So lange der Benedict unter den Zweifarbigen steckt, hat sich Meister Feucht noch nicht herausgewichst, nicht einmal den ungeheuern rothen Schnurrbart gekämmt und wozu hätte er es thun sollen? An Werktagen wie an Sonntagen arbeitet der Schneider und kommt kaum zur Stubenthüre, geschweige zur Kaserne hinaus.

Solch Muster der Eingezogenheit und Solidität hätte Benedict nicht unter den Hobisten gesucht; diese sind ein ziemlich lustiges und leichtes Völklein und der Feucht beinahe der Einzige, an welchen er sich getrost anschließen möchte.

Doch jedes Wort, was der Straßenbasche vorgepredigt, klingt fort in unserm Rekruten und so oft er sich dem Compagnieschneider nähern will, glaubt er aus dem ernsten, strengen Gesichte desselben folgende Worte des Straßenbasche zu lesen:

"Ein Rekrut soll sich vor allen längerdienenden Leuten stets in ehrerbiethiger Stellung und Entfernung halten, sich nicht vorwitzig oder gar frech in deren Reden mischen und Vorgesetzten jedes Ranges nur wenn er von diesen Etwas gefragt wird, anständig, bescheiden, kurz und wahrhaftig antworten!"

Unter solchen Umständen mußte sich der Duckmäuser einstweilen begnügen, den Meister Feucht aus naher Ferne zu bewundern und mit dem Spruche trösten: Kommt Zeit, kommt Rath, dann folgt die That!—

Am 5. Mai steht der Schneider in aller Frühe auf, bürstet mit der Silberglätte die rothgewordenen Messingknöpfe seines Monturfrackes, den Säbel, die Bataillenbänder des Tschako's, klopft dann drunten im Kasernenhofe Rock und Hosen aus, kleidet sich an und geht zum ersten Mal seit 5 Wochen im vollen Staate zur Thüre hinaus.

Der Benedict besitzt nicht den Muth, Einen um Erklärung des so räthselhaft gewordenen Betragens seines Vorgesetzten zu bitten, denn er ist der Jüngste von Allen und diesmal sicher auch der Gespannteste. Um 8 Uhr geht der Schneider zum Rapport, wird unsichtbar bis um 9 Uhr, wo derselbe mit geröthetem Kopfe zur Probe kommt. Letztere ist beendigt, Meister Feucht nähert sich seinem Bette, doch zieht er den Frack nicht aus, sondern kämmt nur seinen feuerrothen Schnurrbart recht sorgfältig und eilt dann abermals raschen Schrittes zur Thüre hinaus.

Der Schneiderstuhl bleibt heute den ganzen Tag unbesetzt, nicht Eine Nadel fädelt dessen Inhaber ein, weil er sich weder beim Mittagessen, noch beim Verlesen sehen läßt.

Abends macht der Duckmäuser einen Spaziergang; kurz vor dem Zapfenstreich kehrt er zurück, die Tambours spannen ihre Trommeln, beim Kasernenthor aber hält ein Bauer mit einem Mistwagen; er trägt einen Tschako in der einen, die Geisel in der andern Hand, auf dem Mistwagen aber liegt lang ausgestreckt ein Soldat, ein Hobist, stöhnend, ächzend und unverständlich fluchend. Der Benedict erschrickt nicht wenig, wie er in diesem Hobisten sein nachahmungswürdiges Muster, nämlich den Compagnieschneider Feucht erkennt. Doch, wem ein Unglück begegnet ist, pflegt nicht Versuche zum Singen zu machen, der ganzen Welt Brüderschaft anzubieten und vor der Kaserne in seligem Entzücken zu jauchzen. Der gute Feucht ist schwer betrunken; der Bauer muß ihn abladen, singend legt er sich sofort auf den Boden, zwei Soldaten tragen und schleppen ihn zunächst auf die Stockwache, von da in den Dunkelarrest für Unteroffiziere und hier mag er nach etwa 36 Stunden aus überirdischen Sphären wieder zum Bewußtsein seines soldaschen Schneiderthumes gelangen.

Benedict erzählt den Musikanten, was ihrem Schneider begegnet sei, doch Keiner verwundert sich darob und der Nachbar zählt kurz Meister Feuchtens Erlebnisse auf. Nach drei Tagen wird dieser wiederum erscheinen, sich ruhig auf den Schneiderstuhl setzen, genau sechs Wochen lang die Nadel und das Bügeleisen schwingen, schweigsam, unermüdlich, ruhelos, denn sechs Wochen hat er Kasernenarrest und nur so lange der Schneider von diesem festgehalten wird, ist Hoffnung da, daß die Hosen und Röcke der Hobisten geflickt werden. Heute über 6 Wochen wird Feucht sich wieder putzen, um 8 Uhr zum Rapport gehen, um sich als freier Mann zu melden, um 9 Uhr mit rothem Kopfe, doch taktfest die Deckel schlagen, um 10 Uhr verschwinden, Abends kurz vor dem Zapfenstreich von einem Bauer vom Mistwagen geladen, von zwei Soldaten der Kasernenwache in den Dunkelarrest für Unteroffiziere geschleppt werden und so fort bis in ferne Zeiten.

Also hat's der Compagnieschneider Feucht vom Bodensee seit vielen Jahren gehalten; alle Obersten und Generale Europas würden ihn nicht dazu bringen, frei und freiwillig eine Nadel zu berühren, im Arrest dagegen ist er anerkannt der eifrigste und beste Schneider des ganzen Regimentes und dereinst wird er im Arrest oder im Rausche Abschied von der Welt nehmen und diese wird um ein Original ärmer geworden sein.

Der Duckmäuser hörte auf, den Compagnieschneider als sein Vorbild zu betrachten, er dachte an Rosa und seufzte.

Unter 30 bis 40 Mann sollte es keinen braven und frommen geben? Nein, unter den Musikanten des Regimentes gibt es nachahmungswürdige, wackere und geschickte Leute, vorzüglich unter den Hobisten erster Klasse, doch diese sind verheirathete Männer, wohnen gar nicht in der Kaserne, lassen sich nicht zu einem jungen Menschen herab, kommen nur Morgens mit dem Kapellmeister zur Probe und der Benedict darf ihnen höchstens die Säbelkuppel anstreichen, die Knöpfe und Anderes recht glänzend putzen.—

Im Zimmer befindet sich ein junger Mann, auf welchen das Auge des Enttäuschten fällt. Derselbe spricht fast noch weniger als Meister Feucht, geht auch mit Niemanden um, er liest beständig. Er liest vor und nach der Probe, liest während des Mittagsessen, liest den ganzen Nachmittag und wenn er Abends zuweilen ausgeht, nimmt er jedesmal einen Pack Bücher mit und bringt einen andern zurück. Schon lange hätte ihn der Duckmäuser gerne um eines seiner interessanten Bücher gebeten, doch er getraute sich dessen nicht, Straßenbasche's Ordre kommt ihm nicht aus dem Sinn; bald eilt ein glückliches Ohngefähr dem Schüchternen zu Hülfe. Eines Morgens steht der Lesefreund sehr frühe auf, setzt sich ans Fenster, liest und vergißt vor lauter Lesen das Morgenessen, liest fort, bis der Kapellmeister erscheint.

Jetzt steht er auf, schleppt seine große Trommel an ihren Platz, haut während der Probe ingrimmig auf das Kalbsfell hinein, schlägt einigemal fehl und erhält dafür 2 Tage Zimmerarrest, um die Gedanken zu sammeln. Mittags kommt er zum Benedict, ersucht denselben, ihm einen Pack Bücher in die Leihbibliothek Waizeneggers zu tragen und alle zu bringen, deren Nummern auf dem beigelegten Zettel ständen. Freudig geht der von Kindesbeinen an dienstfertige Duckmäuser mit den Büchern fort, läuft jedoch nicht die Kaiserstraße, sondern den Löwenrempart hinauf; auf diesem kleinen Umwege ist er sicherer vor honneurswüthigen Unteroffizieren und Offizieren und kann ein bischen in die Bücher hineinschauen. Ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler ist der Duckmäuser von jeher gewesen, die Titel dieser Bücher eröffnen ihm eine neue Welt, er begreift die Lesewuth des großen Trommelschlägers, indem er liest: Bruckbräu oder der baierische Hiesel geschildert als Wildschütz, Räuberhauptmann, und landesverrufener Erzbösewicht—Simon Tanger der furchtbare Seeräuber—die sechs schlafenden Jungfrauen, eine Ritter- und Geistergeschichte—Ritterkraft und Mönchslist.—Die Grafen von Löwenhaupt—Tausend und Eine Ausschweifung.

Zitternd vor Freude, denn jetzt hat unser Rekrut gefunden, an was er sich halten soll, was ihn vor aller Gefahr wahrte und damit sein zeitliches und ewiges Glück feststellt, tritt er in die Bibliothek und die langen Reihen aufgestellter Bände entflammen vollends die längst gehegte Sehnsucht nach recht vielen Büchern zur Leidenschaft. Bisher hatte er leidenschaftlich Musik getrieben, denn in der Kaserne hatte er am ersten Tage den gewaltigen Unterschied zwischen der Dorfkirchweihenmusik und der Musik einer militarischen Musikbande entdeckt, unter welcher wahre Künstler und Virtuosen steckten; die Regimentsmusik, versetzte ihn in trunkenes Entzücken und kein Hobist übte sich fleißiger auf seinem Instrumente, denn der Duckmäuser. Doch Clarinettblasen konnte er auch nicht den ganzen Tag und weil er stets dachte, alle Gelegenheit meiden sei das Beste und fast immer zu Hause blieb, so fühlte er oft herzliche Langweile.

Nunmehr wollte er seine ganze Zeit theilen zwischen der Clarinette und den Büchern und er thats. Bald unterschied er sich vom großen Trommelschläger nur noch dadurch, daß er durch seinen Eifer für Musik sich die ganze Achtung und Liebe seines Kapellmeisters erwarb, bald keiner Belehrung mehr bedurfte, Alles vom Blatte wegblies und ein ordentlicher Künstler wurde.

Er hätte einen wirklichen Virtuosen abgeben und zugleich mehrere Instrumente erlernen können, doch dazu reichte die Zeit nicht hin, denn wenn er gerade mit einem rechten Bücherhelden zu thun hatte, vergaß er oft Essen, Trinken und Schlafen, bis er Alles wußte, was derselbe gethan und welches Fräulein er beglückt oder welchen Tod er erlitten habe.

