Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.«
»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch nicht so materiell wie der zarteste Mann.«
»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß. Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«
»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte? Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau, ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«
Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen, daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert worden war.
Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser, unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr, daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter. »Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches, dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde, brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor, der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne. Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum, daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah, dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg. Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte, ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«, redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel auszusprechen, die –« – »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen? Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes. Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust, daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen. Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken, den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die Menschen nicht, er ist sich selber genug.«
»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum, kann ich eigentlich kaum erklären.«
»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für Würde«, entgegnete Borsati.
»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.«
»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,« fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland haben so mächtig werden lassen.«
»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint. Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand geküßt, äußerte er: ›Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er leben darf.«
»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte, fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte, unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen, ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche, was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu: »O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht, der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen Paradies.«
»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner Wiege erwürgt worden.«
»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen, sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten. Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt. Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels zertrampelt wird.«
»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.
»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu spät.«
Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien jubelten sie, – der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre. Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der Neuschnee von den Häuptern der Berge.
Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete. Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter, Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,« sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen. Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska seine Hand ergriff und küßte.
Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht. Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten, und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie auf die Arme heben und forttragen mögen.
Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten, verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt, die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage.
Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen, an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich gehe eben, man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist.
Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe.
Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen, eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung zwischen diesen Teilen.«
Und er begann.
Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt, blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau, der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde, Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern.
Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen, Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch, verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein Spielgenosse bei ihm aus.
Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch, wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite, lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche europäische Tournee antreten durfte.
In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten, streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein.
Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab’ ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf gewesen, du Menschenvater Adam!
Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher Haubenstock.«
Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war. Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen.
Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen, nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug, erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen seines schwarzen Geistes.
Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten, welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung, ihm die Welt lecker zu machen.
Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei, daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:
Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den Schluß hinzu:
Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden Profil eines traurigen Schafes.
Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen, und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden erfüllte Weib.
Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts, hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße, wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte.
Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal, daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. Der Graf war’s zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen. Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«
Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«, antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen, oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«
Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen, königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern. Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini, das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß. Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite, unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in das Leben seines Beschützers einzugreifen.
Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst, und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, denn diese Tat werde schrecklich bestraft.
Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt, dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille.
Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis, daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte, genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris, der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde.
»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig.
»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf antwortete nicht.
Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit, Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben. Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen.
Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«
Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen: »Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen, daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen wollt.«
»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert, ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele sündenlos geworden, so brech’ ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der Türe war.
Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte. Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet, trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd, und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust.
Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben, scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war, beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.
Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte. Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb.
Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen Gemütszustand zu täuschen.
Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister, Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister, Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient –?
Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler, Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, – er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt« hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft.
Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt. Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten! Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab. Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen, verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt, immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt stille.«
Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben, wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein anschmiegendes Herz zertritt?
Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin, das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an. Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war, ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem Schmerz erfüllt war.
Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch, Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend: »Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, – er hatte von der Tafel einen halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte erstickt, – da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.
Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag, freier Equipage und freier Jagd.
Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied Numero eintausendachtzehn zu singen: