Mein lieber Karl!
»Welche Überraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja eine große Arbeit, da sehe ich nun schon, daß Du mich lieb hast, weil Du Dir so viele Mühe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr nützlich, denn wenn man älter wird, vergißt man gar vieles, nun habe ich wenigstens den dreißigjährigen Krieg schön übersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht weiß, darf ich nur Dein Heft aufschlagen.
Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nürnberg, zwischen diesen beiden Städten hatte Wallenstein auch einmal ein großes Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn ›die alte Feste‹, von da aus hat Wallenstein sein Lager überblickt, da darfst Du dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld, wo seine Soldaten lagerten, genugsam überblickt hast, dann steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein gemütliches Wirtshäuslein, da gibt’s gutes Bier und Kaffee u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschießen gut schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal miteinander da hinaufkommen?...«
Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begrüßen. Der Neffe Wilhelm Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit, und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu heißen, tut es mit den großen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen, daß die Augen kaum parieren wollen. »Sie wissen ja wohl,« schreibt sie, »daß Wilhelm mir näher steht, als dies gewöhnlich zwischen Tante und Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut gewählt!«
Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession, die Braut gehörte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr: »Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, daß Du Deinem Wilhelm mit großer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu schätzen weißt, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser Gemeinsamkeit, die ein so schönes Glück verbürgt. Daß diese Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide angehört, erregt in unserer Familie natürlich das gleiche Bedauern wie wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich nicht gleich erwähnen, damit Du nicht zweifeln solltest, daß wir das Bedürfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schließen, denn neben der äußern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der Hauptsache und im tiefsten Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fühlen, und unser gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So müßt Ihr nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: ›Selig sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen‹ ... dann wird es Euch gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze zu erringen.«
Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anlaß gab, sehr bald von der Oberfläche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher schreibt Frau Brater:
»Liebes Brautpaar!
Noch vor Torschluß möchte ich Euch als solches begrüßen und Euch meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen Glückwünschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im Namen Deines mir so unsäglich teueren Vaters ausspräche, lieber Wilhelm.
Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: ›wir wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne daß alles klar und rein zwischen uns ist‹, dieses möchte ich nun Euch anraten und Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, daß das Euren beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht gerne sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege.
Ich schließe, habe gar zu schlechte Augen! Also Glück auf!!«
Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat, denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben praktische Hausfrauenwinke und religiös-philosophische Gedanken, und das alles hervorgehend aus dem warmen Bedürfnisse, dem andern Liebe zu erweisen, indem man ihm vorwärts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu unscheinbar, ein gutes heimatliches Klößrezept muß der jungen Hausfrau ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religiösen Broschüre, mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen.
Während von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in Stuttgart am 12. April 96:
... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich Euch mitteilte, daß Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40–41°), infolgedessen schon am fünften Tag solche Herzschwäche, daß wir glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann ließ sich das Fieber einige Zeit herabdrücken, und das Herz durch Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Tätigkeit antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte Rippenfellentzündung hinzugetreten und wir hatten die sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwäche ....
Ihr könnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben müßten. Anna hält sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mühsam und schwer, da sie selbst sich gar nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets ein freundliches Wort für uns. Sie ist ganz klar.«
Zehn Tage später an Agnes: »Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird peinlicher mit der zunehmenden Körperschwäche, sie hat bei der Berührung und Bewegung große Schmerzen. Sie hält trotzdem an ihrer heitern Art fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: ›wenn du wieder gesund bist, dann darfst du dir einen Landaufenthalt wählen, wo du willst, und ich bringe dich hin‹, da erwiderte sie mit heiterem Lächeln: ›Vater, ich will dich nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist‹, und später sagte sie: ›Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater‹... Was für peinliche Nächte auch ich drüben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir denken.«
Die Herzschwäche wurde so groß, daß die Kranke mehr als einmal in unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verließ die Großmutter das Haus mit der bangen Sorge, daß sie am nächsten Morgen die geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen würde. Und dennoch siegte das Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, daß sie den Eindruck bekommen habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wäre dieser Krankheit erlegen. Auf der Höhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt: Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der Tat immer das Bewußtsein. Für Frau Brater, die den Willen des Menschen so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemühte, den Willen in Bewegung zu setzen, für sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel beschäftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude, als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke allmählich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun für die Geduld der Großmutter etwas zu langsam vorwärts gehen und ihrem Naturell erschien die große Vorsicht übertrieben, die Ärzte und Pflegerinnen anwandten, um ganz sicher vor einem Rückfall zu sein. Frau Brater war jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin für Schwerkranke, sowie für solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen, Schwache zu berücksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich gegen ihr pädagogisches Gefühl, das sofort eine Verwöhnung des Rekonvaleszenten fürchtete. Mit einem ungeduldigen »ach was macht ihr für Umstände« lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze. Daß ein kaltes Lüftchen der kränklichen Lunge, daß eine nicht durch das Haarsieb getriebene Speise dem Magen schaden könne, dies zu glauben war sie nicht geneigt. So wäre sie auch nie die geeignete Pflegerin für Gemütskranke oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, daß man solche Menschen wohl dazu bringen könne, sich mit eigener Willenskraft wieder aufzurütteln, und so erschien ihr in solchen Fällen eingehende Teilnahme und Pflege nur schädlich. Sie war sich dessen bewußt und sagte manchmal: »Ich bin nur froh, daß kein Gemütsleidender in unserer Familie ist, der hätte es bei mir nicht gut.« Ihre selbstlose Güte kam da in Konflikt mit dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedürfnis, die Menschen nicht durch Guttaten zu verwöhnen, sondern das Gute in ihnen zu fördern und zu stärken.
An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai saß sie, wenn auch noch zart und spitz, doch wieder in aufblühender Gesundheit an der festlichen Tafel, an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde.
Auf die fröhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nächsten Jahre die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die jüngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern, sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwägerin Julie Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren Leidenszeit die ergreifenden Worte:
»Liebe Pauline!
Da ich gerade eine erträgliche Stunde habe, drängt es mich, Dir zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen gerührt haben und wie dankbar ich für Deine treue Anteilnahme bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trübsalshitze, zum Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerkünstler und eine medizinische Rarität.... Ich bezweifle, daß eine Änderung eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen, auch jetzt eine allseitige rührende Teilnahme! Herzlichst und dankbarst grüßt Dich Dein alter Freund und Vetter
E. R.«
In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt, gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch:
Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie wurde, während sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer heftigen Lungenentzündung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter gestorben und sie zweifelte nicht, daß es bei ihr den gleichen Ausgang nehmen würde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, daß auch nicht eine Spur zurückblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel sich darüber freuten, sagte sie: »Ich habe gemeint, ich dürfte jetzt abschließen, und war so dankbar, daß es mir leicht werden sollte und nun soll ich noch einmal frisch anfangen?« Nach sechs Wochen konnte sie wieder heim reisen und ihre Lieben in Würzburg sorgten dafür, daß sie empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmählich untunlich erscheinen ließen, daß sie ferner für sich ganz allein wohnte. Und doch konnte sie sich nicht entschließen, jemand zu sich zu nehmen oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres Haushaltes, die einzige Beschäftigung, die ihre Augen gestatteten, abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: »Ich wäre so dankbar, wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterführen könnte und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft zaghaft und fürchtete, meine alte baufällige Hütte wolle sich nimmer recht stützen lassen. Die Leberbeschwerden ließen mich zu keiner Kräftigung kommen .... so vergingen mir die Tage öde und miserabel und dabei traurig im Gefühl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in Gottes Willen fehlt.«
Die Frage über ihre künftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte Lösung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt sie die Nachricht von dessen Tod. Zunächst waren ihre Gedanken ganz und ausschließlich von der Teilnahme für ihre verwitwete Tochter und deren drei Kinder erfüllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch Ausflüge in die schöne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz zu verleihen. »Eine durch und durch noble Natur« nennt sie ihn.
Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte sie doch die Verwitwete: »Denke nicht, daß die Erweisung von Treue und Liebe darin besteht, daß man sich ganz und ausschließlich der einen Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in der Dauer, in der Unwandelbarkeit, gönne Dir und Deinen Kindern auch eine fröhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemüt kann dafür empfänglich sein, auch zwischen den betrübten Stunden.« Durch ihre schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd der Tochter: »Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum Diktieren herbeilassen, obwohl es mir überall schwer fällt – wenn ich nur Dir selbst schreiben könnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat, geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, daß Du die Unvollkommenheit des Diktierens zu ergänzen weißt.«
Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, daß die Tochter mit ihren Kindern nach Würzburg ziehen und die Mutter zu sich nehmen solle. »Diese Lösung«, schreibt Frau Brater, »erscheint mir als ein großes Glück für mich, aber natürlich nur dann, wenn ich von der Überzeugung durchdrungen sein kann, Du würdest diese Wahl des Ortes auch in Rücksicht für Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren Jahre doch gezählt sind, darf man nichts bauen, da würde ich mich ja gar nicht zu sterben trauen.«
Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht entschließen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den Vorschlag, erst im Herbste zu übersiedeln. Traurig darüber schreibt Frau Brater: »Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang für mich, ich möchte Euch doch selbst noch helfen eingewöhnen, Euch mit meinen hiesigen Freunden bekannt machen, wer weiß, wie lang ich es noch vermag.« Daraufhin wurde ein früherer Termin festgesetzt und im April übersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltöchtern, wieder eine Anna und Agnes, nach Würzburg, während der Sohn als Vikar in Württemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Würzburger Haushaltung erschien.
