Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den Erzähler.
»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in Ketten schmachtete.«
»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. »Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es Auffassung, scheint mir.«
»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf Hadwiger hin.
»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde hingerichtet.«
»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt, während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein gebrochenes Versprechen des Glücks.«
»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für eine große Sache erfüllen.«
»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt, die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten Georg nach England gebracht wurde.«
»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele und wir verzichten auf alle Argumente.«
»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin, willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle, der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach. Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke, Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend; eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus, lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«, antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man treffen kann.«
»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte Lamberg.
»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.
Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel, und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde, sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein. Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war, zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte, Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war. Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß, der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein. Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling, und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer, in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter! oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden. So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«
»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir atmen eine unheroische Luft, Freunde.«
Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.
»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann, ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu überzeugen.«
»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und Schwarz gewinnt.«
»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der Bankhalter diktiert die Einsätze.«
Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen körperlichen Schmerz.
Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.
»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«
»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.
»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.
»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust, und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu beichten.«
»Zu beichten? Wie meinst du das?«
»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«
Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.
»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man sich und andern unbequem.«
»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab, und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«
»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich nichts dagegen, und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«
»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.
»Vielleicht. Oder wenn du reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor, unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf; ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.
Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« – »Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät sich selber.«
In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, – vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne. Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.
»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte heran.
»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.
Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.
»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.
»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«
Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er Sie nicht versteht.«
»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.« Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska, »und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«
Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer. Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie, als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«
Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«
»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«
»Angenehm«, murmelte Borsati.
»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr das junge Weib fort.
»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf schüttelte.
Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler, erdig-keuscher Geruch.«
»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.
Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor Erstaunen aufgewacht.«
»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.
»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird. Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der mich mit verderbten Blicken anstarrt.«
»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein? Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«
»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«, sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; Ungeduld ist Wollust.«
»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften, sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt, stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«
»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte, war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel herabnahm, um mich zu betrachten.«
»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz, »eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn grenzt.«
»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis. Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder, jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet, auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn, daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«
»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«
»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze, schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«
»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«, versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum. Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm, bis sie beide sterben.«
»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief Franziska.
»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar, und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon Geschichte oder Gedicht.«
Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen. Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig, sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten, von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg, und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann, dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war, erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen Juden versprach.«
»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte. Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien, als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten, so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn; plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich, ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt, wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau, bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«, sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge macht es stutzig.«
»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«, antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas ärgerlich hinzu.
»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender Heiterkeit.
»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«
»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst. Stimmt die Gleichung?«
»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska.
Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«, entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«
Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen zerfleischt worden wäre.
»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten konnte, still zu stehn.«
»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.
»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«
»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan. »Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele. Nennt ihr die Erfahrung, so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die Natur gesetzt hat.«
Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg, und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben versuchen will.«
»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil Feuer machen; Franziska friert.«
Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.
Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine Erzählung an.