Gefährlicher Nachtmarsch.
[Gefährlicher Nachtmarsch.]

Von Wild sahen wir blos drei flüchtige Springbockgazellen, einige der kleinsten Zwergtrappen und an den kahleren, felsigen Stellen Erdeichhörnchen und Scharrthiere (Rhyzaena), die letzteren in großer Menge, 15-20 je einen Bau bewohnend. Kaum hatten sie das Wagengerassel gehört, eilten sie schon von ihren nicht weit vom Baue unternommenen Ausflügen, die ersteren um nach Wurzeln, die letzteren um nach Käfern, Larven, Scorpionen etc. zu graben, zu ihrem Baue zurück. Sie sind nicht besonders behend im Laufen und können leicht von einem Hunde, wenn sie auch vor ihm einen bedeutenden Vorsprung haben, eingeholt werden. Beim Laufen halten sie in der Regel den Schweif hochgehoben, die Eichhörnchen ihre Fahne entfaltet: letztere kehren sich nicht eher um, als bis sie über ihren Löchern sitzend, noch einmal nach dem Störenfried ausschauen, während die Scharrthiere sich oftmals umsehen, stehen bleiben und dabei verdrießlich knurren. Während die ersteren scheue und furchtsame Thiere, sind die Rhyzaena als Raubthiere muthig und vorsichtig. Von jenen beobachtete ich nur eine, von den letzteren mehrere Arten. Da, wo ich die Erdeichhörnchen auf der Reise nach Norden zu vermissen begann und wo die prairienartigen Ebenen dem Walde wichen, wurden diese Thierchen durch eine kleine, gelbbräunliche, auf Bäumen lebende Art ersetzt. Die Eingebornen, mit Ausnahme der Hottentotten, essen das Fleisch beider Thiere.

Am Nachmittag des 15. März gelangten wir nach Bloemhof, welches damals blos aus einer Straße bestand und das uns zu keinem Aufenthalte einladend erschien; die Scenerie ringsum bot ein dürftig-trauriges Bild, seitdem jedoch hat das Städtchen zusehends gewonnen.

Seitdem wir Klipdrift verlassen hatten, war uns fast ausnahmslos heiteres schönes Wetter hold gewesen, doch kaum hatten wir Bloemhof im Rücken, als sich der Horizont immer mehr zu umwölken begann. Mit der zunehmenden Dunkelheit wurde es durch das inzwischen losgebrochene Unwetter rings um uns so schwarz, daß wir auf 20 Schritte nicht sehen konnten und ich bedauern mußte, nicht im Weichbilde der Stadt übernachtet zu haben. Anfangs gingen wir vor dem Gespann, da der das Leitpaar am Riemen führende Koranna behauptete, den Weg vor sich von dem gleich dunkel aussehenden Boden zu beiden Seiten nicht hinreichend unterscheiden zu können. Der heftige Regen, der uns durchnäßte, im Verein mit dem kalten Winde, trieb uns jedoch in den Wagen hinein; hundert Schritte weiter und die Zugthiere blieben stehen; sie glitschten fortwährend aus, was mich auf den Gedanken brachte, daß wir vielleicht vom Wege abgekommen, auf einen Abhang gelangt waren, und dann konnte dies nur nach dem Flusse zu sein. An eine Fortsetzung des gefährlichen Nachtmarsches war unter solchen Umständen nicht zu denken, wir mußten hier das Morgengrauen abwarten.

Die Recognoscirung unseres unfreiwilligen Lagerplatzes führte zu einer Entdeckung, die mich tief erschreckte. Als ich den Wagen im strömenden Regen zum zweiten Male, diesmal in einem etwas größeren Radius umging, schien es mir, als wenn sich etwa 20 Schritte vor den Zugthieren eine dunkle Stelle befände. Mir däuchte es ein Erdloch, und so holte ich den »Triber« (sprich Trajbr) herbei, um gemeinschaftlich bei der Helle des nächsten Blitzes die Stelle zu untersuchen. Das erwünschte natürliche, elektrische Licht blieb auch nicht lange aus und wir sahen zu unserer Ueberraschung eine Regenschlucht, die zu dem Flusse führen mußte. Wären wir noch 20 Schritte weiter gegangen, wir hätten es theuer gebüßt. Am Morgen zeigte sich eine Schlucht mit schroff abfallenden, etwa 16 Fuß hohen Lehmwänden.

Es war eine äußerst ungemütliche Nacht, die wir hier zubrachten, der Regen durchdrang selbst die Leinwandhülle des Wagens, der kalte Wind ließ uns erstarren und führte uns die Thatsache zu Gemüthe, daß wir uns 4000 Fuß ober dem Meere, auf dem Plateau des südlichen Transvaalgebietes befanden. Nur David und Gert ließen sich durch das Unwetter nicht im Mindesten in ihrer Vorliebe für Morpheus stören, unbekümmert darum, daß sie förmlich in einer Regenlache schwammen, waren sie bald in tiefen Schlaf verfallen, aus dem sie nur am kommenden Morgen (das Unwetter hatte sich nach Mitternacht verzogen) die warmen Strahlen des Tagesgestirns weckten.

Das jenseitige Freistaatufer ist durch eine sandige, mit Mimosenbäumen stellenweise spärlich, stellenweise ziemlich dicht bewaldete und bebuschte Bodenerhebung gebildet. Viele der vermögenden Farmer, die südlich vom Flusse wohnen, haben sich hier Farmen, d.h. je etwa 3000 Morgen Land gekauft, um in der trockeneren Jahreszeit daselbst ihr Vieh zu halten. Sie klagten mir über bedeutende Verluste, die sie durch Hyänen (H. crocuta) erlitten, welche Fohlen, Kälber und Maulesel getödtet hätten, so daß die Farmer Strychnin zu Hilfe nehmen mußten und damit tüchtig unter den nächtlichen Räubern aufräumten. Dem Sohne des Farmers Wessel hatten die Raubthiere in einem Winter 18 Stück Hausthiere getödtet und unter seinen Notizen halte ich namentlich einen Fall nennenswerth. Sein Diener hatte, um ein leichtes Ueberwältigen der Maulesel zu verhüten, zwei derselben mit einem Riemen zusammengekoppelt; als man sie nach einiger Zeit suchte, fand man den einen neben der Leiche seines Gefährten, beide noch mit dem Riemen verbunden und nach den zahlreichen Spuren mußte man schließen, daß einer derselben von den Hyänen getödtet und halb abgenagt worden war, während sich der Ueberlebende, durch stete, jedoch fruchtlose Versuche sich loszureißen müde geworden, wohl in sein Schicksal ergeben haben mußte. Seit jener Zeit ließ man nur Rinder und erwachsene Pferde ohne Hirten auf die Weide.

Einige Stunden östlich von Bloemhof erreichten wir eine große seichte, schon aus der Ferne weiß schimmernde Salzpfanne, an der eine Farm lag. Wie immer war eine Stelle des Ufers der Pfanne von einem Hügel überragt, während die anderen, mit Gras überwachsenen, fruchtbaren und moorigen Stellen zum Ackerbau wohl geeignet sein mochten.

Ich sammelte einige, der mit Salz incrustirten Steine und vegetabilischen Stoffe, während sich meine Gefährten daran machten, die zahlreichen, am reinen Kiesgrunde der Pfanne reichlich aufliegenden, hirse- bis erbsengroßen Salzkrystalle zu sammeln. Wir betraten nunmehr das eigentliche südwestliche Wildrevier des Transvaal-Gebietes, das sich von den Ufern des Bamboesspruit bis zum Schoenspruit über eine ununterbrochene, im Süden vom Vaal-River, im Norden von den Maqwasihöhen begrenzte und von mehreren meist von Norden nach Süden oder Südosten laufenden periodisch fließenden Spruits und einem Flusse durchschnittene, hochbegraste Ebene erstreckt.

Seit meinem Besuche dieser Gegend im Jahre 1873 hat das Wild bedeutend abgenommen, doch ist zu hoffen, daß die neue Regierung zu seinem Schutze die nöthigen Maßregeln ergreifen wird. Bei einer vernünftigen Jagdweise kann sich das übrig gebliebene rasch vermehren und dennoch den Farmern einen ergiebigen Ertrag sichern.

Während meiner ersten Reise beobachtete ich das gemeine schwarze Gnu in Heerden von 5-30 Stück, Bläßböcke in Heerden von 15-300 Stück, Springböcke, Deuker und Steinböcke von 10-150 Stück, nahe an den bebuschten Partien nur paarweise; ferner eine Menge von den rothlöffeligen Hasen, eine Unzahl von Springhasen und Stachelschweinen, Schuppenthiere und Erdferkeln—doch fehlten auch Raubthiere und Hyänen, Schakale und Proteles, an den Spruits Fischottern und im hohen Ufergras Wildkatzen nicht; während mehrere Trappenarten, Wildenten und Gänse, Wachteln (eine kleine Art) und in den bebuschten Partien Perlhühner zahlreich vertreten waren.