Die Clarinette und der Katolog Waizeneggers verschlangen über ein Jahr eines stillen, glücklichen, genußreichen Lebens, ließen ihn alle Bierschenken, Wirthshäuser und Stadtmamsellen vergessen; alle Vorgesetzten achteten und liebten ihn, die Spöttereien und Neckereien leichtfertiger Vögel berührten ihn wenig, er gewann durch seine Freundlichkeit und Dienstfertigkeit die meisten Kameraden für sich, ohne ihre Einladung zum Ausgehen anzunehmen. An Samstagen fehlte er niemals auf dem Münsterplatze, wenn er glauben durfte, die Rosa zu treffen, Abends schrieb er zuweilen Briefe voll Gluth, Inbrunst und Tugendsinn und wenn er Urlaub bekommen konnte, eilte er ins Rheindorf hinüber.

Von Zeit zu Zeit brachte er seinem Rösele kleine Geschenke, vergaß niemals, dem Straßenbasche einige Päcklein ächten Portorikos, der kleinen Johanna und andern Kindern Milchbrödlein mitzubringen. Der alte Unteroffizier wußte, was ein stets ordentlich gefüllter Geldbeutel bei einem Soldaten und insbesondere bei einem Hobisten zu bedeuten habe, sah das gesunde Aussehen und die Nüchternheit des künftigen Schwiegersohnes, hörte, wie begeistert derselbe von seinem Stillleben in der Kaserne sprach und wie fremd ihm die Stadt blieb, er jubelte vor Freuden und die vornehmsten Bürger des Ortes sammt dem alten, ehrwürdigen Geistlichen eilten in das Haus des Straßenbasche, wenn es hieß, der Zweifarbige sei im Dorfe wieder gesehen worden.

Als noch im nächsten Frühling die Hobisten der Rosa auf dem Wochenmarkte dasselbe bestätigten, was sie im vorigen Sommer schon gesagt, daß nämlich der Benedict sicherlich durch sein ewiges Lesen noch ein "Pfaffe" werde und in ein Kloster wandere, da verloren sich auch ihre Besorgnisse, sie glaubte an die vollkommene Besserung ihres Geliebten und fühlte sich glücklich.—

Eines Tages sitzt der Duckmäuser mit dem Leibe auf dem wieder einmal verwaisten Schneiderstuhle des Meister Feucht, mit den Gedanken jedoch schwärmt er in überirdischen Regionen und mittelalterlichen Zeiten.

Während der Hobist an einem Stücke Komißbrod kaut, hält der Romanleser just auf einem glänzend schwarzen Streitrosse, den Leib mit einer silbernen Rüstung bedeckt, auf dem Haupte einen goldenen Helm mit wehendem Federbusche und hinaufgezogenem Visir als Sieger beim Turnier auf der Todesklippe vor dem Balkon der Ritterfräuleins. Die Königin aller Schönheit, die bezaubernde 17jährige Gräfin Etietta, um welche sich binnen kurzer Zeit 700 Ritter, 300 Grafen, 90 Herzoge und 11 kaiserliche und königliche Prinzen bereits todtgeschlagen, reicht ihm eine mit Gold und Edelsteinen reich geschmückte himmelblaue Schärpe und heftet zum Zeichen, daß sie ihn unter Allen einzig und allein liebe, eine rothe Schleife an seine Lanze. Eben will er in die Schranken zu den Rittern zurücksprengen, als ein dickköpfiger Füselier zur Stube herein und gerade auf ihn losgeht, um zu melden, Hobist Benedict werde im Münster von 2 Frauen erwartet.

Er plumpt in die schaale, prosaische Wirklichkeit zurück, doch bang und freudig zugleich schlägt sein Herz fort, denn augenblicklich denkt er an Etwas, dessen Mangel einzig und allein die Seligkeit seines Kasernenlebens stört.

"Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser, ihr Fluch reißt sie darnieder!" hat er als Unterlehrer viele hundertmal gehört, gelesen und geschrieben und das furchtbare Wort "Nenne mich nie mehr Deine Mutter!" tönt wie Todtensang und Eulenschrei in den sonnenhaften Himmel der Gegenwart hinein.

In aller Eile putzt er sich, eilt zur Kaserne hinaus, doch läuft er weit langsamer, wie er bei der Post aus der Kaiserstraße auf den Münsterplatz einlenkt, er muß sich erinnern, daß er vor kurzem Sieger im großen Turnier bei der Todesklippe gewesen sei und als Hobist mindestens so vielen Muth besitzen müsse, um im Nothfalle vor einer alten Frau zu erscheinen.

Durch eine Seitenthüre tritt er in den herrlichen Tempel, wandert durch den Säulengang emsig umherspähend hinauf und entdeckt endlich die Rosa, welche betend vor einem Nebenaltare kniet. Dieselbe ist allein; doch nein! Die gigantische Säule hat Rosas Nachbarin verborgen, er kennt dieselbe nicht recht, doch sieht er soviel, daß es ein altes Mütterchen und sein pochendes Herz sagt ihm, wer es sei. Er bleibt stehen, hustet ein wenig, Rosa schaut um, steht auf, nimmt das ebenfalls sich erhebende Mütterchen bei der Hand, beide kommen auf den Hobisten zu—das Mütterchen ist Mutter Theres.

Welch Zusammentreffen, welch Wiedersehen!

"Das ist Euer Sohn, mein geliebtester Freund!["] sagt die tiefbewegte Rosa; laut weinend wankt das Mütterlein heran, sieht vor Thränen die Hand nicht, welche ihr der Sohn entgegenstreckt und erst als er fragt: "Mutter, seid Ihr mir noch immer böse" spricht sie leise schluchzend: "Nein, Benedict, Du bist wieder mein Kind!" und reicht ihm die verwelkte Hand.

"Gott sei Lob und Dank!" jubelt der Hobist und tritt in einen Kirchenstuhl, um für die Erfüllung seines einzigen Wunsches zu danken, die Mutter und Rosa thun das Gleiche.

Alle Drei gehen in die Kaserne, der Benedict freut sich, den Weibern, die vom Inwendigen einer Kaserne gar wunderliche Vorstellungen herumtragen, Alles zeigen und erklären zu dürfen und ermangelt nicht, die Freude derselben durch Vorzeigung einiger seiner lieben Bücher vollständig zu machen. Aus der Kaserne geht's in den Löwen hinüber, ein guter Markgräfler wird aufgestellt, der Hobist weiß schon, daß Mutter und Geliebte nicht alle Jahre zu einem Gläslein vom Besten kommen.

Das Aussehen und die schöne, ehrende Kleidung sammt den Reden und Benehmen des Duckmäusers versetzten im Bunde mit dem Gläslein dessen Mütterlein in den siebenten Himmel, sie reicht ihm alle Augenblicke die Hand, ihr Auge ruht unbeweglich auf ihm und sie kann ihn nicht oft genug ihrer Liebe versichern und um Verzeihung bitten.

Mutter und Geliebte begleiten den Helden um 5 Uhr Abends zum Verlesen, der alten Frau schießen Zähren in die Augen, wie sie ihren verlornen und wiedergefundenen Sohn so blühend und stattlich im geschlossenen Gliede stehen sieht und wie dessen Name verlesen wird, meint sie, die ganze türkische Musik mit den lieben Engelein im hohen Himmel müsse einen Freudentusch darauf folgen lassen und vergißt alle Schmerzensthränen, welche er ihr schon ausgepreßt hat.

Abends sagt sie beim Abschied mit weinenden Augen: "Schau' Benedict, schon lange und viel tausendmal habe ich gewünscht, sterben zu können, mein Jakob hat's ebenso gehabt, nun aber wünsche ich mir, noch lange zu leben, denn ich bin wieder eine glückliche Mutter; viel Thränen hab' ich vergossen um deinetwillen, diese aber, die jetzt über meine alten Backen fließen, sind süß, es sind Freudenthränen!"

Mutter und Sohn sind glücklich, am glücklichsten ist das Rösele, welches bald mit ihr vor Freuden weint, bald ihn wie ein Engel anlächelt und sich von diesem Tage kindlich an Mutter Theres anschmiegt.

Am nächsten Morgen trennen sich alle Drei, sie versprechen bald möglichst wieder zusammenzukommen, die Mutter hat fahren sollen, doch es durchaus nicht gethan, der Sohn hat zuerst dem Rösele ein kleines, dann der Mutter ein großes Geleit gegeben und kehrte glücklicher als je in die Kaserne zur Klarinette und zu den Büchern zurück, welche der große Trommelschläger indessen für ihn ausgelesen hat.

Wo und wie kamen Mutter Theres und das Rösele zusammen?

Auf dem Wege von Freiburg nach Sanct Georgen steht bis zur Stunde links an der Landstraße ein winziges Kapellchen; die Rosa war vom Straßenbasche nach Freiburg geschickt worden und hörte in diesem Kapellchen weinen und beten. Sie trat hinein und kniete neben der Mutter Theres, jedoch ohne dieselbe zu kennen, denn erstens ist das Kapellchen winzig wie die Neuzeit und dämmerungsreich wie das Mittelalter und zweitens ist's schon eine schöne Zeit, seitdem der ehrliche Klaus am Herzbruch starb, weil er keinen Wortbruch begehen wollte, das Rösele sammt den Geschwistern ist aus dem Dörflein fortgezogen und ein großes, stattliches "Maidle" geworden.

Tief und schwer seufzt, bitterlich weint das Mütterchen und aus ihren Reden entnimmt Rosa, daß schwerer Kummer um eines Ungerathenen willen ihr Herz drückt und daß sie eine Landsmännin vor sich habe, welche im Begriffe stehe, eine Wallfahrt nach Marien Einsiedeln zu machen, was bei einer so alten, gebrechlichen Frau schon Etwas heißen will. Nach wenigen Fragen weiß das Mädchen, Benedicts Mutter stehe neben ihr, das liebende Herz wallt auf und fragt, ob das Mütterlein schon lange nichts mehr vom Sohne gehört habe der Benedict heiße. Doch die Frage wirkt arg, das Mütterlein schreit auf und bricht fast zusammen, fleht unter Thränen, diesen Namen nicht mehr zu nennen, kein Wort mehr von dem Sohne zu reden.

Daheim im Dörflein schämten sich die Eltern des Duckmäusers so sehr, daß sie um keinen Preis nach demselben gefragt oder auch nur dessen Namen genannt hätten. Die Dorfbewohner wußten dies, schonten deßhalb die unglücklichen Leute, doch wußten diese von der Margareth, daß der Benedict am Rheine drüben die Schweine hüte, denn der "Saumathis" sagte es bei einem Besuche der Verwandten, welche er im Dörflein besaß. Kein Mensch wußte jedoch, daß der Schweinhirt zum Hobisten geworden und in der Kaserne zu Freiburg sei, Mutter Theres hatte sich ihr banges und doch halbfreudiges Ahnen beim Durchmarsche durch Freiburg auch nicht erklären können. Jetzt sagte das Rösele, was und wo der Benedict zu finden, gab sich selbst zu erkennen und suchte die Alte zu bewegen, mit ihr in die Stadt zurückzugehen. Lange und harnäckig bleibt die Mutter dabei, den Sohn nicht sehen zu wollen, aber das Rösele hört mit guten Versicherungen, Bitten und Betteln nicht auf und so kam es zuletzt doch, daß die Beiden zusammen durch das Breisacherthor in die schöne, freundliche Kaiserstraße und beim Museum hinüber in das Münster wandelten, in welchem Bernhard von Clairvaux den Kreuzzug gegen die Ungläubigen im fernen Morgenlande, heuer die Jesuiten wahrhaft zeitgemäß den Kreuzzug gegen den Unglauben im Herzen der Zuhörer predigen.

Ein Soldat schlägt einem hübschen Mädchen selten oder niemals eine freundliche Bitte ab und so geschah es, daß ein dicker Füselier, der auf dem Münsterplatze stand, die Zähne am Winde trocknete und am wunderbar schönen, durchbrochenen Münsterthurm schwindelnd und staunend hinaufsah, auf Rosas Geheiß eiligst zur Kaserne trabte und den Hobisten Benedict mitten im Siege von der Gräfin Etietta weg ins Münster zum armen Mütterlein und zur Pflegetochter des Straßenbasche zauberte.

Die Kirchweihe

Vater Jakob zählt dem Hannesle just aus dem ledernen, eingeschrumpften Opferbeutel vier rothe Batzen als Kirchweihgeld auf den Tisch, dieser hält jeden sorgfältig zum Licht, um etwas höchst Ueberflüssiges zu untersuchen, nämlich ob es auf dieser Erde auch Falschmünzer gebe, welche auf den Einfall gerathen sein könnten, falsche Schweizerbatzen zu machen; das Vefele sitzt mit der kleinern Schwester auf der Ofenbank und redet mit Benedicts Schwestern, die Susanne nennt alle Buben, mit welchen sie auf der Kirchweih tanzen und nicht tanzen werde, Mutter Theres sitzt am Spinnrädlein und netzt den Faden, da—klopft es leise und bescheiden an der Thüre. Die Mutter denkt an einen muthwilligen Buben, am allerwenigsten an ihren Sohn, von dessen Wiedersehen sie einzig und allein ihrem Alten gesagt hat; sie weiß, derselbe sei nicht mehr in Freiburg, sondern mit seinem Regimente in Carlsruhe drunten und gegenwärtig mache derselbe die große Revüe mit. Sie sagt deßhalb nicht "Herein," sondern: ["]d'Herren sind draußen, d'Bettelleut drinnen!" und die Susann' ruft mit ihrer glockenhellen Stimme: "Wir sind nit gärn klopft!"

Aber die Thüre geht auf, außer der Mutter erschrecken Alle gewaltig, denn ein großer, glänzend geputzter Soldat mit Tschako und nachläßig überhängendem grauem Mantel steht mitten in der Stube und lächelt, daß der keimende kohlschwarze Schnurrbart beträchtlich in die Länge wächst.

Der Hannesle macht Augen wie Pflugräder, die kleinern Kinder schleichen schüchtern hinter dem Ofen, der Jakob steht befremdet auf, doch die Susanne schreit mit dem Vefele aus Einem Munde: "Ohje 's isch jo Euer Duckmäuser!"

Er ist's richtig, denn der Oberst hat ihm nach der Revüe Urlaub auf 14 Tage gegeben, obwohl er diesmal nicht zum Straßenbasche wollte. Nach der Revüe nehmen ja die meisten Hobisten Urlaub und hätte der Benedict nach jahrelangem Besinnen sich nicht wieder einmal im Dörflein sehen lassen sollen? ...

Jetzt fängt das Händedrücken, Küssen, Grüßen und Fragen an, der finstere Jakob thaut ordentlich auf, die beiden Mädchen wissen nicht, was sie vor Freuden thun sollen, denn sie möchten ebenso gern bleiben als die unverhoffte Ankunft des alten Herzkäfers den Kammerädinnen ansagen. Endlich rennt das Vefele ins Unterdorf, die Susanne ins Oberdorf und ehe eine halbe Stunde vergeht, hat Benedict all den alten Lieblingen in die klaren Aeuglein geschaut und herzinnige Freude über seine Ankunft darin herausgelesen. Allen? Wir irren, denn zwei fehlen, erstens Maxens Rothe und zweitens die Sabine. Die Rothe ist in Folge ihres unordentlichen Lebens bei ihrer Schwitt nach langer, schmerzlicher Krankheit schon im 18. Jahre gestorben, die Sabine, zur rothen Schwitt desertirt, trägt eine Frucht ihres aufgeklärten Lebens auf den Armen und verbirgt sich gleich einer Eule, weil sie noch nicht so weit gekommen, gleich 5 Kameradinnen, welche zur alten Garde der rothen Schwitt gehören und mit ihren Verdiensten um Vermehrung des Menschengeschlechts stolz thun.

Die Meisten jedoch stehen und sitzen fröhlich und freudig in Jakobs Stube, erst nach Mitternacht bringen sie es über sich, dieselbe zu verlassen, doch keine schließt daheim ein Auge, jede hat's am andern Morgen gestanden.

Am andern Tage wandelt an der Hand des alten Lehrers der Benedict der Kirche zu; der rothe fliegende Haarbusch auf seinem glänzenden Tschako scheint die Oriflamme zu sein, welcher das ganze Dörflein in Einem Truppe folgt, mehr als ein bejahrter Mann und mehr als Einer wird lediglich durch das Gedränge verhindert, dem ehemaligen Dorfhanswurst, welchen sie als kleines pausbackiges Büblein mit schwarzen Augen voll Leben und Beweglichkeit gesehen und geliebt, öffentlich einen Kuß zu geben.

Nur die Buben der rothen Schwitt ließen sich nicht herbei und die Mädlen derselben thaten gleich verscheuchten Hühnern.

Während der langen Abwesenheit des Duckmäusers hatte die rothe Schwitt im Dörflein große Siege gefeiert, denn es gab keinen Burschen, welcher dem reichen, wüsten und wilden Max herzhaft und beharrlich mit Glück entgegentrat, die schwarze Schwitt hatte ihr Haupt verloren und zerfiel. Mancher Bube und manches Mägdlein trat zur rothen Schwitt über, weil sie auch ein Vergnügen oder mindestens ihre Ruhe haben wollten. Seit 2 Jahren gebot der Marx auf allen Tanzböden und in allen Wirthshäusern, über alle Vergnügungen der Dorfjugend, schloß alle "Altmodischen" davon ab und weil die rothe Schwitt auch in den umliegenden Ortschaften ihre Anhänger und Verbündeten zählte, welche ebenfalls emporkamen, so wurden diejenigen, welche hartnäckig altmodisch bleiben wollten, nicht nur von allen Freuden und Festen ausgeschlossen, sondern auch noch auf alle möglichen Weisen verfolgt und gekränkt. Max sah immer noch die verhaßte schwarze Schwitt fortbestehen, so lange nicht alle Buben und Mädlen ihm anhingen und wirklich gab es Viele, welche beharrlich von allen Festen wegblieben und Alles erduldeten, denn Solches thaten.

Die Treuesten unter den Altmodischen waren Söhne und Töchter recht christlich gesinnter Eltern, denn wie konnten diese ihre Kinder bei einer Gesellschaft sehen, deren Anführer der Max vom Rindhofe war? Zog sich der Max durch sein abscheuliches, gottloses Leben nicht einen Leibschaden zu, so daß er auch leiblich verkrüppelte? Bezeugte nicht der eigene Vater desselben, sein Einziger werde mit jedem Jahre liederlicher und bringe ihn frühzeitig in die Grube? Weinte der herzensgute Fidele nicht oft bei seinen Nachbarn die bittersten Thränen über den ausgearteten Sohn und ließ sich nur dadurch trösten, weil er demselben weder durch Rede noch That jemals ein böses Beispiel gegeben habe? Lagen die Gesinnungen der rothen Schwitt nicht in täglich sich häufenden Werken offen und erschreckend zu Tage?

Alles dies bewirkte, daß trotz dem Zerfallen und Zusammenschmelzen der schwarzen Schwitt nach Benedicts Abfall stets ein kleines Häuflein braver Buben und Mädlen altmodisch blieb, man mochte gegen sie unternehmen was man wollte.

In der letzten Maiennacht zeigten die Rothschwittler so recht ihre Bosheit und ließen dieselbe an der armen Margareth und deren Schwestern aus, deren Wohnhaus mit mehr als 500 Maien ganz umstellt wurde. Nahe am Kammerfenster entdeckte man am Morgen des ersten Mai einen Strohmann von abscheulicher Gestalt, einen Besen, mit Dünger bestrichen und mit einem Rosenkranze behängt, eine Ofengabel mit Salbhäfelein; da einen Stab mit einem alten Kochhafen, dort einen mit einigen Rinderschuhen, viele andere mit Ochsenohren, Hahnenkämmen, Gansschnäbeln, Schwänzen von Katzen und Hunden, der Eierschaalen, Nachttöpfe, Schlapphüte, weiblichen Zwilchröcke und dergleichen gar nicht zu gedenken.

Heuer an der Kirchweih wollte der Max das Oberkommando in zwei Dörfern führen und, da er als Krüppel doch den Willibald Tanzkönig sein lassen wollte, vor Allem dafür sorgen, daß die "Altmodischen" zu keinem Freudlein gelangten—die plötzliche Erscheinung des Duckmäusers am Kirchweihsonntage machte jedoch einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung und er merkte gleich, die meisten der ehemaligen Schwarzen seien eben doch keine rechten Rothen geworden.

Begleitet von Alten und Jungen, von Altmodischen, deren Gesichter vor Freude strahlen und von Neumodischen, die den Stiel rasch umkehren, weil sie keine aufrichtigen Rothschwittler sind, tritt der Benedict in die Kirche; die beurlaubten und alten Soldaten aber weisen ihm den ersten Platz im Soldatenstuhle an und versprechen, aus allen Dörfern des Stabes ihm zu Gefallen auf die Kirchweihe seines Dörfleins zu kommen. Kaum ist der Nachmittagsgottesdienst beendet, so beginnen 6 Musikanten im Hirzen Straußische Walzer zu spielen, das Wirthshaus und der Tanzsaal wimmelt von Infanteristen, Dragonern und himmelhohen Kanoniren, welche der Benedict aus der Kirche mitgebracht hat, andere fremde Buben und Mädlen kommen auch und die Rosa ist verabredetermaßen bereits seit Mittag nach langen Jahren wieder einmal im Heimathdörflein und hat das Grab der rechtschaffenen Eltern bereits besucht; das ganze Dörflein ist voll Leben und Freude und die seit zwei Jahren von jeder Lustbarkeit ausgeschlossenen Getreuen der ehemaligen schwarzen Schwitt werden die Heldinnen dieser Kirchweihe, mit Ehrenbezeugungen und Lobreden von den achtbarsten Bürgern, geschweige von den Jungen, überschüttet.

Kein rechter Rothschwittler durfte sich diesmal im Tanzsaale blicken lassen und ihre entehrten Mädlen, welche sonst die vornehmste Rolle zu spielen pflegten, dürfen sich nicht einmal dem Hirzen nähern.

Einige reiche Bauern, wie der Fidele, Maxens Vater und der Liebhardt, legten einige Kronenthaler zusammen, um den getreuesten Mädlen der schwarzen Schwitt, welche rasch wieder auflebt, eine Freude zu machen, am Kirchweihmontag wurden schöne Halstücher gekauft und dieselben am Dienstag ausgetanzt.

Schon am Montag traten einige rechtschaffene Männer, denen das Treiben beim Brandpeterle und Andern längst ein Gräuel gewesen, im Hirzen in den Bund der schwarzen Schwitt und gelobten auf Benedicts Zusprache öffentlich und feierlich, fortan über die Sitten der christlichen Jugend des Dörfleins zu wachen, die ehr- und schamlosen Maxianer zu vertilgen.

Dies und noch weit Aergeres muß der Max mit anhören, der mit dem Willibald und zwei Anderen in einem Winkel der Wirthsstube würfelt.

"Dort hinten, sagt der tiefbewegte Fidele und deutet auf den Max, dort hinten hockt mein Schöner, den ich wohl noch am Galgen sehen muß!" ... Zum Vater des Duckmäusers, zum Jacob gewendet, der heut mehr als ein Hälbsle schluckt, sagt er weinend:

"Euer Sohn hat Euch viel Kummer gemacht und manche Thräne ausgepreßt, denn er war leichtsinnig, aber doch nie so liederlich und so bis ins Innerste verdorben, wie mein Einziger dort hinten! ... Dieser macht Euch jetzt wieder Ehre, Freude und Trost, der meinige wird mir Kummer bereiten bis zum Grab und mein einziger Trost bleibt, daß Gott und Ihr wisset, wie ich meine Pflicht als christlicher Vater erfüllte! ... Hab´ Alles gethan, ihn an Leib und Seele gesund zu erhalten, jetzt ist er doch an Leib und Seele ein Krüppel!"

Der Max schüttelt in seinem Winkel den Würfelbecher sehr lebhaft und thut, als ob er den Vater gar nicht höre; solch Benehmen empört alle Anwesenden, der Benedict stachelt den Hansjörg, mit dem er einst auf dem Katzenbänklein gesessen und Andere auf, nach zwei Minuten fliegt der Max zum Hirzen hinaus in den Straßenkoth, der Willibald und die Andern schleichen eiligst davon.

Von dieser Stunde an haßt der Max den Benedict tödtlich und schon am Abend wird letzterer gewarnt, sich wohl in Acht zu nehmen, weil der Max mit geladener Pistole auf ihn lauere, doch Jener fragt wenig darnach und gebraucht blos die Vorsicht, während der Urlaubszeit Abends nie ohne Säbel auszugehen.

Am glücklichsten fühlten sich während dieser Kirchweihe die alten Herzkäfer des Duckmäusers, die geehrten und beschenkten Jungfrauen der schwarzen Schwitt und nur Eine bekennt, daß sie nicht so glücklich sei, wie dies der Fall sein könnte. Diese Eine ist Margareth, Benedicts alte Geliebte, welche die Rosa an dessen Hand sieht. Die Rosa merkt dies wohl, spricht mit dem Benedict und sogar mit der Margareth selbst hierüber und erklärt, sie wäre bereit, für den Duckmäuser das Leben zu opfern, doch wenn er der älteren und damit mehr berechtigten Freundschaft gedenken wolle, so wolle sie entsagen.

Die Margareth jedoch meint, nicht sie, sondern das Rosele habe den Benedict vor gänzlichem Verderben gerettet, die Entsagung müßte dem Rosele schwer fallen und könne ihr nicht zugemuthet werden. Beide Mädchen meinten es aufrichtig und wohlwollend mit einander und ebenso mit dem Benedict, ihr liebreicher Streit gab den sehr zahlreich anwesenden Gästen Anlaß zu einem Gespräche, wie es wohl in einer Stadt sehr selten vorkommen mag.

Die Meisten kannten den Duckmäuser von Kindesbeinen an, sie wollten den Schiedsrichter zwischen der Margareth und dem Rosele machen und bei dieser Gelegenheit wurden alle Streiche, welche der Gegenstand ihres Streites jemals begangen, öffentlich besprochen; er erfuhr, daß die Wände Ohren haben; gar Vieles kam jetzt erst zur allgemeinen Kenntniß und er selbst war gescheidt und edel genug, bei der Aufdeckung seiner unsaubern Stücklein selbst mitzuwirken; dafür redeten Viele auch vom Guten, was er an sich trug und vollbracht hatte.

Endlich erhebt sich der älteste und ehrwürdigste Mann der Gemeinde, der eisgraue Korbhannes, welcher seit mehr als zwanzig Jahren kein Wirthshaus inwendig gesehen hat, heute seinem Liebling zu Ehren kam und seinen Sitz zwischen dem alten Schulmeister und dem Stabhalter nehmen und sich von diesen zechfrei halten lassen mußte. Er nimmt langsam die Zipfelkappe herab vom zitternden Haupte, es wird so still in der dichtgedrängten Stube des Hirzenwirths, daß man hätte können eine Stecknadel fallen hören und dann spricht der Greis, während er mit glänzenden Augen umherschaut:

"Ich weiß, daß ich von Gott und der Welt geliebt und geehrt werde; von Gott—dies beweist mein alter grauer Schädel,—von der Welt—dies sehe ich mit meinen Augen in diesem Augenblicke ... Heute ist noch ein Freudentag für mich vor meinem Tode, an welchem ich wie ein Jüngling mit Euch und dem lieben Herrgott Gesundheit trinken werde! Es ist ein glücklicher Tag, denn ein Verlorner unseres Dörfleins ist ja wieder gefunden—das allein macht mich heute so jugendlich und ist ja auch die einzige Ursache, daß der Vater Steffen dort und die Mutter Ursula dort drüben in ihrem hohen Alter noch einmal zu der ledigen Jugend auf der Kirchweihe sich gestellten! ... Es ist der größte Schmerz für rechtschaffene Eltern, ein ungerathenes Kind zu haben, aber auch der seligste Augenblick, wo ein verirrtes Kind wieder in ihre Elternarme zurückkehrt. Davon haben wir heute einen sprechenden Beweis, denn wer könnte wohl theilnahmlos bleiben an der Freude der Theres und des Jacob? ... Möge Gott dem Benedict auch ferner Seine Barmherzigkeit erzeigen, daß wir einst so wie jetzt hier voll Freuden in der Ewigkeit beisammensitzen dürfen! ... Gott weiß es, wie ich den Benedict liebte, seitdem er die ersten Hosen an hatte und diese Liebe ist nicht verschwunden, als er, mit Schande und Fluch bedeckt, sich aus dem Dörflein entfernte! ... Heute, da wir ihn als Mann und Christ wieder unter uns haben, brennt mein Herz recht für ihn und wird ewig brennen! Ich sage: ewig, denn gar bald wird mich Gott zu sich nehmen und daher glaube ich auch vor Euch Allen ein Vorrecht zu haben, dem Benedict zu rathen, wie er glücklich bleiben wird!"

Sich zum Duckmäuser wendend, fahrt der Alte fort:

"Dir rathe ich nun, fürchte Gott und halte Wort, dann kannst du einst mit derselben Ruhe und Freude in die Ewigkeit schauen, wie du es an mir siehst und nun, was diese zwei Mädlen betrifft, die dich mit gleicher Liebe lieben, so entscheide du selbst, denn Eine nur kann´s sein!"

Nach dieser Rede setzte sich der Greis, kein Beifallsgeklatsche ließ sich hören, doch in mehr als Einem Augenpaar standen Thränen, der Benedict jedoch betrachtet arg verlegen bald die Margareth, bald die Rosa und dann wieder seine Mutter, welche neben Margarethens Großmutter, der alten Ursula sitzt.

Er weiß nicht, was er reden soll, hofft, Mutter Theres werde entscheiden, doch diese ist zu gewaltig erschüttert von der Rede des Korbhannes und dem Edelmuth der beiden Mädlen, es entsteht eine lange, peinliche Pause, bis sich endlich gar die bereits 81jahrige Ursula erhebt und redet:

"Wie der Korbhannes vorhin gesagt hat, so muß ich auch sagen: ich habe den Benedict da von seiner Kindheit bis jetzt mütterlich geliebt und er allein ist´s, der mich, eine 80jährige Großmutter, noch einmal aus der stillen Stube in den Hirzen brachte und mir vor meinem Tode den Vorgeschmack ewiger Seligkeit kosten läßt;—aber ich bin der Meinung, er sei noch lange nicht aus allen Gefahren! ... Ich will mit diesen Worten den Ernst seiner Besserung nicht bezweifeln, allein er ist noch zu jung und unerfahren, um sich an fremden Orten unter fremden Leuten stets auf dem ebenen Wege halten zu können. Wir können noch wohl Ursache bekommen und besonders ihr Jüngern, über ihn so zu trauern und ihn so zu beklagen, wie wir uns heute über ihn freuen; er ist noch nicht gewonnen, so lange er von Fremden umgeben ist. Darum aber bin ich der Meinung, es sei am besten, er bleibe seiner einstweiligen Retterin, wie ich das brave Rosel nennen muß, anvertraut! ... Dieses Mädchen, von der uns oft unbegreiflichen Vorsehung gar früh in die fremde Welt hinausgeschleudert und der rohesten Behandlung preisgegeben, hat sich trotz allen widrigen Umständen gar lieblich, Gott und Menschen wohlgefällig entfaltet! ... Das Rosele bekam von Gott die Gnade, zu bewirken, was wir alle sehnlichst zu wirken wünschten und doch nicht vermochten! ... Alle unsere Ermahnungen, Warnungen und Strafen blieben fruchtlos bei diesem Verirrten, das Rosele aber hat ihn durch ihren Blick wieder zu einem Christenmenschen gemacht, dessen wir uns heute alle freuen! ... Dies scheint mir ein Beweis zu sein, daß er für keine andere als für das Rosele und das Rosele für keinen andern als für ihn geboren sei! ... Wohl mag ihr durch den Benedict noch Bitteres genug zustoßen, doch sie ist wie keine andere von Allen, die hier sitzen, so für Ausdauer in Leiden und Widerwärtigkeiten gemacht, daß sie ihn wohl zum zweiten und drittenmal retten könnte, wenn's, was Gott verhüte, die Noth erfordere! ... Gewiß bleibt, daß dem Rosele eine Kraft und Gnade innewohnt, um seine Seele zu bewahren, daß dieselbe nicht ganz für Religion erkalte und ersterbe! ... Die Hoffnung und das Zutrauen auf dieses Mädle kann mir Niemand nehmen und darum sag' ich: unsere Margreth soll dem Rosele nicht in den Weg treten!"

