Welch ein Unterschied: das Paris, das sie eben verlassen hatte, wo das Leben kraftvoll pulsierte und das Kaisertum der Bonapartes, wie einst, aus den Flammen der Revolution siegreich emporzusteigen schien — jenes Kaisertum, von dem Gerlach in seinen Briefen an Bismarck schrieb, es sei die inkarnierte Revolution —, und das Berlin, in das sie eintrat, wo jede Lebensregung niedergeknüttelt wurde, und Hinkeldey, der allmächtige Polizeipräsident, seine Rute über eine Gesellschaft von Duckmäusern schwang — jenes Berlin, die inkarnierte Reaktion!
Die politische Stellung Werner Gustedts bestimmte seiner und seiner Gattin gesellschaftliche Position: Offiziell schloß er sich keiner Partei an, ganz in Übereinstimmung mit den Ansichten Jennys, die an Scheidler schrieb: "Meiner Meinung nach kann ein Staatsmann, wenn er praktisch, rechtlich, vernünftig, für das Wohl des Volkes recht eifrig ist, keiner Partei angehören, weil er unter Umständen mit allen Parteien abwechselnd stimmen muß. Bei Gelehrten, die nur über Theorien wissenschaftlich streiten, ist es natürlich anders, die können sich freilich für eine Partei als die beste entscheiden, wo aber der Riegel des Möglichen vorgeschoben ist, den Sie so vollkommen anerkennen, kann man eben doch nur das Mögliche fordern, nur für das Mögliche Partei nehmen, mithin in jetziger Zeit alle drei Monate für etwas Anderes. Gerade das Unterordnen der individuellen Meinung unter die Autorität eines Parteiführers ist es, was ich nicht für recht halte und weßhalb ich gewiß nie, wenn ich Staatsmann wäre, mit einer Partei gehen würde, außer natürlich in konkreten Fragen." Als ausgesprochener Gegner des Manteuffelschen Regimes ging Werner Gustedt in den entscheidenden Fragen mit den Liberalen. Die persönliche Freundschaft Jennys mit der Prinzessin von Preußen kam hinzu, um das Gustedtsche Ehepaar vollends in die Kreise der Opposition zu führen, die durch einzelne ihrer Glieder, wie Bethmann-Hollweg — den Führer der sogenannten Gothaer —, Usedom und Pourtalès, stets in Verbindung mit der damals in Koblenz regierenden Prinzessin standen. Mehr als je gehörte ihr in dieser Zeit der Herrschaft der Dunkelmänner die wärmste Sympathie Jennys. Sie waren beide echte Kinder Weimars, und was Bismarck nicht aufhörte, der Prinzessin von Preußen zum Vorwurf zu machen: ihr Wurzeln in den großen Traditionen ihrer Jugend — das gereicht ihr wie ihrer Freundin zum Ruhm. Ihr Briefwechsel würde psychologisch und zeitgeschichtlich von größtem Werte sein, und nicht nur die Einheitlichkeit ihrer Anschauungen, auch der Einfluß, den sie aufeinander ausübten, würde dabei zutage treten. Gerade in der Reaktionszeit Preußens hatten die beiden Frauen viel Gemeinsames: ihre Bewunderung für England, ihre Abneigung gegen Rußland, ihr Wunsch nach Schaffung gründlicher, vor allem sozialer Reformen, ihre Versuche, mit den eigenen schwachen Kräften nach dieser Richtung tätig zu sein. "Das Jahr 1848," berichtete Jenny, "war ihr, wie sie mir schrieb, verständlich und hätte ihrer Ansicht nach zu einem guten Ende führen müssen", aber ihre Gegner — Bismarck an erster Stelle — hielten ihr weitherziges Verständnis auch für die Ansichten der Gegner nur zu oft für ein Einverständnis mit ihnen, so z. B. in bezug auf ihre Stellung zum Katholizismus und zum Judentum. "Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt," schrieb Jenny, "die Wunden, die die Politik schlug und schlagen mußte, mit der weichen Hand der Frau zu heilen, und auch das ist ihr vielfach zum Vorwurf gemacht worden. Immer wieder wollte sie zeigen, daß die Politik eines Menschen uns falsch, ja sogar verderblich erscheinen kann, ohne daß der Mensch selbst deshalb verdammenswerth ist. So war ihr die Politik der katholischen Kirche widerwärtig, ohne daß sie sich deshalb von dem einzelnen Katholiken, dessen großen Charakter sie erkannt hatte, abgewandt hätte. Ebenso verachtete sie den jüdischen Geist, zog aber den einzelnen edlen Juden in ihre Nähe. Ähnlich war ihre Stellung England gegenüber; sie bewunderte rückhaltlos den freiheitlichen, großzügigen Geist seiner Politik, der seit Jahrhunderten so erzieherisch gewirkt hat, daß auch der einzelne Engländer ein Stück von ihm in sich trägt, aber sie verabscheute seine Unersättlichkeit, wenn es galt, sich fremde Länder anzueignen, und seine Grausamkeit in der Unterdrückung armer, wilder Volksstämme." Ist das nicht, als ob Jenny sich selber schildert, und liegt der Wunsch nicht nahe, zu erfahren, von welcher der Freundinnen der bestimmende Einfluß ausging? Aber die Briefe Augustas sind verabredetermaßen zum größten Teil verbrannt worden, und die Briefe Jennys, die ein lebendiges Zeitbild gewesen sein müssen, ruhen, falls sie nicht auch dem Feuertode geweiht wurden, in den unerreichbaren Schränken des kaiserlichen Hausarchivs.
Zur Zeit des Berliner Aufenthalts der Gustedts gaben sie der Prinzessin zweifellos auch den Eindruck wieder, den das dortige politische und gesellige Leben auf Jenny machte. Ein einziges Brieffragment, das sich unter ihren Papieren befindet, enthält folgende charakteristische Sätze: "Die Berliner Luft wirkt geradezu lähmend. Es ist, als ob der Geist Hinkeldeys sie so durchdringt, daß gar kein anderer daneben Platz hat. Was groß und gut und zukunftsfroh erschien, ist fort und hält sich im Hintergrund oder ist über das Alter lebendigen Wirkens hinaus, wie Bettina, wie Varnhagen, wie Alexander von Humboldt. Es kommt mir hier vor, wie in einem Kinderzimmer, wo die strenge Gouvernante Ordnung gemacht hat: alles Spielzeug ist verschlossen — die Kinder können beim besten Willen nichts mehr entzwei machen. Aber ich fürchte, das Bild behält auch in seiner weiteren Entwicklung seine Gültigkeit: sie werden nun erst recht unzufrieden und unartig werden. Ich würde es auch, wenn ich hier zu leben verurteilt wäre."
Alte Freunde, wie Fürst Pückler und Karl von Holtei, liebe Verwandte, wie der Schwager ihres Mannes, Graf Kleist-Nollendorf, und seine Frau, verscheuchten ihr die trüben Stunden, und ein schönes Bild, das Peter Cornelius' begabter, leider jung verstorbener Schüler Strauch von ihren Kindern malte, wurde der schönste Gewinn ihres Aufenthalts. Das Motiv dazu gab sie ihm: Christi Wort "Lasset die Kindlein zu mir kommen": unter einem Palmenbaum sitzt er selbst, Diana, das Erstverstorbene, in weißem Hemdchen, weiße Rosen auf dem Kopf, ihm auf den Knien; die tote, schöne Marianne, gleich gekleidet, neben sich, während die drei anderen weiter entfernt, in den bunten Gewändern des Lebens sich ihm nähern. Zu den Köpfen der Verstorbenen hatte Jenny die Skizzen entworfen.
Kurz vor ihrer Abreise von Berlin schrieb sie einem Freunde: "Können Sie sich vorstellen, daß ich mich nach den, von Ihnen oft verhöhnten barbarischen Gefilden Westpreußens wie nach dem gelobten Lande der Freiheit sehne?! Machte der unhaltbare Zustand Preußens, der bei der merkwürdigen Geistesart des Königs, seinem Sprunghaften, Phantastischen, Unberechenbaren, nur immer unhaltbarer werden wird, mich nicht aufrichtig traurig, ich würde mich der nahen Abreise rückhaltlos freuen." Das "natürliche, gesunde, heitertätige Leben" trat wieder in seine Rechte, es stellte aber auch immer höhere Anforderungen an die Mutter wie an die Gutsherrin. "Viele Mütter atmen erleichtert auf," schrieb Jenny, "wenn die Kinder der Schule entwachsen, dann, meinen sie, sind die Sorgen vorbei. In Wirklichkeit aber wachsen sie nur mit den Kindern. Oder ist es nicht viel leichter, ein Kind zu pflegen, das die Masern hat, als eines Kindes Seele gesund zu machen, die die bösen Miasmen der Welt zu vergiften begannen? Und ist es nicht viel einfacher, ihm das Einmaleins beizubringen als die einzige Wahrheit, daß Freiheit von der Sünde die Freiheit an sich ist?"
Otto, ihr Sorgenkind, der es mit nahezu sechzehn Jahren mühsam bis Untersekunda gebracht hatte, weil nach der Mutter Wort: "seine schwankende Gesundheit und sein schlechtes Gedächtnis ihm das Lernen erschweren," sollte auf die landwirtschaftliche Schule nach Jena kommen, um alle Zeit und alle Kräfte seinem künftigen Beruf als Landwirt zu widmen. "Aber" — so fährt Jenny in ihrem Bericht an eine Freundin fort — "die stille Schmach, die in Preußen auf denen ruht, die nicht das Abiturientenexamen gemacht haben, hat das Gewicht nach Werners Wunsch hinsinken lassen. Seit seinem Abgang von Marienwerder, den ich nicht weiter berühre, da ich denke, Sie haben durch Emma und meine Schwester die fatale Geschichte, die uns nun seit 8 Monaten peinigt, hinreichend erfahren, ist er hier von unserem lieben herrlichen Prediger unterrichtet und eingesegnet worden. Diese Feier war, durch die, ich kann sagen, heilige Persönlichkeit des Predigers, so schön, wie ich sie nie erlebt habe."
Eine Feier in Haus und Herzen, wie sie wenige so gut zu gestalten verstanden als Ottos gütige Mutter, war der Einsegnungstag gewesen. Alle Arbeit hatte geruht, dunkle Tannenzweige und leuchtendes Herbstlaub hatten das Haus mit Duft und Glanz erfüllt, und stolz und voll Hoffnung sahen die Augen der Mutter auf den nunmehr erwachsenen Sohn. In das Tagebuch, das sie ihm zur Eintragung seiner Gedanken und Erfahrungen schenkte, hatte sie als Richtschnur für sein Leben folgendes geschrieben:
"Am Tage, der Dich aus der Kindheit entläßt, sei das erste Wort der Mutter an Dein Herz das Wort der höchsten, reinsten Liebe, sei die Lehre Christi von der Menschenliebe; der Geist des Herrn gebe meiner Rede Licht und Kraft, daß sie in Deine innerste Seele dringe, daß sie Dich erfülle, Dein ganzes Sein durchglühe, Dich gegen Undank, Irrthum und Bosheit stähle, daß Du befähigt werdest, zu lieben und zu helfen, nur um der Liebe willen, ohne Wunsch oder Hoffnung auf Dank und Lohn, daß Du erkennen mögest, wie Alles eitel ist, was nicht aus dem reinen Quell der Liebe entspringt, daß Du es klar in Deinem Herzen lesen mögest, das einzige höchste Gesetz, das Gott mit glänzenden Buchstaben aufgezeichnet hat, das alle guten Geister in tausend Chören an seinem Throne singen: Liebe deinen Nächsten als dich selbst.
