Immer noch konnte sie es nicht fassen, saß noch immer in ihrem alten Lehnstuhl und hielt den Brief in den Händen, der ihr die letzte Hoffnung nahm und alle Freude ihres Lebens.
Zwei Jahre fast waren es nun her, daß sie von ihrem Helmi nichts mehr hörte. Er war unter die Lebendigtoten geraten, unter die Kriegsvermißten. Und just heute, am Tage, wo Friede und Freude sein oder doch einkehren sollte in aller Herzen, just heute kam auf ihr unermüdliches Nachforschen ein Brief, der ihr gewissermaßen amtlich beglaubigte, ihr Wilhelm sei schon lange nicht mehr unter den Lebenden.
»Erlöst«, hauchte sie endlich, nachdem sie in weher Mutterliebe das ganze helle Leben durchdacht und durchträumt hatte, das ihr Liebling, ihr einziges Kind, durchwandert hatte bis zu dem Tage, da auch er hinein mußte in den wilden grausamen Krieg. Und der Stunde gedachte sie, da die Nachricht kam, er sei vermißt. Die bangen, immer wiederkehrenden Fragen aber: Wo wird er jetzt sein? Wie wird es ihm ergehn? Was wird er erleiden, was erdulden müssen in der wahrscheinlichen Gefangenschaft weit hinten in der sibirischen Einöde? – alle diese marternden Fragen kamen nun zur Ruhe, kamen zur Ruhe auf so bittere Art ...
»Erlöst«, wiederholte sie, wischte sich über die Augen, stärkte ihre tränenschwere Seele mit einem Gebet und nahm sich vor, für heute zu schweigen vor dem Bräutlein des Toten, vor der lieblichen Adelheid. Erst nach den Feiertagen soll sie erfahren, was unabänderlich ist und daher ertragen werden muß ...
Dies denkend, hörte sie vom Flur des Hauses den hellen freudigen Ruf: »Mutter!« Eilige Schrittchen nahten sich der Tür. Rasch verbarg Frau Burga den verhängnisvollen Brief, glättete die ergrauten Scheitel und mühte sich, unbefangen zu erscheinen, damit Adelheid, die unverzagt Hoffende, nichts merkte.
Die war unterdessen aufgeregt ins Stübchen getreten und erfüllte es mit ihrer hellen Lebendigkeit und blonden Lieblichkeit wie mit einem Leuchten und Schimmern.
»Mutterl!« rief sie wieder und ihre Stimme lachte und weinte Freude. »Denk' dir, der Steinbauer Franzl hat einen Brief geschrieben. Geflohen ist er, im deutschen Lager ist er angekommen nach langer gefahrvoller Flucht durch Rußland. Und Helmi sei schon vor ihm entflohen, müsse schon in Deutschland sein oder droben in Schweden. Mutter! Mutter! Er lebt! Er lebt! Hab ichs nicht immer gesagt ... Ja, was hast du denn? Du freust dich ja gar nit? Du weinst ja ...«
»Schau Adi, weil das halt gar so überraschend kommen ist.«
Das blonde Mädchen warf sich ungestüm zu Füßen der alten Frau, legte ihr Köpfchen mit der schweren goldigen Haarkrone in ihren Schoß und weinte, erschüttert von Freude und Glück.
Frau Burga streichelte sanft über den widerspenstigen Haarflaum der Aufgeregten hin. Da schaute Adi zu ihr auf. In ihrem nicht auffallend schönen, aber berückend liebreizenden Gesichtlein strahlte unter Tränen ein so Glückseliges Lächeln, daß Frau Burga nicht wußte, wie ihr geschah vor Weh und vor Freud über die Treue und über das Glück des guten Kindes. Sie ist ja so selten geworden, die lautere Treue – schier etwas Verächtliches ...
»Ein neues Leben ist auferstanden«, dachte sie schmerzlich, »ein neuer eisigkalter Glaube; Throne sind gestürzt, Reiche zerfallen, Heiliges zertrümmert worden, und weit, weit im Land geht die Selbstsucht um, schier allmächtig herrscht die Habgier und frißt an den Seelen ... Ein Reich ist aufgerichtet worden des kalten Verstandes, der Gleichheit, die mir eine Gleichheit scheint des Bösen nur, da sie haßt, was nicht ist wie sie ... Und ich alte Frau bin allein in dieser kalten rücksichtslosen Welt: nach dem Vater ist nun auch der Sohn hinübergegangen ... und die da, die jetzt vor mir kniet und unter Tränen glückselig lächelnd zu mir aufschaut, die mir Trost und Halt, mir Stütze ist im Glauben an das Bessere im Menschen – die muß ich nun auch hingeben, muß ihr, der Treuen, noch zureden ...«
»Gelt, Mutterl«, sagte Adi, als hätte sie die peinigenden Gedanken der geliebten Frau erraten, »gelt, jetzt wirst du mir keine so garstigen Andeutungen mehr machen, ich soll halt doch den Krohner Sepp nehmen, weils die Mutter will, die der Reichtum blendet? Jetzt kann ichs dir ja sagen: eh ich den genommen hätt, so reich er auch ist, wär ich ledig geblieben. Ich leb ja nur in mir und nur für Helmi, hab meinen Beruf, kann mich ausgeben an die Kinder und von ihnen empfangen unendlich viel Liebe und Freude. Das hätt mein Leben schon ausgefüllt ... kämen dazu ja noch die Erinnerungen an das Schöne und Helle und Liebe ... ach, Mutter, du verstehst mich ja!«
»Ja, ich versteh dich. Du bist treu und lauter und darum eine Lehrerin und Jugendbildnerin mit goldener Seele. Eine, der die Kinder aus Liebe folgen, ohne daß sie strenge zu sein braucht mit ihnen.«
»O, das kann ich schon auch, wenn es sein muß!«
»Ja, das kannst du – wundersamerweise kannst du das, du blumenzartes Dingelchen.« Sie lächelte und war seltsam berührt von dem selbstsicheren Ernste, der wie ein Schatten über Adis sonniges Gesichtlein gekommen war.
»Heut aber, Mutter gelt, heut darf ich ...« Sie nickte der verstehenden Frau bedeutsam zu, ging zum Harmonium und öffnete es. Das Mutterherz zuckte schmerzlich zusammen; doch sie vermochte es nicht, die überströmende Glückseligkeit ihres »Kindls« zu zerstören. Es war ja eine Weihefeier für den lieben Toten. Und so lauschte sie denn tieferschüttert der feierlichen Musik, die der geschaffen hatte, den sie als Abgeschiedenen beweinte, während sie dort, die Glückselige, ihn als Wiederkehrenden begrüßte mit seines Wesens ureigenster Sprache: mit seiner Musik.
O, wie viele schöne und stolze Hoffnungen waren mit ihm dahingeschwunden! Sein Vater war ein Musikbeflissener, ein Regenschori wie selten einer, doch kein Schaffender, kein Schöpfer. In ihrem Wilhelm aber floß der göttliche Born. Seine erste Messe hatten sie in der Kirche drüben aufgeführt, ehe er in den Krieg mußte, und selbst drinnen in der Landeshauptstadt durchbrauste sie die Hallen des neuen Domes, erfüllte die Herzen der Gläubigen mit Andacht und jene der Kenner mit Freude und Zuversicht. Und jetzt durchbrausten die feierlichen Klänge des Te Deum laudamus die Stube und erschütterten das wunde Mutterherz; sie aber, die ahnungslose Braut, zerfloß in Glückseligkeit ...
Als die Musik verklungen war, herrschte eine Weile feierliche Stille in dem schon dämmerigen Raume; dann stand Adelheid auf, legte den Zeigefinger an den rosigen Kindermund und flehte mit den Augen: Kein Wort jetzt! Keinen Laut! Mit leisen Schrittlein schwebte, huschte sie hinaus, ließ die Mutter allein mit dem inneren Verklingen und Verwehen der Musik, die dem erstanden war, dessen Seele sie jetzt um sich zu fühlen glaubte.
Ueberwältigt von den glückseligsten und erhebendsten Gefühlen, war das frohmutige Kind hinweggegangen – und sie, die nichts mehr wollte auf dieser Welt als dieses Glück: sie mußte es ihr nehmen. Wie wird sie das ertragen? Wohl ist sie innerlich stark; aber sie ist so blumenzart, so ganz Liebe für den Liebsten, daß sie auch zusammenbrechen konnte, sie, die keinen Augenblick die Hoffnung auf seine Wiederkehr aufgegeben hatte.
»Furchtbar wär für mich dieser Schlag – für sie aber ... wärs für sie nicht Erlösung, Errettung vor den Schrecken der Gegenwartswelt ...«
Welch bittrer Trost! Welche Welt, in der es besser war, zu sterben, als zu leben. Sie war aufgestanden, ordnete gedankenverloren dies und das und sagte endlich zur alten Lina, ihrer Magd, sie wolle noch ein wenig hinübergehn zu ihrem Mann – auf den Friedhof. Es war ihr liebe Gewohnheit, auch jetzt noch alles ihrem Manne zu sagen, der all sein Lebtag ein großes Kind geblieben war und sich ohne seine Frau wohl nicht zurechtgefunden hätte in den Wirrnissen des Lebens.
Als sie vor die Tür ihres Häuschens trat, sank eben die Wintersonne hinunter, feierlich schön. O, dieser weite Blick hinunter ins Land, hinüber nach den Bergen! Dies Häuschen zu besitzen, hier heroben den Lebensabend zu verträumen, war ihres Mannes heißester Herzenswunsch gewesen. Eine kleine Erbschaft ermöglichte ihm die Erfüllung. Er konnte noch die Freude erleben, seinen Sohn als hoffnungsvollen Tondichter gefeiert zu sehen, und war eines Abends inmitten seiner Musik und seiner Träume und Pläne mit seinen Lieblingen, den Bienen, hinübergegangen in das Reich, wo es keine Enttäuschungen mehr, dafür aber ein Herrliches gibt, das zugleich ein Furchtbares ist für sterbliche Menschen, unerträglich ihrem Sinne: unerbittliche Gerechtigkeit, uneingeschränkte Wahrheit.
Es war schon dunkel als sie vom Friedhofe heimkam. Sie fühlte sich so müde; schwer waren ihr die Glieder, die Augen, die keine Tränen mehr hatten, fielen ihr zu, und bedrückend und doch trostvoll war in ihr das Fühlen und Denken: die Toten haben es besser als die Lebenden ...
Ehe Adelheid zum Abendessen kam, nach dem der kleine Baum angezündet werden sollte, konnte sie sich noch ein Weilchen ausruhen in ihrem lieben alten Sorgenstuhl.
Wie sie so dasaß, müde an Leib und Seele, trat der Schlummer an sie heran und brachte ihr einen wundersamen leuchtenden Traum: Christus stand dort in der Erkernische und schaute nach ihr. Seine Augen leuchteten wie zwei milde Sonnen und unbeschreiblich aus ihnen sprach die Gottesseele. Und sie verstand ihre Sprache: »Hoffe, du Gute, du Trostmutige, hoffe: dein Glück ist nahe! Was in Liebe so schön geblüht, in Treue sich so stark bewährt – es soll nicht umsonst geblüht, gehofft und gelitten, nicht umsonst vertraut haben auf Gottes Hilfe.«
An ihr vorbei schritt darauf der Herr und sein Leuchten ging mit ihm durch das dunkle Zimmer. Lautlos schritt er zur Tür hin, öffnete sie und winkte hinaus, ruhevoll wie es nur ein Gott vermag. Und einer trat herein, ein bleicher junger Mann, den sollte sie kennen – war es nicht Wilhelm, ihr Sohn? So über alle Maßen feierlich sah er aus, so erhaben fremd, daß ihr bange wurde in all der Freude stillallmählichen sichern Erkennens: er ist's! Er ist es ja!
Der Herr nimmt ihn bei der Hand, führt ihn der Mutter zu. Er läßt sich vor ihr nieder, sein Körper zuckt im heftigen Schluchzen der Wiedersehensfreude. Und sie, sie möchte sich auch freuen, will die Hand ausstrecken nach ihrem Kinde, dem endlich wiedergefundenen – wagt es aber nicht: der Herr steht ja leuchtend hinter ihm und es ist ja die Seele, nicht der Leib ihres Sohnes, was da vor ihr kniet. Wer sollte wagen, danach auszustrecken die irdische Hand? Und heiß war in ihr, übermächtig das Wünschen, das schier sündhafte: o, wär es doch sein Leib! Dürft ich ihn nochmals an mein Herz drücken und an dem seinen weinen Tränen der Freude und des Mutterglückes. O, wie durfte sie mit solchen Wünschen aufschauen zum Herrn, der ihr die Gnade erwies, im Traume zu schauen, was sterbliche Augen nie erreichen können: ihres Kindes Seele! Die schlackenlose leuchtende Seele ...
Jetzt stand das Ueberirdische ihres Kindes auf und schaute sie an – o Herr im Himmel, mit Augen, die so voll waren irdischen Glückes und menschlicher Freude, daß sie froherschrocken glaubte, er stehe vor ihr leibhaftig und nicht als seliger Geist. Der Herr aber an seiner Seite nickte ihr zu und sie las in seinem göttlichen Herzen die Worte: Freue dich, er ist es wahrhaftig und bleibt bei dir, bis ich ihn rufe. Und wieder nickte er ihr zu, gottvoll gütig, breitete segnend die Hände und schritt durch den Erker feierlich hinaus in die Sternennacht.
Der Sohn aber, der leuchtende, schritt schier ebenso feierlich zum Harmonium und alsbald klang es leise wie aus unermeßlichen Fernen, wurde lauter, wuchs an, jubelte, jauchzte, weinte, lachte, brauste wie ein Freudensturm. So gewaltig war das Brausen, schreckhaft schön und glückselig froh, daß Frau Burga aufwachte oder doch aufzuwachen meinte; denn als sie mit offenen Augen in die Stube sah, glaubte sie, den Sohn im Sternenschimmer sitzen zu sehen; nur sein Leuchten war wundersam versponnen mit dem Sternenglanz. In der brausenden Musik aber erkannte sie das Te Deum laudamus dessen, der dort saß, Gott mag wissen, als was.
Sie lauschte und lauschte und fragte sich wirr und wundergläubig: ist das noch Traum? Ist es schon Wachen? Darf ich mich rühren? Darf ich ihn anrufen? Nein ... es könnte zerfließen, das Wunder der Christnacht.
»Schweigen muß ich«, dachte sie, »stillehalten. Du aber, o Herr, komm, komm und hauche mich an, auf daß meine Seele sich löse von der irdischen Hülle und mit der meines Kindes aufsteigen kann zu Dir, dem Licht und der Seele der Welt ...«
Und ohne daß sie es wußte, wurde ihr Beten laut: »Herr, Herr, hauche mich an! Erlöse mich! Führ mich hinweg aus der Welt, vor der mir graut!«
Da brach die Musik jäh ab. Und der dort, der sie hervorgebracht hatte, erhob sich. Sie hörte das jähe Rücken des Stuhles, hörte seines Fußes festen Tritt; doch, starr befangen zwischen Wunder und Wirklichkeit, vermochte sie sich nicht zu rühren, getraute sich kaum zu atmen und hatte das Empfinden: es ist ja doch nur ein Traum, sonst müßt ich ja aufstehn und ihm um den Hals fallen ...
»Mutter ...« Hatte es da nicht leise geklungen: »Mutter?« Und wieder kam es, lauter, inniger: »Mutter! Mutter!« Und der dort im Sternenschimmer breitete die Arme – o mein Gott! Nur jetzt nicht sterben vor Glück und Freude!
Und während sie mit ihrem Fühlen zu ihm eilte, willenlahm aber sitzen blieb, tat der dort, Mensch von Fleisch und Blut oder Traumgesicht, einen Schritt, zagend einen zweiten – und plötzlich lag er zu ihren Füßen. Sie fühlte seines Hauptes Schwere, die Wärme seines Atems, das Zucken seines Leibes ...
»Mutter! Mutter! Liebe liebe Mutter!«
Da ließ sie die in wirrem Empfinden zaghaft ausgestreckte Hand auf sein Haupt niedergleiten – und er, er umschlang sie, und küßte, küßte sie warm und innig auf den zuckenden Mund. O, so küßt das Leben! Küßt die Liebe!
Und draußen im Flur rief und jubelte eine liebe helle Stimme: »Ist es denn wahr? Ist es denn wirklich wahr?«
Aufflog die Tür – und die schlichte Stube war ein Himmelreich auf Erden.
Und das kleine einsame Häuschen eine Insel der Seligen inmitten des brausenden Meeres von Habgier und Selbstsucht, selbstherrischen Begehrens und sich selbst aufzehrender Triebe, Lavaströmen gleich hervorbrechend aus viel Millionen verblendeter Menschen, die da glauben an ein Menschheitsglück ohne Liebe und ohne Ideale.