„Um Gottes Willen machen Sie keine Umstände, bester Herr Commerzienrath“, rief der Fremde, der sich indeß vergeblich nach einem freien Platze umgesehen, seinen Hut abzulegen und ihn endlich dem vollgepackten Reisesack anvertrauen mußte, auf dem er nicht recht die Balance zu halten schien; „wie ich gehört habe, sind Sie gesonnen sich hier in Lichtenfels häuslich niederzulassen.“

„Ich?“ rief der Commerzienrath, erstaunt emporsehend.

„Nun ich weiß, daß es noch Geheimniß bleiben soll“, beruhigte ihn der Fremde, „und auf meine Discretion können Sie sich verlassen, jedenfalls ist es aber ein sehr glücklicher Umstand für Sie, daß ich heute den Morgenzug versäumte und zu spät von Koburg herüberkam, ich reise für das Haus Helboldt und Sohn und mache in feinen Weinen und Champagnern — Helboldt und Sohn, Herr Commerzienrath, ich brauche Ihnen blos den Namen zu nennen, und Sie werden einsehen, wie nur ein glücklicher Zufall mich hier noch zurückhalten konnte. Helboldt und Sohn führen eine wahre Pracht von Weinen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie nach bester Auswahl reichlich bestellen werden. Hier“, fuhr er dann fort, indem er nach und nach aus allen seinen verschiedenen Taschen winzig kleine Flaschen mit Etiketten hervorbrachte und auf den Nachttisch des wirklich vor Erstaunen sprachlosen Commerzienraths stellte, „habe ich Ihnen gleich die besten Sorten, unter denen Sie jedenfalls Das finden werden, was Sie suchen, mitgebracht.“

„Aber Herr, zum Donnerwetter“, brach jetzt endlich der verhaltene Grimm des Commerzienraths los, „sind Sie des Teufels oder wollen Sie mich zum Narren haben?“

„Ich, Herr Commerzienrath?“

„Deshalb sind Sie hierhergekommen? mir Ihre sauern Weine anzupreisen?“ rief jetzt der in seiner Ruhe, in seinem Schlafe (Leber und Balggeschwulst noch gar nicht gerechnet) mishandelte Mann. „Das war die gute Nachricht, die Sie mir zu bringen hatten?“

„Saure Weine, Herr Commerzienrath?“ wiederholte der Weinreisende mit einem Gefühl, als ob ihm Jemand einen Dolchstich versetzt hätte. „Helboldt und Sohn saure Weine — ich bitte Sie um tausend Gottes Willen — nicht einmal unser Weinessig —“

„Gehen Sie zum Teufel, Herr!“ unterbrach ihn der sonst so schüchterne, jetzt jedoch zur Verzweiflung getriebene kleine Mann, „ich liege hier halb todt im Bette, mich auszuruhen, um meine Gesundheit wiederherzustellen, um mit Tagesanbruch dies verdammte Nest verlassen zu können, und Sie brechen mir hier gegen alles Land- und Völkerrecht unter falschen Vorspiegelungen in mein Zimmer, mich unter meiner eigenen Bettdecke zu maltraitiren. Packen Sie Ihre verwünschten Flaschen wieder ein und lassen Sie mich ungeschoren.“

„Aber, Herr Commerzienrath, bei einem längern Aufenthalt hier — Helboldt und Sohn —“

„Ich sage Ihnen ja, daß ich auf der Durchreise bin, Herr, ist Ihnen das nicht deutlich genug —“

„Aber Ihr Fräulein Nichte —“

„Meine Nichte?“ rief der Commerzienrath stutzig werdend, und aufhorchend.

„Ihr Fräulein Nichte“ fuhr der nicht so leicht abzuschüttelnde Bursche fort, „hat doch vorhin in meinem Beisein geäußert, daß Sie gesonnen wären, sich hier häuslich niederzulassen, weil Ihnen die Gegend enorm gefallen hätte.“

„Meine Nichte? Herr, lassen Sie mich mit Ihren Weinen und meiner Nichte zufrieden“, tobte der Commerzienrath, durch den neuen Beweis nicht im geringsten milder gestimmt, „ich will von Beiden nichts wissen; und nun seien Sie so gut und packen Sie die verdammten Flaschen wieder ein — Sie verstehen doch deutsch? — und lassen Sie mich zufrieden. Ich bleibe nicht hier, habe keine Nichte, will keinen Wein und liebe nicht, mich, wenn ich im Bette liege, mit fremden Leuten zu unterhalten. Guten Morgen, Herr Helboldt und Sohn.“

„Herr Commerzienrath“, sagte der Weinreisende pikirt, indem er seine Flaschen wieder einpackte und seinen Hut ergriff, „wenn auch nicht gegen mich persönlich, so sollte doch wenigstens die Achtung, die Sie der Firma Helboldt und Sohn schuldig —“

„Helboldt und Sohn soll —“, brummte der Commerzienrath, sich unwillig in seinem Bette mit dem Gesicht nach der Wand, ebenso rasch aber auch wieder zurückdrehend, da er an sein Portemonnaie und die Uhr dachte, die auf dem Tische lagen.

„Nun ich sehe“, sagte achselzuckend der Geschäftsreisende, „daß wir doch wol in keine Geschäftsverbindung miteinander treten können; es thut mir auch leid Sie bemüht und meine kostbare Zeit solcherart vergeudet zu haben, ich bin Reisender —“

„Reisen Sie glücklich“, brummte der Commerzienrath, mit einem halb malitiösen Lächeln unter seiner Bettdecke vor.

„Guten Morgen, Herr Commerzienrath“, brach der Bevollmächtigte kurz ab und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß die Scheiben im Fenster und Wasserflasche und Glas im Waschtische zusammenklirrten.

„Flegel!“ knurrte Mahlhuber leise vor sich hin, als er sich wieder im Bett zurechtrückte, die Augen noch einmal schloß und einen Versuch zu machen schien aufs neue einzuschlafen. Das aber ging unter keiner Bedingung; der Aerger mit dem unverschämten zudringlichen Menschen hatte ihn dermaßen aufgeregt, daß an eine Fortsetzung seiner unterbrochenen und überhaupt mittelmäßig genug gewesenen Ruhe gar nicht zu denken war. Er hob sich endlich mit einem schweren Seufzer von seinem Lager, wusch sich und zog sich an, und beschloß einen Spaziergang in der wirklich freundlichen Umgebung zu machen, um müde zu werden und dann wenigstens Aussicht auf einen Nachtschlaf zu haben. Sein Gepäck mußte ja doch noch heute Abend oder spätestens morgen früh ankommen und, Gidelsbach lag nicht so entsetzlich weit entfernt, es nicht wieder erreichen zu können.

Der Spaziergang schien keine so üble Idee gewesen zu sein, nur störte ihn die Unmasse von Heiligen- und Märtyrerbildern, die er überall traf, und die blutigen Leiber und Wunden derselben riefen ihm auf peinliche Art seine eigene Leber wie seine Operation wieder und wieder ins Gedächtniß zurück. Mit Gewalt zwang er sich jedesmal nicht daran zu denken, aber kaum hatte er sich durch einen andern Gegenstand zerstreut, tauchte wieder, in Stein oder Holz, und immer bunt bemalt, mit einem Ueberfluß von Blut daran, ein neues Bild vor ihm auf.

„Es ist zum Verzweifeln!“ seufzte der Commerzienrath leise vor sich hin, während er sich scheu, soweit als möglich, um die solchen bösen Eindruck auf ihn machenden frommen Kunstwerke herumdrückte; „es ist wirklich zum Verzweifeln, und ich begreife eigentlich doch nicht recht, weshalb diese Masse von Monumenten nöthig ist.“ Als Commerzienrath und guter Christ durfte er aber nicht mehr denken, ja er machte sich in seinem Innern schon schreckliche Vorwürfe soviel gedacht zu haben, und suchte sich endlich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen, daß er quer über ein Feld hinweg dem nächsten Holzrande zuzueilen suchte, dort mehr „ungestört“ zu sein. Das freilich hatte nur die unangenehme Folge für ihn, daß er unterwegs, und mitten in einem etwas weichen und unbequemen Saatfelde, von einem biedern Landmanne, dem Eigenthümer desselben, angehalten und aufgefodert wurde, zwei Gulden Strafe für das Verlassen des Weges zu zahlen, widrigenfalls er, der Bauer, sich in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen würde ihn zu pfänden.

Der Commerzienrath wollte dagegen protestiren, ja knöpfte unter dem Vorwande, ihm eine Karte mit seinem Namen zu geben und ihm zu beweisen, daß er nicht absichtlich ihm einen Schaden habe zufügen können, seinen Rock auf, unter dem der Orden schimmerte; der Bauer blieb aber gänzlich gefühllos, selbst gegen das bunte Band im Knopfloche des Fremden, das er vielleicht nicht einmal sah, keinesfalls beachtete. Er bestand auf seinen zwei Gulden, oder Hut und Schnupftuch des Uebertreters der Gesetze, ja wurde dermaßen grob gegen den kleinen unbehülflichen Mann, daß dieser nicht umhinkonnte, in die jedenfalls unbillige Foderung oder vielmehr Erpressung zu willigen und das Geld zu zahlen.

Damit kam er noch dazu nicht einmal nach dem Waldrande, sondern wurde mit Zwangspaß auf die Straße zurückgeschickt, nochmals Spießruthen zwischen den ihm fatalen Erinnerungen zu laufen bis Lichtenfels.

Der Marsch hatte übrigens das Gute für ihn, daß er hungerig und durstig den kleinen Ort wiedererreichte, vor allen Dingen nach den Bahnhofsgebäuden hinabging, sich dort die Gewißheit zu holen, daß seine Sachen noch nicht gekommen wären, und dann langsamer die krummen, schauerlich gepflasterten Straßen des Städtchens zurück bis in sein Wirthshaus wanderte, etwas zu genießen.


9.
Die Gesellschaft im Hirsch.


Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen, von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Straße begegnet waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine große Quantität Bier getrunken, wie unzählige Portionen Essen nach allen Richtungen hin aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen. Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe hinunter, es hörte ihn Niemand. — Unten wurden Thüren aufgerissen und zugeschlagen und unzusammenhängende Reden, wie Portion Kalbsbraten — Kartoffeln — drei Halbe Bier — gleich — komme schon — geführt, und einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts, und er sah endlich ein, daß er, wenn überhaupt gesonnen heute noch etwas zu essen, in die Gaststube mit hinunter müsse, den dort hineinströmenden Lebensmitteln und Getränken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug, als ob er es nur gewissermaßen aus Gefälligkeit oder zu seinem eigenen Vergnügen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten Rothwein gebracht hatte, drückte sich der kleine Mann damit in eine Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbürger hinein und hörte geduldig ihre über ihn hinüber gewechselte Meinung der neuesten Verhältnisse, das Für und Wider des gerade ausgebrochenen russischen Kriegs, wie ihre Urtheile über das vaterländische Ministerium mit an. Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei Aeußerungen, die den schüchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen, dann mit wirklichem Entsetzen erfüllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut mit dem bairischen Ministerium meinte, zugehört hätte, mußte er ja glauben, daß er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, daß ein anderer Tisch frei gewesen wäre), so konnte er den schönsten Skandal mit den zu Allem fähigen Menschen bekommen. Was er aß und trank, so sehr er sich auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie Portion eben beendet, als noch zwei andere Männer in Uniform, der hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thüringischen Post, das Zimmer betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen Republikaner hörten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

„Guten Abend, meine Herren“, sagte der Conducteur, mit der Hand militärisch an die Mütze greifend; „Platz doch hier nicht belegt?“

„Bitte, nein“, sagte einer der Politiker, „haben Sie nichts Neues gehört vom Kriegsschauplatz? — Keine neuen Zeitungen mitgebracht?“

„Ich? Nein“, lachte der Postbeamte, „wollte sie uns hier holen — ist aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt“, setzte er dann ernsthafter hinzu.

„Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?“

„Ja“, sagte der Conducteur, „in der Staffelstraße ist ein armer Teufel von Maurer mit einer großen Familie vom Gerüst gefallen.“

„Mit der ganzen Familie?“ rief der Commerzienrath erschreckt.

„Nein, das nicht“, lachte der Conducteur, „der Mann hat nur eine starke Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen.“

„Sie hinken ja, Herr Conducteur?“ sagte der eine von des Commerzienraths Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu geben, „was haben Sie denn am Fuße?“

„O nichts“, meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet „neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfuß durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jüngstes Mädchen eine Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern war zufällig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie ich also durch die Stube gehe —“

„O um Gottes Willen hören Sie auf“, bat ihn der Commerzienrath, dem es schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit Messerstichen vom Wirbel bis in die Fußzehen schoß, „das geht Einem durch Mark und Bein.“

„Was denn?“ fragte der Conducteur erstaunt.

„Nun, daß Sie in so scharfes Glas getreten sind“, sagte, immer noch sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

„Ich?“ fragte der Conducteur erstaunt, „ich bin hineingetreten?“

„Aber Sie erzählten uns doch eben —“

„Daß so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja“, lachte der Conducteur, „aber dafür hat der Mensch seine Augen, und wenn ich barfüßig gehe, passe ich immer furchtbar auf.“

„Aber Sie sagten ja, daß das die Ursache Ihres Hinkens —“

„Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr“, sagte der Conducteur ruhig, „das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen.“

Die Andern lachten, während der Conducteur aufstand sich eine Cigarre anzuzünden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um, denn er wußte nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mütze neben den Commerzienrath niedersetzte.

„Nun, noch nichts von Ihren Sachen gehört, Herr Commerzienrath?“ sagte er so freundlich, wie die Polizei überhaupt nur freundlich aussehen kann.

„Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?“ erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenüber that, als ob er ihn nicht gleich erkannt hätte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, daß er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fühle, und glaubte das am besten durch angenommene Gleichgültigkeit bewerkstelligen zu können. Der Gendarm übrigens, der nicht den geringsten Verdacht dem anständigen Fremden gegenüber hatte, sagte lächelnd und verbindlich:

„Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein Gepäck auf eine solche Weise zu verlieren. Es ist auch unverzeihlich von dem Packmeister, daß er nicht besser aufgepaßt hat. Donnerwetter, wenn einmal das Gepäck für Lichtenfels eingeschrieben ist, so muß es auch in Lichtenfels abgeliefert werden, sonst hört die Freundschaft auf.“

Der Commerzienrath überlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen solle, daß das Gepäck gar nicht für Lichtenfels bestimmt gewesen wäre, und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine mögliche Veranlassung zu nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener etwas näher an ihn heranrückte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als möglich an das Ohr des Commerzienraths brachte — so dicht in der That, daß ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten — und mit leiser Stimme sagte:

„Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers —“

„Durchgebrannt?“ rief der Commerzienrath erschreckt, „ist denn wieder ein Unglück geschehen?“

„Unglück? — Nun ein Unglück ist es wol gerade nicht“, meinte der Gendarm entschuldigend, „junge Leute haben rasches Blut und machen manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen würden, wenn sie 25 Jahre älter wären; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat sie in diesen Tagen —“

„Aber ich bitte Sie um Gottes Willen“, sagte der Commerzienrath entsetzt, „von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein Wort von Allem was sie sagen.“

„Von welcher jungen Dame?“ sagte der Gendarm, „ih von der weggelaufenen, wegen der uns hierhertelegraphirt ist und für die wir Ihr Fräulein Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem großen Strickbeutel am Arm herumging.“

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter, und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine so interessante Mittheilung zu machen, fort:

„Wie es also scheint, sollte jenes junge Mädchen in den nächsten Tagen mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch zur rechten Zeit ein Herz gefaßt und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns hierhergemeldet worden, zwei verdächtige Individuen aufgegriffen und festgehalten.“

„In Bamberg?“ sagte der Commerzienrath.

„Ja wol“, bestätigte der Gendarm. „Uebrigens sind mit dem letzten Zuge von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brüder ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verdächtiges gesehen worden, und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen“, setzte der Beamte schmunzelnd hinzu, „soll auch von einem Gendarm entdeckt worden sein.“

„Das junge Mädchen?“

„Nein, die Telegraphen“, versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem Lächeln, „und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben: das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. — Aber so geht’s immer nachher, die gescheiten Leute haben die Einfälle und die andern Herren sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch.“

„Aber auf welche Weise entdeckt?“ fragte der Commerzienrath trotz der verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung motiviren und entwickeln würde.

„Ungeheuer einfach“, lachte dieser, „die ganze Geschichte ist ja doch nur nach dem Princip der Klingelzüge eingerichtet, wie zum Beispiel in einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal, das Stubenmädchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und bei uns hier sind auch zwei oder drei Züge übereinander angebracht. Mein College saß auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel. Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erzählte er sie einem der Herren Actuare, der sprach darüber mit einem Professor, und wie man die Hand umdrehte, hatte der’s nachgemacht und steckte den Nutzen ein — und jetzt muß man für jeden Zug an der Klingel, und wenn’s nur bis Bamberg wäre, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen — rechnen Sie einmal die Halben Bier, die man dafür trinken könnte.“

„Hm“, sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mußte, sich aber doch mehr für den andern Fall interessirte, „also zwei Brüder der jungen Dame sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flüchtige einzuholen?“

„Ja wol, Herr Commerzienrath“, erwiderte der Gendarm, „thut mir eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren Bräutigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die Polizei muß jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und wäre sie mir unter die Hände gefallen, würde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn es meine eigene Schwester gewesen wäre.“

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prüfenden Blick über die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten ließ, und wollte sich eben anschicken mit einem militärischen Gruß das Zimmer zu verlassen, als ihm eine versäumte Höflichkeit einfiel.

„Ihr Fräulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen darf?“ sagte er mit einer höflichen Verbeugung gegen den Commerzienrath, „vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?“

„Ja — ich danke“, erwiderte der Commerzienrath und fühlte wie ihm das Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schläfe schoß, daß er einem königlichen Beamten gegenüber lügen mußte.

„Ist unangenehm, besonders für Damen“, setzte der galante Gendarm hinzu, „ihres Gepäckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frühzuge wieder hier. — Wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr Commerzienrath!“ und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und klapperndem Wehrgehänge zur Thür hinaus.


10.
Der Schlafkamerad.


„Da haben wir die Bescherung“, stöhnte der Commerzienrath stillbetrübt vor sich hin, als ihn der Gendarm, seinen eigenen Geschäften nachzugehen, verlassen hatte; „ich sitze hier, schon ohnedies ein halber Gefangener, auf mein Gepäck wartend, und die beiden Brüder der Mamsell, die mich mit ihrer Onkelschaft in die nichtswürdigste Verlegenheit gebracht hat, fahren in der Gegend umher und werden, wenn sie sich in der falschen Fährte finden, jedenfalls hierher zurückkehren. Finden sie mich als Mitschuldigen aus, kann ich mir gratuliren, denn daß ich an der ganzen verdammten Geschichte so unschuldig bin wie ein neugeborenes Kind, wird mir natürlich gar Niemand glauben. Und wie hab’ ich mich selber der Polizei gegenübergestellt? Gott im Himmel, wenn das später in die öffentlichen Blätter käme und Dorothee kriegte es zu sehen, ich wäre ein geschlagener Mann.“

Der Commerzienrath blieb noch eine ganze Weile, mit seinen eben nicht sehr erfreulichen Gedanken beschäftigt, an dem Tische sitzen; da die Nacht aber indessen mehr und mehr einbrach und der Tabacksqualm in dem engen Raum immer unerträglicher wurde, beschloß er lieber wieder in sein Zimmer zu gehen. Er ließ sich deshalb unten ein Licht geben, stieg langsam die Treppe hinauf, ging über den Gang hinüber nach seiner Stubenthür, öffnete sie und wollte eben gähnend eintreten, als er Licht darin und am Tisch einen Fremden sitzen sah.

„O bitte tausend mal um Entschuldigung“, rief der Commerzienrath, vor der unerwarteten Entdeckung zurückfahrend, „ich habe die Thür verwechselt.“

Der Fremde machte eine leichte gleichgültige Bewegung mit dem Kopfe, als ob er hätte sagen wollen: Sie sind vollkommen entschuldigt, und studirte dann in den vor ihm liegenden Papieren weiter. Der Commerzienrath dagegen drückte die Thür leise und artig ins Schloß zurück, den Fremden da drinnen nicht weiter zu stören und sein eigenes Zimmer zu suchen. Aber wo war das? In den vielen Thüren des Corridors fand er sich gar nicht mehr zurecht, und wo er eine Thür anfaßte, traf er entweder schon Jemanden im Zimmer oder sie war verschlossen. Noch einmal ging er jetzt an die Treppe zurück, um von da aus in einer gewissen Art von Instinct die rechte Thür zu finden; sein Weg führte ihn wieder an dasselbe Schloß, hinter dem der Mann neben dem Tische saß und las, und es blieb ihm jetzt nichts weiter übrig als hinunterzugehen und seine Nummer zu erfragen.

„Nummer vom Herrn Commerzienrath — welche Nummer hat der Herr Commerzienrath?“

„Nummer 7.“

„Nummer 7, Herr Commerzienrath!“ wiederholte der Wirth.

„Nein, das ist nicht möglich“, sagte Herr Mahlhuber, „in dem Zimmer wohnt ein anderer Herr; Nummer 17 vielleicht.“

„Nein, Nummer 7“, drückte sich der Wirth jetzt mit einer etwas verlegenen Verbeugung vor, „ach bester Herr Commerzienrath, Sie dürfen es nicht übelnehmen —“

„Aber in Nummer 7 wohnt schon Jemand“, sagte dieser bestimmt; „ich habe mir Nummer 7 bestimmt angesehen.“

„Ich weiß wohl, Herr Commerzienrath“, sagte der Wirth mit seinem freundlichsten Lächeln, „aber die entsetzlich vielen Gäste, die gerade heute Abend angekommen sind —“

„Ja, dagegen habe ich ja gar nichts, sagen Sie mir nur meine Nummer.“

„Ich bin genöthigt gewesen, den Herrn mit in Ihr Zimmer einzuquartieren“, brach der Mann in einem verzweifelten Entschlusse heraus.

„In mein Zimmer?“ rief der Commerzienrath, und beinahe hätte er das Licht, das er in der Hand trug, fallen lassen, jedenfalls fiel die Lichtschere hinunter.

„Es war wahrhaftig nicht anders möglich.“

„Ich soll mit dem Fremden in einem Zimmer schlafen?“

„Nur für die eine Nacht, bester Herr Commerzienrath; es ist Sie ein ganz anständiger Herr und ein guter Freund von mir.“

„Aber zum Teufel, Herr, warum nehmen Sie ihn da nicht in Ihr Zimmer?“ fragte der Commerzienrath in nicht unrichtiger Folgerung.

„Bester Herr Commerzienrath, ich habe eine Frau und vier Würmer darin“, entschuldigte sich der Wirth, ihm dabei wie besänftigend an der Schulter herunterstreichend, „Alles was recht ist —“

„Frau und vier Kinder in Einem Zimmer“, sagte der Commerzienrath kopfschüttelnd, „doch was geht das mich an? Ich habe von Ihnen das Zimmer heute Nachmittag für mich allein gemiethet und bin willens Ihnen dasselbe Geld dafür zu zahlen, das Sie von Beiden fodern können; schaffen Sie mir nur den fremden Menschen da hinaus; ich kann nicht zu Zweien in Einem Zimmer schlafen, es widerstreitet meiner Natur.“

„Sind Sie verheirathet?“ fragte der Wirth.

„Nein — wie so?“

„Nun, ich meinte nur — aber ich kann doch den Herrn da nicht wieder hinauswerfen, verehrter Herr Commerzienrath“, klagte der Wirth, „und in der ganzen Stadt ist kein Platz mehr zu haben. Ich weiß Sie sind in Ihrem vollen Rechte, Sie können das Zimmer für sich allein verlangen, und wenn Sie es durchaus wollen, muß der andere Herr hinaus, aber Sie glauben gar nicht was Sie mir für eine Freundschaft erweisen, wenn Sie ihn darin behielten. In ein anderes Zimmer kann ich ihn schon gar nicht mehr stecken, denn in keinem liegen unter Vier und Fünf, in manchem noch mehr, das war das einzige leere Bett, und so ein lieber Mensch.“ — Und nun erging sich der beredte Wirth in einer Masse von Bitten und Beschwörungen und Schilderungen des liebenswürdigen Schlafkameraden, den er bekommen hätte, daß der gutmüthige Commerzienrath, der überhaupt kaum einem Menschen in der Welt eine Bitte abschlagen konnte, endlich einwilligte und seufzend mit dem Licht wieder umdrehte nach Nummer 7 zu.

Dort angekommen, klopfte er höflich an die Thür, und auf das mürrische „Herein“ seines aufgedrungenen Stubengenossen trat er mit einem schüchternen „Guten Abend — Sie entschuldigen“ in sein eigenes Zimmer.

Zu seiner wirklichen Entschuldigung muß ich dem Leser nochmals bemerken, daß er ein deutscher Commerzienrath war.

„Guten Abend“, sagte der im Besitz sich Befindliche, den Kopf zurückbiegend und mit der flachen, nach auswärts gedrehten Hand seine Augen vor dem Lichte schützend, den Eintretenden besser erkennen zu können; „wollen Sie auch hier schlafen?“

„Ich hatte allerdings die Absicht“, erwiderte der Commerzienrath, doch etwas über die Frage frappirt; „ich wohne seit heute Mittag in diesem Zimmer.“

„Ah ja, ich weiß“, sagte der Fremde, „ich sah die Sachen hier stehen, als ich hereinkam. Der Wirth wollte es möglich zu machen suchen, Ihnen ein anderes Schlafzimmer anzuweisen.“

„Mir?“ rief der Commerzienrath, in der That etwas betroffen über die kaltblütige Ruhe des Mannes, der sich doch eigentlich hätte — er fühlte das unbestimmt — bei ihm entschuldigen müssen. Der Fremde brach aber diese Gedanken kurz ab und sagte freundlicher als er bisher gesprochen: „Nun wir müssen sehen, wie wir uns einrichten, Herr Schlafkamerad; der geduldigen Schafe gehen viele in einen Stall. Außerdem ist es ja nur für eine Nacht, wir werden uns schon vertragen und es ist mir immer lieber, als daß mich der Wirth mit zu einem der Frommen hineingesteckt hätte. Bitte, nehmen Sie Platz.“

Der Fremde rückte sich dann das Licht etwas bequemer zurecht, stützte den Kopf in die linke Hand und vertiefte sich aufs neue in die vor ihm liegenden Briefe oder Papiere, von denen er von da ab kein Auge mehr verwandte.

Es war ein noch junger, und wie es schien schlanker Mann, von etwa 24—26 Jahren, anständig und modern gekleidet, aber mit auffallend langem dunklen Haupthaar, zwei vorn in die Höhe gedrehten Jupiter-Ammon-Locken und spitzen, aber ebenfalls vollem langen Bart, jedenfalls ein Fremder, und zwar seinem Dialekt nach ein Oesterreicher. An dem linken Zeigefinger trug er einen großen Siegelring mit einem rothen geschnittenen Stein, auch einen vielleicht echten Brillant im schwarzen Halstuch (der Commerzienrath war kein Kenner von Steinen) und den Rock mit einer Reihe Knöpfen bis oben an die Tuchnadel zugeknöpft.

Der Commerzienrath Mahlhuber saß auf dem Sopha, sein dunkelbrennendes Talglicht mit einer großen Schnuppe daran vor sich, und starrte in tiefen Gedanken auf den Lesenden, der seiner gar nicht weiter achtete. Das vor ihm brennende Licht warf dabei einen röthlichen zitternden Schein auf ihn, der den Umrissen des Körpers ordentlich Bewegung gab und wie ein leises Zucken aussah, und die tiefen Seufzer, die er zu gleicher Zeit nur mühsam zu unterdrücken schien, bis er sie nicht mehr bewältigen konnte, wurden dem kleinen gutmüthigen Manne zuletzt selber unheimlich.

Der Fremde war gewiß recht unglücklich — hatte vielleicht einen schmerzlichen Brief aus der Heimat erhalten und saß nun brütend darüber. — Aber, lieber Gott, er konnte ihm nicht helfen, er hatte seine Hände schon in mehr fremden Affairen als ihm lieb war, und der arme Teufel mochte sehen, wie er selber mit seinem Antheil Leiden fertig würde. Jeder Mensch hat überhaupt sein Pack zu tragen, der eine schwerer, der andere leichter — er schleppte die Leber- und Balggeschwulst, wenigstens die Folgen davon — sein vis-à-vis wand sich wahrscheinlich unter anderm Kummer.

Ueber dem Denken wurde er müde, bezwang sich aber doch noch und würde eigentlich am liebsten abgewartet haben, daß der Fremde zuerst zu Bett gegangen wäre. Da fing dieser auf einmal an zu gähnen und der Commerzienrath sah kaum die Bewegung, als auch bei ihm die Kinnladen an zu arbeiten fingen und er sich gar nicht wieder zufriedengeben konnte.

„Sie werden schläfrig“, sagte der Fremde.

„Ich? Bitte um Verzeihung, es zog mir nur so —“, wieder unterbrach das Gähnen jede vielleicht beabsichtigte Bemerkung, „es zog mir nur so durch die Kinnbacken. Das kommt aber von einer Erkältung, die ich mir neulich zugezogen; auf Leber und Kinnbacken wirft sich bei mir Alles, ich leide an der Leber.“

„So?“ sagte der Fremde, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen.

„Ja“, sagte der Commerzienrath seufzend, „meine Leber ist drei Zoll zu groß — sie paßt mir nicht mehr und trägt sich auch nicht ab — sie wird immer größer, bis sie mir einmal das Herz abdrückt.“

Der Fremde stieß einen tiefen kläglichen Seufzer aus, erwiderte aber nichts, bis Herr Mahlhuber, der sich doch späterer Reiseerinnerungen wegen davon in Kenntniß zu setzen wünschte, mit wem er eigentlich eine Nacht in ein und demselben Zimmer geschlafen, sehr höflich sagte:

„Apropos, verehrter Herr, mit wem habe ich denn eigentlich das Vergnügen so naher Nachbarschaft?“

„Doctor Wickendorf aus Wien“, sagte der Fremde, ohne von seinen Papieren aufzusehen.

„Aus Wien — ih sehen Sie einmal an!“ rief der Commerzienrath, von einem neuen Gedanken ergriffen; „ich habe in der That schon einmal daran gedacht, nach Wien zu reisen, um — hm, das träfe sich ja wirklich ganz ausgezeichnet und könnte als ein gütiger Wink der Vorsehung gelten, die uns hier so glücklich zusammengeführt. Darf ich mir eine Frage an Sie erlauben?“

„Was wünschen Sie?“ fragte der Fremde langsam über das Licht hinwegsehend, erstaunte aber nicht wenig, als sein Schlafkamerad, der vom Sopha aufgestanden war, mit niedergebeugtem Kopfe, als wenn er ihn hätte widderartig vom Stuhle stoßen wollen, auf ihn zukam.

„Bitte, fühlen Sie einmal hierher“, sagte der Commerzienrath, als er dem Fremden so nahegekommen war, daß dieser schon von seinem Stuhle aufspringen wollte, indem er ihm den niedergedrehten Kopf hinhielt und mit seinem rechten Zeigefinger in die Nähe seines Scheitels deutete. „Thun Sie mir die Liebe und fühlen Sie einmal hierher.“

„Aber was wollen Sie nur?“

„Hierher, wenn ich bitten darf — noch ein wenig mehr rechts — so, das ist der Platz, fühlen Sie da nichts?“

„Nein.“

„Gar nichts, keine Erhöhung?“

„Nein, eher ein Loch —“, sagte Doctor Wickendorf. „Sie haben sich wol im Heraufkommen an die Treppe gestoßen?“

Der Commerzienrath stöhnte tief auf.

„An die Treppe gestoßen?“ wiederholte er seufzend, „gäbe Gott, es wäre weiter nichts als das, aber ich wollte schon lange einmal einen der berühmten wiener Aerzte consultiren, und das Schicksal scheint mir jetzt günstig zu sein. Meine Leber ist nämlich drei Zoll zu groß“, fuhr der Commerzienrath, als ihn der junge Mann unterbrechen wollte, rasch fort. „Ich leide an einer speckigen Entartung der Leber, die ich an Rippen, Zwerchfell und Magen anstoßen fühle. Das Schlimmste aber dabei, was mir mein Hausarzt nicht zugestehen will, ist eine damit in Verbindung getretene, früher operirte Balggeschwulst.“

„Herr, thun Sie mir den Gefallen und seien Sie still“, rief Doctor Wickendorf, indem er ein Gesicht schnitt, als ob er Aloe verschluckt hätte — „ich kann so etwas nicht hören, es wird mir immer gleich übel.“

„Uebel?“ rief der Commerzienrath — „ein Arzt und übelwerden — fühlen Sie nur hier — die Balggeschwulst war etwa von der Größe eines Taubeneis, leicht beweglich unter den Fingern, und —“

„Aber was geht das mich an!“ rief der junge Mann im Ekel abgewandt, „ich bin ja doch kein Arzt, daß Sie mich mit solchen höchst fatalen Dingen quälen.“

„Kein Arzt?“ rief der Commerzienrath wirklich überrascht, „sagten Sie mir denn nicht selber, daß Sie ein Doctor wären?“

„Ich bin Doctor der Philosophie, aber kein Arzt“, brummte der junge Mann ärgerlich vor sich hin.

„O da bitte ich tausend mal um Entschuldigung “, sagte der kleine Mann sehr erschreckt und glitt, während der misverstandene Doctor über seinen Scripturen weiterbrütete, in seine Sophaecke zurück.

Es wurde ihm aber unheimlich, auch vielleicht langweilig, dem stillen düstern Gesellen gegenüber so dazusitzen und nicht einmal von seiner Leber reden zu dürfen. „Doctor — kein Mensch sollte eigentlich die Erlaubniß bekommen, sich Doctor nennen zu dürfen, wenn er nicht wirklich Arzt ist, denn das muß ja zuletzt eine sträfliche Confusion geben. Und der Mensch hatte gar kein Gefühl für Anderer Leiden“, setzte er in seinen Gedanken, dabei ernstlich mit dem Kopfe schüttelnd, hinzu, „ekelt sich, wenn ihm ein Mitmensch Das erzählt, was ihn drückt — und ist noch grob dazu. Ich werde zu Bette gehen.“ Und mit einem tief aus der Brust heraufgeholten Seufzer beschloß er diesen guten Vorsatz auch augenblicklich auszuführen.

Das Bett war gut — das Deckbett ein wenig schwer und warm, das ließ sich nicht ändern; warum lag er in fremden Betten herum, da er zu Hause ein besseres hatte. Wenn er nur jetzt wenigstens einschlafen konnte, die Versäumnisse und Schrecken der letzten Nacht in etwas nachzuholen. Großer Gott, was hatte er nicht Alles in den letzten 48 Stunden erlebt? — und wo befand er sich jetzt? — Er löschte das Licht aus, daß er den unbehaglichen fremden Platz nur gar nicht länger zu sehen brauchte, und wollte sich dann mit einem höflichen „Gute Nacht!“ für seinen Stubengefährten auf die rechte Seite drehen; aber das andere Licht brannte noch, und mit einem brennenden Lichte im Zimmer war er nun einmal nicht im Stande einzuschlafen. Es ging nicht, er mochte noch so müde sein; wollte denn der Mensch die ganze Nacht durch lesen?

Der Commerzienrath warf sich eine ganze Stunde lang im Bette herum, an Einschlafen war nicht zu denken, und sein Stöhnen machte endlich den Fremden ebenfalls aufmerksam.

„Sie können nicht schlafen?“ sagte dieser, den Kopf halb nach ihm herumdrehend.

„Mein Herr Doctor — wenigstens nicht solange ein Licht im Zimmer brennt“, erwiderte der Commerzienrath, fest entschlossen, seinen neuen Quäler wenigstens wissen zu lassen, was ihn beunruhige. Doctor Wickendorf hatte die Anspielung gar nicht gehört oder nicht verstanden, denn er las ruhig weiter, und nur das erneute Stöhnen des Schlaflosen weckte ihn endlich wieder aus seinem Brüten.

„Mein lieber Herr“, sagte er, mit einem tiefen Seufzer von seinen Schriften aufsehend, indem er sich ganz nach dem Bette des Andern umdrehte, „apropos, Sie haben mir noch nicht einmal ihren Namen genannt.“

„Mahlhuber!“ stöhnte der Commerzienrath.

„Ah — mein lieber Mahlhuber, wie es scheint können Sie doch nicht einschlafen —“

„Wenigstens nicht solange das Licht brennt.“

„Da wären Sie vielleicht nicht abgeneigt“, fuhr der Doctor, ohne auf den Einwand zu hören, fort, „mir Ihre Hülfe in einer sehr schwierigen Sache angedeihen zu lassen.“

„Meine Hülfe?“ sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette emporrichtend, „mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen, hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, daß ich —“

„Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath“, sagte der Doctor, ohne auf die Einsprache weiter Rücksicht zu nehmen. „Sie sollen nicht die geringste Verantwortlichkeit dabei übernehmen, Ihr Name wird nicht einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wünschte ich, denn ich habe es schon oft gefunden, daß das Urtheil eines vollkommen unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das Rechte trifft, während wir armen Sterblichen uns umsonst abmühen, ein glückliches befriedigendes Resultat auf irgendeine künstliche Weise herbeizuführen. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen —“

„Leben und Tod?“ rief der Commerzienrath erschreckt. —

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht“, sagte der Doctor, die Hand dabei gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber begeistertem Tone fortfahrend, „der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter Frömmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Töchter verführt, sich in Geschäfte gedrängt und die Firmen ruinirt, sich an Reiche gehängt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste, und ich weiß noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen, und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem zu entziehen gewußt, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an ihm bieten konnte —“

„Das muß ja ein ausgefeimter Schurke sein“, rief der Commerzienrath, halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke zurückziehen zu können und die Unterhaltung damit für heute abgebrochen zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbürgerlicher Entrüstung über ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und Elend in der Welt säete, und nun noch dazu von der weltlichen Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfaßt und zermalmt werden konnte.

„Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen?“ sagte der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath werfend, „wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil zu fällen. Ich fürchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine furchtbare Seuche oder etwas Derartiges über den Menschen schicken müssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm beizukommen ist — das letzte Verbrechen müßte denn klar bewiesen werden und gegen ihn zeugen.“

„Aber ich sollte doch denken die Polizei müsse da im Stande sein ihn zu überführen?“ rief der Commerzienrath, „wofür ist sie denn da?“

„Sie werfen da eine schwierige Frage auf“, lächelte der Doctor, „aber Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten gehört haben.“

„Wie viel Uhr haben wir denn eigentlich?“ sagte der Commerzienrath, vergebens bemüht, in seiner dunkeln Ecke das Zifferblatt der einen Uhr zu erkennen.

„O es ist kaum 10 Uhr, wir haben noch Zeit genug zum Schlafen. Ich bitte Sie aber jetzt den einzelnen Punkten aufmerksam zu folgen, Sie werden über ein solches Gewebe von Bosheit erstaunen.“

Der Commerzienrath wollte noch eine Einwendung machen; es war 10 Uhr und die Zeit für ihn zur Ruhe, die, wenn er sie überschritt, sich am andern Tage unrettbar an ihm strafte; aber er schämte sich auch einer so furchtbaren Nothwendigkeit gegenüber, wo es sich um die Bestrafung oder Entdeckung eines wirklich gefährlichen Menschen handelte, gleichgültig zu scheinen, fühlte noch einmal nach Leber und Kopf, seufzte tief und schmerzlich auf und sagte dann endlich resignirt:

„Nun gut, Herr Doctor, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so fangen Sie in Gottes Namen an — es wird doch nicht so sehr lange dauern?“

„Kaum eine halbe Stunde“, lautete die wenigstens in dieser Hinsicht tröstliche Antwort, und der Doctor putzte sein Licht, räusperte sich, trank einen Schluck Bier aus dem neben ihm stehenden Glase, stützte den Kopf wieder in die linke Hand und begann: