Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewöhnt sein mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt. Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.
Wohin steuerte nun der „Albatros“? Sollte er wirklich noch mehr als eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der Erde, wo der „Albatros“ sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.
Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur? Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.
Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich so in's Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen Umherfliegen verurtheilt zu sein — mußte das den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeußerste treiben?
Inzwischen schwebte der „Albatros“ am Abend des elften Juli über den Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem nördlichen Horizont verschwunden.
Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt. Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser zu sagen, „um sich“, denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je seine Grenzen erreichen könnte.
Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um in ihm die „Angst vor der Leere“ zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz muthige Naturen nicht entziehen können.
Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.
Von den 373,895.343 Quadratkilometern5, welche die Oberfläche der Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe, wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.
Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate, entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen nach der Neuen Welt zu — wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.
Der „Albatros“ versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der transatlantischen Dampfer immer noch überholte.
Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen Mannschaft besonders angemeldet wurde.
Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen gebräuchlich sind.
Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm nun einmal kein Vertrauen einflößte.
Am Morgen des 15. schwebte der „Albatros“ über den Inseln Ascension und St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich einige Stunden lang am Horizonte zeigten.
Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand, ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben entweichen sehen.
Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.
War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.
Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft feine Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten — eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen Ocean schwebend erhielten.
Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.
In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.
Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen würden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem tiefsten Winter entspricht. Wenn der „Albatros“ noch weiter nach Süden vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.
Das Meer aber „empfand das“, wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen, welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.
Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum „Albatros“ hinauf, so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern — über Flammen ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.
Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein, denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte man dieselbe nicht zuschreiben.
Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine sehr hohe sein müsse.
Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl dem Untergang geweiht gewesen. Der „Albatros“ dagegen spielte mit Wind und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche hinzugleiten, so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein aufsuchen.
Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.
Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der „Albatros“, um eine günstige Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.
Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke, dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.
Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.
In einem Augenblick wurde der „Albatros“ in den Wirbel einer riesigen Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung ganz eingebüßt und der Aeronef wäre in's Meer gefallen; jetzt wurde er nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.
Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die Centrifugalkraft wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu fallen.
„Ruhig Blut!“ rief Robur.
Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.
Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch fest zu klammern.
Und während sich der „Albatros“ in dieser Weise um sich selbst drehte, folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die mit einer Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen, wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke zerrissen zu werden.
„Einen Kanonenschuß!“ rief der Ingenieur.
Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und sofort sanken einige Tromben zusammen.
Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel verbanden.
Endlich befreit, beeilte sich der „Albatros“, um einige hundert Meter aufzusteigen.
„Nichts zerbrochen an Bord?“ fragte der Ingenieur.
— Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten.“
In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der „Albatros“ in größter Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er dem Wirbeln der Tromben schwerlich widerstanden haben.
Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen, beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.
Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im Süden Land zu entdecken.
Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er, Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen, öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben, wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.
„He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?
— Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf, der alle diese Faseleien für Ernst nahm.
— Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer hübschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der Neger!“
Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte also nur noch daran, sich zu rächen.
„Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.
— Unmöglich, Onkel Prudent!
— Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es sein muß, indem er sein Leben opfert ...
— Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der „Albatros“? ... Jetzt fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem Südpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wären wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen ...
— So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört haben!“
Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.
Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit finden, in die Munitionskammer einzudringen.
Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem Gedanken, daß der „Albatros“ in die Luft gesprengt werden sollte, würde er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.
Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße. Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb fortwährend unter 0 Grad zurück.
Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der „Albatros“ zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im sogenannten Hungerhafen.
Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah, wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben, so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darüber nicht urtheilen, da sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.
Doch welch' Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen, Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige Caps und Halbinseln — all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten Ausläufer der Neuen Welt!
Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der „Albatros“ wieder eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.
Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.
Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete — vorzüglich deren mittlerer Theil — im Sommer gezeigt, wo die Tage fünfzehn bis sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen, Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen, welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen bewohnen. Als der „Albatros“ seine elektrischen Lichter erglühen ließ, flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gänse — hundertmal mehr, als François Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord.
Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu rupfen.
Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte, auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über dessen Oberfläche hin.
Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.
Der „Albatros“ steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung donnert.
Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der südlichen Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nördlichen Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad überschritten, der im Norden Europas Schottland in der Höhe von Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg durchschneidet.
Der Thermometer hielt sich auch fortwährend unter 0 Grad, so daß es sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche Wärme etwas wohnlicher zu machen.
Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich kürzer wurde, da der „Albatros“ einen Curs nach den Polarregionen einhielt.
Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile des Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche Kälte. Um ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der Eskimos und Fuegier kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte, konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. Uebrigens sahen sie Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen Drohungen, der über Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie nicht mit einander.
Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage's heraus, der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte — unter der Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich machte. Da das nicht ohne Vortheil für ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubniß seines Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht, was draußen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschützt glauben. Glich er nicht völlig dem thörichten Strauße, nicht allein physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch seine kindische Beschränktheit?
Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der „Albatros“ sich nun wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter über diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols hinauswage? Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphäre doch Allen der Tod — der schreckliche Tod des Erfrierens. Daß Robur es unternommen hätte, in der warmen Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien dies dagegen wie der Streich eines Tollhäuslers.
Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende der Neuen Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören.
Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des fliegenden Apparats zu beendigen?
Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags zu erkennen.
Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, da es darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu erhalten.
Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.
„Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin?
— Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel Prudent.
— Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern.
— Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über die er verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.
— Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausführung bringen können ... wenn er daselbst ankommt ...
— Er wird nicht ankommen, Phil Evans!“
Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch schwand jeder Zweifel, daß der „Albatros“, nachdem er die Grenzen des südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rückwärts steuerte.
Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, mußten sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die tollkühnsten Reisenden.
Gewiß hätte der „Albatros“, wenn er seinen Flügelschlag beschleunigte, diese über den Ocean aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können, wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge — wenn es überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse überdeckt. Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen bis 60 Grad unter Null abkühlen kann.
Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, wandte sich der „Albatros“ nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlüge.
Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die zum Theil dem Ocean den Namen des „Milchmeeres“ erworben haben. In dem Halbdunkel, welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen, erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären. Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer sein können.
Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des indischen Oceans zu begegnen.
Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich hoch gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.
Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.
„Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont? ... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein?
— Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.
— Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug.“
Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner bezeichneten Punkt hinaus.
Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den fraglichen Gegenstand.
„Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen in demselben befinden.
— Schiffbrüchige? rief Tom.
— Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen. Wohlan, es soll Niemand sagen können, der „Albatros“ hätte nicht den Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!“
Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.
Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu handhaben.
Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon ereilt hatte.
Ueber ihnen angekommen, ging der „Albatros“ langsam nach unten. Am Heck des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es gehört hatte; es war die „Jeannette“ von Nantes gewesen, ein französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.
„Aoh!“ rief Tom Turner.
Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig Fuß unter ihm.
Keine Antwort.
„Schießt ein Gewehr ab!“ sagte Robur.
Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich weithin über die Oberfläche des Wassers.
Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines Skelets ähnelte.
Als er den „Albatros“ bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der helle Schrecken.
„Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu retten. Wer seid Ihr?“
— Matrosen von der „Jeannette“, einer Dreimastbark, deren zweiter Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ... mußten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ... Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ...“
Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die Hände nach dem Aeronef empor.
„Achtung!“ rief Robur.
Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser wurde zu dem Boote hinabgesendet.
Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast, welche fast widerlich mit anzusehen war.
„Brot! ... Brot! ...“ riefen sie.
Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven, einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter. Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.
„Wo sind wir denn? fragte er dann.
— Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel, antwortete Robur.
— Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ...
— Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen.
— Wer sind Sie?
— Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren, Euch Hilfe zu bringen,“ erwiderte einfach Robur.
Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu schleppen?
Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.
Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen der „Jeannette“, und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für ein Wunder zu halten.
Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen, was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der „Albatros“ steuerte wieder auf die offene See hinaus.
Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen, es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des ganzen Zwischenfalls zu leugnen.
Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen Maschinen des „Albatros“ ein lautes Pfeifen verursachten und diesen merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen hätte ein Segelschiff schon die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen. Alles deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.
Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und Tornado an der Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt dieses Maelstromes der Lüfte.
Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.
In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.
„Hinauf! befahl Robur.
— Hinauf!“ wiederholte Tom Turner.
Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die sich nach Südwesten hin senkte.
Da fiel der Barometer noch weiter — die Quecksilbersäule sank schnell um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende Bewegung des „Albatros“ vollständig auf.
Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.
Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage befand sich jetzt der „Albatros“.
Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwerere Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des „Albatros“ nur in geringem Umfange unterbrachen?
Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der „Albatros“ gewiß bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern umwerfen.
Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen. An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans, ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung vernichten würde.
Da es nun dem „Albatros“ nicht gelang, sich in lothrechter Richtung diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu entreißen?
Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten sich zu einem furchtbaren Platzregen.
Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen ist.
Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nördlicher und dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch, warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.
Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit forttragen zu lassen, die der „Albatros“ nicht überwinden und aus der er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin der Orkan ihn trug.
Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen geschleudert zu werden.
Mit den ersten Stunden des Tages — wenn man den schwachen Schein, der den Horizont färbte, so nennen konnte — hatte der „Albatros“ vom Cap Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.
Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete darauf hin, daß sich der „Albatros“ wie in einen Abgrund in dieselbe stürzen müsse.
An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.
Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel hingezogen, „verzehrte“ seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure, daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das Steuerruder wirken zu können.
Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die Seele des Chefs auch in ihr lebte.
Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen. Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.
Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerszeit nicht zum Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist, als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet wird.
Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen werde. Der „Albatros“ gelangte unter den 75. Grad westlicher Länge nach dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er wieder aus demselben heraustreten sollte?
Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.
Höchst wahrscheinlich kam der „Albatros“ nahe dem Polarkreise über einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und über das Louis Philipp-Land, das Dumont d'Urville als äußersten Ausläufer des unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.
An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich führte.
Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag! Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen „Blink“ der Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse verschmolzen?
Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend zu gewähren.
Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.
Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:
„Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!“
Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie unter ihrem Eispanzer bergen mochte.
Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.
Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle, die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.
Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der „Albatros“, wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige Küste geworfen wird.
Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.
Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.
Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind, der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug. Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom „Albatros“ entfernt, zwei leuchtende Punkte.
Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.
Sollte der „Albatros“ in den Flammen gleich einem riesigen Schmetterling verbrennen?
Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des Vulcans nicht befreien konnte, loszustürzen ... Sein Flammenbüschel wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.
Der Orkan aber, der den „Albatros“ mit sich fortriß, rettete ihn auch vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption begriffenen Krater hinweg.
Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht erleuchten.
Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkettet war.
Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der „Albatros“ unter dem fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan über die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja der beste Pilot.
Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem, unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105 Grad bildet.
Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der „Albatros“ wurde wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine große Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel, und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.
Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß gewesen, als sie der „Albatros“ unter gewöhnlichen Umständen hätte entwickeln können.
Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete, wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien, um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt nicht sichtbar.
Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.
Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.
Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.
Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren zu können.
Der Wind hatte sich — ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes Vorhabens — fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte der „Albatros“ wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen werden.
Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der „Albatros“ blieb unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.
Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia überhaupt mit der Erde in Berührung kam.