Anmutig im Vergangenen sich ergehen,
Das Schöne schöner noch zu sehen,
Die Schatten doppelt zu verdecken,
Viele Liebe geben und viele Liebe wecken:
Das ist des Tages festliches Beginnen,
Das Ziel von unserm Wünschen, unserm Sinnen.
Ein Frauenbild, das lieblichste von Allen,
Das irdisch längst der Zeit verfallen,
Bring ich Dir heut; es mahne Dich der Zeiten,
Die, ob auch tot, uns noch lebendig leiten.
So möge nie im Herzen uns veralten,
Was liebt und lebt in ewigen Gestalten.
Und wenn wir heut uns in Gedanken einen,
Wird über uns ein ander Bild erscheinen,
Im Glorienglanze steigt es vor uns auf.
Ich nenn' es nicht — ich zeige nur hinauf!
Was groß und gut Dir heute kommt entgegen —
Das Beste dankst Du Deiner Mutter Segen.

Der Großherzog antwortete darauf:

"Zierlich denken und süß erinnern,
Ist das Leben im tiefsten Innern!"

"Nie hab ich die Wahrheit dieses Wortes von Lilis unsterblichem Freunde tiefer empfunden als heute, als in diesem Augenblick, wo die innigst verehrte Freundin mir jenes Bildniß durch meine Tochter übermitteln läßt und die Gabe durch ein Gedicht begleitet, das mich unentschieden läßt, was sinniger zu bezeichnen ist, Bild oder Gedicht. Indessen stammt beides noch von einem Sinn und von demselben Herzen, das so glücklich zu geben weiß, weil es so richtig empfindet und in der "Mutter Segen" den Schlußstein für so bedeutungsreiche Erinnerungen, so viel bedeutende Wünsche findet. Glauben Sie meinem Dank, weil er nicht die Worte zu finden weiß, und Sie vor allem dem Herzen glauben,

Ihres wahrhaft ergebenen Freundes

Weimar, am 8. Juli 1878.

Carl Alexander."

Die nächsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit meiner Großmutter drehte sich mehr und mehr um religiöse Fragen und Zweifel, die mich um so stärker beschäftigten und quälten, als ich durch einen ultraorthodoxen Geistlichen für meine Einsegnung vorbereitet wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Großmutter in schroffem Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anlaß an mich geschriebenen Briefe bilden in ihrem Zusammenhang ihr religiöses Glaubensbekenntnis, das sie in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rückfällen und Kämpfen bewahren möchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des Menschen würdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man muß ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinien ziehen. Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu begreifen? Und doch kommt man frisch und fröhlich weiter!' Du siehst daraus, daß der größte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter, zum Helden wird. Für den klügsten Menschen bleibt also stets unendlich viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache wird, oder was dahingestellt bleiben muß. Unerkennbares zu glauben wird gegeben, aber nicht ergrübelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies 'Glauben' im Sinne eines Fürwahrhaltens an. Laß Alles dahingestellt. Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten, Alles fröhlich genießen, was sich ohne Sünde genießen läßt, barmherzig, wahr, liebevoll sein — das ist des Weges Anfang ... Das erste aller Geheimnisse — das Leben — hat noch niemand ergründet, obwohl wir es sehen, fühlen, haben; es ist auch ganz gleichgültig, wie wir uns seine erste Entstehung denken — einen allerallerersten Anfang uns denken zu wollen, bleibt so wie so unmöglich — aber darauf kommt es an, was wir daraus machen. Christus ist mit seinen Jüngern auch nicht den Weg des Grübelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten, ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von ihm zu wissen und dieses einzige Gebot — 'darinnen hänget das ganze Gesetz und die Propheten' — würde die höchste Richtschnur sein ... Niemals dürfte die Idee von der Erlösung von der Sünde so verstanden werden, als ob etwa ihr bloßes Fürwahrhalten uns los und ledig spräche von allem Unrecht, das wir begehen. Wir müssen sie uns vielmehr täglich und stündlich im Kampf gegen das Böse, Selbstsüchtige in uns erringen. Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glücklichsein im Sinne einer Anhäufung materieller Genüsse, sondern das Gutsein, im Sinne des Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch glücklich sein, weil Schmerz und Unglück uns nicht mehr bitter, trotzig, menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In einem anderen Briefe heißt es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir, mein Kind, und es bekümmert mich tief, daß Du, wie es scheint, mehr von einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der Fluch der Theologie, daß sie Glaubenssätze aufstellt und daran festhält, wenn der wirkende Geist Gottes längst darüber hinausging, wenn sie erklären will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne Erklärungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser vorgeschriebenen Weise glauben zu können, ist kein Unglauben, aber in Hochmuth und Übereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das führt zum Unglauben, weil es verhindert, daß Geist und Herz nach dieser Seite hin thätig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann. Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das großartige Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes, die das Universum erfüllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es möglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das Ergebniß sorgfältiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube, das Fürwahrhalten, wird ihr selbstverständlich weichen, wie er vor der Erkenntniß der Kugelgestalt der Erde weichen mußte. Sagt dir aber jemand im Namen der Wissenschaft, daß es z. B. eine Seele nicht geben könne, weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den Beweis für das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Körpers hast Du nie gesehen, der todte Körper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form, sondern durch Ausdruck und Gefühl. Der eben abgehauene Baum ist das, was Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkräfte, Magnetismus, Electricität, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen Anhängern gar keinen Wunderglauben, es bekämpft nur den geistigen Hochmut — der übrigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist —, der alles zu wissen und erklären zu können behauptet. Nicht Wunder als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur in Demuth, daß Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntniß aller göttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklärt werden. Hätte Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr ein Mikroskop hättet, ihr würdet Tausende von lebenden Geschöpfen in einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr hättet, ihr könntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon hättet, ihr würdet die Sprache eurer fernen Freunde hören,' sie hätten den Herrn ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr Glauben hättet, ihr könntet Berge versetzen!'"

Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wäre, an Gott zu glauben — mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hölle gedroht, wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu bekräftigen vermöchte — antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bösen führen, wie es nur zum Bösen führt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen Arbeiter machen will, daß man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntäglich in die Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht vergaß, wohl aber die thätige Menschenliebe, vor dem zurücktreten müssen, der sagte: wer darf ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir große Gedanken und ein reines Herz ...

"Beängstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem Christenthum herausgequält und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der Sündlose für den Sünder,' was aber die größte Ungerechtigkeit wäre. Oder: 'Meine Sünden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch unverständlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' während das neue Testament so einfach und erklärend hinzufügt: 'Solches thut, so oft ihr es thut, zu meinem Gedächtniß' ... Da ich demnächst bei Euch zu sein hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch gründlich aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine aber laß Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der Glaube, jenes unerschütterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege nicht nur tapfer gehen läßt, sondern auch die härtesten zu denen macht, die uns am meisten vorwärts führen, ist ein Geschenk höherer Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glück, aber kein Sittengesetz ..."

Ich weiß nicht mehr, warum, aber Großmama kam nicht. Ich blieb allein, auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemüts — einer Folge des Religionsunterrichts, den ich genoß — blieben ihre Worte ohne tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubensbekenntnis sprach in der Überzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den Sorgen um ihren ältesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je beschäftigt, hatte sie für die blasse, stille, vierzehnjährige Enkelin wohl Worte zärtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Türe meines Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schloß geworfen hatte und darin festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreußen, aber ich ging dem Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las, die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar, an Großmama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir fühlbar wurde, und ich ergriff schließlich die erste Gelegenheit, die sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine alte Großmutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen, die in der Form sehr hübsch, im Inhalt aber gar zu einförmig sind. Liebe und Frühling sind sehr schöne Dinge und können ein junges sechzehnjähriges Herz wohl ausfüllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu gut, als daß ich nicht wüßte, daß sie mehr zu sagen hat. Die hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei Dir pflegt, sind sehr nützliche, aber die wertvolleren sind die des Geistes. Weder darfst Du das Große und Gute von Dir werfen, noch über die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Füße legte, Du mußt sie aufheben und pflegen.

"Ich sehe jetzt gerade die preußische Geschichte von Voigt; selten ist ein Werk so treu, so vollständig und so langweilig geschrieben worden. Ich möchte Dir nur raten — als Anregung zu poetischer Gestaltung — die ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verläßt. Johann wird im Hof der Burg enthauptet, während die Ritter an ihm vorüber in den Krieg ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an große Stoffe, spanne Deinen Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Büchlein wieder gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos übergab, ehe er auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr ergriffen, und ich schrieb ihm darüber nach Leipzig, wo er jetzt lebt. Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe gelähmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rühre die Wunde nicht an, denn nur dünn ist die Haut, die darüber wuchs; daß meine Erlinde einen lebenskräftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war niemand da, der sie pflegte.' — Hier hast Du das Buch, mein Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es in Worte zu kleiden, ein warmes Gefühl das Herz des einsamen Unglücklichen berühren, dessen letztes, tragisches Bekenntniß er in diesen Versen niederlegte:

Alle Blumen sind gepflückt,
Alle Lieder sind verstummt,
Und ich geh einher gebückt
In mein dumpfes Leid vermummt.
Ich stehe stets daneben,
Ich trete niemals ein;
Nur einmal möcht ich leben!
Und Mensch nur einmal sein! ..."

Dieser Brief griff mir ans Herz. Mit der überschwenglichen Schwärmerei eines sechzehnjährigen Mädchenherzens träumte ich mich in den Gedanken hinein, dem Enkel Goethes ein Glück bereiten zu können. Und der Zufall wollte es, daß ich einen Theaterdirektor kennen lernte, der die Aufführung Erlindens wagen wollte. Meine Großmutter übermittelte dem Verfasser seine Absicht. Wolf Goethe sandte ihr folgende Antwort.

"Leipzig, den 1. Januar 1881.

"Theuerste Jenny!

"Wie wunderbar und doch wie natürlich ist es, daß Dir jetzt die Erlinde nahe getreten. Welche Reihe von Gedanken und Empfindungen sich hieran für mich knüpfen muß, wirst Du Dir vorstellen können.

"Es giebt Dinge, die wir ablehnen müssen, ja die es unsere Pflicht ist, abzulehnen, es giebt Dinge, bei denen wir zweifelhaft sein mögen, ob wir nicht den Willen der Vorsehung stören, wenn wir hemmend eingreifen. Zu solchen gehört wohl: später Erfolg, spätes Glück. Das Glück liebt es, uns verhüllt, in fremder Gestalt zu nahen. Erst wenn es im Weggehen das Haupt wendet und das unverhüllte Antlitz zeigt, erkennen wir es oft. Es wäre unnatürlich gewesen, wenn ich nicht an die Erlinde Hoffnungen geknüpft hätte. Daß sie nicht von den Menschen, von den Vielen, aufgenommen wurde, hat auf mein Leben großen Einfluß ausgeübt; aber ich empfinde keine Bitterkeit mehr deshalb! Es hat nicht sein sollen! Ob die Zeit der Erlinde gekommen ist, weiß ich nicht. Ob gar meine Zeit gekommen?! Ich glaube es nicht und wünsche es auch nicht. Der Mensch steht in der Welt erst im Augenblick nach seinem Tode vollendet da, bis dahin ist er für sie eine Gestalt ohne Haupt, sind die Glieder formlos.

"Wie Du, theuerste Jenny, halte ich die Erlinde für aufführbar, mit einigen Abänderungen und Auslassungen ... Erlinde bedarf bei der Aufführung einer mäßigen Ausstattung und einer mit Maß angewandten Musik. Die Frage des Theaterdirektors, welche Du mir freundlichst mitteilst, hat mir große Freude bereitet, die Antwort wird mir aber nicht leicht. Die Gründe für sie, ja sie selbst, liegen schon in dem, was ich früher ausgesprochen habe. Soll ich die Gestaltung für die Aufführung der Erlinde ganz in die Hände von Anderen legen, Anderen ganz überlassen? Denn ich selbst vermöchte nicht, mich an ihr zu beteiligen. Wer weiß denn, ob sie nicht auch jetzt zurückgewiesen wird!? Soll ich selbst mir noch etwas Neues, Schweres, Schmerzliches heraufbeschwören? Ich weiß wohl, daß ein Erfolg viel unerwartetes Gutes für mich mit sich führen könnte. Ich weiß wohl, daß es zu den großen Seltenheiten gehört, wenn einer Dichtung die Stelle, die sie bei ihrem Erscheinen nicht erlangte, später eingeräumt wird, und daß etwas Entscheidendes darin liegt, auf einen bedeutenden Versuch in dieser Richtung nicht einzugehen. Nun aber bleibt mir nach meiner ganzen Lage nichts anderes übrig, als Dich zu bitten, in möglichst unscheinbarer Form, vielleicht durch die Güte Deiner verehrten Enkelin, zu antworten, daß der Verfasser der Erlinde, weil er nicht in der Lage ist, sich an ihrer Gestaltung für die Bühne zu beteiligen, gegenwärtig auf eine solche verzichten müsse.

"Nun, theuerste Jenny, nimm, was ich schrieb, freundlich auf und lege alles an die rechte Stelle."

Bis hierher ist der Brief ein Diktat. Darunter aber steht mit großer zitternder Schrift:

"Treulichst

Dein Wolf.

Und wenn ich doch noch an dem Leben hinge?!"

Meine Großmutter antwortete ihm mit folgenden Zeilen:

"Mein lieber Wolf!

"Du mußt Dir eine Antwort auf Deinen herrlichen — mir herrlichen — Brief gefallen lassen; es giebt auch mit 70 Jahren Lichtstrahlen, wie sie das 17te beleuchten, aber es sind nur Blitze, und unter einem solchen stand die Landschaft meines Jugendlebens vor mir, Deine Mutter, die ich nie aufgehört habe zu lieben, Du als Knabe, dunkle Wolken und nun milder Regen. Das mußte erst wieder still bei mir werden. Ich hoffte auch auf einen Brief meiner Enkelin, um zu erfahren, weß Geistes Kind der Theaterdirektor ist, ob verstehend oder nur berechnend, — sie hat aber noch nicht geschrieben, und ich glaube in Deinem Sinn gehandelt zu haben, als ich ihm gleich bei Lilys Anfrage, ehe ich Dir schrieb, sagen ließ, Du seist verreist, ich rate zu keiner direkten Anfrage, gab ihm auch nicht Deine Adresse. So bist Du, ohne ihn zu kränken, aus dem Spiel und frei, eventuell hervorzutreten. Ich verstehe Deine Auffassung — ich fühle ganz die letzten Zeilen Deines Briefes — dann siegt aber doch die ungeheure Scheu vor den Krallen des Lebens, und wir behalten unsere Narben und unsere Ruhe!

"Ich kann es nicht lassen, die Erlinde nur noch eifriger, eingehender und mit Berücksichtigung der Bühne zu lesen; da könnte allerdings nur Deine Hand die Bühnenfähigkeit geben. Gestrichen dürfte wenig werden, aber verbunden viel, sowohl in den einzelnen Scenen, die in lebendigere Beziehungen zueinander treten müßten, als in den Personen. Ich kann nicht leugnen, daß ich glaube, nur in Weimar würde man Erlinde ganz verstehen und mit Sorgfalt und Liebe zur Aufführung bringen, so daß das nahe und ferne Publikum ein Verständniß dafür bekäme. Ich hätte gern noch einen Stern in Euer Wappen gebracht und das Licht dazu war da — es lagen nur Nebel dazwischen, aber sie haben es verhindert, durchzudringen.

"Mein lieber Wolf, das soll kein Zureden sein; mir würde so bang werden wie Dir, daß Du Dir neue Schmerzen für Seele und Körper bereiten könntest; es liegt die Atmosphäre einer ganz anderen Welt zwischen Dir und den Menschen; was sie Dir bieten, achtest Du zu gering, und das 'Sesam, thu dich auf', das zu Deinen Schätzen führt, vertraust Du wenigen an ..."

Er antwortete nicht auf diesen Brief. Monate später sandte er diese Zeilen, deren Buchstaben noch größer, noch zitteriger sind.

"Ich schreibe Dir Briefe in Gedanken; ich kann sie Dir aber nicht senden, weil wir auf der Erde sind, und später kannst Du sie nicht mehr erhalten, weil wir drüben nicht lesen können.

Dein

Wolf Goethe."

Der Umschlag trägt das Wappensiegel: ein Stern — für einen anderen war daneben kein Platz mehr! Ein Jahr später folgte ein kleiner Zug von Trauernden einem einfachen Sarge, dessen Blumenschmuck schon auf dem Weg der rauhen Winterkälte erlag.

"Heute haben Sie meinen lieben Wolf neben seiner Mutter begraben," schrieb Jenny Gustedt an diesem Tage. "Napoleons Sohn ging jammervoll zu Grunde wie er: an der Kraft, die nach innen zehrte, weil sie sich nach außen nicht entfalten durfte. Viele Generationen müssen sang- und klanglos versinken, ehe der Eine aus ihnen hervorgeht, dessen Name in die ewigen Sterne geschrieben wird — das ist eine gerechte Entwicklung —, aber daß die Nachkommen an der Größe dieses Einen zu Grunde gehen, gehört zu den grausamen Räthseln, die wir nicht lösen können! — Bald wird Walter dem Bruder folgen — ich wollte, es wäre auch Zeit für mich zu gehen."

Der Kummer, der aus diesen Zeilen spricht, hatte seinen Ursprung nicht in der Erlösung des Freundes von einem Leben der Schmerzen, auch um sie hatten sich die Nebel wieder zusammengeballt. "Daß ich meinen Kindern so fern bin," schrieb sie, "daß mein Alter mir das Reisen zu ihnen fast unmöglich macht, daß ich sie in meinen eigenen Räumen nicht beherbergen kann und nicht die Mittel habe, mir zu dem Zweck eine geeignete Wohnung zu nehmen — ich muß ängstlich zusammen halten, denn immer wieder kommen Überraschungen, die mich nötigen, einzuspringen, — das macht meine letzten Lebensjahre zu recht traurigen." Nach langen Kämpfen, die ihr durch ihre Weimarer Freunde und deren inständiges Bitten, sie nicht zu verlassen, noch schwerer gemacht wurden, als sie durch den Zwiespalt ihres eigenen Herzens sowieso schon waren, entschloß sie sich, nach Lablacken, dem Gute ihres jüngsten Sohnes, überzusiedeln. "Ich bedarf eines Heims, wo ich ohne Skrupel meine Kinder bei mir haben kann, und eines Lebens, dessen völlige Einfachheit mir ermöglicht, ihnen, was ich erübrige von meinem Einkommen, zuzuwenden," heißt es in einem ihrer letzten Briefe aus Weimar.

Im Frühling 1883, als der Park seine erste duftende Lenzespracht entfaltete, kam ich zu ihr. Vierzehn Tage blieben wir zusammen dort. Nur wenige Freunde wußten, daß sie von der Karlsbader Reise, die sie vorhatte, nicht mehr nach Weimar zurückkehren wollte. Leise, ohne Abschiedsschmerzen, sollte die Trennung sich vollziehen. Wir gingen noch einmal all die schönen Wege nach Tiefurt, nach Belvedere, in die geheimnisvolle Stille von Goethes Gartenhaus, und auf den Kirchhof an das Grab ihrer Mutter und an das von Ottilie — von Wolf; wir schritten hinab in die Dämmerkühle der Fürstengruft und standen schweigend vor den irdischen Resten ihres väterlichen Freundes. Dann aber stiegen wir hinauf zu dem letzten Lebendigen, den er hinterlassen hatte: über die klassische Treppe in die kleinen, stillen Dachstuben. Ich ließ die beiden Freunde allein und betrat die Zimmer wieder, wo Goethe wirkte, bis der Tod ihn von der Arbeitsstätte mit sich nahm. Es war eine Stunde heiliger Andacht, aus der Großmamas leise Stimme mich weckte. "Komm," sagte sie leise, und ihre Augen schwammen in Tränen. Ich gab ihr den Arm. Zum erstenmal sah ich, daß sie alt, sehr alt war, denn sie ging gebückt, und ihre Füße zitterten auf den breiten Stufen der Treppe, die sie nie wieder betreten sollte.


Dem Ende entgegen

Nordwärts von Königsberg führt die Chaussee durch ein Land, das sich glatt wie ein Tischtuch bis zum Kurischen Haff erstreckt. Wogende Kornfelder, grüne Wiesen, soweit das Auge reicht, nur hie und da von schmalen Waldstreifen unterbrochen, deren Eichen ihre knorrigen, zackigen Äste in tausend abenteuerlichen Formen nach allen Richtungen der Windrose recken — ein Zeichen all der Stürme, mit denen sie um ihr Leben kämpfen mußten. Nach ein paar Stunden glatter Fahrt, vorüber an strohgedeckten Häuschen und großen schmutzigen, lärmenden Kneipen, wendet sich der Weg nach links. Dicke, kurzgeschnittene Weidenstämme, deren lichte junge Kronen so drollig wirken wie blondes Lockengewirr über einem runzligen Greisengesicht, fassen ihn zu beiden Seiten ein. Über die tiefgefahrenen harten Geleise holpert der Wagen, während das junge, unruhige Viergespann, die Nähe des Stalles witternd, weiter ausgreift. In eine breite Allee, über die sich uralte Linden zu lebendigem Dome wölben, schwere Duftwellen ringsum verbreitend, mündet der Weg. Und durch ein Tor, von dicken Steinmauern flankiert, die, aus unbehauenen Blöcken, wie von Zyklopenhänden aufgerichtet erscheinen und das Ganze einer Festung ähnlich machen, geht es hinein auf den breiten, vom Reichtum seiner Besitzer Zeugnis ablegenden Gutshof von Lablacken. Ringsum langgestreckte, massive Ställe, auf die, von der Weide kommend, die vierbeinigen Bewohner gemächlich zuschreiten; die schwarz weiß gefleckten Rinder von der einen Seite, die sich ängstlich zusammendrängende Herde der Schafe von der anderen, und schließlich in hellem Galopp unter fröhlichem Wiehern der Trupp der jungen Pferde, deren schmale Fesseln und schlanken Hälse von ihrer edlen Abstammung Zeugnis ablegen. Am Herrenhaus, das nur eine niedrige Mauer und ein paar himmelhohe Pappeln vom Gutshof trennen, müssen sie alle vorüber. Ein seltsames Haus ist es: Jahrhunderte haben an ihm gebaut, ohne Rücksicht auf Stil und Schönheit, nur bestrebt, Platz zu schaffen für die mit dem Wohlstand steigenden Bedürfnisse der Bewohner. Im Grunde sind es drei im Halbkreis aneinandergereihte zweistöckige Gebäude; über jedem der Tore prangt ein in Stein gehauenes Wappenschild, das derer von Ostau und von Wnuk und zuletzt das der Gustedts: die drei eisernen Kesselhaken im goldenen Felde. Der Mittelbau enthält die Eingangshalle: Elchfelle auf dem Boden, Elchgeweihe an den Wänden, schwere alte Eichensessel, Tische und Schränke als Einrichtung, dazwischen als einzige helle Flecke in dem dämmigeren Raum ein paar Ritterrüstungen, auf denen das Licht in weißen Reflexen spielt. Zu beiden Seiten steigt im Hintergrund die dunkle, braune Treppe empor, nur geradeaus, wo die große gedeckte Veranda nach dem Park mündet, schimmert das Grün der hohen Linden herein. Fast endlos, so scheint es, ist die Flucht der Zimmer, die sich oben und unten, von Fluren, Treppen und Winkeln vielfach unterbrochen, rechts und links durch die langgestreckten Häuser ziehen. Alle Zeiten, alle Stile spiegeln sich ab in ihnen: verblaßte Rokokostühlchen, von deren alter Pracht nur noch flüchtige Reste von Vergoldung zeugen, mächtige Truhen und Schränke, die einst den selbstgesponnenen und gewebten Leinenschatz der Hausfrau bargen, steife, feierliche Empiremöbel mit Bronzebeschlägen und gelbem Seidenbezug, und die ehrbar-gemütlichen Biedermeierkommoden, Servanten und breiten, schwerfälligen Sofas aus der Großväterzeit erinnern an die Generationen, die hier geboren wurden, arbeiteten, lebten und starben. Auch am lichtesten Sommertage ist alles wie von graugrünen Schleiern umhüllt, und ein Geruch, wie von feuchtem, welkem Herbstlaub durchströmt die Räume, denn dicht um das Haus stehen alte Pappeln und Linden, so daß ihre rissigen Stämme die Mauern berühren, ihre Äste an die Fenster klopfen, ihre Kronen sich über das Dach hinweg grüßen. Zu ebener Erde, im Eßsaal, vor dessen breiter Glastür die älteste der Linden Wache hält, hängen ringsum dunkelgerahmte Bilder an den Wänden: Männer mit dem Lockenhaupt des großen Kurfürsten, mit Allongeperücken und Galanteriedegen, mit dem steifen Zopf des großen Friedrich, im braunen Wertherfrack oder mit hohen Vatermördern — alte und junge, harte, finstere, und fröhliche, weiche Gesichter, ohne einen gemeinsamen Zug darin, der darauf deuten ließe, daß sie eines Geschlechtes wären — und zwischen ihnen die Frauen, solche mit dichter Haube und glatt gescheiteltem Haar, die Arme verschränkt unter der züchtig bedeckten Brust, oder die Hände, das weiße Tüchlein haltend, gekreuzt über dem Leib, und solche mit gepudertem Köpfchen, hochgeschnürtem Busen und enger Taille, oder im klassisch frisierten Lockengewirr und tief ausgeschnittenem Empiregewand — alte und junge auch unter ihnen, und doch alle einander ähnlich, wie Schwestern.

Es ist des Hauses seltsam geheimnisvolles Schicksal, das aus diesen Bildern spricht: Schon lange, lange ist es her, daß hier nur Mädchen geboren wurden, daß der alte Besitz sich vererbte von Tochter zu Tochter, mit den Namen ihrer Gatten den Namen des Besitzers wechselnd. Und eine dieser Frauen, aus deren todblassem Gesicht ein paar dunkle Augen feindselig funkeln, hat, so erzählt man, von irgendeinem finsteren Geheimnis belastet, keine Ruhe gefunden im Grabe; mit hohen Stöckelschuhen geht sie allnächtlich durchs Haus, und das Klappern ihrer Tritte, das Rauschen ihrer seidenen Röcke, die tiefen, schweren Seufzer, die sie ausstößt, will schon manch einer gehört haben, wenn der Sturm, vom Kurischen Haff herüberbrausend, draußen heulte und pfiff und die alten Baumäste knarrten und die Blätter an die Fenster schlugen. Auch die Buchenallee im Park, die vor hundert Jahren ein zierlich beschnittener Laubengang war, soll sie zuweilen auf und nieder gehen. Vielleicht war sie es, die diese Bäume, die die geraden Wege mit den Blumenrabatten zu beiden Seiten anlegen ließ und die undurchdringlich dichten Lauben von Flieder und Jasmin! Einer der Wege durchschneidet den großen Garten von Osten nach Westen. Wo er beginnt und wo er aufhört, ist die Mauer von einem hohen hölzernen Bogenfenster unterbrochen. Wer abends durch das eine gen Westen hinausschaut, der sieht, wie jenseits der Felder und Wiesen am äußersten Horizont der rote Sonnenball in den grauen Fluten des Kurischen Haffs versinkt, und wer durch das andere am frühen Morgen die Blicke schweifen läßt, den soll auch der dämmernde junge Tag an das Scheiden gemahnen, denn hinter dem fernen Kirchturm von Legitten, unter dem die Toten von Lablacken begraben werden, steigt er auf. — — —

Hier war es, wo Jenny Gustedt ihres Lebens letzte Station gefunden hatte. In der geräumigen Wohnung des Erdgeschosses von einem der drei Häuser richtete sie sich in alter, vertrauter Weise ein. Ihr zuliebe — denn Luft und Licht war ihr ein Lebensbedürfnis — ließ ihr Sohn zwei der großen beschattenden Bäume vor ihren Fenstern fällen, so daß die Sonne von allen Seiten freien Zutritt hatte. Monatelang versammelten sich jeden Sommer ihre Kinder und Enkel um sie, und da die Gastfreundlichkeit ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter keine Grenzen kannte, so war in der schönen Jahreszeit für sie fast zu viel der Unruhe, der sie freilich durch ein mit dem zunehmenden Alter immer häufigeres Zurückziehen in ihre stillen Stuben entgehen konnte. Die fremden Gäste brachten ihr auch allzu wenig, denn so sehr sie sich fröhlicher Jugend freute und für harmlosen Witz ein heiteres Verständnis besaß, so vertrug sie doch schwer den herrschenden Ton der dortigen Gesellschaft. Die Signatur ihrer Unterhaltung war die Oberflächlichkeit; man hätte fast ein stillschweigendes Übereinkommen aller vermuten sollen, durch die jede Vertiefung eines Gesprächs verhindert wurde. Meiner Großmutter Auffassung, wonach Vornehmheit Ruhe ist, erschien hier in ihrer Karikatur: man war ruhig, weil man sorgfältig alles zu berühren vermied, was Uneinigkeit und damit Unruhe hätte hervorrufen können. Seine tiefsten Gedanken, seine eigensten Sorgen behielt ein jeder für sich. Durch Reiten und Kutschieren, durch Jagd und Segelfahrt und durch den ostpreußischen Nationalfehler langer und häufiger Mahlzeiten war der Tag für die Gäste ausgefüllt; um gesellschaftlichen und nachbarlichen Klatsch drehte sich die allgemeine Unterhaltung; kam das Gespräch auf politische Fragen, so wurde es ausschließlich eins der in der Hauptsache — in ihrer parteipolitischen Stellung dazu — von vornherein einigen Männer. Auch der beste, naheliegendste Anknüpfungspunkt zur Entwicklung tieferer Interessen, die praktischen Fragen der Landwirtschaft, bildeten das Sondergebiet des Gutsherrn, für das er ein ernsteres Verständnis bei anderen weder voraussetzte noch zu wünschen schien. Selbst seiner Mutter, die seine Pläne und seine Tätigkeit, zwischen Freude und Sorge schwankend, verfolgte, gewährte seine Zurückhaltung nicht den Einblick, den sie sich so dringend gewünscht hätte.

Das schöne große Gut, ein kleines Fürstentum nach mitteldeutschen Begriffen, bot dem tätigen Landwirt die größten, abwechslungsreichsten Aufgaben. So hatte es seit Menschengedenken durch die Überschwemmungen der Wasser des Kurischen Haffs zu leiden gehabt; Felder, Wiesen und Weiden waren so und so oft auf Jahre hinaus dadurch ihres Wertes beraubt worden. Jetzt erhoben sich unter der Leitung des neuen Besitzers allmählich Dämme und Deiche gegen die anstürmenden Wogen, und Kanäle durchzogen nach allen Richtungen hin die Felder, so daß ganze Strecken sumpfigen Landes in üppige Wiesen verwandelt wurden. Der Wald, dessen uralter Baumbestand und dessen Bewohner, die riesigen Elche, an jene dunkle Vorzeit erinnerten, wo noch kein menschlicher Fuß die öde Wildnis des Samlandes betrat, wurde allmählich licht und schön. Das Haff, das bisher nur wenigen armen Fischern kärgliche Nahrung geboten hatte und allen wie ein finsterer Feind erschien, in dessen unergründlicher Tiefe die letzte der heidnischen Göttinnen, Neringa, die Riesin, hauste, Jahr um Jahr Steinblöcke emporschleudernd, um die Menschen zu verderben, wurde nicht nur zu einem fröhlichen Tummelplatz für die elegante Jacht des Gebieters, auch ein fester Hafen wurde gebaut, wo die Fischer Zuflucht fanden und wo allmählich mehr und mehr große Kähne landeten, um den Reichtum an Steinen zu verfrachten. Alljährlich hatte der Landmann die seltsamen, immer wieder neu auftauchenden erratischen Blöcke beim Bestellen der Felder sprengen und sammeln müssen, hatte überall, nur um sie beiseitezuschaffen, breite Mauern aufgeschichtet; jetzt fuhr eine Feldeisenbahn sie zum Hafen, und sie wurden zur Quelle reicher Einnahmen. Die Vermehrung der Wiesen und ihres Ertrags führte zu einer Vergrößerung und Modernisierung der Milchwirtschaft. Für alle Gebiete der Landwirtschaft wurden neue Maschinen aller Art angeschafft und, als einer der ersten, der den Versuch wagte, wurden in Haus und Gut telephonische Verbindungen angelegt. Aber neben diesen großen praktischen Reformen steigerten sich die Luxusbedürfnisse: der altmodische Garten, mit seinen Georginen und Malvengängen, seinen verwachsenen Lauben und versumpften Teichen wurde in einen englischen Park verwandelt, das Haus wurde vielfach erweitert, die alten Möbel wanderten in die Fremdenzimmer und machten neuen Platz; die Zahl der Reit- und Wagenpferde vermehrte sich, eine kostbare Pferdezucht, eine Fasanerie wurde eingerichtet — kurz, wenn sich die Mutter auf der einen Seite der rastlosen landwirtschaftlichen Tätigkeit ihres Sohnes freute, so wuchsen auf der anderen ihre Sorgen.

Nach einem langen Aufenthalt bei ihr schrieb sie mir: "Als der Wagen, der mein bestes, geliebtes Kind und ihre zwei trautsten Töchter auf lange entführte, verschwunden war, ging ich wie im Traum in meine Stube und sammelte meine Gedanken und Gefühle. Mein großmütterliches Herz war überfließend weich, als ich mit Rührung die 5 Monate an mir vorübergehen ließ, in der mein liebes Enkelkind mir nur noch mehr ans Herz wuchs ... Ruhe und Friede ist um mich, auch treue, gute kindliche Liebe. Wer aber kürzlich doppelt so viel besaß, muß sich erst an Herzensgenügsamkeit gewöhnen, um so mehr, als ich mir auch wieder das Schweigen angewöhnen muß über all die vielen Dinge, die wir, mein Lilychen, miteinander beredeten ... Ich bekomme von allen Freunden Kondolenzbriefe über meine bevorstehende Einsamkeit, wenn Werners ihren Winteraufenthalt in Königsberg nehmen, aber ich empfinde sie doch nur an solchen Tagen ernst, wo meine Augen zur Schonung mahnen und Freundschaftsstündchen wie in Weimar wohltätig wären. Ich habe aber Gott Lob eine Virtuosität, in Gedanken und Briefen mit meinen Lieben in der Ferne weiter zu leben, und mein Körper bedarf immer mehr der Ruhe und Einförmigkeit, so daß ich den Winter nicht allzusehr fürchte."

In einem anderen Briefe heißt es: "Werners fahren diese Woche zum Rennen, da ihre Pferde beteiligt sind. Auch diese Sache hat nicht meine Billigung, doch mache ich meinen Tadel nicht breit, wenn ich weiß, daß er nichts nützt. Hier sind in diesem Jahr ungeheure Arbeiten gemacht worden, Gott segne sie und lasse aus dem Überstürzen keine Sorgen entstehen und aus der zu vielen Arbeit keine Abspannung für meinen lieben Sohn. Er ist jetzt oft recht hypochonder, was bei dem vielen Regen, der Erschwerung der Kanalarbeiten, den sich mehrenden Lasten durch Verwöhnungen und der vollkommenen Unfähigkeit, sich einzuschränken, mich nicht Wunder nimmt. Seine Frau hat es dann um so leichter, um ihre Abneigung gegen das Landleben — das herrliche, segensreiche, natürliche Landleben! — einzuimpfen und ihm den Aufenthalt in Königsberg oder Berlin als viel angenehmer erscheinen zu lassen. Und dann wundern sich die Gutsbesitzer, wenn ihre Arbeiter demselben Zug nach der Stadt folgen! ..."

Einem Brief des folgenden Jahres entnehme ich diese Zeilen: "Mein Werner war drei Tage hier. Sie könnten so schön sein, wenn die Flut unangenehmer Geschäfte ihn nicht immer unter Wasser brächte und die Sorgen ihn mir gegenüber nicht so verschlossen machten, daß ihn selbst mein stilles ängstliches Lesen in seinen müden Zügen nervös macht. Dabei immer neue Pläne und Wünsche, die er befriedigen soll, unaufhörliche Ansprüche an Amüsements, wo doch hier aus der täglichen Erfüllung der Pflichten ein so tiefes, reiches Glück blühen könnte, vor dem jedes Vergnügen nichts ist als ein Rausch, aus dem man krank erwacht ... Glück suchen die lieben Beiden, d. h. stete Erfüllung ihrer Wünsche, und es ist doch so leicht zu sehen, daß auf Erden nichts darauf eingerichtet ist. Im alltäglichen Leben kommt ähnliches Erkennen so ganz von selbst, z. B. eine Schulstube nicht für ein Theater, eine Scheune nicht für einen Ballsaal zu halten, sie sind eben nicht darauf eingerichtet. Man sollte das Leben gleich klar und tapfer und freudig nehmen als das, was es ist: als Schule, Schule mit Freistunden, Sonntagen, Ferien, aber immer Schule. Es giebt selten Schüler, die die Schule lieben, aber alle lieben das Gelernte ... Nimm dir kein Beispiel, mein Lilychen, an dem Styl dieses Briefes, der meinen alten französischen Professor noch im Grabe ängstigen könnte: ein Brief, sagte er, muß wie ein Bächlein fließen, das tausend kleine Wellen hat, aber nur einen Lauf. Ein Thema muß unweigerlich aus dem andern sich entwickeln, ohne daß der Faden verloren geht! ..."

Zu den Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen kamen die um die Enkel hinzu: da war der Sohn ihres armen Ältesten, der nicht recht fortzukommen vermochte in der Welt, da war das Töchterchen ihres Jüngsten — wieder ein Mädchen, ein einziges, das unter Lablackens Dach geboren worden war —, dessen Leiden eine langwierige Kur notwendig machte, an deren Erfolg die Großmutter nicht glauben konnte, da war meine schwere Erkrankung, die mich ein paar Jugendjahre kostete.

"Ich wache jetzt regelmäßig im Morgengrauen mit starkem Herzklopfen auf," schrieb sie damals, "wobei alle meine Angst um Kinder und Enkel mir recht lebendig wird. Dann wird es recht schwer, den kategorischen Imperativ, den ich am Tage zu meinen Pflichten stelle: Sorget nicht! zu erfüllen. Menschliche und Herzensgründe habe ich wohl nach allen Seiten hin: hier die durch überwältigende Lasten eines Luxuslebens gesteigerten landwirtschaftlichen Nöte, die auch meines lieben Sohnes Gesundheit erschüttern, dazu der Stoizismus des Schweigens über die Dinge, die man glaubt, nicht ändern zu können oder die man nicht ändern will, und der allmählig bei meinen Kindern zur Verkehrstradition geworden ist. Und bei Ottos die Existenz auf einem Ast, der sie widerwillig trägt, bei ihm wie bei Werner Gedankenwechsel auf eine große Zukunft, bei denen die Millionen in der Luft hängen — das ist, mein Lilychen, nicht die Art Deiner alten soliden Großmutter, aber leider die Art unserer Gesellschaft, die sich selbst ihr Grab gräbt ... Die Vertrauensfähigkeit ist bei mir zu sehr ausgegangen, als daß ich mit hoffen könnte ..."

Ich befand mich damals, als die Krankheit mir Zeit zum Grübeln ließ, in jenem inneren Konflikt, den viele Mädchen unserer Kreise, die nicht im oberflächlichen Genußleben aufzugehen vermögen und weder einen ernsten Beruf haben noch heiraten wollen ohne Liebe, durchkämpfen müssen. Als ich einmal wieder in Lablacken war, erriet meine Großmutter mehr, was mich quälte, als daß ich es verraten hätte — zum "Stoizismus des Schweigens" war auch ich dressiert worden. Es kam zu ernsten Aussprachen zwischen uns, und was sie sagte, gipfelte immer in dem Rat: schaffe dir durch dein Talent so viel innere und äußere Selbständigkeit, um nicht heiraten zu müssen! Sie regte mich mündlich und brieflich immer wieder zu schriftstellerischer Arbeit an, bat mich, ihr alles zu schicken, was ich geschrieben hatte, "Du brauchst Dich dabei vor mir nicht zu fürchten, mein geliebtes Herzenskind," schrieb sie, "höchstens binde ich einige zu üppige Schlingpflanzen Deiner Phantasie an, damit der Sturm sie nicht zerzaust." "Entschließe dich," heißt es in einem anderen Brief, "nicht zu einer Heirat, weil irgend jemand Dir zuredet, oder etwa gar aus Mitleid mit einem Kurmacher — das ist schon das allerdümmste! — oder weil Du fürchtest, zu alt zu werden. Glaube fest, daß die späten Heiraten die besten sind. Junge Eheleute entwickeln sich fast immer auseinander, und da Scheidungen, so notwendig sie oft sein mögen, immer ein Gefolge schwerer Schmerzen und Bitterkeiten nach sich ziehen, so ist es besser, zu warten, bis der reife Verstand, das reife Herz ihre Wahl treffen." Ein paar Jahrzehnte früher hatte Jenny Gustedt im Hinblick auf Lewes' und George Sands Apostelschaft für freie Ehen noch geschrieben:

"Ich betrachte die Ehe in ihrer Heiligkeit und Unauflösbarkeit als einen Hebel des Göttlichen, als die Stütze wahrer Reinheit und Liebe, als Schutz und Schirm von Frauenehre und Frauentugend, als das festeste Band bürgerlicher Ordnung und geselliger Anmuth. Diese außerehelichen Verhältnisse, auch bei edleren Naturen, lassen immer in Kampf und Irrgängen mit der Welt und mit sich selbst, sie tragen das Gepräge des selbstgemachten Geschickes, sie werden nicht wie ein Gegebenes fest und demüthig hingenommen, weil sie eben lösbar sind und dem Menschen den Versuch gestatten, einen Mißgriff durch einen zweiten und dritten Mißgriff zu verbessern. Es ist deshalb nicht genug zu betonen, wie groß Goethes Charakter sich zeigte, als er sich gerade mit der alternden Geliebten ehelich verband und sich selbst damit befahl: Sie ist Dir gegeben, bleibe ihr treu! Wir kommen schnell dahin, weltliche Stellungen und Verhältnisse als etwas Gegebenes anzunehmen, uns ihnen in Treue und Demuth anzupassen, und wir sollten vor allen Dingen Menschen als Gegebene betrachten und uns dahin erziehen, wie Goethe es that, uns, unser Glück und unser ganzes Wesen so zu bilden, daß wir damit an keinem der uns gegebenen Menschen Schiffbruch leiden. Von den Verhältnissen zwischen Eltern und Geschwistern wird dies noch eher eingesehen, bei der Ehe wird es so selten und so spät verstanden, weil man sich einbildet, den Mann oder die Frau gewählt und nicht empfangen zu haben. Wer hat aber je die und vollends den Gewählten im engsten Zusammenleben wiedergefunden? Besser — schlimmer — jedenfalls anders, und dem echten Menschen — ich erinnere wieder an Goethe — muß es dann so recht sein, er muß dem Gegebenen halten, was er dem Gewählten versprach."

Und sie hatte, als man sie auf die vielen unglücklichen Ehen verwies, gesagt: "Ich bin trotz alledem ein Advokat der Ehe, die doch, trotz Wenn und Aber und Ach und Leider, das beste ist, was man wählen kann." Jetzt, auf der Höhe ihrer Lebenserfahrung, schrieb sie mir: "Ich habe meine alten Ansichten vielfach modifiziert, nachdem ich Menschen kennen lernte, die nichts zusammenhielt als ihre treue Liebe, und Ehen sah, die auch vom strengsten christlichen Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten werden durften, ohne die sittliche Verderbniß von Eltern und Kindern nach sich zu ziehen. Auch die unbedingte Empfehlung der Ehe vermag ich nicht mehr aufrecht zu erhalten. Jedenfalls sollte sie nicht wie bisher als einziger Beruf des Weibes aufgefaßt werden; das Resultat davon ist auf der einen Seite die Tragik der beschäftigungslosen alten Jungfer, die vergebens auf die Ehe gewartet hat, auf der anderen die oft noch größere der Frau, die den Gatten verlor, die Kinder fortgeben mußte und nun verzweifelnd vor einem leeren Leben steht. Darum mag Dir bescheert sein, was da will, sichere Dir auf alle Fälle den inneren Schatz, den der Rost und die Motten nicht fressen und der unter allen Umständen die reichsten Zinsen trägt ... Ich möchte Dir gerne dabei behülflich sein und kann es nicht in dem Maß, wie ich möchte. Mir fehlt leider gute Lektüre, wie sie mir in Weimar von allen Seiten zufloß. Ich scheue die Anschaffungskosten wertvoller Werke, und was Werners aus der Leihbibliothek kommen lassen, ist zwar ein Zweig der Litteratur, den ich bisher zu gering schätzte — Tendenzromane und Sittennovellen — und der manches Gute und Belehrende bringt, aber doch nur für ein Publikum, das es in anderer Form nicht annehmen mag. In meinen stillen Stunden würde ich mich noch gern mit Übersetzen beschäftigen, da das Selbstproduzieren, wozu ich früher Kräfte hatte und keine Zeit, und jetzt Zeit habe und keine Kräfte, doch nicht mehr mit 73 Jahren in Angriff genommen werden kann; aber auch dazu fehlt Gelegenheit und Material ..."

Es war die geistige Einsamkeit, die ihr dann am drückendsten fühlbar wurde, wenn sie unter Menschen war. Sie empfand, was Goethe aussprach, der bis in seine letzten Lebensjahre ein freudig Empfangender blieb und darum als Geber so überschwenglich reich sein konnte: "Wir sind Alle kollektive Wesen ... Wir müssen empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern verdanken wollte." Und wenn sie auch niemals darüber sprach, so mochte die Sehnsucht nach Weimar, das ihre Heimat war und blieb, doch oft ihr Herz mit stiller Wehmut füllen. Die Liebe zu ihren Kindern hatte sie fortgetrieben, aber was sie ihnen von den Schätzen ihres Innern geben konnte, das galt ihnen nichts, und was sie empfing, war nicht viel mehr als ein wenig pflichtmäßige Zärtlichkeit, die einer Mutter galt, deren tiefstes Wesen allen ihren Kindern fremd und unverständlich war. Wie oft krampfte sich mir das Herz zusammen, wenn ich sah, wie ihre Gedanken und Empfindungen mit einer Art nachsichtigen Mitleids belächelt wurden, wie ein spöttisches Wort über ihren "liederlichen" Freund Goethe sie verstummen machte, welch beziehungsreiche Stille eintrat, wenn "die gute Mama" von Seelenerfahrungen zu sprechen versuchen wollte. Nein, hier fand sie die Saiten nicht, aus denen ihr Spiel Töne hätte hervorlocken können, hier war niemand, der für ihren nie verlöschenden geistigen Durst einen frischen Trunk bereithielt.

Auch mit ihrer Anteilnahme für das Wohl und Wehe der Gutsinsassen, der Knechte und Mägde, der Instleute und Dorfbewohner stand sie allein. Hier geschah nichts, das an jene umfassende Tätigkeit erinnerte, die sie in Garden und Rosenberg ausgeübt hatte. "Am Notwendigsten fehlt es zwar nicht," schrieb sie, "aber dafür am Freiwilligen vollständig, und es wird, fürchte ich, so lange daran fehlen, bis dies unterwürfige demütige Volk aufhören wird, den Rocksaum der Herrin und die Hand des Gebieters zu küssen, und fordern wird, was man ihm von selbst nicht gab. Unendliches wäre hier zu leisten: den armen elenden Weibern die notwendigsten Begriffe von Reinlichkeit und Haushaltung beizubringen, die Männer in ihren Feierstunden mit unterhaltender und belehrender Lektüre zu versorgen, statt daß sie im Krug alles Verdiente durch die Gurgel jagen. Und was wäre Alles für die Kinder zu tun, bei denen überhaupt jede Arbeit anzufangen hat! Sie wachsen buchstäblich zwischen den Schweinen und im Straßenkot auf, von klein an gewöhnt an die widerlichsten Eindrücke der Unzucht und der Trunkenheit, und von der Schule, die für sie der lichte Punkt des Lebens, der Ausgang von geistiger Erweckung, Sittlichkeit und Frohsinn sein sollte, erwarten sie nichts als Prügel." Um den Wünschen und Ratschlägen der Mutter in etwas nachzugeben, richtete ihr Sohn einen Kindergarten ein, für den eine ehemalige Krankenschwester als Leiterin gewonnen wurde. Meine Großmutter hatte die größte Freude an den vielen strohgelben Kinderköpfchen, die sich nun zu fröhlichem Spiel alltäglich versammelten, und den ärmsten unter ihnen, den armen vaterlosen, wandte sie wie immer ihr größtes Mitleid, ihre weitestgehende Sorgfalt zu. Es waren ihrer nicht wenige, denn uneheliche Geburten waren an der Tagesordnung, Trunksucht und Roheit förderten ihre Vermehrung. Da gab es z. B. ein armseliges Weib — Großmamas Hauptschützling —, das als ganz junges Ding von ein paar Burschen betrunken gemacht und im Straßengraben vergewaltigt worden war; nachher hatten sie ihr ein paar Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen, und als sie zu sich kam, war sie halb gelähmt und blödsinnig. Sie erholte sich so weit, um die Puten hüten und — fast alljährlich ein neues elendes Würmchen in die Welt setzen zu können. Der Kindergarten nahm sie alle auf und brachte ein bißchen Sonnenschein in das dunkle Leben der Kleinen, etwas Freude in das graue Leben der Mutter. Wo sie meine Großmutter sah, den einzigen Menschen, der ihr anders begegnete als mit Fluchen, Schelten und Spotten, humpelte sie von weitem schon eilig auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen; dabei huschte über ihr blödes Gesicht ein seliges Lächeln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltäterin. Als aber nach einiger Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller Gegenvorstellungen meiner Großmutter der Anlaß benützt, ihn aufzulösen. "Du siehst, wohin solche Sentimentalitäten führen, dadurch wird die Unsittlichkeit nur unterstützt — die Leute verdienen es eben nicht besser!" hieß es, und die armen Kinder kamen wieder zurück in den Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anlaß für meine Großmutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit durchzusetzen, daß der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde. In einem ihrer Briefe darüber heißt es:

"Es sind Vereine gegen Tierquälerei entstanden — und ich begrüße sie freudig — aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder gequält werden, wie vor allem die ländlichen Schullehrer ihr Züchtigungsrecht in unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die Schulen; der Lehrer versucht einzuprügeln, was ein armes, schlecht genährtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus Angst vor der Mißhandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel über die Fürsorge des Staates für den armen Mann, läßt aber inzwischen ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht bekleidet, schlecht genährt, erfroren, durchnäßt in die schlecht erwärmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner warten. Dabei muß es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Kräften helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schweiß gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlöste. Ich habe die Bitte gehört: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur heute noch laß mich zu Hause, ich habe so große Angst — und das von Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes für sie hatte, für die eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gütiger Lehrer ein wahrer Lebenssonnenschein sein müßte; ich habe es gesehen und gehört ein halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren größten Dichter preist, dem man Denkmäler errichtet, auf dessen Namen man Vereine gründet und der gesagt hat: Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden."

Wenn sie sich schon, soweit die Prügelstrafe der Kinder in Betracht kam, in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenblaß sich zurückziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besaß, es zu verhindern. "Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrührer," sagte sie, "während ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenüber "ein instinktives Schuldbewußtsein, ein Gefühl der Scham, wenn ich in bequemem Wagen an ihren schmutzigen Hütten vorüberfuhr. Ich habe immer versucht, durch besondere Güte, Rücksicht und Liebe diese Schuld abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefühl nur immer drückender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld Rüben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rücken nach Hause wankt, um dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder empfangen zu werden — frage ich mich immer wieder, und die rätselvollen Beziehungen zwischen Schuld und Unglück werden nur immer dunkler. Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im Schweiße ihres Angesichts die widerwärtigste Arbeit verrichten und kaum das nackte Leben dafür haben, während Andere, nicht weil sie besser, sondern nur weil sie glücklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und vermag den allgütigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen."

Mitleid, auch in dieser höchsten Steigerung, mit dem Unglück zu haben, ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei ihr erschöpfte sie sich weder in bloßen sentimentalen Gefühlen, sie löste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende Überlegung über die Maßnahmen zur Abhilfe des Unglücks aus und steigerte sich auf der anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und Genossenschaften, über die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das Bedürfniß," so schrieb sie mir einmal, "das große Kreise der Besitzlosen jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis für ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie die Verblödeten im Schmutz, darin wohl fühlen." Sie stand mit ihrer Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat, wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal ihrer Entrüstung über die sich wiederholenden schamlosen Vergewaltigungen ihres Schützlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst Du eine höhere Kultur zuführen zu können? Verlangst für diese gemeine Bande alle möglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es sogar, daß ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer Vertiertheit aufgestiegen? Daß es bei euch um so viel früher geschah, ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurückgebliebenen herauszuhelfen. Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher Wertung abhängen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer würdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Körper, Geist und Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein größtes Vergnügen im Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mädchenverführen findet." Ihre Entrüstung über Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer Standesgenossen löste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen eine so große Erregung aus, daß die ursprüngliche, durch Erziehung und Leben gebändigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrümmert ist, nicht die Bausteine trägt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine bleibt und allmählich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heißt eine adlige Gesinnung haben," heißt es an anderer Stelle, "und sie ist zugleich die christliche; sie verbietet üppiges Leben, Schulden machen, über die Verhältnisse hinauswollen, die Armen und Abhängigen verletzen und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant für dreißig Mark diniert und fünfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die Familie zu retten, so ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..." "Ihr entrüstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "über die zunehmende Unzufriedenheit, über die wachsenden Lebensansprüche der Armen, statt über den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch über Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller höchsten Güter der Welt doch noch immer unglücklich seid. Was ist unglücklich in Euch? Neid, Genußsucht, Geldgier, gekränkte Eitelkeit — ach, wenn sie doch vor lauter Unglück sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden, außer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden, außer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche, aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die Schuld, mein ist die große Schuld —, statt daß Ihr die Schuld nur immer auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genährt, habt die Kultur der Welt für Euch allein in Anspruch genommen, während die Anderen, die stillen, dunkeln, demütigen Massen im Schweiße ihres Angesichts für Euch arbeiteten, und Euch noch die Hände küßten, wenn ein gnädiges Lächeln sie dafür belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange Leidensnacht, so ist Euer die Schuld."

Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenüber dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich teile den Haß gegen die jüdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur daß ich das 'jüdisch' als Eigenschaftswort für unsere Zeit und nicht blos für die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwänden, blieben unzählige Christen aller Nationen, um den jüdischen Geist fortzusetzen. Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach zur Last fällt, so müssen wir nicht vergessen, daß die Folgen von Druck, Qual, Mißhandlungen während vieler hundert Jahre nicht durch Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden können und ein mehr als tausendjähriger Haß sich nicht in fünfzig Jahren verwischt. Daß sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer für ihre Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern, Judengäßchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschließen von fast jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krämer, nicht Handelsherren, angesichts eines Rothschild! Läuten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und ihre Siege über Millionen Christen, doch gehören zu jedem Betrüger Leute, die sich betrügen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige, diabolische Waffen, so laßt uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen überzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Gründerei, die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden giebt. Laßt uns in unseren christlichen Bestrebungen so zäh, so klug, so ausdauernd sein wie die Juden, laßt uns, wie sie, erst erwerben und dann ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es für faule Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt."

Daß sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persönlichem Vorwurf gemacht werden. Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; für sie war des irdischen Lebens höchster Inhalt, wie für Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens für ein neues Geschlecht. "Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wünsche angesichts des grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so drückte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Gräfin Thara" sagte: "Sie bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn sie erklärte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen Gefolgschaft ihres großen Meisters.

Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Höhe entstammen, von der aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation, die ihre Kinder angehörten, lag eine Welt, lag vor allem der große Kampfplatz der sozialen Gegensätze, auf dem ein ungeheures Ringen ums Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persönlichen Interessen die Führer waren. Den Wünschen der zum Bewußsein ihres Elends gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung nachgeben, bedeutete für die privilegierten Klassen ein allmähliches Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar möglich erscheinen konnte, der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte, für die Gesamtheit aber unmöglich war. Diese historisch notwendige und in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzündete unausbleiblich jenen Haß, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt, die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Haß wird wieder notwendig das Urteil über den Feind irreführen und die besten Absichten verdunkeln. Meiner Großmutter ging dafür jedes Verständnis ab, und das erschwerte noch ihre Stellung.

Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphäre seiner Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als früher in innere und oft auch in äußere Konflikte, da sein schroffer, konservativer Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue Tätigkeit hat dem geistig oft recht öden Leben einen neuen Inhalt verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bücher, Broschüren, Zeitungen ins Haus, und vor allem die außerordentlich unterrichtenden stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit einer Flut von Ideen erfüllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den Köpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles parteipolitisch färben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu sehen — wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken läßt, von ihnen ausgeht — sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach links, während ich doch wohl einsehen muß, daß praktisch die jetzige konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in den viel verpönten und doch, christlich aufgefaßt, herrlichen Worten: 'Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ausdrückt, ist auch das meine und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der Voraussetzung tugendhafter Menschen, während das praktische Leben auf der Voraussetzung sündhafter Menschen bauen muß. Das große Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nähert uns beständig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der Gegenwart läßt sich der allgemeine, für unsere Wünsche freilich sehr langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhörlichen Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters, über die Schauer der Negersklaverei bis heute — ein stufenweises Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schärfster Observanz sich nicht mit dem Aufhalten begnügen, sondern erhalten wollen, was dem Tode verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja auch oft darin besteht, der zu großen Heftigkeit der Kinder Zügel anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie, wie alle Alten, der Jugend weichen müssen, wenn ihre Rolle ausgespielt ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt sie: "Ich möchte wohl mit den Plänen unseres eisernen Kanzlers einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, daß ich mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich den Schutz zum Auswandern billige — Goethe sagt: wo wir nützen, ist unser Vaterland! — aber doch nur in Gegenden, die ein schönes Vaterland werden können, nicht in die Glutöfen der Welt, wo man noch dazu mehr Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Ländern zu gelangen, als wir in Deutschland noch brauchen, um das nötigste Verkehrsnetz zu vollenden, und wo es, wie ich fürchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands großartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich nicht einverstanden, ich halte sie für hart, grausam, ungerecht, unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose, gehorsame, genügsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewußtsein bekommen, und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen ähnlichen Standpunkt habe ich immer gegenüber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist selbstverständlich, daß der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die Möglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der Ausgewiesenen mögen von Natur Königsmörder sein. Und wie viel Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben, an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorübergingen. Wollte Gott, daß die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und sich ihrer ungeheueren Unterlassungssünden ebenso bewußt werden wie der großen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts Tatsächliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe kommen, daß sie sogar damit noch nützen können. Meine Kinder habe ich nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein unbeschriebenes Blatt und läßt sich vielleicht die großmütterlichen Zeichen gefallen, die sich darauf einprägen möchten."

Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Großmutter und der Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen Theorien zu bekennen, sie beschäftigte sich gar nicht mit ihnen und wäre z. B., hätte sie sich damit beschäftigt, zu einer Anerkennung der Idee des Klassenkampfes nie gelangt, aber daß sie in ihr Beurteilung einen Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen, daß sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als berechtigt anerkannte — das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz ungewöhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen dafür angesehen wurden.

Ihre Lektüre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen — "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman" — bestärkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in Zustände, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts ihrer Wirklichkeit ganz außer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen — das gräßlichste Rätsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht mich aus blöden Augen an, und in den Fischerhütten am Strand, wo ein hartes Geschlecht in ständigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bißchen armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen, daß aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift."

Ihr Mitleiden, das kein gefühlsmäßiges Mitleid mehr war, steigerte sich fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering, als daß ihr Herz sich vor ihm verschlossen hätte; es wurde ihr zum körperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern, Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich früher angesichts des unverschuldeten Unglücks dadurch beruhigt hatte, daß die Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab für die Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrätsel des Lebens gegenüber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu bewahren vermochte, den Glauben an den allgütigen Gott — die Stütze ihrer inneren Welt — nicht selbst zu zertrümmern, ihn mit dem namenlosen Unglück, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von einer künftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht, "in ihr liegt weder ein Trost für die Unglücklichen," sagte sie, "noch eine Erklärung dafür, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte für sie etwas außerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar unverschuldetes Unglück war danach die Folge der Schuld früherer Existenzen, und selbst für die Qualen der Tiere fand sie eine Erklärung in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie lehrt. Ihr Glaube war so unerschütterlich, daß keine Einwendung dagegen sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hältst sie, selbst ihr Vorhandensein vorausgesetzt, für wertlos, wenn wir von unserem persönlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du nicht jenes merkwürdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen befällt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten, oder das Geheimniß der Sympathie, das Menschen gegenüber nicht anders wirkt wie ein Wiedererkennen längst Vertrauter? Oder die Bilder des Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Länder und unter Menschen führen, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was wir geworden sind, schon hier lösen sich Hunderte von scheinbar nahen Verhältnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend Fällen eine Erlösung, wenn die Erinnerung verblaßt und verlischt? Es kommt gewiß in früheren und späteren Existenzen des Geistes nicht auf Erinnerung, sondern auf Gewordensein an."

Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines Lebens ist das innere Drängen, Stürmen, Fragen, das Hin- und Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen habe ich abgeschlossen ... Das Unglück der Schuldlosen, Kinderqualen, Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben zu führen scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen — Rätsel, die mich mein Leben lang quälten und meine Freuden vergällten, sind mir zu Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen. Darüber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, daß schließlich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, daß, wie ein Maulwurf das Licht nicht sehen, wie ein unmündiges Kind den Faust nicht verstehen kann, wir auf unserer Erdenstufe die höheren Stufen noch nicht zu erkennen vermögen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum Beweise dafür, wie viele Erkenntniß-Entwicklungen wir sowohl in der irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermögen, sollte nicht reifen und wachsen und Höhen erreichen, die auf Erden nur wenige — ein Christus, ein Goethe — erreicht haben!?"