Bevor wir noch den Bamboesspruit (18. März) erreichten, erblickten wir zuerst einige einzelne, später eine kleine Heerde von Bläßbock-Antilopen, so genannt, weil sie auf ihrer Stirne eine weiße »Bläße« zeigen, die gut zu der dunkelrothbraunen Behaarung des Körpers paßt. Die Hörner sind nach hinten geneigt, gegen die Spitzen auseinanderlaufend, weder so zierlich noch so schön wie jene der Springbock-Antilopen, wie denn auch der Bläßbock, im Ganzen stärker gebaut und eine längere Verfolgung, ohne dabei zu großen Sprüngen seine Zuflucht zu nehmen, auszuhalten im Stande ist.

Zahlreiche Kranichheerden jagten im hohen Grase nach Heuschrecken. Nahte man ihnen, so flogen sie nach einem kurzen Anlaufe auf, um knapp über dem Grase hinreichend, einige hundert Schritte weiter wieder einzufallen. So wie sie aufflogen, ließen sie ihre prächtige, weithin hörbare Stimme ertönen.

Heftige Regenschauer nöthigten uns, schon in den ersten Nachmittagsstunden an einer Regenpfütze, einige Meilen östlich vom Bamboesspruit, Halt zu machen. Dazu trat noch eine allgemeine Ermattung der ganzen Expedition ein, in Folge der letzt erlebten Nacht und des Genusses von Salz aus der vorerwähnten Salzpfanne.

Der heftige Regen und unser Unwohlsein ließ uns eine recht unangenehme Nacht zubringen, erst gegen Morgen ließ der Regen etwas nach und wir versuchten etwas Schlaf unter dem Wagen, da die Ausdünstung der in dem Wagen naß gewordenen Gegenstände nicht einladend war.

Während der Nacht ließen sich Hyänen und Schakale oft nahe am Wagen vernehmen, allein wir konnten weder in der Dunkelheit hinreichend klar sehen, noch wollten wir uns auch in dem feuchten Wetter unserer in Lederhüllen aufbewahrten Gewehre bedienen. Das Liegen auf dem feuchten Grase wurde uns jedoch bald unbehaglich und so waren wir schon vor Sonnenaufgang bereit, die Weiterreise anzutreten.

Während sich meine Gefährten nun im Feueranmachen versuchten, hielt ich eine Rundschau über die nur nach Norden in der Ferne von Höhen begrenzte Grasebene, konnte jedoch nichts erspähen; am Himmel hingen noch schwere, dunkle und tiefgehende Wolken, der Tag versprach so trübe zu werden, wie es die Nacht gewesen. Während ich noch Rundschau hielt, hörte ich vor mir—es schien von zwei, circa 600 Schritte vor mir vorüberfliegenden storch- oder kranichartigen Vögeln zu kommen—schöne, melodische, harfengleich klingende, sich mehrmals wiederholende Töne, welche auch die Aufmerksamkeit meiner Begleiter auf sich zogen. »Das ist schön!«—»o, prachtvoll!«—»hört Ihr die Aeolsharfe!«—so zollte ein Jeder von uns seine Bewunderung, kaum daß jene Töne verklungen waren.

Nur Gert, der edle Korannajüngling, schien ungerührt. Von uns Allen um Auskunft bestürmt—wobei er recht erschrocken von seinem Frühstückstöpfchen auffuhr—woher diese Laute kämen, ob von Vögeln, anderen Thieren, oder was sie sonst erzeuge, schaute er über die Ebene hin, konnte aber nichts sehen, dann beugte er sich nieder, um längs der Grasspitzen besser in die Ferne sehen zu können, plötzlich faßte er mich bei der Hand, zog mich zu sich herab und sagte:

»Siehst Du, Bas, dort fern von hier fliegen zwei Vögel, da—da setzen sie sich nieder, das sind, das mußten die Schreier gewesen sein, sie sind solche Vögel wie die »groten Springhanvogels« (graue Kraniche), allein sie haben schön weißrothe Flügel und auf dem schwarzen Kopfe tragen sie schöne gelbliche Kronen und diese Kronen«—dabei war er, als er das Erstaunen in unseren Mienen gemerkt, aufgestanden und hatte sich zur Stärkung nach seiner diesmal so ungewöhnlich wortreichen Rede mit einem neuen Stückchen Kautabak gelabt—»ja, diese Kronen sind nicht Federn, sondern lange, gelbe steife Haare. Alle Menschen kennen sie in Afrika und viele Farmer im Oranje-Freistaat und der Transvaal-Provinz halten sie zahm auf ihren Höfen.«—»Und ihr Name?« fragte ich—»Mā-hems, Sir, nennt man sie.«

Nun waren wir so klug wie zuvor. Stelzenvögel waren es wohl, allein wohin sie einreihen, wußte ich nicht, bis ich zwei Tage darauf das Glück hatte, drei davon auf einer Farm lebend zu finden. Es waren die gekrönten oder Königskraniche (Balearia regulorum), von denen ich ein Pärchen auch heimbrachte. Seine kaiserliche Hoheit, unser durchlauchtigster Kronprinz Rudolph, erwies mir die hohe Ehre, das Pärchen gütigst anzunehmen und die Vögel dem kaiserlichen Thiergarten zu Schönbrunn einverleiben zu lassen.

Auf der durch mehrere kleine, trockene Salzpfannen charakterisirten Ebene tummelten sich auch zahlreiche große Trappen. Wir überschritten den Bamboesspruit, welcher nur an sehr wenigen Stellen in seinem schlammigen Bette kleine Wasserlachen zeigte und zogen weiter ostwärts gegen den zu ihm parallel laufenden und stetig fließenden Maqwasi-River. Das Land stieg etwas nach dieser Richtung hin und war auch stellenweise mit kleinen Beständen von Mimosen, zumeist Kameeldornbäumen bedeckt.

Am Rande des ersten kleinen Gehölzes blieben wir über Mittag liegen und da meine Freunde mit dem Trocknen der durch den letzten Regen naß gewordenen Sachen die Hände voll zu thun hatten, ergriff ich ein Beil, um Holz für unsere Küche herbeizuschaffen. Da meine linke Hand noch von dem Unfall mit dem Gewehre her nicht völlig geheilt war, fiel mir die Arbeit schwer, und mein Ungeschick brachte mir nur eine neue schmerzhafte Wunde am Schienbein des rechten Fußes ein. Wenige Minuten darauf schwebte ich wieder in ernster Lebensgefahr.

Um nicht unverrichteter Dinge zu meinen Gefährten zurückkehren zu müssen, trachtete ich, wenigstens die trockene Rinde von den abgestorbenen Stämmen abzulösen. Bei diesem Beginnen sah ich plötzlich etwas vor meinen Augen glitzern und im selben Momente verspürte ich ein Gefühl von Kälte an meinem linken Unterarme. Eine Viper hatte sich, wie dies häufig vorkommt, unter der Baumrinde verkrochen und war mir nun in den linken Aermel gefallen. Mit dem Verhalten in solchen Fällen vertraut, blieb ich unbeweglich, um das Thier nicht zum Bisse zu reizen. Die Schlange hatte sich nun ausgestreckt, und dabei ragte glücklicher Weise das Schweifende aus dem Aermel heraus. Rasch entschlossen ergriff ich dieses und schleuderte das Thier weit von mir.

Die folgende Nacht war ebenso unangenehm wie die vorhergehende. Es regnete so stark, daß wir an Schlaf nicht denken konnten, wozu übrigens das Hyänen- und Schakalconcert nicht ermuntern konnte.

Lager am Bamboesspruit.
[Lager am Bamboesspruit.]

Am 19. März verließen wir unser Nachtlager. Nach etwa zweistündiger Fahrt hörten wir ein deutliches Brausen, wie von einem Bergstrome herrührend, welches vor uns aus einer durch einen langen von Norden nach Süden sich hinziehenden, durch einen Baumstreifen gekennzeichneten Vertiefung zu kommen schien. Wir fanden dies auch bestätigt und in jener engen 20-35 Fuß messenden Tiefe drängte sich der durch die in der gleichnamigen Hügelkette gefallene Regenmenge angeschwollene Maqwasi-River. Sein Bett ist meist steinig und steil, so auch seine Ufer, und zeigt oft, wie unterhalb der von uns benützten Furth, anmuthige Scenerie, wenn auch im beschränkten Maßstabe, wie es ein enges Flußbett und ein ebenso enges Thal nur bieten kann; der Fluß ist durch mehrere der Wintermonate bis auf einige der tieferen, felsigen Löcher trocken und ziemlich fischreich. Seine Ufer, und dies gilt namentlich von den felsigen, zerklüfteten Partien, sind von Fischottern, Wildkatzen, einer Wieselart, der Genetta und anderen kleinen Raubthieren, den Rohrrüßlern und auch von Wasserleguanen bewohnt. An der Furth, welche durch die steile Ab- und Auffahrt schwer zu passiren war, fanden wir das Wasser etwa drei Fuß hoch; am rechten Ufer trafen wir einige Transportwägen, welche Waaren im Gewichte von 6-7000 Pfund aufgeladen hatten, deren Fuhrleute den angeschwollenen Fluß nicht zu durchfahren wagten und das Fallen des Wassers in einer in der Nähe liegenden Cantine abwarteten. Ich entschloß mich jedoch, den Versuch zu wagen, der auch bis auf einen kleinen Unfall, der uns einen Theil unseres Kochgeschirres kostete, gelang.

Rückkehr von der Gnu-Jagd.
[Rückkehr von der Gnu-Jagd.]

Noch bevor die Sonne im Zenith stand, hatten wir die hier vom Norden nach Süden vorbringenden Maqwasihöhen an ihrem südlichsten Abhange erreicht, welche nicht nur dem Botaniker, sondern auch dem Mineralogen eine höchst lohnende Ausbeute, letzterem prachtvolle Quarzit-Porphyre bieten. Hasen und Trappen fanden sich auf der Ebene nach dem Süden, während der nahe Teich des Farmers, der sich am Fuße der Höhen angesiedelt hatte, von schwarzen Blaßhühnern, von Tauchern, Wildenten, Ibissen und Fischreihern wimmelte.

Am Nachmittage machte uns der Sohn des Farmers einen Besuch und ich staunte über die Fertigkeit, mit welcher dieser Mann meinen Revolver zu handhaben wußte. Schuß auf Schuß traf das Ziel. Gegen Abend verließen wir die Farm und zogen über eine weite Ebene, welche von zwei Fuß hohem, üppigem Graswuchs bedeckt, zahlreiches Wild beherbergte. Etwa sechs englische Meilen von unserem mittägigen Lagerplatze entfernt, am Abhange der Höhen, mußten wir anhalten, strömender Regen hinderte uns an der Weiterfahrt. Wir befanden uns in einem kleinen isolirten Mimosenwäldchen, das eine Farm umgab. Der außerordentliche Reichthum der Ebene an mancherlei Wild gab uns Veranlassung, hier einen ganzen Tag zu verweilen.

Bei Tagesanbruch wurde ich durch einige in der Nähe gefallene Schüsse aus meinem kurzen Schlummer gerissen. Die Schüsse schienen auf der Ebene nach Süden abgefeuert worden zu sein. Später, als wir beim Frühstücke um unsere Eisentöpfe saßen, wurde uns die Erklärung dazu geboten. Zwei Holländer kamen auf unscheinbaren, allein sehr ausdauernden Ponies herbeigeritten, und nachdem sie uns gefragt, ob der »Bas« (Hausherr) daheim sei, eine Frage, auf die wir keine Antwort hatten, ritten sie auf das mit Stroh gedeckte Häuschen zu, um sich hier vom Nachbarn, »Ohm« (gewöhnlicher Titel eines holländischen Farmers), einen Wagen zu entlehnen, mit dem sie die zwölf diesen Morgen auf seiner Farm erlegten Antilopen (Spring- und Bläßböcke) nach ihren, einige Meilen abliegenden Farmen schaffen konnten.

Jene holländischen Bauern, welche nahe an Städten wohnen, bringen die erlegten Thiere, meist nachdem sie dieselben ausgeweidet, und ihnen die Köpfe abgeschnitten, die sie draußen im Felde den Schakalen und Geiern überlassen, aufgeschnitten zu Markte. Jene, die entfernter wohnen, zerstückeln ihre Beute, nachdem sie selbe abgehäutet und die Häute zum Trocknen auf der Erde ausgespannt haben. Von Springböcken werden die Felle von den Farmern blos getrocknet, viereckig zugeschnitten und 8-12 solcher Häute zu Fußdecken zusammengenäht, eine Arbeit, in welcher sie von den Eingebornen weitaus übertroffen werden.

Die Felle des Bläßbockes und des in den Wäldern oder auf den bebuschten Höhen wohnenden Kudu werden in ähnlicher Weise ausgearbeitet und zu dem hinteren stärkeren Vorschlag (dem Achterschlag) der aus Giraffenhaut verfertigten Peitsche benützt. Auch gerben sie in sehr primitiver Weise die Bläßbock-, Gnu- und Quaggafelle, und verkaufen das so gewonnene Leder den in Städten ansäßigen oder herumziehenden Kaufleuten. Zum Gerben benützt man die Rinde mehrerer auf Höhen wachsenden Bäume, so z.B. des Waggonhout-Baumes und anderer, und wo diese mangeln, einiger der gewöhnlichen, doch größeren, meist an Flußufern wachsenden Mimosenarten. Solche, die das Gerben als Nebengewerbe betreiben, kaufen gewöhnlich die ungegerbten Felle den Jägern ab, bezahlen in der Regel 3-4 Shillinge für ein Bläßbockfell und verkaufen es gegerbt um 10 Shilling.

Aermere Farmer, die bei Freunden oder Verwandten wohnen, bereiten aus den halbgegerbten Gnufellen die Sohlen, aus Bläßbock-, Kudu-, Hartebeest-Fellen etc. das Oberleder zu einer unscheinbaren, allein auf Reisen in Süd-Afrika sehr bequemen Fußbekleidung, den sogenannten Feldshoen, welche an Ort und Stelle mit 6-8, bei den städtischen Kaufleuten mit 10-14 Shillingen verkauft werden.

Das Fleisch des Wildes wird in lange Stückchen geschnitten, etwas eingesalzen oder bei mäßiger Tageshitze auf Riemen aufgehangen getrocknet und als Beltong steinhart auf den Tisch gebracht. Zubereitet, d. h. abgerieben und dann in Butter gesotten, gibt es einen delicaten Imbiß. Ein Pfund von diesem getrockneten Fleische wird mit 6 Pence bis 1 Shilling bezahlt und von manchem Farmer in größeren Mengen auf den Markt gebracht.

Der große Wildreichthum der Umgebung des Gehölzes verhalf auch unserer Küche zu manchem Leckerbissen und meiner Sammlung zu schönen Bälgen. Unter Anderem gewann ich einen prächtigen Uhu, einen Hühnergeier, zwei Falken, eine Zwergeule, einen Wiedehopf, kleinere Spechte u.s.w.

Mein Enthusiasmus wurde indeß plötzlich abgekühlt, als der Farmer mich plötzlich mit seiner unmelodischen und schnarrenden Stimme zur Rede stellte. Es war ein vollbärtiger Boer, der grimmigen Blickes mich und meinen Gefährten F. frug, wo wir »del manier« gelernt hätten, »Finks, Falke, Eule und mar all det Vogels dot to skeuten« ohne daß man erst »will Mynheer permittiere« angesucht hätte. Die Entrüstung des Farmers hatte sich jedoch bald gelegt, als er erfuhr, daß ich ein Doctor sei, denn ein solcher ist dem holländischen Farmer stets ein willkommener Gast; ja er wurde später sogar noch so liebenswürdig, uns für einen Shilling eine reichliche Quantität frischer Milch zu überlassen.

Am folgenden Tage verließ ich das Gehölz und zog weiter nach Osten. Die Strecke von diesem Gehölze bis zum Estherspruit ist durch außerordentlichen Wildreichthum ausgezeichnet. Ich zählte zu beiden Seiten des Weges nicht weniger als zwanzig Antilopenheerden (Springböcke und Bläßböcke). Zahlreiche Aasgeier hatten sich in geringer Entfernung unseres Weges über einen angeschossenen Bläßbock zum Fraße niedergelassen; daß es an solchen Gelegenheiten auf dieser weitläufigen Ebene nicht fehle, bewies uns ihre große Zahl.

Wir kamen nach einiger Zeit zu einem nach Süden sich hinziehenden grabenartigen Spruit, an welchem aus dem Dickicht eines kleinen Mimosengehölzes in der Ferne ein weißgetünchtes Farmhaus uns entgegenschimmerte. Hier wohnte ein Holländer, Namens Rensburg, ein freundlicher, ältlicher Mann, den wir später kennen lernten.

Am Ufer der Spruit machten wir Halt. Während wir uns beim Mittagsmahle gütlich thaten, näherte sich uns ein eigenthümliches Gespann, das unsere Aufmerksamkeit für einige Zeit gänzlich in Anspruch nahm. Zwei bewaffnete Betschuana's escortirten ein Doppelgespann von Ochsen, welche eine aus Mimosenholz verfertigte schlittenartige, mit Aesten überdeckte Gabel schleppten, auf welcher ein frisch erlegter Gnu-Stier lag. Es war ein schwarzes Gnu, welches von den Eingebornen, die es erlegt hatten, ihrem Brodherrn überbracht wurde. Rensburg hielt sich mehrere Eingeborne, die mit ihren Familien in der Nähe seines Wohngebäudes in Hütten wohnten. Die Frauen halfen in der Haushaltung des Farmers, die dunklen Männer aber jagten für ihn. Diesen Stier hatte einer der Männer im Morgengrauen, nachdem er die ganze Nacht hindurch hinter einem kaum 2 Fuß hohen Termitenbau gelauert, aus unmittelbarer Nähe erlegt. Da das Fell des Thieres nicht bedeutend verletzt war, gab ich ihnen den Auftrag, ihren »Bas« von mir grüßen zu lassen und ihn zu bitten, mir das Gnufell zu überlassen, um es für meine Sammlungen präpariren zu können. Sie versprachen es und zogen ab. Nach einiger Zeit kehrten die Männer mit der Botschaft zurück, der Farmer überlasse mir das Fell um den Preis von 5 Shillingen, ein Vorschlag, auf den ich bereitwillig einging.

Der Besuch eines Boers, der, in entgegensetzter Richtung reisend, in der Nähe unseres Wagens Siesta hielt, verzögerte unsere Abreise und es war bereits ziemlich dunkel, als wir Estherspruit verließen.

Die Dunkelheit machte allen Jagdversuchen ein Ende, ich wurde indessen durch den Fund eines Exemplares der Ringhalsschlange von seltener Schönheit reichlich entschädigt. So oft mich später Farmersleute besuchten, zeigten sie einen unverkennbaren Schrecken beim Anblicke dieses schwarzen giftigen Reptils.

Die Straße, deren guter Zustand mich vor dem Estherspruit überrascht hatte, nahm bald ein Ende, wir waren plötzlich auf eine morastige Ebene gerathen. Alle Mühe und Anstrengung, unseren Wagenkoloß aus dem sumpfigen Boden herauszubringen, waren vergeblich, und so mußte ich denn, wenn auch mit Widerwillen, an dieser gesundheitsschädlichen Stelle den Morgen abwarten.

Nach Mitternacht wurde es heller, so hell, daß wir die ungemein dreist gewordenen Schakale in unserer unmittelbaren Nähe sehen konnten. So gerne ich die freche Zudringlichkeit dieser argen Kläffer gezüchtigt und mich in den Besitz einiger schöner Schabrackenfelle gesetzt hätte, stand ich davon ab, da mir der Farmer am Estherspruit hievon abgerathen hatte, und durch die Schüsse das Wild verscheucht worden wäre.

Am folgenden Morgen ging es weiter; schon nach 200 Schritten kamen wir zum Klipspruit, einem kleinen, damals fließenden, doch bald nach der Regenzeit bis auf einige Tümpel austrocknenden Flüßchen, welches nach heftigen Regengüssen zu einem 50-100 Schritte sich ausbreitenden Strom anschwillt. Wir überschritten es und schlugen auf einige Tage am gegenüberliegenden Ufer unser Lager auf.

Es war ein herrlicher, des Waidmann's Herz entzückender Anblick, als der anbrechende Tag uns einen Ausblick in die Ferne nach allen Richtungen hin vergönnte. Wohin wir auch das Auge wenden mochten, überall erfreute uns der Anblick kleinerer und größerer Gazellen- und Gnuheerden, die nächsten etwa 400 Schritte vor uns, und manche wieder nur als dunkle Punkte am Horizonte, der nach Westen, Süden und Osten unbegrenzten Ebene erkennbar. Während die Springböcke gruppenweise grasten, hielten sich die Bläßböcke in langen Ketten hinter- oder neben einander grasend. Von mehreren Seiten klang der langgezogene Ton des Trappengeschreies zu uns herüber; jedes Plätzchen um uns athmete Leben. Als ich an jenem Morgen des 23. März 1873 die mir unvergeßliche Rundschau von meinem Wagen aus hielt, da kam es mir in den Sinn, mir einen größeren Landbesitz in diesen Gegenden zu wünschen, der umzäunt, dem von allen Seiten verfolgten Wilde als Hort dienen könnte; doch leider, dieser Wunsch wird sich wohl nie erfüllen! Nicht das Klima, der beschränkte Raum in den zoologischen Gärten ist einer der Hauptgründe, daß so viele Thiere der Gefangenschaft erliegen. Jene wandernden Menagerien werden mit der Zeit aufhören müssen, je mehr stabile entstehen, die sich rasch mehren, denn der notorischen Thierquälerei der ersteren, dem sogenannten Gefängnißsystem, muß einmal die sich mehr und mehr entwickelnde Veredelung des menschlichen Geistes ein Veto gebieten.

Am Klipspruit wollte ich einen mehrtägigen Aufenthalt nehmen, nicht um eine Razzia unter dem Wilde zu halten, sondern, wenn möglich, zu beobachten und von den hervorragenden Wildspecies je ein Fell für meine Sammlung zu gewinnen. Leider war der Zufall selbst diesem bescheidenen Wunsche nicht hold und heute bin ich zufrieden, daß es so geschah. Wir blieben bis zum 27. März. Den ersten Tag beschäftigten wir uns mit dem Präpariren des erkauften Gnufelles—eine mühevolle Arbeit. Am zweiten verfolgten wir den Lauf des Spruit, der sich grubenartig durch die Ebene wand und nur stellenweise in Tümpeln Wasser aufwies, um ein geeignetes Versteck in seinem Bette zu finden und das Wild aufscheuchen zu können.

Mehrere Wägen, die Transvaal-Farmern angehörten, welche mit Getreide theils nach den Diamantenfeldern zogen, theils von daselbst kamen, und die uns begegneten, hatten bis drei Stück Wild unter und an dem Wagen befestigt. Das Wild ließ denselben oft bis auf 300 Schritte Nähe vorüberfahren, was dann von den vortrefflichen holländischen Schützen benützt wurde, um auf der anderen Seite vom Wagen zu springen, sich in's nahe Gras zu werfen und auf die arglosen Thiere anzuschlagen. Von je drei Schützen traf in der Regel einer tödtlich und so bot man uns Springbockgazellen mit Fleisch und Haar für 1 Shilling bis 1 Shilling 6 Pence, Bläßböcke für 2-3 Shillinge und Gnus für 7-8 Shillinge an. Ich erstand zwei der ersteren Thiere.

Von schwarzen Gnu's überrascht.
[Von schwarzen Gnu's überrascht.]

Doch weder mir noch meinen weißen Gefährten war Waidmannsglück jetzt hold; schon waren drei Tage resultatlos verflossen, den letzten Tag (27. März) beschloß ich noch einmal, mein Glück zu versuchen, und unternahm einen Ausflug, am Spruit abwärts.

Auf meinen an den früheren Tagen nach dieser Richtung hin unternommenen Ausflügen war mir eine Stelle in dem etwas verbreiterten Flußbette aufgefallen, die von dem Wilde als Tränkstelle benutzt zu sein schien. Neben ihr führte quer durch das sonst trockene Bett ein zu beiden Seiten von einem Tümpel (der Tränkstelle) umsäumter Pfad, den das Wild und namentlich nach den Spuren zu urtheilen, Gnu's zum Ueberschreiten des Bettes zu wählen schienen. Ich hielt es für das Beste, an diesem Pfade im Anstand zu liegen und das Herannahen des Wildes zu erwarten.

Ich verließ den Wagen nach Sonnenaufgang und legte kriechend die etwa zwei englische Meilen entfernte Strecke zurück. Es mochte jedoch schon 11 Uhr gewesen sein, bevor ich es zu Stande gebracht, denn stellenweise war das eigentliche Bett sehr seicht und ein sich in demselben vorwärts bewegender Mensch konnte leicht vom Wilde von der Ebene aus beobachtet werden. Der Pfad war eng, zu einer Seite Tümpel mit Schilf umsäumt. Der Fluß war, wie ich schon erwähnt, ziemlich breiter, flacher und seichter, als es sonst am Laufe des Klipspruit zu beobachten war. Ich mochte eine Stunde an dem Pfade gelegen haben, die Sonne brannte heiß und machte mir meine Lage recht unbequem, als von Nordosten her in weiter Entfernung einige Schüsse fielen; theilweise durch einen Grasbusch gedeckt, lugte ich nach Osten zu aus, sah jedoch nichts, außer mehreren ruhig grasenden Heerden von Springböcken, Bläßböcken und Gnu's. Von den letzteren fiel mir die eine dadurch auf, daß die Thiere, eines hinter dem andern trottend, eine bestimmte Richtung, und zwar gerade nach mir zu, eingeschlagen zu haben schienen. Ich wandte mich deshalb auch gegen dieses Ufer und machte mein Gewehr schußbereit. Da jedoch die Gnu's noch weit entfernt waren und sich langsam vorwärtsbewegten, kehrte ich meinen Kopf nach der entgegengesetzten Seite, wohin ich zuvor ausgelugt, und staunte nicht wenig, eine zahlreiche Bläßbockheerde im schnellen Laufe aus derselben Richtung, aus welcher die Schüsse gefallen waren, herannahen zu sehen. Die Thiere waren mir näher als die langsam schreitenden Gnu's, und da sie dieselbe Richtung, d.h. nach dem Pfade eingeschlagen zu haben schienen, wurde ich den letzteren untreu, kroch, mich flach auf den Boden legend, bis zur Mitte des Bettes; bis zum gegenüberliegenden flachen Rande zu gelangen war mir keine Zeit mehr geblieben.

Nach einigen Sekunden erhebe ich ein wenig den Kopf, die Thiere mußten nun schon in unmittelbarer Nähe sein. Doch welche Enttäuschung! Die Bläßböcke mußten mich bemerkt haben, denn etwa 200 Schritte vor mir hatten sie sich zur Flucht gewendet. Die letzten Thiere der Heerde waren eine Gais und ein kleines Böcklein, das lebend zu erlangen, mein lebhaftester Wunsch war; ich wollte es daher versuchen, die Gais zu verwunden und mich dann des Böckleins zu bemächtigen. In den rechten Lauf geschossen, bäumte die Gais auf, hinkte anfangs, allein bald war sie wieder in vollem Lauf, unmittelbar von dem Böcklein gefolgt und hatte die enteilende Heerde eingeholt.

Ich kroch nach meiner früheren Stelle zu, an den westlichen Rand, bückte mich nieder, um rasch noch einmal laden und einen der schönen Böcke erlegen zu können. Ich führte eben die Kugel ein, als ich über mir ein Pusten und Fauchen vernahm. Aufblickend, erschrak ich wie selten zuvor. Ohne mich zu bemerken, war die von mir beobachtete Gnuheerde im vollen Laufe nach dem Durchgangspfade herangeraunt gekommen, die bemähnten Köpfe tiefgesenkt, den weißen Schwanz hochgehoben, kamen sie wie ein Sturmwind herangebraust. Noch einige Momente und ich lag unter ihren Hufen. Da ich mich nach der näheren Bekanntschaft mit ihren Hörnern und spitzen Hufen durchaus nicht sehnte, sprang ich rasch auf, um mit lautem Geschrei und durch das Abfeuern des Gewehres, die Thiere zu erschrecken, zum Stillstand, wo möglich zur Rückkehr zu zwingen.

Gesagt, gethan. Aufspringend und das Gewehr schwingend schrie ich laut auf. Da stutzten die Thiere. Die struppigen Köpfe richteten sich auf mich—ein Schuß und der vorderste Stier wandte sich, den Kopf tiefgesenkt und laut aufbrüllend, zweimal im Kreise herum, dann nach rechts, gefolgt von der Heerde, nach etwa 10 Schritten drehte er sich wieder um, beschrieb einen Kreis, abermals von der ganzen Heerde gefolgt, und dieses Manier von Zeit zu Zeit wiederholend, entfernte sich die Heerde mit hochgehobenen Schwänzen und laut brummend.

Bevor jedoch die Thiere zum zweiten Male sich im Kreise gewendet hatten, sandte ich ihnen eine wohlgezielte Kugel nach, mir ein halberwachsenes Thier der Heerde auswählend. Trotzdem, daß ich das Geschoß einschlagen hörte, schien sich das Thier, ohne Schaden gelitten zu haben, zu entfernen. Da ich meines Schusses auf's Blatt, wie ich glaubte, sicher war, folgte ich den Thieren im Schweiße meines Angesichts in der brennenden Sonne etwa vier englische Meilen nach—doch vergebens; das Thier blieb wohl das letzte in der Heerde, allein die Entfernung zwischen mir und den Thieren wurde immer größer, auch war ich derart ermüdet, daß ich endlich die Verfolgung aufgeben und enttäuscht zum Wagen zurückkehren mußte.

Nachdem ich mich etwas gestärkt, machte ich mich mit Gert auf, um der Spur des angeschossenen Gnu zu folgen; es war nicht schwer, sie zu finden, wir folgten der Spur der Heerde von der Stelle, die ich bei dem Anpralle der Gnu's innehatte und wohl bis zwei Meilen weiter als ich früher die Verfolgung aufgegeben—es waren im Ganzen fünf Stunden seit dieser Zeit verflossen—fanden wir, schon halb abgenagt, den Cadaver eines jungen Gnu-Stieres, den wir den zahlreich versammelten Geiern als Beute überlassen mußten. Ich wurde jedoch durch diesen Mißerfolg so verstimmt, daß ich am selben Tage das Lager abbrach und unsere Reise nach dem Innern der Transvaal-Republik fortsetzte.

Als Ziel meiner Reise hatte ich mir die am oberen Moi-River gelegenen Wonderfonteiner Felsenhöhlen gewählt, von wo ich den Rückweg nach den Diamantenfeldern anzutreten gedachte. Als wissenschaftliche Ausbeute brachte mir der Aufenthalt am Klipspruit einen hübschen jungen Wasserleguan, einige Fischottern, Insecten, Skolopender und Pflanzen, namentlich Gramineen, und einige Grünsteinvarietäten ein.—Wir fuhren spät in die Nacht hinein und hielten an einer Ebene etwa vier Meilen nordöstlich von der Klipspruit-Furth an. Die Nacht war schön, ziemlich hell und während wir beim Abendfeuer sitzend unsere Erlebnisse an den Ufern des genannten Spruit besprachen, hörten wir wiederholt in einer mäßige Entfernung das Brummen der Gnu-Stiere, manchmal auch einen dumpfen Schlag, der sich dann einige Male wiederholte, ein Schall, der von den Anpralle der übermüthigen, sich mit ihren breiten Hörnern anrennenden Thiere herrührte. Das am Abende von allen Seiten beginnende, dann sich von Mitternacht an bis gegen Morgen wiederholende Schakalgebell und jenes langgezogene häßliche Hyänengeschrei zeigten, daß die wildreichen Gegenden auch zahlreiche hundeartige Raubthiere beherbergten.

Auch die Reise am 27. März führte uns durch wildreiche Gegenden, nur daß jetzt die Senken, in denen sich die Spruits wanden, tiefer wurden und stellenweise mit Buschwerk bestanden waren. Manche der letzteren beherbergten die von der südlichen Meeresküste bis über den Zambesi hinaus verbreiteten Perlhühner.

Dieser wild lebende Hühnervogel gehört unstreitig zu den interessantesten Erscheinungen der afrikanischen Vogelwelt und da er in den bewaldeten Gegenden ziemlich häufig vorkommt, mehrt er sich rasch, trotzdem er vielfach gejagt wird. Der liebste Aufenthalt des Vogels, der in Ketten zu 10-40 Stück haust, sind bebuschte und bewaldete Gegenden in der Nähe von Flüssen oder nie versiegenden stehenden Gewässern. Von unserem Perlhuhn unterscheidet er sich namentlich durch seinen hornartigen Auswuchs auf der Stirn. Ich will vorläufig nur der Jagdweise Erwähnung thun, die ihn uns bekannt machte.

Am Vaal-, Hart-River und den anderen Nebenflüssen des ersteren jagt man diese Vögel mit dem besten Erfolge 1½-2 Stunden vor Sonnenuntergang, zur Zeit wo die Thiere von der Weide aus der hie und da bebuschten Ebene, in anderen Gegenden aus den Büschen und Wäldern zur Tränke eilen, woselbst sie dann gewöhnlich auf den höheren Uferbäumen übernachten. Es läßt sich fast mit Sicherheit die Tränkstunde auf 4 Uhr Nachmittags für alle Jahreszeiten feststellen. Gewöhnlich wählen die Thiere einen und denselben Pfad; hat man sich nahe an diesem Pfade versteckt und blickt man etwa um ½ 4 Uhr von dem Gewässer landeinwärts, so wird man, wenn es die Witterung gestattet, eine Staubwolke sich herannahen sehen, einige Minuten später vernimmt man die ersten Gackerlaute, ohne die Vögel selbst noch zu erblicken. Die Staubwolke wird dadurch erzeugt, daß die zur Tränke eilenden Thiere noch auf ihrem Wege unausgesetzt im Sand oder Thonboden nach Insecten und Samen scharren. In dichtem Grase erleichtern die übrigen Vögel den Hühnern die Arbeit dadurch, daß sie alle zeitweilig ihr Köpfchen erheben und für einige Sekunden Rundschau halten; ist das Gras 3 und über 3 Fuß hoch, so beobachtete ich, daß die Führer 10-15 Schritte weit voraus eilten und von Zeit zu Zeit aufflogen, richtiger gesagt aufsprangen, um sich umsehen zu können. Hatten sie etwas Verdächtiges gesehen, oder näherte sich ein Mensch oder ein Raubthier von vorne her, so ergriffen sie mit lautem Gackern die Flucht, und leisteten darin wahrhaft Unglaubliches. Ich kenne wenig Vögel, welche so schnell laufen können; es geht so rasch im Wildpfade vorwärts, daß der mit den Gewohnheiten dieser Thiere wenig vertraute Jäger sie während des ganzen Tages nicht mehr zu Gesicht bekommt. Kennt man jedoch ihre schnelle Flucht und sendet man ihnen Hunde nach, oder hat man sich versteckt gehalten und tritt man plötzlich ihnen entgegen, so fliegen sie auf und da sie einen schweren Flug haben, so ist es für einen halbwegs guten Schützen leicht, mit jedem Schusse eines der Thiere herunterzuholen. Von den Eingebornen droht ihnen, wie auch dem übrigen Wildgeflügel, keine große Gefahr. Ich beobachtete, daß blos die Koranna's den Vögeln einigermaßen nachzustellen pflegten, sie mit Hilfe ihrer Hunde aufstöberten und dann—ohne Schrot—mit den harten Körnern des »Blue-bushes« (eine eßbare kleine Frucht) niederschossen.

Am Nachmittage des 27. März gelangten wir zum Matheusspruit. Trotz der regenreichen Jahreszeit war der Spruit ziemlich ausgetrocknet und neben dem Wege ein kleiner Damm quer über sein Bett errichtet und dadurch ein Teich gebildet. An einem nahen Abhange breitete sich ein dichtes Gebüsch aus, in dem einige verarmte Boers-Familien wohnten, welche über die Vorüberreisenden wie Raubvögel herfielen und sie in folgender schlauer Weise auszubeuten suchten.

Zog ein Boer aus dem Transvaal-Gebiete nach den Diamantenfeldern, um seine Producte auf den Markt zu bringen, oder kehrte er zurück, oder waren es—damals begann schon die Auswanderung—Unzufriedene aus den Diamantenfeldern, welche die Leydenburger Goldfelder aufzusuchen im Begriffe waren, so kamen wie zufällig einer oder zwei dieser Boer's aus dem Gebüsche heraus und auf den Wagen zu, knüpften ein Gespräch an, und gaben sich den Anschein, in Tauschhandel treten zu wollen, worauf sie dann auf die gute Weide und auf das schöne Dammwasser hinzuweisen nicht vergaßen und zum »Utspannen« (ausspannen) einluden; half dies nichts, so wußten sie die Wasserarmuth der nächsten Strecke bis Klerksdorp in den düstersten Farben zu schildern. Gaben die Reisenden nach, so waren sie bald darauf von drei und mehreren Ohmen, ihren Frauen und einem Rudel schmutziger Kinder umringt und ihre Vorräthe gebrandschatzt. Auch ich ging ahnungslos in die Falle.

Als wir ausgespannt hatten, fanden sich nicht weniger als 17 Köpfe an meinem Wagen ein. Zuerst wurde um Tabak gebettelt, leider willfahrte ich ihrem Ansuchen und so kam dann rasch Zucker, Kaffee, Thee, Blei, Schießpulver etc. an die Reihe. Bevor wir noch abzogen, wurden wir noch daran gemahnt, daß für das Tränken unserer Thiere am Teiche ein Shilling zu bezahlen sei. Kaum war dies geschehen, da kam der ganze Troß zum zweiten Male wieder und zwar um sich ärztlichen Rath von mir einzuholen, nachdem sie zuvor im Laufe des Gesprächs erfahren hatten, daß ich ein Arzt sei. Da hatte einer kranke Augen, jenem that der Kopf weh u.s.w. Ich hörte sie an, ertheilte den ärztlichen Rath während wir einspannten, und pries den Augenblick glücklich, als Gert, der »Wagentriber«, ohne sich um die uns Umlagernden zu kümmern, mit einem lauten »Fatt mer« (fasset nun, ziehet an) das Gespann in Bewegung setzte.

Vom Mattheusspruit gegen den Estherspruit war der Zustand des Fahrweges ein wahrhaft erbärmlicher. Theils führte er über felsigen Grund, theils durch derart aufgeweichten Boden, daß wir alle Augenblicke stecken blieben. Am 29. März erreichten wir den Estherspruit, ruhten hier in der Nähe einer gastlichen Farm etwas aus und erreichten am Abend desselben Tages den Jagdspruit. Die landschaftliche Szenerie vom Mattheusspruit (auch Matjesspruit genannt) bis hieher glich anfangs jener vom Maqwasi-River bis zu diesem Spruit, rechts und links von uns meilenweite Grasebenen, im Norden von den Maqwasihöhen, im Süden vom Vaalflusse begrenzt, von dem wir uns jedoch nach und nach so weit entfernt hatten, daß wir sein eigentliches Thal nicht mehr wahrnehmen konnten. Gegen den Jagd- (der Holländer spricht »Jach-«) Spruit zu änderte sich die Scenerie insofern, als die Höhen zur Linken näher Herantraten, sich sogar zwischen diesem Spruit und Klerksdorp (Klerksdorf) quer über den Weg nach dem Vaal-River ziehen und bei Klerksdorp einige interessante Höhengruppen bilden.

Der folgende Morgen war schön und warm. Die aufgehende Sonne beleuchtete die Ostabhänge der felsigen Klerksdorper Höhen, welche theilweise kahl, theilweise mit Büschen überwachsen, die einen kegel- oder brodlaibförmig am Ufer des Schoenspruit isolirt, die anderen zu Hügelketten mit scharfen Felsenkämmen gruppirt sind. Zwischen uns und diesen Höhen breitete sich eine mäßige Niederung, ein etwa zwei Meilen breites offenes Thal aus, welches einige Meilen nach abwärts in das enge Thal des Schoenspruit einzumünden schien. Jenseits einer quer über den Weg sich hinziehenden Felsenkette sollte Klerksdorp, die älteste Niederlassung in der Transvaal-Provinz, liegen. Der angenehme schöne Morgen lud mich zu einem Spaziergange auf der Ebene ein, wobei mich unwillkürlich die artenreichen Kinder Flora's zum Botanisiren aufforderten.

Schon am Wege fand ich mehrere sammelnswerth, unter diesen eine in Unmasse, förmlich als Unkraut wachsende Cinna mit dunkelziegelrothen oder rosafarbigen Blüthen; sie bildet dichte, doch kleine, 12-40 Zentimeter hohe, meist zwei- doch auch hie und da mehrblüthige Stöcke.

In einem nahen Gebüsche zur Linken fand ich reichliche Ausbeute an kleinen Prachtkäfern (Buprestidae), Blattkäfern (Chrysomelidae) und mittelgroßen Bockkäfern (Capricornia), auch an zahlreichen großen, gelb- und schwarzgescheckten Spinnen, welche große, unseren Kreuzspinnen ähnliche Gewebe zwischen den Bäumchen und Büschen ausgespannt hatten. Zwei Deukergazellen sprangen durch den Eindringling erschreckt auf, und verschwanden ebenso rasch in dem Dickicht.

Von diesem kleinen Morgenausfluge zurückgekehrt, machte mich Freund E. auf einen großen Vogel aufmerksam, der auf unseren Wagen loszulaufen schien. Es war eine große Trappe; ich legte an, ziele nach dem Halse, der Schuß kracht und der Vogel stürzt zur Erde. Es war ein prächtiges Thier, und zwar eines der größten seiner Art. Kaum 30 Fuß von der Rohrmündung entfernt, hatte sie den ganzen Schuß in die vordere Brusthöhle bekommen, so zwar, daß der Balg für meine Sammlung ganz unbrauchbar war, hingegen war das Fleisch eine werthvolle Acquisition für die Küche. Außer einem noch größeren Trappenpärchen derselben Art, welches ich auf der dritten Reise am linken Limpopo-Ufer beobachtete, sah ich nie wieder ein so großes Exemplar in Süd-Afrika.

Einen Gebirgssattel übersetzend kamen wir in das eigentliche Thal des Schoenspruit, den man füglich River nennen könnte, weil er in gewöhnlichen Jahren meist fortwährend fließt, nur in sehr trockenen den Charakter eines Spruit zeigt. Im Allgemeinen gehört dieses Flußthal zu den interessanteren Thälern des südafrikanischen Hochplateau's und auch zu einem der fruchtbarsten und bestbebauten. Im Thale des Schoenspruit reiht sich Farm an Farm; prachtvolle Weideplätze für das Hornvieh, längs den Höhen und den Abhängen zum Flusse, erhöhen noch den Werth des Landbesitzes am Schoenspruit und im Moi-Riverthale. Bei Entfaltung einiger Energie und einer rationellen Bearbeitung des Bodens könnte leicht das Zehnfache des gegenwärtigen Ertrages an Cerealien erzielt werden.

Klerksdorp oder Klerksdorf bestand im Jahre 1873 aus einer Hauptstraße, in der ich, wenn ich nicht irre, 25 Häuser zählte; seitdem hat es sich vergrößert und verspricht unstreitig neben Potschefstroom die bedeutendste Stadt des südwestlichen Transvaal-Gebietes zu werden. An jedem Hause fand ich einen Garten mit Obstbäumen, namentlich Pfirsichen, Orangen etc. und die Zäune aus Quitten und Granatbäumchen gebildet. Jener Theil des Schoen-Riverthales, in dem Klerksdorp erbaut ist, gehört überdies zu den günstigsten, namentlich in Bezug auf Wasserfülle des Flusses. Das Thal ist bei Klerksdorp von beiderseits aufzeigenden Höhen eingeengt, und durch einen isolirt stehenden Höhenzug flußaufwärts nach dieser Seite hin ziemlich geschützt.

Da wir mit dem Ueberschreiten des Schoenspruit eine andere Bodenformation betreten, welche sich bis Wonderfontein im centralen Transvaal-Gebiete verfolgen läßt, so will ich noch mit wenigen Worten der geologischen Struktur der Strecke vom Bamboesspruit bis zum Schoenspruit gedenken. Die Hauptmasse des sichtbaren Gesteins auf der Ebene bilden in Bezug auf Farbe, Consistenz und die schon in den Gegenden weiter vaalabwärts beobachteten mandelartigen Einschlüsse, verschiedene Varietäten des Grünsteins. An manchen Stellen finden wir ihn sehr hart und fest, riesige Platten bildend, an anderen ist er bröcklich und dann zeigt die Oberfläche viele quarz- (Milch- und Rosenquarz) und chalcedonartige Einschlüsse. Hie und da finden wir Thonschiefer, an andere eisenhaltige Schiefergeschiebe aufgelagert und manche der die Wildebene umsäumenden Höhen werden von Porphyr gebildet.

Ich durchstreifte die nächste Umgebung von Klerksdorp und war namentlich mit der Pflanzenausbeute zufrieden. In einigen der brach liegenden Gärten fand ich eine Malvacee, welche in veschiedenen Varietäten vorkommt, deren Verbreitungsbezirk von der südlichen Meeresküste bis über den Zambesi hinaus reicht und schöne, große, schwefelgelbe Blüthen besitzt.

Schon den folgenden Tag nach unserer Ankunft brach ich wieder auf, um meine Reise gegen Potschefstroom, der bevölkertsten Stadt der Transvaal-Republik, fortzusetzen. Auf dieser 34 Meilen langen Strecke überschritt ich drei trockene Spruits, den Kockemoer, den Matchavis und den Bakenspruit, welche gleich den vorhergenannten so ziemlich parallel von Norden nach Süden dem Vaal-River zuströmen. Das Land ist mehr hügelig als jenes zwischen Bloemhof und Klerksdorp; die flacheren wie die tieferen Thäler scheinen sehr fruchtbar zu sein. Zwischen Klerksdorp und den Kockemoerspruit überschritten wir eine stellenweise morastige Hochebene, welche unserem raschen Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereitete. Zwei tief in den Modder (Morast) eingefahrene Wägen mahnten uns zu größter Vorsicht. An manchen Stellen mußten wir den Schlamm ausschaufeln, dann Steine in die so erzeugte Mulde werfen, um einen harten Untergrund zu gewinnen und dann rasch mit lautem Peitschengeknall und Geschrei die Zugthiere zum Anspannen ihrer ganzen Kräfte aufmuntern. An anderen Stellen hieß es, die unliebsamen Strecken zu umfahren; dies gelang zuweilen an einer, jedoch fanden wir an anderen den Wiesengrund so aufgeweicht, daß sich die Räder tief einschnitten, als wenn die breiten Eisenbänder mit scharfen Schneiden versehen gewesen wären.

Zur Zeit meines Besuches geschah für die Communicationswege in der Transvaal-Republik fast nichts. In der unmittelbaren Nähe von Potschefstroom fand ich die Wege im schlechtesten Zustande.

Am nächsten Tage führte uns der Weg am Fuße eines höheren Felsenhügels vorüber; die Scenerie der Landschaft auf diesem Punkte war nebst jener bei Klerksdorp die anziehendste auf der Gesammtstrecke meiner ersten Reise. In dem flachen hochbegrasten Thale des Bakenspruit war eine zahlreiche Heerde von grauen Kranichen mit der Heuschreckenjagd beschäftigt, auch einige ruhig zwischen den Vögeln grasende Springbockantilopen fielen uns auf. Nimrod F. versuchte sein Müthchen an den arglos weidenden Thieren zu kühlen, doch wie bisher ohne anderen Erfolg, als ob seiner staunenswerthen Ungeschicklichkeit von uns herzlich ausgelacht zu werden.

An der etwas morastigen Furth fanden wir Tausende von Schwalben, welche sich auf dem nassen Grunde niedergelassen hatten. In höherem Grade als unsere Hausschwalben sind die südafrikanischen Species wahre Menschenfreunde und so zutraulich, daß sie sich nicht nur in den Gängen eines Hauses, die eine stets offene Communication mit Außen verbinden, sondern auch in bewohnten Zimmern, in denen die Fenster durch längere Zeit offen gelassen waren, anzubauen versuchen. Ich habe mehrere derartiger Fälle beobachtet. Die Nester der südafrikanischen Schwalben sind auch kunstvoller als jene der europäischen Hirundo erbaut, indem sie frei an einer horizontalen Decke angeheftet, mit einem bis zwei Fuß langen geraden oder unbedeutend geschlängelten bedeckten Gange versehen sind, so zwar, daß Gang und Nest ein Ganzes darstellen. Die südafrikanischen Schwalben-Arten, sowie die Ziegenmelker- (Caprimulgus) Species sind zahlreicher als die europäischen vertreten, allein ich beobachtete bei keiner der ersteren eine so starke und doch so melodische Stimme, wie sie die europäische Hausschwalbe auszeichnet.

Vom Bakenspruit fuhren wir über eine Felsenstraße und hatten einen Bergsattel zu überschreiten, von dem wir in ein Seitenthal des Moi-Rivers einfuhren, welch' letzteres über der Einmündungsstelle zu einer weiten Ebene sich ausbreitend, zum Aufbaue einer Niederlassung hinreichenden Raum bot, auf dem sich gegenwärtig Potschefstroom oder das neue Moi-Riverdorp erhebt. Die Abhänge, an denen entlang der Felsenweg führte, lohnten reichlich die Mühe des Botanikers und nach den zahlreichen in den Höhen zur Linken, von denen die höchste etwa 4000 Fuß über dem Meere sich erhebt, theils Vieh- und Ziegenheerden hütenden, theils Holz sammelnden Eingebornen dachte ich auf eine Eingebornenstadt in diesen westlichen Potschefstroomhöhen schließen zu müssen. Als ich darüber fragte, theilte man mir mit, daß daselbst eine Stadt der Mohavis, eines Betschuana- (Barolong?) Stammes liege.

Aus dem hochbegrasten Seitenthale in das geräumige, an beiden Ufern in der Entfernung einiger englischen Meilen von Höhenketten und isolirt stehenden Höhenkuppen begrenzte Thal des Moi-Rivers—eines stets fließenden Gewässers—einbiegend, sahen wir Potschefstroom vor uns liegen. Aus der Entfernung erscheint es dem Besucher bedeutend kleiner als es wirklich ist, was sich wohl dadurch erklärt, daß sich die Stadt in einer Ebene ausbreitet, ein Parallelogramm bildet und die Straßen so wie die Gärten an den Häusern mit dichtbelaubten Bäumen bepflanzt sind. Schon zur Zeit meines Besuches im Jahre 1873 war Potschefstroom eine der bedeutendsten Städte Süd-Afrika's, seither hat sie sich noch bedeutend entwickelt und gehoben.

Sie war die Gartenstadt der Republik und wird diesen Rang auch in der Transvaal-Colonie behaupten, so wie sie bis heutigen Tages die bedeutendste Handelsstadt des Landes ist und nur durch den Bau der Delagoa-Middleburg-Bahn von Pretoria überflügelt werden würde. Zur Zeit meines Besuches schätzte ich die Einwohnerzahl auf etwas über 4000 Seelen, welche Zahl sich jedoch höher herausstellt, wenn wir das sogenannte alte Moi-Riverdorp, d.h. die dicht aneinander liegenden, am nördlichen Stadtende beginnenden und flußaufwärts im Thale des Moi-Rivers an beiden Ufern meilenweit sich hinziehenden Farmen in Betracht ziehen. Der Fluß, ziemlich stark strömend und viele dichtbeschilfte Sümpfe bildend, umfließt die Stadt an ihrer östlichen Seite. Sein Wasser ist die meiste Zeit hindurch klar und beherbergt zahlreiche Vaal-Riverfische und Krabben, seine Ufer Fischottern, Wildkatzen und Leguane. Von dem Flusse aus, und auch, wenn ich nicht irre, von den Höhen von Westen her versieht eine Wasserleitung die Gärten der Stadt, sie an ihrer westlichen Seite umfließend, von welchem Hauptstrome kleine Bächlein zu den zahlreichen Häusergruppen geleitet sind.

In der Sommerszeit wuchert in den weniger bewohnten Straßen üppiges Gras, allein selbst in der Trockenzeit gleicht die Stadt, ob der vielen immergrünen, meist ausländischen und hier eingeführten Bäume, Cupressineen, Eucalyptusarten, Epheu etc., welche im Moi-Riverthale sehr gut gedeihen, mit ihren reinlich angetünchten, schmuck aus dem dunklen Grün hervorblickenden, theils flachdachigen, theils begiebelten Häusern, einem Garten, der sich namentlich aus der gelblichen Grundfarbe des ringsum auf dem weiten Thalboden vertrockneten Grases ausdrucksvoll hervorhebt. Sind jedoch—wie es zur Zeit meines ersten und zweiten Besuches (1873 und 1874) der Fall war—die entfernten, mäßig hohen Hügel und die breite Thalebene mit hohem, üppigem Gras bedeckt und haben sich die Ufer des Flusses in zwei, mit weißen, feuerrothen und gelben Blüthen bedeckte Blumenbeete verwandelt, dann ist die wahre Zeit gekommen, wo Potschefstroom, im schönsten Schmucke prangend, den Ehrentitel der Blumenstadt des Transvaal-Gebietes verdient.

Die Straßen sind gerade—die Stadt ist in »Blocks« ausgemessen—mehrere geräumige Plätze, von denen der bedeutendste theilweise als Markt und Auctionsstätte dient, finden sich an der Bereinigung mehrerer Straßen. Unter den Kirchen bietet das englische, epheuumringte Kirchlein ein schönes idyllisches Bild. Sonst finden wir an öffentlichen Gebäuden nicht eines, das über das Niveau der gewöhnlichen, neueren südafrikanischen Städtebauten hervorragen würde. Die Stadt ist der Sitz eines Magistrats, des portugiesischen Consuls, einiger Volksschulen, und treibt regen Handel mit Natal; mehrere Mühlen und Lohgerbereien sind außerhalb der Stadt angelegt. Die Haupt-Ausfuhrartikel sind Mehl, Getreide, Tabak und Schlachtvieh nach den Diamantenfeldern, nach Natal Tabak, Vieh, Häute und Carossen, auch etwas Straußenfedern und gegenwärtig nur wenig Elfenbein. Ein guter Theil der Handelswaren aus Natal, dem Oranje-Freistaat und den Diamantenfeldern hat auf seinem Wege in das Innere des Landes Potschefstroom zu passiren.

Ohne daß die Gebäude der Stadt durch architektonischen Schmuck hervorragen, sind doch sowohl die Geschäftslocale feste, ihren Zwecken vollkommen entsprechende, geräumige Bauten, als auch die Wohngebäude nett und niedlich, viele gleich eleganten Villen eingerichtet. Was speciell oft jedem einzelnen, ja sogar einfachen Häuschen besonderen und der Stadt einen allgemeinen Reiz verleiht, das sind die sie umschließenden Obst- und Gemüsegärten und Gärtchen, sowie die vielen, mit Hunderten und Tausenden, hier hellen, dort dunkelrothen Blüthen geschmückten dichten Rosenhecken und Zäune aus hohem Feigengebüsch oder solche von der in einem schönen, glänzenden, dunklen Blattkleide und mit feuerrothen Blüthen prangenden, späterhin mit faustgroßen Früchten überladenen Granatäpfelstaude gebildet. Ueberall grünt, blüht und duftet es und mehrere Monate hindurch winken reife Früchte an den Hecken, Büschen und Bäumen. Ohne große Mühe können die Gehöftbesitzer ihren jährlichen Bedarf an Grünzeug und Obst ziehen, ohne dabei ihrem Ländchen den Reiz des Blumengartens zu benehmen.

An den meist von stetig fließenden Bächlein durchrieselten Straßengräben stehen riesige, in heißer Sonnenhitze erquickenden Schatten spendende Trauerweiden, welche mit dem lichteren Grün ihrer Blätter und den schwermüthig herabhängenden, dünnen, doch mit dichtem Blattwuchs beladenen Zweigen deutlich und um so anmuthiger von den dunkel nüancirten Kronen der Obstbäume, den noch dunkleren Eucalyptusblättern, den spitz zulaufenden Blättern des Lebensbaumes und dem dunklen Grün der Cypressenbäume abstechen.

Wir hatten nicht weit von den Friedhöfen in unmittelbarer Nähe der Stadt ausgespannt und wechselten uns bei dem Besuche derselben ab, um den Wagen nicht ohne Aufsicht zu lassen. Unsere Ankunft war nicht unbemerkt geblieben, bald hatte sich einer der dunkelfarbigen Konstabler eingestellt, um sich über unsere Absichten und den Inhalt des Wagens zu informiren. Ihn folgte bald der Clerk (Gehilfe) des Marktmeisters, der auch öffentlicher Auctionär war, um nachzusehen, da er eben des Weges vorbeiging, ob der Besitzer des hier ausgespannten Wagens nicht vielleicht Schlachtochsen oder sonst andere Artikel mit sich führe, deren er gerne los werden wolle. »Sein Chef,« meinte er, »wäre a capital Auctionar und er bringe die Sachen, die er verkaufen solle, so gut an den Mann, daß die Leute weit und breit seine Hilfe in Anspruch nahmen.—»Kommt wohl von den Diamantenfeldern und wollt es nun in den Goldfeldern versuchen?« war seine Frage. Die Goldfelder im Leydenburger District fingen im Jahre 1873 an, sich merklich in der öffentlichen Meinung zu heben, im selben Maße, als die Diamantenfelder zu sinken begannen; gegen das Ende des Jahres 1873 und im folgenden Jahre fand ein Massenauszug von den letzteren nach den Goldfeldern statt.

Am Nachmittage bekamen wir neue Besucher, einige Deutsche, von denen einer bei der Polizei angestellt, einer ein Maurer und die anderen Gärtner waren. Freund E. war mit ihnen in der Stadt zusammengetroffen. Sie hatten in jener, in der Mitte der Fünfziger Jahre von der englischen Regierung in Süd-Afrika nach der östlichen Provinz des Caplandes eingeführten »deutschen Legion« gedient, deren Mitglieder unter dem Namen der Legionäre ziemlich bekannt sind. Viele derselben haben sich in den Districten East-London, King-Williams-Town und Queens-Town angesiedelt und leben daselbst als Farmer. Diese waren die ruhigeren Elemente der Legion. Die energischeren traten in Geschäfte als Handlanger, als Storekeeper ein, avancirten zu Klerks (Buchhaltern und Geschäftsführern) und einige haben sich zu wohlhabenden Kaufleuten emporgeschwungen. Eine gute Anzahl, denen das Ansiedlerleben nicht gefiel, und die eine vagirende Lebensweise vorzogen, zerstreuten sich über die Cap-Colonie, Natal, den Freistaat und die Transvaal-Provinz, um hier als Maurer, dort als Zimmerleute etc. zu arbeiten, wobei sie in der Regel den Erlös noch im Orte verjubeln, um dann wieder weiter zu ziehen, eine neue Arbeit aufzunehmen, wochenlang hart und anstrengend bei zurückgezogener Lebensweise zu arbeiten, und kaum, daß sie mit dem Accord fertig geworden und die 20-40 £ St. empfangen haben, diese ebenso wie die frühere Summe in Saus und Braus aufgehen zu lassen. Daß es bei solchen Trinkgelagen oft allzu lustig und lärmend herging und man sich zuweilen auch dabei brutal betrug, ist nicht zu verwundern; so kam es, daß namentlich im Freistaat und in der Transvaal-Provinz die Legionäre, trotzdem sie als gute Arbeiter gepriesen werden, sich sonst keines guten Rufes erfreuen. Wir müssen hier jedoch eine scharfe Grenze zwischen den in der Colonie ansäßigen, Ackerbau oder Geschäfte betreibenden und den herumwandernden Legionären ziehen.