Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« »Geschrieben hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?« »Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten durcheinander.
Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die übrigen begriffen, was im Werke war;
sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander, und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.
Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.
Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht. Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur Flucht.
Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.
Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«, murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben können.«
»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte Franziska.
»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.
»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«, wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen –«
»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.
»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht mehr an die Nerven als ans Gemüt.«
»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch. »Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«
»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den Streit.
»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja, ja, – es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht. Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass’ ich es auch auf, wenn Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler sind feurig.«
»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort: Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte. Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die Illusion einer Dauer?
Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu. Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach, sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner die ganze Landschaft.
An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.
Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht es weiter oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. – »Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald entwurzelt wird«, war die Antwort.
Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte, fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren, verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.
Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab. Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah, weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von alledem.«
Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht. Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern, das ist ihrer und unserer nicht würdig.«
»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«, entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch. Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit, Schönheit und Schmerzlosigkeit.«
Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an. Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.
Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf, das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender, stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und Verantwortung.«
»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.
»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel, erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte, eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«, erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf, als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen, Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen, deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen. Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann. Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards. Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden können.«
»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend. »Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider Leute machen.«
»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht, plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der eigenen Kraft gewiß sein.«
»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg. »Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen, untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord. Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.«
»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet. Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie. Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land, und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte, und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge sie erkennt.«
»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.«
»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg, »und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen, sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran, die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«
»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.«
»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht hätte ersinnen können.«
»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene versprach eine gutartige Wendung.
»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung, die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends, während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede: »Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand, dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr. Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren, es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei: Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten, daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären, hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer, seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er erhob sein Glas und sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren. Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.«
»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind. Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen, eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für sich selbst.«
Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die Geschichte der beiden Maler.
Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete, war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur bezwungen wurde.
Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner, greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen, Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts. Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons, der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus. Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen, sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich; und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das Verworfenste von allem: den Dilettantismus.
Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien. Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen, lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des Anatomen betrieb.
Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen gedachte.
Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt; er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre Begeisterung.
Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen. Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd.
Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier, Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur, eine majestätische Synthese.
Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren. Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive. Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin das Bild zu erfassen vermochte.
Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem Haarwuchs.
Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius’ Arbeiten; daß er sie schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte. »Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß man ihr schon mißtrauen.«
Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen. Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius’ Atelier, und als es zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden. Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu schnell verdaut, zehrt ab.«
Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen? Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom Paradies zur Hölle.
Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier. Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft. Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg, und sei du froh, daß du fliegst.«
Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel; über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht. Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell’ ich mich selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch zeigen.«
Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte, hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen: überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht doch kein Pfad.
So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt hat; Eifersucht – Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt, von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse, schamlos und kalt.
Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau, Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten, der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas, das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, – dieser Antipode, dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das verkörperte böse Gewissen.
Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte, hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte er lieben, bewundern – und kämpfen.
Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer unreifer Zustände gerungen hatte.
Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste ihn.
Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück, neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander, lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte er voll Argwohn.
Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild, ich hab’s gleich gemerkt.«
Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte: Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe aus wie Blut.
Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als die Wege der Stümper –?«
Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum. Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein, nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese führten ihn zur Stadt.
Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten Himmel.
»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt hat?« fragte der Arzt draußen.
Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit: »Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch unschuldige Menschen und reine Farben gab.
Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«
Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.«
»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur, trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und lief ohne Stockung weiter.«
»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska, »und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken, die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«
»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer, von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«
»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein Wort, das wenig besagt.«
Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort: verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.«
»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd. »Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein als einem Hund.«
»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff Lamberg das Wort.
»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte. Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren. Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht, den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah, daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden, und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.«
»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend bedacht.«
»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen, wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.«
»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, – wir Frauen nämlich«, fügte sie entschuldigend hinzu.
»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit ihnen.«
»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt. Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.«
»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter geschwiegen hat als ihm lieb war.«
»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.
Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen, gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte, im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden. Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt; sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe Schwierigkeit, – Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt, und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt, und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten, sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten, aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«, der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem, was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe unverbrüchlich aneinander gebunden waren.«