Kaum graut der Morgen, so eilt Benedict aus dem Dörflein, macht zuweilen Sätze wie ein Hirsch und kommt richtig wieder in seine Kaserne, wo er kaum erwarten kann, bis der große Trommelschläger aus dem Arrest erlöst wird, um diesen in das Geheimniß seines Glückes einzuweihen.
Außer dem Kapellmeister und Benedict haben nämlich gerade alle Musikanten des Regimentes Strafen auf dem Hals, weil sie bei einem gemeinsamen Ausfluge Gelegenheit bekamen, ohnentgeldlich gut zu essen und beliebig zu trinken, des Guten zu viel thaten und deßhalb von der Ironie des Schicksals dahin gebracht wurden, sich auf dem Heimwege gegenseitig mit Fäusten und Säbeln zu belehren.
Die innere Seligkeit treibt den Duckmäuser in das Gewühl des Wochenmarktes und wider Erwarten findet er hier das Rosele, welches ihm einen freundlichen Morgengruß entgegensendet, der von ihm gar kühl und betreten erwiedert wird.
"Weßhalb so trotzig heut'? Bist bös mit mir oder was ist mit dir?"
"Muß ich dir Alles sagen? Bin ich unter deiner Oberherrschaft, so daß ich über mein Verhalten Rechenschaft abzulegen habe?"—"Ei, ei, so gefällst du mir, wenn du auf diese Weise anfängst? Womit habe ich denn das verdient?"
Benedict kehrt dem armen Mädchen den Rücken, plaudert mit der Sergeantenfrau, welche ihm die Hemden wäscht, kauft dann in Rosas Nähe einige Rettige und verschwindet im Gewühle.
Am folgenden Tage Abende bringt ihm eine Frau einen Brief vom Rosele voll zärtlicher dringender Bitten um Aufschluß über sein befremdendes und kränkendes Benehmen, voll liebreicher Mahnungen und gutgemeinter Warnungen. Benedict sagt der Ueberbringerin einen Ort, wohin er am Sonntage kommen und die Antwort mitbringen werde.
Richtig kommen Beide zusammen, er gibt dem Rosele einen Brief, sagt Adje, kehrt eilig um und rennt fort, ohne auf das Nachrufen des staunenden Mädchens zu hören, welches den Brief sofort erbricht, liest und mit zitternden Knieen beinahe zusammenbricht.
Er lautet also:
"Rosa! Du weißt, wie man mich seit Langem hier gehalten hat und nun habe ich die sicherste Nachricht erlangt, daß Du und nur Du die einzige und alleinige Schuld daran bist. Will ich mein Loos ändern, so muß ich Dich für immer meiden, was ich um so lieber thue, weil ich glauben darf, Du seiest nicht die bisher vermeinte fromme Rosa, sondern eine Schmeichlerin voll Falschheit und Trug. Besuche mich nicht, ich werde Dir fortan nur mit tiefer Verachtung begegnen. Glaubst Du Forderungen an mich zu haben, so schreibe Alles genau auf und schicke mir die Rechnung, ein anderes Schreiben werde ich nicht annehmen oder ungelesen zerreißen.
Hobist Benedict."
Die edle Rosa ist des Schreibers Schutzgeist gewesen; noch vor acht Tagen war sie mit dem Straßenbasche beim Oberst und Kapellmeister und legte ein gutes Wörtlein für den wahrhaft Geliebten ein, sie hat ihn aus einem liederlichen Sauhirten zu einem Menschen gemacht, mit Güte und Wohlthaten überhäuft und—dann den Lohn der Welt empfangen, der sie vernichten würde, wenn sie nicht um Gottes und der unsterblichen Seele des Benedict willen gehandelt hätte.
Gott meinte es wohl mit Rosa, als Benedict es böse meinte.
Er opferte seinen Schutzengel einem Trugbilde und that es auf eine Weise, welche uns vollkommen an ihm irre machen müßte, wenn nicht ein geheimer besonderer Beweggrund ihn bei Abfassung des Schreibens geleitet hätte.
Dieses war jedoch der Fall.
Von Kindesbeinen an strebte er nach der Gunst der schönern und bessern Hälfte des menschlichen Geschlechts, das heißt, nach der Gunst der Mädchen und Frauen, mit welchen ihn sein Leben in Berührung brachte. Als Schulknabe und Unterlehrer beschützte er die Kamerädinnen gegen Rohheiten, half denselben in der Schule und bei Schularbeiten, that Alles, um sie angenehm zu unterhalten und für sich einzunehmen. Was der Knabe erstrebt und gewonnen, wollte der Jüngling nicht einbüßen, sondern erhalten und vermehren und hieraus erklären sich großentheils seine Tugenden und Verirrungen, jedenfalls seine Nüchternheit, Mäßigkeit, Scheu vor Geldspielen und die Sucht, Geld auf alle Weisen und durch alle Mittel zu erhalten. Er sparte, betrog, stahl, um seine Rolle als Haupt der altmodischen Schwitt behaupten und den Anhängerinnen derselben kleine Geschenke und frohe Stunden machen zu können. Wie viele seiner Herzkäfer hat er in einer Reihe von Jahren erfreut, welche Opfer hat er oft gebracht, um der Margareth, dem Vefele, der Marzell oder einer Andern ein kleines Geschenk machen zu können! ...
Seitdem er in der Montur steckt, ist es die Rosa, welcher er Geschenke aufdrängt, um ihr seine Liebe, dem Pflegvater seine Sparsamkeit zu beweisen. Er wandelt auf ehrlichen Wegen, muß sich Alles am eigenen Munde absparen und wenn die Geschenke auch nur lauter Kreuzer kosteten, so machen 60 Kreuzer bereits einen Gulden und ein Gulden ist für einen Hobisten schon ein Sümmchen.
Jetzt hat sich der demüthige Hobist zu einem stolzen, mannhaften Ritter gruduirt [graduirt], welcher jedem Adjutanten den Fehdehandschuh kühn vor die Füße wirft; der Ritter hat bitterlich gespart, um eine Ritterfahrt unternehmen zu können, auf dieser Fahrt fand er das Idol, wornach sein überhirnter Verstand und sein fieberhaft pochendes Herz dürstete. Die holdselige 16jährige Itania winkt im langen Kleide und mit fliegendem Schleier von der Burg herab Tag und Nacht dem armen Hobisten in seiner Kasernenstube zu. Großartig ist ihm die Einzige entgegengetreten, großartig hat der Ritter sich gezeigt, großartig muß das erste Geschenk sein, welches er seiner Gebieterin zu Füßen legen will.
Der Hobist log sehr unritterlich beim Vater, um 50 Gulden zu erhalten, er handelte mehr als unritterlich an Rosa, um sich desto ritterlicher gegen Itania zeigen zu können. Die Geschenke an Rosa müssen aufhören!— hierin liegt der Schlüssel zu dem herzlosen, lügnerischen und niederträchtigen Abschiedsbriefe, welchen er derselben in die Hand drückte und dann vom bösen Gewissen getrieben fortrannte.
Die bisherige Geliebte muß wissen, weßhalb er ihr keine Geschenke mehr macht; ein allmäliges Abbrechen und Sparsamwerden würde ihm bei ihr und dem Straßenbasche nichts nützen und viel schaden, geschweige daß die himmelanstrebende Itania keinen knickischen und knausigen halbgetreuen Ritter zu ihren ätherischen Füßen sehen will! ...
Die 50 Gulden reichen noch zu keinem großartigen Geschenke hin, die Ersparnisse bei Rosa machen wenig aus, das ritterliche Einkommen muß durch Sparsamkeit und Arbeit vermehrt werden, denn um Unverlornes mit "kühnem Griffe zu finden," dazu ist der Benedict doch allzu ritterlich gesinnt und allzu prosaisch gewitziget worden.
Bisher bekam der Tabaksverkäufer monatlich 40 Kreuzer für Tabak, der Apotheker 12 für Pomade, die Leihbibliothek 48 für Entzückungen und Verzückungen, die Wirthshäuser nur 36 bis 40 Kreuzer, endlich trug er auch dem kleinen Liebling der Rosa, nämlich der Johanna und dem Schwesterlein des blinden Michel Milchbrödlein und dergleichen Geschenke zu.—Itania winkt vom hohen Söller herab und die bisherige Monatsrechnung des Hobisten reducirt sich auf Null.
Der große Trommelschläger ist noch immer ein lesender Narr, der Duckmäuser hat den Rubikon zwischen Idee und Wirklichkeit überschritten und ist zum handelnden Narren geworden.
Er verkauft seine beiden Tabakspfeifen, thut alles, um ja Niemanden zu begegnen, mit dem er anstandshalber einen Schoppen Bier trinken müßte, unterrichtet mit allem Eifer zwei Damen der Stadt, die seidenrauschende und juwelenstrahlende Tochter eines halbverzweifelten Bierbrauers und die den hohen Adel durch ihren Aufputz beschämende Primadonna des städtischen Theaters auf der Guitarre, musizirt im Orchester des Theaters, wodurch ihm die Leihbibliothek mehr als ersetzt wird, endlich schreibt er in jedem freien Augenblicke Noten für Damen und Offiziere ab und vermehrt dadurch sein Einkommen ganz gewaltig.
Doch noch nicht genug—der Benedict verzehrt monatlich nur einen einzigen Laib prosaischen Komißbrodes, verkauft 14 andere monatlich um 3 Gulden 30 Kreuzer; für das Fleisch erhält er jeden Mittag einen Groschen, endlich schnürte der Held seinen widerspenstig knurrenden Magen mit einer vom Meister Feucht zur guten Stunde erbettelten Binde immer fester zusammen und träumt allnächtlich von vollen Humpen und Wildschweinköpfen, welche ihm Itania kredenzt und vortrefflich zubereitet.
Der große Trommelschläger bleibt der Einzige, welcher den Ritter Benedict lobt, bewundert, tröstet, die andern Musikanten spotten und lachen oder schimpfen beide "Büchernarren" brav aus.
In der Stadt wurde er von seinen Zöglingen oft eingeladen, Etwas zu genießen—doch ein Ritter ist kein Schmarotzer, läßt sich nur so weit herab, zu nippen oder einen einzigen Bissen zu genießen, um den Anstand und Ruf zu wahren und sprengt dann hungrig weiter.
Meister Feucht vom Bodensee aß wie ein Löwe und soff alle sechs Wochen trotz einem Urgermanen, blieb dabei spindeldürr und schüttelte jetzt unaufhörlich den Kopf, weil Ritter Benedict nicht aufhörte, ganz ordentlich und blühend auszusehen.
Große Affekte und Leidenschaften sättigen auch den Leib, wenn sie Kinder des Glückes sind, davon wußte Meister Feucht sammt seinen Kameraden wenig oder dachte nicht daran.
Benedict hielt mondenlang aus, machte sogar eine große Revüe mit und dankte Gott, der ihm schon als Knabe die Fähigkeit gegeben zu hungern, um den Mädlen Geschenke machen zu können.