"Ich gebe Dir, mein Sohn, als einziges Studium Deines Lebens, als einzige Aufgabe vom ersten Erwachen Deiner Seele bis zu dem letzten Gedanken: die Erkenntniß und Ausübung der Liebe nach des Heilands Wort. Und Du mußt fleißig und thätig sein, wenn Du die heilige Aufgabe lösen willst, denn die Liebe verzweigt sich in allen Fähigkeiten, in alle geistige Erkenntniß, in alles Wissen, in alle Verhältnisse, in alle Thaten der Menschen. Du mußt vor Allem Dich erkennen und vergessen lernen, denn aus dem Mittelpunkte Deiner Seele, aus den Triebfedern, die Du darin entdeckst; entspringt die Erkenntniß und Nachsicht für andere Seelen, und nur im Vergessen Deiner selbst, im Aufopfern von Vergnügen, Bequemlichkeiten, weltlichen Vortheilen, sobald sie in Widerspruch mit der Menschenliebe stehen, sproßt der göttliche Keim der wahren Liebe. Ihr erstes Erforderniß ist, daß Du Dich ganz in die Lage, in die Empfindungen, in die Denkungsweise Deines Nächsten versetzen zu können lernst, darum mußt Du die Mühe der Beobachtung nicht scheuen, darum mußt Du den Standpunkt kennen lernen, aus dem die fremde Seele fühlt, denkt und handelt, darum mußt Du Dich mit dem Leben in allen seinen Formen bekannt machen, darum mußt Du jede äußere Erscheinung genau prüfen und die Sitten und Ansichten aller Stände kennen lernen; Du mußt klar sehen in den tausend verschiedenen Verhältnissen, die Zeit und Umstände, Weisheit und Irrthum so bunt gestaltet haben, um weder durch Härte noch durch falsches Mitleid Fehlgriffe in dem Werke der Menschenliebe zu thun ...
"Mußt Du auch ruhig den Contrasten der geselligen Verhältnisse zusehen, so hüte Dich, daß Du die Grenze genau erkennen mögest, wo Armuth in Mangel, und Einfachheit in Bedürftigkeit übergeht, hüte Dich vor dem Urtheil der Bequemlichkeit so vieler Reichen, welche sagen: Die Leute wissen es nicht besser, sie sind einmal daran gewöhnt. Man gewöhnt sich nicht an Frost und Hunger, an Erschöpfung und Krankheit, man gewöhnt sich nicht an die dumpfe Einförmigkeit täglicher Sorge und freudeloser Arbeit; eine Mutter gewöhnt sich niemals daran, ihr Kind Mangel leiden zu sehen, und immer bleibt die Stimme der Natur wach, welche dem Leidenden zuruft: 'So sollte es nicht sein', bis daß seine Seele von der Sorge zur Bitterkeit, von der Bitterkeit zum Unrecht, vom Unrecht zum Verbrechen übergeht, und ist es erst so weit gekommen, so tritt die strenge, unabwendbare Macht der Gesetze ein, die als Selbstschutz der Gesellschaft das Verbrechen strafen muß, ohne auf dessen Quelle zurückzugehen; aber der heilige Beruf der Liebe ist es, unermüdlich in dem ganzen Kreise, der uns zum Wirken angewiesen ist, diese Quellen zu erspähen und zu verstehen.
"Alles Unglück sucht die Liebe auf und tilgt es, wenn sie die Macht dazu hat. Wo Du gebietest, muß die Liebe herrschen und die Gerechtigkeit; daß Du aber die Mittel dazu behältst und Deine Liebe nicht in Schwäche ausarte, darum lerne Welt und Menschen kennen. Was Dir zunächst liegt, lerne zuerst, gehe mit Deinen Untergebenen selbst um, suche sie zu durchschauen, begegne ihnen mild, ernst, konsequent und menschenfreundlich. Nicht Deine Macht muß Dich als ihren Vorgesetzten zeigen, Deine Seele muß das Übergewicht behaupten, Du mußt ihr Herr im Geiste sein, Du mußt es sein in Christi Sinn, und Undank, Tadel und Unvernunft müssen Dich unangefochten lassen in Deinem Werke der Menschenliebe, in Deinem Glauben an das Gute.
"Darum, mein Sohn, läutere erst Deine eigene Seele. Um Gutes zu stiften, mußt Du gut sein, um zu herrschen, mußt du Dich selbst beherrschen, keine Launen dürfen Dich herabwürdigen, sie reizen die Pfiffigkeit, die Schmeichelei deiner Untergebenen, die auf Deinen Edelmuth, nicht auf Deine Schwächen bauen müssen. Wenn der Arme mehr zu tragen hat, so hat der Reiche mehr zu thun. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden.
"Das, mein Sohn, ist Christenthum; keine Religion der Gefühlsseligkeit, der Schwärmerei, der Wortgefechte, sondern eine Religion der That, der lebendigen Liebe."
An eine Freundin richtete Jenny kurz nach Ottos Einsegnung folgenden Brief: ... "Ich bin mir bewußt, ihm das Beste gegeben zu haben, was ich fühle, glaube und denke, und werde und will es ihm weiter geben, wenn es sein müßte bis zur Selbstauflösung. Ich bin auch überzeugt, daß er Alles bereitwillig aufnahm, daß die beste Absicht ihn beherrscht und daß er, wenn keine zu schweren Anforderungen an seinen Körper und an seinen Geist gestellt werden, ein tüchtiger Mensch werden wird. Aber mich überfällt oft die quälende Sorge, daß er zu denen nicht gehört, die großen Schmerzen, großen Pflichten, großen Verführungen gewachsen sind, und das Räthsel der angeborenen Anlage mit all seinem Gefolge an Zweifeln und Qualen steigt dann drohend vor mir auf." Eine wehmütige Resignation klingt aus diesen Worten, jene schmerzlichste, zu der ein enttäuschtes Mutterherz sich durchdringt: daß das geliebte Kind nicht dem Bilde entspricht, das die Mutter von ihm entwarf. Alle Enttäuschungen des eigenen Lebens wiegen leicht für ein Weib, das die eigenen unerfüllten Wünsche und Hoffnungen auf ihr Kind übertragen kann. Mit ihm ist es noch einmal jung und geht mit starkem Vertrauen die alten Wege des Lebens wieder, überzeugt, daß sie nun zum Ziele führen müssen. Eine geheimnisvolle Stimme aus den unergründlichen Tiefen ihres Innern raunt ihr zu, daß die Wunden, die ihr das Leben schlug, nur darum so zahlreich waren, so schmerzten und so bluteten, weil sie die ihrem Kinde bestimmten Leiden mit auf sich nahm. Und als ein Glück empfindet sie dann ihr Unglück. Über spitze Steine mußte ich gehen und glühendes Eisen, sagt sie zu sich selbst, um mein Kind unverletzt auf meinen Schultern hinüberzutragen; von den Dornen am Weg mußte ich die Haut mir zerreißen lassen, aber auf starken, hocherhobenen Armen halte ich mein Kind, damit es ohne Schaden das Ziel erreiche.
"Da Gott nicht überall sein kann, schuf er die Mütter," heißt es in Jennys Sammelbuch. Aber wehe der Mutter, die die Machtlosigkeit ihrer Gottesvertretung langsam begreifen lernt und sieht, daß ihr Blutopfer umsonst war. Nur die Kraft eines Glaubens, der Berge des Leids zu versetzen vermag, und der Quell der Hoffnung, der in stets gleicher Stärke sprudelt, ob er auch schon tausendmal dem Verdurstenden das Leben retten mußte, vermögen über die furchtbarste Offenbarung des Lebens hinwegzuhelfen. Jenny besaß jenen Glauben, aber ihre Hoffnung war wasserarm, sie schien nur zu oft im Sande der Sorge zu versiegen. Da war es der lebenskräftige Gatte mit seinem gesunden Optimismus, der sie immer wieder den trüben Vorstellungen entriß und sie über ihre traurige Wahrheit hinwegtäuschte, und wo es ihm nicht gelang, da war es die Arbeit, die sie davon befreite.
"Wir wissen im Augenblick nicht, wo wir zuerst Hand anlegen sollen; das Elend der uns umgebenden Menschen, Cholera, Kälte, Hunger, Teuerung lasten schwer auf uns und ihnen, und es ist doch im Ganzen nur sehr kärgliche Hilfe möglich, am meisten noch durch Suppenanstalten, und diese bemühen wir uns in den Städten des Kreises einzuführen. Daneben suche ich die Kinder in unser großes, warmes Haus zu retten und freue mich ihrer Fröhlichkeit, die besser ist als aller Dank ... Ich schreibe im Angesichte einer Rechenstunde von sechs kleinen Knaben, die eine Art Schule bei mir bilden und neben meiner Jenn, die eine französische Übersetzung macht, — wenn ich also einen uneleganten Brief in Styl und Ausstattung schreibe, so halte es mir zu Gute," schrieb sie im Jahre 1856 an Emma Froriep, und äußerte ungefähr zu gleicher Zeit ihrer Schwester Cecile Beust gegenüber: "Es ist mir jetzt erschreckend deutlich geworden, welch großen Vorzugs wir uns in unserer Arbeit erfreuen: Wir müssen alle Gedanken auf sie verwenden, und werden daher gezwungen, sie von unseren Kümmernissen abzulenken. Sieh dagegen einen Tagelöhner oder einen Scheerenschleifer: der eine mäht die Wiese und der andere schleift die Messer, ohne daß ihm diese Wohltat wird, seine Gedanken können sich nach wie vor um die kranke Frau, um die hungrigen Kinder, um den kommenden Winter, um den leeren Beutel drehen ..." — —
Eine lange Periode der Schweigsamkeit beginnt mit dem Jahre 1859, nicht nur, weil die etwa geschriebenen Briefe unerreichbar blieben, sondern wohl auch, weil unter der Folge von Ereignissen ihrer nicht viele geschrieben wurden. Die befreiende Gabe, sich auch im tiefsten Leid aussprechen zu können, kommt vor allem der Jugend zu, die noch an den Trost und die Hilfe der Freunde glaubt und glauben kann. Je älter man wird, um so einsamer wird man; die persönliche Atmosphäre der eigenen Lebenserfahrungen entfernt den einen von dem anderen, je dichter sie uns umschließt. Ein jeder wird eine Welt für sich mit ihren eignen Gesetzen.
Jenny Gustedts ältester Sohn war inzwischen, nachdem er zur Empörung seines Vaters das Abiturientenexamen nicht gemacht hatte, auf die landwirtschaftliche Schule gekommen.
Mitten im Studium erwachte in ihm die Passion für die militärische Laufbahn mit solcher Gewalt, daß er die Eltern vermochte, ihr nachzugeben, und als er im schmucken Schnurenrock des Danziger Husaren zum erstenmal wieder nach Rosenberg kam, war er so strahlend vor Glück und bot ein so bezauberndes Bild junger, schöner Ritterlichkeit, daß es wirklich schien, er habe endgültig gefunden, was seinem Wesen entsprach. Mit Leib und Seele war er Soldat, ein tollkühner Reiter, ein unermüdlicher Tänzer, ein verwöhnter Liebling der Damen. Seine kecken Streiche wurden bald zum Stadtgespräch; als er einmal auf Grund einer Wette während der Vorstellung zu Pferde in einer Loge des Theaters erschienen war, kam er zur Strafe in eine kleinere Garnison. Trotzdem war er bei jedem Ball in Danzig und morgens pünktlich in der Reitbahn bei den Rekruten: er ritt nach Danzig und setzte sich, heiß vom Tanz, wieder aufs Pferd, um in den eisigen Winternächten, so rasch der Gaul ihn trug, die Garnison zu erreichen. Pochend auf seine Jugendkraft, rücksichtslos vergeudend, was für ein ganzes Leben reichen sollte, schlürfte er in vollen Zügen den süßen, perlenden Wein sorglosen, liebe- und lusterfüllten Daseins. Die Mutter zitterte bei jeder Nachricht von ihm und wagte doch dem Gatten ihre Angst nicht zu zeigen, weil sie wußte, wie ungeduldig ihre ahnungsvollen Sorgen ihn machten, weil sie fürchtete, ihn, der gerade anfing, mit dem Sohn zufrieden zu sein, vielleicht unnötigerweise zu reizen. Wie gerne wollte sie unrecht haben, und doch gab ihr die Zukunft recht. Otto brach vollkommen zusammen, so vollkommen, daß es schien, als würde er für immer dem bunten Rock entsagen müssen. In der aufopfernden Pflege der Mutter genas er nach und nach. Kaum, daß sie aufzuatmen wagte, kamen beunruhigende Nachrichten aus Paris: das Alter, das Jerome bisher nichts anzuhaben schien, überwältigte ihn nun mit doppelter Schnelligkeit, und in der Ahnung des nahen Endes wünschte er sehnlich Tochter und Enkel noch einmal wiederzusehen. Jenny entschloß sich mit den drei Kindern zur Reise nach Frankreich und verlebte ein paar stille Sommerwochen bei dem geliebten Vater auf dem Lande, überzeugt davon, daß es das letzte Zusammenleben sein würde. Kaum ein halbes Jahr später — 1860 — wurde der letzte der Brüder Napoleons zu Grabe getragen, und die Kuppel des Invalidendoms, die sich über die sterblichen Reste des Welteroberers wölbte, wölbte sich nun auch über ihm. Aber während Hunderte und Tausende noch immer zum Sarge des Kaisers wallfahrten, und trotz all der Wunden, die er schlug, trotz all des Lebens, das er zertrat, in Ehrfurcht bewundernd, das Haupt vor dem Toten entblößen, werfen sie kaum einen Blick auf das Grabmal Jeromes — der Schatten des Gewaltigen warf seinen dunklen Schleier auch noch über den Toten. Nur seine Kinder weinten um ihn, und unter ihnen wohl keine so heiß als Dianens Töchter.
Was Jenny so sehr gewünscht hatte: dem Vater die letze Ehre zu erweisen, war unerfüllt geblieben, denn seine Todesnachricht traf sie mitten in der Auflösung ihrer ländlichen Häuslichkeit: Werner Gustedt hatte die Wahl zum Landrat des Halberstädter Kreises angenommen. Seit alten Zeiten hatte ein Mitglied der Familie Gustedt diese Vertrauensstellung inne gehabt, so auch sein 1860 verstorbener ältester Bruder, und die Tradition war eine so fest gewurzelte, daß die Kreisstände ihn wählten, obwohl die meisten ihrer Mitglieder ihn zum erstenmal gesehen hatten, als er, eben von Preußen kommend, sich noch im Reisepelz an das offene Grab des Bruders stellte. Die trüben Ahnungen tapfer überwindend, in Gedanken an die guten Seiten einer Übersiedlung in die Stadt, in die nächste Nähe der Verwandten, besonders im Interesse der Kinder, unterwarf sich Jenny widerspruchslos der Entscheidung des Gatten. In dreiundzwanzig Jahren hatte sie sich durch Kampf und Arbeit, durch Freud und Leid im fernen Osten die Heimat erworben; die lebenden Kinder, die ihr entsprossen waren, die toten, die sie ihr wieder hatte zurückgeben müssen, fesselten sie an diesen stillen trauten Winkel. In ihm begrub sie zum Abschied ihre Jugend. Aber wenn sie auch einst gekommen war mit rosigen Wangen und dem leichten Schritt jugendlicher Freude und nun ging, blaß und schmal, zögernden Fußes, als ob der Boden ihn festhalten wollte: ihre dunklen Augen leuchteten strahlender als einst, und ihre reine Schönheit verleugnete ihre fünfzig Jahre.
Ein großes, schönes Haus in grünem Garten nahm Gustedts in Halberstadt auf, mit offenen Armen und Herzen kamen ihnen die vielen Verwandten entgegen, deren Güter in der Nähe waren, und die den Winter in der Stadt zuzubringen pflegten. Die liebliche, eben erblühte Tochter war des neuen Heimes Schmuck und wurde die stärkste Anziehungskraft für die Jugend des Städtchens. Ein neues, fröhliches Leben trat an Stelle des alten, stillen; das gastliche Haus des neuen Landrats, in dem mit ihrer Vornehmheit seine gütige, geistvolle Gattin eine Atmosphäre von Behagen verbreitete, wurde zum Mittelpunkt der Geselligkeit, das reizende Töchterchen das umworbenste Mädchen der Gesellschaft. Unter den 7. Kürassieren war manch ein Offizier mit altpreußischem Namen, der sie gern für sich erobert hätte und auch die Gunst des Vaters gewann. Jenny selbst enthielt sich jeden Einflusses, nur das Herz der Tochter sollte entscheiden. Und es entschied rasch genug: auf einen Infanterieleutnant, von dessen Familie kaum jemand viel wußte, der nur ein kleines Vermögen besaß und in der Gesellschaft keine große Rolle spielte, weil er besser zu unterhalten als zu tanzen verstand, fiel ihre Wahl. Als er zum erstenmal in Helm und Waffenrock vor den alten Gustedt trat, ihn um die Hand der Tochter bittend, wurde er schroff zurückgewiesen, und Jenny mußte auf längere Zeit Halberstadt verlassen, um sich die Liebe zu Hans von Kretschman womöglich aus dem Sinn zu schlagen. In Begleitung ihres ältesten Bruders trat sie eine Verwandtenreise nach dem Elsaß an, wobei die jungen Leute es sich wohl sein ließen: die Schwester, in der Zuversicht ihr Ziel doch zu erreichen, der Bruder, im Vollgefühl der wiedergewonnenen Gesundheit.
Auf dem Schloß der Familie Bussières, deren weibliches Haupt, eine geborene Türkheim, Jennys rechte Cousine und alte Pensionsfreundin war, trafen sie eine Schar fröhlicher Vettern und Cousinen. Die eine von ihnen eroberte im Sturm Ottos leicht zu entflammendes Herz, und die Geschwister kehrten nach Halberstadt zurück, die Schwester ihrer Liebe nur noch sicherer, der Bruder entschlossen, die seine zu verteidigen. Er fand unerwarteten Widerstand bei seiner Mutter: seine Jugend, die ihm fehlende Lebensstellung, seine Kränklichkeit, vor allem aber die nahe Verwandtschaft des jungen Paares waren für sie Gründe genug, sich mit allen Kräften gegen die Verbindung zu sträuben. Aber trotz der Unterstützung, die sie bei ihrem Manne und bei ihrer Cousine, der Mutter des jungen, von Otto geliebten Mädchens, fand, unterlagen alle Gründe und Erwägungen der Vernunft der Liebesleidenschaft des Sohnes. Im Jahre 1863 fand die Hochzeit des jungen Paares statt, das zunächst nach Straßburg übersiedelte. Und kaum ein Jahr später hatten Kretschmans Energie und Jennys Treue den Widerstand des Vaters gebrochen, und den alten Dom von Halberstadt füllte eine glänzende, frohe Hochzeitsgesellschaft.
Als auch die Tochter das elterliche Haus verlassen hatte und nur noch der Jüngstgeborene noch übriggeblieben war — wie einsam erschien es da der Mutter! Sie wußte ihre Kinder glücklich in ihrem selbstgewählten Los, sie wußte von sich, daß ihre Liebe durch keine Spur von Selbstsucht vergiftet war, und doch konnte sie so recht nicht froh werden. Ihr fehlte auch die Arbeit, alles Vertiefen in ihre Bücher bot ihr keinen Ersatz. Nur Jeromes Memoiren, die um jene Zeit anfingen, zu erscheinen, und aus denen ihres Vaters Bild ihr lebendig entgegentrat, vermochten sie von der Gegenwart abzulenken. "Sie enthalten nicht nur," so schrieb sie, "äußerst wichtige historische Tatsachen, sie geben vor allem den richtigsten wahren Abglanz seines Wesens, Wollens, seines Charakters und seiner Liebenswürdigkeit." Mit ihrem Mann begann sie wieder die gemeinsame abendliche Lektüre, aber zu einem stillen Einleben in die neue Art des Daseins schien es nicht kommen zu wollen. Eine innere Unruhe trieb Werner Gustedt hin und her, ließ ihn sich auf der einen Seite wieder in politische Angelegenheiten mischen, während ihn die Reiselust andererseits in die Ferne trieb. Eines schönen Morgens packte er denn auch seinen Koffer und fuhr trotz der Sommerhitze über Italien nach Algier. Zu Beginn des Herbstes, als Hans von Kretschman im Manöver sein mußte, traf Jenny in Heringsdorf mit der Tochter zusammen. Am 10. September 1864 schrieb sie von dort aus an ihren eben heimgekehrten Gatten:
Mein lieber Werner!
Einen schriftlichen Gruß sollst Du wenigstens finden, wenn Du an unseren lieben häuslichen Herd zurückkehrst, wo ich Dir so gerne entgegenkäme, ich halte aber mich und meine Jenn gewaltsam hier fest ... Meine Meerpassion wurzelt immer tiefer im Herzen, in den Nerven und in der Phantasie, obwohl ich immer schlecht schlafe. Am Tage aber fühle ich mich leicht an Körper und Geist. Wald und Umgegend erinnern an unser geliebtes Garden ohne Meer, und ich träume mich oft um zwanzig Jahre zurück! ... Leben, Licht, Friede, Größe, Ewigkeit, Wechsel bei der göttlichen Ruhe des stillen Meeres und dann das majestätische Losdonnern des Sturmes wie der Zorn Gottes, und das geduldige Tragen der kleinen Schiffchen, wie das Tragen des kleinen Menschen durch die göttliche Liebe — es ist zu wunderbar schön und mit nichts auf der Welt zu vergleichen! Hätte ich meine Lieben Alle um mich, ich möchte nie von hier fort. So aber werde ich gerne abreisen ... Habe ich Jennchens Wohnung in Magdeburg eingerichtet, wo sie, so Gott will, im nächsten Sommer als glückliche Mutter hausen wird, dann setze ich, vereinsamte Mutter, mich zu meinem lieben alten Mann. Lebe wohl, mein guter, lieber Werner, ich hoffe, das Zuhause wird Dir doch wieder recht sein."
"Beantwortet am 12. September," steht von Gustedts Hand auf dem Briefe vermerkt. Es war der letzte, den er erhalten hatte. Am 30. September war er tot. Still und starr in ihrem Schmerz, mechanisch verrichtend, was für sie zu tun war, ohne Anteilnahme für alles, was um sie her vorging — so sahen die Kinder ihre Mutter, wie sie sie noch nie gesehen hatten. Nicht nur der Gatte war tot, nein auch in ihr war etwas gestorben: ihm hatte sie sich in Liebe hingegeben, ihm hatte sie nicht nur jene banale Treue des geschriebenen Rechts, sondern die Treue der Seele unverbrüchlich gehalten, ihm hatte sie sich untergeordnet, wenn beider Willen nicht zu vereinigen war, ihm hatte sie vieles geopfert, was ihr Leben reicher und glücklicher hätte machen können, und gerade darum war es ein Stück ihrer selbst, das mit ihm starb. Die Opfer, die sie ihm bringt, verbinden das Weib dem Manne viel stärker als die Freuden, die sie von ihm empfängt, und je mehr sie sich hingibt, desto furchtbarer ist die Leere, die sein Tod hinterläßt.
Folgender Brief Jennys an Wilhelmine Froriep, die ihren Mann auch verloren hatte, gibt den Zustand ihrer Seele am besten wieder:
"Halberstadt, den 16. Oktober 1864.
"Mein liebes teures Minele!
"Was ich damals zu verstehen glaubte, verstehe ich erst jetzt — deinen Schmerz. Daß du nach Jahren noch Tränen hast, ist die Erleichterung, um die ich dich jetzt beneide; seitdem der geliebte Sarg meinen Augen entschwunden ist, kann ich selten weinen, und es ist mir, als versteinere etwas in mir. Nur dafür kann ich Gott nicht genug danken, daß er mir Frieden gibt, Frieden in mir, Frieden in der Erinnerung — Frieden im Gedanken an meinen Werner, dessen heiliges teures Totenbett von lauter lieblichen Bildern und Gefühlen umgeben war. — Gottlob, daß ich ihn pflegen, lieben, bedienen konnte bis zuletzt! Seine Krankheit lag eigentlich zwischen zwei Reisen für mich — ich kam eben von Heringsdorf und wollte im November zu Otto und meiner lieben Schwiegertochter nach Straßburg, wo sie ihre erste Entbindung erwartet. Mein armer Otto mußte den bittern Kelch des 'zu spät' ohne sein Verschulden leeren; am Sonnabend früh um halb ein Uhr war sein lieber Vater entschlafen, und am Abend um 7 Uhr kam er an. — Die andern Kinder standen um sein Bett; mich traf sein letzter Blick, ich hatte 13 Stunden um, mit, durch ihn gelebt, ohne von mir selbst etwas zu wissen — vorher glaubte ich an keine Gefahr. Wie du, mein Minele, gehört der Rest meines Lebens meinen Kindern, wenn ich aber übersehe, daß ich nur noch wenige Jahre Arbeit für sie habe, denke ich, dann wird mich der Herr im Frieden abrufen — wie gern beschlöß ich mein Leben in Weimar, aber meiner Kinder Schicksal will sich da nicht einschichten lassen, und so weiß ich jetzt noch nicht wohin. Mein liebes Jennchen und ihr vortrefflicher Mann nehmen meinen Sohn Werner in Leitung und Obhut — ihr Beruf ist, oft umherzuziehen, Otto hat noch keine feste Häuslichkeit, so daß ich wirklich nicht sagen kann, wo ich wieder eine finden werde ..."
"Ich muß mich selbst erst wieder finden," heißt es in einem anderen Brief aus Straßburg, wo sie zwei Monate später der Niederkunft ihrer Schwiegertochter entgegensah, "muß Vergangenes und Gegenwärtiges mit dem Zukünftigen zu verknüpfen suchen, muß lernen, allein zu sein. Wer sich so lang und so fest wie ich auf den Arm des Lebensgefährten stützte, den überfällt ein Gefühl des Schwindels, wenn er plötzlich selbständig vorschreiten soll. Ich brauche Stille und weiß, daß ich sie nirgends sicherer finde als bei meiner lieben Nonne, zu der ich von hier aus reise, und bei der ich bleibe, bis meine Tochter mich braucht ..."
Als die schwere Türe der Deersheimer Familiengruft sich hinter Werner Gustedts Sarg geschlossen hatte, schien auch das Leben hinter ihr leise die Türe zuzuziehen. An ein neues, das Wert und Inhalt für sie haben konnte, glaubte sie nicht mehr. Zu intensiv hatte sie für Mann und Kinder gelebt — er war tot, sie gingen ihre eigenen Wege — sie vermochte nicht zu begreifen, daß sie für sich selbst noch zu leben vermöchte.
An einem grauen Januartag klopfte eine schwarz verschleierte Frau an die Pforte des stillen Klosters in der brausenden Weltstadt Paris. Keine der Jungfrauen, die hier um Einlaß gebeten hatten, um eine Zuflucht wider die Verführungen und Schmerzen der Welt zu finden, war so voller Sehnsucht nach Ruhe hierhergekommen wie diese Frau, in deren Seele und in deren Herzen Ehe und Mutterschaft ihre unvergänglichen Zeichen hinterlassen hatten. Weit öffnete sich ihr die Pforte, unhörbar schloß sie sich hinter ihr.
Im Frühling 1865 kehrte die Witwe nach Halberstadt zurück. Niemand von der Familie kannte den Tag ihrer Ankunft. Wie sie es gewünscht hatte, empfing sie die tiefe Stille des vereinsamten Hauses, in dem seit dem Tode Werners noch nichts verändert worden war. Doch nicht, um "dem größten und abstoßendsten Egoismus, den es gibt, dem des Schmerzes", zu leben, war sie heimgekommen. "Eine Lebensberechtigung hat nur, wer nützen kann," schrieb sie, "solange ich irgend Jemanden weiß, dem ich durch mein Dasein eine Last abnehmen, eine gute Stunde bereiten, einen Schritt zum Ziele der inneren Vollendung weiter helfen kann, solange bin ich nicht im Wege, nicht überflüssig und habe noch immer Grund zur Dankbarkeit gegen Gott." Und sie empfand es mit Freuden, daß ihre drei Kinder ihrer bedurften.
Da der Aufenthalt in Halberstadt fern von ihnen für sie keinerlei Anziehungskraft mehr hatte, so beschloß sie, nach Berlin überzusiedeln. "So wenig sympathisch Berlin mir ist, so sehr ich darauf gefaßt bin, durch die natürlichen Ansprüche der Freunde und der Verwandten, durch die Unbequemlichkeiten des Hoflebens viel von der Ruhe, die meinem Alter not tut, opfern zu müssen, Otto ist derjenige unter meinen Kindern, der im Augenblick meiner am meisten bedarf." Vorher aber hatte sie noch eine andere, willkommene Mutterpflicht zu erfüllen: ihre Tochter sah ihrer Niederkunft entgegen, und da ihr Schwiegersohn kurz vorher von Magdeburg nach Neiße versetzt worden war und seiner Frau die Mühen des Umzugs ersparen wollte, so sollte das stille Halberstädter Haus, in dessen weiten Räumen der Frohsinn der Kinder so hellen Widerhall gefunden hatte, nicht eher verlassen werden, als bis es die ersten Lebensäußerungen des Enkels erfüllten.
An einem glühendheißen Julisonntag — Jenny war gerade aus der Kirche gekommen — gab ihre Tochter einem Mädchen das Leben. "Daß dieses Enkelchen in meinem Hause geboren ist," schrieb sie nach Weimar, "ist mir wie ein Fingerzeig Gottes, daß es mir doppelt ans Herz gelegt wurde. Mutter und Kind sind gesund und munter. Mein Jennchen hat meiner alten, viel erprobten Überzeugung Recht geben müssen, daß Kinderkriegen angenehmer ist als Zähneziehen: das Kleine hat seine Mutter gar nicht gequält und hatte es sehr eilig, in die Welt zu kommen, als ob es das Leben gar nicht erwarten könnte. Möchten seine Hoffnungen es niemals täuschen." Vierzehn Tage später hielt sie das Enkelkind über die Taufe und gab ihr den Namen, der an die ihr liebste Gestalt des Goethe-Lebens erinnern sollte, an die Mutter ihres Onkels Türkheim: Lily.
Nachdem meine Mutter mit mir nach Neiße abreisen konnte, und eine kurze Kur in dem von ihr schon oft besuchten, stets mehr geliebten und dankbar gepriesenen Karlsbad die Großmutter gekräftigt hatte, schuf sie sich in Berlin in Ottos nächster Nähe ihr neues Zuhause. "Mein guter Mann," schrieb sie von dort aus an eine Freundin, "hat so für mich gesorgt und Alles so genau vorbedacht, daß mir nach aller menschlichen Berechnung ein bequemes, sorgenfreies Alter — soweit es materielle Sorgen betrifft — in Aussicht steht. Ich kann dabei, hoffentlich immer mit meinem Jennchen und ihrer Kleinen, die Sommer in Harzburg oder Heringsdorf verbringen, die etwa notwendige Frühlings- oder Herbstkur in Karlsbad durchmachen, und behalte genug, um meinen Kindern auszuhelfen, ihnen Extrafreuden zu bereiten und ohne Skrupel wohltätig sein zu können. Wenn ich das Alles so niederschreibe, klingt es fast selbstsüchtig, aber wenn ich auch ganz genau weiß, daß ich für meine Kinder jede Entbehrung auf mich nehmen könnte, so weiß ich doch ebenso gewiß, daß sie in meinem Alter für mich empfindlich sein würde."
Von einem ruhigen Leben, wie sie es erhoffte, war freilich trotz aller Sicherung der Existenz für sich und die Ihren keine Rede. Der politische Himmel umwölkte sich immer mehr, und der Winter 1865 bis 1866 erschien schon wie eine Kriegsvorbereitung. Wenn Jenny Gustedt am Teetisch bei der Königin von Preußen saß, mochten die Gedanken der Freundinnen sich wohl stets sorgenvoll um dieselbe Frage drehen, die beide im Interesse ihrer Kinder, im Interne des Vaterlandes und im Interesse des Völkerglücks so sehr bewegte. "Noch kein Argument", heißt es in einem der Briefe Jennys aus jener Zeit, "habe ich gehört, das mir den Krieg begreiflich gemacht hätte. Tausende stürzt er in lebenslanges Unglück, vernichtet den Wohlstand, bringt fleißige Handwerker an den Bettelstab, fördert Roheit und Rauflust. Auch daß er eine Erziehung zum Mut wäre, ist nicht wahr. Das mag für den Kampf mit dem Säbel in der Faust Geltung haben, aber nicht da, wo Kanonen und Gewehre ihre Geschosse aus weiter Entfernung Armen, fast Wehrlosen in den Körper jagen. Auch ist der Mut allein der sittliche, der christliche, der sich im Kampf gegen Verführungen und Entbehrungen, für Wahrheit und Recht erwerben läßt. Ein Märtyrer seiner Überzeugung steht tausendmal höher, als einer jener Tapferen, der in der Leidenschaft des Kampfes seinen Nächsten niedermacht." Als dann der deutsch-österreichische Bruderkrieg ausbrach und Jenny von Sohn und Schwiegersohn Abschied nehmen mußte, legte sie für ihre Auffassung des Mutes Zeugnis ab: sie blieb die Ruhige und Tapfere zwischen Schwiegertochter und Tochter, die zu ihr gezogen waren, und half ihnen, die böse Zeit ertragen. Es war keine leichte Aufgabe, denn als die Nachricht von der Schlacht bei Königgrätz in Berlin eintraf, bekam sie zu gleicher Zeit die Mitteilung, daß Hans von Kretschman an der Spitze seiner Kompagnie den Tod fürs Vaterland gestorben sei. Da sie nicht amtlich beglaubigt war, besaß Jenny den Heroismus, vor ihrer Tochter ruhig und heiter zu erscheinen, während sie heimlich immer wieder zur Kommandantur fuhr, um Gewißheit zu erlangen. Endlich kam Nachricht: ihr Schwiegersohn war zwar schwer verwundet, konnte aber doch nach Berlin gebracht werden. Bald darauf erhielt auch ihre geängstigte Tochter einen beruhigenden Brief von ihm. Wenige Tage nach meinem ersten Geburtstag trug man meinen Vater in Großmamas Haus — man hat mir so oft erzählt, wie ich mich vor dem Mann mit dem verwilderten Bart gefürchtet habe, daß ich heute noch zuweilen meine, das Bild der verdunkelten Stube, wo er lag und wo Mama und Großmama sich um ihn bemühten, vor mir zu sehen.
Nach dem Friedensschluß wurde mein Vater nach Potsdam versetzt; meiner Großmutter ältester Sohn kam zu den dort garnisonierenden Gardehusaren, und ihr jüngster trat bei den Gardeulanen ein. Was war natürlicher, als daß auch sie dorthin ging, wo nun alle ihre Kinder vereinigt waren. Sie bezog ein Haus recht nach ihrem Geschmack, von einem Gärtchen umgeben, mit dem Blick auf grüne Bäume, und richtete es ein, so schön und traulich, wie es in jener Zeit der unumschränkt herrschenden Geschmacklosigkeit nur sie einzurichten verstand. Diese Umgebung, die sie sich selber schuf, erschien stets so sehr als der notwendige Rahmen ihrer Persönlichkeit, daß ihrer wohl gedacht werden muß; gehörte es doch zu ihrem Erbe an Goethischen Lebensmaximen, auch das Äußere des Daseins mit sich selbst in Harmonie zu setzen — in jene Harmonie, die eine so wohltuende Atmosphäre um sich verbreitete, die die Menschen magnetisch in Großmamas Nähe, in den Frieden ihrer Räume zog.
Sie entsprachen in keiner Weise der damaligen Mode, die begann von den geschnitzten Säulen, Löwenköpfen und Akanthusblättern der Renaissance beherrscht zu werden. Nur ihr Speisezimmer enthielt die notwendige Ausstattung an Möbeln aus glattem, dunklem Holz, ohne Schnörkel und staubfangendes Beiwerk. "Es ist die Hauptsache," schrieb sie in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen über Hausbauten und Wohnungseinrichtungen, "daß man bei Zimmern und Bauten gleich ihre Bestimmung, so zu sagen ihre Seele erkenne. Darum passen Holzmöbel in Eßräume, Flure usw., nur dorthin nicht, wo es einem warm, wohnlich, auf Bleiben anmutet, da sei Stoff und Polster, Ruhe für den Körper und für das Auge." Die modernen Salons erschienen ihr "wie ein Museum ohne Mittelgang, wie sechs Cabinets ohne Zwischenmauern, halb Atelier, halb Gewächshaus, halb Porzellanladen, halb Theaterdecoration; Drapirungen von türkischen Tüchern um Bilder und Möbel, zahllose Nippes, wie in den Glasschränkchen der Kinder, deren Hauptverdienst es ist, die Geduld des Stubenmädchens bis zur höchsten Vollkommenheit zu üben, Miniaturbilderchen ohne Zahl, auch verblichene, viele ohne die Namen der Dargestellten, den man auch kaum zu wissen wünschte — nirgends Raum zum ruhigen, gefahrlosen Schritt, nirgends wohlthuende einfache Linien, die Ansicht eines Möbels meistens durch ein davorstehendes unterbrochen. Da ist kein Raum zu häuslicher Arbeit, zum Spielen der Kinder, da ist kein eigentlicher großer Familienplatz mit großem Tisch zum großen Sopha, großer Lampe, vielen Lehnstühlen, auf welchen jeder Eintretende wie auf das berechtigte Centrum des Familienlebens zugeht." Wie anders wirkte der stille grüne Salon meiner Großmutter, der überall, wo sie auch hinzog, seinen Charakter beibehielt, gewissermaßen die Heimat war, die sie überall mitnahm. Wie Moos bedeckte der Teppich den ganzen Fußboden, dunkelgrün, ruhig, klein gemustert. Grüne hellere Vorhänge mit weißen darunter hingen glatt an den Fenstern und bildeten die Portieren. Bei ihrer Antipathie gegen alle spitzen Winkel — die in den Zimmern und an den Möbeln — waren zwei Ecken des Salons durch hohe bis zur Erde reichende Spiegel in schmalen Goldrahmen verdeckt, zu deren Füßen meist blühende Pflanzen in schmalen vergoldeten Körben standen. In einer anderen Ecke befand sich ein kleines halbrundes Sofa, hinter ihm auf einem Postament eine Goethe-Statuette. Ein grauer Marmorkamin mit Bronzetüren und dem Bilde der Kinder um Christus geschart darüber, vor ihm zwei der weich und tief gepolsterten Lehnstühle und ein Tischchen mit der täglichen Lektüre, füllte den vierten Zimmerwinkel. Zwischen zwei Fenstern an einer breiten Wand stand ein großes bequemes Sofa, wie die Stühle mit grün in grün gemustertem Stoff bezogen, davor ein großer runder Tisch mit runder, fast bis zur Erde reichender grüner Tuchdecke. An den Wänden, die meist mit einer goldbraunen oder hellgrünen Tapete bedeckt waren, hingen nur wenige schöne Ölbilder, meist Familienporträte. Von der Mitte der Decke hing mondartig eine Lampe mit mattem Glas herab, auf dem Tische vor dem Sitzplatz stand eine kleinere von antiker Form, über der ein ganz leichter, lichter Schleier von rosa Seide hing, ganz unähnlich den Staatslampen, die man so oft, den Gästen zur Qual, nackt, grell in direkter Augenlinie auf den Tisch stellt zur Anerkennung des Verbrauchs an Lichtmaterial.
Was aber dem harmonischen Raum erst das rechte Leben gab, waren die Blumen. Keine Treibhausgewächse, keine steifen Topfpflanzen, sondern blühende Blumen aus Wald und Wiese, zierliche Gräser, buntes Laub, dunkle Tannenzweige — was immer die Jahreszeit bot und von der Bewohnerin selbst auf ihren langen Morgenspaziergängen gepflückt oder eingekauft und zuhause mit täglich neuer Freude in schlanke Kelchgläser geordnet wurde. An den Salon stieß ein intimerer Raum, nur durch Portieren von ihm getrennt, das Boudoir. Es entstand fast in allen Wohnungen durch eine Teilung des Schlafzimmers; alle Wände waren mit leicht gezogener grauer Kretonne bedeckt, auf der Schilfblätter mit Schlingrosen sich rankten. Unter dem großen einscheibigen Fenster stand eine Couchette und auf dem Fensterbrett ein langer Korb aus Golddraht, mit blühenden Pflanzen gefüllt; die eine Wand nahm der Schreibtisch ein, aus glattem Holz, ohne jede Schnitzerei; seine breite Tischplatte hatte ihrer ganzen Länge nach ein Postament zur Aufnahme lieber Freundes- und Familienbilder, in der Mitte eine höhere Konsole mit dem weißen Marmorkreuz darauf. An der Wand darüber hing das schöne Bild ihrer Mutter. Kleine Büchergestelle, ein paar niedrige Lehnstühle nahmen den übrigen Raum ein, dessen Fußboden mit demselben Teppich wie der Salon bedeckt war.
Die Erscheinung der Bewohnerin entsprach vollkommen den Räumen, denen sie die Seele gegeben hatte. Ihr schmales, bleiches Gesicht — eine griechische Kamee in vollkommenster Vollendung — das bis zu ihrem hohen Alter kaum eine Falte aufwies und das die Augen erleuchteten wie von einem inneren Feuer, war von schwarzen Spitzen umgeben, die zu beiden Seiten schleierartig herabfielen, ein dunkles einfarbiges seidenes Kleid, dessen Falten weich zu Boden fielen, ein großer runder Kragen vom gleichen Stoff mit breiten Spitzen besetzt, umgaben und umhüllten die Gestalt, entsprechend ihrer Ansicht: "Es ist der Würde des Alters angemessen, daß Matronen und Greisinnen sich verhüllen. Eine junge, hübsche Frau verschönert eine hübsche Toilette und wird von ihr verschönert, später ist eine hübsche Toilette noch ein Schmuck, welcher von der nicht mehr ganz jungen und noch hübschen Frau nicht verunziert wird, dann kommt aber die Periode, wo die nicht mehr junge, nicht mehr hübsche Frau die Toilette verunstaltet, wo es sich nicht mehr um Toilette, sondern um Anzug für sie handeln sollte, und diese Periode wird bei Weltfrauen meistens übersehen, dann wird die Toilette Aushängeschild ihres Kummers und ihrer Illusionen, und sie selbst verlieren die köstlichen Gaben des Alters: Bequemlichkeit, Einfachheit, Würde." Sie machte der Mode nie eine Konzession, und doch wirkte ihre Erscheinung als etwas so Natürliches und Selbstverständliches, daß man nicht nur keinen Anstoß daran nahm, sondern die Blicke auch des Fremdesten ihr wohlgefällig folgten. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg der Versuch auftauchte, unter Anlehnung an die Gretchentracht eine "deutsche" Mode zu schaffen, schrieb sie: "Um in diesem Kostüm, das für die Menschen unserer Zeit so paßt wie die schrecklichen Renaissancemöbel für unsere Zimmer, anmutig zu erscheinen, muß man sehr hübsch sein, und eine Mode, die Schönheit voraussetzt, ist schon verfehlt. Mode ist der Begriff eines allgemeinen Anzugs, und ihr höchstes Ziel sollte nicht sein, die paar schönen Menschen, die in der Welt herumlaufen, schöner zu machen, sondern die Millionen unschönen dem Auge nicht verletzend erscheinen zu lassen. Bedenkt man, daß kaum der zehnte Mensch hübsch, daß auch dieser zehnte nur höchstens dreißig Jahre lang hübsch ist, daß ihn auch während dieser Zeit Ausschläge, Bleichsucht, Schnupfen und Zahnschmerzen so und so oft entstellen, so schreit die Majorität zum Himmel und bittet um Moden für die Unschönen und für die Alten. Heut setzt sich eine Vogelscheuche denselben verwegenen Hut auf, der eine junge Schönheit entzückend kleidet, fordert die Blicke mit denselben Falbeln, Spitzen, Blumen und Schleifen heraus, die eine reizende Koketterie der hübschen, jungen Frau sein können ... Wo bis jetzt der Versuch gemacht wurde, die Mode zu reformieren, blieb der Erfolg aus, weil die, welche das Scepter in Händen haben, nicht reformieren, und die, welche reformieren wollen, das Scepter nicht in Händen haben ..."
Das Prinzip, aus dem heraus meine Großmutter ihr Äußeres gestaltete, ihre Umgebung schuf, beruhte aber weniger auf verstandesmäßigen Reflexionen als auf ihrem Wesen selbst, das der Inbegriff einer Vornehmheit war, die sie definierte, wenn sie sagte: "Vornehmheit ist vor allem unbewußt; Absicht und Berechnung schließt sie aus, weil sie dann eine Gesellschaft bekommt, die Anmaßung heißt und die sie nicht verträgt ... Vornehmheit ist Ruhe, Ruhe in Bewegungen, Ruhe im Gemüth, Ruhe in der Umgebung, Ruhe in Worten, Ansichten und Urtheil. Freundliche Ruhe gegen Untergebene, sichere Ruhe gegen Höhergestellte. Phantasie und Lebhaftigkeit schließt diese Ruhe nicht aus, so wie die leidenschaftlichste Musik den Text nicht entbehren kann. Bei Fürsten und echten Aristokraten ist sie angeboren, und das einzige untrügliche Kennzeichen alter Kultur. Sie ist eine Folge unangefochtenen Ansehens, einer comparativen Sicherheit, von Anderen nichts zu brauchen, des leichteren Kampfes mit dem Leben; woraus weiter folgt, daß Hochmut und Dünkel nichts mit ihr zu tun haben, denn sie ist nichts von uns persönlich Erworbenes, worauf stolz zu sein allenfalls begründet wäre, sondern etwas Gegebenes, ein Glück, eine Gnade, der wir uns durch edle Gesinnung würdig erzeigen müssen. Sie ist aber auch eine Schranke, und als solche entbehrt sie nicht der inneren Tragik. Eine wahrhaft vornehme Natur leidet schmerzhaft unter der Unvornehmheit, wird aber von ihr niemals verstanden, ja ihrer Empfindlichkeit wegen bespöttelt, wenn nicht gar gehaßt werden. Sie wird infolgedessen immer eine gewisse Zurückhaltung bewahren, sich in ihr fremden Kreisen niemals heimisch fühlen, was ihr denn oft als Hochmut ausgelegt wird."
In Potsdam sammelte sich rasch ein großer Kreis von Verwandten, von alten und neuen Freunden um Jenny Gustedt. Es waren durch die Beziehungen ihrer Kinder viele junge Leute darunter, die sich bei ihr ebenso wohl fühlten wie die alten, weil sie das Verständnis für die Jugend nie verlor. Besonders in der Zeit nach dem Karneval, wo — wie sie sagte — "Leidenschaft, Langeweile, Eitelkeit, Hochmut, Toilettenunsinn dem Teufel einen Kranz geflochten hatten, über den viele gute Engel weinten", war ihr abendlicher Teetisch der Mittelpunkt einer Geselligkeit, die um so anregender war, je weiter sie sich von jener "philisterhaften und egoistischen Art" entfernte, die sich "in späten, vielschüsseligen Abendessen, prahlend, Verpflichtungen abmachend, dokumentiert." Jenny Gustedt besaß noch das Talent der Frauen des ancien régime, die Konversation unmerklich zu beherrschen, jeden einzelnen Gast zur Geltung kommen zu lassen. "Weniger was Du giebst, als was Du aus Anderen hervorlockst, macht Dich liebenswürdig," sagte sie, und dies Hervorlocken verstand sie meisterlich. Der jüngste bescheidenste Leutnant ging in gehobener Stimmung von ihr fort und fühlte, daß er "nicht nur eine Uniform war mit obligaten Tanzbeinen," sondern ein Mensch, der auch etwas zu sagen gehabt hatte. Nur wenn die Königin sich anmeldete, was gewöhnlich einmal in der Woche geschah, blieb die Tür zum grünen Salon für alle anderen Gäste verschlossen, und niemand konnte belauschen, was die Freundinnen miteinander besprachen. In einem einzigen Brief aus dem Jahre 1867 findet sich eine Andeutung darüber: "Gestern war meine liebe Königin bei mir," heißt es darin. "Wir vergaßen über der Not und der Angst der Zeit unsere traute gemeinsame Vergangenheit. Sie war schön, im besten Sinne königlich wie immer, aber ernst und angegriffen. Der drohende Krieg, nachdem wir kaum ein entsetzliches Blutvergießen hinter uns haben, lastet schwer auf ihr, und es bedarf aller ihrer Festigkeit und Pflichttreue, um gegenüber dem Einfluß Bismarcks auf den König an ihrem Grundsatz festzuhalten, sich nicht in politische Angelegenheiten zu mischen." In demselben Jahre hatte meine Großmutter auch die Freude, den Prinzen Napoleon bei sich zu sehen. Bei ihrer Liebe für ihn und ihrem natürlicherweise zwischen Preußen und Frankreich geteilten Herzen — hatte sie doch überall Verwandte, deren Schicksale ihr nicht gleichgültig sein konnten — war die Aussicht auf einen Krieg für sie doppelt furchtbar. An Wilhelmine Froriep schrieb sie damals:
"Mein Alter hat viel Segen, und ich danke Gott dafür, bin aber doch oft müde, und da ist es ein so beruhigender Gedanke, daß jetzt meine irdische Aufgabe beendet erscheint, meine Kinder versorgt, meine Geschäfte geordnet und daß ich in Frieden scheiden könnte; da ich aber auch in innigster Liebe mit meinen Kindern lebe, so kann ich alles erwarten und weiß, daß ich ihre Lebensfreude erhöhe und ihnen keine Last bin. Wovor mir graut, daß ich es gar nicht erleben möchte, das ist der Krieg, der mir wie ein Hohngelächter Satans immer in den Ohren klingt — warum die Völker das Verbrechen begehen wollen, ist dies Mal unfaßlicher wie je, und doch zweifeln gerade die nicht daran, die es am besten wissen können."
Aber es war nicht nur die Kriegsfurcht, die das Gleichgewicht ihrer Seele störte. "Meine wichtigen Gedanken und Gefühle werden nur dann zu Sorgen, wenn meiner Kinder Sünden damit verwickelt sind," schrieb sie, und die Sünden ihrer Kinder waren es, die ihr am Herzen zehrten. Schweigsam, Hypochonder, im stillen und lauten Kampf mit seinen Vorgesetzten, die oft, infolge Ottos langer Unterbrechung der Dienstzeit, jünger waren als er, lebte ihr geliebter Ältester neben ihr. "Mit stillem Entsetzen sehe ich, wie er zuhause wahllos Bücher um Bücher verschlingt," schrieb sie, "ohne den geringsten Nutzen, denn bei seinem schlechten Gedächtniß kann er unmöglich etwas davon behalten, auch findet er niemals Anregung zu irgend einer Unterhaltung darin. Obwohl er wissen muß, daß Niemand soviel Theilnahme und Verständniß für ihn haben kann als ich, bleibt er auch mir gegenüber stumm und ich weiß von seinem Innenleben so wenig, als wäre er ein Fremder." Ganz anderer Art waren ihre Sorgen um ihren jüngsten Sohn, der sich in fröhlichem Lebensgenuß keinerlei Zwang auferlegte und es für selbstverständlich zu halten schien, daß die Mutter, wenn er mit seinem eigenen Einkommen nicht reichte, immer wieder für ihn einsprang. Eine Empfindung, die ihr sonst fremd war — Bitterkeit — drückt sich oft in ihren Briefen aus, wenn sie dieser Erfahrungen gedenkt. Sie gehörte nicht zu jenen Müttern, die ihre eigene Jugend vergessen haben und darum die Fehler ihrer Kinder mit dem strengen Maßstab des Alters messen; wo sie konnte und wo es ihrer Auffassung von Ehre und Anstand entsprach, verschaffte sie ihnen sogar gern alle erreichbaren Lebensfreuden. Was sie nicht verstand, war jenes lustige Indentaghineinleben, jenes Sichgenügenlassen nur an den materiellen Freuden des Daseins. Dabei vergaß sie wohl auch zuweilen, daß ihr Sohn ein blutjunger, hübscher Gardeleutnant war, nicht besser, aber auch nicht schlechter als seine Kameraden, und hinzu kam, daß sie ihn bei sich wohnen ließ, also aus nächster Nähe zu ihrer täglichen Qual beobachten konnte, wovon sie sonst vielleicht gar nichts erfahren hätte. Seine Offenherzigkeit blieb dabei ihr Trost und versöhnte sie immer wieder. Aber auch die Herzensgeheimnisse, die er ihr rückhaltlos anvertraute, riefen ernste Sorgen in ihr hervor. Sie, die frühe Heiraten noch vor zehn Jahren eifrig propagiert hatte, schrak jetzt, nachdem sie bei Nahen und Fernen so viel Tragödien der Ehe miterlebte, davor zurück. "Ich glaube, daß seine Liebe ein Strohfeuer ist, aber auch ein Strohfeuer steckt ein Gehöft an, wenn der Moment günstig ergriffen wird. Und wenn ich wieder erleben müßte, ein von der zu frühen Fessel wundes und blutiges Herz zu sehen und zu wissen, daß, wie sehr sie auch drückt, ihr Entfernen noch schwerer sein würde — es wäre zu traurig," schrieb sie an die Vertraute ihrer Mutterschmerzen, ihre Tochter.
