„So“, sagte er dann, als er die Thür wieder sorgfältig geschlossen und sich zum Bette zurückfühlte, „so, nun hat der Skandal auch ein Ende und ich werde doch einmal wenigstens zur Ruhe kommen. — O meine Leber!“
Und wieder unter seine Decke fahrend suchte er sich den leidenden Theil so bequem zu legen als möglich und brachte dann seine rechte Hand an den Kopf, dort die ihm noch so schwere Sorgen bereitende Narbe seiner Balggeschwulst solange zu drücken bis sie ihm wehthat, und sich dann mit dem Gedanken zu quälen, daß daraus jedenfalls einmal ein Krebsschaden entstehen müsse, der ihn langsam in sein Grab hinunterfräße. Schon manche liebe lange Nacht hatte er auf ähnliche Art im Schlafe gestöhnt und auch jetzt gewann die Müdigkeit eben wieder die Oberhand und sandte ihm schon in ungewissen schwankenden Traumbildern die Erlebnisse des vergangenen Tages. Aber diese kamen nicht in der erlebten Reihenfolge, sondern begannen mit dem letzten, denn er hörte deutlich wieder das Winseln und Rascheln von vorher und wollte sich eben selbst im Traume mit dem Bewußtsein trösten, daß es eben nur ein Traum sei, als das Geräusch stärker und lebendiger wurde und er sich endlich, ordentlich in die Höhe fahrend, wieder im Bette aufrichtete, um darauf zu horchen.
„Jesus Maria Joseph!“ rief er fast unwillkürlich als er zu der ganz unzweifelhaften Gewißheit einer ganz neuen Störung gelangte, „da ist beim Himmel noch so eine Bestie darunter, und ich habe doch vorher ringsumher gefühlt. Na, an die Nacht will ich denken; wenn ich aber je zurück nach Gidelsbach komme, werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, dem verdammten Doctor dieselbe Tour und ein Nachtquartier in dem Nest hier — wie hieß es gleich? — zu empfehlen. Der soll mir wiederkommen!“
Betrachtungen nutzten aber hier durchaus nichts; der junge Hund ließ sich weder weg noch zur Ruhe philosophiren, und nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, trotz der „Giftkröte“ wiedereinzuschlafen, mußte der unglückliche Reisende, wenn er nicht die ganze Nacht solchen Experimenten opfern wollte, zum dritten male heraus aus dem Bette, den Störenfried zu entfernen. Wieder erwischte er ihn hinten im Nacken, trug ihn an die Thür, die er noch fest eingeklinkt fand, öffnete sie, warf ihn hinaus, schloß sie wieder und ging zum vierten male heute zu Bette, der so nöthigen Ruhe zu pflegen.
Es war umsonst, und kaum hatte er lange genug gelegen, sich nicht mehr um das nun einmal Geschehene zu ärgern, als das Winseln von neuem begann. Wieder sträubte er sich gegen die Macht der Umstände, er mußte noch einmal aus dem Bette, den dritten Hund hinauszuwerfen und selbst nach seinem Regenschirm tappte er jetzt umher, unter dem Bette, ehe er sich nun wieder hinlegte, umherzufühlen, ob nicht etwa noch solch eine kleine entsetzliche Bestie darunter versteckt sei, die nur auf den Augenblick seines Einschlafens mit boshafter Sicherheit warte. Er konnte nirgends mehr etwas entdecken; Stroh lag noch überall, aber kein Hund, und den Schirm an das Bett lehnend, wie in Vorahnung eines neuen Unheils, hatte er sich eben umgedreht und auf seine Lagerstätte gesetzt, die Beine dann heraufzuziehen unter die Decke, als ein neues Rascheln, dem bald darauf das unselige Winseln folgte, ihm in Verzweiflung die Jagd aufs neue beginnen machte. Wohl suchte er jetzt seine Schwefelhölzchen vor, dem Reste dieser unseligen Nachtlärmer auf die Spur zu kommen, er fand sie, aber er hatte kein Licht mehr daran zu entzünden und fürchtete sich auch in dem vielen zerstreuten Stroh umherzuleuchten. Wie leicht konnte da Feuer entstehen, und das war Alles was ihm noch gefehlt. Mit dem Stocke stieß er jetzt in alle Winkel und Ecken, unter dem Bette nach jeder Richtung hin, unter die Commode, an deren scharfer Kante er sich das Schienbein beschädigte, und unter den Kleiderschrank, gegen den er mit dem Knie so heftig anrannte, daß er gegründete Ursache zu haben glaubte, den Schwamm zu befürchten.
„Vier junge Hunde!“ murmelte er dabei leise vor sich hin, „wo nur die Alte steckt, oder ob sich die am Ende auch noch meldet? — Vier solche kleine malitiöse Töhlen. Und wenn sie sich nur wenigstens gleich alle auf einmal gemeldet hätten, dann könnte ich jetzt wenigstens schon eine Stunde schlafen. Außerdem werde ich mir wol hier den Tod an den Hals holen mit meiner dünnen Kleidung und dicken Leber; — wenn ich nur den Doctor hier hätte!“ setzte er mit einer Art Ingrimm hinzu, als er sein Lager wieder suchte und sich laut aufseufzend zurück auf das Kissen warf.
Armer Commerzienrath — deine Ruhe sollte nur von entsetzlich kurzer Dauer sein, denn noch war er nicht einmal in seine Lieblingsstelle gerückt, als das jetzt förmlich unheimlich werdende Winseln von neuem begann. Wie von einer Natter gestochen sprang er im Bette empor. Fast unwillkürlich suchte auch die Hand nach seinen Pistolen, die er gewohnt war über seinem Bette zu wissen, wenn ihm die Erinnerung daran auch einen Stich durchs Herz gab, suchte nach dem Klingelzuge, Hülfe herbeizuholen gegen solche Qual. Weder das Eine noch das Andere war zu fühlen; nichts als die kahle schräge Wand, und eiskalt lief es ihm bei dem Gedanken über den Rücken, daß er es doch am Ende hier mit etwas Uebernatürlichem zu thun haben könne in dem fremden alten Gebäude. Aber die jungen Hunde waren doch von Fleisch und Bein gewesen, hatte er nicht das warme weiche Fell in seiner Hand gefühlt bei ihnen allen? Und wo kam jetzt der neue Zuwachs her? Welchen Winkel im Zimmer mußte er übersehen haben, und blieb es nicht räthselhaft, daß sie sich nur immer solange stillhielten, bis er eben wieder im Bette lag?
Er wollte es jetzt durchsetzen und die kleine Kröte winseln lassen solange es ihr beliebte, wickelte sich demzufolge entschlossen in seine Decke, aber — er war nicht im Stande es durchzuführen. Der feine winselnde Ton drang ihm durch Mark und Bein und er mußte zuletzt wieder heraus, sie den andern nachzuschicken — um wieder und wieder dasselbe Spiel zu erneuern. Wie der unerschöpfliche Hut eines Taschenspielers, der Bouquets und Karten, Perücken, Eier und Taschentücher ausspeit in ununterbrochener Reihe, so lieferte das lockere Bettstroh junge Hunde, und der Commerzienrath — denn man gewöhnt sich ja an Alles —, der es zuletzt anfing ganz in der Ordnung zu finden, daß er sich die Nacht damit beschäftige junge Hunde aus der Thür zu werfen, tröstete sich beim neunten mit dem Gedanken, daß er noch nie gehört habe, wie eine Hündin mehr als neun Junge gehabt, und beruhigte sich beim zehnten damit, daß er zugab, sie könnten von zwei Hündinnen herrühren. Halb im Schlafe, denn er wurde nach und nach müde von der ungewohnten Arbeit, stand er auf, wenn er die furchtbaren Laute hörte, griff unters Bett, zerrte die immer stärker winselnde Bestie bei den Ohren vor und setzte sie in einem schon kaum mehr bewußten Zustande an die Luft, bis sich die andere meldete.
