines Erdenlebens, Er wollte mir durchaus die Lehre des Erhabenen darlegen, was ihm, wie ich wohl merkte, nicht sonderlich gelang. Aber er brachte doch offenbar viele echte Aussprüche vor, und unter diesen eben auch wortgetreu, was du mir jetzt berichtet hast--sogar den Ort gab er richtig an und bewegte mich dadurch tief. Freilich, hätte ich geahnt, daß du dabei anwesend warst, dann wäre ich noch tiefer ergriffen worden.'

'Er mag wohl selber sich unter den Anwesenden befunden haben,' sagte Vasitthi, jedenfalls hat er dir genau berichtet. Und der Erhabene fügte noch hinzu:

"Und was, ihr Jünger, habe ich euch verkündet? Was das Leiden ist, habe ich euch verkündet. Was die Entstehung des Leidens ist, was die Leidensvernichtung ist, was der zur Leidensvernichtung führende Weg ist--dies alles habe ich euch verkündet. Darum, ihr Jünger, was ich offenbart habe, das lasset offenbart sein, und was ich unoffenbart gelassen habe, das lasset unoffenbart bleiben."

Indem er diese Worte sprach, öffnete er die Hand und ließ die Blätter fallen. Als nun das eine wirbelnd in meine Nähe hinflatterte, nahm ich mir ein Herz, trat eilig hervor und fing es auf, noch bevor es die Erde berührt hatte, indem ich es somit gleichsam aus seiner Hand empfing--um dann dies unschätzbare Erinnerungszeichen an meinem Busen zu verbergen, ein Symbol des Wenigen, aber einzig Nötigen, das uns der Vollendete aus seinem unermeßlichen Wissenshort mitteilte, das mich bis zu meinem Tode nicht mehr verlassen sollte.

Diese meine Bewegung zog die Aufmerksamkeit des Erhabenen auf mich. Jener riesenhafte Mönch verbeugte sich jetzt vor ihm und machte ihm flüsternd eine Mitteilung, worauf der Meister mich noch einmal ansah und dann dem Mönche einen Wink gab.

Dieser trat auf uns zu.

Wir verneigten uns alle tief, und ich sagte, daß ich, die Gemahlin des Ministers Satagira, einige geringe Gaben für den Orden der Heiligen mitgebracht hätte, um deren gütige Annahme ich bäte, und daß wir alle gekommen wären, um die Worte der Wahrheit zu vernehmen.

"Tritt näher, edle Frau," sagte der Mönch--und sofort hörte ich, daß es Angulimala war--"der Erhabene will selber deine Gaben in Empfang nehmen."

Wir traten alle bis auf ein paar Schritte an den Erhabenen heran und verneigten uns tief, ihn ehrfurchtsvoll mit den vor der Stirn gehaltenen, zusammengelegten Händen begrüßend, ohne daß ich ein Wort hervorzubringen vermochte.

"Reich sind deine Gaben, edle Frau," sagte der Erhabene, "und meine Jünger haben wenige Bedürfnisse. Erben der Wahrheit sind sie, nicht Erben der Not. Aber auch die Buddhas der Vorzeit haben es so gehalten und gern Spenden frommer Anhänger entgegengenommen, damit diesen Gelegenheit werde, die Tugend des Almosengebens zu üben. Denn wenn die Wesen die Frucht des Gebens kennten, wie ich sie kenne, dann würden sie, wenn sie auch nur eine Handvoll Reis übrig hätten, diese nicht verzehren, ohne einem noch Ärmeren davon zu geben, und der Gedanke des Eigennutzes, der ihren Geist verdunkelt, würde aus ihm entweichen. So sei denn deine Spende vom Orden des Buddha mit Dank angenommen--eine lautere Spende. Denn das nenne ich eine lautere Spende, durch welche der Geber geläutert wird und der Empfänger auch. Und wie geschieht das? Da ist, Vasitthi, der Geber sittenrein, edel geartet, und die Empfänger sind sittenrein, edel geartet; so wird bei einer Spende der Geber geläutert und der Empfänger. Das ist, Vasitthi, höchste Lauterkeit der Spende--einer solchen, die du dargebracht hast."

Darauf wandte der Erhabene sich an Angulimala:

"Geh, mein Lieber, und laß diese Geschenke zu den Vorräten bringen. Zuerst aber weise unseren edlen Gästen Plätze an vor den Stufen des Tempels, denn von dort aus werde ich den heute Anwesenden die Lehre darlegen."

Angulimala hieß die Diener warten und forderte uns auf, ihm zu folgen. Zuerst aber ließen wir uns alles, was wir an Blumen mitgebracht hatten, und auch einige schöne Teppiche herausgeben. Dann gingen wir, von unserm stattlichen Begleiter geführt, durch die zusammenströmende Menge, die uns ehrerbietig Platz machte, nach dem Tempel.

Hier breiteten wir die Teppiche über die Stufen und schlangen Blumengewinde um die alten, verwitterten und zerbröckelten Säulen. Dann zerpflückten Medini und ich einen ganzen Korb voll Rosen und streuten die Blütenblätter über den Teppich auf der obersten Stufe, für den Erhabenen, darauf zu stehen.

Unterdessen hatten die Versammelten sich in einem großen Halbkreise geordnet, die Laien links, die Mönche und Nonnen rechts vom Tempel--die vordersten Reihen im Grase sitzend. Und auch wir nahmen jetzt auf einer umgestürzten Säule Platz, nur wenige Schritte von den Stufen entfernt.

Es mochten wohl etwa fünfhundert Menschen dort versammelt sein, aber eine fast lautlose Stille herrschte in der Runde, und man vernahm nur das stoßweise Rauschen und das leise Blätterlispeln des Waldes.

XXXVI. BUDDHA UND KRISHNA

Die untergehende Sonne schoß ihre Strahlenbündel zwischen die Stämme hindurch, die lautlos wartende Versammlung im Waldesgrunde gleichsam mit einem göttlichen Segensgruß weihend, und rosige Abendwölkchen lugten immer leuchtender durch die Baumwipfel, als ob draußen, aus der Bläue der Luft hervorschwebend, eine zweite Versammlung himmlischer Scharen sich bildete.

Der Tempelbau vor mir trank mit seinen schwarzen, zerbröckelten Steinen diese letzte Sonnenglut, wie ein hinfälliger Alter einen Verjüngungstrank schlürft. Unter dem Zauber der rotgoldigen Lichter und der purpurnen Schatten belebten seine Massen sich wunderbar. Die schartigen Ränder der Säulenkannelüren glitzerten, die Ecken sprühten, die Schnecken krümmten sich, das Wellenmuster schäumte Gold, das Blätterwerk wuchs. Die stufenartigen Absätze des hohen Unterbaues entlang, um Plinthen und Kapitäle, am Gebälk und auf den Terrassen des kuppelförmigen Daches--überall regte es sich in wirrem Durcheinander seltsamer und mystischer Formen. Götter traten im Glorienschein hervor, mehrköpfige und vielarmige Gestalten mit üppig wuchernden, vielfach verstümmelten Gliedmaßen, dieser vier kopflose Hälse streckend, jener acht Armstümpfe schwenkend. Brüste und Hüften schwellgliedriger Göttinnen entschleierten sich und wälzten sich heran, und ihre runden Gesichter neigten sich unter der Last turmhoher diademgeschmückter Haaraufsätze, ein sonniges Lächeln um die vollen, sinnigen Lippen. Die Schlangenleiber der Dämonen wanden sich, Greifenflügel spannten sich, zähnefletschend grinsten grimme Unholdsfratzen; Menschenkörper wimmelten, Elefantenrüssel, Pferdeköpfe, Stierhörner, Hirschgeweihe, Krokodilkiefer, Affenmäuler und Tigerrachen taumelten in wirrem Knäuel durcheinander.

Das war kein bildwerkgeschmückter Bau mehr: das waren lebendig gewordene Bildwerke, die, den Bann des Bauwerkes brechend, sich von seiner Masse loslösten und diese kaum noch als Stütze duldeten. Eine ganze Welt schien aus ihrem steinernen Schlaf erwacht zu sein und mit ihren Tausenden von Gestalten sich hervorzudrängen um zu lauschen--dem Manne zu lauschen, der dort von ihrem Schwarm umschlossen und überschattet auf der obersten Stufe stand, golden glänzend in den länglich herabfallenden Mantelfalten--er, der Lebendige, der einzig Ruhige mitten im unruhigen Wahnleben des Leblosen.

