XXXVII. PARADIESWELKEN

Ja, mein Freund," fügte Vasitthi hinzu, ohne Enttäuschung vernahm ich jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit dieser Worte zur Wirklichkeit wird."

Während der Erzählung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste Zweifel bestehen, daß alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang und der völligen Auflösung entgegensiechten.

Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hälfte ihrer Kronenblätter gefällt, und das Wasser glitzerte nur noch spärlich hervor zwischen diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saßen die Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war der Kopf vornüber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein fröstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief, so daß Blüten und Blätter herniederregneten. Traurig gedämpft, und immer häufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Stöhnen mischten sich hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewänder der Seligen und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr ihren Glanz, und ein bläulicher Dämmerungsnebel schien seine Fäden um die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmählich ein atembeklemmender und sinnenbetäubender, einschläfernder Geruch geworden.

Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:

"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude empfinden?"

"Deshalb, mein Freund, kann ich mich über diesen Anblick freuen, weil, wenn dies Alles dauerhaft und unvergänglich wäre, es kein Höheres gäbe. Nun aber gibt es ein Höheres, denn dies vergeht--und es gibt ein Unvergängliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der Vergänglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."

Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Züge Kamanitas, wie eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.

"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja, ich fühle es: darin nur haben wir gefehlt, daß unsere Sehnsucht nicht hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem Blumenparadiese. Und Blumen müssen freilich, ihrer Natur nach, verwelken. Unvergänglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, während alles andere die blassen Spuren des Verfalles zeigt, gießt jenes Flüßchen--ein Zweig der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt kommt. Wer das erreichen könnte, unter den Sternengöttern wieder ins Dasein zu treten, der wäre über den Kreislauf des Vergänglichen erhaben."

"Warum sollten wir das nicht erreichen können?" fragte Vasitthi. "Denn ich habe ja von Mönchen gehört, die ihren Sinn und ihr Herz darauf richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und auch jetzt kann es noch nicht zu spät sein, wenn das alte Wort aus dem hohen Liede wahr ist:

'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet,
In dieses Sein wird jedesmal er drüben eingekleidet'."

"Vasitthi! du gibst mir jenen übermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wieder ins Dasein zu treten."

Kaum hatten sie diesen Entschluß gefaßt, so brauste ein mächtiger Sturmwind durch die Haine und über die Teiche. Blüten und Blätter wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen stöhnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.

Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, düftegesättigten Luft eines Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den Fluten des Ozeans, durch das geöffnete Fenster hereinweht, diesen aus voller Brust atmet und sich neu belebt fühlt: also wurde Kamanita und Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des völlig Reinen entgegenströmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet hatten.

"Merkst du's?" fragte Vasitthi.

"Ein Gruß von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.

Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene feierlichen, donnerähnlichen Klänge übertäubt.

"Gut, daß wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Fürchtest du dich noch, mein Freund?"

"Wie sollte ich mich fürchten? Komm!"

Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste stürzt und dem Winde entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.

Alle starrten ihnen nach, verwundert, daß es hier noch Wesen gäbe, die Kraft und Mut zu einem Fluge besäßen.

Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der hinter ihnen Alles entblätterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben Sukhavatis ein Ende machend.

Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete sich die silbrige Fläche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen Himmelsrande.

Sie schwebten über seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der dort herrschenden Luftströmung erfaßt und im Sturmesflug davongetragen. Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mächtigen Getöse wie von Donner und Glockengeläute schwanden ihnen die Sinne.

XXXVIII. IM REICHE DES HUNDERTTAUSENDFACHEN BRAHMA

Und Kamanita und Vasitthi traten wieder ins Dasein, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma, als die Götter eines Doppelgestirns.

Der leuchtende Astralstoff, an den die geistige Wesenheit Kamanitas gebunden war, umhüllte gleichmäßig den Himmelskörper, der von seiner Kraft belebt, von seinem Willen gelenkt wurde. Durch diesen Willen wurde der Stern zunächst um seine Achse gedreht, und diese Bewegung war sein Eigenleben, war seine Selbstliebe.

Und er spiegelte sich im Glanze Vasitthis und spiegelte ihren Glanz wider. Strahlenwechselnd umkreisten sie einen Mittelpunkt, wo sich ihre Strahlen sammelten. Dieser Punkt war ihre Liebe, das Kreisen darum war ihr Liebesleben, und daß sie sich dabei ineinander spiegelten--das war ihre Liebeswonne.

Allseitig Auge, schaute jeder von ihnen gleichzeitig nach allen Richtungen des unendlichen Raumes. Und überall sahen sie zahllose Sternengötter, wie sie selber, deren Strahlenblicke sie empfingen und erwiderten. Da war zunächst eine Anzahl, die mit ihnen zusammen eine Gruppe für sich bildeten; daneben andere Gruppen, die mit der ihrigen zusammen ein ganzes Weltsystem ausmachten; ferner andere Systeme, die sich zu einer Kette von Systemen verbanden, und weiter noch mehrere Ketten, und Ringe von Ketten, und Sphären von Kettenringen. Und Kamanita und Vasitthi lenkten nun ihr Doppelgestirn in harmonischem Fluge unter den anderen Sternen und Doppelgestirnen ihrer Gruppe, indem sie, wie in einem wohlgeordneten Tanzreigen, ihren Nachbarn weder zu nahe kamen, noch sich zu weit von ihnen entfernten, während alle gegenseitig, durch eine gewisse Sympathie, einander die genaue Richtung und das rechte Maß der Bewegung mitteilten. Dabei bildete sich aber auch gleichsam ein gemeinsamer Wille, der ihre ganze Gruppe in die Bewegung der Gruppen ihres Systems einlenkte, welches dann wiederum auf dieselbe Weise unter seinesgleichen sich weiterbewegte.

Und diese Teilnahme am ungeheuren, schwebenden Tanze der Weltkörper, diese gemeinsame und endlos vielfältige Wechselbewegung--das war ihre Weltangehörigkeit, ihr Außenleben, ihre Alles umfassende und durchdringende Nächstenliebe.

Was aber hier Harmonie der Bewegung ist, das erscheint den unterhalb der Sternengötter weilenden Luftgöttern als Harmonie der Klänge; durch Teilnahme an ihrem Genüsse ahmen die himmlischen Genien in den Paradiesen diese Harmonien in ihren wonnigen Weisen nach, und indem ein schwacher Abklang von diesen bisweilen bis an die Erde dringt--so schwach, daß er nur von den geistigen Ohren der Erwachten aufgefangen wird--reden die Seher rätselhaft von der Harmonie der Sphären, und die großen Künstler der Musik schaffen nach, was sie in ihrer Begeisterung sich erlauscht haben; und dies ist das höchste Entzücken der Menschenkinder. Aber wie das Sein zu dem immer trüber werdenden Schein sich verhält--also verhält sich zu diesem Entzücken der Menschen über Klänge und Töne und Weisen die Daseinswonne der Sternengötter.

Denn eben dies ist ihre Lebenslust, ihre Daseinswonne.

Aber alle diese Bewegungen, diese ungeheuren Reigen der Weltsysteme, umkreisten ein einziges Wesen: den in der Mitte des Weltganzen thronenden hunderttausendfachen Brahma, dessen unermeßlicher Glanz alle Sternengötter durchdrang, und dem sie alle den Glanz wieder zurückstrahlten, wie so viele Spiegel seiner Herrlichkeit; dessen unerschöpfliche Kraft, wie eine nie versiegende Quelle, ihnen allen ihre Bewegung mitteilte, und in dem sich ihre Bewegungen alle konzentrierten.

Und dies war ihr Brahmadurchdrungensein, ihre Gemeinschaft mit dem höchsten Gott, ihr Gebenedeitsein, ihre Anbetung, ihre Seligkeit.

Wenn sie aber in Brahma den Alles sammelnden Mittelpunkt hatten, so war diese Brahmawelt auch, obschon unendlich, dennoch gleichsam begrenzt. Wie das Auge des Menschen schon in uralten Zeiten ahnend am Himmelsgewölbe einen "Tierkreis" entdeckt hat, so sahen die Sternengötter hier unzählige Tierkreise in- und umeinander beschrieben--eine ganze Sphärenfläche von Bildern webend, indem die fernsten Sternengruppen zu leuchtenden Figuren zusammenschmolzen. Ineinanderstrahlend, auseinanderleuchtend, erschienen da Gestalten, Astralformen aller Wesen, die auf den Weltkörpern oder zwischen ihnen leben und weben, bleibende Urbilder alles dessen, was, in die groben Elemente sich hüllend, unaufhörlich entsteht und vergeht im wandelbaren Flusse des Werdens.

Und dies Schauen der Urbilder war ihr Weltwissen.

Dieweil sie aber alläugig, ohne von diesem fort auf jenes hinzusehen, ohne zu blinzeln, mit einem Blicke die Einheit Gottes und die Vielheit der Weltwesen erschauten: fiel für sie Gottesweisheit und Weltwissen in Eins zusammen. Wenn nämlich ein Mensch auf die göttliche Einheit den Blick richtet, dann entschwindet ihm die Gestaltenvielheit der Wandelwelt; und wiederum, wenn er diese betrachtet, kann er die Einheit nicht mehr festhalten. Somit bleibt sein Wissen ein zerstückeltes, immer schwankendes, ein von Zweifel fortwährend bedrohtes Wissen. Sie aber sahen auf einmal Zentrum und Kreis, und deshalb war ihr Wissen ein einheitliches, nimmer schwankendes, von keinem Zweifel bedrohtes Wissen.

Durch diese ganze leuchtende Brahmawelt floß nun die Zeit still und unbemerkbar. Wie man einem ruhig und gerade dahinfließenden, völlig klaren Strome, dessen Flut von keinem Widerstand irgendwie gehemmt oder gebrochen wird, die Bewegung nicht ansieht: ebenso war die Flut der Zeit hier unmerkbar, weil sie von keinen aufsteigenden und absteigenden Gedanken und Gefühlen Widerstand erfuhr.

Diese Unmerkbarkeit des Zeitverlaufs war ihre Ewigkeit.

Und diese Ewigkeit war ein Wahn.

So war denn auch Alles, was sie in sich befaßte: ihr Wissen, ihre Gottseligkeit, ihre Daseinswonne, ihr Weltleben, ihr Liebesleben und ihr Eigenleben in Wahn getaucht, mit der Farbe des Wahns behaftet.

XXXIX. WELTENDÄMMERUNG

Denn es geschah einmal, daß in Kamanita ein Gefühl von Unbehagen, von Mangel aufstieg.

Da richtete er unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf den hunderttausendfachen Brahma, als die Quelle aller Fülle. Aber jene Empfindung wurde dadurch nicht verscheucht, sondern nahm von Jahrtausend-Dekade zu Jahrtausend-Dekade fast bemerkbar zu.

Denn durch jenes aufsteigende Gefühl war der bisher unmerkbar stille Strom der Zeit auf Widerstand gestoßen, wie durch eine auftauchende Insel, an deren Felsenriff er jetzt schäumend vorüberflutete. Und es entstand sofort ein "Vorher" und ein "Nachher"--wie in einem Flusse durch ein auftauchendes Riff ein "vor" und "nach" der Stromschnelle entsteht.

Und es schien Kamanita, als ob der hunderttausendfache Brahma jetzt nicht ganz so klar leuchte, wie vorher.

Nachdem er aber fünf Millionen Jahre den Brahma betrachtet hatte, kam es ihm vor, als ob er ihn jetzt schon lange beobachtet habe, ohne Gewißheit zu erlangen.

Und er richtete seine Aufmerksamkeit auf Vasitthi.

Da wurde er inne, daß auch sie aufmerksam den Brahma beobachtete.

Da geriet er in Bestürzung. Mit dieser Bestürzung kamen die Gefühle. Mit den Gefühlen kamen die Gedanken, mit den Gedanken kam die Gedankensprache.

Und er sprach:

"Vasitthi, siehst du es auch? Was ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma?"

Nach hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Das ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma, daß sein Glanz abnimmt."

"Mir will es auch so scheinen," sagte Kamanita nach Ablauf einer gleichen Zeit "Freilich kann das ja nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Aber schon das kommt mir wunderlich vor, daß am hunderttausendfachen Brahma überhaupt eine Veränderung stattfinden kann."

Nach geraumer Weile, nach einigen Millionen Jahren, sprach Kamanita weiter:

"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht geblendet bin. Bemerkst du etwa, Vasitthi, daß der Glanz des hunderttausendfachen Brahma wieder zunimmt?"

Nach fünfmal hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Der Glanz des hunderttausendfachen Brahma nimmt nicht zu, sondern nimmt stätig ab."

Wie ein Stück Eisen, das, weißglühend aus dem Schmiedeofen genommen, bald danach rotglühend wird: also hatte der Glanz des hunderttausendfachen Brahma jetzt einen rötlichen Schein bekommen.

"Mich wundert, was das wohl zu bedeuten hat," sagte Kamanita.

"Das hat es zu bedeuten, mein Freund, daß der Glanz des hunderttausendfachen Brahma im Erlöschen begriffen ist."

"Unmöglich, Vasitthi, unmöglich! Was würde dann aus dem Glänze und der Herrlichkeit dieser ganzen Brahmawelt werden?"

"Daran hat er gedacht, als er sagte:

'Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich--und zerfällt.
Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt'"

Schon nach einigen tausend Jahren erfolgte die ängstlich überstürzte Frage Kamanitas:

"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen weltzermalmenden Ausspruch getan?"

"Wer sonst, als er, der Erhabene, der Weltkenner, der Vollendete, der Buddha."

Da wurde Kamanita nachdenklich.

Eine geraume Zeit überlegte er sich diese Worte und erinnerte sich an manches.

Da sprach er:

"Einst schon, o Vasitthi, in Sukhavati, im Paradiese des Westens, sagtest du einen Spruch des Buddha her, der sich vor unseren Augen erfüllte. Und ich besinne mich, wie du dort eine ganze Rede von ihm, dem Erhabenen, mir treu berichtetest, in welcher jener Spruch vorkam. Dies weltzermalmende Wort aber war darin nicht enthalten. So hast du denn, o Vasitthi, noch andere Reden vom Erhabenen gehört?"

"Viele, mein Freund, denn mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich täglich in seiner Nähe. Ja, auch sogar die letzten von ihm geäußerten Worte habe ich vernommen."

Kamanita sah sie mit Bewunderung und Ehrfurcht an. Dann sprach er:

"So bist du eben deshalb, wie ich meine, das weiseste Wesen in dieser ganzen Brahmawelt. Denn alle diese Sternengötter ringsum sind in Bestürzung geraten, leuchten unstät, flackern und blinken; und auch der hunderttausendfache Brahma selber ist unruhig geworden, und aus seinem trüberen Glänze zucken dann und wann gleichsam Zornesblitze hervor. Du aber leuchtest ruhig, wie eine Lampe an windstillem Ort. Und auch das ist ein Zeichen der Störung, daß die Bewegung dieser Himmelskörper jetzt hörbar wird--wie wir einst, fern von hier, im Paradiese am Gestade der himmlischen Ganga stehend, donnerartige Klänge und mächtige Töne wie von fernem Glockengeläute aus dieser Brahmawelt vernahmen, so hören wir es jetzt von allen Seiten. Das deutet darauf, daß die Harmonie der Bewegungen gestört ist, daß Entzweiung und Auseinandertreten der Kräfte sich einstellt. Denn richtig heißt es ja: 'Wo Mangel ist, wird Lärm erzeugt, die Fülle ist in sich gefaßt.' Und so zweifle ich nicht daran, daß du recht hast. Wohlan, Vasitthi, während ringsum uns nun diese Brahmawelt erlischt und der Vernichtung anheimfällt, teile du mir deine Erinnerungen an den Vollendeten mit, damit ich ruhig werde wie du. Teile mir Alles aus deinem Leben mit! denn wohl mag es sein, daß wir zum letzten Male an einem Orte vereinigt sind, wo Geschehnisse von Geist zu Geist sich mitteilen lassen, und noch bleibt es mir unerklärlich, wie Angulimala bei mir in Ujjeni erschien, obwohl ich über sein Asketentum aufgeklärt wurde. Jene seine Erscheinung aber gab den Anstoß zu meinem Pilgergang, war die Ursache, daß ich nicht auf abschüssige Pfade kam, sondern im Paradiese des Westens auferstand, um von dort aus, durch deine Hilfe, zu dieser höchsten Himmelswelt emporzusteigen, wo wir unermeßliche Zeiträume hindurch göttliches Leben genossen haben. Es ahnt mir aber, daß auch jener Anstoß zu meiner Pilgerschaft von dir ausging. Dies nun, vor allem aber auch, wie es kam, daß du zu meinem Heile im Paradiese erschienst und nicht an einem weit höheren Orte der Seligkeit wieder ins Dasein tratest, möchte ich nun erfahren."

Und während von Jahrhunderttausend zu Jahrhunderttausend die zunehmende Trübung des Brahmaglanzes immer bemerkbarer wurde und die Sternengötter immer mehr erblaßten;

während diese immer unruhiger flackerten und sprühten, und aus dem trüber werdenden Glutkreise des Brahma ungeheure Flammenstreifen hervorschossen und durch den ganzen Raum hin und her fegten, als ob der Gott mit hundert Riesenarmen nach dem unsichtbaren Feinde suchte, der ihn bedrängte;

während durch die gestörten Bewegungen der Himmelskörper sich Wirbelströmungen erhoben, die ganze Sternensysteme aus dem Brahmareiche hinausrissen, an deren Stelle dann die Finsterniswelle des leeren Raumes hereinbrach, wie das Meerwasser da hereinstürzt, wo das Schiff einen Leck bekommen hat;

und während an anderen Stellen Systeme ineinander gerieten und ein Weltbrand sich entzündete, dessen Explosionen Garben von Sternschnuppen bis in den Glutschlund des Brahma schleuderten;

während die Donnerschläge der zusammenbrechenden und ineinanderstürzenden Harmonien--das Todesröcheln der Sphärenmusik--immer furchtbarer von Himmelsgegend zu Himmelsgegend rollten und widerhallten:--

teilte Vasitthi unverstört, in gemessener Weise, Kamanita ihre letzten irdischen Erlebnisse mit.

XL. IM KRISHNAHAIN

Seit jenem ersten Abend versäumte ich keine Gelegenheit, um den Krishnahain zu besuchen und durch die Worte des Erhabenen oder eines seiner großen Schüler tiefer in die Lehre eingeführt zu werden.

Während mein Gemahl nun noch abwesend war, stieg die Furcht der Bürger Kosambis vor dem Räuber Angulimala von Tag zu Tag. Gerade dadurch, daß von neuen Taten nichts verlautete, wurde die Phantasie aufgeregt. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, Angulimala wolle eines Abends den Krishnahain überfallen und die dort zum Besuch versammelten Bürger, ja wohl gar den Buddha selbst entführen. Dadurch steigerte sich die Erregung der Gemüter fast bis zum Aufruhr. Man sagte sich, daß, wenn durch verruchte Räuberhände dem Erhabenen vor Kosambi ein Leid geschähe, dann würde der Zorn der Götter die ganze Stadt treffen.

Ungeheure Menschenmengen wogten durch die Straßen, und, vor dem königlichen Palast sich sammelnd, verlangten sie drohend, daß König Udana dies Unheil abwenden und Angulimala unschädlich machen solle.

Am folgenden Tage kehrte Satagira zurück.

Er überhäufte mich sofort mit Lob wegen meines guten Rats, dem er es allein danken wollte, daß er heil nach Hause kam. Vajira, seine zweite Frau, die mit ihrem Söhnlein auf dem Arm erschien, um ihn zu bewillkommnen, wurde kurz abgefertigt: er habe mit mir noch Wichtiges zu besprechen.

Als wir nun wieder allein waren, fing er zu meinem unsagbaren Unbehagen sofort an, von seiner Liebe zu reden, wie er mich unterwegs vermißt, wie sehr er sich auf diese Stunde des Wiedersehens gefreut habe.

Schon wollte ich von den Unruhen in der Stadt erzählen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, als der Kämmerer gemeldet wurde, der ihn zum König rief.

Nach etwa einer Stunde kehrte er zurück--ein anderer Mensch. Blaß, mit verstörten Zügen trat er bei mir ein, warf sich auf eine Bank und rief, er sei der unglückseligste Mann im ganzen Reiche, eine gefallene Größe, bald ein Bettler, wenn nicht gar Kerker oder Verbannung ihm drohe, und an seinem ganzen Unglück sei seine grenzenlose Liebe zu mir schuld, die ich nicht einmal erwidere. Auf meine wiederholte Aufforderung, mir doch zu sagen, was geschehen sei, beruhigte er sich endlich so weit, daß er, unter vielen Verzweiflungsausbrüchen und während er sich fortwährend die Schweißtropfen von der Stirn trocknete, mir den ganzen Vorgang im Palaste berichten konnte.

Der König hatte ihn sehr ungnädig empfangen und ohne etwas von dem geschlichteten Dorfstreit hören zu wollen, ihm unter Drohungen geboten, die volle Wahrheit über Angulimala einzugestehen, die Satagira jetzt auch mir beichten mußte, ohne zu ahnen, wie gut ich schon davon unterrichtet war. Übrigens sah er darin nur einen Beweis seiner "grenzenlosen Liebe" zu mir, und erwähnte meine Liebe zu dir leichthin als eine törichte Jugendschwärmerei, die ja jedenfalls zu nichts geführt hätte.

Die Sache war aber auf folgende Weise dem König zu Ohren gekommen.

Während der Abwesenheit Satagiras war es der Polizei gelungen, den Helfershelfer Angulimalas aufzuspüren, und dieser hatte im peinlichen Verhör bekräftigt, daß jener Räuber wirklich Angulimala selber sei, der damals nicht, wie der Minister immer behauptet hatte, auf der Folter gestorben, sondern entflohen wäre; auch jenen Anschlag Angulimalas auf den Krishnahain hatte er bekannt. Der Fürst war natürlich aufs höchste darüber erzürnt, daß Satagira seinerzeit den furchtbaren Räuber hatte entschlüpfen lassen und dann ganz Kosambi und seinen König durch einen aufgesteckten falschen Kopf betrogen hatte; er wollte auf keine Worte der Verteidigung oder auch nur der Entschuldigung hören. Wenn Satagira nicht binnen drei Tagen Angulimala unschädlich machte--wie es das Volk so stürmisch verlangte--dann würden ihn alle Folgen der fürstlichen Ungnade aufs empfindlichste treffen.

Nachdem Satagira dies erzählt hatte, warf er sich weinend auf die Bank, raufte sich die Haare und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger.

"Sei getrost, mein Gemahl," sagte, ich. "Folge meinem Rate, und nicht erst in drei Tagen, sondern noch heute sollst du wieder im Besitz der fürstlichen Gunst sein, ja nicht nur das, sondern diese wird noch strahlender über dich leuchten denn je zuvor."

Satagira setzte sich auf und sah mich an, wie man wohl ein Naturwunder anstaunt.

"Und wozu rätst du mir denn?"

"Du sollst zum König zurückkehren und ihn überreden, sich nach dem Sinsapawalde vor der Stadt zu begeben, dort am alten Tempel den Buddha aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Der Rest wird dann von selber folgen."

"Du bist eine kluge Frau," sagte Satagira. "Jedenfalls ist dieser Rat sehr gut, denn jener Buddha soll ja der weiseste aller Menschen sein. Wenn es auch schwerlich so gute Folgen für mich haben kann, wie du dir denkst, so will ich doch den Versuch machen."

"Daß die Folgen nicht ausbleiben werden," antwortete ich, "dafür stehe ich mit meiner Ehre ein."

"Ich glaube dir, Vasitthi," rief er, indem er aufsprang und meine Hand ergriff. "Wie wäre es möglich, dir nicht zu glauben. Beim Indra! Du bist eine wunderbare Frau, und ich sehe jetzt, wie wenig ich mich irrte, als ich in meiner noch unerfahrenen Jugend, wie einem Instinkte gehorchend, aus dem reichen Mädchenflor Kosambis dich allein ausersah und mich auch durch deine Kälte von meiner Liebe nicht abbringen ließ."

Die Feurigkeit, mit welcher er mich lobte, ließ mich fast bereuen, daß ich ihm den hilfreichen Rat gegeben hatte, aber schon seine nächsten Worte beruhigten mich, denn er sprach jetzt von seiner Dankbarkeit, die unerschöpflich sein würde, auf welche Probe ich sie auch stellte.

"Nur eine einzige Bitte habe ich, durch deren Erfüllung du mir deine Dankbarkeit hinreichend bezeugen kannst."

"Nenne sie mir sofort," rief er, "und wenn du auch verlangst, daß ich Vajira mit ihrem Sohne zu ihren Eltern zurückschicke, so werde ich es unweigerlich tun."

"Meine Bitte ist eine gerechte, keine ungerechte, aber ich werde sie erst vorbringen, wenn mein Rat sich in vollstem Maße bewährt hat. Eile du aber nun zum Palast und setze beim Fürsten diesen Besuch durch."

Ziemlich bald kehrte er zurück, glücklich, daß es ihm gelungen war, den König zu diesem Ausflug zu bestimmen.

"Erst als Udena vernahm, daß der Rat von dir herrührte," sagte er, "und daß du mit deiner Ehre dich für den guten Erfolg verbürgtest, gab er nach, denn auch er hält große Stücke auf dich. O, wie stolz bin ich auf eine solche Gemahlin!"

Diese und ähnliche Worte, an denen er es in seiner zuversichtlichen Stimmung nicht fehlen ließ, waren mir peinlich genug und wären es noch mehr gewesen, wenn ich nicht bei dieser ganzen Sache meine geheimen Gedanken gehabt hätte.

Wir begaben uns nun sofort nach dem Palast, wo schon Vorbereitungen zur Fahrt getroffen wurden.

Sobald die Strahlen der Sonne ihre Glut etwas milderten, bestieg König Udena seinen Staatselefanten, die vielgerühmte Bhaddavatika, die, weil sie schon sehr alt war, nur noch bei den feierlichsten Gelegenheiten benutzt wurde. Wir, der Kämmerer, der Schatzmeister und andere hohe Würdenträger folgten in Wagen nach, zweihundert Reiter eröffneten und ebensoviele beschlossen den Zug.

Am Eingange des Waldes ließ der König Bhaddavatika niederknien und stieg ab; wir anderen verließen die Wagen und begaben uns In seinem Gefolge zu Fuß nach dem Krishnatempel, wo der Buddha, der vom fürstlichen Besuche schon unterrichtet war, von seinen Jüngern umgeben, uns erwartete.

Der König bot dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich zur Seite nieder. Als nun auch wir andern Platz genommen hatten, fragte der Vollendete:

"Was ist dir, edler König? Hat etwa der König von Benares oder irgend ein anderer deiner fürstlichen Nachbarn dein Land mit Krieg bedroht?"

"Nicht hat, o Herr, der König von Benares, noch irgend einer meiner fürstlichen Nachbarn mich bedroht: ein Räuber, o Herr, lebt in meinem Lande, Angulimala genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Totschlag gewöhnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich ihre Daumen um den Hals. Und in der Bosheit seines Herzens hat er jetzt den Plan gefaßt, diesen heiligen Hain zu überfallen und den Erhabenen und seine Anhänger zu entführen. Ob solch großer Gefahr entsetzt, murrt mein Volk, drängt sich in großen Scharen um meinen Palast und verlangt, daß ich diesen Angulimala unschädlich mache. Das also liegt mir allein im Sinne."

"Wenn du aber, edler König, Angulimala sähest, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, dem Töten entfremdet, dem Stehlen entwöhnt, zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edel geartet: was würdest du dann mit ihm machen?"

"Wir würden ihn, o Herr, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten, Kleidung, Speise, Lager und Arznei für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm, wie sich's gebührt, Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen. Wie aber sollte, o Herr, ein so arger, bösartiger Mensch eine solche Tugendläuterung erfahren?"

Nun saß aber der ehrwürdige Angulimala nicht fern vom Erhabenen. Und der Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und sprach also zu König Udena:

"Dieser, edler Fürst, ist Angulimala."

Da entfärbte sich das Gesicht des Königs vor Angst. Aber bei weitem stärker war das Entsetzen Satagiras. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen springen zu wollen, seine Haare sträubten sich, kalter Schweiß tropfte von seiner Stirn.

"Weh mir," rief er, "ja, jener ist gewißlich Angulimala, und ich Elender habe meinen König verleitet, sich in seine Gewalt zu begeben."

Dabei sah ich's ihm nur zu deutlich an, daß er nur deshalb so vor Angst bebte, weil er sich selbst in der Gewalt seines Todfeindes wähnte.

"Dieser Schreckliche," rief er weiter, "hat uns alle betrogen--hat den Erhabenen selbst betrogen und auch meine leichtgläubige Gemahlin, die, wie alle Frauen, viel auf Bekehrungsgeschichten gibt. So sind wir in diese Falle gegangen."

Und seine Blicke irrten umher, als ob er hinter jedem Baum ein halbes Dutzend Räuber entdeckte. Mit stotternder Stimme und zitternder Hand beschwor er den König, durch eilige Flucht seine teure Person in Sicherheit zu bringen.

Da trat ich denn vor und sprach:

"Sei ruhig, mein Gemahl! Ich bin imstande, sowohl dich wie meinen edlen Fürsten zu überzeugen, daß hier keine Falle gelegt ist und daß keine Gefahr droht."

Und ich erzählte jetzt, wie ich, von Angulimala überredet, mit ihm zusammen einen Anschlag gegen das Leben meines Gemahls vorgehabt hätte, und wie dieser Anschlag eben nur durch die Bekehrung meines Verbündeten vereitelt worden sei.

Als Satagira hörte, wie nahe er dem Tode gewesen war, mußte er sich auf den Arm des Kämmerers stützen, um nicht umzusinken.

Ich bat nun den König fußfällig, meinem Gemahl zu verzeihen, wie ich ihm verziehen habe, da er durch Leidenschaft irregeführt gesündigt habe und dabei wohl auch unbewußt einer höheren Führung gefolgt sei, die vor unseren Augen das höchste Wunder wirken wollte: anstatt daß man einen Räuber hingerichtet hätte, sei jetzt aus einem Räuber ein Heiliger geworden.

Und als der Fürst mir gnädig zugesagt hatte, meinem Gemahl wieder seine volle Gunst zuzuwenden, sprach ich zu Satagira:

"Mein Versprechen habe ich nun gehalten. So halte auch du das deine und gewähre mir meine einzige Bitte. Diese aber geht dahin, du mögest mir gestatten, in den heiligen Orden des Buddha einzutreten."

Mit einem stummen Kopfnicken gab Satagira seine Einwilligung, wie er denn auch nicht anders konnte.

Der König aber, der nun ganz beruhigt war, trat an Angulimala heran, sprach freundlich und ehrerbietig zu ihm und sicherte ihm seinen fürstlichen Schutz zu. Darauf ging er wieder zum Buddha hin, verneigte sich tief und sprach:

"Wunderbar ist es in der Tat, o Herr, wie da der Erhabene Unbändige bändigt. Denn diesen Angulimala, den wir weder mit Strafe noch Schwert bezwingen konnten, den hat der Erhabene ohne Strafe und Schwert bezwungen. Dieser doppelt und dreifach heilige Hain aber, wo uns ein solches Wunder kund ward, soll von heute ab auf ewige Zeiten dem Orden der Heiligen gehören. Und der Erhabene möge mir gestatten, darin einen Bau zur Unterkunft der Mönche und einen zweiten für die Nonnen zu errichten."

Mit würdevoller Dankbezeugung nahm der Erhabene das fürstliche Geschenk an. Darauf empfahl sich der König und entfernte sich mit seinem Gefolge. Ich aber blieb zurück unter der Obhut der anwesenden Schwestern, um schon am folgenden Tage das Gelübde abzulegen.

XLI. DER LEICHTE SPRUCH

Ich war nun Ordensschwester geworden und begab mich jeden Tag früh morgens mit meiner Almosenschale nach Kosambi, wo ich von Haus zu Haus ging, bis sie gefüllt war--obwohl Satagira mir diesen Bettelgang nur zu gern erspart hätte.

Eines Tages stellte ich mich auch am Eingange seines Palastes hin, weil die ältesten Nonnen mir geraten hatten, mich auch dieser Prüfung zu unterziehen. Da trat Satagira gerade in den Torweg, wich mir aber scheu aus und verhüllte traurig sein Antlitz. Gleich danach kam dann der Hausmeier und bat mich weinend, doch ja zu gestatten, daß Alles, wofür ich Gebrauch habe, mir täglich zugeschickt werde. Ich aber antwortete ihm, daß es mir gezieme, der Ordensregel nachzukommen.

Wenn ich von diesem Gange zurückgekehrt war und das Gespendete verzehrt hatte, womit dann für den ganzen Tag die elende Nahrungsfrage erledigt war, wurde ich von einer der älteren Nonnen unterrichtet, und abends lauschte ich in der Versammlung den Worten des Erhabenen oder auch denen eines großen Jüngers, wie Sariputta oder Ananda. Nachher aber geschah es wohl, daß eine Schwester die andere aufsuchte: "Entzückend, Schwester, ist der Sinsapawald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehen in voller Blüte, himmlische Düfte, meint man, wehen umher. Wohlan, laß uns Schwester Sumedha aufsuchen. Sie ist eine Hüterin des Wortes, ein Hort der Lehre. Ihre Rede dürfte wohl diesem Sinsapawalde doppelten Glanz verleihen." Und wir brachten dann den größten Teil einer solchen Nacht mit sinnigen Gesprächen zu.

Dies Leben in der freien Natur, diese fortwährende Geistestätigkeit und der rege Gedankenaustausch, wodurch keine Zeit für trübes Hinbrüten über eigenen Schmerz oder für müßige Träumereien übrig blieb, endlich die Erhebung und Läuterung des Gemütes durch die Macht der Wahrheit--all dies stärkte mir Körper und Geist wunderbar. Ein neues und edleres Leben tat sich vor mir auf, und ich genoß ein ruhiges, heiteres Glück, von dem ich mir wenige Wochen vorher nichts hätte träumen lassen.

Als die Regenzeit kam, stand schon das Gebäude für die Schwestern bereit, mit geräumiger Halle zum gemeinsamen Aufenthalte und mit Zellen für jede einzelne. Mein Gemahl und einige andere reiche Bürger, die Verwandte unter den Nonnen hatten, ließen es sich nicht nehmen, diese unsere Heimstätte mit Matten und Teppichen, Stühlen und Ruhebetten auszustatten, so daß wir reichlich mit Allem versehen waren, was zur vernünftigen Bequemlichkeit des Lebens gehört, und seiner Üppigkeit um so lieber entrieten. So ging denn auch diese Zeit der Eingeschlossenheit leidlich genug dahin, im regelmäßigen Wechsel von gemeinsamen Unterhaltungen über religiöse Fragen und von Selbstdenken und Vertiefung. Gegen Abend aber begaben wir uns, wenn das Wetter es erlaubte, nach der großen Halle der Mönche, um dem Meister zu lauschen, oder es kam auch der Erhabene oder einer der großen Jünger zu uns herüber.

Als nun aber der Wald, den der Meister lobt, erfrischt und verjüngt, in hundertfacher Blätterfülle und Blumenpracht uns wieder einlud, unter sein freies Obdach unsere einsame Gedenkenruhe und unsere gemeinsamen Versammlungen zu verlegen, da traf uns die betrübende Kunde, daß der Erhabene sich jetzt bereit mache, seine Wanderung nach den östlichen Gegenden anzutreten. Aber freilich hatten wir ja nicht hoffen dürfen, daß er immer in Kosambi bleiben werde; auch wußten wir, wie töricht es ist, Ober etwas Unvermeidliches zu klagen, und wie wenig wir uns des Meisters würdig zeigten, wenn wir uns von Trauer überwältigen ließen.

So begaben wir uns denn in später Nachmittagsstunde gefaßt und ruhig nach dem Krishnatempel, um zum letzten Male für lange Zeit den Worten des Buddha zu lauschen und dann von ihm Abschied zu nehmen.

Auf den Stufen stehend, redete der Erhabene vom Vergehen alles Entstandenen, von der Auflösung alles dessen, was sich zusammengesetzt hat, von der Flüchtigkeit aller Erscheinungen, von der Wesenlosigkeit aller Gestaltungen. Und nachdem er gezeigt hatte, wie nirgends in dieser oder in jener Welt, soweit die Daseinslust keimt, nirgendwo in Raum und Zeit eine feste Stelle, ein bleibender Zufluchtsort zu finden ist, sprach er jenes Wort, das du mit Recht "weltzermalmend" nanntest, und das sich jetzt rings um uns verwirklicht:

"Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich und zerfällt;--
Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt."

Es war uns Schwestern von einem der Jünger gesagt worden, daß wir nach dem Vortrage eine nach der anderen zum Erhabenen gehen sollten, um von ihm Abschied zu nehmen und einen Geleitspruch für unser weiteres Streben von ihm zu empfangen. Da ich eine der jüngsten war und mich geflissentlich zurückhielt, gelang es mir, die letzte zu werden. Denn ich gönnte es keiner anderen, nach mir mit dem Erhabenen zu reden, und meinte auch, daß mir dadurch eine ruhigere, längere Unterredung ermöglicht würde, als wenn andere hinter mir warteten.

Nachdem ich mich nun ehrfurchtsvoll verneigt hatte, blickte mich der Erhabene an mit einem Blicke, der mich bis ins Innerste durchleuchtete, und sprach:

"Und dir, Vasitthi, gebe ich an der Schwelle dieses zerfallenden Heiligtums des sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams zum Meingedenken und zum Durchdenken unter dem Laubdache dieses Sinsapawaldes, von dem du ein Blatt am Herzen und einen Schatten im Herzen trägst--folgenden Spruch: 'Überall, wo Liebe entsteht, entsteht auch Leid.'"

"Ist das Alles?" fragte ich törichterweise.

"Alles und genug."

"Und ist es, o Herr, gestattet, wenn ich mit dem Spruche zu Ende bin, wenn ich mir den Sinn völlig zu eigen gemacht habe, zum Erhabenen zu pilgern, um einen neuen Spruch zu empfangen?"

"Es ist gestattet, wenn du noch das Bedürfnis hast, den Erhabenen zu fragen."

"Wie sollte ich nicht das Bedürfnis haben? Du bist ja, o Herr, unsere Zuflucht."

"Nimm deine Zuflucht zu dir selber, nimm deine Zuflucht zur Lehre!"

"Das will ich. Doch du, o Herr, bist ja das Selbst der Jünger, bist die lebendige Lehre. Und du hast ja gesagt: es ist gestattet."

"Wenn dich der Weg nicht müht."

"Kein Weg kann mich mühen."

"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst, weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermögen."

"Und führte der Weg auch durch tausend Leben, über tausend Welten: kein Weg wird mich mühen."

"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."

In diesem Augenblick nahte der König mit großem Gefolge, um vom Erhabenen Abschied zu nehmen.

Ich zog mich in die hinterste Reihe zurück, von wo aus ich ein ziemlich zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgänge dieses letzten Abends war. Denn ich kann nicht leugnen, daß ich mich durch den so sehr leichten Spruch, den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttäuscht fühlte. Hatten doch mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprüche zur geistigen Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den von der Vergänglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine Zurücksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrübte. Wie ich aber weiter darüber nachdachte, kam mir die Vermutung, daß der Erhabene vielleicht bei mir etwas Selbstüberhebung bemerkt habe und sie auf diese Weise dämpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht durch Eitelkeit und Selbstgefälligkeit in meinem geistigen Wachstum gehindert zu werden. Bald würde ich mich ja rühmen können, mit dem Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen des Erhabenen selber holen.

In dieser Zuversicht sah ich früh am nächsten Morgen den Buddha mit vielen Jüngern von dannen wandern--unter diesen selbstverständlich auch Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, daß ich fühlte, ich würde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Kräften überlassen.

Sobald ich von meinem Almosengange zurückgekehrt war und mein Mahl verzehrt hatte, suchte ich mir einen schönen Baum aus, der in der Mitte einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mächtigen, lärmentrückten Bäume", von denen es heißt, daß Menschen darunter sitzen und denken können.

Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich gegen Abend nach der Versammlungshalle zurückkehrte, brachte ich, als Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise Ahnung, was für eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurückkehrte, wußte ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen Spruch gab.

Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar wohl gesehen, daß die Liebe keineswegs von mir überwunden war, sondern daß sie nur durch den mächtigen Einfluß des neuen Lebens verscheucht, sich In einen Innersten Winkel zurückgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu erwarten. So wollte er denn, daß ich dadurch, daß ich meine Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche hervorlocken solle, um sie dann zu überwinden.

Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, daß ich mich sofort mitten in schweren, ja zerrüttenden Seelenkämpfen befand und einsah, daß mir kein leichter Sieg beschieden sei.

Die überraschende Kunde, daß mein Geliebter damals nicht getötet worden war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so plötzlich in mir auftauchte, wurde es sofort wieder durch die stürmischen Gemütswellen, die es selber aufregte, gleichsam überschwemmt und tauchte fast wieder in ihren Strudel unter. Haßgefühl, Rachegedanken, Brüten über Verbrecherpläne wechselten in einem wahren Dämonenreigen--dann kam Angulimalas Bekehrung, der überwältigende Eindruck des Buddha, das neue Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gänzlich ungeahnten Welt, deren Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber war der erste Sturm des Neuen vorüber, der große Meister dieses heiligen Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich saß einsam da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach dem fernen, noch lebenden Geliebten erfaßte mich.

Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?

Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewißheit meine Sehnsucht nur noch mehr auf, und mit der Überwindung meiner Liebe, mit der Aneignung des Spruches wollte es nicht vorwärtsgehen. Immer dachte ich über die Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.

Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkämpfe blieben den anderen Schwestern nicht verborgen. Ich hörte wohl, wie sie von mir sprachen:

"Vasitthi, die frühere Ministersgattin, die doch selbst der strenge Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger Punkte der Lehre uns des öfteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem doch so leichten Spruch nicht fertig werden."

Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung bemächtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht mehr ertragen zu können.

XLII. DIE KRANKE NONNE

Um diese Zeit kam wöchentlich einmal einer der Brüder zu uns herüber und legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:

"Die Schwester Vasitthi, Ehrwürdiger, liegt in ihrer Zelle krank darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle, Ehrwürdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."

Und der ehrwürdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle, grüßte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.

"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte: eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar hast du mich dann zu diesem großen Arzte gebracht, der von der ganzen Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht weiter auf mich einwirken. In seiner großen Weisheit hat er dies wohl erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wüten. Und nun will ich dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener Nacht nämlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen Ausführung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde. Damals sagtest du, du würdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe. Was mir nun der Räuber einst versprach, das fordere ich jetzt vom Mönche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt, ist ein so gebieterisches, daß, bevor es nicht gestillt worden ist, für keinen anderen Gedanken, für kein anderes Gefühl in meiner Seele Raum ist, und es mir somit unmöglich ist, auch nur den kleinsten Schritt weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mußt du dies für mich tun und mein Gemüt durch irgend eine Gewißheit beruhigen."

Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:

"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich tief und schritt zur Tür hinaus.

Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu holen und verließ noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel seiner Wanderung.

Nach diesem Schritt fühlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gruß oder eine Botschaft an den Geliebten hätte mitgeben sollen. Aber es kam mir unpassend und unheilig vor, einen Mönch auf solche Weise als Liebesvermittler zu gebrauchen, während er doch ganz gut nach einer entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch würde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend, sich entschließen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.

"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Würde der Mönch vielleicht das Versprechen des Räubers einlösen? Warum denn nicht, wenn er selber einsah, daß es für uns beide notwendig war, einander zu sehen und zu sprechen?

Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunächst blendete und verwirrte. Wenn mein Geliebter zurückkäme--was hinderte mich dann, aus dem Orden auszutreten und seine Frau zu werden?

Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Röte mein Gesicht, das ich unwillkürlich in meinen Händen verbarg aus Furcht, jemand könne mich gerade beobachten. Welcher häßlichen Mißdeutung würde nicht eine solche Handlung ausgesetzt sein! Sähe das nicht aus, als ob ich den Orden des Buddha lediglich als eine Brücke betrachtet hätte, um aus einer unlieben Heirat in eine liebe hinüberzuwandeln? Gewiß würde das von Vielen so ausgelegt werden. Aber was könnte mir schließlich am Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wäre es nicht, eine fromme Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine Ordensschwester, deren Herz außerhalb des Ordens weilte.

Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brächte, daß mein Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnähme, daß der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann würde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern können. Und ich malte mir aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines Hauses stehen würde, wie du mir dann eigenhändig die Almosenschale füllen und mich dabei erkennen würdest--und dann die ganze unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.

Freilich war es eine weite Wanderung nach Ujjeni, und es geziemte einer Nonne nicht, allein zu pilgern. Aber ich brauchte nicht lange nach einer Begleiterin zu suchen. Gerade in dieser Zeit fand Somadatta ein trauriges Ende. Seine Leidenschaft für die unseligen Würfel hatte immer mehr die Oberhand gewonnen, und nachdem er seine ganze Habe verspielt hatte, ertränkte er sich in der Ganga. Die tief erschütterte Medini trat nunmehr in den Orden ein. Es mochte wohl weniger das religiöse Leben selbst in seiner herben Strenge und mit seinem hohen Ziele sein, was sie unwiderstehlich in diesen heiligen Hain zog, als vielmehr das Bedürfnis, immer in meiner Nähe zu weilen; denn ihr kindliches Herz hing mit rührender Treue an mir. Und so zweifelte ich denn auch nicht daran, daß sie, wenn ich ihr mein Vorhaben offenbarte, mit mir nach Ujjeni, ja, wenn es sein sollte, bis an das Ende der Welt gehen würde. Auch jetzt schon gereichte mir ihre Gesellschaft vielfach zur Aufmunterung, wie ich denn andererseits auch ihre aufrichtige Trauer über den Verlust ihres Gemahls durch tröstende Worte milderte.

Als nun die Zeit kam, wo Angulimalas Rückkehr zu erwarten war, ging ich nachmittags immer nach dem südwestlichen Rande des Waldes und setzte mich unter einen schönen Baum auf einer mäßigen Anhöhe, von welcher aus ich dem Wege, den er kommen mußte, weit mit dem Blicke folgen konnte. Ich dachte mir, er würde wohl gegen Abend sein Ziel erreichen.

Eine Woche hielt ich dort vergebens Wache, war aber auch darauf gefaßt, einen ganzen Monat lang warten zu müssen. Am achten Tage aber, als die Sonne schon so tief stand, daß ich mir mit der Hand die Augen beschatten mußte, wurde ich in der Ferne eine Gestalt gewahr, die sich dem Walde näherte. Bald erglänzte ihr gelber Mantel, und als sie an einem heimkehrenden Waldarbeiter vorüberschritt, erkannte man, daß sie von ganz ungewöhnlich hohem Wüchse war. Es war in der Tat Angulimala--allein. Meinen Kamanita hatte er nicht "heil und sicher mitgebracht"--was tat's? Wenn er mir nur versichern konnte, daß der Geliebte am Leben sei, dann würde ich ja selber den Weg zu ihm finden.

Heftig pochte mein Herz, als Angulimala vor mir stand und mich mit höflichem Anstand begrüßte.

"Kamanita lebt in seiner Vaterstadt in großem Wohlstand," sagte er, "ich habe ihn selber gesehen und gesprochen."

Und er erzählte mir nun, wie er eines Morgens an dein palastähnliches Haus gekommen sei, wie deine beiden Frauen ihn gröblich beschimpft hätten, wie du dann selber hinzugetreten seiest, die bösen Frauen ins Haus gejagt und ihn freundlich und entschuldigend angeredet hättest.

Als er nun Alles--so wie es dir ja bekannt ist--genau berichtet hatte, verbeugte er sich vor mir, schlug den Mantel wieder um die Schulter und wandte sich um, als ob er in derselben Richtung weiter wandern wollte, statt in den Wald hineinzugehen.

Verwundert fragte ich ihn, ob er nicht nach der Halle der Mönche gehe. "Ich habe nun," antwortete er, "deinen Auftrag getreulich ausgerichtet, und nichts gibt es jetzt mehr, was mich hindern könnte, meinen Weg ostwärts zu nehmen, in den Spuren des Erhabenen, nach Benares und Rajagaha, wo ich ihn nun antreffen werde."

Also sprechend, ging dieser mächtige Mann mit weit ausholenden Schritten fürbaß, den Waldrand entlang, ohne sich die geringste Rast zu gönnen.

Ich starrte ihm lange nach und sah, wie die untergehende Sonne seinen Schatten weit vor ihm bis zum Hügelrande am Horizonte, ja gleichsam noch darüber hinaus streckte, als ob seine Sehnsucht ihm ungestüm vorauseile, während ich wie eine Gelähmte zurückblieb ohne ein Sehnsuchtsziel für irgend eine liebe Hoffnung.

Mein Herz war gestorben, mein Traum zerronnen. Das herbe Asketenwort: "ein Schmutzwinkel ist die Häuslichkeit", hallte durch mein ödes Gemüt wider. Auf jener herrlichen Terrasse der Sorgenlosen, unter freiem, sternenblinkendem und monddurchstrahltem Himmel war ja meine Liebe daheim. Wie hätte ich Törin je daran denken können, sie nach jener schmutzwinkligen Häuslichkeit in Ujjeni betteln zu schicken, damit zankende Frauen sie mit Schimpfreden begeiferten?

Mit Mühe schleppte ich mich nach meiner Zelle zurück, um mich auf das Krankenlager zu strecken. Diese plötzliche Vernichtung meiner fieberhaft erregten Hoffnungen war zuviel für meine schon durch monatelange Seelenkämpfe erschütterte Widerstandskraft. Mit einer Selbstaufopferung ohnegleichen pflegte Medini mich Tag und Nacht. Sobald aber, durch ihre Sorgfalt gestützt, mein Geist sich über die Schmerzen und den Fieberbrand erheben konnte, reifte mein Wanderplan in einer neuen Richtung aus. Nicht dorthin, wo ich Angulimala hingeschickt hatte, sondern dorthin, wo er jetzt von selber hinwanderte, wollte ich nun pilgern: den Spuren des Erhabenen wollte ich folgen, bis ich ihn träfe. War ich denn nicht mit meinem Spruche zu Ende? Wie mit der Liebe Leid entsteht, hatte ich ja im tiefsten Grunde erfahren. Und so durfte ich denn auch, meinte ich, den Buddha aufsuchen und von der Kraft des Heiligen mich neu beleben lassen, um nach dem höchsten Ziele weiter vorwärtsstreben zu können.

Ich vertraute denn auch dies mein Vorhaben der guten Medini an, die sofort mit wahrem Feuereifer den unerwarteten Gedanken aufnahm und sich in ihrem kindlichen Gemüt ausmalte, wie herrlich es sein würde, mit mir zusammen durch liebliche Gegenden zu streifen, frei wie die Vögel durch die Luft, wenn die Wanderzeit sie nach fernen Himmelsstrichen ruft.

Freilich mußten wir erst geduldig warten, bis ich wieder hinlänglich zu Kräften gekommen war. Und als dies einigermaßen der Fall war, legte uns die schon eingetretene Regenzeit eine noch längere Geduldsprobe auf.

In seiner letzten Rede hatte der Erhabene uns zugerufen:

"Gleich wie etwa, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken, die Sonne am Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Jünger, erscheint da diese Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Geistlicher und flammt und leuchtet."

Als nun die Natur ringsum uns dies Bild verwirklichte, verließen wir den Krishnahain vor Kosambi, und unsere Schritte ostwärts lenkend, eilten wir jener Sonne einer heiligen Lebensführung entgegen.

XLIII. DAS NIRVANA DES VOLLENDETEN

Meine Entkräftung erlaubte es mir nicht, lange Tageswanderungen zu unternehmen und nötigte uns bisweilen, uns einen Ruhetag zu gönnen, so daß wir erst nach einer einmonatigen Pilgerfahrt in Vesali ankamen, wo, wie wir wußten, der Erhabene sich längere Zeit aufgehalten hatte, von wo er aber vor etwa sechs Wochen weiter gewandert war.

Kurz vorher hatten wir in einem Dorfe, wo Anhänger der Lehre wohnten, gehört, daß Sariputta und Moggallana in das Nirvana eingegangen waren. Der Gedanke, daß diese beiden großen Jünger, die Häuptlinge der Lehre, wie wir sie nannten, nicht mehr auf Erden weilten, erschütterte mich tief. Wohl wußten wir alle, daß auch diese Großen, ja der Buddha selber, nur Menschen waren wie wir; aber die Vorstellung, daß sie uns verlassen könnten, war nie in uns aufgetaucht. Sariputta, der mir so oft auf seine bedächtige Weise schwierige Fragen der Lehre gelöst hatte, war davongegangen. Er war der Jünger, der dem Meister ähnlich sah, und er stand wie der Erhabene in seinem achtzigsten Lebensjahre; wäre es möglich, daß auch der Buddha selber sich schon dem Ende seines Erdenlebens näherte?

Vielleicht, daß die Unruhe, die durch diese Furcht entstand, einen schleichenden Rest meines Fieberzustandes wieder anschürte: jedenfalls kam ich erschöpft und krank in Vesali an. Hier lebte eine reiche Anhängerin des Ordens, die es sich angelegen sein ließ, für die durchziehenden Mönche und Nonnen auf jede Weise zu sorgen. Wie sie nun erfuhr, daß eine kranke Nonne angekommen sei, suchte sie mich sofort auf, brachte Medini und mich nach ihrem Hause und pflegte mich dort sorgsam.

Ihr gegenüber äußerte ich gar bald meine Furcht: ob es wohl möglich sei, daß der Erhabene, der ebenso alt sei wie Sariputta, uns nun auch bald verlassen würde?

Da brach die fromme Seele in einen Strom von Tränen aus und rief schluchzend:

"Ach! So weißt du es denn noch nicht? Hier in Vesali--vor zwei Monaten etwa--hat ja der Gesegnete vorausgesagt, daß nach drei Monaten sein Nirvana stattfinden wird. Wir haben ihn alle hier zum letzten Male gesehen. Und man denke: wenn nur Ananda Verstand genug besessen und zu rechter Zeit gesprochen hätte, dann wäre das nimmer geschehen, und der Buddha hätte bis zum Ende dieser Weltperiode fortgelebt!"

Ich fragte, was denn der gute Ananda damit zu tun habe, und auf welche Weise er eine solche Rüge verdient habe.

"Auf folgende Weise," antwortete die Frau. "Eines Tages weilte der Erhabene mit Ananda vor der Stadt bei dem Capala-Tempel. Da sagte nun der Gesegnete zu Ananda: wer auch immer die geistigen Kräfte in sich vollkommen entwickelt habe, der könne, wenn er wolle, durch eine ganze Weltperiode am Leben bleiben. O über diesen einfältigen Ananda, daß er, trotz dieses deutlichen Winkes, nicht sofort sprach: 'Möge doch der Erhabene eine Weltperiode hindurch zum Heile Vieler am Leben bleiben!' Sicher war sein Geist von Mara, dem Bösen, besessen, da er seine Bitte erst dann vorbrachte, als es zu spät war."

"Wie konnte es aber zu spät sein," fragte ich, "da ja der Erhabene noch lebt?"

"Das war folgendermaßen. Du mußt nämlich wissen, vor fünfzig Jahren, als der Erhabene in Uruvela sich das Buddhawissen errungen hatte, und nach siebenjährigem Kampfe den Besitz heiliger Gemütsruhe genießend, unter dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten weilte: da nahte sich ihm Mara, der Böse, gar sehr besorgt wegen der Gefahr, die seinem Reiche durch den Buddha drohte; und in der Hoffnung, die Verbreitung der Lehre zu verhindern, sprach er: 'Heil dir! Jetzt ist es Zeit für den Erhabenen, in das Nirvana einzugehen!' Aber der Buddha antwortete: 'Nicht eher werde ich, du Böser, in das Nirvana eingehen, als bis ich der Menschheit die Lehre verkündet habe; nicht eher, als bis ich mir Jünger geworben habe, die imstande sind, diese Lehre gegen Angriffe zu verteidigen und sie weiter zu verkünden. Erst dann, Böser, werde ich in das Nirvana eingehen, wenn das Reich der Wahrheit fest begründet ist.'

Nachdem nun aber der Erhabene hier am Çapalaheiligtum so, wie ich dir sagte, zu Ananda gesprochen hatte und dieser, ohne den Wink zu verstehen, weggegangen war, nahte sich Mara, der Böse, dem Erhabenen und sprach zu ihm: 'Heil dir! Jetzt ist für den Erhabenen die Zeit gekommen, in das Nirvana einzugehen. Was mir der Erhabene damals unter dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten zu Uruvela als Bedingung für sein Nirvana angab, das ist ja jetzt erfüllt. Fest gegründet ist das Reich der Wahrheit. Möge also der Erhabene jetzt in das Nirvana eingehen!' Da sprach der Buddha zu Mara, dem Bösen, also: 'Sei du, o Böser, ohne Sorge! Das Nirvana des Vollendeten wird bald stattfinden; nach Verlauf von drei Monaten von jetzt ab wird der Vollendete in das Nirvana eingehen.' Bei diesen Worten aber erzitterte die Erde, wie du es wohl auch selber bemerkt haben wirst."

In der Tat hatten wir in Kosambi, etwa einen Monat bevor ich den heiligen Hain verließ, ein leichtes Erdbeben gespürt, was ich ihr nun auch sagte.

"Siehst du!" rief die Frau erregt--"überall haben sie es gespürt. Die ganze Erde bebte, und die Trommeln der Götter dröhnten, als der Vollendete auf längere Lebensdauer verzichtete. Ach, daß doch der einfältige Ananda zu rechter Zeit den ihm so deutlich gegebenen Wink verstanden hätte! Denn als er nun, durch dies Erdbeben aus seiner Selbstvertiefung geweckt, zum Erhabenen zurückkam und ihn bat, er möge doch noch den Rest dieser Weltperiode hindurch am Leben bleiben:--da hatte ja der Vollendete schon Mara sein Wort gegeben und auf längere Lebensdauer verzichtet."

Aus diesen Reden der frommen, aber etwas abergläubischen Frau entnahm ich, daß der Erhabene während seines Aufenthaltes in Vesali Zeichen des herannahenden Todes gespürt und wohl den Jüngern gesagt habe, daß er bald sterben würde.

So litt es mich denn nicht länger unter dem gastlichen Dache. Ich mußte den Buddha erreichen, bevor er uns verließ. Das war ja unser großer Trost gewesen, daß wir uns immer an ihn, den unerschöpflichen Quell der Wahrheit, wenden konnten. Nur von ihm konnten ja alle Zweifel meiner geängstigten Seele gelöst werden; nur er in der ganzen Welt war ja imstande, mir den Frieden wiederzugeben, den ich einst gekostet hatte, als ich am alten Krishnatempel im Sinsapawalde bei Kosambi ihm zu Füßen saß.

So brachen wir denn auf, als, nach Verlauf von zehn Tagen meine Kräfte mir das Wandern einigermaßen erlaubten. Meine gute Wirtin, die sich ein Gewissen daraus machte, mich in meinem geschwächten Zustande weitergehen zu lassen, tröstete ich mit dem Versprechen, ihren Gruß dem Erhabenen zu Füßen zu legen.

Wir gingen nun in nordwestlicher Richtung weiter in den Spuren des Erhabenen, die wir immer frischer fanden, je weiter wir vordrangen, von Ort zu Ort uns erkundigend. In Ambagama war er acht Tage vorher gewesen; den Salahain von Bhoganagara hatte er drei Tage vor unserer Ankunft verlassen, um sich nach Pava zu begeben.

Sehr ermüdet trafen wir am frühen Nachmittage in diesem Orte ein.

Das erste Haus, das uns auffiel, gehörte einem Kupferschmied, wie an den vielen Metallwaren zu erkennen war, die an der Mauer entlang standen. Aber kein Hammerschlag ertönte; es schien ein Feiertag zu sein, und im Hofe wurden am Brunnen von den Dienern Schüsseln und Platten abgespült, als ob dort eine Hochzeit stattgefunden hätte.

Da trat ein kleiner, festlich gekleideter Mann auf uns zu und bat höflich, unsere Almosenschalen füllen zu dürfen.

"Wäret ihr einige Stunden früher gekommen," fügte er hinzu, "dann hätte ich bei meinem Feste noch zwei liebe und würdige Gäste gehabt, denn euer Meister, der Erhabene, hat heute mit seinen Mönchen bei mir gespeist."

"So ist denn der Erhabene noch hier in Pava?"

"Jetzt nicht mehr, Ehrwürdigste," antwortete der Kupferschmied. "Gleich nach der Mahlzeit wurde der Erhabene von einer schweren Krankheit befallen, mit scharfen Schmerzen, die ihn einer Ohnmacht nahe brachten, so daß wir alle sehr erschraken. Aber der Erhabene überwand diesen Anfall und begab sich vor etwa einer Stunde weiter nach Kusinara."

Am liebsten wäre ich sofort weiter gewandert, denn was der Schmied von diesem Krankheitsanfall sagte, ließ mich das Schlimmste befürchten. Aber es war eine gebieterische Notwendigkeit, den Körper nicht nur durch Speise, sondern auch durch kurze Ruhe zu stärken.

Der Weg von Pava nach Kusinara war nicht zu verfehlen. Er führte bald von den bebauten Feldern fort, durch Tigergras und Gestrüpp, immer tiefer in die Dschungeln. Wir durchwateten einen kleinen Fluß und erfrischten uns ein wenig durch Baden. Nach kurzer Ruhe brachen wir wieder auf. Es wollte Abend werden, und ich konnte mich nur mit Mühe weiterschleppen.

Medini versuchte mich zu überreden, unter einem Baume auf einer kleinen Anhöhe zu übernachten. Es habe keine so große Eile:

"Dies Kusinara ist wohl nicht viel mehr als ein Dorf und scheint ganz in den Dschungeln begraben zu sein. Wie kannst du nur glauben, daß der Vollendete hier sterben wird? Gewiß wird er einmal im Jetavanapark bei Savitti, oder in einem seiner beiden Haine bei Rajagaha von dannen scheiden; aber der Erhabene wird doch nicht in dieser Einöde erlöschen! Wer hat denn je von Kusinara gehört?"

"Vielleicht wird man von jetzt ab von Kusinara hören," sagte ich und ging weiter.

Meine Kräfte waren aber bald so erschöpft, daß ich mich entschließen mußte, die nächste baumlose Anhöhe zu besteigen, in der Hoffnung, von dort aus die Nähe Kusinaras erkennen zu können. Sonst mußten wir die Nacht dort oben zubringen, wo wir dem Angriffe der Raubtiere und Schlangen weniger ausgesetzt waren und auch den fiebererzeugenden Ausdünstungen einigermaßen entrückt blieben.

Dort oben angelangt, spähten wir vergebens nach einem Anzeichen menschlicher Wohnsitze aus. Scheinbar ununterbrochen stiegen die Dschungeln vor uns allmählich aufwärts, wie ein Teppich, den man in die Höhe zieht. Bald aber tauchten große Bäume aus dem niedrigen Gebüsch auf; die dichten Laubmassen eines Hochwaldes wölbten ihre Kuppeln übereinander, und in einer schwarzen Schlucht schäumte ein Wildbach, derselbe Strom, in dessen ruhig fließendem Wasser wir kurz vorher gebadet hatten.

Den ganzen Tag über war es schwül und trübe gewesen. Hier wehte uns nun ein frischer Hauch entgegen, und immer klarer wurde es vor unseren Augen, als ob ein Schleier nach dem andern gelüftet würde.

Ungeheure Felsenmauern türmten sich über dem Walde empor, und als ihr Dach bauten grüne Bergkuppen sich immer höher hinauf--bewaldete Berge mußten es ja sein, obwohl sie wie Mooskissen aussahen--immer höher, bis sie im Himmel selber zu verschwinden schienen.

Nur eine einzige langgestreckte, rötliche Wolke schwebte dort oben.

Während wir sie betrachteten, fing sie an gar seltsam zu glühen. Gleichwie wenn mein Vater mit der Zange ein Stück geläuterten Goldes aus dem Schmelzofen herausnahm und, nachdem es abgekühlt war, es auf eine lichtblaue seidene Decke hinlegte: also erglänzte jetzt dies leuchtende Luftgebilde in scharf begrenzten goldig-blanken Flächen; dazwischen aber dämmerten duftig hellgrüne Streifen und zogen sich fächerförmig nach unten, indem sie erblassend in die farblose Luftschicht untertauchten, als ob sie die grünen Bergkuppen erreichen wollten. Immer rötlicher glühten die Flächen, immer grüner wurden die Schatten.

Das war keine Wolke!

"Der Himavat!" flüsterte Medini, überwältigt und ergriffen meinen Arm berührend.

Ja, da erhob er sich vor uns, der Berg der Berge, die Stätte des ewigen Schnees, die Wohnung der Götter, der Aufenthalt der Heiligen! Der Himavat--schon von Kindheit an hatte mich dieser Name mit tiefen Gefühlen von Scheu und Ehrfurcht, mit heimlicher Ahnung des Erhabenen erfüllt! Wie oft hatte ich in Sagen und Märchen den Satz gehört: "und er begab sich nach dem Himavat und lebte dort ein Asketenleben"! Zu Tausenden und Abertausenden waren sie dort hinaufgestiegen, die Erlösungsuchenden, um in der Bergeinsamkeit durch Bußübungen sich das Heil zu erringen--jeder mit seinem Wahn: und nun nahte er, der einzige Wahnlose, dessen Spuren wir folgten.

Während ich also dachte, erlosch das leuchtende Bild, als ob der Himmel es in sich aufgesogen hätte.

Ich fühlte mich aber durch diesen Anblick so wunderbar belebt und gestärkt, daß ich an keine Ruhe mehr dachte.

"Wenn auch der Erhabene," sagte ich zu Medini, "uns bis zu jenem Gipfel voranschritt, um von solchem erhabenen Standorte aus in jenes höchste der Gefilde einzugehen: so würde ich ihm doch folgen und ihn erreichen."