Erst mit dämmerndem Morgen sollte er Ruhe finden; der halbe Hausknecht von gestern Abend kam schwerfällig die Treppe heraufgeschlurrt, gerade als der Commerzienrath den siebzehnten aus der Thür schleuderte.
„Da“, schrie er dabei, „habt Ihr noch einen und der nächste, der mir nun noch in die Kammer kommt, den werf ich aus dem Fenster, so wahr wie ich Hieronymus heiße. Ist das hier ein Gasthaus für anständige Reisende, wo die Kammer von Hunden wimmelt?“ Und die Thür zuschlagend, daß die Fenster klirrten, warf er sich wieder ins Bett und hörte nur noch wie der Hausknecht den kleinen Köter aufgriff und streichelte und liebkoste und dann langsam mit ihm den Gang zurücktappte, wie er gekommen.
Weiter vernahm er nichts; seine Müdigkeit gewann endlich die Oberhand und er sank in einen festen fast krankhaften Schlaf, aus dem ihn der Hausknecht später, zu der gegebenen Stunde, kaum wieder herausrütteln konnte.
„Da ist schon wieder einer!“ sagte er noch im Traume, der ihn auch selbst die wenigen Stunden hindurch verfolgt haben mußte. „Satansbestie, kleine, wenn ich dich jetzt nicht —“
„Papelt der irre?“ sagte der Hausknecht ruhig, seine Operation ihn munter zu bekommen an ihm wiederholend, „he holla — der Kaffee ist auf’m Tisch und die Post wird gar nicht mehr solange bleiben.“
„Wer ist auf dem Tische?“ fragte der Commerzienrath, plötzlich munter werdend und sich wie aus einem Pistol geschossen in seinem Bette aufrichtend. „Heilige Mutter Gottes!“ setzte er dann stöhnend hinzu, als ihm die Erlebnisse der letzten Nacht wieder in der Erinnerung auftauchten, „bin ich nicht am ganzen Leibe wie gerädert und zerschlagen. Und deshalb habe ich die Post weiterziehen lassen, hier eine ordentliche Nachtruhe zu halten, und nun — aber der Mamsell will ich meine Meinung sagen — wo ist die Mamsell?“
Der Mann aber, an den er die Frage zu richten gedachte, hatte sich, nachdem er seine Pflicht erfüllt und den curiosen Reisenden geweckt, dessen Kleider gereinigt auf dem Stuhle lagen, dessen Stiefel blank und blitzend vor dem Bette standen, wieder zu seinen andern Geschäften zurückgezogen, und dem Commerzienrath Mahlhuber blieb nichts übrig, als seinen Grimm noch auf kurze Zeit zu verbeißen und sich vor allen Dingen in die Kleider zu werfen. Himmel, wenn er den Postwagen versäumte und am Ende gezwungen gewesen wäre, noch eine Nacht in diesem Hause, in dieser entsetzlichen „grünen Stube“ zuzubringen. Aber er hatte noch Zeit genug, und den dienstbaren Geist, der in Erwartung eines Trinkgeldes heute Morgen sehr flink bei der Hand war, wieder heraufrufend, ließ er ihm das Gepäck hinunter ins Packzimmer tragen, damit es gewogen und weiterbefördert werden konnte.
Den Leuten unten aber, und besonders der Mamsell, wollte er einmal tüchtig seine Meinung sagen über eine solche Behandlung — er hatte sich den Rock schon bis oben hinauf zugeknöpft, recht entschlossen und determinirt auszusehen, und ging wirklich ein paar mal in seinem kleinen Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab, die Zornesworte sich zu wiederholen, die er gegen sie auszuschleudern gedachte. War das eine Behandlung für einen anständigen Mann, den Commerzienrath aus dem Spiele zu lassen? war es nicht niederträchtig einem Kranken den so nöthigen Schlaf förmlich abzustehlen, indem man nicht etwa Hunde zu ihm ins Zimmer that, nein, ihn förmlich in eine ganze Sammlung von kleinen nichtswürdigen winselnden heulenden Kröten hineinsperrte, als wenn man es darauf abgesehen habe ihn zugrunde zu richten? „Sie — Mamsell, Sie“, wollte er sagen und sie dabei mit einem durchbohrenden Blicke ansehen, „wie dürfen Sie sich unterstehen —“
„Der Kaffee ist fertig“, meldete der Hausknecht wieder, den Kopf über der Treppe zeigend, „und wenn Sie nicht gleich kommen, können Sie keinen mehr trinken.“
Keinen Kaffee trinken — der ganze Tag wäre ihm verloren gewesen, und rasch seine Reisemütze aufgreifend, stieg er mit schnellen entschlossenen Schritten, die aber vorsichtiger wurden, als er die etwas steile Treppe erreichte, hinunter.
Die Mamsell stand unten an der Treppe, und mit ihrem freundlichen Lächeln und einem verschämten Blicke die Augen niederschlagend — sie dachte wahrscheinlich des Moments, in dem sie einander gestern Abend zum letzten male gesehen — sagte verbindlich:
„Wünsche herzlich wohl geruht zu haben und wollen Sie jetzt nicht gefälligst nähertreten und Ihren Kaffee einnehmen?“
Wohl geruht zu haben — nun auch noch Hohn zu alledem! — Wohl zu ruhen zwischen siebzehn Hunden, ohne die Alte, das war zu arg, und jetzt sollte sie es bekommen. „Liebe Mamsell“, sagte der Commerzienrath mit einer Stimme, der sich aber Rührung über das erlittene Unrecht beimischte, und die deshalb viel weicher klang als es überhaupt in seiner Absicht gelegen, „liebe Mamsell, ich möchte Sie sehr bitten —“
„Ach, verehrtester Herr Mahlhuber“, unterbrach ihn aber die Mamsell rasch und fast ärgerlich, „Sie haben ja gar nicht um Entschuldigung zu bitten — ich war ja eigentlich Schuld daran.“
„Um Entschuldigung bitten?“ fragte der Commerzienrath, dem in dem wärmern Zimmer die Brille angelaufen war, indem er den Kopf niederbog, über die Gläser wegzusehen, „um Entschuldigung bitten —“
„Ich glaubte Sie hätten sich lange zur Ruhe begeben — und wagte deshalb —“
„Ruh’ begeben?“ wiederholte der Commerzienrath und bog sich immer mehr herunter, den Ausdruck in der Wirthin Gesicht zu sehen, „glauben Sie, verehrteste Mamsell, daß man sich überhaupt zur Ruh’ begeben kann, wenn man das ganze Zimmer voll Hunde hat?“
„Voll Hunde, Herr Mahlhuber? — Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, wie so denn voll Hunde?“
„Wenn man berechtigt ist“, sagte der Commerzienrath seinen Grimm jetzt an dem mehr zugänglichen Kaffee auszulassen, indem er zum Tisch trat, sich eine Tasse einschenkte und während des folgenden Gesprächs trank, „fast anderthalb Dutzend mit dem Beiwort «voll» zu belegen, so kann ich verantworten, was ich behaupte; wollen Sie so freundlich sein und mir meine Rechnung geben?“
„Anderthalb Dutzend Hunde? — aber bester Herr Mahlhuber — bitte — 2 Gulden 15 Kreuzer macht das Ganze — anderthalb Dutzend Hunde? — wir haben nur einen einzigen kleinen jungen Pudel im Hause, den der Herr Postmeister vorige Woche erst mit von Bamberg gebracht hat.“
„Einen einzigen?“ rief Herr Mahlhuber entrüstet, indem er das Geld für sein Abendessen und Nachtquartier auf den Tisch legte, „nennen Sie das einen einzigen? — siebzehn, sage ich Ihnen, siebzehn habe ich in dieser einen unglückseligen Nacht mit eigenen Händen unter meinem Bette vorgeholt und aus der Thür geworfen, und — die Alte ist vielleicht noch oben.“
„Siebzehn Hunde?“ rief die Mamsell, das Geld erst überzählend und einsteckend und dann die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, „siebzehn junge Hunde?“
Der Commerzienrath nickte durch die Tasse Kaffee durch, die er gerade an den Lippen hielt.