Nur zwei Jahre hatte sie die Freude gehabt, auch diese in ihrer Nähe zu haben; eine Freude, die ihr um so schattenloser war, als ihre Ehe ungetrübt und ihre Zukunft in jeder Beziehung gesichert erschien. Eine größere Erbschaft, die ihrem Schwiegersohn zugefallen war, verscheuchte die einzige Sorge, die sie hatte: "Wenn ich auch weiß, daß Hans nie arm zu sein verstünde, so weiß ich doch auch, daß er vom Reichtum nur den edelsten Gebrauch machen wird." Und das Enkelkind, mit dem Sohn Ottos in fast gleichem Alter, war ihr vollends ans Herz gewachsen, so daß sie die abermalige Versetzung ihrer Kinder im Jahre 1869 sehr schmerzlich empfand. Ihr Briefwechsel mit der Tochter, der einzige, der aus jenem Jahr vollständig erhalten blieb, war ein sehr reger. Familienerlebnisse und Erfahrungen, Bücherempfehlungen und Erziehungsratschläge spielten eine große Rolle darin, aber die größte: die Sehnsucht nach den Abwesenden. "Heute habe ich meinen Stuben die letzte Nuance von Seele: Blumen, gegeben, habe sie allein, ohne mein Lilychen, die so gern nebenher trippelte, gepflückt, und mir wäre sehr wohl, wenn ich meine ruhigen, grünen Mauern um mich habe, nur müßten alle Kinder und Enkel darin sein ..." heißt es in einem Brief. In einem anderen: "Ich gehe nicht gern in das Haus, wo mir mein Lilychen nicht mehr entgegenjauchzt, meine Tochter nicht mehr entgegenlächelt ... mich übergießt dabei eine so schmerzliche Wehmut, daß ich sogar die Straße vermeide." In einem ihrer Erziehungsbriefe schrieb sie: "Regt mein Lilychen nicht durch viele Erzählungen und sogenannte freudige Überraschungen auf, das Kindchen muß terre à terre gehalten werden, kochen, Sandkuchen backen, laufen, mehr vegetieren, als mit Bewußtsein leben ... Wie mein das Kind ist, könnt Ihr nicht glauben, darum weiß ich auch, was ihm schadet und nützt ... So müßt Ihr Euch Beide die kleinen strengen Beschäftigungen mit den Nebenmenschen abgewöhnen, ehe sie das Kind versteht und ihr Herzchen erkältet. Du, mein Jennchen, mußt in Ton und Ausdruck weniger streng und hart sein, das tut so zarten Seelchen weh ..." Es war der Seherblick der Liebe, der sie von dem vierjährigen Kind so sprechen ließ, jener Liebe, durch die ich vom ersten erwachenden Bewußtsein an in dieser Frau alles fand, was ein Kind bedarf: Verständnis, Anregung, Leitung, Freundschaft und Mütterlichkeit.
Im Sommer 1869 besuchte sie uns. Sie war voller Sorgen um ihre Söhne, um Otto, dessen Kränklichkeit den Dienst fast unmöglich machte, um Werner, der weniger denn je das Seinige zusammenhielt. Wie immer, so wirkte der Kummer auch auf ihren körperlichen Zustand, das alte Leberleiden machte sich mehr als früher geltend, und eine Müdigkeit beherrschte sie, die ihr wie eine Vorahnung des Todes erschien. "Ich möchte den ganzen Tag schlafen," hatte sie kurz vorher ihrer Tochter geschrieben, "auch das Hinüberschlafen denke ich mir süß — mir wird all das Harte, Grausame, Gewalttätige, die Verirrungen, Sünden, Leidenschaften, Wehen in der Welt so entsetzlich schwer mit anzusehen und anzuhören — — mir ist, als hätte ich hier nicht mehr viel zu lernen, ich weiß immer alles, was ich höre und lese, und kann doch nicht verhindern, daß Ihr, meine geliebten Kinder, vom Leben noch gelehrt werdet, was Euch Eure treue Mutter lieber lehrte und ersparte ..."
Meine Mutter, in ernster Sorge um sie, befürwortete, daß Mutter und Söhne sich trennen möchten, um die Last täglicher Leiden von ihr zu nehmen, und hätte der drohende Krieg sie nicht noch fester an ihre Kinder gefesselt, so wäre sie dem guten Rat vielleicht gefolgt. So entschloß sie sich nur zu einer Karlsbader Kur im Frühling 1870. "Unbeschreiblich schön ist es in diesem gesegneten Ort," schrieb sie von dort aus, "ich fühle mich jetzt schon wie neugeboren, genieße auf stundenlangen einsamen Morgenspaziergängen Wald und Berge und begreife nicht, wie es Menschen geben kann, die sich freiwillig in die Steinwüsten der Städte begeben. Auf stillen Bänken lese ich alte und neue Bücher: Humboldts Kosmos zum zweiten oder gar dritten Mal, und mit wahrer Leidenschaft: Ut mine Stromtid von Fritz Reuter; es ist ein eminentes Meisterstück und die Atmosphäre einfachen Lebens und redlicher Menschen tut so wohl ... Verkehr habe ich so gut wie keinen, bin aber neulich gegen meinen Willen in eine ganz interessante Unterhaltung gezogen worden. Nicht Hände, nein Kiepen voll Schmutz wurden auf Lassalle geworfen. Sein Auftreten, besonders seine eitle, großspurige Manier, sein wüstes Hetzen, das so viel persönliche Eitelkeit und Ehrgeiz durchblicken ließ, waren mir auch stets antipathisch. Aber sein starkes Gerechtigkeitsgefühl erhebt ihn doch so sehr, daß man, nach seinem Tode besonders, das Andere leichter vergessen sollte. In seinem Eintreten für die Sicherung des Lebens der Armen bin ich unbedingt auf seiner Seite. Ich gehe sogar noch weiter: denn da ohne die friedliche Gewaltthat des Strikes auch die gerechteren Ansprüche der Handwerker nicht erfüllt werden, kann man sie ihnen nicht verargen, und sie sind doch besser als Barrikaden. So bin ich aus einem politischen Gespräch zu einem politischen Brief an mein sehr konservatives liebstes Töchterchen gelangt, das sicher dabei krebsrot wird ..."
Kurz vor dem Ausbruch des Krieges kehrte Jenny von Gustedt nach Potsdam zurück, und als das lange Gefürchtete Wahrheit wurde und alles um sie her im Paroxysmus der Begeisterung schwelgte, schrieb sie ihrer Tochter: "Es ist selbstverständlich, daß wir Frauen uns mit den lieben Kindern und Enkeln hier vereinen. Alles steht in Gottes Hand, aber mir erscheint es doch wie Gotteslästerung, wenn mitten im Hurrahschreien und Toben der Vater aller Menschen wie ein alter Kriegsgötze für uns allein in Anspruch genommen wird ... Er verhüllt sein Haupt bei diesen größten Sünden der Völker ..." Während des ganzen Feldzugs wohnten wir bei Großmama in Potsdam. Noch sehe ich sie deutlich vor mir, wie sie frühmorgens im Sommer mit mir nach Sanssouci ging, wo die Bäume so hoch waren, daß ich glaubte, sie wüchsen in den Himmel, und die Stille so zauberhaft, daß ich, wenn die Blätter zu rauschen begannen und die Wellen auf den Teichen sich kräuselten, Elfen und Nixlein zu spüren meinte. Gingen wir aber oben auf den Terrassen, wo im heißen Sommersonnenschein die Rosen glühten, dann hätte ich mich kaum gewundert, wenn hinter den Laubengängen der alte Fritz mit dem Krückstock und den Windspielen gemächlich hervorspaziert wäre. Durch Großmamas schöne Geschichten war er mir ganz vertraut geworden. Oft saßen wir auf den weißen Marmorbänken und sahen dem Steigen und Fallen des Springbrunnens zu — auf jedem Tröpfchen tanzte ein lustiger Sonnenelf, darum blitzte es so vergnüglich, und ganz, ganz oben, da badete sich die Rosenkönigin, die täglich von den Terrassen herüberflog, damit kein Stäubchen an ihrem duftenden Hemdchen hängen blieb. Ich habe sie sogar gesehen, wie sie zu uns herunterlachte: zu dem kleinen Mädchen und zu der alten Frau. Großmama war ja auch ihre gute Freundin, sonst wüßte sie nicht so viele Geschichten von ihr und allen ihren Schwestern! Hinter der Marmorbank war ein dichtes Gebüsch, und da gab es im feuchten Schatten viele, viele Schnecken, große und kleine, schwarze, weiße und rote mit buntem, komischem Häuschen auf dem Rücken. Die brauchten sich vor keinem Franzosen zu ängstigen, sagte Großmama; wurde es ihnen irgendwo ungemütlich, dann trugen sie eben ihr Häuschen, das ihnen kein Feind wegnehmen konnte, anderswo hin. Ach, es war herrlich, mit Großmama spazieren zu gehen, viel tausendmal schöner als mit Mademoiselle, bei der man immer artig sein und beileibe nicht hinter die Bänke kriechen durfte! Freilich: oft hatte sie keine Zeit für mich, und wenn sie mit Mama und Tante Cecile im grünen Zimmer saß und alle ernste Gesichter machten, dann liefen wir, mein Vetter Wawa, Onkel Ottos Sohn, und ich, am liebsten in den Garten und bauten Wälle aus dem großen Sandhaufen, der für uns in der Ecke lag. Kam eine Siegesnachricht, dann kriegten wir immer was Schönes geschenkt und schrien darum aus Leibeskräften "Hurrah!" Als die Kapitulation von Sedan bekannt wurde, tanzte meine Mutter ganz allein im Zimmer umher und Großmama liefen zwei große Tränen aus den Augen, so daß ich durchaus nicht entscheiden konnte, ob es zum Lachen war oder zum Weinen. Auf dem Balkon aber wurde eine große Fahne herausgesteckt, und viele, viele Lichtchen brannten abends hinter den Fenstern. Wir durften aufbleiben, um die Herrlichkeit mit anzusehen. Und dann warteten wir alle Tage, daß unsere Papas mit Sternen und Lorbeerkränzen geschmückt nach Hause kommen sollten. Aber sie kamen nicht; nicht einmal zu Weihnachten, und unsere Mamas weinten, und Großmama sah sehr, sehr ernst aus. Trotz der großen Puppe war es darum gar nicht schön.
Wie im Sommer unsere Morgenspaziergänge, so waren im Winter unsere Abende das Schönste vom ganzen Tag: Großmama erzählte Märchen am Kaminfeuer, und wenn die Lampe kam, dann schnitt sie Puppen und Schlitten und Wagen und Pferde aus, zeichnete Häuser und Bäume dazu — kein Spielzeug war uns so lieb wie dieses!
Nur ein einziges Brieffragment aus der Zeit des Krieges gibt einen Begriff von den widerstreitenden Empfindungen, die Großmama bewegt haben müssen. "Ich bin wohl zu alt für den Siegestaumel," schrieb sie, "oder mein Herz ist wie immer zu sehr auf der Seite derer, die leiden. Wie vielen armen Müttern bin ich schon begegnet, die ihr Liebstes haben hergeben müssen und kein 'Tod fürs Vaterland' macht sie wieder lebendig. Und ich habe täglich, stündlich um drei Söhne zu zittern! Und nicht nur das: vor Metz lag Hans, während in Metz Berckheim und Henri (nahe Verwandte) sich befanden; vor Paris ist Otto, in Paris meine geliebte blinde Pauline, deren Kloster jeden Augenblick in Flammen aufgehen kann, wenn mir auch meine gute Königin immer wieder versichert, daß Alles geschehen sei, um es vor dem Bombardement zu schützen ... Das schöne Frankreich, das friedliebende gute tüchtige Landvolk, wie müssen sie leiden! Nachher wird dann aber noch die Saat des Bösen aufgehen: zum grollenden Feinde wird der Bauer werden, der seine zertrampelten Felder, seine vernichtete Ernte sieht ..." Wenn sie auch selbst vor dem Furchtbarsten bewahrt blieb und der mörderische Krieg ihre Söhne verschonte wie ihre Schwester, so traf sie das Unglück, das ihre nächsten Verwandten traf, als hätte es sie selbst getroffen: die beiden einzigen Söhne ihrer Schwester Cecile Beust fielen am gleichen Tage in derselben Schlacht. Es war zugleich der Todesstoß für die unglückselige Mutter, die auf die Schreckensnachricht hin zusammenbrach, um nicht wieder aufzustehen. Wenn schon vorher die innigste Freundschaft meine Großmutter mit ihrem Schwager Fritz Beust verband, so wurde sie jetzt zum wärmsten geschwisterlichen Verhältnis. Wie hätte sie rückhaltlos mit den Siegern jubeln können, da er so namenlos litt? Nur wo ihr Mutterherz sich freuen durfte, da freute sie sich wirklich.
Die Erfolge ihres Schwiegersohnes, die Auszeichnung, die er mit Recht erfuhr, bestärkten sie in der hohen Meinung, die sie von seinem Geist wie von seinem Charakter hatte, und vertrieben die Sorgenwölkchen, die sie hie und da auch am Lebenshimmel ihrer Tochter glaubte aufsteigen zu sehen. Ganz besonders glücklich aber machten sie die Nachrichten von Otto, ihrem Sorgenkind. Der Krieg hatte ihn zum begeisterten Soldaten gemacht, hatte seine Schwermut vertrieben, und da er sah, daß sein Mut nicht unbeachtet blieb, daß seine Leistungen als Ordonnanzoffizier des Kronprinzen anerkannt wurden, schwand auch sein Mißtrauen und machte frohen Zukunftshoffnungen Platz. Einen Teil eines Briefes, den er im August 1870 an seine Frau geschrieben hatte, teilte seine Mutter einer Freundin mit folgenden Worten mit: "Es scheint, daß eine Kur auf Leben und Tod wie dieser Krieg notwendig war, um meines armen Otto Seele gesund zu machen. Er schrieb seiner Frau: 'Denke Dir meine maßlose Freude, als mir der Kronprinz, mein lieber gnädiger Herr, im Namen des Königs das eiserne Kreuz überreichte, als Auszeichnung für mein tapferes und umsichtiges Benehmen in der Schlacht bei Wörth. — Das sind seine eigenen Worte. Ich weiß mich nicht zu lassen vor Freude, denn es ist eine sehr große Auszeichnung, die ich gar nicht erwartet habe. Ich glaubte mich schon übermäßig belohnt, als mich der Kronprinz heute dem König mit den Worten präsentierte: hier ist Otto Gustedt, er hat sich in der Schlacht bei Wörth und Weißenburg besonders ausgezeichnet, seiner muthigen Recognoszirung am Tage von Wörth verdanke ich die wichtigsten Nachrichten. Die Thränen standen mir dabei in den Augen.' Vielleicht, daß nicht nur für meinen Otto, sondern auch für Preußen die dunklen Wege Gottes doch schließlich wieder die hellsten waren!"
Als die Friedensglocken feierlich ihre frohe Botschaft verkündeten und ein Wald von Fahnen aus den kleinen Häusern Potsdams fast bis zum holprigen Pflaster niederwehte und die engen Straßen noch enger machten, da vermochte Jenny Gustedt zum erstenmal all des Jammers, den der Krieg hervorgerufen hatte, zu vergessen: "So war es doch ein Seherblick, der vor dreißig Jahren meinen Stiefvater jene Worte aussprechen ließ: Preußen wird an der Spitze Deutschlands stehen, das ist die allein mögliche Lösung des gordischen Knotens der deutschen Politik, und es war mehr als ein Traum jugendlicher Begeisterung, wenn ich vor dreiundzwanzig Jahren, als diese Auffassung noch in den Verdacht revolutionärer Gesinnungen bringen konnte, für die Kaiserkrone Deutschlands auf dem Haupte eines Hohenzollern schwärmte. Möchte der Ruhm uns nicht übermütig machen und die Macht nur dazu führen, dem Wohle des Volks zu dienen."
Nach dem Feldzug mußte sich Großmama wieder von ihrer Tochter trennen. Die Hoffnung, daß mein Vater als Generalstabsoffizier im IV. Armeekorps bleiben würde, erfüllte sich nicht, er wurde vielmehr nach Karlsruhe versetzt, so daß die Trennung, der weiten Entfernung wegen, eine recht schmerzliche war. Daß ihr Sohn Otto so fröhlich zurückkam und beim Kronprinzen in Potsdam blieb, daß ihr Sohn Werner so viel ernster und reifer geworden zu sein schien, erleichterte ihr den Abschied. Im Sommer des folgenden Jahres verband sie eine Reise nach Karlsruhe mit einem Besuch bei ihrer Schwester in Paris und beschloß sie mit der gewohnten Karlsbader Kur. In einem Briefe aus dieser Zeit — 1872 — heißt es: "Es scheint, als ob ein sehr friedliches, sorgenloses Ausleben mir beschieden wäre." Aber schon bald nach ihrer Rückkehr nach Potsdam verdunkelte sich das helle Zukunftsbild wieder. Es wiederholte sich, was gerade die besten Eltern am schmerzlichsten erfahren müssen: daß ein Zusammenleben von jung und alt nicht gut tut. Bei allem Verständnis für jugendliche Neigungen und Torheiten wird es jeder Mutter, jedes Vaters berechtigtes Bestreben sein, dem Kinde die Erfahrungen des eigenen Lebens zunutze zu machen. Nietzsches herrliches Wort: Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! entspricht dem Wunsch, der, seit es Mütter gibt, ihr Denken und Fühlen beherrscht. Für ihr Kind wollen sie Erfahrungen gesammelt, wollen sie gelitten haben; ihr Kind soll nicht denselben Weg gehen, auf dem sie strauchelten, sondern ihn dort fortsetzen, wo sie angelangt sind. Darum wachen sie über seine Schritte, lassen es an Warnungen und Zukunftsprophezeihungen nicht fehlen, darum kann nichts so schmerzhaft verwunden, als wenn sie sehen müssen, daß der erwachsene Sohn oder die Tochter allem zum Trotz doch ihre eigenen Wege gehen, und für die Angst der Mutter gar nur ein mitleidiges Lächeln übrig haben. Was Güte und Liebe ist, empfindet Sohn oder Tochter nur als Beeinträchtigung der Freiheit, und so spitzt sich ein ursprünglich zärtliches Verhältnis oft so zu, daß es nur durch Trennung vor dem Zerreißen bewahrt werden kann. "Er glaubt mich ganz zu übersehen," schrieb Jenny Gustedt von ihrem jüngsten Sohn, "ahndet nichts von meiner Seele, weiß von der Würde einer Mutter nichts, und doch sprechen seine zärtlichen Augen meist die innigste Liebe aus ..." Sie fühlte selbst, daß sie ihren Sohn verlassen müsse, um ihn zu erhalten. Als daher mein Vater in den Großen Generalstab nach Berlin versetzt wurde und die begründete Aussicht bestand, daß er eine Reihe von Jahren in derselben Stellung bleiben würde, entschloß sie sich, mit uns zusammen zu ziehen. In der Hohenzollernstraße, ganz nahe dem Tiergarten, wo die Stadt sich in ihrer aufdringlichen Häßlichkeit ihr weniger empfindlich bemerkbar machte, wurde eine geräumige Wohnung gemietet, in der sie ihre ungestörten Zimmer für sich haben konnte; mich allein hatte sie in nächster Nähe: mein Schlafzimmerchen war nur durch eine dünne Tapetenwand von ihrem Salon getrennt, und eine Portiere ersetzte die Türe zwischen beiden. Entzückt war ich darüber und genoß das Zusammenleben wie nie zuvor: wieder, wie in Potsdam, gingen wir zusammen spazieren oder saßen während der Vormittage spielend und lesend im Zoologischen Garten; wieder erzählte sie mir vor dem grauen Marmorkamin Geschichten, viel schönere als früher, weil es nur selten noch Märchen waren, sondern Erzählungen aus der eigenen Jugend, aus dem Leben großer Geistes- und Kriegshelden. Auch sonst glich das äußere Leben sehr dem in Potsdam: Freunde und Verwandte kamen zur Teestunde zu ihr, und jeden Donnerstag abend rollte der Wagen der Kaiserin in den Torweg, und ich durfte den Kuchen zum Tee in den grünen Salon tragen, wo die beiden Freundinnen in lebhaftem Gespräch beieinander saßen. Einmal kam auch der Kronprinz zu ihr hinauf, als ich gerade alle meine Papierpuppen auf ihrem Tisch tanzen ließ. Das schadete aber gar nichts; er war nur um so freundlicher und machte, wie immer, seine Scherze mit mir.
Bald jedoch sollte mir der Unterschied von dem damals in Potsdam und dem heute in Berlin zum Bewußtsein kommen. Ob die Lombarden gestiegen oder gefallen waren, das war angesichts der Morgenzeitungen das Gesprächsthema, und abends, wenn man mich schlafend glaubte, dann saß ich aufrecht im Bett und hörte Großmamas und ihrer Kinder erregte, klagende und anklagende Stimmen. Ich verstand nicht alles, aber doch genug, um zu wissen, daß Geld, viel Geld verloren worden war, viel mehr, als Großmama es vorher gefürchtet hatte; als dann gar unsere schönen Goldfüchse verkauft, der Kutscher entlassen wurde, und ich — ein unerhörtes Ereignis für mein Leben! — in einer Droschke zu Kronprinzens fahren mußte, wenn ich dort eingeladen war, da begriff ich Großmamas sorgenvolles Gesicht, und mein Herz krampfte sich zusammen vor heißem Mitgefühl.
Ihr Sorgenkind war es gewesen, das sich, dem Zuge der Zeit folgend, in wagehalsige Spekulationen eingelassen und Schwager und Bruder mit hineingezogen hatte. Sie verloren alle den größten Teil ihres Vermögens. Welch ein Schlag für die Mutter! Sie selbst traute sich wohl zu, "unter dem kategorischen Imperativ der Lebensmaxime: Auskommen! von der Stufe der Zehntausend zu den Hunderttausend, ja zu den Millionen ruhig hinabzusteigen und jedesmal liebgewordenen Ballast, der keinen Platz auf der unteren Stufe hat, blutenden Herzens über Bord zu werfen — wenn nur derselbe Weg für die Seele ein Steigen ist," aber für ihre Kinder sah sie Kämpfe und Sorgen ohne Ende voraus. "Nicht weil ich sie so verwöhnt habe," schrieb sie einer Freundin, "sondern weil sie trotz all meiner Anstrengung durch Wort und Beispiel das glänzende Blech bloß materiellsten Lebensgenusses dem Golde geistiger und seelischer Freuden vorziehen. Mein Jennchen macht noch am ersten eine Ausnahme, aber dafür ist ihr Mann um so mehr der Sparsamkeit abgeneigt, und ist es mit so viel Güte und Liebe, fast immer nur, um Andere zu erfreuen, daß man sich fast schämt, ihm darum zu zürnen." Was sie fürchtete, sollte rasch zur Gewißheit werden: die Söhne, auf ihre Güte vertrauend, lernten es nicht, sich einzuschränken, und sie versagte sich eine liebe Gewohnheit nach der anderen, um ihnen die Zulagen, die sie brauchten, gewähren zu können. Mit der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter war es ein für allemal vorbei. "Ich bin noch immer vergebens neugierig," heißt es in bitterer Ironie in einem ihrer Briefe, "wann die Reihe des Gewinnens an mich kommen wird, da ich bei allem Unerwarteten immer die schwarzen Kugeln aus der Urne ziehe."