Die Revüe nützte seinem Magen, schadete jedoch seinen Finanzen so gewaltig, daß er sich selbst in seinem letzten und wohlfeilen Vergnügen beeinträchtigte. Bisher war die Dämmerungszeit sein gewesen; er hatte neben dem großen Trommelschläger tiefergreifende, sehnsuchts- und wehmuthsvolle Septimen- und Mollakkorde den Lüften anvertraut, um sie der angebeteten Itania melodisch zuzuflüstern—jetzt übernahm er es, zwischen Licht und Dunkel Monturstücke, Waffen und anderes Zeug für den Regimentsfourier und Verwaltungsfourier zu putzen und erhielt von jedem derselben monatlich anderthalb Gulden.
Nebst einem herzbrechenden und hochbegeisterten Briefe hat er für mehr denn fünfzig Gulden Schmuckwaaren an Itanien gesendet, die Antwort voll Liebesgluth blieb nicht lange aus, deßhalb nahm er die Gelegenheit wahr, kaufte für 36 Gulden Zeug zu einem fräuleinhaften Gewande und sandte es mit einem bogenlangen Briefe ab. Er wartet mit fieberhafter Spannung auf Antwort, hungert und spart, spart und hungert, denn im Frühling will er die Burg besuchen und sich im vollen Glanze eines begüterten Ritters zeigen.
Der Duckmäuser erhielt wirklich manchen Brief, in welchem Itania mit den schönsten zärtlichsten und wohlgesetztesten Worten ihre innigste Liebe und unverbrüchlichste Treue gegen ihn ausdrückte. Hundertmal des Tages zog er diese Briefe aus der Brusttasche, küßte und las sie und las sie noch einmal, bevor sie eingesteckt wurden. Der große Trommelschläger las Itaniens Briefe auch und wenn er von Itanien anfing, dann hafteten Benedicts Augen auf ihm, wie die eines Schwerkranken auf dem Arzte und beide überlegen, welche Geschenke an Neujahr der Huldgöttin zu Füßen gelegt werden sollten.
Eines Morgens kommt der Glückliche vom Exerzierplatze heim, da erscheint der Briefträger, um ihm zu sagen, es sei ein Päcklein für ihn da und er möge es in seiner Wohnung holen. Eiligst geht er mit, erkennt Itanias Hand auf der Adresse, unterschreibt den richtigen Empfang, fliegt zurück ins Compagniezimmer und öffnet das Päcklein mit zitternder Hand, denn er erwartet das wohlgetroffene Bildniß wohleingewickelt zu finden, um welches er das Burgfräulein zu bitten wagte, und ein artiges Gegengeschenk.
Doch—schreckensstarr und todtenblaß steht er da, denn all' seine Geschenke sieht er wohlgeordnet vor seinen Augen, glaubt zu träumen und aus seinem überirdischen Frühling plötzlich in den trostlosesten badischen Altweibersommer hineingeworfen zu werden! ...
Meister Feucht streicht seinen Fuchsbart und lacht wie ein Spitzbube, der erste Fagotist schleicht hinter den schier zusammensinkenden Benedict und schaut hinter dessen Rücken in folgende Hiobspost hinein:
"Freunt! Vergebe sie mer, wenn ich ihne mit diesem Schreiben und dem Zurikgeben des Bagets duschieren sollte. Sie seind mir lieb und werth, aber ich will, kann und darf Nix von Ihne wisse, meine Ehre erlaubt es nicht, denn wir wissen Alle sehr genau, daß Sie wegen schlechter Aufführung öffentlich bekannt geworden, mußten aus dieser Ursach das elterlich haus verlassen und stehen beim Regimend auch nicht in guter Haltung. So seind unsere genauesten Erfahrnisse. Ich bitte daher, kommen Sie mir zu Liebe ihr Lebtag nicht mehr auf die Burg, denn ich gebe mich durchaus in keiner Beziehung mit einem so schlechten Basaschier ab und schäme mich genug, nur Wohlgefallen an ihne gehabt zu haben.—Das Present aber (Gott was haben wir für Angst gehabt, bis es wieder aus unserm Haus), so große Freid ich daran hatte, könnte ich nicht behalten, weil ich befirchten mußte, daß es gestolenes Gut sei. Nehme Sie es daher wieder und geben Sie es Einer, die mit ihne gleich gesinnt ist, sonst schlagt mich der Vater tod, was übrigens nicht nöthig ist.
Mit durchdolchter Liebe und bleibender Achtung bin ich in Eile
ihnige ehemalige treue Itania."
Der Duckmäuser zittert vor Schrecken, Wuth und Schmerz, vermag weder zu reden, noch zu denken und zu handeln, sitzt wie ein Sterbender auf seinem Bett, bleibt etwa eine Stunde sitzen, dann zerreißt er den Brief in hundert Fetzen und zermalmt (der große Trommelschläger hat denselben abgeschrieben, um der staunenden Nachwelt einen Beweis der Herzlosigkeit unseres tintenkleksenden Saeculums zu geben!) die Fetzen zu Staub, ballt die Fäuste und knirscht. "Warte, Karnali, du sollst's büßen!" Mit diesen Worten dachte er an Rosele, denn er glaubte, diese habe aus Rachsucht nach der Burg geschrieben und Alles verrathen.
Der Seidenstoff war unter Itanias zarten Händen bereits zu einem Weiberrocke geworden, der Hobist packt denselben zusammen, um ihn einer Nätherin zu verkaufen. Hier trifft er mehrere junge Mädchen, schämt sich, ein Kleid auszukramen, geht unverrichteter Sache wieder fort, tritt in ein Bierhaus und die Kellnerin, ein etwas verblühtes doch hübsches Mädchen meint:
"Das ist ein Wunder, daß Sie allein kommen und dazu noch an einem Werktage. Haben Sie sich heute verirrt?"—"Ich denke, es wird noch Mancher bei Straßburg über die Brücke gehen, ohne von Ihnen gesehen zu werden!"—"Um Vergebung, habe ich den Herrn Ritter etwa beleidiget?"—"Nein, durchaus nicht, gnädiges Fräulein, ich bin nicht so leicht zu beleidigen!"
Das Wort "Herr Ritter" hat die Gemüthsstimmung des Duckmäusers plötzlich verändert, er fängt ein langes freundliches Gespräch an, trinkt Bier dazu, überzeugt sich, daß die Kellnerin Agatha eine ganz gewaltige Romanenleserin gewesen sein muß, sich trotz dem duftendsten Ritterfräulein zu benehmen weiß und—schon am andern Tage bringt er derselben Itanias Gewand und alle Kostbarkeiten dazu als Weihnachtsgeschenk, beredet sie, das prosaische Bierhaus aufzugeben und einen gemächlichen Dienst zu suchen, dabei weniger auf Lohn, denn "auf gute Behandlung" zu sehen.
Der große Trommelschläger war überzeugt, Itanias Brief sei ein Blendwerk der Hölle, ein Zwangsbrief und der Ritter könne durch einen neuen Brief wieder zu Ehren kommen, die Geliebte vielleicht aus unsäglichen Gefahren befreien, doch Agatha versteht es, den Benedict zu bezaubern und zu fesseln, in jeder Hinsicht die Seinige zu werden!
Alles Arbeiten und Sparen hörte plötzlich auf, der Held war wenig mehr in der Kaserne, verlor Zeit, Geld und noch weit mehr bei der Agatha und diese benutzte die Gelegenheit vortrefflich, ihn in jeder Beziehung auszusaugen. Itanias Gewand und Schmuck taugte nicht zu ihren bescheideneren Kleidern, schöne Worte und Liebkosungen bewogen den Ritter, sie als Burgfräulein vollständig und standesgemäß zu equipiren, sein Geld flog weg wie Spreu, zum Arbeiten bekam er keine Zeit mehr und verlegte sich in der Raserei seiner durch die beständig gereitzte Sinnlichkeit aufgestachelten Leidenschaft auf—kühne Griffe, wobei ihn das Glück außerordentlich begünstigte, so daß es wieder Spätjahr wurde, ohne daß er Unannehmlichkeiten bekam.
Uebrigens mußte Vater Jacob nicht nur erleben, daß die 50 Gulden, die er von Liebhardt geliehen, nicht mehr zurückkamen, sondern auch, daß sein ritterlicher Sohn häufig in der Nacht ins Dörflein kam und am Morgen mit einem Theile des mütterlichen Vermögens von dannen zog, dabei den Säbelgriff selten aus der Hand ließ.
Nach der großen Revüe machte Ritter Benedict eine Luftfahrt mit Fräulein Agatha, verschwendete in 3 Tagen 20 Kronenthaler theils auf Rechnung seines Vermögens, theils auf Regimentsunkosten.
Ein sogenannter Zufall ließ ihn während der Luftfahrt entdecken, die Tieffühlende und Hochpoetische habe schon vor Jahren als zartsinnige Jungfrau der badischen Regierung ganz unberufen zwei kleine Unterthanen geschenkt und sei unter dem Namen "Kasernenhäschen" bekannt gewesen. Solche unromantische Enttäuschung bewirkte, daß in grimmem Zorne der Ritter der bisher Angebeteten den Fehdehandschuh ins Gesicht schleuderte, ohne die Hand vorher aus dem Handschuhe herauszuziehen und dieselbe auf dem Wege verließ.
Sein Urlaub lautete auf 8 Tage und weil nach 3 Tagen sein Geldbeutel leer geworden, hätte er in die Garnison zurückkehren sollen.
Er that es nicht aus drei triftigen Gründen, nämlich erstens aus Liebesschmerz, zweitens aus Furcht vor einem Wauwau beim Regimente, der ihm gar bange Ahnungen machte und drittens aus Furcht vor der Zukunft, weil eine Hauptquelle seines Einkommens, sein mütterliches Vermögen, vom hartnäckigen Vater Jacob verstopft worden war.
Nachts kommt er in das Rheindörflein, wo Rosa wohnt und wo er als Knecht des Saumathis so glücklich gelebt hat; er will in den Adler, da begegnet ihm sein alter Freund und Gutthäter, der Straßenbasche, packt ihn am Arm und zwingt ihn, mit ihm zu gehen. "Was hat's Rosele verbrochen, daß Du sie so verächtlich von Dir stießest?—Warum kannst Du so gegen uns sein, was haben wir Dir zu Leide gethan?—Bist Du denn nicht mehr unser Freund? Mein, wenn Du wüßtest, was alle Leute sagen!"—fragt und klagt der alte Unteroffizier, doch hartnäckig bleibt der Duckmäuser dabei, Rosa sei an allem Unheil Schuld, was ihm beim Regimente zustieß und wodurch jetzt sein Glück für immer zerstört sei!
Mutter Clara weiß gar nicht, was sie für ein Gesicht machen, geschweige was sie reden soll, das Rosele sitzt neben ihr auf der Ofenbank, bringt vor Schluchzen und Weinen keine Silbe hervor, endlich geht er zur Thüre hinaus, läßt jedoch seine Kappe auf der Bank liegen. Rosa steht jetzt auf, geht ihm nach und hält ihn fest:
"Wo willst jetzt hin?" fragt sie seufzend und schluchzend.
"Fort, so weit als die Welt offen steht, um Dir aus den Augen zu kommen!" schnauzt er und will sich trotzig losreißen; sie hält ihn aus Leibeskräften fest und weil er alle Fragen unbeantwortet läßt, will sie nur das Einzige wissen, was er denn Schlechtes von ihr gehört habe, er möge es ihr unverhehlt ins Gesicht sagen.
Er bleibt stumm, sie erinnert an das Leben im Heimathsdörflein, an Jugendzeit und Schuljahre, an die Zeit seines ersten Jahres bei den Soldaten, an die Kirchweihe und will Alles thun, um ihn von Neuem zu bessern, will ihm all ihr Geld freudig geben und zwar eine Summe, welche ihn mehr als gerettet hätte, doch er brummt: "Hab Deine paar Groschen nicht nöthig, behalte Du sie nur, Du wirst sie einmal nöthiger brauchen können!" reißt sich von seinem weinenden Schutzengel los und verschwindet in der finstern Nacht.
Weil sein Urlaubspaß noch gültig war, hinderten die Zollwächter seine Fahrt über den Rhein nicht, zumal im nächsten französischen Dorfe gerade die Kirchweihe gefeiert wurde, wobei badische Gäste selten fehlen.
Wir finden den Deserteur am andern Abend todesmüde vom Umherirren im "grünen Baum" zu "Wanzenau," einem etwa zwei Stunden von Straßburg entfernten Dorfe.
Der Wirth, ein braver, als Elsässerfranzmann gegen "Deutschländer" pflichtgemäß ein bischen eingenommener Mann, hat nicht nur den Deserteur gern ins Haus aufgenommen, sondern sich von dem Schlaukopfe auch einen stattlichen Bären auf die Nase binden lassen.
Der Hobist behauptete, auf den Rath seiner Angehörigen desertirt zu sein, um dadurch 50 Rohrhieben und dem sichern Tode zu entgehen, was ihm Alles wegen eines zerbrochenen Säbels drohe. Er habe nämlich bei einer Kirchweihe in einem badischen Dorfe aufgespielt, sein Säbel hatte an der Wand gehangen, die Tänzer hätten vorigen Dienstag eine schwere Schlägerei angefangen, sich seines Säbels bemächtiget, Verwundungen damit angerichtet und zur guten Letzt die Waffe gar zerbrochen. Am Mittwoch hätten die verhafteten Bursche von keinem Säbel Etwas wissen wollen, der Wirth habe geradezu geläugnet, vom Benedict einen solchen zum Aufheben bekommen zu haben, somit bleibe die "ganze Schmier" an ihm hängen und seine einzige Rettung, in Frankreichs großmüthigen Armen Schutz zu suchen! ...
Den Wirth zum grünen Baum, zugleich Maire des wohlhabenden Ortes hat das Klarinettblasen des Duckmäusers dermaßen entzückt, daß dieser sein und gar rasch der Liebling der ganzen Dorfjugend geworden ist. Am Tage arbeitet er auf dem Felde, es kommt ihm sauer genug an, nachdem er so lange nur auf Kasernenbrettern herumrutschte, doch vergibt er dem deutschen Fleiß nichts gegenüber der französischen Landeskraft, Abends macht er in einem großen Saale, worin unter Tags die hübschen Elsässerinnen mit ihren hellen Aeuglein Welschkorn abschleizen, Musik und verdient schweres Geld.
Alles geht vortrefflich, er läßt sich gerne neckend "Schwob" oder "Gelbfüßler" nennen und denkt nicht ans Heimgehen, sondern an eine große Hochzeit, welche einer der reichsten Bursche des Departements (die Stadtherren freilich ausgenommen) hier feiert. Diese Hochzeit lockt sehr zahlreiche Gäste herbei, währt drei Tage, der klarinettblasende Ritter hätte sich in Wein und Bier ersäufen können, wenn er gewollt hätte, doch er will dies nicht und aus guten Gründen. Der "große Maier," ein Schuster des Dorfes, der kürzlich von seinem Cuirassierobersten beurlaubt wurde, will dem armen Deserteur zeigen, daß er sich jetzt unter Franzosen befinde und veranstaltet eine Collecte, welche so bedeutend ausfällt, daß der Benedict ganz leicht ins Badische hätte zurückgehen und als ehrlicher Mann auftreten können, wenn er nur gescheidt gewesen wäre.
Doch sein Hochmuth läßt's ihm nicht zu; bereits vor der Hochzeit haben ihn der große Maier, der Allis, der Stegenklemens, der Rappenschorsch und Andere liebgewonnen und wenn das Schwitzen auf den Aeckern nicht wäre, würde er wohl beim Wirth zum grünen Baum sein Lebenlang bleiben können!
Während der Hochzeit wimmelt es im Wirthshause vom Dache bis zum Keller von Gästen, das ganze Rathhaus ebenso, die 5 Musikanten kommen gar nicht mehr zum Athmen, der lederne Instrumentenbeutel voll Franken und Fünffrankenthalern bleibt ihr einziger Trost, der Benedict aber macht der deutschen Musik unglaubliche Ehre.
Man muß französische Musik mit deutscher verglichen haben, um dies leicht zu begreifen, denn Musikanten und Sänger sind die Franzosen nicht, lieben jedoch Musik und Gesang enthusiastisch und—Elsässer wollen in Allem Franzosen sein.
Ein Friedensrichter wurde durch die "dütschen Walser" des Deserteurs dermaßen begeistert, daß er sofort mit dem Wirthe ausmacht, er soll den "Schwob" nach der Hochzeit zu ihm senden, er werde dann denselben nach Metz bringen und mit Hülfe seines Bruders, des Majors zu einem Hauptmusikanten des 35. Regimentes machen.
Doch Alles sollte anders kommen, der Duckmäuser in keine französische Uniform, sondern in einen germanischen Zuchthauskittel schlüpfen!
Am 4. Tage machten die Buben und Mädlen die üblichen Hochzeitspossen und Umzüge, die Musikanten mußten überall voranschreiten, die Lustigkeit währte tief in die Nacht und der dienstfertige Benedict suchte dieselbe auch auf andere Weise denn durch seine Klarinette zu erhöhen.
Er hatte in der Heimath einmal zugesehen, wie der Max in einer Scheune seiner rothen Schwitt eine katholische Messe las und unternahm jetzt dasselbe vor einem großen Haufen junger Leute. Still und lautlos sahen ihm Alle zu bis zur Communion, wo er bei Nachäffung des kelchtrinkenden Priesters beinahe erstickte. Jetzt erhob sich ein fürchterliches Toben, Lärmen und hundert Stimmen riefen: "Meinst, wir seien lutherisch, Du Schwob!—Schlagt den Schwob tod!"[tod!]—Nieder mit dem Ketzer!"
Der lange Maier streckt den Dorfhanswurst mit einer einzigen Ohrfeige der Länge nach auf den Boden, die Zunächststehenden fallen über ihn her, sie hindern sich gegenseitig durch ihre Anzahl im Zuschlagen und er würde sicher nicht lebendig davon gekommen sein, wenn nicht der alte Geistliche sammt dem hochgeachteten Notar des Ortes zu seiner Hülfe herbeigeeilt wären. Sie nahmen sich seiner barmherzig und kräftig an, die Fäuste ließen ihn los, die Bursche und Männer tobten und lärmten nur noch bunt durcheinander.
Zu dem bleichen, zitternden Deserteur sagt der Adjunkt von Killstett. "Wir wissen wohl, daß bei Euch drüben die Geistlichen nur Vormittags eine Stunde geistlich, die übrige Zeit des Tages aber weltlich sind und daß ihr Gelbfüßler alle lutherisch seid, doch bei uns kommt ihr mit solchen Späßen nicht an!"
Alle Freundlichkeit und Liebe gegen den Duckmäuser hat ein Ende, das Brautpaar läßt den Hochzeitgästen und Musikanten sagen, sie möchten den "gottlosen Schwob" ja nicht mehr ins Hochzeitshaus bringen, Gott könnte ihnen keinen Segen schenken, wenn sie einen solchen Menschen wissentlich unterhielten. Der große Maier macht bereits wieder Augen wie Pflugräder, die Gesichter Anderer verkündigen einen neuen Sturm, der ehrwürdige Pfarrer muß die Aergsten abermals beschwichtigen, Benedict sucht ängstlich Gelegenheit zum Fortkommen, findet solche und kommt mit einigen Tritten und Stößen glücklich ins Freie.
Doch eilt er nicht sofort aus Wanzenau weg; der volle Instrumentenbeutel hält ihn fest, er getraut sich nicht zurückzukehren und seinen Antheil zu fordern, weil er im Dunkeln oder beim Wiedererscheinen gar zu leicht den verdienten Lohn für sein Messelesen ernten könnte; die Theilung des Geldes unter den Musikanten sollte erst am Ende der Hochzeit vorgenommen werden, somit befindet er sich in einer recht mißlichen Lage und klettert zunächst auf einen Baum, wo er sicher vor Entdeckung und im Stande ist, seine Gedanken zu sammeln. Er wartet bis die meisten Leute wieder zum Rathhause zurückgekehrt sind, klettert alsdann vom Baume herab, paßt eine gute Gelegenheit ab, schleicht trotz einiger nachläßig gewordener und theilweise betrunkener Aufpasser ins Haus zurück, erobert in der Geschwindigkeit nicht blos seinen Lohn, sondern den ganzen schwergefüllten Instrumentenbeutel und macht sich dann eiligst aus dem Staube.
Jedoch noch nicht über die letzten Gärten und Häuser des Dorfes hinausgekommen, vernimmt er bereits Allarm, hört auf allen Seiten schreien und hinter sich einige Verfolger, darunter den großen Cuirassier, der ungeheure Sätze macht und seinen Sarras unter schrecklichen französischen und elsässischen Flüchen schwingt.
Hat ein Romanenheld jemals den Silberschein des Mondes in die unterste Hölle verflucht, so ist dieser der Benedict gewesen, während der nächtlichen Galoppfahrt aus Wanzenau. Gleich einem Riesen der fabelhaften Vorzeit schreitet der große Maier mit blitzendem Pallasch brüllend durch die Mondnacht, hinter ihm quicken die gewöhnlichen, diesmal außergewöhnlich erbosten Menschenkinder, jede Sekunde erhöht die Todesangst des galloppirenden Benedict, denn jede Secunde bringt die Feinde näher und vermehrt deren Zahl, schon hört er die schweren Athemzüge des keuchenden Riesen, schon schwingt dieser die furchtbare Waffe und gebietet dem "Spitzbuben" Halt auf Leben und Tod—im entscheidenden Augenblicke läßt Benedict den schweren Instrumentenbeutel klirrend fallen, der Riese bleibt stehen, der Verfolgte jedoch stürzt sich verzweifelnd in die Brisch, welche breit und tief genug ist, um mit Dampfschiffen befahren zu werden, die Todesangst verzehnfacht seine Kraft und glücklich erreicht er das jenseitige Ufer.
Drüben stehen die Verfolger, der große Maier ist im Besitze des Instrumentenbeutels, man findet es nicht mehr der Mühe werth, den Deserteur anders denn durch Schimpfnamen und Verwünschungen zu verfolgen, von denen dieser bald nichts mehr hört, weil er triefend doch wohlgemuther auf's Gerathewohl vom Flusse ins Land einwärts läuft.
Mit Tagesanbruch kommt er in ein Dörflein, sein Geldbeutel ist auch ohne den Instrumentenbeutel ordentlich gespickt, im Wirthshause legt er sich sofort ins Bett, schläft volle 36 Stunden; seine Kleider sind indessen getrocknet, Nöthiges schafft er an, wandert nach Straßburg "der wunderschönen Stadt," meldet sich auf der Mairie nach Algier, wird von da auf die Praefektur, von hier zum Rekrutirungskapitain, von diesem mit einem Schreiben zu einem Komissaire beim Metzgerthor geschickt. Das Schreiben muß ein Uriasbrief gewesen sein, denn der Komissaire ließ den verwunderten Duckmäuser in den Neuthurm führen und hier volle 23 Tage Betrachtungen über die Artigkeit und Zuneigung französischer Behörden gegen deutsche Deserteurs anstellen.
Nach dieser Frist ward unserm Helden eröffnet, bis auf weitere Ordre werde Niemand nach Algier angeworben, somit müßte er die Reise nach Afrika aufgeben; verstehe er jedoch ein Handwerk, so erhalte er einen für ganz Frankreich gültigen Paß, widrigenfalls nur einen Paß in die Schweiz oder über die Kehlerbrücke.
Weil er kein Gewerbe erlernt hatte, begnügte er sich seufzend mit einem Passe nach der Schweiz, wurde freigelassen, ging in den rothen Löwen und setzte sich etwas tiefsinnig hinter ein "Kännle" Bier.
Hier zieht er seinen Paß hervor, studirt vergeblich an dem französischen Geschreibsel herum, möchte es ums Leben gern verdeutschen, flucht im besten Deutsch leise vor sich hin, bis ein Herr, der in der Nähe sitzt und sich nicht schämt, ein deutsches Wort zu sprechen, welche Schaam bei manchem Philister der guten alten Reichsstadt Straßburg gefunden wird, ihm endlich aus der Noth hilft. Dieser Herr setzt einen Nasenklemmer auf die nach altdeutscher Sitte riechende Kupfernase, steckt dieselbe tief und gründlich in den Paß und eröffnet dem erschreckenden Hobisten, daß er mit diesem Passe nicht weiter als bis Basel komme, von dort aber nach Deutschland ausgeliefert werde, weil in dem Passe bemerkt wäre, er sei ein Deserteur.
Solch' ächtwälsche Hinterlist empört den aufrichtigen Duckmäuser ganz gewaltig; er beschließt im Zorn, sich den Weg nach Basel zu ersparen und gleich über die Kehlerbrücke zu spazieren, wo ein Häuflein alter Waffengefährten stets zu finden, doch der Herr bemerkt, es sei noch nicht aller Tage Abend und etwa um 20 Fränkchen ließe sich wohl auch noch ein anderer Paß auftreiben.
Der Duckmäuser geht den Handel ein, zahlt die 20 Franken in der Freude seines Herzens, macht aus dem alten Uriasbrief Fidibus und dämpft ein halbes Dutzend kölnische Pfeifen, während er die Rückkehr des Herrn mit dem neuen Passe erwartet. Erst als Abends die Lichter im rothen Löwen angezündet werden, geht unserm Helden auch ein Licht auf, doch ein ziemlich düsteres; er stolpert durch die Stadt und Wälle bis zum Denkmal des wackern Generals Defaix und weiß nicht, ob er sich in den "freien, deutschen Rhein" stürzen und dadurch allen Verfolgungen und Gefahren des Erdenpilgerlebens entgehen oder über die Brücke wandern und gute Miene zum bösen Spiel machen soll.
Nachdenklich setzt er sich auf einen Stein, schaut nach dem fernen Schwarzwalde hinüber und träumt melancholisch von Itanien, bis ihn ein kleiner Mann anredet und seinem Geschicke eine neue Wendung gibt; leider schlägt dieselbe abermals zum Unheile und diesmal zum größten alles erdenkbaren Unheiles aus.—
Bis hieher mag unsere Erzahlung gehen, den weitern Verlauf mag der Held derselben selbst erzählen, weil wir jetzt doch wissen können, wen wir vor uns haben und in das Zuchthaus zurückkehren müssen.
* * * * *
Die Nacht hat ihren sternbesäeten Schleier über die wunderliebliche Landschaft ausgebreitet, durch welche das Auge manches kranken Gefangenen, der sich an einem der Fenster des Krankensaales der warmen Sonnenstrahlen freute, sehnsüchtig und träumerisch hinschweifte.
Im Krankensaale, worin heute der Duckmäuser einzelne Abschnitte seiner Geschichte mit vielen Verbesserungen und Verzierungen einigen Mitgefangenen zum Besten gegeben, brennt nunmehr eine Laterne und vertheilt Licht und Schatten ohne alle Rücksicht auf Kranke und Hausordnungen ziemlich unzweckmäßig.
Von der Außenwelt vernimmt das Ohr nur noch den regelmäßigen Schritt der Hofwachen, zuweilen ein fern vorüberfliehendes Rollen der Kutschen oder die muntern Lieder der Fidelen, welche in der nächsten Brauerei des Lebens Unverstand mit und ohne Wehmuth genießen und wacker Bier dazu kneipen.
Im Krankensaale dagegen hat die Nacht manche Unterbrechung der tiefen Stille zu verdoppeln. Das Murmelthier schnarcht seinen kellertiefen Grundbaß, der Seeräuber versucht von Zeit zu Zeit mit einem ohrenzerreißenden Tenor einzufallen, der Exfourier flucht zuweilen leise zuweilen laut über die Störenfriede, welche ihn nicht einmal an seine Braune denken, geschweige einschlafen lassen, der Wirthssohn beneidet die tiefen, schweren Athemzüge einiger genesenden Nachbarn und wälzt sich ruhelos im Bette hin und her, die Auszehrenden hüsteln und ächzen, ein Fieberkranker phantasirt von einem Amtmanne mit krummer Nase und scharfen Klauen, der Patrik vom Hotzenwald droht von Zeit zu Zeit am Husten zu ersticken, der glückselige Donatle lacht im Traume laut auf, der brave unermüdliche Krankenwärter spazirt auf Socken aus und ein, denn in der nächsten Stube liegt Einer, dessen Laufpaß in die ewige Heimath beinahe unterschrieben ist und zum Ganzen gibt der Pendel der Schwarzwälderuhr den schwerfälligen, melancholischen Takt.
Der Duckmäuser schläft auch noch nicht, denn er muß dem Zuckerhannes, welchem er Hoffnung auf Genesung und Befreiung eingeredet hat, seine Geschichte vollends erzählen.
Dieser glaubt nicht, den Todeskeim aufgeblüht in der leidenden Brust zu tragen, sondern an Genesung und Befreiung und für letztere mindestens scheint dem Unerfahrenen kein Strohhalm, sondern eine Schiffsladung von Hoffnung vorhanden zu sein.
Ist nicht am ersten Montage des laufenden Monats als am üblichen Besuchtage die Emmerenz vom Hegäu herabgekommen und wie ein rettender Engel vor dem Drathgitterfenster des Flechtwaarenmagazins gestanden und hat dem ehemaligen Schatz Trost und Muth eingeredet? Erzählte sie nicht voll Freuden, der Fesenbauer sei ins Dörflein und zu ihr gekommen und habe merken lassen, er bereue die Sünden, welche er gegen die Brigitte begangen und das Unglück, welches er über den Hannesle gebracht? Hat besagter Fesenbauer nicht geschworen, er gäbe gerne seinen kleinen Finger, wenn er damit dem Hannesle aus dem Zuchthause verhelfen könnte? Hat ein reicher Bauer kein Gewicht beim Amt, bei der Regierung, den Landständen und beim Großherzog und wird das einmal rege Gewissen des Michel wieder verstummen? Wird dieser nicht Alles thun, um eine neue Untersuchung einzuleiten und wird für seinen Sohn dieselbe nicht gewaltige Verminderung der Strafzeit, baldige Begnadigung oder gar sofortige Freilassung zur Folge haben?
Also sprach die Emmerenz am Besuchtage, ebenso heute morgen wieder der Duckmäuser, welcher aufrichtig an die Möglichkeit der Befreiung, zweifelhaft jedoch an das Wiederaufkommen seines Freundes glaubt und wie sehr haben die hoffnungsreichen Reden der Beiden das kranke Herz des kranken Zuckerhannes erquickt!
Hoffnung und Freude sind für Kranke oft die wirksamsten Arzneien, der Zuckerhannes hat's erfahren; er kann vor Aufregung nicht schlafen und hört dem Duckmäuser zu, welcher ihm den Rest seiner Geschichte in die Ohren flüstert, nämlich seiner auswendigen Geschichte, welche mit dem Eintritte ins Zuchthaus schließt, während die inwendige noch nicht in den rechten Gang gekommen ist und erst in der Zelle zu Bruchsal dazu kommen wird.
Jetzt erzählt er vom rothen Löwen zu Straßburg, vom Steine beim Denkmal des Generals Defaix, wir spitzen die Ohren und hören weiter Folgendes erzählen:
"Wie ich so verlassen ohne Paß dahocke und recht betrübt an die Itania denke, von der mich sichtbare und unsichtbare Berge trennen, kommt ein klein, klein Männle auf mich zu und fragt gar sanft, was ich denn da mache?["]—"Ho Nichts!"—"Nichts? wenn der Mensch nichts macht so sündigt er!"—"Ja und wenn er Etwas macht, so kommt er in des Teufels Küche, wie ist da zu helfen?"—"Was haben Sie für eine Religion?"—"Ho, ich bin katholisch!"—"Katholisch? ... armer Mensch!"—"Ja, ein armer Teufel bin ich, doch nicht weil ich katholisch, sondern hier fremd bin!"—"Hier fremd und dort fremd, armer, armer Bruder!"—
Kurz, das Männlein fängt ein Gespräch mit mir an, ich merke, daß es sehr fromm ist, thue auch fromm, erfahre, er sei kein Straßburger, sondern habe blos einen kleinen Spazirgang gemacht, weil er vor lauter Liebe zum Lamme oft nicht mehr recht schnaufen könne, wohne mehrere Stunden oberhalb Straßburg, heiße Meister März und sei ein vom Herrn mit zeitlichen Gütern reichgesegneter Mann, der in diesen Zeiten babylonischer Verwirrung seinen Brüdern, welche die "Diener am Worte" und den Herrn Jesum Christum hoch hielten, gerne unter die Arme greife, aus zeitlichem Elend und dem ewigen Höllenpfuhl errette.
Natürlich stellte ich mich immer frömmer, Meister März entdeckte mir bald, er sei am 5. October 1831 Abends zwischen 5 und 6 Uhr in dem an zeitlichen Gütern und gottseligen Seelen so reichen Basel bei Mariot in den Stand der Gnade gekommen. So Etwas sollte mir passiren, ich könnte den Gnadenstand brauchen! meinte ich und wer mich beredete, nach Straßburg zurückzugehen, um zu übernachten und morgen mit ihm heimzufahren, der war mein Meister März.
Derselbe logirte bei einer gottseligen Wittwe in der Nähe des Kleberplatzes; ich übernachtete in einem Wirthshause... ich glaube, es hieß zum goldenen Apfel! ... und am andern Morgen holte mich Meister März ab und freute sich sehr, weil ich just in einer großen Bibel las, die der kleine Wicht mir schon am Abend nebst vielen abscheulich langweiligen Traktätlein verehrt hatte.
Er führte ein Wägelchen bei sich und ich sah auf den ersten Blick, daß er ein gutes Männlein sei gegen Gleichgesinnte und das Gute oder Schlimme an sich trug, alle Leute gleichgesinnt machen zu wollen. Die gottselige Wittwe hat ihm viele Bibeln und ganze Päcke erbaulicher Flugschriften mitgegeben, auf der Landstraße verschenkte er seine Bibeln an Handwerksbursche, Marktweiber, Bauern und Bettler und als ich beim Ausstreuen und Vertheilen der Traktätlein half, lächelte er gar lieblich... Stelle dir ein hellbraunes Männlein vor, mit zarten Löcklein vor jedem Ohre, das Köpfchen etwas zur Seite geneigt, die Augen den ganzen Tag voll Wasser und Freundlichkeit, mit bleichen Wangen, einer löschhornartigen Nase, fromm verzogenen und selig lächelndem Munde, im ganzen Gesichte kein Härlein außer etwa 10 bis 12, welche einen Backenbart vorstellen sollten, ganz einfache doch hübsche Kleider und du hast den Meister März, dessen feine zarte Händlein eher einem Schulmeisterlein, denn einem Schreiner anzugehören scheinen.
Er redete lauter gottselige Dinge von Zion, Babel, den Freuden des Lämmleins, von der Sündhaftigkeit des Menschengeschlechtes, vom Gnadenstand der Anhänger des "lieben, einfältigen Evangeliums," vom "treuen Gottesmanne" Martinus Luther, vom Antichrist und von der babylonischen Hure und ehe ich mit ihm heimkam, wußte ich schon, die Offenbarung Johannis werde von uns fleischlichgesinnten Papisten seit 18 Jahrhunderten nicht verstanden, doch er, der Meister März und andere gottselige Leute, bei denen der heilige Geist täglich sein Absteigequatier nehme, wüßten, daß das tausendjährige Reich und die Zerstörung des römischen Babel in ganz naher Aussicht ständen und daß der Teufel jeden am Schopfe nehmen werde, welcher es zuließ, daß die katholische Abgötterei "die Geister gedämpft" habe.
Er beredete mich unterwegs einen falschen Namen anzunehmen und mich für einen von den "römischen Geistlichen schwer verfolgten Freund der Diener am Worte" auszugeben, welcher wegen Verbreitung von Schriften der Anhänger des lieben einfältigen Evangeliums um sein Brod gekommen sei. Zunächst versprach er dagegen, mich in seinem Hause aufzunehmen, das Schreinergewerbe, zu welchem ich stets Freude hatte, lernen zu lassen und mit allem auszurüsten, was zu einem behäbigen und wohlanständigen Leben in Gottseligkeit gehört, wenn ich etwa als einen "Praedestinirten" mich erwiese!
Kannst Dir leicht denken, daß mich Meister März arg langweilte, doch habe ich mich stets nach den Leuten gerichtet, diesmal befand ich mich in der höchsten Noth, er versprach mir Alles, was ich brauche und der Wein sammt dem Likör, welchen er neben seinen Bibeln in der Truhe des Wagensitzes hatte und gegen Abend so wacker genoß, daß ich an den Compagnieschneider Feucht dachte, setzten mich so ins Feuer, daß ich schon auf dem Wege ein geistliches Lied von ihm erlernte, welches er abwechselnd unter Weinen und Lachen sang und dessen Melodie ich auf der Klarinette nachspielte. Meine Geschicklichkeit entzückte ihn dermaßen, daß er laut weinte, mir die Zügel um den Arm band, auf die Knie sank und mit gefalteten Händen die ersten Strophen seines Lieblingsliedes sang.
Es war gut, daß es Nacht war und uns Niemand begegnete, ich blies so rührend als möglich und er sang unter Thränen:
Was ist ein Kreuz-Luft-Hühnelein? Laßt's auch nur Kreuz-Luft-Putchen sein: Ein Thierlein, das die Henne reucht, Mit welcher sich das Lamm vergleicht Dort bei Jerusalem! ...
... Auf dem Wege sprach Meister März in keinem Wirthshause ein, doch beinahe in jedem Dorfe saß eine gottselige "Schwester", welche mit ihm in die Nebenkammer ging, um dem Lamme für die glückliche Ankunft des Bruders zu danken und uns dann besser bewirthete, als es der Grünbaumwirth in Wanzenau bei allem Reichthum hätte thun können.
Spät in der Nacht kamen wir im Wohnorte und Hause des Meisters März an; eine Schaar andächtiger Frauen und gottseliger Männer sammt zwei jungen, äußerst bleich und fromm aussehenden "Dienern am Worte" waren in einem Hintergebäude des Hauses noch in Gebet und Betrachtungen versunken, Meister März stellte mich denselben vor und ich sah, wie große Augen alle machten und zusammenschauderten, als sie hörten, ich sei ein "Papist aus Dütschland."
Einige liebliche Mädlen und gottselige Wittwen versprachen, für mich, den in den Banden des Irrthums, der Ungnade und des Satans gefangenen Mitbruder inbrünstig zu bitten und ihre Liebe rührte mich dermaßen, daß ich helle Thränen vergoß!
Du weißt, Zuckerhannes, daß ich wohl der geschickteste Schreiner des Zuchthauses bin, ich habe als Gefangener dieses schöne Gewerbe in einer Reihe von Jahren vom Fundamente aus gelernt, doch den ersten Grund dazu legte ich bei Meister März.
Meister März arbeitete nicht selbst; er führte mit einem Gehülfen und Obergesellen das Geschäft und betete, machte Besuche und Reisen, hielt in der großen Werkstätte Versammlungen, gab mir Essen, Trinken, Kleider, ließ mich nicht als Lehrjungen, sondern als Bruder behandeln, betete stündlich um meinen Gnadenstand und suchte mich auf jede Weise zu überreden, der "römischen Abgötterei" zu entsagen.
Er hielt viel auf meinen gescheidten Kopf und meine frommen Gesinnungen und ich darf wohl behaupten, daß ich jetzt einer der reichsten Schreiner des Elsasses und leicht der Schwager meines Meisters wäre, wenn ich es nur über mich gebracht hätte, meinen Glauben abzuschwören!
Nach und nach erzählte ich ihm viele Streiche und Verirrungen meines Lebens, aber er ließ deßhalb nicht nach mit Zudringlichkeit und meinte, der Mensch sei unfähig ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, die Werke des Menschen seien ohne Bedeutung und der Glaube allein mache selig, ich aber müsse noch zum Glauben und Gnadenstand gelangen, das habe ihm eine wunderbare Erscheinung schon in Straßburg angekündiget und er sei das Werkzeug, welches mich aus einem heidnischen Gefäße des Zornes zu einem christlichen Gefäße der Gnade mache.
Mein Meister hatte schon manche Seele für "das Wort" gewonnen, bei mir machte er sammt seiner arg verliebten Schwester große Versprechungen, kam doch nicht rasch genug zum Ziele und merkte, daß es mir nur darum zu thun sei, geschwind ein Schreiner zu werden und dann in die sündige Welt hinauszuwandern, in Paris statt in Zion Arbeit zu suchen! ... An der katholischen Religion liegt mir in der That wenig; man vergißt dergleichen Dinge in der Kaserne, wo Evangelische und Juden darüber spotten und im Zuchthause ist es ebenso, aber ich brachte es nicht über mich, meinen alten Glauben abzuschwören, wiewohl ich mit den Lutherischen in ihre Conventikel und Predigten ging, aus Klugheit und zur Unterhaltung die Schriften von Jung-Stilling und Anderen las, auch das alte Testament fast auswendig lernte und Mariotts wässerige Traktätlein fleißig vertheilte.
Daheim im Dörflein hat meine Mutter von den Lutheranern mir früh viel Arges erzählt; ich verabscheute dieselben beinahe, wie ich die Juden fürchtete, hielt sie für böse Geister, aus welchen einmal der Antichrist erzeugt werde und konnte mich von dem Aberglauben nicht losreißen, ein abgefallener Katholik sei ewig ein Kind der Hölle und des Teufels. Vieles, was ich im Hause meines Meisters sah und hörte, bestärkte mich im Aberglauben der Mutter; Hochmuth und Wollust spielen bei den Muckern eine wüste und unerträgliche Rolle und so oft ich auch versprach, meinen katholischen Glauben fahren zu lassen, wenn man mir noch ein wenig Frist lasse, ebenso oft trat ich zurück, wenn die Frist vorüber war.
Eines Abends, wo der Meister mich schon recht kühl und bissig behandelte, so daß ich gerne fortgelaufen wäre, wenn ich nur einen Paß und Geld gehabt hätte, spottete ich über die Frömmigkeit einer Betschwester, die ich bei einem Andern als ihrem Manne ertappte.
Am andern Morgen kommt der Mann der Betschwester, verflucht meine böse Zunge und babylonische Herzensverwirrung, der Meister März seufzt, verdreht die Augen und lispelt: ["]Benedict, du bist und bleibst ein abgöttischer Papist, entweder nimmst du noch heute meinen Glauben an oder gehst aus dem Hause, denn mein Gewissen duldet es nicht, mich mit einem Unmenschen deiner Art abzugeben, der eine fromme Schwester verläumdet!" Ich antworte patzig, das fromme Männlein wird ganz wüthend, verdammt mich in die unterste Hölle, ich gehe den Bündel zu schnüren und wenn Meister Märzens Schwester mir nicht gesagt hätte, mich augenblicklich aus dem Staube zu machen und ihrer angenehmen Nächstenliebe eingedenk zu bleiben, so würde mich der Gensdarm erwischt haben, denn dieser war keine zehn Schritte mehr vom Hause, als ich zur Hinterthüre hinausschlich.
Ohne Paß und Kleider, besaß ich nichts außer einem Fünflivre, den Mamsell März mir in der Eile zugesteckt hatte, lief gleich einem Feuerreiter Tag und Nacht und kam halbtod [halbtodt] wieder nach beinahe vierteljähriger Abwesenheit in Straßburg an.
Hier blieb ich über Nacht, spazirte bei Kehl über die Brücke und schlug den Weg nach meinem Heimathdörflein ein, um den Rest meines mütterlichen Vermögens oder doch einige Napoleons zu holen und mich damit in die Schweiz zu machen. Glaubst du es, mein lieber Zuckerhannes?
... Schläfst du? ... Nun, s'ist gleich aus; ich reiste zu meinem Vater auf ähnliche Weise, wie du, hungerte am Tage, lief bei Nacht und fand auch eine kühle, böse Aufnahme! Du weißt es! Alles im Dörflein ist todtenstill, wie ich hinkomme, nur einige Hofhunde bellten in die Nacht hinaus, zu Hause lag Alles wie der Vater im Schlafe; ich klopfe, er steht auf, schaut zum Fenster heraus, erkennt mich, rennt fort, um die Flinte zu holen und droht, mich elenden Spitzbuben über den Haufen zu schießen, wenn ich nicht augenblicklich fortgehe.
Die Verzweiflung macht mich rasend, der Teufel zeigt mir einen Bengel, der mitten im Hofe lag, ich packe denselben und schlage so wüthend auf die Thüre los, daß alle Geschwister und die Nachbarn wach werden und laut rufen.
Plötzlich öffnet der Vater die Thüre, drückt die Flinte auf mich ab, die Kugel streift aber blos die Achsel ["]... schau da, Zuckerhannes, dies Wundmal ist die ewige Erinnerung an jenen fürchterlichen Augenblick! ... ich haue in blinder, besinnungsloser Wuth mit dem langen, knorrigen Bengel in den dunkeln Hausgang hinein und ehe ich den dritten Schlag thue, packen mich des Liebhardts Knecht und der Hansjörg, der mit mir so lange auf dem Katzenbänklein gesessen, von hinten, der Hannesle stürzt mit dem Lichte und einem alten Säbel aus der Thüre und ... ich schaudere, wenn ich daran denke, du magst dir alles Andere selbst denken!" ... Schaudernd kehrt sich der Duckmäuser ab, schlüpft mit dem Kopfe unter den Teppich und es bleibt ungewiß, ob er weine oder schlafe.
Der altersgraue, finstere und allzuharte, doch sonst brave Jacob lag blutend damals in der Hausflur, der Kopf war ihm auf einer Seite ganz zerschmettert, er stöhnte und röchelte nur noch wenige Augenblicke und verschied, ehe irgend eine Hülfe kommen konnte.
Sein Sohn, der ehemalige Unterlehrer, Dorfhanswurst, Anführer der Altmodischen, Schweinehirt, Hobist und Schreiner ist ein Vatermörder geworden und sitzt als solcher jetzt schon lange Jahre im Zuchthause. Er ist gelassen, gleichmüthig, folgsam, arbeitsam, doch gebessert ist er nicht, schiebt die Schuld seines Unglückes nur auf Andere und wenn er auch zugibt, der Teufel habe ihn schlecht und verbrecherisch gemacht, so weiß er doch nicht, auf welche Weise er der Herrschaft des Teufels zu entrinnen vermöchte.
Der Duckmäuser liegt im Schlafsaale und flüstert zum Kameraden hinüber:
"Schau, es geht jetzt ins 10. Jahr—bis Peter und Paule wird's just zehn, daß mich die Gensdarmen geholt haben und darfst glauben, daß ich wenig Freuden erlebte und nur so mitmachte von einem Tag zum andern und war froh, wenn ich recht ermüdet im Schlafsaal lag. Der Zuckerhannes blieb der Erste und Letzte, mit Dem ich mich näher einließ und ihm meine wahre Geschichte erzählte. Er ist ein guter, armer Kerl, hat's auch im Zuchthaus besser gefunden als draußen und sie würden ihn schon wieder gekriegt haben, davor bin ich nicht bange! ... Ist Einer einmal da gewesen, so geht's das zweite Mal viel leichter bei den Rechtsverdrehern und bei denen, die sie schon in den Klauen gehabt haben! ... 'S ist gut, daß er tod ist!"
"Ja, weiß Gott, seufzt der Donat, 'n armer Teufel hockt geschwinder im Zuchthaus, als man eine Hand umkehrt. Bin jetzt das erste Mal da, aber ich hab' meine Sach in Amtslöchern und Correctionshäusern schon mitgemacht und es ist mir wunderlich gegangen, könnte ein Buch davon schreiben!"
"Ei, draußen kannst du doch Einem aus dem Wege gehen, der dir nicht gefällt oder ihm Eins hinter die Ohren schlagen, aber hier? ... Seit der Teufel den Spaniolen hereingebracht hat, ist's mit meiner Ruhe aus; wenn ich den dürren Halunken mit seinen falschen Augen, die eine halbe Stunde weit im Kopf drinnen liegen, nur ansehe, ist mir das Leben verleidet und ich zittere an allen Gliedern und er regiert Alles, leitet Alles, kann's mit den Aufsehern, daß es ein Schade ist. Fünf Jahre war ich nie im Arrest, jetzt komme ich alle Augenblicke hinein und Alles ob dem Spitzbuben!
"Der Spaniol ist ein Teufelskerl und ich meine immer, ich hätte ihn auch schon gesehen in Donaueschingen oder in der Neustadt ... nein es war in Lengkirch, wo er 3 oder 4 verschlossene Wagen mit fremden Thieren commandirte und auf die Freiburgermesse zog... Er mahnt mich an Einen, dem ich auch gerne mit der Holzaxt winkte!"
"Verdammt, ich kann heut nicht schlafen, 's geht mir jedesmal so, wenn ich Beize kochen muß, das Geschäft ist zu leicht für mich! brummte der Duckmäuser;—weißt Du was, Donat, erzähle mir deine Geschichte, ich erfahre dann wieder, wie's draußen bei ordentlichen Leuten zugeht und lerne Dich kennen!"
"Kann auch nicht schlafen, Du hast mir Deine Sache auch ausführlich erzählt, eine Ehre ist der andern werth! ... Wer hat heute Nacht die Wache?"
"Der alte Moritz, der sieht nichts und hört nichts und wenn er kommt, rieche ich ihn von weiten."
"Riechen? ich habe noch nichts gerochen! meinte der Donat."
"Hoho, warte nur, bis Du ein, zwei, drei, fünf Jährle hockst, dann wirst Du Schnaps oder Tabak auf hundert Schritte riechen durch allen Gestank hindurch! ... Fange nur ruhig an, wir stecken die Köpfe unter den Teppich und ich halte die Ohren zu Dir, wie der Pfarrer, wenn er Beichte hörte!"
"Ja, Du mußt mir aber mehr glauben als er, er glaubt Keinem mehr, weil die Meisten ihn anlügen, und die vor Allem, die Begnadigung wollen. Der Stoffel hat mir erst gestern gesagt, er habe im Beichtstuhle mehr Gutes als Böses gebeichtet und zwar so, daß bei seinen Gutthaten jedesmal ein kleines Häkchen war, daß sie halb und halb wie eine Sünde aussehen! ... Er spielt den heiligen Crispin, der den Reichen Leder stahl, um den Armen Stiefel zu machen; es war gut, daß dieser nicht im Badischen lebte, wo sie allgemach das Almosengeben bei drei Gulden Strafe verbieten, wenn man sein eigen Sach' herschenkt!"
"Nur zu, das gibt Rekruten fürs Zuchthaus! lachte der Duckmäuser. Wenn's Bettele verboten wird, wird das Stehlen erlaubter! ... Doch, fange an, kannst schon ein bischen laut reden, das Murmelthier schnarcht wie besessen, daß man sein eigen Wort kaum hört!"
"Das Beste ist, daß man Gedanken nicht einsperren kann, ich hocke da, doch meine Gedanken streifen den ganzen Tag herum, und am liebsten nach dem Unterland oder das Höllenthal hinauf gegen Lenzkirch, denn dort ist meine Heimath, nämlich in jener Gegend, die für so rauh und wüst verschrieen wird und mir doch hundert Mal besser gefällt, als der Breisgau mit allem Wein und Obst und Kesten und der großen, schönen Stadt Freiburg dazu. Ich sehe wahrhaftig mein niederes Strohdach und die langen braunen, hölzernen Wände, den Milchbrunnen, den Misthaufen beim Hause und die Halde worauf es still und heimelig steht und hinabschaut in das Thal mit den zerstreuten Häusern. Ringsum lauter Tannenwald und dunkle Höhen, statt Trauben Tannenzapfen, statt Aprikosen und Kesten, Schlehen und Elzbeeren und statt Welschkorn und Tabak einzelne Hafer- und Kartoffelfelder, die selten gut ausgeben. Aber wie schön ist's, wenn der haushohe Schnee schmilzt, die würzige Frühlingsluft aus den Tannenwäldern herüberweht und die blitzenden Bächlein durch die Matten eilen, mit ihrem würzigen Grün, den gelben, rothen und weißen Blumen! ... Holz, Vieh, Milch und Schmalz gibt's bei uns auf dem Walde und kunstfertige Leute dazu und in so mancher Strohhütte steckt mehr Geld und Gut und vielleicht auch Bravheit, als hier wohl in manchem Herrenhause."
"Wenn Du so anfängst, dann werden wir vor Morgen nicht fertig; rede nicht lang von der Heimath, sonst muß ich an meine denken, nein, die ist schön! ... Der Mensch ist halt auch wie das Vieh, er geräth am besten, wo er daheim ist und ist ihm dort am wohlsten, wenn's in Sibirien wäre!—O Gott!"—
"Sibirien? Ja, das badische Sibirien nennt man meine Gegend und noch mehr die rechts gegen den Schluchsen und Feldberg zu. Meinethalben, ich möchte doch mein Lebenlang gern als der ärmste Holzschläger oder Kohlenbrenner dort leben! Jetzt will ich erzählen, wie Du es wünschest, aber wie wünschest Du es? Ich kann halt nicht viel besser reden, als mir das Maul gewachsen ist und man kriegt so wunderliche Gedanken!"
"Thatsachen will ich, lauter Thatsachen!" flüsterte der Duckmäuser.
"Aha, Thatsachen! weiß was das ist, wer ins Zuchthaus soll, erfährts! Herrgott, wie haben sie mich mit den verdammten "Thatsachen" gequält, die Leuteschinder und am Ende doch wegen Etwas verurtheilt, was gar keine Thatsache ist! ... will also mit Dir reden, wie es der Asessor haben wollte, lauter Thatsachen! paß auf!"
Gerade wie der Zuckerhannes hatte ich auch keinen Vater, daß heißt, der Halunke wollte nichts von mir wissen. Meine Mutter war bei Lenzkirch daheim und diente in Freiburg in der Salzgasse und später in der Egelgasse. Sie soll ein hübsches "Mensch" gewesen sein und ich glaube es, denn ihre schwarzen Augen und Haare und ihr kurzer stämmiger Leib blieb, als die rothen Backen längst verschwunden und der Mund nicht viel mehr lächelte. Die Studenten, Offiziere und andere Herren waren ihr sehr auf den Fersen, sie wußte davon zu erzählen, aber sie wollte lange gar keinen Liebhaber und am Ende doch lieber Einen, der sich offen mit ihr sehen ließ, als so einen Vornehmen, der nur ins geheim lockt und schmeichelt und jede Gans weiß, wohinaus das Ding will. Am Ende bekam sie ein Unteroffizier am Bändel, der ihr ganze Packe Briefe und Gedichte schrieb, in der Dämmerung niemals im Hausgange fehlte, lauter Liebes, Gutes und Süßes gelobte und nicht ruhte, bis ich da war. Er gab um Heirathserlaubniß ein, sagte und schwur es wenigstens, doch war er noch kein Einständer und als das Regiment nach Carlsruhe kam, war meine Alte petschirt und heulte sich fast die Augen aus dem Kopf. Sie that mich zu meiner Großmutter im Haus auf der Halde, das ich Dir beschrieb und ich verlebte dort meine besten Tage. Die Zeit, wo ich den ganzen Tag eine Rotznase hatte und im bloßen Hemd herumklunkerte, ist die schönste gewesen und ich wollte nur, daß ich wieder ein "Hemmetklunker" wäre! ... Ich ging ins achte Jahr und hatte schon einigemal die Schule besucht, wenn der Weg nicht verschneit war und auch die Mutter oft gesehen, die mir jedesmal die Nase alle Augenblicke putzte und mir Gutseln oder Butterwecken brachte, was ich um mein Leben gern aß, da legte sich die Großmutter hin und starb. Ich durfte nicht mehr in der Hinterstube bleiben, wo ich wie im Himmel gelebt, denn die andern Leute auf der Halde hätten mich zwar behalten, allein die Mutter war unten im Dorfe verheirathet und nahm mich zu sich.
Der Gang von der Halde war der Gang in mein Unglück.
Meine Mutter hatte einen Wittwer geheirathet, der für einen Uhrenmacher in Lenzkirch arbeitete, jedoch nicht in Lenzkirch sondern daheim.
Dieser Wittwer besaß eine durstige Gurgel, einen Humor, wie ihn der Teufel nicht besser haben kann und 3 Kinder von der frühern Frau, die er unter den Boden gebracht hatte mit Schimpfen und Schlagen.
Er zeigte mir, was es heiße, einen Stiefvater zu besitzen und plagte mich sammt der Mutter um die Wette, prügelte seine eigenen Kinder dazu und wer von Allen geschimpft, geschlagen, gestoßen wurde und kaum mehr als ein Kreuzschnabel zu fressen bekam, der war ich ... Meine Mutter mußte es vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hören, daß sie ein Soldatenmensch und ich ein Bankert sei und wenn der Stiefvater besoffen von Lenzkirch kam, gab es oft die ganze Nacht keine Ruhe.
Die Mutter schlug mich nie, aber tausend Mal sagte sie, um meinetwillen allein müsse sie leben wie ein Hund und es gereue sie, mich nicht in die Dreisam geworfen oder erwürgt zu haben, bevor ich recht auf der Welt war! Dafür mag der Teufel dem Unteroffizier danken!
Die Leute im Dorfe waren nicht so arg wie die Landleute des Zuckerhannes, ich bekam es besser und trieb mich die meiste Zeit in andern Häusern herum, wo ich zu essen genug bekam, weil man wußte, wie mich der Stiefvater behandelte und mich sammt der Mutter bedauerte, die sich tagaus tagein schinden und plagen mußte und das ganze Jahr keine gute Stunde dafür bekam. Der Pfarrer sah das Elend und sprach sie von dem wüsten Kerl weg, der aber konnte mit dem Hauswesen und den 3 Kindern nicht allein fertig werden und weil meine Mutter sich doch nicht ganz scheiden lassen konnte, ließ sie sich durch seine Bitten und Versprechungen bethören und zog wieder mit mir zu ihm. Bald fing der alte Tanz wieder an, meine Mutter bekam auch ein Kind und dann gleich noch eines und seitdem konnte auch sie mich nicht mehr leiden und ich irrte Tag und Nacht aus einem Hause ins andere, wo man mir einen Platz am Ofen gönnte und etwas Warmes gab. Solches war auch nicht überall der Fall, ich mußte auch von fremden Leuten bittere Dinge hören und Schläge hinnehmen, doch hatte ich meine bestimmten Häuser und suchte mich wohl daran zu machen durch Viehhüten oder Botengänge nach Lenzkirch oder in die Neustadt oder was man mich sonst hieß.
Ich besuchte auch die Schule und betete fleißig, denn oft genug sagte die Mutter "Donatle, bete und denke an Gott, du hast sonst Niemanden auf der Welt, ich kann Deine Mutter nicht sein, das siehst Du!"
Gottlob, daß sie unter dem Boden ist, meine Kette da brächte sie sonst hinab; sie ist schon lange todt und habe ihren Leichenzug nicht gesehen, Gott schenke ihr die ewige Ruhe und Glückseligkeit! Auf der Welt hat sie wenig Gutes gehabt und war doch keine böse Frau, nur zu gut für den schlechten Stiefvater!
Ich war bald 14 Jahre alt, da wurde unser Pfarrer versetzt und den Tag, wo der neue zum ersten Mal in die Schule kam, vergesse ich in meinem Leben nicht! Das fortwährende Schimpfiren und Verlästern der Geistlichen ist nicht schön und recht, es gibt gute Herren unter ihnen und der neue war Einer davon.
Er betrachtete mich genau, weil ich gar elend dreinsah und keinen Fetzen an mir trug, den ein Lumpenmann hätte nehmen mögen, fragte mich, wer und woher und dies und das und heißt mich am andern Tage ... es war just ein Donnerstag und wir hatten "Vacanz"... in den Pfarrhof kommen.
Kannst Dir denken, daß ich den Tag kaum abwarten konnte und hoffte, Etwas zu kriegen. Als ich zu ihm hineintrat, fragt er mich, ob ich den Weg nach Bonndorf wisse, ich sage: ja; dann fragt er, ob ich einen Brief an den Herrn Stadtpfarrer in Bonndorf besorgen wolle und ich sage: gern! Da mußte ich mich in ein anderes Zimmer setzen, die Köchin brachte mir Etwas zu essen und ein Glas Wein, daß ich meinte, jetzt auch einmal ein großer Herr zu sein. Nachher gab mir der Pfarrer noch einen Sechser und meinte, ich solle in Bonndorf etwas essen, doch ich hatte gegessen, einen Sechser in meinem Leben noch nicht gehabt und der Wein gab mir Kraft und Muth, daß ich gar nicht spürte, was für ein Wind von Sankt Blasien herpiff [herpfiff] und daß ich baarfuß herumzottelte. Ich flog wahrhaftig, denn in Bonndorf glaubte ich wieder Etwas zu bekommen, bekam auch einen Zwölfer und einen Brief retour. Als ich den Brief abgab, fragt der Herr, ob ich meinen Sechser gebraucht habe, ich zeigte ihm den Fetzen Papier, den ich zwischen Lenzkirch und Bonndorf gefunden, worin ich mein Geld eingewickelt hatte und streckte es hin, damit er es wieder nehme. Doch ließ er mir nicht nur das Geld, sondern schenkte mir auch einen Rock, ein paar Hosen und bezahlte den Schneider, der mir eine prächtige Montur daraus zuwege machte; kurz, der Pfarrer wurde mein Vater, ihm zu Liebe lernte ich besser in der Schule und es war ein großes Unglück, daß der gute Herr sehr bald aus der Gegend fortkam, denn er hat mir oft gesagt, ich müßte eine gute Profession lernen und wenn dieses geschehen wäre, läge ich nicht in einer Kette hier!
Kann's nicht beschreiben, wie gut der Mann gegen mich elendes Kind gewesen ist, Gott wirds ihm entgelten und ich will froh sein, wenn er nichts von mir erfährt!
Ich möchte noch Vieles sagen, lauter Thatsachen, Duckmäuser, könnte die halbe Nacht allein vom Pfarrer erzählen und thäte es lieber als das Andere, denn der Weg, den ich jetzt betrat, war kein guter. Aus der Schule entlassen, trieb ich mich einige Jahre in der Gegend herum, und trieb bald Dieses, bald Jenes, um leben zu können und den Stiefvater nicht um Etwas ansprechen zu müssen. Es ging mir gerade, wie den Hasen des Fürsten von Donn'schingen im Winter, nämlich es war Winter und ich hatte nichts zu beißen und zu nagen, da kamen ein Mann und eine Frau aus einem Zinken nicht weit von meinem Orte—ich traf sie in der Sonne zu Neustadt, nein, es war in der Post, ich sehe noch immer den dicken Posthalter mit der großen rothen Nase, wie er mit dem Schoppen herwatschelt und jedesmal sagt: "Gesegne's Gott, 's ist ächtes Breisgauergewächs!"—Also die Beiden brachten mir's zu und sagten nach längerem Hin- und Hergerede: "Weißt du was, Donatle? 'S ist Winter, hast Uebel Zeit, dein Stiefvater ist ein Lump, du hast erfahren genug wie er uns anfeindet, aber du bist ein änstelliger [anstelliger] Bursche, kein Mensch will sich Deiner erbarmen, komm zu uns, bis es besser wird. Du arbeitest, was es zu arbeiten gibt, viel ist's jedenfalls nicht und wenn Du auch Nichts kriegst, hast Du doch zu essen und ein Obdach!"
Das kannst Du glauben, daß ich mich nicht lange besann, sondern einschlug; es war besser als Holzmachen oder Schneeschaufeln oder Leiternmachen, was ich schon thun mußte. Ich ging auf der Stelle mit dem Glasjakob und seiner alten Fränz, mit der ich ein Stück biblische Geschichte durch machte, bloß daß die Sache einen unbiblischen Ausgang nahm.
Die Fränz hatte 48 Jahre auf dem Buckel, graue Haare und Runzeln genug, keine drei ganze Zähne mehr und eine Nase wie ein Ulmerkopf, kurz es war ein altes, wüstes, ungattiges Thier und hatte außer dem ältesten Sohne, der 2 Jahre älter als ich war und längst mit dem Reff auf dem Buckel als Glashändler im Unterland hausirte, noch 5 Kinder und die beste Seele von der Welt zum Manne.