„Aber wir haben nur einen einzigen im Hause, der allerdings immer da oben liegt und den ich gestern ganz vergessen hatte.“
„Wollen Sie mir meine fünf Sinne und die schlaflose Nacht abstreiten?“ rief der Reisende.
„Ach du mein Himmel!“ rief die Mamsell, der jetzt plötzlich ein Licht über das Ganze aufzugehen schien, „da ist die kleine Kröte immer wieder durch das eingeschnittene Loch ins Zimmer gekommen.“
„Was für ein Loch?“ rief der Commerzienrath erschrocken.
„Was der Herr Postmeister hat oben in die Wand schneiden lassen, damit das kleine Thier die Stube nicht verunreinigen soll, wenn die Thür verschlossen wäre.“
„Und Sie haben nur einen Hund?“
„Nur einen einzigen in der Welt.“
„Und da hätt’ ich die kleine infernalische Bestie siebzehn verschiedene male zur Thür hinausgeworfen und jedesmal hinter ihr abgeschlossen, während sie zu dem verdammten Loche wieder hereinkam?“
Die Mamsell wollte etwas darauf erwidern, als in dem Augenblick die heranpolternde Post und das fröhliche Blasen des Postillons sie abrief. Froh vielleicht, einem so unangenehmen Gespräch enthoben zu sein, sprang sie rasch hinaus, nach den neuen Passagieren zu sehen, ob sie vielleicht etwas verlangten, und der Commerzienrath hatte ebenfalls keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren, seine Passage und Ueberfracht zu bezahlen und einzusteigen.
Wie er gerade von dem Hausknecht gefolgt, der seine Utensilien trug, aus der Thür treten wollte, saß der kleine Pudel ihm mitten im Wege und kratzte sich mit dem nur zu gut gekannten Winseln den wolligen Pelz. Der Commerzienrath hob auch in der That schon den Fuß, die kleine Bestie wenigstens in etwas für die schlaflose Nacht auszuzahlen, aber seine angeborene Gutmüthigkeit siegte; tief aufseufzend umging er den sich wenig oder gar nicht um ihn bekümmernden Pudel, der seine Beschäftigung ruhig fortsetzte, und bestieg, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, den Postwagen.
Die vorige unruhige Nacht hatte den sonst an seine ununterbrochenste Ruhe und jede Bequemlichkeit gewöhnten Mann so mitgenommen, daß er seine neue Reisegesellschaft, ohne sich auch nur im mindesten um sie zu bekümmern, kaum begrüßte, sondern sich nur in die Ecke zurücklehnte und die Augen schloß, das Versäumte jetzt wenigstens in etwas und nach besten Kräften nachzuholen. Das Glück war ihm diesmal auch günstiger, seine Mitpassagiere nickten ebenfalls hüben und drüben in den Ecken, und der Commerzienrath schlief fest bis nach Burgkundstadt hinein, wo sie um 2 Uhr Nachmittags eintrafen und etwas später mit dem abgehenden Eisenbahnzuge nach Bamberg befördert werden konnten.
Hier aber begann wirklich ein anderes Leben für den Commerzienrath; in seinem ganzen Leben war er noch auf keiner Eisenbahn gefahren, und auch das Kleinste, Unbedeutendste, was mit derselben in Verbindung stand, bis auf die geflügelten Räder der Knöpfe und Mützenzierrathen hinunter, interessirte ihn. Gerührt schien er ordentlich über die Gefälligkeit der ihm doch wildfremden Menschen, seinen Regenschirm oder was er sonst in der Hand hielt, zu tragen — wer hätte sich selbst in Gidelsbach so weit um ihn bekümmert, und er streute die Kreuzer nur so um sich her. Er bedurfte aber auch fremder Menschen, ihn und sein Gepäck wieder richtig an Ort und Stelle abzuliefern, daß er die Restauration und das Gepäckzimmer, den Billetverkauf und sein Coupé fand. Behaglich dort in eine Ecke und das weiche Polster gedrückt, hörte er mit einem eigenthümlichen unheimlichen Wohlbehagen das scharfe Pfeifen der Locomotive, fühlte die Wagen anziehen und sah sich gleich darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen mit einer Schnelligkeit fortgerissen, von der er früher allerdings keine Ahnung gehabt.
Das Coupé war ziemlich voll und der Commerzienrath befand sich zwischen einer ganzen Anzahl von Damen, die, schon eine längere Strecke zusammengefahren, miteinander flüsterten und schwatzten und sich heimlicherweise ihre Bemerkungen über den frisch eingestiegenen Mitpassagier in die Ohren flüsterten. Mit ihm zugleich gekommen war ein junges bildschönes Mädchen von vielleicht 18 oder 19 Jahren, und die im Wagen Sitzenden mußten natürlich glauben, wovon Commerzienrath Mahlhuber auch nicht die Ahnung hatte, daß sie Beide zusammengehörten. Die verschiedenen Ansichten boten jetzt ungemeines Interesse, ob sie ein jung verheirathetes Paar oder Vater und Tochter sein könnten.
So unschuldig aber auch Freund Mahlhuber unter diesem förmlichen Schauer von Vermuthungen saß und sich nur für Alles interessirte, was mit der Bewegung und Einrichtung der Bahn und der verschiedenen Wagen selber wie ihrer Fortbewegung in Verbindung stand, so aufmerksam hatte das scharfe Ohr seiner jungen Nachbarin die einzelnen Worte hier und da aufgefangen, und ihre Blicke hafteten mehre male, solange sie das unbemerkt thun konnten, auf ihrem Nachbar.
Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen enganschließenden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitränderigen Strohhut mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm stützte. Sie sah aus wie eine junge Dame, die ein paar Stationen fährt, irgend Verwandte zu besuchen, dort vielleicht ein oder zwei Nächte zu bleiben und dann in demselben Kleide nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im Coupé keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmüthigen Lächeln des Commerzienraths spurlos vorüberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das große dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ängstlich fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wünsche oder ob er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natürlich nicht wäre, frappant ähnlich sähe. Sie drehte jedoch das Köpfchen gleich darauf wieder leise erröthend nach der andern Seite, und er dachte nicht weiter daran.
„Es ist jedenfalls Mann und Frau“, sagte indessen die eine alte Dame auf der andern Seite des Coupé, die sich zu der ihr gegenüber Sitzenden mit dem Oberkörper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu schreien brauche, „sie reden fast gar nicht miteinander und die junge Frau dreht nur manchmal das Köpfchen nach ihm herum, zu sehen was er für ein Gesicht macht.“
„Der alte Esel hätte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so jungen Dinge denken sollen — wenn’s wahr ist —“ sagte die Andere.
„Ich möchte nur wissen wie lange das dauern wird“, meinte die Erste wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber augenblicklich anscheinend gleichgültig zum Fenster hinauswarf, als sie deren Auge fest auf sich geheftet fand; „sie kann das doch nicht gehört haben“, setzte sie schnell und leise hinzu.
„Und was wär’s?“ sagte die Andere, den Kopf hinüberwerfend, „Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung, sollt’ ich denken.“
Die dem Commerzienrath gegenübersitzende Dame hatte indessen kaum einen Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit den Füßen unter sich gefühlt und bald ihre Röcke beiseite gedrückt und an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.
„Suchen Sie etwas?“ fragte dieser endlich gefällig, und sie hatte wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.
„Ach das ist mir sehr fatal“, sagte die Dame, „ich muß meine Ueberschuhe zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit meinen dünnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten.“
„Wenn Sie mir erlauben“, sagte der Commerzienrath und machte einen verzweifelten, wenn auch völlig erfolglosen Versuch sich zu bücken, „so will ich selber einmal nachsehen.“
„O bitte, bemühen Sie sich nicht — ach das ist mir doch recht fatal“, sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und blühend aussehende Frau.
„Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt“, sagte der Commerzienrath seufzend, „man muß so Manches entbehren, dessen Nützlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es vermißt.“
„Ja, und besonders wenn man leidend ist“, sagte die junge hübsche Frau mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster hinaussah; „ich kann mir den Tod holen in meinen dünnen Schuhen.“
„Es ist unendlich fatal“, sagte der Commerzienrath und sah noch einmal nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede Aussicht nach unten rettungslos versperrten.
„Ich gehe nie in Zeugstiefeln“, sagte eine dicke Dame in einem papagaigrünen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem Gesichte und einem Paar entsetzlich großer emaillirter Ohrringe, die rechts und links aus dem Hute heraushingen — sie saß dicht neben der jungen Frau, dem Commerzienrath schräg gegenüber, und hatte indessen eben eine gestrichene Semmel mit Käse beendet, die einen warmen unangenehmen Geruch im Coupé verbreitete —; „ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu heiß. Durch die Ueberschuhe verdirbt man sich die Füße. Männer tragen sie und mögen sie tragen — Männer rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe für etwas Unweibliches.“
Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte verstanden, nahm das wunderbarerweise für ein ihm gemachtes Compliment, wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:
„Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich mein kränklicher Zustand mich wol dabei würde entschuldigt haben. Dorothee, weiß ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber ich sträubte mich hartnäckig dagegen — ich habe Frostballen am linken Fuß.“
„Dorothee heißt sie“, sagte die eine Dame an der andern Seite des Coupé leise zu ihrer Freundin.
„Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen kränklichen Zustand hätten“, erwiderte ihm die dicke Dame mit den großen Ohrringen. „Es ist merkwürdig was die Männer immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben.“ Und sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein, der wußte, daß er sie zu fodern hatte.
„Nun, ich weiß doch nicht“, meinte der Commerzienrath, und in der Furcht in dem Klappern des Wagens nicht gehört zu werden, schrie er dabei etwas mehr als gerade nöthig gewesen wäre; „ich zum Beispiel leide, nach einer sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im Hintergrunde für mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir große Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat.“
„Ueberdrofi?“ fragte die dicke Frau erstaunt, „wer hat schon in seinem Leben von Ueberdrofi gehört? Was sie jetzt für verrückte Namen für alle Krankheiten haben!“
„Es ist eine speckige Entartung der Leber“, sagte der Commerzienrath rasch und sehr erfreut, die Dame mit den großen Ohrringen in etwas belehren zu können, „eine Art Fettleber, die, völlige drei Zoll zu groß für den übrigen Bau meines Körpers, an Rippen, Zwerchfell und Magen anstößt und mir die bedauerlichsten Unbequemlichkeiten veranlaßt. Ein Fahren im Wagen ist mir deshalb von meinem Arzte als eine Art Passivgymnastik besonders empfohlen worden.“
„Als was?“ fragte die dicke Dame und sah ihn groß und erstaunt mit ihrem vollen rothen Gesicht an.
„Als eine Art Passivgymnastik.“
„Das Fahren?“
„Ja wol —“
„Nun Gott sei Dank“, sagte die dicke Dame und warf wieder einen Blick umher wie vorher, „und reist ihre Frau auch auf Passif—, wie hieß das Andere?“
„Gymnastik — meine Frau?“ setzte der Commerzienrath überrascht hinzu und die andern Damen steckten die Köpfe zusammen. Ehe er aber noch etwas weiter darauf erwidern konnte, pfiff die Locomotive, der Zug ging langsam und die junge hübsche ihm gegenübersitzende Frau mit den vergessenen Ueberschuhen stand auf, ihr Umschlagetuch, das zurückgefallen war, wieder über die Schultern zu nehmen.
„Sie wollen uns hier schon verlassen?“ fragte der Commerzienrath, während die dicke Frau sich von ihm abbog und ihre Nachbarin zur Rechten, in einem Versuch der an der andern Ecke sitzenden Dame etwas zuzuflüstern, fast erstickte.
„Ja, ich gehe nur bis Hochstadt“, lautete die Antwort, während die Sprecherin aus dem Fenster und nach den Wolken schaute; „lieber Gott im Himmel“, setzte sie dabei ängstlich hinzu, „da hinten steigen wirklich schon Wolken auf und wenn wir noch mehr Regen bekommen, bin ich verloren.“
„Sie werden sich ein Paar andere Schuhe kaufen müssen“, sagte der Commerzienrath wohlmeinend, „es wird wirklich das Beste für Sie sein.“
„Ach das viele Geld so hinauswerfen“, sagte die kleine Frau seufzend, „es wird mir aber am Ende nichts Anderes übrigbleiben, und ich glaubte so fest, daß ich sie mithätte.“
„Nun vielleicht finden sie sich noch“, suchte sie Herr Mahlhuber zu trösten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coupé geöffnet wurde, mit freundlichem Gruß aus.
„Station Hochstadt!“ sagte der Conducteur. „Der Zug wird gleich wieder fortgehen.“
Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als draußen ein Kellner mit Bier vorüberkam. Herrn Mahlhuber durstete, ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber entschuldigte, fortwährend, und er gedachte nicht eine so gute Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu löschen. Wie er aber ausstieg warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu versäumen, der den Augenblick wieder abgehen würde.
„Nur einmal trinken, lieber Freund“, sagte der Commerzienrath bestürzt, „ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro—“
„Ja von der kommt’s“, lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug leerend und sich den Bart wischend, „das weiß der Henker, die ist immer trocken“, und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er seinen Geschäften nach den Zug hinunter.
Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe, sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen Pfiff that, in das Coupé zurück, solche Angst hatte er dagelassen zu werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben noch zum Fenster hinaussah, pfiff es draußen wirklich und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgebäuden vorüberfuhren, sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, draußen nicht weit von den Schienen stehen. In dem Augenblick berührte aber auch zufällig sein Fuß etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch, in der Erregung des freudigen Gefühls, ein gutes Werk zu vollführen, und selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar Knöpfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfaßte wirklich zwei dort stehende große Schuhe.
„Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame!“ rief er in vollem Jubel hinaus.
„Ach, ist es möglich?“ rief die junge Frau und streckte die Arme danach aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm für seine Gefälligkeit, als er sich noch lächelnd nach ihr hinaus aus dem Fenster bog, dankte.
„Herr, sind Sie des Teufels?“ schrie in dem Augenblick die dicke ihm schräg gegenübersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn und Aufregung. „Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen — halt da! — halt — halt!“ schrie sie dabei und drängte sich in wilder Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit Keilkraft auseinandertreibend; „halt!“ schrie sie, sehr zum Ergötzen der draußenstehenden Bahnwärter und Arbeiter, denn an den Gebäuden waren sie schon vorüber, „halt, meine Schuhe — ich muß meine Schuhe haben — ich kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!“
Grinsende Gesichter der Draußenstehenden waren Alles, was man ihr darauf antwortete. „Brrrr!“ riefen wol Einige, in boshaftem Spotte die Locomotive mit einem durchgehenden Pferde vergleichend, und ein Anderer stellte sich hin und ahmte mit den Armen das Arbeiten eines Telegraphen nach, der in gewaltiger Eile irgendeine wichtige Botschaft meldet; aber Mitleiden durfte sie von den Leuten nicht erwarten — noch weniger ihre Schuhe, und wenige Secunden später hatte der Zug die Station weit und unerreichbar hinter sich.
„Herr, Sie sind werth, daß man Sie hinter den Schuhen her würfe“, wandte sich jetzt der Grimm der dicken Frau gegen den entsetzten Commerzienrath, der sich im Anfange noch nicht einmal recht in das Unheil, das er angerichtet, hineindenken konnte, „jetzt kann ich barfußlaufen.“
„Aber ich denke Sie tragen keine Ueberschuhe“, rief der entsetzte Mann, der sich, in der peinlichsten Lage von der Welt, nur noch an diesen letzten Hoffnungsanker klammerte.
„Ueberschuhe — wer redet von Ueberschuhen!“ schrie die Frau, den jungen semmelblonden Mann fest in seine Ecke hineindrückend, „daß der Böse Ihre Ueberschuhe hole; meine Schuhe haben Sie hinausgeworfen.“
„Ihre Schuhe?“ fragte der Commerzienrath in unbegrenztem Erstaunen, während die andern Frauen untereinander lachten und kicherten, „aber wie ist das möglich?“
„Möglich?“ wiederholte die gereizte Dame mit blitzenden Augen, „möglich? Ich hatte sie abgezogen, weil sie mir zu heiß wurden — ich leide an heißen Füßen; jetzt sitz ich in Strümpfen.“
„Aber ich bitte Sie um Gotteswillen!“
„Gehen Sie zum Teufel mit ihren Bitten!“ schrie die gereizte Frau und das Gesicht wurde ihr ordentlich braun in der furchtbaren Aufregung; „nun sitz’ ich hier barfuß und kann mir den Tod holen, bis ich nach Bamberg komme.“
„Aber ich gebe ihnen mein Ehrenwort —“
„Behalten Sie Ihr Ehrenwort und geben Sie mir meine Schuhe?“ schrie die Amazone.
Das junge Mädchen an seiner Seite war, außer dem jungen blonden Mann, der noch gar nicht verstand, um was es sich hier eigentlich handelte und ein etwas verdutztes Gesicht in das allgemeine Vergnügen hinein machte, die Einzige von den Zuschauern gewesen, die nicht gelacht hatte; oder sie wollte es auch vielleicht verbergen, denn sie bog das Köpfchen, wie der Blonde in den Wagen stieg, tief nieder, als ob sie den Ausdruck ihres Gesichts — vielleicht das ganze Gesicht verbergen wollte. Während des von weiblicher Seite leidenschaftlich genug geführten Gesprächs sagte sie auch kein Wort, und in der That ließ auch die Dame in dem papagaigrünen Hute, in dem Bewußtsein ihrer schändlich misbrauchten hülflosen Lage, Niemand Anderes zu Worte kommen.
„Aber, liebste Madame —“, sagte der Commerzienrath in einem trostlosen Versuche sie zu besänftigen.
„Gehen Sie mir mit Ihrer Madame“, schrie die Frau, „schaffen Sie mir meine Schuhe — Herr! Wer gibt Ihnen ein Recht hier, anderer Leute Schuhe zum Fenster hinauszuwerfen?“
„Aber ich will sie Ihnen mit größtem Vergnügen bezahlen —“
„Und was zieh’ ich denn jetzt an? Soll ich etwa barfuß oder in Strümpfen in Bamberg zu einem Schuster laufen?“
„Ich würde Ihnen gern ein Paar von den meinigen —“
„Haben Sie Schuhe bei sich?“
„Schuhe? Nein, aber Stiefel —“
„Glauben Sie, daß ich in Männerstiefeln in der Stadt herumlaufen soll?“ rief die Schöne entrüstet, „nein, ist schon Jemandem eine solche Unverschämtheit vorgekommen?“
„Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll?“ rief der Commerzienrath in Verzweiflung, „das Unglück ist einmal geschehen und ich kann nicht mehr thun, als daß ich Ihnen selber überlasse zu bestimmen, was ich thun soll.“
Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurücksank, zeigte sie sich bereit überhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die dahin endeten, daß der unglückliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden für ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station versprechen mußte zurücktelegraphiren zu lassen, daß die verwechselten Schuhe mit dem nächsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg geschickt würden, und außerdem seinen Reisesack öffnete und der dicken Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei mal an den Füßen gehabt und die auf Versuch vollkommen gut paßten, anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu können, den Schaden zu ersetzen. So dreifach entschädigt beruhigte sich die Dame wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer Nachbarinnen auszuschütten und mit den schon benutzten Hausschuhen des Commerzienraths — denen sie verleumderischerweise nachsagte, daß sie ihr zu weit wären — zu scharren.
Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des Coupé auch das junge Mädchen bemerkt und, von dem Anblick seiner übrigen Reisegefährten rasch befriedigt, seinen Blick länger und aufmerksam auf ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber, schon während des Tumults im Coupé, forschender, als er wirklich bekannte Züge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht immer in der niedergebückten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in die Höhe hob und er nun sah, daß er sich nicht getäuscht hatte.
„Wenn ich nicht irre, mein Fräulein“, redete er sie jetzt an, während seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein vis-à-vis ein Kreuzfeuer hinüberdonnerte, „habe ich das Vergnügen Fräulein Redmeier vor mir zu sehen?“
Das junge Mädchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen einige Worte.
„Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat —“, die Frau schrie jetzt so dazwischen, daß er für eine zeitlang den Versuch aufgeben mußte, und erst später, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: „Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern — Karl schrieb uns, daß er unendlich glücklich sei.“
Das junge Mädchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und während sich der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurücklehnte und das Reisen verwünschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und Fährnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in seiner süßen Weise fort: „Sie werden einen braven wackern Mann in ihm finden — und er spielt vortrefflich die Violine. — Gott sei Dank, er hat es nicht nöthig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr angenehme Erholung — er wird Sie auf den Händen tragen.“
Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht bemerkte, sondern in seiner faden süßlichen Weise fortfuhr.
„Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin?“ unterbrach er sich plötzlich, als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; „wie mir Mama geschrieben hat, erwarten sie doch Karl morgen oder übermorgen zu Hause und ich habe mich eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen zu lassen — es ist merkwürdig, wie stark ich in dem letzten Jahre geworden bin; das gute Bier hier kräftigt den Körper ungemein.“
Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:
„Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? — Sie hatten ihn ja wol erwartet?“
„Ja“, hauchte die junge Dame in wirklich tödtlicher Verlegenheit, und der Commerzienrath, der sich eben den Schweiß von der Stirn trocknete und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe beschäftigt, gar nicht darauf gehört hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und dem also auch die letzten Worte gänzlich entgangen waren, erwiderte in aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen undeutlichen Worten, die auch größtentheils das Klappern der Wagen verschlang, versicherte, daß er sich unendlich glücklich schätze seine werthe Bekanntschaft zu machen, und daß er hoffe, wie sie als künftige Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten würden.
Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte, verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem weitern Gespräch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurück. Die Dame in dem papagaigrünen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen — benutzte aber die erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade aufrichtete, ihn mit halb unterdrückter Stimme zu fragen, wer der Mensch da drüben sei und wie er heiße.
Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, daß er der Herr Regierungsrath Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurückgekehrt sei, wohin er im Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.
Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath — und was für Grobheiten hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem König wiedersagte — und also das war der Onkel von der jungen Frau — nicht der Mann? —
Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in nächster Zeit seinen ältesten Bruder, den Referendar Fädchen, einen braven wackern jungen hübschen Mann, der auch vortrefflich Violine spielte. Gott sei Dank, er hatte es nicht nöthig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er selber war Oekonom auf einem Gute in der Nähe von Hochstadt — hatte eine sehr gute Stelle — sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig werden — er führte die ganze Wirthschaft — er spielte auch Klavier, aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.
Der junge Fädchen hatte seinen Kopf soweit als möglich abgebogen, damit die Braut nicht etwa hören sollte, daß von ihrem Bräutigam gesprochen wurde.
„Bester Herr“, flüsterte das junge Mädchen da rasch und heimlich dem ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.
„Bitte tausend mal um Entschuldigung“, murmelte der Commerzienrath, der wahrscheinlich glaubte, daß er sie angestoßen habe. —
„Bester Herr“, wiederholte das arme Mädchen in Todesangst, denn der günstige Moment konnte schon im nächsten Augenblick verflossen sein, „wenn Sie Mitleid mit einem armen Mädchen haben wollen, so widersprechen Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus — sei es auch nur sich in ein anderes Coupé zu setzen — die Verzweiflung und Noth treibt mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen großen Dienst.“
„Hallo!“ dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ängstlich und kummervoll zu ihm aufgehoben war, während in den treuen dunkeln Augen ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hälfte der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, hätte es aber auch nicht übers Herz bringen können, Nein zu ihr zu sagen, was es auch gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht gelassen, denn Herr Fädchen, dem es nicht entgangen war, daß seine künftige Schwägerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei — der alte Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen —, glaubte jetzt für sich selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einfließen zu lassen.
„Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr Regierungsrath?“ sagte er mit seiner süßen, auf Alles gefaßten Stimme, die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fähig war.
„Regierungsrath?“ Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewußtsein der Kette ist — er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von allen möglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.
„Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?“ schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte, als ob ihm einmal Jemand gesagt, er höre etwas schwer.
„Gute Reise?“ brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48 Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, „glückliche Reise? — bisjetzt war’s eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee gefolgt hätte....“
„In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von mir einzuführen“, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, „er hat eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr — spielt auch ausgezeichnet die Flöte — er wird uns heute Abend etwas vorspielen — er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang — es ist ein prächtiger alter Kauz. — Sie gehen doch bis Bamberg?“
Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg lag, hätte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flöte hörte, denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel ausgenommen, und dann die Flöte noch besonders verhaßt vor allen übrigen. Er fühlte aber auch, daß er hier mit dem jungen hübschen Mädchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine Verwickelung käme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen Rückzug entgehen konnte. Abenteuer — hatte er es dem Doctor nicht vorhergesagt? — da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt, die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der nächsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit und unbelästigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschloß er dabei sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmäßig in die verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist, daß man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt sein lassen und davon profitiren.
Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belästigt zu werden, lehnte er sich in seine Ecke zurück, schloß die Augen und that als ob er fest eingeschlafen wäre.
Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und zurückgelehnt, aber der blonde Schwager in spe schien sich davon nicht abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gespräch unverdrossen, wenn auch nur auf seiner Hälfte, fort, bis der Zug in der Nähe der nächsten Station Lichtenfels pfiff.
„Gott sei Dank!“ murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, „aus der Verlegenheit wär’ ich denn also bald heraus“, und leise seinen Schirm zurechtrückend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend, daß er den Henkel gleich erfassen konnte, saß er sprungfertig und aufmerksam auf das geöffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und der Conducteur den Schlag öffnete.
„Station Lichtenfels!“
„Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath?“ tönte eine Stimme mitten aus dem Waggon heraus — es war die Dame mit dem papagaigrünen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten Mann scheiden mochte.
„Wünsche allerseits glückliche Reise!“ sagte der Commerzienrath, ohne sich umzusehen und selbst den künftigen Verwandten keines Blickes würdigend.
„Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so früh entsagen zu müssen“, hörte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart gemurmelten „Bitte, bitte recht sehr!“ kletterte er, den Reisesack und das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem übrigen Gepäck zu sehen. Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Führer anbot, geleitete ihn rasch zum Packwagen zurück, wo der Packmeister, der das für Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie mitgehender Packete in Empfang nahm.
„Ich möchte gern mein Gepäck haben!“ rief der Commerzienrath.
„Liegt da drüben“, lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber schüttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:
„Das muß ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition.“
Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der Ketten, in Bewegung.
„Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath!“ rief der semmelblonde junge Mann aus dem Coupéfenster heraus und winkte mit der Hand hinüber.
„...pfehle mich. — Daß dich der Böse hole sammt deinem Regierungsrath!“ knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gepäck gerichtet, der aufgeschichtet an der Barrière lag und in dem er nicht ein einziges Stück seines Eigenthums entdecken konnte.
„Wo sind denn meine Koffer?“ fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen Unfalls dämmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.
„Ihre Koffer? — Weiß ich nicht“, brummte dieser, die Spitze eines Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der Hand, indem er die einzelnen Stücke zu überzählen schien, „3, 4, 5, 6 —“
„Aber sie sollten doch hier liegen —“, rief der Commerzienrath.
„Weiß ich nicht — 7, 8, 9, 10 — waren nach Lichtenfels bestimmt? — 11, 12, 13, 14.“
„Nein, nach München; aber ich fragte den Packmeister deshalb —“
Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine Miene zu verziehen, mit dem Bleistift über die Schulter, hinter dem wegbrausenden Zuge her.
„Futsch!“ sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine Winkel und Falten gezogene Gesicht nur möglicherweise erkennen ließ, und notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen und registrirten Colli in sein kleines Buch.
Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben geht, wenn zu viel des Unheils über uns plötzlich und gewaltsam zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt hätte.
Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb, drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen Geschäften nach.
Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand, und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem nächsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten, als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.
Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche Mädchen, seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der nächsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Schöne auf die herzlichste Weise mit „Lieber Onkel“ anredete und ihm mit halbverbissenem Lächeln erzählte, der „Herr“ da — der Gendarm nämlich, habe sie gefragt, wo sie herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen verlangt.
Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche Mädchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, daß er nicht träume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein Zweifel, und die dem anständig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewußtsein zurück.
„Mahlhuber — Commerzienrath Mahlhuber“, sagte er mit einer gewissen Art von Selbstbewußtsein, denn einem königlichen Beamten gegenüber hörte jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu ein verbindliches Lächeln über das breite Gesicht zog.
„Entschuldigen Sie“, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung, „daß ich Ihr Fräulein Nichte belästigt habe, aber die junge Dame ging dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes Mädchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fräulein Nichte zuließ, zu fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, möglicherweise auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden entschuldigen —“
„Bitte, bitte“, sagte dieser, während er dem dankenden Blick der jungen Fremden begegnete, „aber — das ist ganz hübsch und gut — meine sämmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach Lichtenfels expedirt, und wie krieg’ ich die wieder?“
„Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?“ fragte der Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen zu können.
„Telegraphiren? — Nein — und wann kann ich die Sachen wieder hier haben?“
„Sollen sie hierher zurückgehen?“
„Ja“, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.
„Jedenfalls mit dem Nachtzuge — erlauben Sie mir, daß ich das für Sie besorge?“
„Mit Vergnügen“, sagte der Commerzienrath, und das junge Mädchen schien während der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben ließ und dann damit in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepäck hierher zurückzusenden, war schon in München und der Gendarm seinen Geschäften nachgegangen. Der Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem Platze.
„Aber nun, mein Fräulein“, brach er endlich, indem er sich die Brille abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, „möchte ich Sie doch um Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme —“.
„Zu so großem Dank ich Ihnen verpflichtet bin“, sagte tief erröthend die junge Fremde, „darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht vollen Aufschluß geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen großen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch bitten, mit mir zum Fluß hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen möchte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen.“
„Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fräulein“, sagte der Commerzienrath, dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu werden, „sowie Sie über den Fluß kommen, sind Sie doch allein, denn ich versichere Sie, daß ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir schon außerdem höchst unangenehme Sache einzulassen — meine Stellung als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir —“.
„Sobald ich das andere Ufer betrete“, unterbrach ihn rasch die junge Dame, „bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.“
„Verfolgung?“ wiederholte der Commerzienrath ängstlich, dem es überhaupt ein bängliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem sich ein Gendarm erkundigt hatte, „Sie werden doch nicht — nicht irgendetwas — irgendetwas angegeben haben?“
„Nichts Böses“, lächelte das junge Mädchen; ein tiefes Roth stahl sich dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und unschuldsvoll zu ihm auf, daß an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht zu denken war.
„Aber was verlangen Sie denn noch von mir?“ fragte der Commerzienrath, dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und commerzienräthliche Gefühl arbeitete, „was muß ich thun, um sie wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner — irgendeiner unangenehmen Lage zu ziehen?“
„Mich nur an — oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, über den Fluß begleiten — dort hab’ ich Freunde.“
Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam ihm mehr wie ein Märchen vor, das ihm Jemand erzählt hätte und das er glauben konnte oder auch nicht — wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverhältnisse zu einem solchen Schritte getriebene junge Mädchen nicht, und sie jetzt im Stiche lassen wäre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine schöne Schutzbefohlene — oder wurde vielmehr durch sie geführt — den schmalen Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine halbe Stunde später, in die Restauration zurückkehrte, ließ er sich ein Zimmer mit einem Bett geben, aß etwas, zog sich dann aus und legte sich — nachdem er die Thür vorher sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, ordentlich schlafen.
Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stören, bis er von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hände und war bald sanft und süß eingeschlafen.
Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelächters einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten — er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.
Reisen — ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dächte. — Reisen — alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher: verkappte Engländer, junge leichtsinnige Mädchen, entsetzliche Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe — und was für Geld flog dabei auf die Straße! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen nicht allein an Schadenersatz für Hut und Schachtel, Wagenpolster, Fensterscheiben, Ueberschuhe für Unkosten gehabt, außerdem sein ganzes Gepäck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshäuser bezahlt, und wie war er behandelt worden!
Auf die Dorothee war er besonders böse — die mußte ihm jedenfalls das Pistol geladen haben — und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem papagaigrünen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. — Kein Wunder, daß der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch die Leber fing ihn wieder an zu drücken, und die operirte Balggeschwulst preßte er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.
Reisen — Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei; Postillone reisten, weil sie dafür bezahlt wurden, sie wußten auch wohin sie wollten und trieben sich nicht unnützerweise in Gegenden umher, in die sie nicht gehörten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen? Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche Reise nützen? Seine Leber verringern? Er hätte darauf schwören mögen, daß sie seit den letzten 24 Stunden um 1½ Zoll gewachsen war, sie stieß ihn jetzt auch an die Rückenwirbel an, und in die Narbe der operirten Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkältung gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel — heiliger Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch jetzt eiskalt den Rücken hinunter.
Mit dem Gedanken fiel er endlich in einen unruhigen, unerquicklichen Schlaf, der ihn, wenn auch nicht gerade die überstandenen Scenen, doch andere ähnliche qualvolle durchleben ließ.
Ihm träumte, er läge in Gidelsbach in seinem eigenen Bette — was hätte er darum gegeben, wenn es wahr gewesen wäre —, und Dorothee hatte gerade gebacken und brachte ein großes Schwarzbrot herein, das sie ihm oben auf die Bettdecke und gerade auf die Brust legte. Er wunderte sich noch darüber, weshalb das wol geschehen sein könne, als sie ein zweites herbeitrug und auf das erste stellte; er wollte schreien und dagegen protestiren, aber er brachte keinen Ton heraus, und die Magd kam auch und schleppte ein drittes riesiges Brot herbei, und dann die Frau mit dem papagaigrünen Hut, und dann die Mamsell aus dem otzlebener Gasthofe mit den aufstreiften Aermeln und den langen Locken, und dann das junge Mädchen aus dem Coupé, dessen Onkel er unfreiwillig geworden, und zuletzt der schweigsame Passagier aus dem Postwagen, den er für einen Engländer gehalten und der zuletzt zu ihm „Gute Nacht, Herr Commerzienrath!“ gesagt hatte. Eine furchtbare Angst überkam ihn dabei, die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm nun endlich, nach langem Ankämpfen gegen die Schwäche, Kraft genug gab, mit einem in der Hast aufgegriffenen Regenschirm aus der Stube, die Treppe hinunter und aus dem Hause zu stürzen. „Meine Schuhe!“ schrie die Dame mit dem papagaigrünen Hut hinter ihm her, „Lieber Onkel!“ das junge Mädchen, „Aber Herr Commerzienrath!“ die alte Dorothee, er hörte und sah nicht mehr und lief in einemfort, bis er zu seinem Entsetzen entdeckte, daß er sich im äußersten Négligé, wirklich nur im Hemd und von der Mittagssonne beschienen, in dem belebtesten Theile von Gidelsbach befand. Die Füße drohten ihm dabei den Dienst zu versagen, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, und sich nun rasch an die nächsten Häuser drückend, spannte er den Regenschirm auf, in dessen Schutz sich den Blicken der Volksmenge soviel als möglich zu entziehen und sein Haus wieder zu erreichen. „Guten Morgen Herr Commerzienrath!“ sagte der Amtsschreiber Weber, der ihm begegnete; „Herr Gott, Sie gehen ja in bloßen Füßen.“ „Guten Morgen Herr Commerzienrath!“ nickte ihm die Frau Geheimräthin Beutel aus dem gegenüberliegenden Hause zu; „ach bitte, kommen Sie doch einmal herüber, ich habe Ihnen etwas Nothwendiges zu sagen.“ „Guten Morgen, Herr Commerzienrath!“ rief der Materialwaarenhändler Bohne, an dessen offener Thür er mit ungedeckter Flanke vorüber mußte, „Herr Jemine Sie werden sich erkälten!“ „Ne seht nur — da leeft Ener im Hemde!“ schrie da plötzlich ein junger nichtsnutziger Tagedieb, der an irgendeiner Ecke stand.
„Hurrah, hurrah!“ hörte der Commerzienrath in seinem Traume die Buben schreien und die Straße heruntertoben, näher und lauter. „Aber Herr Commerzienrath“, sagte da die Frau Bauräthin Drilling, die ihm gerade entgegen- die Straße herunterkam und rasch und erschreckt ihre grüne Brille abnahm. — Der Commerzienrath hörte nichts mehr, wartete nichts weiter ab, sondern fuhr, gleichgültig wohin er gerieth, in das erste beste offene Haus hinein, das er fand und mit ungeheurer Beruhigung erkannte. Er erinnerte sich nämlich, daß dieses Haus mit der hintern Wand an das seine stieß, und wenn er unbemerkt oben auf den Boden kommen konnte, der mit seinem Dache in Verbindung stand, war er gerettet. So rasch ihn seine Füße trugen, lief er die Treppe hinauf und rannte in der ersten Etage beinahe ein Dienstmädchen um, das, als es ihn sah, einen Eimer mit Wasser fallen ließ und um Hülfe schrie. Hinter ihm bellte ein Hund, schrien Stimmen, klapperten Thüren, er floh wie ein gehetztes Reh die steilen Treppen, weder an Leber noch Balggeschwulst denkend, hinauf, bis er den Boden erreichte und offen fand. Jetzt war er gerettet, lief durch die erste Kammer, dann durch eine zweite, dann eine dritte, bis er plötzlich den letzten Dachstuhl erreichte, und hier den Boden nicht mehr gedielt, sondern nach unten offen fand. Nur die Querbalken lagen etwa drei Fuß voneinander entfernt darüberhin; dicht hinter ihm aber tönten die Stimmen der Verfolger, und eine Wahl blieb ihm nicht — er mußte hinüber. Er sprang auf den ersten Balken, von diesem auf den zweiten — er fühlte wie ihm die Leber dabei gegen seine Rippenwände schlug, wie das Blut in der Narbe auf seinem Kopfe pulsirte, er wollte einhalten und konnte nicht mehr, sein schwerfälliger Körper war einmal in Schuß gekommen, er mußte weiterspringen. — Und unter ihm gähnte die dunkle Tiefe — ein Abgrund, von dessen Existenz er keine Ahnung gehabt, dessen Tiefe er nicht mit dem scheuen Blicke erreichen konnte. Und weiter wurde die Entfernung zwischen den einzelnen Balken, immer weiter, jetzt 3½, jetzt 4 Fuß, immer noch setzte er darüber hin und es war als ob die Angst ihm Flügel geliehen. Jetzt lagen sie 4½ Fuß, jetzt 5, jetzt 6 Fuß voneinander entfernt. Athemlos schnellte er sich von Holz zu Holz und kein Ende konnte er erkennen, so weit in die Unendlichkeit hinein lag die gefährliche Bahn, der er folgte, und auf der ihn ein schadenfroher Geist dahinriß. Kaum noch mit den Fußspitzen erreichte er den schmalen Halt, jetzt wankte er, er wollte das Gleichgewicht wiedergewinnen, umsonst, noch einen verzweifelten Sprung wagte er nach dem nächsten Balken, dieser knackte, brach unter seinem Gewicht und der Commerzienrath schlug mit der Hand, die er ausstreckte sich zu retten und irgendwo anzuklammern, dermaßen an die weiße Kalkwand, an der sein Bett stand, daß er, in Angstschweiß gebadet und an allen Gliedern zitternd, davon erwachte und in seinem Bette emporfuhr. Im ersten Augenblicke hatte er wirklich auch keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand.
Ein lautes Klopfen an der Thür brachte ihn endlich soweit wieder zu sich, daß er sich besinnen konnte, er sei weder in diesem unanständigen Aufzuge in Gidelsbach umhergelaufen, noch von den Bodenbalken heruntergestürzt, wenn ihn die Knochen auch in der That gerade so schmerzten. Aber wer klopfte mit einer solchen Hartnäckigkeit an seiner Thür? Und hatte er nicht strenge Ordre gegeben (er sah nach seiner Uhr, es war 5 Uhr Nachmittags, und er mochte etwa vier Stunden geschlafen haben), ihn unter keiner Bedingung zu stören?
„O Dorothee“, klagte der gequälte Mann vor sich hin, „wäre ich dir und nicht diesem verdammten Doctor gefolgt, so säße ich jetzt noch — herein denn zum Donnerwetter! — Wer ist da draußen, und was klopfen Sie als ob Sie die Thür einschlagen wollten?“
„Ich kann nicht hinein“, sagte eine freundliche Stimme von außen, die jedenfalls einem Manne gehörte, „es ist von innen zugeschlossen.“
„Aber wer sind Sie, was wollen Sie?“ rief der Commerzienrath, nicht ohne eine unbestimmte Ahnung, daß der heutige Gendarm mit diesem Klopfen in näherer Beziehung stehen könnte.
„Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen“, sagte die Stimme von außen wieder, „und bitte sich nicht im mindesten meinetwegen zu geniren.“
„Geniren?“ brummte der Commerzienrath und streckte, halb überlegend, das eine Bein aus dem Bette; „der Bursche glaubt wol, ich ziehe einen Frack an — aber erfreuliche Nachricht? Wahrscheinlich ist mein Gepäck angekommen, Gott sei Dank, daß es endlich überstanden ist. Warten Sie einen Augenblick“, rief er dann wieder mit lauter Stimme und weit energischer, als er sich bisjetzt in irgendeinem Lebensverhältnisse gezeigt, „ich werde gleich aufmachen“; stieg dann aus dem Bett, riegelte die Thür auf, glitt rasch wieder mit einem leisen Schmerzensschrei „O meine Leber!“ unter die Decke und rief: „Herein!“
„Guten Morgen, Herr Commerzienrath“, sagte fast mit dem „Herein“ zugleich eine süßliche unendlich höfliche Stimme, und ein wohlfrisirter und gelockter Kopf mit dem Scheitel in der Mitte, was dem Träger etwas unleugbar Dummes gab, streckte sich augenblicklich, von dem übrigen Körper gefolgt, in das Zimmer. Der Fremde war übrigens sehr elegant, wenn auch gerade nicht besonders geschmackvoll gekleidet, trug eine schwere goldene, oder wahrscheinlich vergoldete Uhrkette, eine Tuchnadel mit riesiger Camee, Ringe an den Fingern und im linken Ohr sogar einen sehr kleinen und sehr zierlichen Ohrring; außerdem Stiefeln von Glanzleder, umgeklappte Vatermörder und sehr lange weiße Manchetten.
„Mit wem habe ich die Ehre?“ sagte der Commerzienrath, der sich mit dem unbehaglichen Gefühl eines nicht Angezogenen solcher Staatstoilette gegenüber womöglich noch tiefer in seine Decke zurückzog. „Sie wollten mir etwas Angenehmes mittheilen, ich muß tausend mal um Entschuldigung bitten, daß sie mich zu dieser Tageszeit —“