Erlangen, 5. August 1870.

Lieber Ernst!

Es läßt mir keine Ruhe, ich muß heute noch ein paar Worte an Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen Schluß auf den letzten gestattet, läßt uns dennoch die namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden würden, wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wäre!

Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, daß man im Glück der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz; diesen trägt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor Freude überwallt, dann verlangt es mit stürmischer Sehnsucht dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verständnis gefunden hatte, wo das Glück im doppelten Empfinden noch erhöht wurde. Ich weiß, daß auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverständnis gestanden war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen hat.

Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken zurückgewünscht.... Das Gefühl, daß er hoch über den Leiden und Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild vergegenwärtige; wem die letzten Atemzüge so ganz den Ausdruck der seligen Ruhe verleihen, der hinterläßt den Seinen ein trostbringendes Andenken, und ich möchte jedem sagen, tut eure Schuldigkeit so treu wie er, so kann’s uns hier und dort nicht fehlen.

Daß mich unser Schicksal auf das mächtigste bewegt, wirst Du nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas zu erfreuen, was außer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem Augenblick ist man nun in glücklicher Stimmung, aber dennoch bin ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken, der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heiße Tränen werden fließen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg erkaufen.

Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Söhne hiesiger Bürger und Professoren mit sich nahm, ein sehr trauriger, so traurig, daß ich fast kleinmütig über unsre Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natürlich, daß in einem solchen Augenblick der Mensch stärker ist als der Soldat.

Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er auf unsrer Seite sein, daß er nicht auf unsrer Seite sein wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer zu erringen sein, davon ist jeder überzeugt.

Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum, bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswärtigen Mächte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht ganz richtig), das empört mich in einem solchen Maße, daß ich vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn es uns gelänge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu bringen, denke nur daran, was das wäre! Was würde man denn da anfangen in seiner Freude, ich wüßte mir nicht zu helfen, kommt nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem großen Sieg hört. – Freust Du Dich nicht auch über die schöne Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schönste Gedicht »An den Tyrannen«; wenn Ihr’s nicht habt, so schick ich’s Euch.

Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schließt mit den Worten: »Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude hin, vielleicht muß ich die Sünde einmal büßen, tut nichts, jetzt finde ich es gar zu schön, wenn wir den großmäuligen Franzosen so wackere Schläge geben.«

Sieg auf Sieg folgte in den nächsten Monaten, das Interesse des ganzen Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrächte, und durch allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von dem man damals hoffte, daß er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben würde.

Mitten in dieser Siegesstimmung jährte sich der Todestag Braters und seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen über den Helden des Tages, durfte erfahren, daß dennoch treulich seiner gedacht wurde. In den Münchner Neuesten Nachrichten erschien ein Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende Sätze entnehmen: »Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten unsrer Söhne und Brüder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen Denkers, des beredten Kämpfers, des treuen Beraters Deutschlands, unseres Brater, dankerfüllt uns erinnern, der mitgeholfen, die herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewiß alle treuen Anhänger des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu früh entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er, der Edelsten einer, für das Vaterland den Keim gelegt, zur schönsten Entfaltung gelange.«

Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das eine Wort: »Unser Brater«, so fühlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der vorübergehend an der Süddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb ergreifende Verse, die später unter seinen Gedichten gedruckt erschienen:

Auf Karl Brater.
Dein gedenk ich heute beim Sieg der großen
deutschen Sache, der Dein charakterstrenger
hoher Freimut, Deine gedankenklare
Seele geweiht war.
Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern
Taten hinsinkt, schmückt ihn der blut’ge Lorbeer,
sein Gedächtnis feiert die Zeit und dankbar
nennt ihn die Nachwelt.
Doch es bleibt die stillere Größe jener,
die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten
tropfenweis verbluten ein reines Leben,
minder beachtet,
Ja, es bleicht anspülend die Flut bewegter
Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein
übermoost, manch geistige Tat entfällt dem
Mund der Geschichte.
Denn es hat der Lebende recht, die Menge
liebt, was glänzt, und käufliche Lippen preisen
jene nur, die willig das Lob mit vollen
Händen belohnen.
Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken
seines Volks, die Toten erstehn zu lassen
und die denkmallosen Gedankenhelden
würdig zu ehren.

Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November war es und in der nördlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel plötzlich ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, daß er auch Frau Brater ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glückliches Strahlen auf ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Bräutigam, Universitätsbibliothekar Dr. Dietr. Kerler, war ihr als ein vorzüglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres Mannes längst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren Segen geben.

Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das hat sie selbst, fünfundzwanzig Jahre später, bei Kerlers silberner Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt.