Sie konnte recht gut meine Mutter sein, doch bald machte sie es wie Putiphars Frau und weil ich nicht der Joseph, sondern der Donat bin, hing sie mir bald am Halse und ich wurde bis über die Ohren in sie verliebt.
Du magst es glauben oder nicht, so ein armer Tropf wie ich kommt nicht leicht zu einem Weibsbilde und hat doch auch sein Fleisch wie Andere, die Fränz war die Erste, mit der ich zu thun bekam. Sie wurde ganz und gar hirnverrückt und wüthend, und ich ein vollkommener Narr! ... Item sie schafft Rath, beredet ihren guten blinden Jakob, ihr einen Heimathschein ausfertigen zu lassen, lügt ihm vor, sie wolle ihre Freundschaft besuchen und in ihrer Heimath eine kleine Erbschaft holen, die sie gemacht habe, der Mann ist voller Freuden, sie geht, in Lenzkirch finden wir uns und reisen nicht gegen Bonndorf sondern durch das Höllenthal nach Freiburg und wutsch dich! saßen wir über dem Rhein, arbeiteten in einer Fabrik in Mühlhausen drüben und lebten wie Vögel im Hanfsaamen!
Nach einigen Monaten hatte ich das Elsaß und die Fabrik und die Fränz genug und wollte sie mir vom Halse schaffen. Aber sie hängte sich an mich wie eine Klette, als sie den Butzen merkte und ich verließ sie bei Nacht und Nebel. 'S freut mich noch, wenn ich mir vorstelle, wie sie am Morgen aufwachte, nach mir griff und nichts fand als das leere Nest, was mag Die für Augen gemacht, geschimpft und geflucht haben!—Ich hatte mich mit Kleidern gehörig ausstaffirt, trug ein wälsches Hemd oder eine Blouse, wie mans dort drüben nennt und ziemlich Geld in der Tasche, denn haushälterisch war die Fränz stets gewesen, das muß ich ihr nachsagen! Ich glaube wahrhaftig, daß ihre Verfluchungen mich verfolgten, denn geliebt hat sie den Donat, sonst würde sie nicht Mann und Kinder verlassen und mir angehangen haben!
Also ich laufe einige Tage, da begegnet mir be- [bei] Karlsruhe drunten ein Mann, fragt woher, wohin und was und da er hört, ich suche einen Dienst, gleichviel was für einen, angagirt er mich als Knecht, das heißt, ich mußte immer Fische nach Karlsruhe schleppen und Fischhäuser hüten. Mir gefiel Alles außer dem frühen Aufstehen, aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze Zeit.
Muß ich just an des Großherzogs Geburtstag zu einem Wirth nach Karlsruhe und ihm sagen, er möge zu meinem Herrn fahren und die Fische holen, die bestellt worden seien; dieser läßt den Knecht einspannen und der Mathäubesle, also hieß der Knecht, ein fuchsrother Kerl voll Sommerflecken im Gesichte, der am Titisee daheim war, meint: Landsmann, fahr mit! ... Wir sitzen auf dem Wagenbrett, der Mathäubesle will zufahren, da fängt ein ganz verfluchtes Kanoniren an, der Gaul wird scheu, der Mathäubesle kann's nicht mehr halten, springt über die Leitern hinab, ich will unten durch, bleibe hängen und das wüthende Roß schleppt das Wägele sammt mir einige hundert Schritte weit, wo endlich einige Dragoner stehen und ihm den Weg versperren.
Kannst Dir denken, wie ich zugerichtet war; halbtodt wurde ich in ein fürnehmes Spital getragen. Keinen Fleck am ganzen Leib gabs, der mir nicht wehe that, ich war nur Eine Wunde und Ein Pflaster, lag viele Wochen elendiglich darnieder und wäre wohl nicht davon gekommen, wenn die Karlsruher Aerzte mich armen Kerl nicht so fleißig und sorgfältig besucht und für mich gesorgt hätten, als ob ich nicht der Donatle vom Schwarzwald, sondern ein Prinz wäre.
Die halbe Kost fing just an, mir recht zu schmecken, da wurde ich aus dem Spital entlassen und durfte nicht mehr zum Fischhändler, sondern wurde heimgewiesen mit dem Zeugniß, daß ich arbeitsunfähig sei und mich zuerst erholen müsse. Eines Theils war es mir nicht recht, denn der Fischhändler hatte ein Prachtsweib und dieses war zu mir in den ersten Tagen in die Kammer gekommen und hatte Dinge geredet, die mir klärlich zeigten, ein junger, starker Schwarzwälder sei ihr weit lieber als so ein alter, abgelebter Stockfisch, der ihr Mann hieß. Sie hätte mich gut gehalten, die Arbeit war ohnehin nicht weit her und große Lust zum Arbeiten hat mich mein Leben nie geplagt, wenn es nicht sein mußte. Anderseits gefiel mir aber auch das Herumziehen und als ich beim Sternen die Steig hinausging und mich wieder von meinen Bergen umschlossen sah, freute es mich gewaltig, doch dachte ich wieder ans Fortgehen nach einigen Wochen und die Sache kam so, daß ich bald gern ging von wegen der Fränz.
"Wie ist's denn der alten Schachtel gegangen?" fragt der Duckmäuser begierig.
"Besser als sie's verdiente!["] ... Nachdem ich sie verlassen, zog sie einige Tage im Breisgau herum, wurde mit dem längst abgelaufenen Heimathsschein erwischt, heimtransportirt und zunächst zur Abkühlung 8 Tage in Schatten gesetzt. Dann wurde der Jacob in die Neustadt citirt, befragt, ob er sein entlaufenes Weib wieder wolle, er sagte Ja und sie ging mit ihm heim. Da sie alle Schuld auf mich geschoben hatte, bekam ich bei der Heimkunft auch meinen Theil und mußte 14 Tage sitzen. Zum Jacob wollte und durfte ich nicht mehr, wollte auch nichts mehr von der Fränz wissen. Geld hatte ich keines, Schaffen wollte ich nicht so schwer, essen und trinken hält Leib und Seele zusammen und um Etwas zu bekommen, langte ich zu, wo war, anfangs mit erschrockenem Herzen, bald kecker. Die Mutter war todt, der Stiefvater warf mich aus dem Hause, ein Handwerk konnte ich nicht, Taglöhnern kostet Armschmalz, ich zog in der Gegend herum, wurde auf dem Michaelimarkt in der Neustadt arretirt und auf 2 Jahre zu den Blaukitteln nach Bruchsal geschickt. Dies war schlimm, doch schlimmer war's, als ich nach 16 Monaten begnadiget wurde und mit Laufpaß heim mußte. Ein paar Zwilchhosen, ein Wamms von Sommerzeug, ein grobes Hemd, welches mir die Strafanstalt gab nebst einem paar Schuhen und einer Kappe, die ich einmal einem Besoffenen vom Schädel gerissen, war nebst 42 Kreuzern Alles, was ich auf Erden besaß, wie ich heimkam.
Wie konnte ich in solchem Aufzuge Arbeit suchen, mich vor den Leuten sehen lassen oder auch nur in die Kirche gehen? Die Fränz, kein Mensch wollte Etwas von mir wissen und doch war mir die Lust am Stehlen vergangen. Es gehört Spitzbubenglück dazu, ich hatte keine Fiduz und keine Courage mehr, um gleich wieder zuzugreifen. Ich ging hinüber in die Neustadt, trank mit den letzten 12 Kreuzern Muth und begab mich gerade zu auf das Amt, um zu melden: "ich wolle nicht mehr stehlen, aber ich müsse es, wenn ich keinen Heimathschein und keine Kleider sammt einigen Batzen bekäme, um anderswo Arbeit zu suchen; im Grunde wär's mir lieber hier, aber niemand wolle mich beschäftigen." Ein Herr vom Amte zog mitleidig den Geldbeutel, der Amtmann gab mir einen Rock, denn ich heulte wie ein Schloßhund und um Martini darf man auf dem Swarzwalde [Schwarzwalde] kein Zwilchwamms und sonst nichts tragen, wenn man nicht erfrieren will. Ein Schreiben an den Bürgermeister verschaffte mir Alles, was ich brauchte, sogar mehr, nämlich Grobheiten, weil ich nicht zuerst zum Bürgermeister, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen war. Ich kannte den Vogt schon, er war ein unmenschlicher "Packer," der ja wußte, woran ich war und doch kein Zeichen that, als ob er mir helfen wolle.
Mit dem Heimathschein und einigen Batzen Geld zog ich ab, verkaufte in Freiburg den Rock des Amtmanns, weil ich ihn doch nicht ohne gehörige Hosen tragen und auch nicht zurecht machen lassen konnte und zog jämmerlich bis hinab nach Ettlingen, denn dort war Arbeit genug zu finden, weil eben die große Spinnerei gebaut wurde. Weil meine Papiere richtig waren, kümmerte sich die Polizei nicht um meinen Anzug und leeren Geldbeutel, denn Arbeit hatte ich auf der Stelle. Eine Wohnung zu finden, war keine Kleinigkeit, ich wurde an vielen Orten abgewiesen und wie eben die Armen am liebsten den Armen helfen, fand ich zuletzt bei blutarmen Leuten auch eine Wohnung. Kost konnten sie mir nicht geben, wollte auch keine, denn Kleider waren vor Allem nöthig; Kleider kosten Geld und mein Taglohn war nicht gar groß. Ja, der Donat kann arbeiten und hungern, wenn er muß; drei geschlagene Monate sah ich kein Stücklein Fleisch und keinen Tropfen Wein, sondern erhielt mich fast nur bei Brod und Milch, schlief dabei recht gut und konnte das schönste Weibsbild ansehen, als ob ich ein Klotz geworden wäre! ... Nach drei Monaten hatte ich aber nicht nur Kleider, sondern auch das ganze Wohlwollen der Werkmeister und insbesondere das der Tochter meiner Hausleute, ohne daß ich letzteres wußte, weil sie nie ein Bröselein davon verlauten ließ, wenn sie aus ihrem Dienst von Karlsruhe auf Besuch herüberkam. Als die Fabrik so weit fertig und Maschinen eingerichtet waren, saß ich einmal recht bekümmert nach 12 Uhr bei einem der letzten Sandhaufen in der Sonne und dachte an die Zukunft, da kommt auf einmal der Director der Spinnerei auf mich los, ein braver Herr, der mich oft im Auge gehabt, jetzt aber just fast das erstemal mit mir redete und sagte: "Donat, weil Er als Fremd so lang und fleißig hier gearbeit hat, will ick Ihn in die Spinnerei nehmen als Lehrlink. In 3 Mond kann Er die Sack, kriegt täglich 36 Kreuzer. Wenn Er keine dumme Deutsch ist, bekommt Er dann ein Maschin und verdient schön Geld! Was sagt er zu der Sack?"