IX.
In dem der „Albatros“ fast zehntausend Kilometer zurücklegt und das mit einem merkwürdigen Sprunge endigt.

Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen. Hätten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr kräftigen Männern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so würden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein kühner Handstreich hätte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Möglichkeit gegeben, an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu Zweien aber — denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Größe gezählt werden — war daran nicht wohl zu denken; da jede Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, mußten sie, sobald der „Albatros“ einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen. Das bemühte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthätige Uebereilung fürchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte.

Jedenfalls war jetzt kein günstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in schnellster Gangart eben über den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am nächsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Küste, und da diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der Alëuten — das ist der früheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde — in einem großen Bogen verläuft, so hatte es den Anschein, als ob der „Albatros“ letztere an dem vorspringendsten Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene Fahrtrichtung nicht verändert wurde.

Wie lang erschienen die Nächte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollständig hell. Man näherte sich ja der Sommersonnenwende, dem längsten Tage auf der nördlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. Breitengrade eigentlich kaum Nacht wird.

Der Ingenieur Robur dagegen schien — ob aus Gewohnheit oder mit Absicht — keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und als das heute endlich geschah, begnügte er sich, seine beiden Gäste zu begrüßen, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte.

Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gerötheten Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fuß es empfindet, daß dem Boden darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit beruhigender Regelmäßigkeit arbeitete.

Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und ergriff diese mit beiden Händen, um sich, mehr Gleichgewicht zu sichern. Offenbar wünschte er einen Ueberblick über das Land zu gewinnen, das der „Albatros“ jetzt in der Höhe von höchstens zweihundert Metern überflog.

Frycollin hatte sich tüchtig zusammennehmen müssen, um einen solchen Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen Kühnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen.

Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Körper nach rückwärts geneigt, dann schüttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu prüfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwärts und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß er während der Dauer dieses Experimentes beide Augen fest geschlossen hielt. Endlich öffnete er dieselben.

Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurück und wie verkroch sich sein Kopf zwischen den Schultern!

Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wären seine Haare nicht gar zu krank gewesen, sie hätten sich gewiß über der Stirn gesträubt.

„Das Meer! Das Meer! ...“ schrie er auf.

Frycollin wäre lang auf das Verdeck hingestürzt, wenn der Koch nicht die Arme ausgebreitet hätte, ihn aufzufangen.

Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich François Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so mußte er während seiner Kindheit die Brisen der Garonne eingesaugt haben. Wie dieser François Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen, durch welche Reihe von Zufälligkeiten er unter die Mannschaft des „Albatros“ gerathen war, das wußte kein Mensch. Jedenfalls sprach dieser Schlaukopf englisch trotz jedem Yankee.

„Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit kräftigem Handgriffe aufrichtend.

— Master Tapage! ... antwortete der arme Teufel, einen verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend.

— Was willst Du denn, Frycollin?

— Geht das manchmal entzwei?

— Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen.

— Warum? ... Warum denn? ...

— Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause sagt.

— Ja, aber da ist ja das Meer darunter? ...

— Im Fall eines Sturzes ist das viel besser.

— Doch da muß man ertrinken!

— Man ertrinkt freilich, aber man behält seine Knochen“, erwiderte François Tapage zuversichtlich.

Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief hinein in seine Cabine geschlichen.

Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberfläche dieses so ruhigen Meeres, das im vollen Sonnenschein glänzte, fast hinzustreichen, da er sich kaum hundert Fuß über demselben hielt. Heute nun waren Onkel Prudent und sein Gefährte in ihrer Cabine zurückgeblieben, um Robur nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl Schrauben war in Thätigkeit, doch genügte schon, den Apparat in den niedrigeren Zonen der Atmosphäre zu erhalten.

Unter diesen Verhältnissen hätte die Mannschaft außer dem Vergnügen eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten können, in ihren gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des Stillen Oceans fischreich genug wäre. Auf dessen Oberfläche zeigten sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche gegen fünfundzwanzig Meter in der Länge mißt. Gerade diese kennt man als die furchtbarsten Cetaceer der nördlichen Meere. Die Fischer von Beruf hüten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefährlich können die Thiere werden.

Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder mit der Flechter'schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von beiden hatte man eine Auswahl an Bord.

Wozu aber diese unnütze Schlächterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen Aeronef Alles verwenden könne, und deshalb sollte auf einen der gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden.

Auf den Ruf: „Walfische! Walfische!“ eilten Onkel Prudent und Phil Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wären Beide, um ihrem Gefängnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in's Meer zu stürzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen zu werden.

Schon stand die ganze Mannschaft des „Albatros“ geordnet und jedes Befehls gewärtig auf dem Verdeck und wartete.

„Wir wollen's also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann Tom Turner.

— Ja, Tom,“ antwortete der Ingenieur.

In den Ruffs für die Maschinerie standen der Mechaniker und seine Gehilfen auf Posten, um jedes Manöver auszuführen, das ihnen durch Zeichen anbefohlen wurde. Der „Albatros“ senkte sich sofort nach dem Meere zu und hielt etwa fünfzig Fuß darüber an.

Wie die beiden Collegen sich überzeugen konnten, war hier kein Schiff in Sicht, so wenig wie eine Küste, welche sie hätten schwimmend erreichen können, vorausgesetzt, daß Robur sie nicht wieder ergreifen ließ.

Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlöcher austrieben, verkündeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu athmen, einmal auf die Oberfläche kamen.

Tom Turner hatte sich, unterstützt von einem seiner Kameraden, am Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben californischen Fabrikats, welche mit einer Art Büchse abgeschossen werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen ausläuft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann die nöthigen Zeichen, wie sie manövriren sollten; so beherrschte er den Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung.

„Ein Walfisch! ... Ein Walfisch!“ rief Tom Turner noch einmal.

Eben tauchte wirklich der Rücken eines solchen Cetaceers etwa vier Kabellängen vor dem „Albatros“ auf.

Der Aeronef stürzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum noch sechzig Fuß über dem Thiere befand, schnell an.

Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel liegende Büchse angeschlagen. Der Schuß krachte und das Geschoß, das eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich riß, schlug in den Körper des Walfisches ein. Die mit leicht entzündlichen Stoffen gefüllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres einkrallte.

„Achtung!“ rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten Laune betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit aufrichtigem Interesse.

Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so furchtbar gepeitscht, daß das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu großer Tiefe hinab, während man die Leine schnell nachgleiten ließ; letztere war übrigens in einem mit Wasser gefüllten Fasse zusammengelegt, um durch die Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die Oberfläche kam, suchte er so schnell als möglich in der Richtung nach Norden zu entfliehen.

Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch' rasender Schnelligkeit der „Albatros“ dabei geschleppt wurde, denn die Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man überließ das Thier ganz sich selbst und hielt sich nur im gleicher Linie mit ihm. Tom Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen dieses Schleppen gefährlich machte.

So wurde der „Albatros“ etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, daß der Cetaceer zu erlahmen anfing.

Jetzt ließen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rückwärts arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord mehr und mehr näherte einen gewissen Widerstand entgegen.

Bald schwebte der Aeronef nur noch fünfundzwanzig Fuß über demselben; noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rücken drehte, wühlte das Thier eine wirkliche Brandung auf.

Plötzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Höhe und tauchte mit solcher Schnelligkeit unter, daß Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm die Leine gehörig nachschießen zu lassen.

Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserfläche herabgezerrt; an der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollständiger Wirbel gebildet, und über die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es über den Bug eines Schiffes geht, gegen Wind und Wellen läuft.

Glücklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem Axthiebe die Leine, und der nun befreite „Albatros“ stieg unter dem Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor.

Auch während dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat geleitet, ohne daß ihn seine Kaltblütigkeit nur einen Augenblick verlassen hätte.

Einige Minuten später kam der Walfisch wieder an die Oberfläche — diesmal aber todt.

Von allen Seiten flatterten die Seevögel herzu, um sich des Cadavers zu bemächtigen, und stießen Schreie aus, welche einen sich zankenden Congreß taub gemacht hätten.

Der „Albatros“, der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte, setzte seinen Weg nach Westen fort.

Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange Klippenreihe der Alëuten.

Der „Albatros“ zog über dieser Barrière hin, an der es von Pelzseehunden wimmelte, welche die Alëutier für Rechnung der russisch-amerikanischen Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fuß langen, fast rosenrothen und zwei-, drei- bis fünfhundert Pfund wiegenden Amphibien ist für sie ein sehr gutes Geschäft. Dieselben lagen hier in endloser Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren.

Wenn sie sich durch das Vorüberkommen des „Albatros“ nicht in ihrer phlegmatischen Ruhe stören ließen, so war das nicht der Fall mit den Tauchervögeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die Luft erfüllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte.

Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Alëuten bis zur äußersten Spitze von Kamtschatka wurden während der vierundzwanzig Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurückgelegt. Um ihren Fluchtplan in's Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil Evans nicht gerade in günstigen Verhältnissen, denn weder an dem öden Strande des nördlichsten Asiens, noch über dem Ochotskischen Meere hätten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glücklichen Erfolg entweichen können.

Allem Anscheine nach wandte sich der „Albatros“ nach der Gegend von Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich auf die Unterstützung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der Aeronef an irgend einem Punkte dieser Länder anhalten sollte.

Doch würde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermüdet, oder wie bei einem Ballon, der wegen Gasmangel genöthigt wird, einmal niederzugehen. Der Aeronef besaß noch für mehrere Wochen aushaltende Vorräte aller Art, und seine Organe von wunderbarer Solidität straften jede Erwartung auf Schwäche oder Trägheit Lügen.

Nach scharfer Fahrt über die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah, und nach der weiteren, über das Ochotskische Meer, nahezu in der Höhe der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canälen unterbrochenen Damm bilden, erreichte der „Albatros“ am 19. Juni die La Pérouse-Straße zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der große sibirische Strom, der Amur, ergießt.

Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Höhe hatte er kein Hinderniß zu fürchten, weder höhere Bauwerke, an welche er hätte anstoßen können, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrümmern Gefahr gelaufen wäre. Das Land war kaum wellenförmiger Natur. Die Dünste machten sich aber doch zu unangenehm fühlbar, da sie Alles an Bord durchnäßten.

Es bedurfte ja nichts weiter, als sich über diese Nebelschicht, welche drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des Nebels fand der „Albatros“ wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten Himmel.

Unter diesen Verhältnissen hätten Onkel Prudent und Phil Evans Mühe gehabt, ihren Fluchtversuch auszuführen, selbst wenn sie den Aeronef hätten verlassen können.

An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorüberkam, wie zufällig stehen und sagte, ohne äußerlich seinen Worten besondere Bedeutung beizulegen:

„Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth, dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fährt nur unter fortwährendem Pfeifen oder unter den Tönen des Nebelhorns weiter. Es muß seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden Augenblick eine Collision zu befürchten. Der „Albatros“ kennt solche Sorgen nicht. Was kümmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen kann? Ihm gehört das Luftmeer, die ganze weite Atmosphäre!“

Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wölkchen seiner Pfeife zerflossen im Azur.

„Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser merkwürdige „Albatros“ ganz und gar nichts zu fürchten habe.

— Das werden wir noch sehen!“ antwortete der Vorsitzende des Weldon-Instituts.

Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit beklagenswerther Zähigkeit an. Man hatte hoch steigen müssen, um die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit Palästen, Villen, Thürmchen, Gärten und Parks. Selbst ohne dieselben zu sehen, hätte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von Hunden, an dem Schreien der Raubvögel und vor Allem an dem Leichengeruch, den die Körper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten.

Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben das Besteck machte, für den Fall, daß er seine Fahrt wieder im Nebel fortzusetzen gezwungen wäre.

„Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu verheimlichen, daß diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist.“

Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er nur, als wenn es seinen seinen Lungen an Luft fehlte.

„Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwürdig.

— So merkwürdig er auch sein mag ... versetzte Phil Evans.

— So bleibt er doch hinter dem von Peking zurück, unterbrach ihn der Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, — und Sie werden binnen Kurzem selbst darüber urtheilen können.“

Unmöglich hätte der Mann liebenswürdiger sein können.

Der „Albatros“, der bisher auf Südost zuhielt, veränderte jetzt seine Richtung um vier Compaßstriche, um im Osten eine neue Route aufzusuchen.

Während der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen Grunde des Himmels ballten sich große elliptische Wolken zusammen und am entgegensetzten Horizont glühten lange, carminrothe Streifen, die sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein Theil des Himmels völlig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an.

Zum Glück entfesselte sich dieser Typhon mehr im Süden und hatte hier keine weiteren Folgen, als daß er die seit drei Tagen angehäuften Nebelmassen zertheilte.

Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel überschritten; während der Typhon an den Südostküsten von China wüthete, wiegte sich der „Albatros“ über dem Gelben Meere, und während des 22. und 23. über dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich über die Hauptstadt des Himmlischen Reiches.

Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen — wie es der Ingenieur vorausgesagt — sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen, die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hälften, die Mandschu- und die Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwölf sie umgebenden Vorstädte, die breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraßen, die Tempel, deren gelbe oder grüne Dächer in der aufgehenden Sonne erglänzten, die Parks, welche sich um die Paläste der Mandarinen ausdehnen; ferner, inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (= 1/8 geogr. Quadratmeile) große Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren kaiserlichen Gärten, künstlichen Seen, dem die ganze Stadt überragenden Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen Architektur.

Eben jetzt ertönte die Luft unter dem „Albatros“ von einer seltsamen Harmonie; man hätte ein Concert von Aeolsharfen zu hören vermeint. In der Luft schwankten nämlich gegen hundert verschieden geformte Drachen aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberen Theil eine Art leichten hölzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dünnes Bambusstäbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika ähnliche Töne gebenden Stäbchen ein leises Gesumme von höchst melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der Höhe — musikalischen Sauerstoff einathme.

Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nähern, und langsam tauchte der „Albatros“ in die tönenden Wellen herab, welche die Drachen nach der Atmosphäre entsandten.

Plötzlich entstand in der fast zahllosen Bevölkerung tief unten eine außerordentliche Aufregung. Tamtamschläge und andere entsetzliche Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschüsse krachten und hundertfach hämmerten die Leute auf großen Mörsern herum, Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen. Wenn die Sternkundigen des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, daß diese Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der ganzen gelehrten Welt gewesen sein möchte, so hielten die Millionen Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknöpfigen Mandarin sie jedenfalls für ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas erschien.

In dem unnahbaren „Albatros“ kümmerte sich natürlich Niemand um jene lärmenden Kundgebungen. Die Bindfäden aber, welche die Drachen an kleinen in den kaiserlichen Gärten eingerahmten Pfählen festhielten, wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten „Spielzeuge“, wie wir sagen würden, kamen dadurch, einen nur noch lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab, gleich flügellahm geschossenen Vögeln, deren Gesang mit dem letzten Athemzuge verstummt.

Da dröhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner's über der Hauptstadt und übertäubte die letzten Klänge jenes Lufttonwerks, doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine Sprengkugel nur einige zwanzig Fuß vom Verdeck des „Albatros“ platzte, stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor.

Im Laufe der nächstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den sich die Gefangenen hätten zu nutze machen können. Die Richtung des Aeronefs blieb unabänderlich eine südwestliche, was darauf hindeutete, daß er sich Hindostan nähern sollte. Uebrigens bemerkte man, daß der fortwährend höher aufsteigende Erdboden den „Albatros“ nöthigte, sich nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der Grenze von Chen-Si einen Theil der Großen Mauer erkennen. Dann kamen sie, unter Umgehung der Bung-Berge, über und durch das Thal von Wany-Ho und überschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo diese mit Tibet zusammenstößt.

Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern genährten Bergströmen, mit Abgründen, aus welchen mächtige Salzlager heraufschimmern, und mit vielen, von grünenden Forsten eingerahmten Seebecken.

Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Höhe von viertausend Metern über dem Meere an. In dieser Höhe überschritt die Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wärmsten Monaten der nördlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke Abkühlung im Verein mit der Schnelligkeit des „Albatros“ machte die Situation fast unerträglich, und obwohl die beiden Collegen warme Reisedecken zur Verfügung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs zurückzukehren.

Selbstverständlich mußte den Auftriebsschrauben eine außerordentliche Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der hier schon recht verdünnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzüglichstem Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch das Schwirren ihrer Flügel gewiegt würden.

An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nördlichen Tibet und der Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den „Albatros“ etwa in der Größe einer Brieftaube vorüberschweben.

Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den Horizont begrenzte.

jAn das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so schnellen Fortbewegung widerstehen zu können, sahen Beide die colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen.

„Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien einzudringen.

— Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren Gebiete hätten wir vielleicht Gelegenheit —

— Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht über Birma im Osten oder über Nepal im Westen fährt.

— Ich möchte darauf wetten, daß er über dieselben gehen wird.

— Jedenfalls!“ ließ sich da eine Stimme vernehmen.

Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der „Albatros“ über der Provinz Zyang gegenüber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal.

Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten den Weg nach Indien. Die beiden nördlichen, zwischen denen der „Albatros“ wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind die ersten Stufen des Grenzwalles im Süden von Central-Asien. Der Kuen-Lün, und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses längliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefähr in jener Höhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen und des Brahmaputra im Osten abgabeln.

Welch' wunderbares orographisches System! Hier ragen über zweihundert schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fünfundzwanzigtausend Fuß übersteigen! Vor dem „Albatros“ erhob sich der Mount Everest auf achttausendachthundertvierzig Meter Höhe; ihm zur Rechten der Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der Kinahanjunga, achttausendfünfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite Stelle einnimmt.

Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, über jene Gipfel hinwegzugehen, sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Pässe des Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Paß, den die Gebrüder Schlagintweit 1856 in einer Höhe von sechstausendachthundert Metern überschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu.

Jetzt kamen einige ängstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und wenn die Verdünnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte, daß man zu eigens dafür construirten Apparaten hätte greifen müssen, den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Kälte doch höchst beschwerlich.

Auf dem Vordertheile stehend und die kräftige Gestalt in einen Mantel gehüllt, leitete Robur alle Manöver. Tom Turner hielt die Barre des Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist überwachte aufmerksam seine Batterien, von deren Säuren glücklicher Weise ein Einfrieren nicht zu fürchten war. Die zur allergrößten Umdrehungsgeschwindigkeit angetriebenen Schrauben gaben einen immer schärfer werdenden Ton, der trotz der höchst dünnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Höhe von siebentausend Metern anzeigte.

Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten Blicke ausgebreitet! Ueberall weißglänzende Gipfel, keine Seen, aber gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fuß Höhe hinabreichen. Kein Gras, außer einigen dürftigen Kryptogamen an der Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschönen Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhängen der Kette in herrlichen Wäldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde, noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vögel, außer einzelnen jener Pärchen Raben, welche sich bis zu den letzten Schichten der athembaren Luft erheben.

Nachdem er diesen Paß durchschritten, begann der „Albatros“ wieder hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden, jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte.

Jetzt trat Robur an seine Gäste heran und sagte mit liebenswürdigem Tone:

„Da haben Sie Indien, meine Herren!“


X.
Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's Schlepptau genommen wurde.

Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte er nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch' außerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um davon selbst Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, daß der „Albatros“ vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist? Das wird sich später zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich anzuerkennen, daß die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz außerordentliche war, so ließen sie sich davon wenigstens nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren Augen bot, als der „Albatros“ den reizenden Landschaften des Pendjab folgte.

Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem gesundheitsschädliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den „Albatros“ ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefährden, er erhob sich ohne große Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni öffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen sich frei läßt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprüngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird dieselbe bewässert von den launischen Windungen des Flusses, der die Heersäulen Porus' und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe zusammenstoßen sah. Er füllt noch immer sein Bett, dieser Hydaspis, während die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen Sieg gegründeten beiden Städte so vollständig verschwunden sind, daß man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu finden.

Während dieses Vormittags schwebte der „Albatros“ über Srinagar — mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir — hin.

Onkel Prudent und sein Gefährte sahen eine sehr schöne, an beiden Flußufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken gleich ausgespannten Fäden, den Sennhütten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Gebäuden mit berasten Dächern, welche fast das Aussehen großer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canälen mit Barken gleich Nußschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren Palästen, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange der Vorstädte — das Ganze auch noch verdoppelt durch die Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die auf einem Hügel angelegt ist, wie das stärkste Fort von Paris auf dem Mont-Valérien.

„Das wäre Venedig, wenn wir uns in Europa befänden,“ sagte Phil Evans.

— Und wenn wir in Europa wären, würden wir den Rückweg nach Amerika schon zu finden wissen,“ antwortete Onkel Prudent.

Der „Albatros“ verweilte nicht über dem See, den der Fluß durchfließt, sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Während dessen versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe aufgesaugt wurde, welche die Ströme der Accumulatoren in Bewegung setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur wenige Meter über der Oberfläche des Hydaspis und nahe dem Ufer desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter dem Wasser fortschwammen, wie hätte Robur sie wieder ergreifen lassen können? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mußte er sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über dem Seebecken halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen Umstände eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustürzen, als sich mehrere Hände fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmöglichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten sich, die, welche sie hielten, zurückzustoßen — aber es waren handfeste Burschen, diese Leute des „Albatros“!

„Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren „Albatros“, so verläßt man diesen nicht so ... französisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen denselben überhaupt nicht wieder!“

Phil Evans zerrte seinen Gefährten, der sich schon zu einem Gewaltacte hinreißen lassen wollte, noch zurück. Beide begaben sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte.

Der „Albatros“ hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen. Während dieses Tages überschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Königreichs Herat.

In diesen noch immer so bestrittenen Ländern und auf diesem Wege, der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, erschienen große Haufen von Menschen, Colonnen, Gepäckwagen, mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche befindlichen Armee bildet. Man hörte wohl auch Kanonendonner und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage des Ehrgeizes oder der Humanität bildeten. War Herat, wie man sagt, wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch gar nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder eine moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berührten den furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschließlichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von Sand, wie er in diesen Gegenden so häufig vorkommt. Dieser Sturmwind, der hier „Tebbad“ genannt wird, trägt manche Fieberkeime mit dem unwägbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe hätte gefährden können, erhob sich der „Albatros“ um zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr gemäßigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch nur zu mittlerer Höhe an. Bei der Annäherung an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fuß Teheran erbaut ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem Sand-Samum auf.

Der „Albatros“ steuerte so, um über die Stadt hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhüllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man indeß die breiten Gräben erkennen, welche die Umwallung einschließen, und in der Mitte den Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau geschnitten scheinen.

Das schöne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der „Albatros“ nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau nach Norden. Einige Stunden später befanden sie sich über einer kleinen Stadt im nördlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer ausgedehnten Wasserfläche, deren Ende weder nach Norden, noch nach Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station Rußlands; die Wasserfläche aber fast ein Meer, nämlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach europäischer Art gebauter Häuser, welche, mit einem sie überragenden Glockenthurm, längs eines Vorgebirges lagen.

Der „Albatros“ senkte sich über dieses Meer, dessen Gewässer dreihundert Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend glitt er längs der früher turkestanischen, jetzt aber russischen Küste hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nächsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter über dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europäischen Seite war hier Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, daß es Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Küstenfahrt oder zum Fischfang benützte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die Ausläufer von Rauchsäulen bis zum „Albatros“ empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Rußland zu Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewässern unterhält.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch François Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

„Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem Kaspi-See verweilen.

— Schön, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu fischen?

— Ganz gewiß.“

Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei zweihundert (englischen) Meilen Breite mißt, mußte die Geschwindigkeit des „Albatros“ natürlich stark gemäßigt und letzterer während eines vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans gehört, der sich grade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhörlichen Klagen und bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, daß er ihn „auf der Erde absetzen“ lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er unter größter Vorsicht, von Niemand gehört zu werden, die wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

„Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden?

— Gewiß nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das paßt — und wenn er sie uns überhaupt wieder giebt.

— In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den „Albatros“ zu verlassen.

— Ein wundervoller Apparat, das muß man wohl zugestehen!

— Das ist wohl möglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurückhält. Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu vernichten ...

— Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir werden ja später sehen.

— Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fährt der „Albatros“ über den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Süden von Rußland nach Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fuß setzen mögen, bis zum Atlantischen Ocean hin wäre unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns also jede Stunde bereit halten.

— Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen können?

— Hören Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor, daß der „Albatros“ während der Nacht nur wenige hundert Fuß über dem Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von dieser Länge, und mit einiger Kühnheit könnte man sich wohl hinabgleiten lassen ...

— Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich nicht zaudern ...

— Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch hinzu, daß während der Nacht außer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewöhnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und gehört zu werden, dürfte es möglich sein, dasselbe aufzurollen ...

— Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergnügen, Onkel Prudent, daß Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der „Albatros“ wird noch tiefer hinabgehen und während des Fischzuges anhalten ... Könnten wir daraus keinen Vortheil ziehen? ...

— Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, überwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen.

— Und wer sagt, daß wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind? erwiderte Phil Evans.

— Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende machen mit diesem „Albatros“ und seinem Besitzer!“

Man sieht, daß die beiden Collegen — und vorzüglich Onkel Prudent — unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verführt werden konnten, die waghalsigsten und für ihre eigene Sicherheit vielleicht gefährlichsten Handlungen zu begehen.

Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der verächtliche Spott, mit dem Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhöhen, deren Druck jeden Tag deutlicher hervortrat.

An jenem Tage hätte übrigens ein neuer Auftritt bald einen höchst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, daß er dazu die Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, bemächtigte sich des Hasenfußes wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind — und wie ein Neger, der er ja war — fing er an zu jammern zu klagen und zu protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

„Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel! ... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, daß ich auf der Erde abgesetzt werde, und das sogleich!“

Selbstverständlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch die Ungeduld Robur's.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die Wand und heulte aus Leibeskräften.

Es war jetzt Mittag. Der „Albatros“ schwebte eben nur fünf oder sechs Meter über der Oberfläche des Meeres. Einige bei seiner Annäherung erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mußte also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, daß die beiden Collegen unter diesen Verhältnissen, wo sie gelegentlich nur hätten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sein mußten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, daß sie sich über Bord gestürzt hätten, so wäre es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des „Albatros“ wieder einzufangen. Während dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thätig dabei, während Onkel Prudent im Zustand fortwährend kochender Wuth sich in seine Cabine zurückzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine beträchtliche Bodendepression wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergießen sich die Gewässer sehr großer Ströme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u. A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken den Wasserüberfluß wieder entführt, hätte dieses siebzehntausend Quadratmeilen große Loch von fünf- bis sechshundert Fuß mittlerer Tiefe schon längst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden und Osten überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit höher liegt, so ernährt es doch eine große Menge Fische — wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Südende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des „Albatros“ die Befriedigung, welche er derselben gewährte, deutlich genug zu erkennen.

„Achtung!“ rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich bedeutender Größe und ähnlich einem Haifisch harpunirt hatte.

Es war das ein prächtiger, gegen sieben Fuß langer Stör, von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weißwein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den Flüssen gefangenen Störe noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des „Albatros“ mit großem Jubel begrüßt.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgroßen Sterlets wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten — ohne alle Transportkosten — unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in die Siedekessel der Mannschaftsküche.

Die Leute Robur's zogen mit großem Vergnügen die Leine ein, nachdem der „Albatros“ sie mehrere Stunden lang langsam dahingeführt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lärmen, Getöse) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde genügte, alle Behälter des „Albatros“ mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

Während dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehört, zu schreien, an die Wand seiner Cabine zu hämmern, mit einem Worte, einen unausstehlichen Lärm zu machen.

„Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

— Mir scheint, Herr Robur, daß er völlig Recht hat, sich zu beklagen, bemerkte Phil Evans.

— Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu ersparen, erwiderte Robur.

— Ingenieur Robur! ... ließ sich da der eben auf dem Verdeck erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

— Herr Präsident des Weldon-Instituts?“ ...

Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

„An das Ende des Taues!“ sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine geholt.

Aber wie jämmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten Zwecke benützen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er sollte nur aufgehängt werden.

Das Tau wurde nämlich außen in der Länge von etwa hundert Fuß abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu — er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren widersetzen wollen — sie wurden einfach zurückgestoßen.

„Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der darüber ganz außer sich war.

— Freilich! antwortete Robur.

— Das ist ein Mißbrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als durch Worte allein Einspruch erheben werde!

— Immer zu!

— Ich werde mich rächen, Ingenieur Robur!

— Rächen Sie sich getrost, Präsident des Weldon-Instituts.

— An Ihnen und Ihren Leuten!“

Die Mannschaft des „Albatros“ hatte sich in nicht besonders wohlwollender Haltung genähert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich zu entfernen.

„Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den sein College vergebens zu beruhigen suchte.

— Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

— Und ohne Rücksicht auf die Mittel!

— Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der Diener.“

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre Erstickung beklemmte, so daß Phil Evans ihn in seine Cabine führen mußte.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verändert und es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mißdeutung zuließen — ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sättigung der Atmosphäre hatte einen so hohen Grad erreicht, daß Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast leuchtende Dünste auf — was jedenfalls von der verschiedenen und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen ließ Myriaden von Lichtern auf der Oberfläche des Meeres hintanzen, deren Intensität um so lebhafter wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte.

Der „Albatros“ und jenes Meteor mußten bald zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? — Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau — ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurückblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen können, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit gewaltiger Macht durch die Himmelsräume rollte. Das ganze Personal bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu manövriren, daß sie entweder höher als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rücken ließen.

Der „Albatros“ befand sich eben ungefähr in mittlerer Höhe — etwa tausend Meter — als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit über ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windstoß folgte. Binnen wenigen Sekunden stürzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes Wort einzulegen und zu erklären, daß dieser wieder an Bord herangezogen würde.

Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und schon den nöthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit dem Einziehen des Taues beschäftigt, als sich eine plötzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Ruff.

„Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir müssen schnell höher, als das Unwetter steht, emporsteigen.

— Es ist unmöglich, Herr Ingenieur.

— Warum?

— Die Ströme sind gestört ... Es treten Unterbrechungen ein.“

In der That senkte sich der „Albatros“ schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Strömen in den Telegraphendrähten vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den regelmäßigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mußte damit enden, daß der Aeronef, ohne daß man seiner ferner Herr war, in's Meer hinabstürzte.

„Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone herauskommen. Vorwärts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!“

Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn eiligst nachzukommen.

Obwohl der „Albatros“ sich nur einige hundert Fuß gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mußte jeden Augenblick fürchten, daß ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefährlicher Sturz zu werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, daß er in weniger als einer Minute auf der Meeresfläche angelangt sein mußte, und einmal in's Wasser getaucht, hätte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Plötzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. Der „Albatros“ war jetzt nicht mehr als sechzig Fuß vom Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu überfluthen.

Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel für die Vorwärtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden Ströme geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphäre keinen Einfluß äußerte ... in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der „Albatros“ hielt sich in geringer Höhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, das er bald hinter sich zurückließ.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, daß Frycollin, wenn auch nur für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an Bord zurückkam, war er durchnäßt, als hätte er die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am nächsten Tage, am 4. Juli, hatte der „Albatros“ die Nordgrenze des Kaspi-Sees überschritten.