Alles stimmte bei, die Margareth verzichtet mit einem Kusse, welchen sie der Rosa gibt und wobei ihr doch Thränen in die Augen schießen, die sie mannhaft zurückdrängt, die Rosa aber hat während Ursulas Rede oft die Gesichtsfarbe gewechselt und später dem Benedict, welcher sie deshalb befragte, gesagt, erstens habe sie bei der Aufzählung seiner alten Fehler einen großen Schmerz empfunden und sich denken können, wie wehe es ihm thue, zweitens habe die Großmutter alle bangen Ahnungen vom Soldatenleben, welche sie gewaltsam unterdrückte, wieder auferweckt, es sei ihr gar seltsam und unheimlich ums Herz.

Der Duckmäuser sagt, bei der Aufzählung seiner Sünden sei es ihm gewesen, als ob man Alles nur sage, um Andere zu warnen und vor Schaden zu behüten und beruhigt die Geliebte ein wenig, so daß sich dieselbe zur Mutter Theres setzt und mit dieser sich unterhält.

Der Benedict nimmt dann die 80jahrige Ursula in den Tanzsaal und noch heute redet man davon, wie er zuerst mit der alten Prophetin und nachher mit der schwächlichen Mutter Theres tanzte und wie gewaltig die Freude diese beiden Frauen verjüngte und kräftigte, so daß sie es zur Verwunderung aller Anwesenden aushielten bis zum letzten Ton, wiewohl von keinem bedächtigen Menuett, sondern von einem Bauernwalzer die Rede gewesen ist.

Freilich war der Hobist auch der beste Tänzer der Gemeinde und trug die zwei Alten fast immer schwebend im Kreise herum. Nach drei Kirchweihtagen wußte er wieder einmal, Tanzen sei auch eine Arbeit und das Rosele pries sich glücklich, weil er mindestens nicht bei ihr seine Müdigkeit und Abgeschlagenheit aller Glieder geholt hatte; die alten Herzkäfer der schwarzen Schwitt dagegen meinten, er habe ihnen unsäglich viel Ehre angethan, doch hätte er mit Jeder noch ein bischen mehr walzen können!

Auf große Freud' folgt großes Leid! heißt ein altes Sprichwort und daß es gar oft ein wahres werde, erfuhr der Held der herrlichen Kirchweihe bald, ja das Leid trieb ihn aus dem Dörflein in die Garnison zurück, noch ehe sein Urlaubspaß abgelaufen war.

Er sitzt eines Abends, wo das Rosele wieder daheim beim Straßenbasche sitzen und diesem von der seit urdenklichen Zeiten unerhörten Kirchweihe ihres Geburtsortes erzählen mag, mit Vater, Mutter und einigen Hausfreunden am Tische; das Gespräch kommt auf die Leichenbegängnisse und das Leidtragen der Soldaten. Der Duckmäuser erklärt, jeder Soldat, welcher Leid tragen wolle, trage einen schwarzen Flor am Arme oder auch nur eine schwarze Schleife auf der Brust, je nachdem ihm an der verstorbenen Person mehr oder weniger gelegen sei.

Darauf fragt die Mutter:

"Nun, wenn ich einmal sterbe, dann wirst du gewiß einen recht großen Flor tragen?"

Rasch und lächeld [lächelnd] meint der Benedict:

"Wenn Ihr einmal sterbet, dann stecke ich einen weißen Federbusch auf meinen Kriegshut!"

Hat jemals Einer Grund bekommen, einen unbesonnenen Scherz bitterlich zu bereuen, so ist dieser Eine der arme Hobist.

Kaum ist das Wort aus seinem Munde, so wendet ihm die Mutter den Rücken zu und unfähig, ein Wort zu reden, beginnt sie so heftig und laut zu weinen, daß alle Dasitzenden erschrecken. Was half es, daß Alle die Weinende zu beruhigen suchten und ihr den Scherz erklärten? Daß der Benedict endlich selbst mitweinte und sich anbot, unter ihren Händen augenblicklich zu sterben, wenn er damit beweisen könne, wie aufrichtig er sie liebe?

Das von unsäglicher Liebe erfüllte Mutterherz scheint in Einem Augenblicke gänzlich versteinert zu sein; sie hört später mit Weinen auf, doch bleibt sie unerbittlich, kein gutes Wort kommt mehr gegen ihn aus dem Munde, sie mag und will ihn nicht mehr sehen, er muß aus dem Hause, soll es bei ihren Lebzeiten nicht mehr betreten.—Der Wunsch ging in Erfüllung.

Wie Einer fast ohne Schuld des Teufels werden kann

Von Allen, welche ihn liebten und fruchtlos versucht hatten, den Duckmäuser mit der Mutter auszusöhnen, tief bedauert, kehrte derselbe in die Garnison zurück.

Das Erste, was er erfährt ist, daß sein Regiment nach Freiburg zurück verlegt wird. Rasch schreibt er diese frohe Nachricht seiner Rosa und bittet dieselbe, ihn doch um Gotteswillen mit der Mutter auszusöhnen, auf ihr ruhe hierin noch seine einzige Hoffnung.

Der Abmarsch nach Freiburg wird so rasch angetreten, daß er Gelegenheit bekommt, die Antwort auf den Brief selbst zu holen, weil dieselbe doch etwas lange ausgeblieben ist.

Freudig wird er vom Straßenbasche, Saumathis, vom Rosele und allen Bekannten empfangen, doch—Roseles Antwort lautet untröstlich genug. Was er, der Vater, die Geschwister, die Mädlen der schwarzen Schwitt, der Korbhannes sammt der Ursula und vielen Andern nicht vermocht hatten, setzte auch das Rosele nicht durch, im Gegentheil erging es ihr am schlechtesten.

In ihrer Unschuld und Liebe bat sie am eindringlichten, versicherte, nicht weichen zu wollen, bis ihrem Benedict der übel angebrachte, doch arglose Scherz verziehen sei, dafür fiel auch sie bei Mutter Theres in volle Ungnade und diese wies sie aus ihrem Hause, um niemals wieder über die Schwelle desselben zu treten.

Solche Kränkung schmerzte, empörte, allein die Liebe duldet Alles und das Mädchen bedauerte nur, daß auch seine Bemühungen vergeblich gewesen, der Straßenbasche mit seinem Weibe schüttelt den Kopf und meint, die Weiber seien ein wunderliches, unergründliches Volk.

Kaum ist der Benedict wieder in die Garnison zurück, so entdeckt er den Nebelspalter des Vaters und richtig steht dieser bald vor ihm und erzählt, die Mutter habe ihn hergeschickt, damit er dem Herrn Kapellmeister empfehle, den Hobisten Benedict recht strenge zu halten und niemals wieder zu beurlauben.

"Abschlagen hab ich´s der Mutter nicht können; seit jenem Abend redet und deutet sie wenig, nimmt grausig ab und ist kränklich, bin halt zum Herrn Kapellmeister gegangen und hab´ ihn zuerst gefragt, wie du dich aufführtest. Er hat dich sehr herausgestrichen, deßhalb habe ich meinen Auftrag auch nicht ausgerichtet, ´s wär eine Ungerechtigkeit. Halte dich nur brav, die Mutter wird auch wieder anders werden!"

So sprach der Vater, als er vom Sohne Abschied nahm.

Das Mütterlein wurde jedoch nicht anders, sondern sandte an der Stelle ihres Alten die Salome zum Herrn Kapellmeister. Salome war ein lediges, jedoch mit fünf lebendigen Kindern gesegnetes Weibsbild, trug Gebetbuch, Rosenkranz, den Loosungsgroschen und die Karte zum Kartenschlagen stets in Einer Tasche, übernahm Wallfahrtsgänge für die halbe Welt, deßhalb auch die Wallfahrt zum Herrn Kapellmeister, zumal Mutter Theres ihr ordentlich spendirt und noch mehr versprochen hatte, wenn sie etwas ausrichte.

Die Salome wußte gar ehrbare und erbauliche Gesichter zu schneiden, Alles gut einzufädeln, was sie einfädeln wollte und es war ihr ein Leichtes, den Kapellmeister, einen wackern, offenen Soldaten, der nicht gerne an Verstellung glaubte, weil er selbst aller Verstellung fremd war, gegen den Duckmäuser einzunehmen.

Zuerst beschrieb sie demselben den answendigen, dann den inwendigen Benedict von der Geburt bis zur letzten Kirchweihe, erzählte alle Streiche desselben, wußte den unseligen Scherz mit dem Traueranlegen als Verbrechen darzustellen, beschrieb dann auch die Rosa als ein verdorbenes, gottvergessenes und heuchlerisches Geschöpf und schloß, indem sie den Kapellmeister im Namen der tief bekümmerten und gekränkten Mutter des Benedict bat, diesem keinen Urlaub mehr zu geben und ganz besonders auch die Ausflüge ins Rheindorf zum Rosele zu untersagen.

Wer schon bei der nächsten Probe dem staunenden und betretenen Duckmäuser in Gegenwart aller Hobisten sein ganzes früheres Leben, seine "ganze verfluchte Duckmäuserei" und die schändliche Rede gegen die alte Mutter vordonnerte und ihm öffentlich aufs strengste verbot, jemals wieder einen Fuß zu der "liederlichen Fuchtel" ins Rheindorf zu setzen, das war der Herr Kapellmeister.

Wie verächtlich betrachteten die ältern Hobisten jetzt den Benedict, wie schadenfroh lachten die jüngern und besonders die leichtsinnigsten über den "Klosterbruder!"

Einen Brief nach dem andern, einer rührender als der andere, schrieb derselbe an die Mutter, um ihr Herz zu erweichen; nie erhielt er eine Antwort und weil er nicht mehr zum Rosele hinüber durfte, kam dieses mit und ohne den Straßenbasche zuweilen herüber.

Solches wird dem Kapellmeister gesteckt, einem Hagestolz, der als Todfeind aller Bekanntschaften seiner Untergebenen, besonders der jüngern bekannt ist und jetzt den Umgeher seines Verbotes recht zu fuchsen sich vornimmt.

Wo fehlen beim Militär jemals Gelegenheiten zum Strafen, wenn ein Vorgesetzter darauf ausgeht, Einem das Leben zu entleiden?

Selten fand eine Probe statt, bei welcher der Kapellmeister den Hobisten Benedict nicht andonnerte oder strafte, dieser gewann bald Aehnlichkeit mit seinem ersten Vorbilde, dem Compagnieschneider, insofern auch er bereits immer Zimmerarrest hatte.

Von der Kirchweihe bis zur Fastnacht hielt der Duckmäuser aus und machte seine Sache durch sein heißes Blut nicht schlimmer; das Romanlesen verlieh ihm Gleichgültigkeit und Erhabenheit gegen die Quälereien prosaischer Seelen und Genuß, weil er sich selbst für einen von Schicksalstücke arg Verfolgten halten mußte.

An Fastnacht bekamen alle Hobisten, sogar Meister Feucht für 3 Tage Urlaub, Benedict sollte beim Adlerwirth im Rheindorfe drüben aufspielen—der Kapellmeister jedoch gab ihm an der Stelle des Urlaubes drei Tage Zimmerarrest.

Am Fastnachtsonntag saß er mutterseelenallein im Zimmer, hatte deßhalb auch die Zimmertour und weil's gerade ein Brodtag war, so faßte er das Brod für die Hobisten und legte jedem seine zwei Laibe auf das Bett. Gegen Abend hielt ers nicht mehr aus, sah nur immer das weinende Rosele vor sich, nahm sich Urlaub aus dem eigenen Tornister, trat Abends zehn Uhr halberfroren in Straßenbasches Haus, verlebte im Rheindorfe zwei lustige Tage und kehrte am Aschermittwoch in die Kaserne zurück.

Beim Eintritt in die Stube kommt ein Hobist auf ihn zu und klagt, weil ihm ein Laib Brod fehle; der Duckmäuser behauptet, jedem beide Laibe auf das Bett gelegt zu haben und wie er noch redet, wird er arretirt und wegen eigenmächtigen Urlaubes zum erstenmal ins Dunkle gesetzt.

Kaum tritt er aus dem Arreste, so kommt der Oberlieutenant, fragt nach dem Laibe Brod, welcher dem Hobisten fehlte; der Benedict schwört hoch und theuer, das Brod richtig gefaßt und richtig ausgegeben zu haben, eine Untersuchung wird eingeleitet und der Duckmäuser wegen Unterschlagung eines Brodlaibes im Werthe von 7 Kreuzern standgerichtlich zu drei Tagen Arrest verurtheilt; ein standgerichtliches Urtheil hat aber stets die Entziehung der Einstandserlaubniß zur Folge und dies setzt den Bestraften in arge Betrübniß.

Kaum ist er frei, so findet sich der Brodlaib; Alles beruhte auf einer Verwechslung mit dem Brode eines andern Hobisten, der Benedict fordert beide Hobisten dringend auf, seine Unschuld an den Tag zu legen; sie wollen ihn insgeheim mit einer kleinen Vergütung zum Schweigen bringen, doch er will nichts als seine Ehrenrettung, dazu lassen sie sich nicht bewegen, er verflucht und verwünscht Beide und—merkwürdig! beide starben noch in jenem Jahre, der eine ertrank, der andere bekam einen Blutsturz nach dem andern und starb gleichfalls.

Benedict gedachte der bangen Ahnungen des Rosele; eine schöne Gelegenheit zur Erlernung des Schreinerhandwerkes bietet sich ihm an, er faßt ein Herz, geht zum Oberst und fordert seinen Abschied. Der grundehrliche, brave, jedoch barsche und rauhe Soldat nimmt den Degen, schlägt das Hobistlein nach Noten herum und poltert: "Ich will dir den Abschied auf den Rücken schreiben, du Hundsfötter, du! ... Wir müssen dich fuchteln, sonst stirbst du im Zuchthause, du verstellte, heimtückische Bestie!"

Brav durchgewalkt kehrt der Verzweifelnde in sein Compagniezimmer zurück, welches er drei Frühlingsmonate nicht mehr verlassen darf. Er vergeht fast vor Schmerz, doch hält er immer ritterlicher aus, denn seine Romane verleihen ihm Trost, Muth, Heldenkraft. Zum Musiciren spürt er wenig Lust mehr, liest wie der große Trommelschläger den ganzen, lieben langen Tag, denkt und lebt sich ganz in seine Bücher hinein und ist fest entschlossen, nach dem Muster der heldenmäßigsten Ritter allen Flohstichen und Keulenschlägen eines widrigen Geschicks mannhaften Trotz zu bieten!

Während der Verbannung im Compagniezimmer kam ein schwarz versiegelter Brief vom jüngern Bruder, vom Hannesle, welcher ihm meldete, die Mutter sei gestorben und habe ihm in ihrer letzten Stunde Verzeihung angedeihen lassen.

Seit jenem Abende, an welchem Benedict harmlos scherzte, er werde für sie mit einem weißen Federbusche auf dem Kriegshute trauern, gab sich Mutter Theres einer Schwermuth hin, welche nicht mehr wich; sie wurde still und in sich gekehrt, suchte immer die Einsamkeit, aller Trost und alles Gerede blieben von ihr ungehört und den Namen ihres Sohnes durfte Niemand nennen, wer sie nicht in die furchtbarste Aufregung versetzen wollte. Von Tag zu Tag nahmen ihre Kräfte sichtbar ab, sie wurde bettlägerig, ihr Zustand verschlimmerte sich und die Aerzte mit ihrer Weisheit standen rathlos am Krankenbette.

Schon zur Zeit der Fastnacht, an welcher die rothen und schwarzen Schwittler sich endlich in die Haare geriethen und barbarisch prügelten, wie dies im weinreichen Baden gar oft der Fall zu sein pflegt, erwartete man das Ende der Mutter Theres und die herrliche Margareth wich fast nicht mehr von deren Bette.

Schwankend zwischen Leben und Tod lag die Dulderin viele Wochen; in ihren letzten Tagen nannte sie häufig den Namen ihres Sohnes, doch so oft man fragte, ob man denselben herbeiholen sollte, schüttelte sie verneinend den Kopf. Plötzlich schien sie von Neuem aufzuleben, die Krankheit gewichen zu sein, sie vermochte wieder deutlich zu sprechen, bat, den Benedict herbeizuholen, sie wolle und müsse demselben Alles verzeihen, wenn sie selbst Verzeihung bei Gott erlangen wolle, denn Alles habe sie dereinst an ihrer eigenen Mutter verschuldet.

Halb aufgerichtet im Bette legte sie vor allen Anwesenden das Bekenntniß ihrer Schuld ab und kaum war solches geschehen, so sank sie tod [todt] in ihr Kopfkissen zurück!

Es gibt unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen gar nichts oder nicht gerne träumen lassen, weil jeder Luftzug aus einer überirdischen Welt ihre gar emsig und kunstreich gewobenen Spinnengewebe zu zerreißen im Stande ist.

Werke sind besser als Worte, Thatsachen lehren eindringlicher denn alle Spitzfindigkeiten der verständig gewordenen Vernunft, deßhalb mag die Jugendgeschichte der Mutter Theres das räthselhafte Benehmen während der letzten Zeit ihres Lebend erklären oder doch einigermaßen aufklären.

Ihr Vater, ein vermöglicher und braver Mann starb sehr frühe, von einem zweiten Manne bekam ihre Mutter noch einen Sohn und zwei Töchter. Dem letzten Willen des Vaters gemäß sollte Theres, sein einziges Kind, die Hälfte seiner Hinterlassenschaft in Empfang nehmen, sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht haben würde, die andere Hälfte jedoch erst nach dem Tode der Fränz, ihrer Mutter. Theresens Stiefvater war ein roher, wüster, leidenschaftlicher Mann, mit welchem Mutter Fränz recht unglücklich lebte und welcher sich immer mehr dem Trunke ergab. Geduldig ertrug Therese alle Unbilden und Mißhandlungen, welche ihr Stiefvater sammt den Stiefgeschwistern ihr alltäglich anthaten, wurde 18, 20, 22 und 24 Jahre alt, blieb bei der Mutter, deren einziger Trost sie war und dachte nicht an die Herausgabe des halben Vermögens.

Armuth und Elend nahmen jährlich im Hause zu, der Stiefvater verkaufte, was ihm beliebte; von allen Seiten wurde Therese gewarnt, ihr Eigenthum zu retten und in ihrem 26. Jahre verließ sie endlich das Haus der Mutter und heirathete den Jacob.

Bei dieser Gelegenheit kommt die schlechte, gewissenlose Wirthschaft des Stiefvaters an den Tag, Fränz schaut jammernd in die Zukunft und bittet die Obrigkeit um Hülfe, der Trunkenbold wird endlich mundtod [mundtodt] gemacht, mißhandelt die Fränz ärger als je, bis sich der Himmel erbarmt und die Arme von ihrem Quälgeiste erlöst.

Theres hauste mit dem Jacob, ihre Stiefschwestern heiratheten auch kurz nach einander, die Fränz lebte jetzt allein mit ihrem Sohne, dem Paul. Dieser schlug seinem rohen, wüsten, trinklustigen Vater in Allem nach, doch war er noch jung und wurde vorläufig nur von Neid und Mißgunst verzehrt, weil er sehen mußte, wie die Therese, seine Stiefschwester, die schönsten Grundstücke und Hausgeräthe und Anderes dem Jacob in die Ehe brachte. Am meisten schmerzten ihn die beiden Rappen, seine Lieblinge, welcher der Schwager aus dem Stalle holte und wenn der Paul gar daran dachte, die Stiefschwester werde nach dem Tode der Mutter Fränz die andere Hälfte ihres väterlichen Vermögens beanspruchen, dann wußte er sich fast nicht mehr zu helfen vor Neid und Haß, zumal der eigene Vater mit all seiner Habe fertig und auf Unkosten der Fränz beerdiget worden war.

Mutter Fränz mußte dem Paul ihre Vorliebe schenken, ob sie wollte oder nicht und dieser war kaum volljährig, so suchte er eine reiche Frau zu bekommen. Im Dorfe und in der Umgegend nicht sonderlich gut angeschrieben, durfte er nicht an jeder Thüre anklopfen, zuletzt erschlich er sich die Liebe eines sechszehnjährigen Mädchens, der hübschen, muntern und vermöglichen Christine und die Mutter derselben gab die Heirath zu, weil die ältere Tochter sich hatte verführen lassen und weil sie fürchtete, gleiche Schande an der jüngern erleben zu müssen. Der Vogt, ein unumschränkter Dorfmonarch und vielgeltender reicher Mann, war Christinens Vetter, hatte deren Heirath mit dem Paul ungerne gesehen, doch als diese nicht mehr verhindert werden konnte und geschehen war, nahm er sich des Paares gewaltig an.

Bald redete Paul mit dem vielvermögenden Vetter, auf welche Weise die Therese um ihre halbe Erbschaft gebracht werden könnte; der Vogt versprach Alles zu thun und hielt Wort, bald entspann sich eine Dorfintrigue, worin Mutter Fränz, ihre Kinder aus zweiter Ehe und ihre Tochtermänner Hauptrollen spielten. Die Leute munkelten und redeten viel von diesen Intriguen, Jacob und Therese bekümmerten sich anfangs wenig darum, weil sie auf ihr geschriebenes und gültiges Recht pochten, doch wie endlich allgemein und laut gesagt wird, Fränz habe ihre älteste Tochter verstoßen und von der halben Erbschaft ausgeschlossen, geht Therese zur Mutter, um dieselbe über das Geschwätz zu befragen. Mutter Fränz erschrickt sichtbar, kann der Tochter nicht in die Augen schauen, gibt lauter ausweichende Antworten und dies beunruhigt natürlich diese gewaltig.

Am andern Morgen langt Jacob seinen langen Rock aus dem Kasten, setzt den Nebelspalter auf und begleitet sein Weib zum Hofe des Dorfmonarchen.

Der Vogt hört Alles ruhig an, dann donnert er los:

"Du, Theres, bist eine eigensinnige, bösartige Tochter gewesen, kannst es vor Gott nicht verantworten! ... Thut deine Mutter wirklich also, wie du da klagst und fragst, so hat sie Recht, du hast's tausendfältig an ihr verdient! ... Als deine Mutter im größten Elende bei ihrem liederlichen Manne schmachtete, bist du fortgelaufen, hast einen Mann genommen, die arme Frau wie eine Räuberin ausgeplündert! ... Wäre ich damals Vogt gewesen oder hätte mich's angegangen, ich würde dir einen Strick um den Hals gelegt haben, du unbarmherziges Thier!"—Die Ungerechtigkeit der Mutter und Stiefgeschwister kränkte die schuldlose Therese zehnmal mehr, denn der Verlust der halben Erbschaft, doch vertraut sie auf ihr gutes Recht und Gott, und hütet sich, den Anklagen des Dorfmonarchen durch ein böses Wort gegen die Mutter eine Handhabe zu geben.

Sie hütet sich nicht wochen-, sondern jahrelang und es scheint Gras über die Angelegenheit gewachsen zu sein, über welche erst der Tod der Mutter Fränz Aufschluß und volle Gewißheit zu geben vermag.

Eines Morgens kommt der mürrische, versoffene Paul zur Therese und fordert einen ausgehauenen Schweinstrog, welcher in Jacobs Hof steht, von ihr zurück, weil der Schweinstrog nicht ihrem, sondern seinem Vater zugehört habe. Therese lacht dem Paul ins Gesicht und gibt zu verstehen, sie sei im Stande, ganz andere Forderungen zu machen, wenn das Betragen der Stiefgeschwister es erheische.

Jetzt fährt der Stiefbruder auf, schreit ingrimmig:

"Was du zu erwarten hast, das hast du schon und darfst dich glücklich schätzen, wenn du nichts herauszahlen mußt!" und poltert zur Stube hinaus, deren Thüre er zuschlägt, daß das ganze Haus und Therese vor Zorn und Entrüstung zittert. Wenige Minuten später kommt Mutter Fränz, weiß nichts von dem Vorgefallenen, klagt über Unwohlsein und die noch unwillige und aufgeregte Therese meint:

"Sterbet in Gottes Namen, Ihr könnt nichts Besseres thun! ... Nur sagt es mir zuvor, daß ich mir ein weißes Kleid kaufe zum Leidtragen für Euch!"

Diese Aeußerung kränkte Mutter Fränz bitter, sie verließ die Stube, kam nie wieder zurück, verfiel in eine langwierige Krankheit und ließ der ältesten Tochter erst wenige Minuten vor dem Tode Vergebung angedeihen. Mehrere Wochen saß diese Tag und Nacht beim Krankenbette der Mutter, die 3 Stiefkinder kümmerten sich nicht im mindesten um die Sterbende, denn sie hatten, was sie wollten, nämlich ein schriftliches Testament, nach dessen Wortlaut Therese auch nicht Einen Kreuzer erhielt.

Sterbend verlangt Mutter Fränz das Testament, welches gleich nach der ersten und letzten Beleidigung von Seite Theresens geschrieben worden, zurück, um es zu vernichten, doch ein Tochtermann hatte es in Verwahrung und war über Feld gegangen, der Vogt wird herbeigeholt und hört das letzte Wort der Mutter Fränz: "das Testament ist ungültig, un—" Kaum ist diese eine Leiche, so kommt der Tochtermann von der Reise zurück, zeigt das Testament, der Vogt erklärt, der Widerruf gelte nichts, weil die Sterbende nicht mehr bei Besinnung gewesen, Theresens halbes Erbe bleibt verloren, denn diese fängt keinen Prozeß an, sondern betrachtet die Enterbung als eine Strafe des Himmels.

Mutter Theres war eine fromme, gottesfürchtige Frau; eine freudlose und leidenreiche Jugend hatte sie vorbereitet, mit dem finstern, strengen, doch dabei fleißigen, grundehrlichen und gerechten Jacob glücklich zu leben. Der Benedict war es, der ihr zumeist Sorge und Kummer bereitete, sie an alte Zeiten erinnerte und am Ende glauben machte, er sei von der Vorsehung bestimmt, an ihr die Verwünschungen zu erfüllen, welche Mutter Fränz nach dem erwähnten Auftritte gegen sie ausgestoßen hatte.—Der Besuch in der Kaserne und die Kirchweihe hatten ihre abergläubischen (wenn man's so nennen will!) Befürchtungen zerstreut; der, welchen sie von je am zärtlichsten geliebt und welcher sie am tiefsten betrübt hatte, war wiedergefunden. Sie liebte denselben von jeher mehr als eine gewöhnliche Mutter, mehr als alle andern ihrer Kinder, warum—wußte sie selbst nicht; die Kirchweihe weckte die ganze Gluth ihrer zärtlichsten und sicherlich nicht durch Romanlesen verminderten oder gesteigerten wahrhaftig leidenschaftlichen Liebe,—Der unglückselige Scherz, welchen der Hobist machte, in derselben Stube, in welcher vor vielen Jahren Mutter Fränz ihre Tochter verfluchte und in einer Stunde machte, wo das Licht noch nicht angezündet war, so daß sie nur die verhängnißvollen Worte vom weißen Leidtragen hörte, die Miene des Sohnes jedoch nicht sah; dies überzeugte sie von Neuem, der Fluch des Himmels laste noch auf ihr und ihr ältester, geliebtester Sohn sei geboren, um diesen Fluch zu erfüllen.

Gewiß war sie selbst überzeugt, derselbe habe es mit den paar Worten nicht böse gemeint, doch diese paar Worte sprach nicht der Benedict, sondern sprach nach ihrer Ueberzeugung der zürnende Gott zu ihr.

Sie hat den Sohn verflucht als ein Werkzeug des Fluches, hat ihm verziehen, weil der Tod sich ihrer nicht erbarmen wollte—wird der Fluch oder die Verzeihung sich als leitender Gedanke durch die fernere Lebensgeschichte ihres Sohnes ziehen?—

Der Duckmäuser ward durch den Tod und die Verzeihung der Mutter nicht sonderlich ergriffen; er erblickte in diesem Vorfalle nur einen neuen Beweis für die aus seinen Romanen geschöpfte Ueberzeugung, zu einem abenteuerlichen Leben bestimmt zu sein.

Ein von der Vorsehung zu wunderbaren Dingen ausgerüsteter Mann seiner Art läßt sich durch alle Anfechtungen der prosaischen Außenwelt wenig berühren, lebt in andern Zeiten und höhern Regionen und begnügt sich, prosaischen Vorgesetzten tiefe Verachtung und ritterlichen Trotz entgegenzusetzen und diesem "Gewürme", welches auf der Keule des Herkules herumkriecht, thatsächlich zu beweisen, daß man nach seinen kleinlichen und winzigen Chikanen so wenig frage, als nach den Ansichten und der Ordnung der gegenwärtigen prosaischen Welt überhaupt.

Der Oberst hatte den Hobisten in den Zimmerarrest und damit in die ohnehin geliebte Romanenwelt hineingeprügelt, drei Monate lang lebte der Hobist dem Obersten zum Trutz sehr glücklich in Burgen, bei Turnieren, focht wacker gegen Sarazenen, befreite mehr als Ein Ritterfräulein mit blauen Augen und hochwallendem Busen, oder zog sich als weitgefürchteter Räuberhauptmann in unzugängliche Felsburgen zurück.

Kaum während der Probe wußte der Glückselige Etwas von der prosaischen Wirklichkeit und mehr als einmal redete er bei seinen Erbsen und Kartoffeln laut genug von fehdelustigen Rittern, treuen Knappen und Fräuleins, welche ihm statt Gänseweines Nektar kredenzten. Wie die Hobisten von je den großen Trommelschläger verlacht und verspottet hatten, so verspotteten und verlachten sie jetzt auch den Benedict—hatte sich jener wenig daraus gemacht, so bewirkten sie bei diesem das Gegentheil. Mehr als einmal kamen gutmeinende Vorgesetzte und Offiziere, um dem Hobisten Benedict zuzusprechen, damit er nicht in Doctor Rollers Hände falle, allein Güte und Ernst prallten an ihm ab.

Die drei Monate des Zimmerarrestes waren beinahe zu Ende, da tritt ein sehr beliebter, gebildeter und braver Adjutant in das Hobistenzimmer und macht dem Bedict [Benedict], der stets mit Rittern und Fräuleins redet, ganz ruhige, vernünftige und menschenfreundliche Vorstellungen. Doch dieser hört ihn kaum und wie der Adjutant ihm das Narrenhaus prophezeit, streckt er die Hand aus und spricht wörtlich also:

"Du bist nicht als ein Apostel berufen und hast einem so unerschrockenen Ritter meiner Art durchaus keinen Vorwurf zu machen, deßhalb schweige, wenn ich dir nicht den Fehdehandschuh vor die Füße werfen und dir meine Kraft fühlen lassen soll!"—

Die Antwort des Adjutanten lautete auf 3 Tage Dunkelarrest, der Dunkelarrest machte den Kopf des Duckmäusers nicht heller! ... Endlich sind die 3 Monate des Zimmerarrestes verflossen, beim Beginne derselben war der Frühling kaum im Werden, jetzt findet der Befreite Leben, Bewegung, Freude, Liebe und Schönheit allenthalben; Alles, was er sonst gleichgültig betrachtete, hat für ihn hohes Interesse, er fühlt sich gleichsam neugeboren und ein schöneres, höheres Leben ist in ihm wach geworden!—

Lesefrüchte

Es steht zu vermuten, daß der Straßenbasche ein oder auch zweimal die Treppen des Commandantenhauses hinanstieg, um den Herrn Obersten, seinen alten Kriegsgefährten zu besuchen, die angetastete Ehre seines Rosele zu retten und für den Benedict ein gutes Wort einzulegen. Eines Tages nämlich sprach der Oberst zum Kapellmeister:

"Hören Sie, Ihr Hobist, der Benedict, ist kein schlechter Kerl, aber er wird durch seine verfluchte Leserei ein größerer Narr, denn der große Trommelschläger! ... Der Kerl hockt noch im Zimmerarrest, dauert mich halb und halb und wenn zuweilen sein Schatz vom Rheine herüberkommt, um ihn zu besuchen, so wollen wir nichts dagegen haben. Es soll ein verständiges, braves Mädchen sein und ganz geeignet, den Kerl vor dem Narrenhaus zu bewahren!"

Der Kapellmeister schrieb sich diese Ordre hinter die Ohren und wendete nichts dagegen ein, wenn Straßenbasches Pflegetochter an Sonntagen zuweilen in die Kaserne kam, um den gefangenen Träumer zu besuchen, wurde jedoch diesem nicht grüner.

Die Veränderung, welche in diesem vorging, blieb der Rosa nicht verborgen, denn er sprach jetzt häufig in einem himmelhohen Style, welchen sie nicht verstand und die einst so demüthigen, bescheidenen und ergebenen Reden desselben nahmen allmälig ein Ende. Sie ermahnte ihn gar zu lehrmeisterisch, den Obern zu gehorchen und brav zu werden, langweilte ihn mit ihren prosaischen Predigten und obwohl er in ihrer Gegenwart die lichtesten Augenblicke hatte und niemals vergaß, hundertmal "auf Ritterwort und Handschlag" Gehorsam zu geloben, so hegte sie doch wenig Hoffnungen und kehrte jedesmal nachdenklicher zum Straßenbasche zurück.

Jetzt stolzirt der Benedict an schönen Sommerabenden als freier Mann in der Gegend herum, die Gestalten seiner Romane steigen von den Burgruinen herab in die Ebene, wandeln um ihn herum und er entdeckt gar viel Ritterliches und Fräuleinhaftes in den schöngeputzten Städtern und Städterinnen.

Außer den Mädlen der beiden Schwitten und der Rosa mit ihren Kamerädinnen hat er noch keine Weiber kennen gelernt, doch weiß er jetzt, jene seien prosaische, gefühllose, ungebildete "Bauerndötsche" in Zwilchröcken, mit sonnenverbrannten Gesichtern, braunen Armen und abgearbeiteten, rauhen Händen. Wie niedlich und zierlich sind dagegen die Städterinnen gekleidet, wie zart, von Liebesgram gebleicht oder von beglückter Minne verklärt die Wangen, wie grazienhaft der Gang, wie fein und tugendsam ihr Benehmen! Täglich sieht er Hunderte, für die er sofort Lanzen haufenweise brechen würde und täglich Eine, welche auf milchweißem Rosse mit fliegendem Schleier auf ihrem Zelter sitzt, neben ihm den steilen Burgweg hinaufreitet, der Burgwart stößt gewaltig ins Horn, die Knappen schwingen jubelnd ihre schartigen Flamberge, der alte Kuno macht seine Meldungen, der Ritter führt die Ritterin in den hohen Rittersaal und getheilt zwischen Minne und Kampf verlebt er in der neugebauten Burg seiner Väter endlose Jahre voll Seligkeit—bis in Freiburg der Tambour seine Kameraden zum Zapfenstreich herausschlägt und der zum Hobisten degradirte Ritter auf des Schusters bescheidenem Rappen in den prosaischen Kasernennothstall zurücksprengen muß! ... Der Straßenbasche trägt nichts Ritterliches und Knappenhaftes an sich, die Rosa bleibt ein ehrliches, gutes, doch plumpes und grobfühlendes Landmädchen, nur der große Trommelschläger versteht vollkommen Benedicts Seufzen, Fühlen und Denken, theilt dessen romantischen Weltschmerz; noch mehr, der Trommelschläger hat viele Bekanntschaften in der höhern Frauenwelt der Städte gemacht und versichert, neben zahllosen, prosaischen, abgeschmackten Klötzen gebe es unter den Dienstmägden und Bürgertöchtern zarte, empfindsame Seelen, der treuesten Minne würdig und von der anmuthigsten Hingebung!

Geht der Duckmäuser über den Karlsplatz oder in den romantischeren Alleegarten, wo die Ritterfräuleins mit zarten Früchten der Minne sitzen und wandeln, dann richtet er sich stolz empor, nimmt das Schwert unter den Arm, schreitet mit Ritterschritten eines Niebesiegten an denselben vorüber, nicht ohne ihnen züchtige und minnigliche Blicke zuzuwerfen und ist voll Liebessehnen und Seligkeit! ... Wie oft steht er auf dem Schloßberge mit dem großen Trommelschläger und beide verfluchen die schaale Wirklichkeit, in specie den Klotz im Kommandantenhause und die Klötze in der Kaserne oder sie träumen von jener Zeit, wo der riesenhafte Münster noch nicht gebaut war, auf dem Kippfelsen drüben wohl mancher Lindwurm hauste und in der Ebene mannhafte Ritter prosaischen Pfahlbürgern ihren Kram abnahmen, dieselben zur Unterhaltung todtschlugen oder in schauerliche Burgverließe schleppten! Manchmal wandelt der große Trommelschläger mit einer Nymphe des Schwarzwaldes oder der Stadt durch die Auen, neben ihm der Duckmäuser mit klopfendem Herzen, unsäglichem Wonnegefühl und tiefer Wehmuth! Im Spätsommer bekommt Letzterer wieder einmal Urlaub, fliegt mit Ritterfräuleins liebestrunken in das Rheindorf, dessen schaale Wirklichkeit ihn ein bischen stark langweilt und bald zieht er durch das Land, um wo möglich irgend eine Burg und Abenteuer aufzutreiben.

Er wandelt zwar allein herum für prosaische Augen, doch neben sich hat er stets die lustige, minnigliche "Itania." Alle Augenblicke breitet diese ihre Schwanenarme nach ihm aus, er drückt sie an den Ritterbusen, erklärt ihr die Schönheiten der Landschaften und redet von seinen und seiner Gegner Burgen, deren hohe Thürme sich in den Silberwellen der Flüsse spiegeln.

Jeder verwitterte Steinhaufen und jeder epheuumrankte Thurm ist ein Magnet, welcher den Hobisten unwiderstehlich die steilsten Berge hinaufzieht und je höher er steigt, desto prachtvoller und einladender steht die Burg da im alten Glanze, desto lebhafter wird das Freudengetümmel im Schloßhofe und jede Distel scheint eine Trompete zu sein, welche dem Längstersehnten, von einer bösen Fee Verwunschenen, den Morgengruß einer neuen Zeit entgegenschmettert.

Allenthalben und überall sucht er seinem Ritterthume Ehre zu machen; es kann nicht fehlen, der stattliche Bursche in der glänzenden Uniform erobert durch sein galantes, edles Benehmen, durch seine gebildet klingenden hochtrabenden Reden und durch Schilderungen seiner edeln Abstammung und Güter im Sturmschritte das Herz eines Fräuleins und dafür, daß er an keine Dulzinea von Tobosa geräth, ist schon gesorgt, weil er nicht in Andalusien oder Estremadura, sondern im Großherzogthum Baden und in einem Herbstnebel des 19. Jahrhunderts herumfährt! ... Die Erkorene ist freilich kein anerkanntes, sondern ein verwunschenes Fräulein, wie deren sogar an den Brunnen zu Freiburg und anderswo angetroffen werden, doch wohnt sie nicht nur auf einem Berge, sondern bei einer Burg, kann mindestens als Tochter eines Burgwartes gelten, der für anlangende Gäste zu sorgen hat und sucht sich allseitig über die Wirklichkeit zu erheben. Ist es unmöglich, die namenlosen Reize Itanias zu beschreiben, so begnügen wir uns mit der Angabe, das Töchterlein des Burgwartes sei ein recht hübsches und lebhaftes Kind von 16 Jahren, in Benedicts Augen natürlich die "engelgleiche Itania" von Kopf bis zu den Füßen geworden.

Ein höflicher Vater, eine für Ritterlichkeit zugängliche Mutter, ein holdes, schuldloses, zutrauliches und plappersüchtiges Fräulein, vortrefflicher Wein, eine Burg vor Augen, ein Feenland am Fuße des Berges— was konnte unserm Ritter zur Glückseligkeit fehlen? Nichts, höchstens ein etwas längerer Urlaubspaß.

Drei Tage voll Seligkeit verlebte er hier; die Seligkeit ward nur Eine Stunde gestört, weil ein Hornist seines Regimentes, welcher den Abschied genommen und im Heimathsorte am Fuße des Berges sich häuslich niedergelassen hatte, gleich einem Gespenst in das Paradies seiner Träume hineinstolperte und aus purem Neid über das Minneglück sogar schlechte Witze über die Arreste und Zimmerarreste des ehemaligen Kameraden riß.

Am letzten Abend sah der Mond ein liebendes Paar innerhalb der zerfallenden Burgruine, fürchterliche Schwüre ritterlicher Treue hörte die Nachtluft, perlende Thränen im Augenpaar Itanias küßte der trauernde Benedict hinweg, denn morgen mußte er in die Welt hinaus, den Kampf mit den Tücken des Schicksals von Neuem aufzunehmen und nur die Gewißheit, die edelste Perle des Landes dereinst zu besitzen, gibt ihm Muth zum Scheiden, Trost im furchtbarsten Schmerze.

Itania lebte auf dem Lande, doch schon ihr Wohnhaus hob sie hoch über die prosaische Alltagswelt empor; aus einem "Pensionate" kürzlich zurückgekehrt, trug sie noch Hut und Schleier, war ein zartgebautes, schlankes und belesenes Mädchen, liebte und verstand Ritterromane, kannte die Welt nur durch diese, denn zwei langweilige Religionsstunden wöchentlich geben weder Gottes- noch Weltkenntniß; auf diese Weise wird der kleine Roman des Hobisten begreiflich und das Unglück lag nur darin, daß er es weit ernstlicher mit diesem Romane meinte, als die 16jährige Itania selbst und daß es ihm gelang, sich rasch die Gunst der Eltern zu gewinnen.

Auf dem Rückwege eilt er in sein Heimathdörflein, jedoch nicht, um das Grab der Mutter oder die Herzkäfer der alten Schwitt zu besuchen, sondern um den Vater zu drängen, damit ihm dieser augenblicklich 50 Gulden vom mütterlichen Vermögen herausgebe, welche er binnen einem Jahre zurückzuzahlen schwört. Jacob macht ein gar bedenkliches Gesicht, will wissen, wozu das Geld dienen solle und zudem hat er fast keines im Hause, doch der Duckmäuser weiß den Alten so zu täuschen und zu bereden, daß dieser noch in der Nacht den schweren Gang zum alten Liebhardt macht, die Summe holt und dem Sohne gibt.