Sie schildert die bescheidenen Verhältnisse, in denen die kleine Anna zur Welt kam und fährt fort:

Wie die Mutter dies ihr Kindlein
erstmals auf den Armen trägt,
eine Frage an das Schicksal
unwillkürlich sie bewegt:
Ob wohl dieses kleine Würmlein
unbewußt jetzt auf der Erde
seinem Ziel entgegen wachse,
auch einst eine Mutter werde?
Und ob schon vielleicht ein Bürschlein
irgendwo zur Schule müsse,
daß es seinerzeit zur Jungfrau
sichern Weg zu finden wisse?
Wie die Mutter also dachte,
war’s noch frühe Morgenstunde,
Winter war’s und kalt und finster,
keine Ahnung gab ihr Kunde,
daß fürwahr ein solcher Bursche
war im Deutschen Reich vorhanden
und in dieser frühen Stunde
schon in Ulm war aufgestanden.
Dietrich hieß der stramme Junge,
riß sich los aus Schlafes Armen,
nicht dem eignen Antrieb folgend,
nein, ein Wecker ohn’ Erbarmen
geht durchs ganze Land der Schwaben
wo man nur ein Bürschlein kennt,
daß es zur Tortur sich rüste,
die man Landexamen nennt.
Denn in diesem biedern Lande
ist ein Knäblein kaum geboren,
wird’s schon in der Wochenstube
für ein Kloster auserkoren.
Und so gähnt und lernt der Junge
schon in dieser düstern Stunde,
denn auch ihm gab keine Ahnung
von dem kleinen Sternlein Kunde,
das soeben aufgegangen
und bestimmt war seinem Leben,
was es nur an Liebe wünschte
seinerzeit vollauf zu geben.
Doch zu blicken in die Ferne
Hat er weder Zeit noch Ruh’,
denn Examen und »pro locos«
gehen scheinbar endlos zu,
Griechen, Römer und Hebräer
trägt ausschließlich er im Herzen
und die deutschen Jungfrauen machen
ihm noch lange keine Schmerzen. –
Doch auch hier, wie allenthalben,
fliehn die Jahre pfeilgeschwind,
Klöster, Stift und alle Plagen
glücklich überstanden sind.
Auch das letzte der Examen
bringt er glänzend hinter sich
und ganz würdig auf der Kanzel
sieht man nun den Dieterich!
Doch wie kam’s, daß er so kurz nur
auf dem schönen Posten stand
und auf einmal ostwärts schielte
nach dem fremden Bayernland?
Scheinbar war es die Geschichte,
die ihn fortgetrieben hat,
er erfaßt sie und er wandert
ihrethalb von Stadt zu Stadt.
Schließlich kommt er in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
sonderbar dort bleibt er hangen
und wird dort ein Büchermann.
Aber wo ist denn das Mägdlein,
das damals geboren war?
Nun, es ist längst aus der Wiege,
geht zur Schule Jahr für Jahr
ist ein junger Backfisch worden,
fleißig rührig ohne Rast,
doch vor allem die Geschichte
hat mit Eifer sie erfaßt;
einstmals kam man in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch,
geht deshalb zum Büchermann.
Dieser, freundlich wie er immer,
hat das Buch ihr anvertraut,
doch viel tiefer als es nötig
in die Augen ihr geschaut!
Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts,
bald auch zog man wieder fort
und lebt nun drei volle Jahre
fern von diesem lieben Ort.
Doch es kommt die Zeit der Rückkehr
und man siedelt fest sich an
und an jene Augen denkend
schleicht ins Haus der Büchermann.
Ja nun ist es etwas andres,
sie die Jungfrau, er der Mann,
haben sich’s nun gegenseitig
mit den Blicken angetan!
Und die Frage an das Schicksal,
die die Mutter einst gestellt,
überglücklich und bejahend
ist gelöst vor aller Welt.

Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist, als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. – – Anna hat sich einen kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde; sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem teuren Geschiedenen.

Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen fast unmöglich vorwärts zu steuern, vorwärts wo das Herz mit aller Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu denken, was meinem Herzen lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr gelernt allein zu sein, ich bin’s gewöhnt mein Teuerstes für immer entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir – es ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...«

Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen, daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest, die Hochzeitsfeier.

Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht glücklich machen und kann sie nicht glücklich machen, so wird sie auch nicht glücklich sein. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber gelungen wäre, zu verhüten, daß ein schlechtes Verhältnis entstünde. Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen.

Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen.

Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer, wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an, der allen wohl tat.

Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch führte sie nicht das große Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar unsere Bewunderung erregen, uns prächtig unterhalten, aber doch das Gefühl hinterlassen, daß neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte. Sie ließ gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prächtig, die Rede auf das zu bringen was diese beschäftigte. »Sie versteht so ausgezeichnet die Kunst zuzuhören«, rühmte gelegentlich ein Freund ihres Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie antwortete auf das Gehörte liebenswürdig und treffend, nie in konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrücken die ihr direkt aus dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle Wendung gab.

Leistete sie so ihr Möglichstes in Geselligkeit, so war sie auch höchst entrüstet über Menschen, die sich nur unterhalten ließen, sich selbst aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewußt waren. Ganz empört konnte sie sein über Frauen und Mädchen, die während des Gesprächs immer auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzählten und nur mit halbem Ohr bei der Geselligkeit waren, und über Männer, die dasaßen, schwiegen und sich ganz bequem von andern unterhalten ließen. »Langweilig sein ist die größte Sünde« erklärte sie und war der Ansicht, es müsse jeder gebildete Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber gar nicht in Gesellschaft blicken lassen.

Wer Frau Brater in solcher Entrüstung reden hörte, der glaubte schließlich selbst an die Sünde der Langeweile. Man konnte nicht so leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen Wärme und Energie als ihre Überzeugung vorgebracht hatte.

Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre Freundin, Frau Professor Hecker: »... Du kannst Dir kaum vorstellen wie viele Freude ich an meinem glücklichen Paar habe und wie sich das Freundschaftsverhältnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht, mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt hat; und ich möchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun noch allein beisammen sind, ist unsere Anhänglichkeit aneinander so groß geworden, daß mir’s oft ganz bange dabei wird; sie hängt ihr Herz gar zu sehr an mich, ich muß so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...«

Während Frau Brater in solchen Worten andeutete, daß sie, die oft vor Müdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu überleben. Vor zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem schweren Winter rasch eine tödliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872, während in Erlangen die »Bergkirchweihe« gefeiert wurde und alles hinausgeströmt war, um sich zu ergötzen, kämpfte dieses Leben den letzten Kampf, und Frau Brater mußte den geliebten Bruder scheiden sehen. Wehmütig schreibt sie: »Ein treues Herz, wie es kein treueres, liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen müssen und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich muß immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns geblieben wäre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.«

Die vier so früh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch für die Ferien ein Heim offen, in dem sie mütterliche Liebe fanden, das bittere Gefühl des Verwaistseins blieb ihnen erspart.

Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er aber außerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und überdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge für die vier Unmündigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschäftliche wurde ihr übergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht mitgeteilt, wie sie für die Waisen Buch zu führen und Rechnung abzulegen habe. Als sie von diesem umständlichen Verfahren hörte, sie, der jede pedantisch-bürokratische Maßregel in der Seele zuwider war, entgegnete sie sofort in ihrer überzeugenden Art, solch umständliche Rechnung könne sie unmöglich führen, die würde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber alles weitere sei ganz unnötig. Die beiden anwesenden Beamten sollen sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache »vorläufig« beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wußte daß hier alles in Ordnung und die Mündel aufs beste versorgt wären, und daß man froh sein mußte, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der bewährten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Söhne studieren zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren, wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf dem Amte zufrieden, wenn sie zufrieden war.

Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, daß die Hausfrau selbst tüchtig mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater. Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie, obgleich diese »Zimmerherrn« nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten. Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorübergehend verreist war, gibt einen Einblick in den unruhigen Haushalt:

Liebe Agnes!

»Am Ende eines sehr, sehr stürmischen Tages setze ich mich und versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen Umständen sehr angenehm, daß man beim Schreiben sitzen kann.

Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt.

Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen, dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen, kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir, als sei’st Du schon 14 Tage weg!«

Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde.

Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,« schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich, wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei.

Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen.

Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius: »Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.« Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen, mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche. Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen.

Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen, denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl, die ganze Zeit.«

Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause kehrte.

XIII.
1875–1883

Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So gefiele mir’s auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß« (Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im Juni wurde die Verlobung gefeiert.

Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde:

... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke, daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.«

Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig zusammen gewachsen war.

Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war. Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten.

Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte, wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte.

»Liebes teures Kind!

Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir, daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist, Gottlob!

Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man’s genau wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich, wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte; gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise »das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem »Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang, nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater, der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten... Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.

Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst Du nun noch genau, nach und nach wird’s anders werden, auch habe ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!«

5. Oktober.

Liebes Kind!

»Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache, drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir bin.

Die Freude des Zusammenlebens entbehre ich freilich trotz allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist, der sie recht versteht, und welch ein unaussprechliches Glück es ist, recht verstanden zu werden, in den kleinsten Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes ist.«

November.

Liebe Agnes!

»Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen, erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten Gesichtern sah und nur Du nicht dabei warst, da wurde mir’s recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke, daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude, die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen mag und doch trennen muß; ach die liebe Gewohnheit des Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen Dingen des täglichen Lebens, ich muß sie aufgeben, Du überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die Zeit, man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und wenn einige Zeit herum ist, so sind einem diese zur Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.

Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das werdet Ihr ja auch tun.

Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der Unfrieden sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild, auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch anschlage.

Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich, diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen, Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren, immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel »Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde...

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll, um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.«

Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten konnte, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war, und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen, und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.

In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird

»Und sie kriegt zum Lohn
jedesmal, so bald sie kommt,
Einen Enkelsohn.«

So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen vollends den Treff gegeben« und ein andermal: