Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im Glas, bis Hermann einen herein brachte.
Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden, das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an einem Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit ansehen.
»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach, siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann, kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann, komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
»Was meinen Sie?«
»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es. Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei der Inspektion getadelt wird.«
»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das Staubtuchkörbchen.«
Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt – in einem Tage lernt sich die Ordnung nicht!
Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.
»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff. Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und unfreundlich: »Geh’ hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um, schnell!«
Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her, warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu. Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich. Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts, gar nichts konnte er ihm anvertrauen!
Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich drängten und schoben.
»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben, einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu Hilfe zu kommen.
»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit frischen.
Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer am Mittagstisch saßen.
Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in der Apotheke.
»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.«
»War er wieder so ungeschickt?«
»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine Kleider – –«
»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht aufzuregen, jetzt muß ich dir’s doch sagen: einen eisernen Kloben hat er in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das Staubtuchkörbchen gehängt!«
»Das ist stark!«
»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode – –«
»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen. Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst könnte mit heimfahren.«
»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«
»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist’s am besten, man schickt ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.«
»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich gemacht hat.«
»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur gerade zu dem Beruf ist er zu ungeschickt.«
In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da, wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben, so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?«
»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden.
Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.
»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir zu leid.«
»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im Gegenteil!«
»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,« sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.
Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er, »daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.«
Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.
»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert man sich ganz, wenn man’s auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«
»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören sollte, Lehrling zu sein.
Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er auf, wieder in das Geschäft zu gehen.
»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des Apothekers.«
»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.«
»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«
»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.«
»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß – ich kann dich nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen, der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um’s kurz zu machen, kehre du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid, Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb gewonnen.«
Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich will mir alle Mühe geben.«
»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der Apotheke.«
»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte ich nicht.«
Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht so schwer, lieber Junge!«
Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte der Knecht später holen.
Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße, seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den ersten Schmerz gebracht.
Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus einem Mund riefen sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«
»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«
»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.
»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet, und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre, fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.
»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«
»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das, ich kann eben kein Apotheker werden.«
Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker, der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.
Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«
»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«
»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken mitgebracht hättest, so wär’s vielleicht doch anders gekommen, die Frau Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich nicht fort!«
In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen, was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub’ ist ganz verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker, er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.«
»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre Entgegnung.
So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht; und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast’s jetzt verwunden?« fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben wir.«
»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!«
»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt’ ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?«
»Nein, aufs Feld wollt’ ich nicht, bloß daheim bleiben.«
»Faulenzen? Oder was? Red’ deutsch, Hermann.«
»Ich weiß halt schon vorher, daß dir’s gar nicht recht sein wird, Vater, aber einmal muß ich’s ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich, mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden kann.«
»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch gehört, daß du nicht taugst dazu, hast’s ja selbst gesagt!«
»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen, mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen dürft’ mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt’ ich mich einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis Herbst, Vater, und wenn mir’s dann nicht gelingt, will ich selbst nicht mehr.«
»Also versuch’s,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.«
»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir’s nicht einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!«
»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den Heimweg ein.
»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.
Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen; denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe; als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde.
Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur Bodenkammer, alles rein.«
»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer. »Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«
Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr, Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit; sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor, der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.«
Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer. »Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.
Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein – Sandkörnchen waren es – die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder. Er war bekümmert darüber.
»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh, so kann ich’s auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach. Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.
»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt.
Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden. Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große, schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der Hand.
So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen, mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich, im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.
In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem »Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht. Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein Arzneigläschen ein. »Vater, du bist’s?« sagte er. »Ich bin ganz erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.«
»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?«
»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist’s vorbei. Ich bin ganz wach, Vater, und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so schlaftrunken wie die ersten Male.«
»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas kann ich nicht haben.«
»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,« sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag Hermann schon wieder im Bett.
Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe hinunter. »Dem ist’s ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist’s bitter ernst, der wird Apotheker.«
Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?
»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen sorglich die Mutter.
Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich liegen.
»Nun, Hermann, wie steht’s jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre vorbei. Länger kann’s bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß etwas geschieht.«
»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich mich als Lehrling antragen könnte.«
»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der Hauptstadt.«
Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag nicht recht war. »Nun, was gibt’s? Paßt dir’s wieder nicht? Du wirst nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«
Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.«
»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu dem Mann, der dich so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«
»Nein!« sagte der Vater, »zu dem gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden’s nicht erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für seinen Mann!
»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis zuletzt; in aller Liebe hat er mir’s gesagt, daß er mich nicht brauchen könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war zu ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde zutage kommt. Ihm danke ich’s, daß mir die Augen darüber aufgegangen sind, was mir fehlt, und jetzt könnt’ er mich brauchen. Und die Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab, von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter Mann, bei dem könnt’ ich etwas lernen!«
Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach, gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt ist näher als die Hauptstadt.«
Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,« sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.«
»Hermann, glaub’ mir’s,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«
»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben, zwei können sie nicht brauchen.«
»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe, der geht aber bald.«
»Du weißt’s ja sehr genau, woher denn?«
»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen müssen, wie es in der Apotheke steht.«
»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort frage ich nicht an.«
»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht, so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.«
»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!«
»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was meinst du?«
»Ich glaube, das macht’s nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.«
»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.
Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.«
»So laß ihn’s mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat seine eigene Art. Du würdest’s mit Butter und Rauchfleisch probieren, er meint’s mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll’s versuchen, gleich morgen.«
Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab es kein »zurück«.
»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn’s nun fehl schlägt, so nimm’s nicht schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?
Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher, der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend.
An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.
Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie, führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich losgelassen hat!«
»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr, während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie, »immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer sehe?«
Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen. Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen, wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte, nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie – es waren wohl viele Hunderte – über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund? Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt, denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen können!«
Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er, der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das, was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat. Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber.
»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker.
»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.«
»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer das Gefühl, sie sei gekränkt.«
Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt gehe ich heim.«
»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.
»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da draußen ist’s lustig jetzt.«
War’s draußen oder war’s drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen am ersten Oktober,« sagten sie zueinander.
Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.
»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!«
»So hätte er doch studieren sollen.«
»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«
Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann’s sein? Wer kommt?« fragte die Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief: »Der Lehrling von der Adlerapotheke!«
»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.
»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite. In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden, sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.
»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,« sagte Heinrich.
»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht, wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.
»Das müssen sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus vertreiben!«
»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die Haushaltung führen?«
»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige Schwesterchen, fünf Jahre alt.
»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«
»Zu irgend welchen Verwandten.«
»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.«
»Ich auch.«
»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch den und nicht Onkel Kuhn?«
»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.«
»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz anders, die erinnert mich so an die Mutter!«
»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«
»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei beisammen bleiben.«
»Ja,« sagte Heinrich, »und das müssen sie uns erlauben.«
Es schlug zwölf Uhr.
»So spät schon,« sagte Konrad.
»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide Brüder schliefen.
Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund, Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.
Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem. »Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine Eltern haben ja genug hinterlassen ...«
»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein Stahlhammer.
»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.«
»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.
»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was ist der Grund?«
»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung erleben.«
»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht an mich an.«
»Unsinn, darauf kommt’s nicht an; du hattest damals solch törichte Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen. Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen, und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen Junggesellen, nicht zumuten?«
Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich, »dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.«
»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei, aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu seiner Patin reisen sollte.
Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus.
Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war, verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach, und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch bei uns aufnehmen!«
Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?
Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens, wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit Kindern!«
»Wach’ auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach’ auf, wach’ auf, ich sage dir etwas.«
Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike, das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?« fragte die Kleine ganz neugierig.
»Steh’ nur geschwind auf, ich sag’ dir’s schon, Herzenskind. Aber wir müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter war, beim Waschen und Ankleiden.
»Aber jetzt sag’ mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen.
»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du sollst mit seiner Schwester abreisen.«
»Mit meiner Patin?«
»Ja.«
»Warum denn?«
»Weil die Mama gestorben ist.«
»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?«
Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig wegen der Mama.«
Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.«
»Wo ist der Konrad und der Heinrich?«
»Die schlafen noch.«
»Gehen sie denn nicht mit mir?«
Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln.
In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und deinen Hut!«
»Aber ich soll doch mit der Patin?«
»Die wird am Bahnhof auf dich warten.«
Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter.
»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.«
»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.«
»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.
Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn.
Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher geweckt?«
Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir’s gedacht, wie es euch ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte ich nichts machen.«
»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!«
»Der Kleinen ist’s vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,« begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren Schmerz gesehen hätte.«
»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur Schlachtbank.«
»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante, »mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.« Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich allmählich beruhigten.
»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad; »können wir im Haus bleiben?«
»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.«
Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt ihr Sonntags Klärchen besuchen.«
»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.«
»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und Klärchen wird das schon herausfühlen.«
»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?«
»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb bei eurer Rike.«
Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben.
Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer, unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses. »Ist’s wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht hat, das ganz bei euch bleiben soll?«
»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem leid, so früh verwaist.«
»Nun, es wird’s gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.« Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht brauchen, es muß mir wieder fort aus dem Haus.«
»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«
»Freilich ist’s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das Kind übergibt?«
»Es ist wahr, so gut hast du’s dann nimmer wie bisher, aber du wirst’s nicht ändern können.« – »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«
»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«
»Behüt’ mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil, ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht, du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese Zeit, so ist’s eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!«
Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du Heimweh hast, dann sag’ du’s nur immer mir, vor der Patin sei ganz still.«
Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche, unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«
Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen, Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er, »du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage: Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares Kind, verstehst du das?«
»Ja,« antwortete leise die Kleine.
»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«
»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas wie Liebe und Dankbarkeit.
»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«
»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.«
»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu sich genommen.«
»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der Vormund verlangt hat.«