Jetzt war es, als ob die Stille der Versammlung noch tiefer würde, ja, mir schien es, daß auch die Bäume ihr Blätterlispeln einstellten.

Und der Erhabene hub an zu reden.

Er sprach von dem Tempel, auf dessen Stufen er stand, und wo unsere Vorfahren jahrhundertelang Krishna angebetet hatten, um durch das Vorbild seines Heroenlebens zu einem heldenhaften Wirken und Dulden hier auf Erden aufgemuntert und durch seine Gnade gestärkt zu werden, und um dann nach dem Tode in sein Freudenparadies einzugehen und dort himmlische Wonne zu genießen. Nun aber hätten wir, die Nachkommen uns dort eingefunden, um aus dem Munde eines vollkommenen Buddha die Worte der Wahrheit zu vernehmen, um zu lernen, einen lauteren, heiligen Wandel zu führen, und schließlich, durch völlige Überwindung jedes Verlangens nach dem Vergänglichen, das Ende des Leidens zu erreichen, das Nirvana. So vollende er, der Buddha, der völlig Erwachte, das Werk des träumenden Gottes, so vollendeten wir, die Erwachsenen, was unsere Vorfahren in kindlich erhabenem Schwärmen begonnen hätten.

"Dort seht ihr," sagte er, "wie ein trefflicher Künstler längst vergangener Tage den Elefantenkampf Krishnas in Stein gebildet hat"--und er zeigte auf ein mächtiges Reliefstück, das fast vor meinen Füßen lag, die eine Ecke in den Rasen bohrend, die andere auf ein halb begrabenes Kapital gestützt. In der letzten Sonnenglut, die den bemoosten Stein streifte, erkannte man noch deutlich eine Gruppe--einen Jüngling, der, den Fuß auf den Kopf eines gefallenen Ilfen setzend, diesem einen Hauer ausbricht.

Und der Erhabene erzählte nun, wie der König von Mathura, der schreckliche Tyrann Kamsa, nachdem er Krishna zu einem Wettkampf an seinem Hofe eingeladen hatte, im geheimen seinem Elefantentreiber befahl, am Eingang des Kampfplatzes den wildesten Kriegselefanten aus seinem Stalle auf den ahnungslosen Jüngling zu hetzen. Wie aber dann dieser das Ungetüm tötete und, zum Schrecken des Königs, blutbesprengt und den abgebrochenen Hauer in der Hand, die Arena betrat.

"Aber auch auf den Erhabenen"--so führte er weiter aus--"hatten seine Feinde einen wilden Elefanten gehetzt. Und beim Anblick des heranstürmenden Ungetüms wurde der Erhabene von Mitleid ergriffen. Denn das Blut strömte dem Tiere am Bug herunter aus den Wunden, die ihm die Lanzen der Hetzer beigebracht hatten. Noch mehr aber erfaßte ihn Mitleid, weil er da ein armes, in blindwütender Leidenschaft befangenes Wesen vor sich sah, von der Natur mit Mut und ungeheurer Kraft begabt, aber mit wenig Verstand versehen, und um dies Wenige durch die Grausamkeit schlechter Menschen gebracht, die es in einen Zustand von Wahnsinn gesetzt hatten, in welchem es nun gar einen Buddha umbringen mußte:--ein wildes, verblendetes Wesen, dem es nur schwer gelingen mochte, durch unendlich lange Wanderungen günstiges Menschentum zu erlangen und den Weg der Erlösung zu betreten. Solchermaßen von Mitleid ganz erfüllt, konnte der Erhabene keine Furcht empfinden, und kein Gedanke an eigene Gefahr konnte in ihm aufkommen. Denn er überlegte sich: wenn es mir gelänge, auch nur den schwächsten Lichtstrahl in diese stürmische Finsternis zu werfen, so würde ein solcher Lichtsamen nach und nach aufgehen, und wenn dann dies Wesen, durch dessen Schein geleitet, Menschentum erreichte, dann würde es auf Erden noch die Lehre des Erhabenen vorfinden, den es einst erschlug, und diese Lehre würde ihm zur Erlösung verhelfen.

"Von diesem Gedanken erfüllt, blieb der Erhabene mitten auf der Straße stehen, erhob besänftigend die Hand, blickte den Wüterich liebevoll an und sprach milde Worte, deren Klang das Herz des Wilden erreichte. Der riesige Ilf stockte in seinem Sturmlauf, wiegte unschlüssig seinen bergähnlichen Kopf hin und her, indem er anstatt des Donnergebrülls, das er vorher hatte hören lassen, einige fast ängstliche Trompetenrufe ausstieß. Dabei bewegte er den Rüssel in der Luft suchend nach allen Richtungen hin und her--so wie es ein angeschossener Elefant im Walde tut, wenn er die Fährte seines verborgenen Feindes verloren hat und sie wieder aufzuwittern hofft--und in der Tat hatte dieser sich ja in seinem Feinde geirrt. Endlich kam er langsam bis auf einige Schritte an den Erhabenen heran und beugte die Kniee, wie er es vor seinem Herrn zu tun gewohnt war, wenn dieser ihn besteigen wollte. Und von dem bezähmten Elefanten gefolgt, trat der Erhabene zur Beschämung seiner Feinde in den Park hinein, nach welchem er eben unterwegs war.

"Auf solche Weise"--so schloß der Buddha diesen Vergleich--"nimmt der Erhabene den Elefantenkampf Krishhas auf, vergeistigt ihn, veredelt ihn, vervollkommnet ihn!"

Während ich dieser Erzählung lauschte--wie konnte ich da anders als an Angulimala denken, den Wildesten der Wilden, der noch gestern den Buddha hatte umbringen wollen und durch die unwiderstehliche Macht seiner Persönlichkeit bezähmt, ja bekehrt worden war, so daß ich ihn jetzt drüben in den Reihen der Mönche andächtig sitzen sah--selbst im Äußeren ein anderer geworden. Und so erschien es mir denn, daß die Worte des Erhabenen ganz besonders an mich gerichtet waren, als an die einzige Person--wenigstens außerhalb des Mönchskreises--die um diese Sache wußte und den geheimen Sinn der Rede verstehen konnte.

Weiter sprach nun der Erhabene von Krishna als dem "sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigam", als welchen ihn unsere Vorfahren hier geehrt hatten, und wieder hatte ich ein Gefühl, als ob dieses einen geheimen Bezug auf mich hätte, denn ich erinnerte mich ja, wie in jener Nacht unserer letzten Zusammenkunft die häßliche alte Hexe den göttlichen Heros mit diesem Namen genannt hatte, den ich nicht ganz ohne Herzklopfen vernahm. Mit einem leisen Anflug von Humor erzählte der Erhabene dann, wie Krishna von allen den Schätzen Besitz nahm, die er aus der Burg des Dämonenkönigs Naraka entführt hatte. 'Und an einem glücklichen Tage,' heißt es, 'vermählte er sich mit all den Jungfrauen, zu gleicher Zeit, indem er jeder einzelnen als ihr Gatte erschien. Sechzehntausendeinhundert aber war die Zahl seiner Frauen, und in so vielen einzelnen Gestalten verkörperte sich der Gott, so daß ein jedes Mädchen meinte: mich allein hat der Herr erwählt.'

"Wenn ich aber"--also fuhr der Erhabene fort--"die Lehre verkünde und vor mir eine Versammlung von mehreren hundert Mönchen und Nonnen und Laienanhängern beiderlei Geschlechtes lauschend sitzt, denkt ein jeder von allen diesen Zuhörern: 'Nur für mich hat der Asket Gautama die Lehre verkündet.' Denn auf das einzelne Gemüt eines jeden Friedensuchenden richte ich da die Kraft meines Geistes, bringe es zur Ruhe, einige es, füge es zusammen.

"So halte ich es allezeit, und auf diese Weise nehme ich den sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigamsstand Krishnas auf, durchgeistige ihn, veredle ihn, vollende ihn."

Da war es mir nun, als ob der Erhabene meine Gedanken mir abgelesen hätte und mir einen geheimen Verweis gäbe, auf daß ich nicht durch den Wahn einer bevorzugten Stellung eine verderbliche Eitelkeit in mir aufkommen ließe.

Und der Buddha sprach nun weiter davon, wie Krishna nach dem Glauben unserer Vorfahren, obschon er an sich der höchste Gott war, der die ganze Welt trägt und erhält, dennoch durch Mitleid mit den Wesen bewegt, mit einem Teil seines Selbstes von seinem hohen Himmel herabstieg und sich als Mensch unter Menschen gebären ließ. Ihn aber, den Erhabenen, als er nach heißem Ringen die vollkommene Erleuchtung, die selige, unerschütterliche Erlösungsgewißheit sich zu eigen gemacht hatte, kam das Verlangen an, im Genuß dieser seligen Heiterkeit zu verharren und Anderen die Lehre nicht zu verkünden. "Denn dies genußsüchtige Geschlecht--so dachte ich--wird das Sichlosmachen von allen Gebilden, die Versiegung der Lebenslust, die Wahnerlöschung kaum verstehen, und aus der Darlegung der Lehre wird mir nur Mühe und Plage erwachsen. So neigte sich mein Gemüt zur Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der Lehre. Und ich blickte dann noch einmal mit dem erwachten Auge in die Welt. Und wie man in einem Lotusweiher einige Lotusrosen sieht, die sich im Wasser entwickeln und unter dem Wasserspiegel bleiben, andere, die bis zum Wasserspiegel dringen und darauf schwimmen, und endlich einzelne, die über das Wasser emporsteigen und unbenetzt vom Wasser dastehen: also sah ich in der Welt Wesen gemeiner Art und Wesen edler Art und Wesen der edelsten Art. Und ich dachte: Ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich: diese werden die Lehre verstehen. Und aus Mitleid mit den Wesen entschloß ich mich dazu, auf den ungetrübten Besitz der seligen Nirvanaruhe zeitweilig zu verzichten und der Welt die Lehre zu verkünden.

"So nimmt ein vollkommener Buddha Krishnas Herabsteigen vom Himmel und sein Menschwerden auf, verinnigt es, verklärt es, vollendet es."

Da kam mir ein Gefühl unsagbarer Freude, denn ich wußte, daß der Buddha mich zu den Lotusrosen zählte, die aus der Wassertiefe bis zur Spiegelfläche gedrungen sind, und daß ich durch seine Hilfe einst mich darüber emporheben und frei dastehen würde, unbenetzt von der Materie.

Und der Erhabene erzählte die Heroentaten Krishnas, durch welche er zum Heile der Wesen die Welt von Unholden und bösen Herrschern befreite, indem er die Schlange der Gewässer Koliya bezwang, den stiergestaltigen Dämon Aristha erschlug, die verheerenden Unholde Dhenuka und Kishi und den Dämonenfürsten Naraka vernichtete, die bösen Könige Kamsa und Paundraka und andere blutige Tyrannen, den Schrecken hilfloser Menschen, besiegte und tötete und so auf mannigfache Weise das leidige Los der Menschen linderte. Der Erhabene aber bekämpfe nicht die Feinde, die von außen die Menschen bedrohen, sondern die Unholde in seinem eigenen Herzen: Gier, Haß und Irrwahn, Eigenliebe, Lustverlangen, Durst nach Vergänglichem; und er befreie nicht die Menschheit von diesem und jenem Ungemach, sondern vom Leiden.

Vom Leiden sprach dann der Gesegnete, wie es überall und immer dem Leben als sein Schatten folgt. Da war es mir, als ob eine milde Hand mein eigenes Liebesleiden aufhöbe, von mir wegnähme, und es in die große Leidensmasse hineinwürfe, wo es in dem allgemeinem Strudel meinem Blick entschwand. Innig tief empfand ich, daß ich da kein Recht auf dauerndes Glück habe, wo Alle leiden. Ich hatte mein Glück genossen: es war entstanden, hatte sich entfaltet und war vergangen, wie uns der Buddha lehrte, daß Alles in dieser Welt durch eine Ursache entsteht und nach Verlauf seiner Zeit--über kurz oder lang--wieder vergehen muß; und daß eben diese Vergänglichkeit, in welcher die Wesenlosigkeit eines jeden Dinges sich entschleiert, der letzte unaufhebbare Grund des Leidens sei--unaufhebbar, solange die Daseinslust unausgerottet fortwuchert und immer Neues entstehen läßt. Ja, wie ein jeder an diesem Weltleiden schon durch sein Dasein mitschuldig ist, so müsse ich--kam es mir vor--wenn ich von Schmerz verschont geblieben wäre, mich jetzt doppelt schuldig fühlen und ein Verlangen empfinden, auch mein Teil zu tragen. So konnte ich denn nicht mehr mein eigenes Los bejammern, vielmehr wurde bei seinen Worten der Gedanke in mir wach: "O, daß doch alle Wesen nicht länger zu leiden hätten! daß doch diesem Heiligen sein Erlösungswerk so gelänge, daß sie Alle, Alle entsündigt und erleuchtet, das Ende alles Leidens erreichten!"

Und auch von diesem Ende des Leidens und der Welt, von der Überwindung jeder Daseinsform, von der Erlösung in wunschloser Gleichmütigkeit, von der Wahnerlöschung, von Nirvana sprach nun der Meister--seltsame, wunderbare Worte von der einzigen Insel im wogenden Meere des Werdens, dessen Todesbrandung machtlos an ihrem Felsenufer zerschäumte, und nach welcher die Lehre des Vollendeten wie ein sicheres Fahrzeug hinüberführe. Und er sprach von dieser seligen Stätte des Friedens, nicht wie Einer spricht, der uns erzählt, was er von Anderen--von Priestern--gehört hat, und auch nicht wie ein Sänger, der seine Einbildungskraft schweifen läßt, sondern wie Einer, der Selbsterlebtes und Geschautes mitteilt.

Vieles freilich sagte er dabei, was ich, die ungelehrte Frau, nicht verstand, und was wohl selbst dem Gelehrtesten nicht leicht verständlich gewesen wäre, Manches vermochte ich nicht miteinander zu verknüpfen, denn hier war Sein und Nichtsein zugleich, nicht Leben und doch noch weniger Leblosigkeit. Mir war aber zu Mute, wie einem, der ein neues, allen anderen unähnliches Lied hört, von dem er nur wenige Worte auffassen kann, während die Töne ihm Alles sagend ins Herz dringen. Und welche Töne! Töne von solch kristallener Reinheit, daß alle anderen dagegen gehalten, Einem wie leeres Geräusch vorkommen mußten, Klänge, die von so fern her, von solch überweltlichen Höhen herübergrüßten, daß eine neue, ungeahnte Sehnsucht erweckt wurde, von der man fühlte, daß sie von nichts Irdischem oder Erdenähnlichem jemals gestillt werden könnte, und daß sie ungestillt nie mehr ganz schwinden würde.

Unterdessen war es völlig Nacht geworden. Das schwache Licht des Mondes, der hinter dem Tempel aufging, warf dessen Schatten quer über die ganze Waldwiese. Kaum sah man noch die Gestalt des Redners. Diese übermenschlichen Worte schienen aus dem Heiligtum selber herauszutönen, das alle die tausende wilden und wirren, lebentäuschenden Gestalten wieder in seine Schattenmasse verschlungen hatte und in einfachen, wuchtigen Formen sich auftürmte--ein Grabmal alles irdischen und himmlischen Lebens.

Die Hände um die Kniee gefaltet, saß ich lauschend da und blickte zum Himmel empor, wo große Sterne über den dunkeln Baumwipfeln funkelten. Leuchtend durchquerte ihn die himmlische Ganga. Da gedachte ich jener Stunde, als wir beide hier an derselben Stelle feierlich die Hände zu ihr emporhoben und bei ihren silbernen Fluten, die diese Lotusteiche speisen, uns zuschworen, hier, im Paradiese des Westens, uns wiederzusehen--in einem Freudenhimmel, gleich demjenigen Krishnas, von welchem jetzt auch der Erhabene sprach, als von dem Orte, dem die Gläubigen zustrebten. Und als ich daran dachte, wurde mir wehmütig ums Herz, aber ich konnte kein Verlangen in mir spüren nach einem solchen Paradiesleben--denn ein Schimmer von etwas unendlich Höherem hatte mein Auge erleuchtet.

Und ohne Enttäuschung, ohne schmerzliche Bewegung, wie etwa bei Einem, dem die teuerste Hoffnung zerstört wird, vernahm ich die Worte des Erhabenen:

"Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch, Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch."