Kannst Dir einbilden, Duckmäuser, daß ich da stand wie aus dem Himmel gefallen und zehnmal in Einem Brumm "Ja" sagte; ich muß roth und recht einfältig dreingesehen haben, denn der Herr lachte und meinte:
"Nehm' er nix für ungut, ich bin ein Franzos und sprecke etwas heroisch, bin hitzig, aber ick fresse keine Deutsch und meine es nit so böse!"
Der Herr Director wurde mein zweiter Schutzengel, wie der Pfarrer mein erster gewesen; sein Auge blieb stets auf mich gerichtet, er gab mir viele Ermahnungen und hielt mich von Vielem ab, denn der Teufel juckte wieder hollops in mir. Die Spinnerei wollte mir nicht gefallen, die Lehrmeister waren lauter Franzosen und neidisch, einen Deutschen zu lehren. Der Herr Director machte, daß ich als Zuschläger in die Schmiede kam, wo ich einen andern Director und täglich einen Gulden erhielt. Konnte es nicht lange aushalten, bekam Blutspeien und wurde fremd. Eben stand ich in meiner Kammer, um das Bündele zu schnüren, da ließ mich der alte Director kommen und machte mich herunter, weil ich so mir nichts dir nichts davonlaufen wollte, ohne ihm ein Brösele zu sagen und fuhr mich dann an:
"Gestern hab' ick die Mann, der an das laufende Maschin war, entlassen. Er liebt die Sauf und soll nit unglücklick werden. Will Er sick besser halten, als der Vorgänger, so thu' ick Ihn an seine Stell. Er bekam taglik einen Gulden zwölf Kreuzer, Ihm geb' ick acht und vierzig Kreuzer täglik, aber nock eine Gehilf, will Er?"
Kannst denken, wie froh ich war und es kam noch besser, denn die Käth, also hieß die Tochter der Hausleute, kam nach Hause, weil sie krank gewesen war und den Dienst bei der Herrschaft verloren hatte, bei der sie 6 Jahre in Einem Zug gedient hatte. Sie hatte die "Durchschlechten" gehabt, war noch sehr schwach, doch ein braveres Mädle wächst im ganzen Unterland nicht; ich wurde in sie ganz anders verliebt als in die Fränz, betrachtete die Käth wie eine Heilige, sie und der Herr Director haben mich vor Vielem bewahrt! —Vier Monate später führt der Satan den rothen Mathäubesle auch nach Ettlingen und dieser leichtsinnige Passagir wurde mein Freund, weil er mein Landsmann war, zog mich zum Saufen und Spielen, so oft er konnte und war mit den Weibsleuten nicht heikel! ... Untreu wurde ich der Käth nicht oft, aber nach 6 Monaten verfehlten wir uns und ich wäre ein schlechter Kerl, wenn ich sagte, sie sei schuld daran gewesen. Sie hat mich oft genug davor gewarnt und mir die Leviten gelesen, aber die Beste hat schwache Stunden und ich war in diesem Punkte kein Held wie Du, wenn's wahr ist!
Als die Eltern die Sache merkten, sollte ich auf einmal aus dem Hause und ging auch, weil ich das Heulen und Schimpfiren nicht mehr sehen konnte. Alle Sonntage traf ich mit der Käth in Busenbach zusammen, doch die Eltern waren ihr auf den Socken und wollten auch dies nicht mehr leiden.
Eines schönen Morgens muß ich vor Amt, der Asessor schnauzt und bellt mich an, ich müsse binnen 3 Tagen die Fabrik und den ganzen Amtsbezirk verlassen, wo nicht, so müßte mich der Gensd'arme holen. Ganz vertattert frage ich warum und da sagt er mir, ich hätte ein Mädchen mit einem Kind und sei auch schon in Bruchsal gesessen.
"Ja, das ist wahr, sage ich, aber darf ein Mensch, der seine Strafe erstanden und sich ehrlich und redlich ernähren will, nirgends mehr arbeiten?"—"Er kann arbeiten, wo Er will, aber in diesem Amtsbezirk ist's mit Ihm Mathäi am Letzten!"—Jetzt sage ich, der Asessor soll mir in den Heimathschein schreiben, weßhalb ich nicht mehr hier arbeiten dürfte, er aber sagt, ich habe es gehört, was zu thun sei und soll mich packen!
Ich besann mich auf dem Heimwege und blieb in der Fabrik.
Acht Tage später werde ich richtig auf die Wachtstube gerufen, sind da 2 Gensd'arme, führen mich vor Amt und der Asessor sagt, ich müsse jetzt 24 Stunden ins Loch und wenn ich in 8 Tagen nicht fort sei, lasse er mich heimtransportiren.
Bei der Rückkehr in die Fabrik nahm mich der Herr Director ins Verhör, wo ich gewesen sei und weil ich für ihn durchs Feuer gegangen wäre, entdecke ich ihm Alles haarklein und erfuhr wieder, was das für ein braver Mann war. Er spricht mir Muth ein, meint, wenn es Jedem der 1400 Menschen, die in der Fabrik arbeiteten, an der Stirne geschrieben stünde, was er schon gethan habe, müßte er Manchen fortschicken. Ich soll ihm und der Käth folgen und brav für mein Kind sorgen. Die acht Tage verstrichen und kein Mensch dachte daran, mich auf den Wald zu jagen.
Gehe ich an einem Sonntage Mittag von Busenbach nach Ettlingen, die Käth ist bei mir und hat unser Kind auf dem Arm, kommt uns just der Asessor mit 2 Herren entgegen, stellt mich auf dem Wege, thut aber ganz leutselig, erzählt Alles den andern Herren und sagt zu mir: "Er wisse, daß ich immer Kostgeld für mein Kind zahle, habe auch ein gutes Lob von den Herrn in der Fabrik, solle nur brav bleiben und für mein Kind sorgen und so fortmachen!"
Solche Rede gefiel mir sehr wohl und wenn ich alles überlege, muß ich sagen, daß ich mein Glück selbst mit Füßen getreten habe und ein Narr gewesen bin, mehr auf den rothen Mathäubesle, als auf den Herrn Director und andere Leute gehört zu haben, die es gut mit mir meinten. Ich hatte eine neue Heimath gefunden und wenn ich gescheidter gewesen wäre, würde ich darnach gestrebt haben, die Käth zu heirathen, die längst wieder in einer Küche zu Karlsruhe stand. Für mein Kind zahlte ich immer redlich das Kostgeld, aber statt bei meinem schönen Verdienst zu sparen, zog ich mit dem rothen Kaiben und Fabrikmenschern herum und habe mehr als Eine Nacht ganz durchgesoffen und gespielt und allgemach Schulden bekommen.
Wenn das Fabrikglöckle zur Arbeit rief, war ich oft voller Schlaf und halbbesoffen dazu und hätte einmal leicht bei meiner Maschine das Leben verloren, wenn nicht der Herr Director mich im letzten Augenblicke gepackt und irgendwo hingelegt hätte, um den Rausch auszuschlafen. Die Käth kam an Sonntagen, so oft sie konnte, hielt mich vom Saufen ab, wir Beide sollten nur Einen Schoppen trinken, gab mir die besten Vermahnungen, ich plärrte oft vor Rührung und fluchte oft wie ein Türke, denn ein Hitzkopf bin ich, Duckmäuser! ... He, schläfst Du?"
"Warum nicht gar, doch mach's kurz, in der Stadt draußen brummelt die Lumpenglocke und bis halb Fünfe ist's dann nimmer so lang!"
"Auch gut, wills kurz verlesen!["] ... Mein Mädchen predigte umsonst, der Herr Director stellte mir Himmel und Hölle vor, aber der rothe Mathäubesle und Andere bekamen immer mehr Gewalt über mich, ich triebs immer ärger und ärger und wurde endlich entlassen. Die Käth weinte sich schier die Augen aus dem Kopf, die Eltern schimpften kannibalisch, aber jetzt war Hopfen und Malz verloren, der Asessor schnitt ein böses Gesicht, that fuchsteufelswild und ich zottelte eben wieder in den Schwarzwald hinauf.
Daheim bekam ich Arbeit beim Fürsten als Holzschläger und hielt's ein Vierteljahr mit dem Waldleben recht gut aus, obwohl die Arbeit ganz anders war als in der Fabrik, wo eigentlich der Arbeiter nur Befehlerles spielt bei der Maschine. In meinem Ort lobten mich die Leute sehr, weil ich so lange fort war, gut gethan und rechtes G'häs mitgebracht habe und als ich das Saufen wieder anfing, hätte mich ein Vorfall belehren können, daß ein armer Tropf schon deßhalb nicht versaufen sollte, was er auf und anbringt, weil man gleich glaubt, er habe das Geld dazu gestohlen.
Kommt eines Abends—es war just beim Nachtessen und ich spedirte die Kartoffel Nro. Dreißig ins Unterquatier!—kommt so ein Gensd'arm, schaut mich an, fragt wer und was, sieht meine Uhr an der Wand und nimmt sie weg, muß ihm mein Trüchle öffnen; er nimmt einen Rock, zwei paar Hosen, ein paar nagelneue Stiefel, drei Hemder, einen Hut, Schirm, endlich einen Stutzen und zuletzt mein Geld, es waren 18 Gulden 12 Kreuzer—und die Hausleute hattens in Verwahrung, weil ich das Trüchle nicht gut schließen konnte. Auch der Donat selbst gefiel ihm so, daß ich im Amtsgefängnisse übernachtete und zwar 6 mal. Man hatte dem Accisor unseres Ortes 50 Gulden gestohlen und 100 dabei liegen lassen und ich stand im Verdachte, wieder "gekratzt" zu haben. Aber ich konnte nachweisen, woher all' meine arretirten Sachen waren, es stellte sich heraus, daß der eigene Schwager des Accisors die 50 Gulden weggekratzt habe—es war auch ein Lediger, der gern ein Mäßlein lupfte, wie ich und ein Spezel von mir, ein völlig g'scheidter Kerl und nicht so schlecht, wie der rothe Mathäubesle, der doch nie im Zuchthaus war!—kurz, ich wurde nach sechs Tagen wieder frei, der Amtmann sagte gleich, ich hätte beim Accisor nicht gestohlen, denn ich würde die 100 Gulden auch eingesackt haben und ich glaube, er hätte Recht gehabt, wenn mir nicht die rechte Spitzbubencourage überhaupt mangelte.
Auf dem Heimwege—am Tage Mariä Geburt wars!—traf ich ein Weibsbild, das ich schon früher gekannt hatte und nicht viele Flausen machte. Diese Apollon war viel jünger und netter als die Fränz, dafür aber schlimmer, wollte überall sein, wo es lustig zuging, vertrieb mir die Lust zur Arbeit, machte mich leichtsinnig und allgemach ging alles Geld fort, ich verkaufte alle meine Sachen, vergaß die Käth sammt meinem Kinde ganz und gar!
Höre Duckmäuser, Du hast Recht, es ist nicht das Aergste, daß Du den Alten umbrachtest, ich begreife, daß die Hannette oder Hindania oder wie das wälsche Mensch hieß, Dir weit mehr Gedanken macht!
Die Käth kam aus dem Unterland herauf, um mich zu besuchen, es wurde mir gesagt und ich ging so lange fort, bis ich glaubte, daß sie die Höllensteige wieder hinab sei.
Sie hinterließ mir bei der Adlerwirthin Wünsche für mein Glück und was ich suche, das werde ich schon finden, soll nur das Kostgeld für das arme Kind nicht ganz vergessen, sie bringe es nicht auf und ich kennte ja die Armuth ihrer Eltern!—Will's mir doch das Herz zersprengen, wenn ich jetzt in meinen Ketten an die Käth denke! ... Wie verlassen war ich an Vater und Mutter, wie oft und viel habe ich deßhalb schon geplärrt und jetzt mache ich's gerade wie der schlechte Unteroffizier!—Gottlob, daß der Vater der Käthe keiner ist, wie mein versoffener Stiefvater, der jetzt von seinen Buben in den alten Tagen gehauen wird trotz einem Tanzbären!— Käthe's Kind hat einen guten Großvater, er trug es immer auf den Armen herum, ohne daß er mich je leiden konnte und habe ihm doch mein Lebenlang nicht ein Augvoll Böses gethan! ... Ich fand bald, was ich suchte, nämlich das Zuchthaus, wohin mich eine That brachte, zu welcher ich von der erzliederlichen Apollon in der Besoffenheit beredet wurde. Wurde wegen Raub verurtheilt, Gott weiß, daß ich nie an Raub dachte, obwohl ich vielleicht bald wieder zum Stehlen gebracht worden wäre. Man hat mir nicht geglaubt, doch Du wirst mir glauben, Duckmäuser, denn wozu sollte ich hier lügen, wo Stehlen und Rauben fast Ehrensache sind? Verurtheilt bin ich, kann nichts daran ändern und denke eben, ich hab' die schwere Strafe an der Käth verdient und an meinem Kind, an denen ich schlecht genug handelte... Wegen Raub bin ich verurtheilt, doch höre, wie Alles zuging, pure Thatsachen!
Am 13. Juni heuer, es war an einem Sonntagmorgen und wunderschönes Wetter, beredet mich die Apollon sie zu begleiten, sie wolle nach Aha 'nauf, um eine alte Kamerädin zu besuchen. Wir gehen; der Himmel wölbte sich wie ein seidenes Sonnendach über die Berge, alle Matten prangten mit Millionen Blumen, der Titisee glänzte wie ein Metallspiegel, die alten braunen Hütten mit ihren Strohdächern sahen aus, wie großmächtige Aschenhaufen, wo die Buben und Mädle, der neumodischen steinernen kalten Paläste Johannisfeuer angezündet hatten, die Luft wehte mild und frisch aus den noch dampfenden Thälern am Feldberge, man hörte nichts als den Klang der Glocken, der durch die Tannenwälder zitterte, zuweilen einen Vogel oder einen Schuß oder einen Peitschenknall und hätte die Gegend für ausgestorben halten können, wenn nicht die stämmigen Mädle mit den gelben Strohhüten und altfränkischen Juppen mit ihren Burschen und das Herrenvolk aus Lenzkirch auf der Straße hin- und hergewandelt und aus allen Kirchen die Anhöhen hinauf und ins Thal hinab heimgegangen wären. Ich rauche gemüthlich das Pfeifle, betrachte Alles und sage endlich zu der Apel, die in Einem Zug fortschwätzt, ohne daß ich auf sie hörte: "Apel, ich glaubte, es ginge in eine Kirche; mir ist's, als ob meine Mutter auferstanden wäre, dort zwischen den Weißtannen immer herüberschaute und sagte: "Donatle, denk an Gott und bete, hast Niemanden auf der Welt!"["]
Die Apel lacht laut auf und sagt: Hab's schon gemerkt, daß ein halber Narr neben mir wandelt. Du weißt, daß ich geschworen habe, erst wieder in d'Kilch zu gehen, wenn ich die Granatenhalsschnur habe, nach der du mir das Maul schon hundertmal wässerig gemacht hast. Gehe meinethalben in die Kilch oder zu der bucklichen Hanne, du Tropf und laß mich mit Frieden, hast mich doch nicht gerne!
"Apel sage ich—du kriegst die Halsschnur, sobald ich Geld habe. Aber wir hätten nach der Kirche auch noch den Weg nach Aha gefunden!"
Jetzt wird sie ernstlich böse, geht auf die andere Straßenseite, sagt: "Geh' in die Schweiz und werde Kapuziner, du Lalle! Ist da draußen nicht auch die Kilch? Bin ich schlechter als die Andern, die den ganzen Tag den Rosenkranz drillen? Na, na, die wüste "Unterländersau" steckt dir im Kopf, hast die Apel satt und willst anderes Futter, du schlechter, ehrloser Kerl!"
Sie sagt kein Wort mehr, ich habe nicht übel Lust, ihr von wegen der "Unterländersau" den Hals zuzuschnüren, daß ihr die Lälle zum bösen Rachen heraushängt, aber sie springt voraus, nachher reuts mich wieder und mache gutes Wetter. Ich sah wohl, daß die Apel mein Unglück sei, doch ich habe Niemanden auf der Welt und ein Weibsbild muß ich haben!—Wir laufen und laufen wieder selbander und kommen bald zum Rößle, wo es die Steig hinabgeht und links über die sumpfigen Matten durch Hinterzarten den Wald hinein, bergauf bergab nach Aha 'nauf. Sie wollte haben, daß ich mit ihr in den Sternen hinabginge und dort Forellen bezahlte, denn die Forellen der Posthalterin sind im ganzen Land berühmt und das Herrenvolk, das mit dem Eilwagen fährt, frißt im Sternen Forellen und sauft Markgräfler dazu, daß ihm der Ranzen zerspringen möchte. Die Apel that gar gern wie Herrenmenschen thun, war auch in der Hoffnung, wo man den Weibern nichts abschlagen soll, aber ich ging dennoch nicht in den Sternen, der Teufle führte mich in das Rößle ob der Steig und die Apel blieb nicht draußen und lief nicht allein weiter, wie sie gedroht hatte.
Wir fressen einen Kalbsbraten, 's war ein Stück so groß wie ein Roßkopf, dazu ein Scheffel Salat; der Wein ist ganz gut, die Apel und ich bürsten, daß es eine Art hat, obwohl wir nicht mehr einen Brabanter im Vermögen besitzen.
Auf einmal geht die Apel hinaus, steht vor dem Rößle, hält die Hand über die Augen, stiert immer auf den Weg, der von Hinterzarten durch die Matten führt, kommt herein und thut wie ein Narr, daß ich bezahle und mit ihr fortgehe.
"Komm, Donat, geschwind, wir gehen nicht nach Aha, es thut's ein andermal auch, wollen zurück gegen Lenzkirch!" drängt sie. Ganz verwundert zieht sie mich an der Lafette vorbei, wo der Wirth gerade aus dem Fenster schaut und wahrscheinlich ob unsern rothen Gesichtern lacht. Hinter dem Bären schlagen wir die Straße nach Lenzkirch ein, im nächsten Wäldchen steht sie still und sagt gar freundlich:
"Donat, jetzt will ich den größten Beweis von Liebe, den du mir geben kannst und wenn du's nicht thust, adje Parthie!"
Ich hätte damals dem Teufel den Schwanz ausgerissen, wenn die liebe Apel gewunken hätte und schwöre ihr Alles zu thun, außer Stehlen und Umbringen.
"Komm ein bischen hinter die Tannen, wir wollen passen. Es ist hoher Mittag, weit und breit kein Mensch, doch kommt in einigen Minuten ein Maidle von Hinterzarten, das mich schwer erzürnt hat am Georgentag, wo ich auch nach Aha ging und in Hinterzarten einkehrte. Sie hat mir vor einer Stube voll Leut alle erdenklichen Schandnamen gesagt und gemacht, daß ich fort mußte. Die packst du an, schleppst sie in den Wald, im Nothfalle bin ich auch da, sie kennt dich nicht, aber mich, deßhalb komme ich nur im Nothfalle. Ist gar stolz auf ihre Larve; du sollst sie recht demüthigen, das übermüthige Ding; es kommt nichts heraus und zu nehmen brauchst du ihr weiter nichts! ... Hat sie ihren Theil, so lassen wir sie wieder springen, willst du, Herzensdonätle?["]
Ich war stark benebelt, die Sache kam mir recht spaßhaft vor, richtig da kommt das Mädle und sieht aus, wie der Tag im Vergleich zu der Apel. Ich schlich hinter ihm her, die Apel blieb abseits im Walde, das Herz klopfte mir, daß ich fast keinen Athem mehr bekam, die Apel winkt immer wie besessen, endlich fasse ich ein Herz, packe das Maidle und zerre es den Straßengraben hinab in den Wald. Es schrie wie ein Dachmarder, wehrte sich aus allen Kräften, ich riß ihm unversehens eine Granatenschnur mit einem goldnen Kreuze weg, was später im Grase gefunden wurde und warf es zu Boden!—Ihr vermaledeites Geschrei führte zwei Bauernbursche her, die von Lenzkirch die Höhe rasch heraufgestiegen waren. Diese halfen dem Maidle, prügelten mich kreuzlahm, banden mir dann die Hände mit meinen eigenen Hosenträgern und schleppten mich nach Lenzkirch!"—Das ist meine Geschichte und jetzt urtheile du, ob ich einen Raub begangen habe und gerecht oder ungerecht leiden muß! Ich erzählte Alles haarklein, wie es gegangen war, doch mußte halt ein Räuber sein, da half Alles nichts mehr. Mich reut's bis auf's Blut, daß ich nur ein Brösele gestanden habe."
"Nein, bist kein Räuber, armer Tschole, bist halt auch ein Unglückskind!— Was hätte es dem Maidle geschadet, wenn du zum Ziele gekommen wärest? ... Aber mit der Apel, wie gings da?" fragt der Benedict verächtlich und spöttisch zugleich.
"Ja, die Apel, die Apel! Diese wurde nicht entdeckt und war vor mir in der Neustadt, um mich bei Amt anzugeben. Sie beschwur, daß ich sie bereden wollte, an der Sache Theil zu nehmen; sie habe solches nicht über s'Gewissen gebracht, mich nicht abhalten können, zumal in ihren Umständen und mich deßhalb angezeigt. Ich sei ein schändlicher Kerl und wenn sie nicht gewesen wäre, würde ich schon mehr als hundert Weibsbilder unglücklich gemacht haben. Ist solche Falschheit nicht himmelschreiend? ... Ich weiß woher das kommt!"
"Ei, die Apel trug eben keine Lust, nach Bruchsal zu kommen" meinte der Duckmäuser.
"Wohl, doch der Hauptgrund ist, weil das liederliche Weibsbild wieder mit einem alten Schatz liebäugelte, der fast der zweite Spaniol war."
"War der Donatle, so lange ich Geld und Sachen zu verkaufen hatte, im Rößle blieben mir noch 10 Batzen übrig, 5 davon gab ich ihr und sie wußte, daß meine Herrlichkeit ein Ende hatte und ich das Hemd vom Leibe verkaufen mußte! Der Kilian von Prechthalen, ein Wittmann, mit dem sie einmal einige Jahre im Lande herumgezogen, hatte einen Brief geschickt und ihr angeboten, mit ihm zu hausen. Die Apollon sagte mir selbst, sie sei entschlossen, ins Prechthal zu wandern, sobald sie ihr Kind der Gemeinde abgeliefert habe. Geben konnte ich nichts mehr, drum verließ sie mich. O die Menschen sind falsch, grundfalsch, Duckmäuser, es gibt keine Ehrlichkeit mehr auf der Welt und der Ehrlichste wird am meisten angeschmiert! Falsch wie Galgenholz hat die Apel, der ich Alles anhing, an mir gehandelt! ... Es möge ihr in der Hölle zehntausend Jahr auf der Seele brennen!"
"Wie lang bist du denn mit der Apel umgegangen?" fragte der Benedict. "Hoh, sieben Monate mindestens zottelte ich aus einem Wirthshaus und einem Orte in den andern."
"Und arbeitetest nicht?"
"Der Fürst wollte keinen Holzschläger meiner Art lautete der Bericht des Försters. Dieser konnte mich anfangs leiden, doch wurde ich bei ihm angeschwärzt, daß ihm die Augen überliefen. Unsereins soll eben kein Freudele haben und wird gleich Alles krumm genommen!" seufzt der Donatle.
"Hast mir auch schon erzählt, wie du den Bauern Schinken aus dem Kamin und Schmalzhäfen aus dem Trog geholt hast, mich wunderts nur, daß du soviel auf deine Ehrlichkeit gibst!" ... lächelte der Vatermörder. "Oh du Daps, entgegnet der Donatle, vertragen sich solche "G'späß" nicht mit der Ehrlichkeit? Dann wären alle Leute Spitzbuben! Was schadet so ein Beinle oder Häsele einem Packer oder Holzhändler oder Wirth? Zudem hat die Apel das Meiste geholt, sie konnte es mit den Weibern und noch mehr mit den Knechten und theilte Alles redlich mit mir!"
"Sauberes Leben das, du ehrlicher Donatle!" meint der Benedict.
"Spotte du nur über mein Unglück, hast's auch nicht besser gemacht! ... Bin eben schief in die Welt gerutscht, die Fränz, der rothe, verdammte Mathäubesle und die Apel, lauter Leute zehnmal nichtsnutziger als ich sind eben an meinem ganzen Unglück Schuld! ... Hab erst am vorigen Sonntage daran gedacht. Ich las in der Kirche, wie sich Ludwig der kleine Auswanderer von einem Schmetterling und Kukuk verführen ließ und im Walde verirrte und dachte gleich, Fränz und Apel und die Fabrikthierer im Unterland seien meine Schmetterlinge, der rothe Mathäubesle mit seinen wüsten Reden und Liedlein mein Kukuk gewesen, die Amtsleute aber meine Sperber und Weihe und so ist's! ... Hätte ich dein Vermögen und deine Mädlen, deine Mutter und den Meister März dazu gehabt, dann wär' der Donatle nicht neben dir, weißt du's? Ich bin kein Spitzbube, aber du bist Einer und ein Mörder dazu!" ... flüsterte der zornig werdende schuldlose Donat. Mit einer sehr unzierlichen Redensart kehrt sich der Duckmäuser um und beginnt zu schnarchen.
Der Schwarzwälder brummt noch einige Redensarten, sieht, daß der Patrik mit hellen, offenen Augen zu ihm hinüberstarrt und den Kautabak lustig von einem Backen in den andern wirft, von Zeit zu Zeit in eine Düte spuckend, die er im Schreinermagazin gefunden haben mag. "Iech ha der's gs'ait, ma cha nüt mitem Duckmüser ha, s'isch e Chalb wia der Amtma vu Instetten!" sagt der Patrik, dessen scharfe Ohren Alles gehört hatten.
Der Patrik ist nach Geburt und Art ein "Hotzenwälder" neuern Schlages, bei dem außerordentlich viel Ungeschlachtheit und ungezähmte Leidenschaft sich mit Mutterwitz vermählen, während von biederer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit der ehrwürdigen Altvordern bei ihm blutwenig verspürt wird. Pauperismus und Sittenverwilderung fanden sammt der Aufklärung den Weg auch in die Thäler der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, welche in neuester Zeit das Calabrien des badischen Oberlandes zu werden droht; mindestens steht eine Diebsbande dieser Gegend nach der andern vor den Geschwornen in Freiburg, an Brand, Mord und Todtschlag hat es schon früher nicht gemangelt und mit der uralten, schönen malerischen Tracht scheint auch die uralte Einfachheit des Lebens, der Sitte und die fromme Gesinnung täglich mehr zu verschwinden.
Der Patrik stolperte aus seinen Bergen in das wohlhabende fruchtbare Hügelland des Kleckgaues, diente an verschiedenen Orten, am längsten beim Posthalter in Instetten, wo er als Hausknecht sich unmäßig in den guten Rothen verliebte und zuletzt fortgejagt werden mußte, weil er soff, daß er manchmal einen Güterwagen für eine Baßgeige hielt und mit dem theuern Hafer umging, als ob er vom Himmel herabregne. Er lungerte dann einige Zeit im "Züribieth" herum, trieb Alles, was der Brief vermochte und kam zuletzt mit den Landjägern in eine so schiefe Stellung, daß er gerathen fand, sein Glück wiederum "im Dütschland" zu probiren. Leider jedoch ereilte diesen Sohn Teuts, dem die Treue zum Rothen nicht nur aus den Augen blitzte, sondern auch aus der Kupfernase schimmerte und die Liebe zur Trägheit unsäglich tief im Herzen saß, nicht das Glück, sondern das Unglück und jetzt erzählt er dem Donatle, was er im Zuchthause schon hundertmal erzählt hat, nämlich die "wahrhaftige und kurze" Geschichte seiner "unsäglichen Schuldlosigkeit."
Rauh und eckig wie die tosenden Waldbäche und Felsen seiner Heimath ist Patriks Sprache; man glaubt eine Sägemühle krächzen zu hören und ein Pommer oder Mecklenburger würde keine Silbe davon verstehen, wenn er nicht etwa Hebels allemannische Gedichte an springenden und singenden Theeabenden mit wüthenden Beifall radebrechte; dabei flucht der Patrik trotz dem derbsten Hochbootsmann und braucht Bilder, vor denen selbst der Idyllendichter Voß von Heidelberg bis Eutin fortgaloppirt wäre.
In wie vielen schattenreichen Gebäuden der gute Hotze schon herumwanderte, ehe er in den grauen Kittel schlüpfte, verschweigt er dem Donatle klüglich; es ist spät, er macht die Sache kurz und sein vom Brummbaß des Murmelthieres beschütztes Geflüster ließe sich etwa übersetzen wie folgt:
"Man hätte mich auf den Grund schlagen sollen neun Monate vor meinem Geburtstage, nämlich in der Gestalt meines Vaters, der die Dummheit beging, einen Kerl auf die Welt zu setzen, welchem das Unglück wie der eigene Schatten folgt. Die Mutter hat's mir oft prophezeit, ich sei für das Kreuz geboren und habe ein grausiges Kreuz auf dem Hirnschädel gehabt und im Meerfräulein zu Laufenburg hat einmal ein Käshändler mit dem Vater gewettet, daß ich noch lange vor ihm am Galgen oder im Zuchthause stürbe ob schuldig oder unschuldig, denn die Constellation der Gestirne—davon versteht ein Kalb deiner Art freilich nichts!—sei bei meiner Geburt die schlimmste von allen erdenkbaren Constellationen gewesen. Bin jetzt 27 Jahre und 13 Herbstmonate auf der Welt und weiß, daß der Teufel morgen allen Leuten die Füße abschlüge, wenn ich heute Schuster würde, drum ist mir auch alles Eins und der Vater hat mich nichts lernen lassen ... Hör' nur Einen Spuk, Donatle, dann hast genug und wirst dich nicht mehr verwundern, weßhalb ich auch hier alle Schick ins "schwarze Loch" komme. Sitze also im Engel zu Lottstetten und versaufe den letzten Rappen, damit er mir nicht aus dem Sack fällt und schlendere dann wohlgemuth auf der Straße nach Instetten ... der Fußweg über die Wiesen war so schmierig wie das fünfte Element im Polakenland!—weiter und denke an meinen alten Schatz, mit der ich in der Weihnachtsnacht hinter der Klosterkirche von Rheinau zum erstenmal zusammentraf. Ganz in Gedanken versunken laufe ich den Berg hinan, merke gar nicht, daß ich einem leeren Güterwagen begegnete, bis ich hinter mir rufen hörte. Hört ein gescheidter Mensch in einer Gegend, wo auf der einen Seite Wald und weit und breit kein Mensch zu sehen ist, hinter sich Halt brüllen, so schaut er sich nicht um und springt, daß ihm die Schrittstecken wackeln. Wiewohl ich nun der dümmste Gedanke meines Vaters bin, war ich doch gescheidt genug, diesmal zu springen und erreiche das Höchste ganz athemlos, weil mein Verfolger immer fort brüllt und auch springt. Doch was geschieht? Mir entgegen kommt gerade ein Gensd'arme, der mich im Verdachte hatte, daß ich ihm einmal in Instetten im Finstern Eins aufs Dach gab ... es war Einer, der mich früher ins Bürgerstüble brachte und von dort in den Thurm von wegen einer Trudel, der ich Nachts in die Kammer gestiegen bin! Unser Gensd'arme sieht mich kaum, nimmt er's Gewehr von der Achsel, macht am Hangriemen herum und schreit ebenfalls Halt!— Außer den beiden Haltschreiern sah ich weit und breit nur mich, denke an die Prophezeiung meiner Mutter selig, springe über die Straße links in die Felder und sehe im Umschauen, daß der verdammte Grünrock mir nichts dir nichts auf mich anlegt, als ob ich ein Hase wäre. Ganz verwundert bleibe ich stehen, denke: Patrik, aha, die Constellation ist wieder da! Der Gensd'arme kommt und brüllt: Halt Spitzbube, Ihr seid arretirt. Gleich darauf keucht ein schwäbischer Fuhrmann, den ich auch nicht leiden mochte, weil er nie in der Post zu Instetten, sondern im Engel zu Lottstetten einstellte, auf mich los und schreit ebenfalls: Hab' ich dich Spitzbube, liederlicher!
"Hört, Ihr Hagelsketzer, ich bin kein Spitzbube!" sage ich mit der größten Mäßigung und war mir schon nicht wohl dabei, weil ich meinen Heimathschein in Bülach drüben liegen gelassen hatte.
"Erzspitzbube, Halunke!" antworten die Beiden ganz besessen, sind keine drei Schritte mehr vom Leibe und während ich vor Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlage, klirrt eine Kette, ich reiße die Augen auf und was meinst, Donat, was mir Unglücksmenschen passirt war? Im Vorbeistreifen am Güterwagen blieb eine Wagenkette an mir hängen und vor lauter Gedanken an die Rheinauerei und später vor Angst und Schrecken hatte ich den Butzen gar nicht bemerkt. Es war eine schöne schwere Kette und habe nachher alle Sterne vom Himmel herabgeflucht, weil der Kaib von Fuhrmann nicht schlief, während sonst Güterfuhrleute oft von einem Wirthshaus zum andern fahren, ohne ein Auge aufzumachen. Dieser heillose Streich war noch das Geringste; der heimtückische Schwabe hatte auch noch seine Brieftasche und die silberbeschlagene Tabakspfeife in die Tasche meines Manchesterkittels gesteckt, während ich sinnend an ihm vorüberstreifte. Der Gensd'arme und der Schwabe konnten mich nicht leiden, 's war offenbar ein abgekartetes Spiel, um mich ins Elend zu bringen, ich zeigte mich bereit, dies hundertfach zu beschwören, doch der Amtmann half den Beiden und ich, armer, armer Tropf, der ich gehofft hatte, im Adler zu Instetten"—
"Jetzt ist's genug, ihr Waschweiber, ich will meine Ruhe, ich bin nicht im Zuchthaus, um euer Sumsen zu hören!" ... schrie das Murmelthier mit zornrothem Antlitz, stand im Hemde im Hintergrund des Saales gleich dem Rachegeist der Hausordnung und trommelte wüthend auf dem zusammengeschrumpften Schmeerbauche herum.
"Ob Ihr auf der Stelle in Euer Nest geht? Ob ich kommen soll? Wartet nur, das wird Euch eingetränkt! Die Ruhe auf solche Weise stören, Nachts um Zwölfe krakehlen, als ob Ihr der Gockler in diesem Saale wäret?!["]
Ob dieser Philippika streckte Mancher den Kopf in die Höhe, der Aufseher, der alte Moritz stand mit rothem Kopfe unter dem Guckfenster, sein grauer Schnurrbart richtete sich in die Höhe, wie die Stacheln eines Stachelschweines, das seinen Feind erschießen will. Das erschrockene Murmelthier, ein wahres Bierfaß auf zwei wandelnden ungeschälten Stecken rannte mit einem Harrassprunge in das Bett, die Bretter brachen zusammen und jammervoll saß der Edle auf den Trümmern seines Glückes, nachdem er dreimal von oben nach unten gekugelt!
"Herr Moritz entschuldigen, nicht mein College da war der Ruhestörer, sondern die dort hinten, vor Allem der Duckmäuser, der nicht eine Minute schweigt und all meine Warnungen verachtet, weil er mich nicht als legitimirten Aufseher des Schlafsaales anerkennt. Er hat den Donat zum Plaudern verführt und dann den Patrik! ... Offenheit ist meine Sache, der Wahrheit die Ehre, an Zeugen wird's nicht fehlen! ... Es wird ruhig sein, ich garantire Ihnen, mein Herr!" Diese Rede des Spaniolen besänftigt den alten Moritz, der sich mit der ernsten Mahnung ans Strafbuch in den Gang zurückzieht.
"Oh, wäre ich in einer Zelle, der Kerl wird sonst noch kalt durch mich!" murmelt der Duckmäuser und knirscht mit den Zähnen.
"Der Spaniol ist ärger als die Apel, der Teufel soll ihm heute Nacht noch das Genick brechen!" sagt der Donat leise vor sich hin.
"Siehst du, Donat, die Constellation? Morgen gehts wieder ins schwarze Loch mit Hungerkost und Gänsewein, Alles von wegen der Strohlshagelsconstellation!" ... "O Vater, du Hornvieh, ich möchte dich noch unterm Boden auf den Grund schlagen, du bist schuld an Allem!"... seufzt der Patrik und kehrt sich auf die andere Seite.
"Wann, o wann hört der Lärm und Gestank dieser Marterhöhle für mich auf!" flüstert Martin der Wirthssohn leise vor sich hin und läßt einen tiefen Seufzer fahren, während die Augen trostlos durch die vergitterten Scheiben in die sternenleere, schwarze, traurige Regennacht hinausstarren.
Von jetzt an vernimmt man nur noch das Schnarchen des Murmelthieres aus dem Abgrunde der zerbrochenen Bettlade sammt dem Geschnarche eines halben Dutzends Anderer, die schwer gearbeitet oder den Schnupfen haben. Einige reden im Schlafe, weinen, fluchen, schlagen um sich und der schwere, schwüle Dunst dieses Saales tragt wohl dazu bei, auch die Traumwelt der Gefangenen mit wilden, düstern Gestalten und Bildern zu bevölkern. Aus jenem Verschlag im Hintergrunde, dem von Zeit zu Zeit Einer zuschleicht, wehen Moderdüfte über die Schläfer.
Wer auf der Eisenbahn zwischen der altberühmten Musenstadt Heidelberg und dem schönen Karlsruhe fährt, wird selten ermangeln, bei der Station Bruchsal nach einem großen Bau hinüberzuschauen, welcher gleichzeitig an die Pracht und an das Elend unseres Jahrhunderts mahnt.
Er sieht einige freundliche Häuser durch einen baumlosen Garten geschieden, in gleichen Abständen hinter einander stehend, an eine hohe graue Ringmauer sich anlehnend, die mit Thürmen besetzt ist, zwischen denen Schildwachen auf und abgehen. Vom Thore führt ein mit Schieferplatten gedecktes Gebäude einem Thurme zu, von dessen hohen Zinnen der Blick weithin durch die Rheinebene bis Mainz schweifen mag und von diesem Thurme mit seinen im Sonnenglanz blitzenden großen Fensterscheiben strahlen vier lange, aus röthlichen Sandstein errichtete Gebäude aus, alle gleich hoch, alle mit derselben Anzahl länglicher, vergitterter Fenster und Stockwerke versehen. Das Ganze erinnert an eine mittelalterliche Burg oder noch eher an die aus dem Revolutionskrater des Jahres 1789 verjüngt erstandene Bastille, welche aus dem Völkerbienenstock und Wespennest Paris in das stille, idillischschöne Rheinthal wanderte. Es lehnt sich an einen niedern Höhenzug, von welchem Weinberge, Obstbäume, Felder und Matten starr hinabschauen in das fremdartige, geheimnißvolle Leben, welches sich in den Höfen still und einförmig hin und her bewegt.
Diese mit großen Kosten, aber auch für Jahrhunderte errichtete Masse von Gebäuden, gleichsam den Anfang einer neuen und großartigen Vorstadt Bruchsals abgebend, bildet ein Ganzes, dessen Beschreibung uns um so mehr überzeugte, daß wir ein zu Stein gewordenes Abbild der Idee der Zweckmäßigkeit vor uns haben, je mehr jene ins Einzelnste einginge.
Hier ist wohl der einzige Platz in Deutschland. wo die Einzelnhaft mit jener Folgerichtigkeit durchgeführt wird, welche die Härten des amerikanischen Systems vermeidet, ohne den Grundgedanken der vollkommenen Trennung der Gefangenen zu beeinträchtigen.
Es ist ein Wunderbau und ein großer, fruchtbarer Gedanke in ihm lebendig geworden, der Gedanke, die Gesellschaft nicht nur vor ihren Feinden zu bewahren, sondern diese oft weit mehr unglücklichen als verbrecherischen Feinde zu beständigen Freunden der Menschheit und Gottheit zu machen.
Die ersten unvollkommenen Anfänge eines derartigen Baues entstanden in der Quäkerstadt jenseits des Meeres; die Ersten, welche das einzigrichtige Mittel ergriffen, um die für die Gesellschaft und die Verbrecher gleich großen Gefahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Sträflinge abzuwenden, waren Männer, welche noch heute zu den Edelsten unseres Geschlechts gezählt werden und deren Ruhm in einem bessern Jahrhundert den zweideutigen Ruhm der meisten Kriegshelden so hoch überfliegen wird, als der völkerbeglückende Geist christlicher Liebe über der finstern Gewaltthätigkeit thierischer Rohheit und Selbstsucht steht.
Noch niemals gab es eine große Erfindung, niemals blitzte ein ins Völkerleben eingreifender neuer Gedanke auf, wogegen sich nicht zahllose Widersacher erhoben hätten. Jede neue Erfindung und Einrichtung ist eine Kriegserklärung gegen diejenigen, welchen dadurch ins Handwerk gegriffen wird, deren Nutzen, Eitelkeit, Denkfaulheit, bequeme Gewohnheiten bedroht erscheinen. Ungefährlich werden die Liebhaber des alten Schlendrians, je mehr die Zeit eine neue Erfindung oder Einrichtung bewährt. Je weniger Bürgschaften für solche Bewährung vorliegen, desto schwankender, zweifelhafter, unentschiedener werden dann auch diejenigen sich verhalten, deren Besonnenheit und weitschauender Blick sich nicht damit verträgt, das schadhafte Alte mit ungeprüftem Neuen zu vertauschen, insbesondere wenn das Alte noch verbesserlich erscheint und das Neue nur mit großen Opfern und Gefahren eingeführt zu werden vermag.
In Amerika ist die Verwerfung gemeinsamer Haft längst entschieden und der Streit dreht sich dort nur noch um die Frage, ob die scheinbare und halbe Trennung der Gefangenen durch das sogenannte Schweigsystem oder die wirkliche und vollständige durch das System absoluter Vereinzelung räthlicher und fruchtbringender sei, eine Frage, welche auffallend erscheinen würde, wenn man nicht wüßte, daß die Erfahrung viele Bedenken, Vorurtheile und Gefahren der einsamen Haft wirklich oder scheinbar bestätigte.
Einerseits wurden die Forderungen und Erwartungen zu hoch gespannt, anderseits die Leistungen zu gering befunden, weil eben die Lösung der Frage der einsamen Haft nur durch Versuche allmählig geschehen und dabei nicht leicht vermieden werden kann, daß verkehrte Maßregeln und untaugliche Leute den Vielen Waffen in die Hand geben, die das Kind gerne mit dem Bade ausschütten.
England und Frankreich mit andern Ländern, in Deutschland Preußen voran scheinen von der Unverbesserlichkeit der gemeinsamen Haft längst überzeugt; jenes sendet seine Verbrecher mit altgewohntem Krämergeiste baldmöglichst nach Australien, um jene einst so glücklichen Eilande mit dem Gifte europäischer Verdorbenheit zu beglücken und sich selbst das zweibeinige Ungeziefer weit vom Leibe zu schaffen; die Franzosen ergriffen den Gedanken der einsamen Haft mit gewohnter Lebendigkeit und führten ihn an manchen Orten ins Leben, doch einerseits würde die allgemeine Einführung der Zellenhaft viele Millionen verschlingen und anderseits tobte die federnmordende Feldschlacht zwischen Liebhabern des Schweigsystems und der Zelle, wobei sich die Anhänger des Alten und Bestehenden vergnüglich die Hände rieben und sich hinter das Flicken machten.
In Preußen zunächst, wo die Regierung auch im Gefängnißwesen Großes leistet und wacker für Vereine für entlassene Gefangene kämpfte, hat der edle Julius insbesondere eifrig gewirkt für einsame Haft. Es wurden Zellengefängnisse nach englischem Muster gebaut, die folgerichtige Durchführung der einsamen Haft leider auch nach englischem Muster aufgegeben. Einzelne in andern Ländern redeten und schrieben Vieles von bisher unentdeckten Verbesserungen der gemeinsamen und noch weit mehr von der abscheulichen Kostspieligkeit und der menschenmörderischen Abscheulichkeit der Einzelhaft.
In allen Ländern Europas erhoben sich die edelsten und gelehrtesten Männer für seltener auch gegen die Einrichtung, gegen deren Einführung der Kostenpunkt die einleuchtendste und beliebteste Einwendung blieb.
Daß in einer so wichtigen Frage nicht nur die Vernunft, sondern manchmal auch die Leidenschaft im Humanitätsmantel das Wort ergriff, viel Sinnloses, Unwahres und Lächerliches zu Tage gefördert, Mücken zu Elephanten gemacht und die altberühmten Hochschulen des Lasters, nämlich die alten Zuchthäuser als wahre Tugendschulen angerühmt wurden, versteht sich von selbst und mehr als Einer brütete ein sogenanntes "System" aus, das auf den Gedanken hinauslief: "wenn alle Gefängnißbeamte meine Erfahrung und meinen Geist hätten, um meine Klassen unfehlbar durchzuführen, dann wäre aller Noth ein Ende gemacht!" Hätten doch diese "Systematiker" ins eigene oder ins nächste beste Eheleben hineingeschaut, wo die Gewohnheit des Umganges gegen Schattenseiten der Gatten und Kinder abstumpft, dann bedacht, daß ihre Pfleglinge Leute voll Irrthümer, Fehler, Leidenschaften und Laster, das vom Gesetz erzwungene Beisammenleben ein vielköpfiges, leidenvolles und verdrießliches, jedes gute Beispiel von vornherein ein zweideutiges sei, sie würden endlich doch den eigentlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, die unabwendbare mehr oder minder völlige Abstumpfung gegen Recht, Sitte und Religion gemerkt und endlich eingesehen haben, daß die Besserung nicht aus Tabellen der Rückfälligen bewiesen werde, für schlechte Gesellschaft kein Kräutlein gewachsen sei und ein schlechter Kerl der Gesellschaft schweren Schaden bringen könne, ohne deßhalb wiederum den Männern des Rechts in die Haare zu gerathen.
Nicht zweideutige Listen von Rückfälligen, sondern getreue und gewissenhafte Berichte über das Leben und Treiben aller Entlassenen möchten entscheiden, ob die Besserung in gemeinsamer Haft kein Unding und in einsamer kein schöner Traum gutmüthiger Menschenfreunde sei! ...
In Preußen wie in Baden sind die Strafanstalten, in welchen gemeinsame Haft besteht, wohl so gut eingerichtet und verwaltet, als in Baiern oder anderswo, in manchen Dingen vielleicht noch weit besser, obgleich kein großes Geschrei damit gemacht wird—doch die uralten Erbschäden jener Haftart lassen sich nie und nimmermehr beseitigen. Was unser Baden insbesondere betrifft, so lese man den vortrefflichen Commissionsbericht Welkers, die Verhandlungen in den Kammern der Landstände, die Schriften der Herren Mittermaier, v. Jagemann, Diez und Anderer, um sich zu überzeugen, daß die badische Regierung sich ein Verdienst um die deutschen Lande, um die Menschheit und bei Gott erwarb, als sie das Zellengefängniß in Bruchsal erbaute und einrichtete, welches jetzt über 5 Jahre Gefangene beherbergt und die einsame Haft, wie dieselbe in Deutschland sich durchführen läßt, unter den mißlichsten Umständen zu Ehren bringt.
Bestände die Besserung darin, daß die Gefangenen sich nicht beim Uebertreten der Hausordnung erwischen lassen und fleißig arbeiten, dann wäre es unnöthig gewesen, ein kostbares Zellengefängniß nach dem Muster von Pentonville aufzubauen, weil Folgsamkeit und Fleiß bei der überwiegenden Mehrzahl der Gefangenen jeder nicht ganz unmenschlich und hirnlos geleiteten andern Anstalt angetroffen werden.
Der großartige Bau zu Bruchsal hat großartige Summen gekostet, die Unterhaltung der Anstalt bleibt kostspieliger als diejenige eines andern Zuchthauses, wiewohl der Gewerbebetrieb in einer Weise blüht, wie nirgends, deßhalb wird die Frage entstehen, ob die Früchte solcher Opfer werth seien?
Die Thatsache, daß es Rückfällige gibt, möchte verleiten, die Frage mit Nein zu beantworten und vom Versuchen mit der einsamen Haft abschrecken, allein nicht die Thatsache an sich, sondern die Ursachen derselben werden entscheiden und je weniger einerseits diese Ursachen in einem notwendigen Zusammenhange mit dem Grundsatze des Einzelsystems stehen, je unläugbarer anderseits die erfreulichen Folgen des Systems vorwiegen, desto mehr wird man obige Frage mit Ja beantworten müssen.
Weßhalb?
Kehren wir zu unsern Geschichten zurück.
Ein kalter, nebliger Herbstmorgen schaut über das Rheinthal, die Thurmuhren von Bruchsal schlagen halb fünf Uhr und lange Reihen erleuchteter Fensterchen leuchten in die nächtliche Gegend hinaus und erregen wehmüthige Gefühle dem Menschenfreunde, der die dunkeln Umrisse des Zellengefängnisses bei der Wanderung aus Bruchsal gen Ubstadt erkennt oder den langgedehnten Ruf der Schildwachen vernimmt, der klagend von der hohen Ringmauer herabtönt. Hinter jedem dieser vergitterten Fenster lebt ein menschliches Wesen, ein Lebendigbegrabener und büßt viele Monde, viele Jahre, vielleicht sein ganzes Leben lang eine That, der Du Dich vielleicht unter gleichen oder auch nur ähnlichen Lebensverhältnissen ebenfalls schuldig gemacht hättest. Er lebt einsam und wie viel liegt in dem Worte einsam!
Auch Du liebst zuweilen die Einsamkeit, hast wohl Zimmermanns schönes Buch über dieselbe gelesen, doch vor gezwungener beständiger Einsamkeit schauderst Du zurück, denn Du weißt ohne den Hugo Grotius jemals gelesen zu haben, der Mensch sei keineswegs für ertödtende Einsamkeit, sondern für die Gesellschaft geboren, er werde nicht durch Vereinzelung sondern durch Mithülfe seiner Nebenmenschen Mensch.
Kurzsichtiges Wohlwollen macht Dich geneigt, den Gegnern der einsamen Haft beizustimmen, wenn dieselben predigen, solche Haftart sei "unseres Jahrhunderts und der Menschheit unwürdig!"
Für Jeden, der niemals selbst gefangen war, bleibt es schwer, sich in die Lage eines Gefangenen und vor Allem eines Zellengefangenen vollständig hineinzudenken; in dieser Schwierigkeit finden wir den vornehmsten Grund, weßhalb es zahlreiche Gegner der Einzelhaft gibt und weßhalb manche Wortführer derselben mit den aberwitzigsten Behauptungen und krassesten Vorurtheilen Anklang bei hochgebildeten, religiösgesinnten und einflußreichen Leuten, geschweige beim gewöhnlichen Volke finden.
Die Durchführung der einsamen Haft ist eine Aufgabe, deren Lösung nur allmählig geschehen und je nach den Eigenthümlichkeiten eines Landes und Volkes sich mehr oder minder eigenthümlich gestalten wird.
Sklavische Nachahmung ausländischer Gefängnisse mögen in Verbindung mit der sorglosen Wahl der Beamten und Aufseher der guten Sache der Einzelhaft bisher wohl den meisten Eintrag gethan und in Preußen vielleicht den hauptsächlichsten Anlaß zur Verpfuschung des Systems abgegeben haben.
Das Zellengefängniß zu Bruchsal wurde bekanntlich nach dem Muster von Pentonville erbaut und eingerichtet, doch sahen wir mit eigenen Augen, wie sehr alle gemachten und reifenden Erfahrungen benutzt und allmählige Verbesserungen eingeführt wurden, welche namhafte Verschiedenheiten zwischen dem englischen Muster und dem deutschen Abbilde begründen.
Der Duckmäuser lebt seit 4 Monden in einer Zelle, sein Haß gegen den Spaniolen führte den Anlaß zur Versetzung dieses langjährigen Gefangenen herbei; mit düstern Ahnungen sah er die eiserne Thür der Bruchsaler "Bastille" hinter sich schließen, doch seine Ahnungen haben sich diesmal nicht erfüllt, vielmehr hat die einsame Haft einen Schimmer von Glück über das Stillleben dieses Unglücklichen verbreitet. ...
Schlag halb 5 Uhr erwachte er aus einem erquickenden Schlafe, sprang aus dem Bette, dessen Seegrasmatratze ihm trotz der Härte ganz anders mundet, als das ebenfalls harte und bald zerriebene Stroh seiner altgewohnten Lagerstätte.
Während er sich bemüht, Kopfpolster, Leintücher und Teppich in die vorgeschriebene Ordnung zu legen, vernimmt er den Wiederhall der Wasserkrüge, welche der Hausschänzer draußen auf dem Gange auf die steinernen Platten stellt, das sich stets wiederholende Rauschen des Brunnens, die Schritte des Aufsehers, der eine Zelle nach der andern aufschließt.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, der Aufseher tritt mit der Lampe herein, zündet das Licht an, welches auf dem eichenen Tische steht, ergreift die vordere Stange des in starken Riemen hängenden Bettes, schließt dasselbe an die Wand, wodurch der Raum der Zelle um ein Namhaftes vergrößert wird und entfernt sich mit dem Wasserkruge des Gefangenen.
Dieser schließt zunächst den aus 2 Tafeln bestehenden Tisch—die vordere dieser Tafeln ist mit schwarzem Firniß überzogen und man sieht darauf die Figuren des pythagoräischen Lehrsatzes sammt den halbverwischten Zahlen einer Rechnung—ebenfalls an die Wand, thut Gleiches mit dem Bänkchen, welches ziemlich unzweckmäßig unsern Benedict zwingt, dem durch das Fenster herabdringenden Lichte den Rücken zu kehren und während er einige Augenblicke in den sternenlosen Nebelmorgen hinausblickt, benützen wir die Zeit, um uns ein bischen in diesem Raume umzuschauen.
Die Zelle ist hoch und bildet ein längliches Viereck, dessen gewölbte Decke gut geweißelt, dessen Wände mit hellem Grün angestrichen sind und dem Bewohner gestatten, 8-9 Schritte in die Länge und 4 in die Breite zu thun, wenn es denselben beliebt, in gerader Richtung zu gehen anstatt durch die schräge den Weg zu verlängern. Rechts von der Thüre ist das Bett an die Wand angeklappt, weiter hinten befindet sich ein Kleiderrechen, dort hängt am Nagel ein langer Stock, vermittelst dessen der Gefangene in den Stand gesetzt wird, den obern Flügel seines Fensters beliebig zu öffnen. Die Fensterscheiben sind gut verbleit, die obern hell und rein, die untern hie und da von geripptem oder geblendetem Glase.
Ein Schrank steht auf der entgegengesetzten Seite links von der starken, rothbraun angestrichenen Thüre, an der sich ein Glockenzug, oben die eingeklammerte Nummer der Zelle, unten eine Vorrichtung befindet, welche Jedem gestattet, die ganze Zelle von Außen zu überschauen, während der Gefangene nichts davon bemerkt, sich folglich in jedem Augenblicke beobachtet glauben darf. Der Schalter in der Thüre bleibt geschlossen, wenn der Aufseher nicht etwa Essen und Trinken oder Werkzeuge hereingibt und die Thüre selbst kann nur von Außen geöffnet werden. Oben auf dem genannten Schranke stehen Schreibmaterialien und Bücher, im obersten Gesimse desselben der Wasserkrug, an welchem gleichfalls die Zellennummer hängt, unten ein kleiner Verschlag, in welchem die Eßgeräthe sammt dem Brode verschlossen werden, unten dran steht eine blecherne Waschschüssel; Seife und Kamm liegen neben Aufputzlumpen und zur Seite hängt ein Kehrwisch sammt Schäufelchen. Hinter dem aufgeklappten Tische und Bänkchen steht eine Hobelbank und der übrige Theil der Zelle wird durch Bretter, Klötze, Werkzeuge und angefangene Arbeiten aller Art ausgefüllt. Erwähnen wir noch, daß die Hausordnung an der Wand durch einen grünen Lichtschirm theilweise bedeckt wird und unter derselben ein biblischer Kalender sammt einem Stundenplan für Schule und Kirche hängt, so haben wir so ziemlich alle Gegenstände beschrieben, die sich im Bereiche des Duckmäusers befinden, wenn wir die mit Draht eng übersponnenen Oeffnungen für frische und erwärmte Luft nicht vergessen, welch' letztere Oeffnung durch einen Schieber von Eisenblech beliebig geöffnet und geschlossen werden kann.
Numero Hundertzehn, wie der Vatermörder fortan heißen soll, hat sich gewaschen, vielleicht ein leises Gebet dazu gemurmelt und hängt das Handtuch an den Rechen, als der Aufseher den Schalter öffnet und den gefüllten Wasserkrug hereingibt. Jetzt wird die bekannte Stimme eines Obermeisters im Gange hörbar, der Gefangene spitzt die Ohren und ergreift einen Hobel oder eine Säge oder den Polierlumpen, um an seine Arbeit zu gehen.
Um 6 Uhr rufen die Schildwachen auf der Ringmauer abermals ihr eintöniges Wer da; draußen wird es heller und heller, die Spatzen jagen sich bereits aus ihren Nestern, zwitschern vor dem Fenster ihren Morgengruß herein; das Oeffnen schwerer Thüren, das Fahren eines Wagens, die Frühmeßglocken gewähren dem Ohre des Gefangenen hinreichende Beschäftigung, abgesehen vom Geräusche der Arbeit, den Schritten des über dem Kopfe weggehenden Mitgefangenen, dem Lärm im Gange, dem zeitweiligen Geschelle, welches die Gefangenen eines andern Flügels oder Stockwerkes in den Spazierhof einladet.
Abermals öffnet sich der Schalter, der Aufseher reicht ein halbes Laiblein gutgebackenen, schmackhaften Brodes herein, Nro. 110 langt aus dem Verschlage ein stumpfes Messer sammt Salzbüchse, beginnt zu essen und während er kaut, löscht er die Lampe aus, in welcher eine Mischung von entwässertem Spiritus und Terpentin den Brennstoff bildet, betrachtet den Kalender und streicht ruhig den gestrigen Tag durch—der lebenslänglich Verurtheilte träumt von dereinstiger Befreiung und hat seine Gefängnißtage zählen gelernt, er glaubt, daß ihn jeder Strich im Kalender der schon 10 Jahre entbehrten Freiheit näher bringe:
Die Welt wird alt und wieder jung! Der Mensch hofft immer Verbesserung!
Jetzt läutet's auch hier in den Hof. Nro. 110 schließt den Schieber der Luftheizung, öffnet das Fenster, zieht den Zwilchkittel an über das wollene Unterwammes, ergreift die blecherne Nummer ob der Thüre, hängt dieselbe in ein Knopfloch und setzt eine blauwollene Mütze auf, deren mit 2 Augenlöchern verzierter Schild herabgelassen werden muß und den größten Theil des Gesichtes bedeckt, so daß kein Gefangener das Angesicht des Andern zu sehen im Stande ist. Diese Mütze macht unstreitig einen peinlichen Eindruck auf fremde Besucher und in der ersten Zeit auch auf den Gefangenen, doch ist letzterer bald daran gewöhnt und während der Schaden nicht zu finden ist, welchen diese Mütze bringt, läßt sich ihr Nutzen desto besser absehen und wozu ohne Noth Etwas beseitigen, was für den Grundsatz der vollkommenen Trennung der Gefangenen wesentlich ist? Man hat zwar noch niemals erlebt, daß die Leute einander durch ihr bloßes flüchtiges Anschauen mit ihren Fehlern anstecken und läßt sich nicht läugnen, daß ein Zellenbewohner den vor ihm Hergehenden möglicherweise trotz der Maske am Gange und den Umrissen der Gestalt erkennt, allein Dreierlei läßt sich ebenfalls nicht läugnen, nämlich daß erstens die Maske jedenfalls dazu beiträgt, Anknüpfung von Bekanntschaften zu erschweren, ferner den Gefangenen vor den Blicken neugieriger Besucher der Anstalt beschützt und endlich den großen Vortheil bietet, daß er nach der Entlassung nicht leicht Zuchthausbrüder trifft, welche ihn erkennen und in unangenehme oder gefährliche Lagen versetzen.
Zudem trägt der Gefangene die vielbeschrieene Maske, die von Dickens überschwänglicher Einbildungskraft seltsam genug ein "Grabhemd" genannt wird, nur auf dem Wege in Hof, Badzellen, Schule oder Kirche, somit selten länger als einige Minuten.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, Nro. 109 ist bereits 10-15 Schritte voraus und 110 folgt ihm in der Art, daß der Abstand vom Hintermann 111 ebensoviele Schritte beträgt.
Lauernd steht der Aufseher des dritten Stockwerkes an einem Platze, von wo aus ihm nicht die leiseste Bewegung der in den Spazierhof gehenden Bewohner des ersten Stockwerkes zu entgehen vermag und wenn Einer seine Schritte nicht gehörig beschleunigt oder gar Lust zum Umherschauen zeigt, verweist ihn die Stimme des Aufpassers augenblicklich in die Schranken der Hausordnung.
Nro. 110 eilt durch den Gang die Treppe hinab in den Hof. Eine frische Morgenluft weht von den Hügeln herüber, dessen Bäume mit ihren vielfarbigen Blättern, dessen Weinberge und blumenlose Wiesen ihn an die Herbstmorgen auf dem Lande mahnen. Krächzend eilen einige Raben dem Walde zu, er hört das Krähen einiger Hähne in der Nachbarschaft, das unaufhörliche Gezänke zahlreicher Vögel im Hofe und auf dem Dache. Die Bäume, Sträucher und Blumen, die Holzstöße und Faßdaubenpyramiden im Hofe dieses Flügels— dieser ganze Anblick gewährt einen Schimmer von Freiheit.
Schon ist Nro. 110 in das runde Häuschen eingetreten, von welchem die zahlreichen, etwa 10´ hohen Mauern der Spazierhöfe ausstrahlen, welche vielleicht mit einer versteinerten Sonnenblume verglichen werden können, deren meiste Blätter in regelmäßigen Zwischenräumen herausgerissen wurden.
Nro. 110 eilt in den bereits offenstehenden, für ihn bestimmten Spazierhof, dessen eine Mauer mit einem ziemlich langen Regendache von Eisen, dessen beide Mauern an ihrer Mündung durch ein hohes eisernes Gitter verbunden sind und dessen Boden mit gelblichem Sande aufgefüllt ist.
Eifrig eilt er zwischen dem Gitter und dem geschlossenen Thürchen hin und her, schaut zuweilen nach den Wolken, die grau und schwerfällig gegen Westen ziehen, nach der Schildwache, die in ihren Mantel gehüllt still und stumm von der Ringmauer herabschaut, um den visitirenden Korporal oder die Ablösung zu erwarten oder nach dem Zellenflügel, dessen Fenster im matten Scheine des über die Berge schauenden Morgenrothes schimmern oder er verfolgt den trägen Gang der Spinne, eines andern Insectes, welches an der Mauer herumkriecht.
Oben in seinem Häuschen hört er den Aufseher hin- und hergehen, der alle Spazierhöfe und Spaziergänger mit Einem Blicke oder Einer Wendung überschaut, hört die eiligen Schritte der Nebenmänner und diese Art von Mittheilung ist wohl die einzige, welche in den Spazierhöfen stattfindet.
Die Wände zu verschreiben, Zettel in den nächsten Hof zu werfen, ein Duett im Husten anzustimmen sind Dinge, welche so wenig ungeahndet bleiben, als wenn Einer von seinem Zellenfenster in den Hof herabschaut.
Jetzt wird geschellt, die halbe Stunde des Spazierganges ist vorüber, in derselben Ordnung, wie die Gefangenen gekommen, gehen sie auch wieder in ihre Zellen zurück.
Nro. 110 hat Fenster und Thüre offengelassen, die Zelle ist vollständig gelüftet, er schlägt die Thüre zu und geht daran, den Boden zu reinigen, der aus Ziegelplatten besteht. Durch das viele Gehen löst sich von diesen Ziegelplatten ein feiner Staub ab, der jedoch nur dann sehr ungesund werden mag, wenn der Zellenbewohner ein unreinlicher Bursche ist, was bei den Falkenblicken des Obermeisters und Aufsehers nicht wohl angeht.
Unser Gefangener reinigt die Zelle, schließt das Fenster, öffnet den Schieber der Luftheitzungsöffnung aus welcher eine wohlthuende Wärme herausströmt und geht dann wieder an seine Arbeit.
Abermaliges Schellen, das Zuschlagen der Schalter der Zellenthüren verkündiget die Austheilung der Morgensuppe; Nro. 110 rüstet sein Schüsselchen, der Aufseher öffnet den Schalter, füllt dasselbe und schlägt rasch wieder zu, um weiter zu gehen.
Der Zellenbewohner ißt und arbeitet dann mehrere Stunden; von Zeit zu Zeit tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein und bleibt einige Augenblicke, um Etwas anzuordnen oder nachzuschauen.
Um 10 Uhr öffnet sich die Thüre, der Director mit seinem freundlichen, wohlwollenden Gesichte tritt herein.
Jene Art von Besuchen, wie sie in England gang und gäbe sind, wo der Aufseher die Thüre aufreißt, der Beamte sein stereotypes: "is all right?" herabschnurrt und sofort weiter geht, wenn der Gefangene nicht ein besonderes Anliegen vorzubringen hat—solche Besuche, welche lediglich einer polizeilichen Controlle entsprechen, sind für den Gefangenen fast werthlos, für den Beamten sehr bequem, in Bruchsal glücklicher Weise unbekannt.
Besuche der Beamten tragen hier den Charakter einer Wohlthat an sich, sind ein mächtiges Mittel der Erholung, geistigen Anregung, Bildung, Versöhnung mit der Strenge des Schicksals und der Gesetze, der Besserung. Täglich in viele Zellen eilen, welche die verschiedenartigsten Menschen beherbergen, die verschiedenartigsten Gemüthsstimmungen antreffen, sich Lunge und Leber herausreden, aus verschiedenartig erwärmten Zellen in die eisige Zugluft der Gänge hinaustreten, Gerüche aller Art und Staub ebenfalls einathmen—es ist ein Geschäft, das im Laufe weniger Jahre die Gesundheit des kräftigsten Mannes erschüttert, ein Geschäft, welchem sich schwerlich Einer unterzöge, der nicht eine bedeutende Portion ursprünglicher Menschenliebe im Herzen hat.
Was bei andern Gefangenen selten oder nie der Fall sein wird, ist bei Zellenbewohnern der Fall: die ins Einzelnste gehende Controlle jedes Einzelnen, das Lesen seiner Untersuchungsakten, Briefe und Besuche unter vier Augen gewähren dem einsichtsvollen Beamten eine mehr oder minder vollständige Kenntniß jedes einzelnen Gefangenen.
Dieser müßte ein Heuchler erster Größe sein, wenn er mondenlang, jahrelang eine falsche Rolle spielen, sich nicht unwillkürlich in seinen Reden, Geberden, Handlungen als derjenige zeigen sollte, welcher er wirklich ist. Er wird offen, vertraulich, manchmal bis zur Unverschämtheit offen und vertraulich gegen die Beamten aus dem ganz einfachen und einleuchtenden Grunde, weil er keine andere Gesellschaft hat. Wo Sträflinge beisammen leben, kann der Beamte sich nicht leicht mit Einzelnen besonders abgeben, muß Einen wie den Andern behandeln und der Gefangene findet gar keinen Grund, weßhalb er einem Beamten Blicke in sein Innerstes gestatten, sich dadurch in den Augen desselben herabsetzen sollte, zumal das natürliche Interesse ihn auffordert, nur seine Lichtseiten leuchten zu lassen, um sich Wohlwollen zu erwerben. So gewöhnlich Verstellung und Heuchelei in gemeinsamer Haft sind, so leicht eine mehr oder minder falsche Rolle hier mit Glück gespielt werden mag, weil der in der Heuchelei liegende Zwang nur ein sehr vorübergehender ist—so selten mag in Zellengefängnissen in die Länge und mit Glück geheuchelt werden. Es wird für den Zellenbewohner zur psychologischen und moralischen Nothwendigkeit, sich so zu geben, wie er ist und dieses setzt die Beamten in Stand, Jeden nach seiner eigenthümlichen Art und Weise zu behandeln. Je mehr aber Einer nach seiner Art und Weise behandelt wird, desto mehr wird er uns seine Zuneigung und sein Vertrauen zeigen.
Durch nachläßige, taktlose oder unmenschliche Behandlung der Zellenbewohner von Seite der Beamten und Angestellten mag wohl die gute Wirkung des Einzelsystems sich häufig genug in das Gegentheil verkehrt haben und man bürdete dem System die Schuld untauglicher Angestellten und Beamten auf, nicht zu vergessen des Wahnes, man bedürfe keiner besondern Bildung, um als Beamter unter Sträflingen zu wirken, könne jeden Schreiber und Tabellenheld dazu brauchen ... Ein geistreicher und berühmter Rechtsgelehrter sagte uns vor einiger Zeit, die einsame Haft sei eine "Pferdekur;" wir stellen Solches keineswegs in Abrede, meinen jedoch, bei Menschen, welche mehr oder weniger Thierisches und Unterthierisches an sich tragen, schade eine Pferdekur wenig und der Schmerz derselben werde um so erträglicher und fruchtbringender, heilsamer, je geschickter der Arzt sei!
Der Duckmäuser ist heute verstimmt, der Morgen ist so trüb und unfreundlich, Wind und Wetter, die verschiedenen Zeiten des Tages und der Nacht, des Jahres, manchmal auch der Wechsel des Mondes üben einen so großen Einfluß auf das Gemüth Einsamlebender aus!
Er thut heute, was er als alter Gefangener selten oder niemals zu thun pflegt, fängt nämlich an, nachdem er eine kleine Abhandlung über eingelegte Schreinerarbeit zum Besten gegeben, über die lange Dauer seiner Gefangenschaft zu reden und von der Wahrscheinlichkeit, daß er wohl hier sterben müsse.
Die Hausordnung gibt jedem andern Gefangenen Hoffnung auf Berücksichtigung von Gnadengesuchen, wenn die Hälfte der zuerkannten Strafe überstanden ist —doch was geht dies einen Gefangenen an, dessen Todesstrafe in lebenswieriges Gefängniß umgewandelt wurde? Für ihn ist die Zelle in der That ein Sarg, er ist ein Lebendigbegrabener und dennoch bleibt er ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, denkt lieber an die Erde als an den Himmel und findet in den Besprechungen dieses einen Ersatz für die Entbehrung der Genüsse, welche jedem Bettler zu Gebote stehen.
Die Einsamkeit vermehrt den Alpdruck des vernichtenden Wortes: "lebenswierige Gefangenschaft", er hat die Bedeutung dieses schauerlichen Wortes erst in neuerer Zeit recht fühlen gelernt!
Was soll der Director thun? Dem Unglücklichen den Schein jeder Hoffnung nehmen und die düstere Stimmung desselben vermehren? Nein, er redet von der Möglichkeit dereinstiger Befreiung, von Auswanderung nach Amerika und scheidet aus der Zelle, einen Glücklichen hinter sich zurückzulassen.
Numero Hundertzehn schaut ihm gerührt nach; ist dieser auch nicht im Stande, ihn dereinst zu befreien, so wünscht er doch, dieses thun zu können; Theilnahme und Wohlwollen eines Freien und Glücklichen sind aber für den Gefangenen unschätzbare Güter und die Hoffnung stirbt erst mit ihm.
Er steht vor dem Kalender, trägt nicht übel Lust, den heutigen Tag roth anzustreichen, doch läßt er es bleiben und greift frischer und muthiger als je nach seinem Hobel und je näher die Einbildungskraft das Jahr der Befreiung herbeizaubert, desto ärger hobelt er darauf los!
Abermaliges Schellen, Aufschließen der Zellenthüren, Herausmarschiren vieler Gefangenen. Es ist eilf Uhr, heute wird Religionsunterricht für Katholiken ertheilt, die Religionsstunde der Evangelischen ist bereits vorüber. Bald kommt die Reihe des Marsches an Numero 110; noch einige eilige Hobelstöße, dann rüstet er sich wieder aus, wie zum Gange in den Hof, jetzt öffnet sich die Thüre abermals und 110 eilt 109 nach durch den Gang, viele scharfbewachte Stiegen hinauf in die Kirche.
Die amphitheatralisch gebaute Kirche des Zellengefängnisses zu Bruchsal zu beschreiben, wäre zu weitläufig; es genügt zu wissen, daß jeder Gefangene seinen besondern Verschlag hat, eine Art Miniaturzelle, welche ihm das Sitzen, Knieen und Stehen gestattet und so eingerichtet ist, daß Keiner den Andern, Jeder den Altar, die Kanzel, den Priester, einzelne Aufseher zu sehen vermag, denen keine seiner Bewegungen entgeht.
Numero 110 hängt die Zellennummer an ihrem bestimmten Platze auf und bald erscheint der Geistliche auf der Kanzel, um den Religionsunterricht zu beginnen.
Derselbe pflegt gewöhnlich in einer Reihe zusammenhängender Vorträge dieses oder jenes Buch des neuen Testamentes zu erklären, doch seit einiger Zeit belehrt er über die heiligen Sakramente der Buße und des Abendmahles und macht den klaren, schönen Vortrag durch das Einmischen von Stellen aus den Werken namhafter Gottesgelehrten noch anziehender, nicht ohne die Einwendungen und Angriffe der hauptsächlichsten Gegner der katholischen Lehre zu berühren und mit jener eindringlichen Ruhe abzuweisen, welche die Frucht eigener tiefer Ueberzeugung ist.
Heute behandelt er insbesondere die wahrhafte, wirkliche und wesentliche Gegenwart Christi im Abendmahle, eine Lehre, welche Allen, die die Liebe nicht vollkommen verstehen oder die Wirkungen dieses hochheiligen Sakramentes nicht an sich selbst empfunden haben, unbegreiflich, sinnlos, ja als eine Herabsetzung und Entwürdigung Gottes erscheint, während die Andern den Triumpf der Religion in ihr vollendet sehen.
"Will gar nicht verlangen, daß Gott mit mir Eins und ich selbst dadurch gottähnlich werde, dürfte ich nur menschenähnlich sein und beim Straßenbasche als der ärmste Taglöhner leben! ... Um mich hat sich Gott niemals bekümmert, Seine Liebe und der Fluch meines Lebens reimen sich nicht zusammen! ... Wenn der Pfarrer wieder kommt, soll er eine harte Nuß zum Aufbeißen haben!" ... denkt der Benedict, während der Geistliche verschwindet, die Verschläge nach einander wiederum geöffnet werden und er die Schneckenstiegen hinab in den Gang und in seine Zelle marschirt.
Der Geistliche eines Zellengefängnisses hat besondere Vortheile vor andern Gefängnißgeistlichen. Erstens kann er die ganze Religionsstunde seinem Vortrage widmen und den Stoff desselben verdoppeln und verdreifachen; zweitens kommt er zu jedem einzelnen Gefangenen, spricht mit diesem unter vier Augen und kann sich vom Eindrucke überzeugen, welchen sein Vortrag machte, denselben wiederholen, ergänzen, vertheidigen, bei Neueingetretenen mit Früherm vermitteln; drittens endlich ist er keinen Verdächtigungen und Verleumdungen ausgesetzt, während der Sträfling so wenig von Hohn und Spott als von falscher Schaam weiß, dazu Zeit und Gelegenheit besitzt, Etwas für seine religiöse Ausbildung zu thun und zudem die Gedanken, welche sich ihm während der Religionsstunde aufdrängten, in der Einsamkeit nicht anhaltend zu verscheuchen vermag.
Bei Leuten, welche nur für kurze Zeit verurtheilt sind, mögen Gleichgültigkeit oder Leichtsinn die Oberhand behalten, bei Solchen, welchen die Liederlichkeit und Gottverlassenheit zur zweiten Natur geworden, mag die Religion der Liebe manchmal als Religion des Schreckens wirken und mancher alte Sträfling mag bleiben, was er längst geworden oder stets gewesen ist.
Von der Stadt herüber läuten die Mittagsglocken, die ablösende Wachmannschaft eilt gemessenen Schrittes über die Ringmauer. Schon beim Gang aus der Kirche stieg ein vielversprechender Duft aus der Küche des Mittelgebäudes, jetzt ertönt ein mehrstimmiges Schellen, dann das Klirren der Eßkessel und Schöpflöffel und der eilige Schritt der Aufseher, welche sich in der Küche sammeln, um die Portionen für ihre Pflegbefohlenen abzuholen. Heute ist kein Fleischtag.
Jeden andern Tag prangt ein winziges Stücklein Fleisch in der zinnernen Schüssel, ein Spatz vermöchte es bequem im Schnabel fortzutragen und doch bleibt Etwas immer besser als Nichts.
"Suppe!" Der Benedict hebt sein Schüsselchen unter den Schalter, der Aufseher schöpft ihm seine Portion aus dem Kessel, schlägt den Schalter zu und geht weiter.
Die Suppe, eine gute schmackhafte Reissuppe, ist noch sehr heiß, aber sie muß schnell gegessen werden, denn der Aufseher wird gleich mit der Hauptspeise da sein.
Heißes Essen schadet den Zähnen, Zuwarten kann dem Magen schaden, unter zwei Uebeln wählt ein gescheidter Mensch das kleinere, deßhalb ißt der Benedict die heiße Suppe.
"Hersch!—Hersch!" rufts im Gange.
"O jerum!" jammert unser Esser und weiß weßhalb. Der "Hersch" ist nichts anderes als Hirsebrei, eine im badischen Unterlande gewöhnliche Speise der Armen, im Zuchthause zu Freiburg wie überhaupt im Oberlande unbekannt und der Benedict mag nun einmal den fatalen "Hersch" nicht.
"Hersch!" ruft der Aufseher vor dem Schalter und bald ist das Schüsselchen gefüllt. Auch diese Speise ist noch heiß, allein sie hat keinen Nachfolger mehr und was der Benedict morgen nicht thun wird, weil er morgen Knödel bekommt, vor denen übrigens ein guter Baier das Kreuz machte, das thut er heute, stellt nämlich das Schüsselchen auf den Schrank, um den Brei kalt werden zu lassen und später zu essen.
Bevor die Anstalt Bruchsal die Kost für Gefangene, Kranke und Aufseher selbst bereitete, war sie für die erstere manchmal herzlich schlecht und zudem bekam der Zellengefangene Ursache, besonders nach den schönen Brodlaiben Freiburgs zu seufzen.
Dort wird jetzt die Kost und hier noch immer das Brod von der Anstalt unmittelbar bereitet, in beiden Fällen profitirt der Staat sammt den Gefangenen.
Wie mancher Kostgeber ist schon durch augenlose Gefängnißsuppen reich geworden, wie unzuverlässig ist die strengste Controlle, wenn Beamte und Angestellte nicht zuverlässig und gewissenhaft sind!—
Numero 110 klappt den Tisch an die Wand, das Vorderblatt desselben ist eine schwarz lakirte Schultafel, er greift zur Kreide, vertieft sich in den pythagoräischen Lehrsatz und berechnet alsdann, wieviel Kubikzoll die Commode enthalten werde, welche unter seiner kunstfertigen Hand entstehen soll.
Todtenstille herrscht minutenlang ringsum, die meisten Aufseher sind den Beamten zum Essen nachgeeilt, aber wenn Jemand im Mittelbau eine Schüssel fallen läßt oder sich nur herzhaft schnäuzt, können es sämmtliche Bewohner der vier großen Flügel und die Nächsten so deutlich als die Fernsten vernehmen. Wenn der Spruch: Wände haben Ohren—irgendwo gültig und die Allwissenheit der Beamten irgendwo mehr als Redensart ist, so wird dies sicher in einem Zellengefängnisse der Fall sein. Auf ihren Bureaus vernehmen die Beamten jedes laute Wort und jedes auffallende Geräusch, selbst wenn es von den äußersten Enden der Zellenflügel ausgeht.
Jetzt scheinen selbst die sonst so geschwätzigen, zänkischen Spatzen Siesta zu halten, selten flattert einer vor dem Gitterfenster von Numero 110 vorüber und noch seltener sitzt einer vor dem Fenster, um sein graues Röcklein zu putzen oder dem Gefangenen einen bessern Appetit zuzuzwitschern.
Letzteres ist auch nicht nöthig, denn obwohl der Duckmäuser den Hirsebrei nicht liebt, so haßt er doch den Hunger noch weit mehr, folglich hat der Brei bereits das Ziel seiner Bestimmung erreicht.
Die Zellenbewohner haben ihre Ruhestunde, dieselbe wird ihnen nicht zur Stunde des Verderbnisses, sondern sie lesen, schreiben, rechnen, zeichnen, machen freiwillig an ihrer Arbeit fort, wenn dieselbe kein Geräusch verursacht, oder gehen acht Schritte vorwärts und acht rückwärts und wer in einem der Höfe steht, mag auch manches langgedehnte Gähnen, zuweilen ein schweres Aufseufzen, ein lautes Selbstgespräch, vielleicht einen Versuch, zu singen oder zu pfeifen, gleich darauf das Aufgehen einer Thüre, das anklagende Gebrumme eines zweibeinigen Stückes der fleischgewordenen Hausordnung und dazwischen das Hohngelächter des vorüberrauschenden Eisenbahnzuges zu Ohren bekommen.
Der Benedict hat den Magen mit "Hersch", den Verstand mit Zahlen und geometrischen Figuren angefüllt, doch sein Gemüth blieb unbefriediget und was der Director mit seinem Besuche gut machte, hat der Pfarrer mit seinem Vortrage verdorben und besonders Eine Aeußerung desselben ist tief in Benedicts Seele gedrungen und fällt ihm stets von Neuem bei, er mag anfangen was er will:
"Wer unwürdig meinen Leib ißt und mein Blut trinkt, der ißt und trinkt sich selbst das Gericht!"
Wie oft nahte er sich aus Gewohnheit, um seines Rufes willen oder um die Worte der Mutter zu erfüllen, dem Tische des Herrn!
In der Kaserne hatte er sich allgemach von diesem Gebrauche emancipirt, er wurde ihm lästig, das Aufgeben desselben brachte ihm eher Ansehen als Schaden, bei Meister März faßte er vollends einen Ekel gegen die demüthige Aufgeblasenheit und den weinerlichen Ingrimm der "Diener am Worte" und deren Lämmlein, aber im Zuchthause hatte er sich regelmäßig zum Beichten und Communiciren verstanden, um nicht in den obern Regionen in Mißcredit zu kommen.
Den Spruch, welchen der Geistliche heute vorbrachte, hörte er schon früher hundertmal, doch niemals schlug er ihm so in die Seele, er greift nach seiner Bibel und wundert sich selbst, weßhalb ein einziger Vers ihn so unheimlich auf einmal berühren und zu beschäftigen vermöge.
Er blättert und sinnt, bis die Schritte der Aufseher wiederum im Gange wiederhallen und die Gangschelle verkündiget, daß er den zweiten Theil des Tages mit dem zweiten Spaziergange beginnen müsse.
Rasch und mißmuthig läuft er längs den Mauern seines Spazierhofes hin und wieder. Er hatte sich schon manchen Tag mit gleichgültiger Ruhe in der Zelle befunden, weil es ihm gelang, sich in die Ueberzeugung hineinzubannen, er sei ein Todter, besitze keinen Anspruch mehr auf das Leben und bleibe ein wandelnder Schatten mit vermodertem Herzen, so lange es einer Macht gefalle, die er nicht kannte und von der er nichts forderte.
Alte Gefangene huldigen gewöhnlich bewußt oder unbewußt solchem Fatalismus, ihr Herz und ihr Benehmen strafen denselben oft Lügen, doch im Ganzen scheint er ihnen ihr trauriges Loos erträglicher zu machen, wofür die Hauptursache freilich darin zu suchen sein möchte, daß das Mitansehen des Unglückes Anderer, die Zerstreuungen der Gesellschaft, die Verbindung, in welcher sie durch dieselbe bei dem täglichen Wechsel der Gefängnißbevölkerung mit der Außenwelt bleiben, ihre eigene Verinnerlichung hindert.