Eingeborne Postboten.
[Eingeborne Postboten.]

Doch schon nach fünfstündigem Marsche war ich außer Stande den Weg fortzusetzen, die schwere Fußbekleidung hatte meine Fuße gänzlich dienstunfähig gemacht; ich blieb am Rande des zum Molopololekessel führenden Kobuque liegen und sandte Boly und Pit zu Rev. Price und Seschele. Stunde um Stunde verrann, es war ein böses Omen für den Erfolg ihrer Mission—endlich spät Nachmittags hatten sie mich wieder erreicht, wie ich es geahnt, war ihr Gang vergebens.

Die Rückkehr zum Wagen war für mich eine wahre Martertour. Der Regen hatte zahllose Samen einer Ranunculus-Species (R. crepens) von der Höhe in das Thal herabgeschwemmt, die ob ihrer stachlichen Eigenart von den Boers »Develkies« genannt werden. Unfähig in meiner Beschuhung den Rückweg anzutreten, mußte ich es barfuß thun,—das weitere bedarf keiner näheren Schilderung. Mitternacht war nicht fern, als wir das lodernde Feuer des Lagers meiner Gefährten mit einem Freudenschrei begrüßten—die Stunde der Erlösung war gekommen.

Scene aus dem Leben der Masarwa's.
[Scene aus dem Leben der Masarwa's.]

Wir beeilten uns am 27. zeitlich Morgens die Stätte trüber Erinnerungen zu verlassen und setzten die Reise durch den tiefsandigen Wald nach Norden fort. Die schlechte Beschaffenheit des Weges nöthigte uns zu öfterem Rasten; während einer solchen kam Pit, welcher die Zugthiere abseits des Wagens zwischen den Grasbüschen weiden ließ, athemlos auf mich zugelaufen und schrie von Weitem. »Teiger, Teiger, Bass!« Bei näherer Untersuchung fanden wir zwar keinen Teiger (Leopard), jedoch zahlreiche Spuren desselben auf den salzhaltigen Stellen des Bodens. Ich hielt es daher für rathsam, den Marsch wieder weiter aufzunehmen.

Die Reise am 28. führte uns theils durch einige seichte Vertiefungen, welche deutlich den Abfall des Bodens nach Osten zu zeigten und in einige in der Regenzeit dem Limpopo zufließende Bachbetten ausliefen, theils durch sandigen Wald, in dem ich mir, nach dem Weglaufen der Diener als unfreiwilliger Wagenlenker meine Sporen zu verdienen hatte. Von Wildspuren fanden wir jene des gestreiften Gnu, der Elandantilope, des kurzschwänzigen Schuppenthieres und auch solche von Hyänen zahlreich vor.

Auch am 29. war die Fahrt recht beschwerlich, nicht allein daß der Sand nicht abnahm, es hob sich das Land merklich gegen Norden. Die Entfernung von Molopolole nach Schoschong beträgt in der kürzesten Strecke 128 englische Meilen, doch kann man diese, häufigen Wassermangels halber, nicht zu allen Jahreszeiten passiren und muß deshalb zeitraubendere Touren wählen. Zu Fuße kann die Strecke mit Benützung der Fußpfade in fünf Tagen zurückgelegt werden, eine Leistung, die auch von den Post-Betschuana's zu Stande gebracht wird. Der im westlichen Theile des Marico-Districtes wohnende Missionär, Herr T. Jensen, versieht den Dienst des Postmeisters für das Innere, d.h. für die in den Eingebornenstädten wohnenden Missionäre und Händler, bei denen auch die Briefe, die den Jägern von den Ihrigen nachgesendet werden, aufbewahrt werden. Wöchentlich kommt ein Eingeborner mit den Briefen von Molopolole und bringt die in Linokana angekommenen nach der Balwenastadt; alle vierzehn Tage werden wieder zwei Bamangwato von Schoschong von dem dortigen Prediger nach Molopolole gesandt, um die Post, die der Molopololer von Linokana gebracht, nach Schoschong zu befördern. Ein Feuerbrand, einige Assagaien, auf welche sie rohes Fleisch spießen und der lederne Gurt mit den Briefen ist die ganze Ausrüstung der Postboten. Früher wurde je ein Mann für diesen Postdienst von Schoschong nach Molopolole auf sechs Monate gemiethet, er erhielt Kost und wurde mit einer Muskete und etwas Schußmaterial, gegenwärtig aber mit barem Gelde für seine Mühe entlohnt.

Flüchtender Leguan.
[Flüchtender Leguan.]

Zahlreiche Löwen- und Leopardenspuren am Rande der vielen vegetationslosen Bodeneinsenkungen mahnten uns am folgenden Tage zur größten Vorsicht, auch bot der tiefe Sand, in dem die Räder bis acht Zoll tief einsanken, große Schwierigkeiten. Einst mochten diese eben durchzogenen Gegenden sehr wildreich gewesen sein, dafür sprachen die aufgehäuften Skelette von Antilopen, besonders des Elands und der Giraffe. An keinem der vielen, hier und auf der weiteren Reise nach Schoschong angetroffenen Giraffenschädeln beobachtete ich die kleinen knöchernen Stirnauswüchse gleich hoch, an manchen einen, an manchen beide mit Exostosen bedeckt, oder durch solche an der Stirnbasis brückenförmig mit einander verbunden.

Trocknen von Giraffenhäuten.
[Trocknen von Giraffenhäuten.]

Gegen Abend fiel mir Niger's Betragen auf, der im Grase zu unserer Linken hin- und herlief. Ich rief Onkel herbei—wir hatten nach und nach die übrigen Hunde (sieben) eingebüßt—beschleunigte meine Schritte und kam eben noch zur rechten Zeit, um einen riesigen Landleguan gemächlich auf einen Baum klettern zu sehen. Auf dem ersten horizontallaufenden, dicken Aste legte er sich flach nieder und dehnte sich derart, daß man ihn leicht übersehen hätte, wenn nicht die gelblichen Querstreifen von der grauen Rinde des Baumes grell abgestochen hätten. Das Thier, welches durch sein plötzliches Erscheinen die befiederten Bewohner des Baumes nicht wenig erschreckt hatte, blieb vollkommen ruhig auf dem Aste liegen, man sah nur die Bewegungen der Augenlider und das momentane Aufblitzen der kleinen schwarzen, glänzenden Augen. Ein Schrotschuß tötete das Thier, das meinen Sammlungen einverleibt wurde.

Am 31. waren wir wieder in tiefsandigen Wald gelangt, die Gegend zeigte wellenförmige, geringe Bodenerhebungen, welche stellenweise bebuscht oder mit Bäumen schütter bestanden, stellenweise jedoch dicht bewachsen waren, während die seichten Vertiefungen eine äußerst üppige, wenn auch nicht tropische Vegetation bargen. Der Regen hatte in den letzten Tagen abgenommen und die südafrikanische Decembersonne ließ uns warm ihre Strahlen fühlen. Auf dem tiefsandigen engen Wege einherziehend, machte mich B. auf einen dunklen, auf einem hohen Kameeldornbaum hängenden Gegenstand aufmerksam. Wir fanden nähergekommen mehrere große Stücke trockener Giraffenhaut, die von den Jägern vor langer Zeit aufgehangen und vergessen worden sein mochten. In der Untersuchung derselben wurden wir durch einen herbeieilenden Makalahari unterbrochen, welcher durch seine Mittheilung, daß die Haut dem Morena Seschele gehöre, alle Annexionsgedanken im Keime erstickte. Er und seine im Walde wohnenden Gefährten waren hier stationirt, um die zeitweilig anzutreffenden Giraffen zu jagen. Das Fleisch gehörte ihnen, doch die Haut dem Könige. Die weitere Mittheilung des von mir beschenkten schwarzen Jägers, daß wir erst zu Mittag des folgenden Tages auf Wasser stoßen würden, trieb uns zur Eile an. Erst die einbrechende Nacht machte unserem Tagemarsche ein Ende.

Am Lagerplatz angelangt, berieth ich eben mit meinen Gefährten, wie der Wassernoth zu begegnen sei, als die Hunde zu knurren anfingen. Aus dem Benehmen derselben, die, ohne die Nähe des Feuers zu verlassen, auf eine Stelle in's Dunkle hinblickten und dann sich nach der entgegengesetzten Seite kehrten, wobei es uns auffiel, daß sie einen sich um unser Gefährt in den Gebüschen bewegenden Gegenstand witterten, schloß Pit, daß diesmal Masarwa oder Makalahari (die Sclaven der Bakwena's) die Ruhestörer waren.

Ein leises »Rumela, Sir!« das uns aus den Gebüschen entgegentönte, löste jeden Zweifel; nachdem Pit die Hunde zur Ruhe verwiesen hatte, traten zwei Schwarze an's Feuer, es waren die Postboten aus Schoschong auf dem Wege nach Molopolole. Der eine trug ein großes Stück Fleisch, das er in einem, eine halbe Tagreise entfernt liegendem Barwadorfe für eine Handvoll Zündhütchen erhandelt; als sie sahen, daß wir mit dem Wasser recht sparsam umgehen mußten, boten sie uns ihre beiden mit Wasser gefüllten und mit frischen Grasbüscheln zugepfropften Kalebassen an, leider konnten wir des starken Geruches der unrein gehaltenen Kürbisgefäße halber von ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen.

Der Neujahrsmorgen 1874 brach recht trübe an, Tags zuvor war es glühend heiß gewesen, heute war der Himmel mit Wolken bedeckt und die Atmosphäre bedeutend abgekühlt. Gegen Mittag heiterte sich der Himmel auf und als wir unsere Ost bei Nord-Richtung in eine nördliche änderten, sahen wir in eine Vertiefung vor uns, die sich nach Osten zu ziehen und der Anfang eines Thales zu sein schien, sowie eine kleine Rauchsäule an der bebuschten Erhebung ober dieser Vertiefung. Ein Säule Gold hätte uns alle nicht so elektrisiren können, wie es der bläuliche, in kleinen Wölkchen sich emporhebende Dunst und Rauch vermochte. Nach und nach erkannten wir auch einige elende Grashütten, dann spielende Kinder in ihrer Nähe und unten in der Tiefe zwei Barwa, die auf uns zu warten schienen. Ich sandte Pit voraus, um nach Wasser zu fragen; als wir zur Gruppe gestoßen waren, theilte uns der Diener mit, daß außer einigen tiefen, engen Löchern, aus denen nur die Bewohner des kleinen Dörfchens Wasser holten und aus denen höchstens Ziegen trinken konnten, kein trinkbares Wasser in der Nähe sei, wohl aber gegen Sonnenuntergang, wohin sie uns mit der Erlaubniß ihres Herrn, eines Bakwena's, führen wollten.

Unser Führer gehörte ebenfalls dem Bakwenastamme an. Ich glaube schon erwähnt zu haben, daß die Betschuana's sowie die Koranna's von Mamusa Diener, oder besser gesagt Sclaven besitzen, die dem Makalaharistamme (auch Bakalahari) angehören, welcher früher die Gebiete zwischen dem Zambesi und dem Oranjeflusse sein eigen nannte. Außer diesen Sclaven, die jedoch ziemlich mild behandelt werden, befinden sich in den sechs Betschuana-Reichen noch zwei andere Stämme in der Stellung von Sclaven den Betschuana's gegenüber, doch ist diese Stellung eine drückendere, denn während es zu geschehen pflegt, daß Makalahari freigelassen werden, und zuweilen eine Annäherung und Verschmelzung der Ma- oder Bakalahari und der Bakwena's etc. statthat, geschieht dies nie zwischen den letzteren oder anderen freien Betschuanastämmen und den beiden hart behandelten Sclavenstämmen, den Barwa's, die bei den nördlichen Betschuana's Masarwa's genannt werden, und den Madenassana's, die in dem nordwestlichen Gebiete der östlichen, und dem nordöstlichen der westlichen Bamangwato's wohnen.

Masarwa's am Feuer.
[Masarwa's am Feuer.]

Ich möchte die Barwa's und Masarwa's als ein Mischlingsvolk, hervorgegangen aus der Verschmelzung der Makalahari, d.h. eines Zweiges derselben, mit den Buschmännern bezeichnen. Gestalt, Teint, Gebräuche und die Sprache sind ebenso viele Indicien für diese beiderseitige Verwandtschaft und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich die Barwa's und Masarwa's ein Bindeglied zwischen den Buschmännern und der Banthufamilie nenne. Während die Makalahari etwa Leibdiener, hauptsächlich aber Hirten der Betschuana's sind, haben die übrigen Sclavenstämme Jagddienste zu versehen, in welcher Beschäftigung sie ihre Gebieter auch weit übertreffen. Der Bogen und der Pfeil, den Betschuana's fremd, sind bei den Barwa und Masarwa wie bei den eigentlichen Buschmännern noch immer im Gebrauch, ebenso verstehen sie die Thiere in Fallen, d. h. mit vergifteten Assagaien (siehe die Illustration Seite 44) und in Fallgruben zu fangen, als Antreiber sind sie—wie die ihnen bezüglich der Sprache und des Gesichtsausdrucks verwandten, doch sich sonst an die westlichen Eingebornenstämme anlehnenden Madenassana's—vorzüglich verwendbar. Nur gegen ihre Verschmitztheit, Untreue und ihren Hang zum Diebstahl ist es gerathen, sich vorzusehen.

Anschleichende Masarwa's.
[Anschleichende Masarwa's.]

Sie bewohnen in wildreichen Gegenden kleine Dörfchen, d.h. Hütten, deren heuschoberähnliches Gerippe aus einigen in die Erde schief eingetriebenen, etwa fünf Fuß über dem Boden miteinander verbundenen Pfählen besteht und mit einer Lage von dürren Zweigen und Gras überdeckt wird. Sonst zeigt keine Umzäunung, blos einige glatte Steine, worauf Samen zerrieben, Knochen zerschlagen oder geschliffen werden, sowie einige Aschenhaufen, zahlreiche trockene Schoten von Leguminosen (Bäumen, Sträuchern und Pflanzen) und einige Fußpfade, daß hier Menschen hausen oder gehaust haben. Gewehre und Schießbedarf werden ihnen anvertraut, die Felle, Straußenfedern, Elfenbein und Rhinoceroshorn, nebstdem auch wilde Früchte, wie jene des Baobab, der Fächerpalme etc. müssen sie an ihre Herren abliefern. In der Regel finden wir jedoch einen Bamangwato oder Barolong etc., dessen Leibdiener sie sind, mit ihnen jagen, kehrt er heim, so übergibt er dem ältesten von ihnen das Commando. In jedem andern Falle müssen sie sich nach zwei bis fünf Monaten in der Hauptstadt einfinden und die Jagdbeute abliefern. Bei dem Besuche derselben ist es ihnen aber nicht gestattet, bei Tage in die Stadt zu treten, sie lassen sich vor der Stadt nieder, und nachdem sie dem nächsten besten Einwohner ihren Namen, ihren Wohnort und den Zweck ihres Kommens mitgetheilt und dieser es dem König hinterbracht hat, wird ihnen am Abend nach Sonnenuntergang ein Bote zugesendet, der sie in die Kotla führt. Solche, die den Besuch der königlichen Stadt zur bestimmten Zeit unterlassen, wenden durch einen von dem Chef ausgesendeten Boten an ihre Pflichten gemahnt und abgeholt.

Die Masarwa's sind von mittelgroßer Statur, besitzen einen röthlichbraunen Teint und abstoßende Gesichtszüge; in ihrer Gestalt nähern sie sich dem Buschmanne, in ihren Gesichtszügen und dem Teint den Makalahari's. Sie sind weniger treu und anhänglich als letztere, darum werden sie auch von ihren Herren seltener im Kampfe und als Hirten benützt, wohl aber als Spione oder um die Grenzen zu bewachen und von der ersten Annäherung eines feindlichen Haufens nach des Königs Stadt Nachricht zu bringen.

Kein Stamm im centralen Süd-Afrika versteht es in den trockensten Gegenden mit solchem Erfolge nach Wasser zu spüren, die Fährte des Wildes so treu aufzunehmen und das Wild so geschickt und unbemerkt zu beschleichen und zu überlisten wie die Barwa's und Masarwa's. Weil sie jedoch in Folge ihrer Untugenden von den Betschuana's hart behandelt werden, sind sie auch den Weißen gegenüber mißtrauisch geworden. Reist man durch die Kalahari, oder in den sandigen Wäldern, die wir eben durchzogen, oder in jenen zwischen Schoschong und dem Zuga-River und jenen zwischen den Salzseen und dem Zambesi, so ist man oft, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, von Angehörigen dieses Stammes gefolgt, der ob seines Mißtrauens und um nicht schwere Arbeit verrichten zu müssen, sich scheu in der Ferne des Weißen hält. Hat man jedoch ein Stück Hochwild geschossen, so sieht man sich, bevor noch die Beute erstarrt, von einem Trupp Barwa's umringt, welche mit Ungeduld den Moment erwarten, zum Ausweiden der Jagdbeute aufgefordert zu werden, um einen Theil des Fleisches als Entlohnung zu erhalten. Ich möchte sagen, sie sind unter den südafrikanischen Racen das, was unter den Vögeln der Aasgeier und unter den Säugethieren die Schakale. Kreist in den obgenannten Gegenden ein Aasgeier hoch in den Lüften, so hat ihn auch schon des Masarwa Auge erspäht und er eilt rasch nach der Stelle zu, wo der Geier sich niedergelassen. Ueberraschen sie nun bei solcher Gelegenheit den König der Thiere beim Mahle, so trachten sie durch Geschrei, mit Stein- und Feuerbrandwürfen das Raubthier zu verscheuchen, angegriffen, flüchten sie sich wie die Affen in die Bäume und verkriechen sich wie die Wiesel in die Dorngebüsche, um dem sie verfolgenden Löwen einen ihrer vergifteten Pfeile in eine dünnere Hautstelle einzubohren.

Nach der Mittheilung meines Freundes Mackenzie werden diese Masarwa's und Barwa's von den Betschuana's in der Regel Masarwa a bolotsana thata, d.h. schlechte Menschen (Bösewichter) und Masarwa Ki linoga hela (wahre Schlangen) betitelt.

Gleich den Buschmännern in der Colonie und im Oranje-Freistaat hassen die Barwa's und Masarwa's Ackerbau und Viehzucht, doch beobachtete ich nie—außer an einigen, jenen der Makalahari's ähnlichen, auf Bein und Holz ausgeführten, höchst einfachen, eingebrannten oder eingeschnittenen Strichen etc.—daß sie Gravirungen in Stein ausführen oder steinerne Objecte in ihrer einfachen Haushaltung benützen würden. Dagegen arbeiten sie lange Ketten aus rundlichen Straußeneier-Scheibchen und andere Verzierungen aus diesem Material. Ich konnte bei ihnen weder von einem Höhlenbau in Felsen, noch etwas von einer Ausschmückung der Felsenkuppen sehen oder in Erfahrung bringen, hingegen fand ich bei ihnen den crassesten Aberglauben in voller Blüthe.

Auf der Jagd, mag der Masarwa nun allein oder in Begleitung seines Betschuanaherrn sein, werden die einfachen Knochen- und Holz-Amulete (Dolos) geschüttelt und geworfen, um die Richtung des Wildes, die Art und Zahl desselben und den Erfolg der Jagd zu erfahren. Sie werden auch in Krankheitsfällen befragt, und ob der »Herr« kommt. Von den Betschuana-Herren hat er den Namen Morimo für Gott aufgeschnappt, und obgleich der Betschuana selbst den Begriff Morimo, der von seinen Vorfahren verehrt wurde, bis auf den Gedanken, daß Morimo ein höher als die Morena's (Fürsten) gestelltes Ding oder höheres Wesen bezeichnet, verloren, so bezeichnet doch auch der Masarwa und der Barwa seine Dolos, die ihn über alles belehren und unterweisen sollen, seinen Schatz und seinen theuersten Besitz mit Morimo, er meint »dies ist mein Gott (Se-se morimo-se)« oder er sagt »die Dinge meines Gottes (Lilo tsa Morimo oa me)« und Dinge die ihn benachrichtigen, »Lilo-lia impulelela mehuku.« Doch nicht allein, daß ihm die Dolos sein Morimo oder die Eigenschaft, das Eigenthum eines mächtigen Wesens sind, er behauptet auch andererseits, daß er selbst mit dem Werfen dieser Dolos Morimo Gelegenheit gebe, seine Kenntniß darzuthun, und daß er selbst Morimo's Werkzeug sei.

Die Barwa- und Masarwamänner zeigen ihren Frauen gegenüber mehr Anhänglichkeit als die Betschuana's und Makalahari's, die schwerste ihnen zukommende Arbeit ist das Wasserholen in den mit Bast, Stricken oder Thierhautstreifen umflochtenen Straußeneier- oder Kürbisschalen und das Tragen der kaum nennenswerthen Hausutensilien. Die primitiven Hütten sind in wenigen Stunden mühelos hergestellt. Eine große Anhänglichkeit zeigt der Masarwa für seine Hunde, die, im Gegensatz zu der schlechten Behandlung, die diesem Hausthiere von den Betschuana's zu Theil wird, bei ihnen zumeist gut gepflegt werden.

Von ihren Gebräuchen sind nur wenige bekannt, da noch kein Reisender in der Lage war, längere Zeit in oder in der Nähe eines Masarwadorfes zu wohnen und ihrer Sprache mächtig zu werden; wir wissen blos, daß sie sich im Stadium der Pubertät, mit einem Knochen die Nasenscheidewand durchbohren und ein Holzpflöckchen einschieben, um eine kleine kreisrunde Oeffnung zu erzeugen. Das Hölzchen wird, nachdem der Zweck erreicht, wieder entfernt; sie benennen diese That rupa, was jedoch ein aus der Setschuana entnommenes Wort ist und die Einleitungceremonie zu der Beschneidung bei den Betschuana's bezeichnet.

Neujahrstafel im Urwalde.
[Neujahrstafel im Urwalde.]

Was vielleicht dem Reisenden am meisten an den Masarwa's, die in manchen Gegenden über Mittelgröße, ja zuweilen im Lande der Bamangwato's oder Bakwena's etc. ebenso wie der herrschende Stamm von hoher Statur sind, neben der Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge am meisten auffällt, das sind die röthlichen, wie halbgeröstet aussehenden vorderen Schienbeinflächen, oft tragen die Vorderarme und der Rücken sowie die Fußrücken und Schenkel ähnliche narbenartige Merkmale. Der Masarwa—in selteneren Fällen der Makalahari—der kaum mehr als ein kurzes Fellstück, über die Schulter geworfen hat und zuweilen außer einem kleinen aus Elandfell gearbeiteten Schildchen nichts zu seinem Schutze mit sich trägt, ist gegen die Kälte sehr empfindlich. Statt sich nach Betschuanasitte ein umzäuntes Höfchen zu machen und hier oder nach jener der Koranna's in der Hütte selbst ein Feuer anzuzünden, entzündet er das seine stets im Freien und sucht sich dann so rasch wie möglich zu erwärmen; er rückt dem Feuer so nahe wie möglich und schläft hockend mit auf die Kniee gesunkenem, zwischen die Arme gepreßtem Kopfe ein, daher sind dann auch die vorderen Unterschenkelflächen dieser armen Geschöpfe denen des Metatarsus der paarenden Straußenhähne nicht unähnlich gefärbt.

Berichtet man von dem Buschmann der Colonie, daß er die Haut des Wildes benützt, um sich demselben bis auf Treffweite seines Pfeiles zu nähern, so benützt der Masarwa einen kleinen dichten Busch als Deckung, d.h. den Busch mit der einen Hand vor sich hinhaltend und vorschiebend, um in kriechender Stellung seine Opfer zu beschleichen. »Eines Abends,« erzählte ein mir wohlbekannter Jäger, »saß ich allein an meinem Feuer in einer der weiten Ebenen des Mababifeldes. Vor mir lag die Ebene, das Gras war noch jung, kaum zwölf Zoll hoch. Ich rauchte und blickte auf die Ebene hinaus; vor mir hob sich hie und da ein kleiner Busch empor. Als ich nach einer Weile wieder aufsah, schien es mir, als ob sich der eine Busch an einer Stelle befände, an welcher ich zuvor keinen erblickt, d.h. kaum 50 Schritte vor mir. Ich fixirte das Object, doch mehr denn eine Viertelstunde verrann und noch immer stand der Busch an seiner Stelle. Ich hielt das ganze für Sinnestäuschung und kehrte mich zum Wagen—doch wer beschreibt meine Ueberraschung, als ich mich nach einigen Minuten zufällig umwandte und etwa 20 Schritte vor mir einen Masarwa erblicke.«

Bei den Wassertümpeln angelangt, fühlte ich mich bedeutend wohler. Unsere Haltstelle, wo ich uns eine mehrtägige Rast gönnen wollte, schien vor einem Jahre, oder doch während dieser Zeit von Jägern bewohnt gewesen zu sein. Einige Hufe von Zebra's, welche mit Auswüchsen, durch Wespenmaden hervorgebracht, wie mit Zoten dicht überwachsen waren, sowie Bruchstücke von Kudu- und Bläßbockhörnern, gestreifte Gnuschädel, ein Giraffen- und ein beschädigter Nashornschädel, und Reste einiger Grashütten wiesen deutlich darauf hin. Unsere Masarwa-Führer betätigten meine Vermuthung und theilten mir mit, daß hier Bakwena's (die Herren des Landes) unter der Anführung eines Sohnes Seschele's, d.h. des königlichen Prinzen mit mehreren Pferden gejagt und nebst einigen Straußen einen großen Wagen mit Fellen und Fleisch beladen nach Molopolole zurückgebracht hätten.

Nachdem wir uns alle gelabt und erfrischt hatten, konnten wir endlich daran denken, den Tag der Jahreswende zu feiern. Es geschah dies nicht ohne jedes Ceremoniell, ein Toast auf das Wohl des Kaisers von Oesterreich schloß die Feier des Neujahrstages 1874 im Herzen der südafrikanischen Wildniß. Erstaunt sah uns der Masarwa an, er sah uns in die Lüfte sprechen und frug Pit, ob wir zu unserem Morimo geredet hätten.

Gegen Abend fühlte ich mich so weit hergestellt, daß ich sogar einige hundert Schritte weit in die Büsche gehen konnte, wobei mir ein undurchdringliches dichtes Gehölz nahe an der Stelle, wo der nach Westen zu führende Weg plötzlich nach Norden sich wendet, durch seine Höhe auffiel. Gruppenweise fanden sich in diesem Walde zwischen Molopolole und Schoschong bis zu 60 Fuß hohe Bäume. Eine der Acacia horida äußerst ähnliche Art war besonders häufig vertreten. Alte Stämme waren niedergefallen, lagen theilweise zwischen den zerschmetterten, schwarz berindeten Aesten gebettet, theils lehnten sie an anderen, sich noch kräftigen Gedeihens erfreuenden und bildeten mit den vielen neu aufsprossenden Bäumen, dem anderweitigen Gebüsch, sowie den durch den Moder der absterbenden Bäume beförderten reichen Pflanzenwuchs dichte, oft undurchliche, wenn auch beschränkte Urwaldpartien in dem unabsehbaren, tiefsandigen Niederwalde. Bei der herrschenden Dunkelheit hielt ich es nicht für gerathen, in das oberwähnte Gehölz einzudringen, trotzdem mich ein mehrstimmiges Perlhuhngegacker anlockte.

Nachdem ich sie reichlich beschenkt, entließ ich die beiden Masarwa-Führer und ließ ihrer Mahnung entsprechend, sechs große Feuer um unser Lager anzünden, um die hier zahlreich herumwandernden Raubthiere abzuhalten. Ohne Ahnung, daß der folgende Tag für mich einer der ereignißreichsten und zugleich trübsten während meines siebenjährigen Aufenthaltes werden sollte, verfiel ich bald darauf in einen wohlthätigen Schlummer. Später als ich es sonst gewohnt war, wachte ich durch ein unnatürliches Kältegefühl auf, welches durch eine von der Wärme angelockte und wohl irgendwo unter den zahlreichen umliegenden Thierschädeln wohnende kleine Schlange verursacht worden war. Die Sonne stand schon hoch und am Feuer saßen Besucher aus dem gestern von uns wahrgenommenen Dorfe. Ich erkannte sie an dem Bakwena, der das Wort führte. Der Mann hatte einige Pallahfelle, einige weiße, doch nicht besonders feine Straußenfedern und einen etwa neun Pfund schweren Elephantenzahn mitgebracht, der deutliche Spuren trug, daß er von einem der Thiere »verloren«, durch lange Jahre irgendwo im Grase gebleicht hatte, bevor ihn der Zufall dem Bakwena oder einem seiner Masarwa-Diener in die Hände gespielt hatte.

Verirrt.
[Verirrt.]

Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.
[Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.]

Gegen Mittag schulterte ich das in Moschaneng erstandene Doppelgewehr, nahm 12 Patronen mit und schlug eine westliche Richtung ein, um unseren Tisch mit frischem Wildfleisch zu versehen. Etwa 700 Schritte vom Wagen stieß ich auf Gnu's und nach weiteren 1000 Schritten, nachdem ich diese in Süd- bei West-Richtung verfolgt, auf quer über meinen Pfad nach Norden führende, frische Giraffenspuren. Ich verließ sofort die zuerst eingeschlagene Richtung und folgte den Giraffen, die, etwa 20 an der Zahl hier ihren Weg genommen haben mußten. Nach einer Stunde Weges theilten sich die Spuren, ich folgte den zahlreicheren, die nach Nordwest zu führen schienen. Der Rasen wurde dicht ohne hoch zu sein, die Spuren wurden immer undeutlicher, trotzdem fand ich an einigen abgebrochenen Zweigen deutliche Merkmale, daß hier die Thiere noch vor einigen Stunden geweidet haben mußten. Die Gegend war derselbe Niederwald, doch nur stellenweise dichter, und bestand aus geringen Senken und ebenso unbedeutenden sandigen Bodenerhebungen. Seitdem ich die abgebrochenen Zweige wahrgenommen, hatte ich weniger die Richtung im Auge behalten und als ich bei meinem Suchen drei Meilen zurückgelegt, hatte ich dieselbe vollkommen verloren. Während ich mich zu orientiren versuchte, fühlte ich mich recht matt und abgeschlagen, dabei mächtigen Hunger, das Aergste von Allem jedoch war, daß es in meinem Kopfe wohl durch den Einfluß der brennenden Sonnenhitze wie in einer Mühle sauste und sich stechende Schmerzen in den Schläfen einstellten. Ich war so, ohne es zu wissen, zweimal im weiten Bogen zurückgegangen und mußte mich höchstens fünf Meilen weit vom Wagen befinden, doch in meiner Verwirrung und von unsäglichem Kopfschmerz geplagt, schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein und ging so rasch es meine Müdigkeit nur gestattete, gerade nach Nordnordwest. War der Kopfschmerz die Ursache, oder war ich so matt und meine Sinne durch die große Hitze so abgestumpft, ich kann es mir selbst heute nicht erklären, daß es mir in dieser Zeit, als ich schon die Giraffenspuren verlassen und den Heimweg angetreten zu haben wähnte, nicht einfiel, das goldene Himmelsgestirn anzusehen, nicht eher, als bis es sich schon zum Untergange neigte und die langen Schatten der Bäume das Ende des Tages anzeigten.

Da schlug ich eine südöstliche, dann aber eine östliche Richtung ein, um den von Molopolole nach Schoschong führenden Weg zu treffen. Allein als ich zu diesem Entschlusse gekommen war, hatte auch meine Abmattung den Gipfelpunkt erreicht und ich konnte kaum 20 Schritte gehen, ohne ausruhen zu müssen. Der Durst quälte mich entsetzlich. In der Hoffnung, daß ich vielleicht dem Wagen näher war als ich es vermuthen konnte, oder aber um die Aufmerksamkeit zufällig in der Nähe jagender Masarwa's auf mich zu lenken, feuerte ich acht Schüsse ab und horchte mit größter Spannung auf den Erfolg meines Nothsignals. Doch Alles blieb stille.

Mit Anstrengung und der Wunden nicht achtend, die mir das Erklimmen eines Dornbaumes verursachte, feuerte ich nochmals von seiner Spitze zwei Schüsse ab, vielleicht wurde ich nun gesehen, doch wie weit mein wirrer Blick auch reichte, keine Bewegung in den Büschen, kein Gegenstand zu erblicken, der mir Hilfe hoffen ließ. Nun sank mir der Muth. Ich fühlte mich außer Stande, einige Meilen weiter zu gehen. Die letzten beiden Schüsse konnte ich doch nicht aufopfern, ich fühlte mich so schwach, daß mir das Tragen des Gewehres zur Last wurde und hätte es wegwerfen mögen. All' dies wohl die Folge der heutigen Anstrengungen, des Unwohlseins und der Unfälle, die mir Tags zuvor zugestoßen waren. Was nun thun! Schreien! Ja, Schreien, ich begriff nicht, daß mir dies nichts helfen, höchstens wilde Thiere anlocken würde. Ich kroch auf einen Termitenhügel und schrie aus Leibeskräften. Es währte nicht lange und ich hatte mich—ohnehin derart abgemattet, daß ich mich mit aller Macht an den Termitenbau anklammern mußte, um nicht herunterzugleiten—heiser geschrieen. Als ich mich zur Erde gleiten ließ und hier neben dem Gewehre lag, brach ich, durch die glühende Sonne und die gänzliche Ermattung wie sinnesverwirrt, in ein Gelächter aus. Es kam mir selbst sinnlos vor, in dieser Wildniß, in der weit und breit im Umkreise keine menschliche Seele zu treffen war, auf solche Weise Rettung zu suchen. Das krampfhafte Lachen hatte einen krampfhaften Husten zur Folge und dieser führte mich wieder zur Besinnung zurück.

Der in mir wühlende Durst drohte mir den Rest meiner Kräfte zu rauben, vergebens sah ich mich nach Blättern um, deren Feuchtigkeit meinen brennenden Lippen Kühlung gewähren konnte, die einen waren dürr, die anderen mit Wollhaaren bedeckt; mechanisch griff ich nach den Blättern eines mir unbekannten Busches und führte sie an die Lippen, doch auch sie waren—Ironie des Schicksals—gallbitter. Noch einige Schritte und ich ließ das Gewehr fallen, Blitzartig durchzuckte mich jedoch bald nachher der Gedanke, daß ich damit meinen einzigen Schutz, meinen besten Freund geopfert und mit Aufgebot aller Kräfte schleppte ich mich zur Stelle zurück und hob das Gewehr, das noch zwei Schüsse barg, auf. Was war ich ohne Waffe in dieser Wildniß—ein wehrloses Opfer hungriger Hyänen!

Meine letzte Hoffnung war darauf gerichtet, mit einem der Schüsse ein kleines Feuer zu entzünden, unter dessem Schutze ich die Nacht überleben konnte. Doch auch dieses letzte Auskunftsmittel versagte, die dürren Aeste fingen kein Feuer. Nun ergriff mich nackte Verzweiflung, wie im Fieberwahnsinn jagten die tollsten Gedanken durch mein erhitztes Gehirn, Verwünschungen drängten sich auf die Lippen und mechanisch griff ich nach dem Gewehre.

Ich fühlte nun vollends meine Kräfte schwinden und erinnere mich nur noch, daß ich auf die Knie fiel, beide Hände ausstreckte und wie sich in diesem Momente eine schwarze Gestalt vor mir auf die Erde warf, an mich herankroch und mich erfaßte. Ich war gerettet—gerettet durch einen Masarwa, der viele Meilen weit von Westen her auf dem Wege zu der gestern passirten Niederlassung begriffen war, um seine Genossen zu holen, denn er hatte früh am Morgen weit von hier ein Gnu erlegt.

Ein labender Trunk hätte mich nicht mehr elektrisiren konnen als diese Erscheinung. Er richtete mich auf und als ich mit den Fingern nach dem Munde wies, daß ich durstig sei, da holte er aus seinem Ledersacke am Rücken eine Handvoll Beeren und preßte sie mir in die Hand. Als ich sie geschluckt und mich an ihrem süßlichen Saft gelabt, fühlte ich mich wie verjüngt. Nun trachtete ich ihm mit dem Namen Koloj begreiflich zu machen, daß ich zum Wagen gehen wolle, Koloj ist kein Setschuana-Wort, doch bei den Betschuana's, ihren Vasallen und den Makalaka's etc. eingebürgert. Mein Retter grinste mich an und wies nach Südost; »Pata-Pata« meinte er. Dies ist unter diesen Stämmen der aus dem Holländischen entnommene und verunstaltete Ausdruck für einen Weg, den ein Wagen befahren kann, und ich konnte nur nicken, um ihm meine Befriedigung auszudrücken. Mich erhebend, versuchte ich zu gehen und der Mann, obwohl kleiner als ich, stützte mich; er nahm mein Gewehr und schulterte es mit seinen drei Assagaien auf die linke Schulter, während er mir die rechte als Stütze bot. Allmälig kehrten meine Kräfte zurück und wenn auch nur äußerst langsam und nach längeren Ruhepausen—aber es ging vorwärts.

Als die Sonne unter den Horizont gesunken war, befanden wir uns am Fahrwege. Im Osten zeigte der Himmel eine dunkle Färbung, dort blitzte es und dumpf grollte der Donner zu uns herüber. Die Atmosphäre war kühler geworden und obgleich noch immer warm, schauerte ich doch unter dem Hauche des leisen Windes, der aus Nordosten durch die Bäume strich. Ich war in Schweiß gebadet und mein Hemd (ich hatte die Jacke im Wagen zurückgelassen) klebte am Körper. Nach einer halben Stunde Ganges wollte ich mich niedersetzen, doch mein Begleiter ließ es nicht zu. Kurz darauf ging er links vom Wege in die Büsche, ich wollte ihm nicht folgen, es war ja eine verkehrte Richtung, die er einschlug. Da wies er auf den Mund und ahmte einen schlürfenden Laut nach. »Meci? (Wasser)« frug ich. »E-he, E-he! (ja, ja)« antwortete er mit einem Kopfnicken und Grinsen und ich gehorchte.

Nahe am Wege in einer kleinen Sandvertiefung lag eine kleine von Eingebornen ausgegrabene, mit schlechtem Pfützenwasser gefüllte, doch mir sehr willkommene Grube. Gnu's hatten die Stelle kaum eine Stunde zuvor besucht und sich mit demselben Naß ihren Durst gestillt. Kaum hatte ich mich von dem Pfuhle erhoben, bedeutete mir der Masarwa ihm zu folgen, indem er nach dem Gewitter im Osten wies; die Dunkelheit war schon eingebrochen als wir vom Wege abbogen, und beinahe zur selben Zeit brach auch der Sturm los. Bald fiel der Regen in Strömen, die großen Tropfen schienen mir wie Schloßen und erzeugten, auf meinen schwitzenden Leib fallend, ein höchst unangenehmes Gefühl von Abmattung und Kraftlosigkeit.

Mein Führer hatte sein kleines Ledermäntelchen um mein Gewehr geschlagen und auf meinen Retter gestützt, ging es, stellenweise bis an die Knie durch das Wasser watend vorwärts. Endlich hörte ich die Hunde anschlagen und kaum hatte man mich erblickt, kamen E. und B. auf mich zu gelaufen und schalten mich wegen der Besorgniß, die ich ihnen mit meinem Ausbleiben bereitet hatte. Sie ahnten wohl nicht, wie es mir ergangen.

Nun, da ich wieder im Innern meines Wagens geborgen war, erwachten wieder alle Lebensgeister. Ich bat sie, den Masarwa zu bewirthen und ihn bei Pit am Feuer schlafen zu lassen. Ein kräftiger Imbiß und ein mehrstündiger tiefer Schlaf hatten mich so weit hergestellt, daß ich mich schon am nächsten Morgen ohne Stütze bewegen konnte.

Da nach Aussage des uns begleitenden Bakwena's der direkte Fahrweg in Folge des heftigen Regenfalles schwer passirbar geworden, schlugen wir am folgenden Morgen (am 3. Jänner 1874) einen etwas weiteren Seitenweg durch die Büsche ein. Schon nach einigen hundert Schritten stießen wir auf eine verendete Deukergazelle, welche in der verflossenen Nacht von einer Hyäne getödtet worden war. So unglaublich es mir auch schien, die von den Masarwa's verfolgten Spuren ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die schlanke Gazelle dem plumpen unbeholfenen Raubthiere zum Opfer gefallen war.

Nicht weit vom Wege trafen wir die Reste—einer amerikanischen Pumpe. Ein größeres Räthsel konnte uns nicht aufstoßen—unsere Führer konnten uns darüber keinen Anschluß geben, d.h. sie wollten oder durften es nicht. Nicht eher als in Schoschong wurde mir das Räthsel gelöst. Seschele hatte, als die Händler noch die directe, sehr wasserarme Route nach Schoschong frequentirten (gegenwärtig wird zumeist der wasserreiche Weg über die Dwarsberge und längs des Marico und Limpopo eingeschlagen), aus diesem Umstande Profit ziehen wollen, und sich deshalb durch einen der in seiner Stadt wohnenden Händler eine amerikanische Pumpe von Port Elizabeth bringen und an jener Stelle einsetzen lassen. Hier hatten Makalahari für die nach dem Innern reisenden Jäger, Händler etc. Wasser auszupumpen und jene dafür an den König eine Abgabe zu bezahlen. Da jedoch eine amerikanische Kettenpumpe den Makalahari's etwas Ungewöhnliches war und von ihnen trotz aller Instructionen unrichtig behandelt wurde, so währte es nicht lange und sie versagte den Dienst.

Trinkende Masarwa's.
[Trinkende Masarwa's.]

Freund Eberwald, der dem Wagen vorausging, um demselben den Weg durch die Gebüsche anzuweisen, kam plötzlich athemlos zum Wagen zurückgelaufen. »Kommt rasch, nehmt Eure Gewehre, verseht sie mit frischen Zündhütchen, allein rasch, sonst verlieren wir ein schönes Stück Wild, das heißt Sie, Doctor, einen sehr schönen Balg. Wir folgten ihm alle, auch die Masarwa's. Hundert Schritte vom Wagen entfernt, war Eberwald plötzlich im hohen Grase auf einen Leoparden gestoßen. Das Thier sprang auf, fauchte und fletschte ihn an, machte einen Sprung und duckte sich weiter abwärts einige 30 Schritte vor ihm im hohen Grase nieder. Da Eberwald nur mit Schrot geladen hatte, wollte er sich nicht zu einem Schusse auf das Thier erkühnen und holte Succurs. An Ort und Stelle angekommen, konnten wir jedoch nichts wahrnehmen, einer der Masarwa warf seinen Speer nach der deutlich bezeichneten Stelle, doch nichts regte sich. Ich ließ die Hunde holen, doch da ich den Haß kenne, mit dem sich diese beiden Thiere stets verfolgen und Niger, der immer dem starken Onkel voraus war, dabei leicht zu Schaden kommen konnte, hielt ich und Pit die Hunde an der Leine, während B. mit einem Masarwa als Wächter am Wagen zurückblieb. Bellend nahmen die Hunde die Spur auf, welche geraden Weges auf das hohe dichte Gehölz zuführte, welches ich bereits Abends zuvor bemerkt hatte. Doch der Leopard war verschwunden, in dem dichten Buschwerk war er übrigens vor Entdeckung sicher.

Begegnung mit einem Leoparden.
[Begegnung mit einem Leoparden.]

Im weiteren Verlaufe unseres heutigen Marsches, der des aufgeweichten Bodens halber sehr beschwerlich war, begegneten uns Masarwa's, welche mit Honig beladen heimkehrten. In Wäldern folgen sie dem Honigvogel, auf der Grasebene und da, wo nur niederes Gebüsch zu treffen ist, dem Fluge der von den Wasserstellen heimkehrenden Bienen. Die Thiere folgen eines dem andern der Richtung nach ihrem Bau und leiten auf diese Weise die Honigsucher zu ihrem Neste. Ist der Eingang zum Bau (meist eine Höhlung im Baume) entdeckt, trachtet man die Bienen auszurauchen und sich dann des Honigs zu bemächtigen. Für ein etwa 1½ Zoll langes, fingerdickes Tabakstückchen erstand ich mehr denn einen halben Liter Honig.

Der Weg wurde auch am folgenden Tage nicht besser, an den sumpfigen Stellen trafen wir zahlreiche Schildkröten-Leichen. Zu den dem Auge wohlgefälligsten Schlingpflanzen Süd-Afrika's gehören unstreitig einige der gurkenartigen Gewächse. Auch auf der heutigen Fahrt beobachtete ich welche, die sich an Büschen emporschlangen, von denen sie durch ihre gelappten, schönen bläulichgrünen Blätter, namentlich aber durch ihre mehr denn daumenstarken und lang herabhängenden, unreif hellbläulichgrünen, weiß gescheckten, reif scharlachrothen Früchte deutlich abstechen. Eine solche Staude trägt oft drei bis sieben, ja bis zehn Früchte, von denen selten drei in gleichem Entwicklungsstadium stehen. Zumeist fand ich das herabhängende Ende der Frucht scharlachroth, den dem Stengel zugekehrten Theil jedoch noch grün und den dazwischen liegenden im allmäligen, oder auch plötzlichen Uebergang von bläulichgrün oder hellgrün zu gelb, orange und röthlichgelb. Während der Nacht begegnete uns ein Händler, der mit Elfenbein, Straußenfedern, Carossen und ungegerbten Thierhäuten über Molopolole und weiter südwärts nach der Cap-Colonie fuhr.

Auch am 5. Jänner blieb der Weg tiefsandig, der Wald wurde immer lichter und endlich gelangten wir auf eine große, blos stellenweise mit Büschen bewachsene Grasebene. Ich erbeutete auf derselben eine 4½ Fuß lange giftige, von mir bisher noch nicht beobachtete Schlange. Was mir besonders während der heutigen Fahrt auffiel, waren die zahlreichen, nicht blos in den nächstanliegenden südlichen Strichen, sondern auf weite Flächen hin einzeln auftretenden hohen, bald pyramiden-, bald kegel- und kegelstutzförmigen, sowie auch säulenförmigen, bis zu vier Meter hohen, graulichweißen Termitenhügel, welche sich in dem hohen Grase freistehend oder sich oft an ein kleines, dichtes Gebüsch anlehnend, gleich Monumenten emporhoben.

Nachdem wir etwa weitere 11¼ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir einen nur mit zwei Assagaien und einer Holzaxt bewehrten, mit einem Lederschürzchen bekleideten Makalahari auf uns zukommen. Nach Wasser befragt, erbot er sich unsere Thiere zu einem etwa drei Meilen entfernten Tümpel zu führen. Unterdessen ließ ich unser Nachtlager aufschlagen.

Hundegebell schreckte mich aus dem Schlafe auf; aus dem Wagen hervortretend, fand ich mich zwei Eingebornen gegenüber, die mich mit einem Redeschwall in der Setschuana begrüßten, von dem ich nicht ein einziges Wort verstehen konnte. Ich weckte Pit und erfuhr von ihm, daß ich zwei Bamangwato's, beide Unterthanen Sekhomo's, vor mir habe, wovon einer des Königs Abgesandter, eine Art Polizist, und der zweite ein »betrübter Vater« sei, der seinen entlaufenen Sohn, den er »Kind« titulirte, suche. Der Ungehorsame, der sich schon die »männlichen« Sandalen zu tragen berechtigt glaubte, hatte Schoschong und den Seinen heimlich Valet gesagt und sich dann am vorigen Tage einem vorüberziehenden Händler als Diener verdungen. Der besagte Vater frug nun, ob und wo wir sein »Kind« und den Weißen gesehen, dem es nachgelaufen, er müsse es zurückbringen, zu welchem Zwecke er den mit einer Donnerbüchse bewaffneten Vertreter der Behörde mitgenommen. Nachdem sie den gewünschten Bescheid erhalten, verließen uns die Verfolger raschen Schrittes. Einige Tage später, als ich bereits in Schoschong weilte, kam ein ältlicher Mann mit einem etwa vierzehnjährigen Jungen zu mir, mich freundlich und im vertraulichen Tone begrüßend. Pit kam meinem Gedächtnisse zu Hilfe. »Erkennst Du ihn nicht, Herr?« warf mein Griqua ein. »Es ist der Alte, der jene Nacht an uns vorbeirannte, um sein entflohenes Kind zu suchen. Das ist das Kind, er kommt es Dir zu zeigen.«

Bamangwatoknabe.
[Bamangwatoknabe.]

Der 6. Jänner war wieder ein durch mancherlei Unfälle ausgefüllter Tag. Kaum hatte ich mich von einem Stoße erholt, den mir eines unserer unbändigen Zugthiere versetzte, als mich Monkey in den Daumen biß, da ich eben daran war, die durch Sturm und Regen beschädigte Deckleinwand des Wagens in Stand zu setzen. Spät Nachmittags begegneten wir auf die Jagd ziehenden Bamangwato's, welche uns auf die Nähe der Stadt Schoschong aufmerksam machten.

Nach einer 1½stündigen Fahrt langten wir in dem großen, flachen Thale eines Flusses, in den sich zur Regenzeit der Schoschon als linkes Nebenflüßchen ergießt und bei den Feldern der Bamangwato's an. Dieses Thal scheidet die Bamangwatohöhen in eine nördliche und eine südliche Partie, von welchen die südliche durch einige Höhenketten charakterisirt wird, welche ihrerseits wieder durch Querthäler untereinander getrennt werden. Die nördliche Partie bildet ein sehr interessantes, von zahlreichen Parallel- und Querthälern durchzogenes Höhennetz, von denen das des Schoschon- und Unicorn-Flusses zu den bedeutendsten gehören; Hochplateaus auf den abgeflachten Höhen, kegelförmige kleine Kuppen, die hie und da aus diesem emporsteigen und aus großen Blöcken gebildet werden, Felsenthore etc. charakterisiren das nördliche Bamangwato-Höhennetz. Mit dem schon erwähnten Höhenrücken am Limpopo und durch diesen mit dem Central-Gebirgsknoten im Marico-District sind die Bamangwatohöhen durch einige kegelförmige Berge verbunden; die nördliche Partie der Bamangwatohöhen hängt durch die Tschopokette mit dem nördlichen Central-Gebirgsknoten des Matabele-Reiches zusammen. Dieses für die Geschichte der Bamangwato's bedeutende Thal—die wichtigsten geschichtlichen Episoden dieses Stammes spielten sich darinnen ab—erlaubte ich mir »Franz Josef-Thal«, sowie den höchsten Punkt des Höhennetzes »Franz Josef-Kuppe« zu benennen.

Ich zog am 8. Jänner zum ersten Male in Schoschong ein. Da meine Provisionen sehr abgenommen hatten und ich nicht im Stande war, neue mit barem Gelde zu erstehen, da ich ferner keinen Diener miethen konnte und bestrebt sein mußte, mich in drei Monaten auch wieder in den Diamantenfeldern einzufinden, um bei meinen früheren Kranken nicht vollkommen in Vergessenheit zu gerathen und die Mittel für die dritte, die eigentliche Reise zu gewinnen, so wurde Schoschong der fernste nördliche Punkt meiner zweiten Versuchsreise und ich wandte mich von hier nach einem längeren Aufenthalte, den ich im Folgenden näher beschreiben will, wieder nach dem Süden.


XII.

Von Schoschong zurück nach den Central-Diggings

Lage und Bedeutung Schoschongs.—Unser Empfang daselbst.—Rev. Mackenzie und die Mission der London Missionary Society.—Geschichte der Bamangwato's und ihres Reiches.—Sekhomo und Khama.—Sekhomo's Rath.—Sitten und Gebräuche der Betschuana (Schluß).—Die Circumcision und Boguera.—Die Kotla in Schoschong.—Die Breiprobe.—Aufbruch von Schoschong.—Das Fasanhuhn.—Khama's Salzsee.—Elephantenspuren.—Die Buffadder.—Die Dornfelder im Limpopothale.—Ein Löwe und die Hundemeute.—Ein seltener Anblick.—Zu Tode erkrankt.—Tschune-Tschune. —Die Dwarsberge und der Schweinfurth-Paß.—Brackfontein.—Eine Sonderbare Elephantenjagd.—Linokana.—Rev. Jensen und die Hermannsburger Mission.—Die Baharutse und Ihr Ackerbau.—Zeerust und der Marico-District.—Das Hooge Velt.—Potschefstroom.—Die Elephantenjäger David Jackob und Biljeon.—Die Quarzitwälle am Klip-Port.—Trennung von meinen Gefährten.—Ankunft in Dutoitspan.