So zog denn Frau Brater – zum letztenmal – aus. Im »Zwinger« war eine freundliche Wohnung mit dem Blick in Gärten und Anlagen gefunden worden und es war die höchste Zeit, daß die Alleinstehende Anschluß fand, denn schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal für einen Moment das Bewußtsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So erkannte sie voll Dankbarkeit an, daß sie nun geborgen und versorgt war, umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht getrennt von der Familie Kerler, an deren täglichem Verkehr sie ihre Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glücklichen Umstand, daß eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst für sich sorgen konnte, andere Hände für sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so glücklich zu fühlen, wie sie es vorher in ihrer Selbständigkeit gewesen war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere für sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr für sie brachte, schien ihr das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten Stunden wohl noch ein wenig beschäftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Küchengeschäft hereinbrachte, die Großmutter durchschaute doch, warum es geschah. Merkwürdig, aber gewiß wahr ist es, daß keine Liebe und Fürsorge, keine Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man doch als ein so bescheidenes Glück betrachten möchte: die eigene Tätigkeit im selbständigen Haushalt.
Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort’s haben, es wäre ihr als größter Undank erschienen und sie kämpfte an gegen dieses innere Unbefriedigtsein täglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fühlte, vor allem dann, wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder abends beim Lampenlicht saß und etwa ein Spiel machte und vor allem die Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr gestatteten, ein wenig selbst in die Bücher zu blicken, die sie gerade am meisten beschäftigten. Zu diesen gehörten vor allem die Schriften von Dr. Johannes Müller.
Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«. – »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit« ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse, oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen. Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen lebendigen Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach. Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt nicht liesest? ob Ihr alle so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.«
Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren, wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des vierten grünen Heftes mit dem Artikel: ›Warum ist das Leiden in der Welt‹; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner Lebensanschauung geworden.«
Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener grünen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermöglichen, so hatte sie doch wieder Gedanken geschöpft, die sie erhoben über das körperliche Elend, Gedanken, die sich in Seelenkräfte verwandelten, in Geduld und Liebe. Es kam vor, daß Frau Brater mutlos über sich selbst klagte und meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfällig das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie sich versenkt hatte in göttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete über die Ungeduld, die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Hätte sie nicht ihr ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung geübt, so wäre sie mit dieser schweren Prüfung nicht fertig geworden. Gewiß wird man jedem Menschen bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber bei dem, der dies Unkraut wuchern läßt, wird es immer störender hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankämpft, wird es nie die edeln Blüten seines Wesens verdecken oder ersticken.
Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: »... Bei mir geht es leider stets merklich abwärts ... es will mich das oft recht bedrücken, aber ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des Alters fröhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich bilde ich mir ein, es würde mir leicht werden, wenn ich nur lesen könnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flügellahm ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem Bücherschrank, da stehen die Bücher, besonders die naturwissenschaftlichen, die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...«
An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie wieder besucht hatte, eigenhändig mit zitternder Hand: »Dies Blatt soll nur ein Gruß sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein schöner Dank für Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem ungeduldigen Wesen gegenüber stets bewährst, dieses ist mein großer Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen würdest, so sage ich: schweige, denn es ist ja leider zu wahr. Wollen wir eben beide fleißig in Müller studieren und Fortschritte machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.«
... »Ich denke mit Freude daran, daß Dich das neue Jahr zu uns führen wird, Gott gebe uns ein fröhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets ein wenig abwärts, ist aber doch noch recht erträglich, um das, was etwa noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grämen, Du sagst es ja auch. Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Müllerschen Artikel ›Was ist Wahrheit‹, es hilft mir dies sehr zur Erfassung des Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir’s einmal....« »Liebe Lina! treue Korrespondentin, Dank für Deinen Brief! vielleicht sehen wir uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. – Das Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heißt: Der Deutsche und sein Vaterland von Gurlitt, sehr interessant, würde Euch alle befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand versagt den Dienst, deshalb: behüt Dich Gott!
Lies doch das Müllersche Heft Bd. 6 Heft 2 ›Der Mensch Jesus Christus‹, mir ein Glück, eine Erlösung, d. h. wahre Befriedigung. Langsam lesen, viel Zeit dazu nehmen!«
»Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele, eingetroffen, aber ... ich muß recht entschieden das Lob zurückweisen, das Du meiner ›Ergebung und Geduld‹ spendest, ich habe es ja in der Tat so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme, muß nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz mißmutig und gedrückt machen, so daß ich oft denke, es geschähe mir recht, wenn es noch viel schlimmer käme.« »Mein Leben, zwischen Bett und Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht öde und ich bin so dankbar, daß ich wenig Schmerzen habe und mein täglich Brot nicht verdienen muß. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide gemeinsam lieben...«
»Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel wieder lustig miteinander herumspringen.«
Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger fühlten sie sich zusammengehörig, je mehr das Häuflein der Jugendgenossen zusammenschmolz. Rührend war es, die den Achtzigern nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgründigen Verkehr zu beobachten. Wieder war für das Frühjahr 1905 ein Besuch geplant, da kam im Januar die Nachricht, daß die Freundin schwer an Lungenentzündung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes eigenhändiges Briefchen:
Liebe Lina!
»Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nächtliche Stunde bin ich bei Dir und Deinen Kindern und ich weiß, wie wir in Gedanken verbunden sind und zusammenhängen. Wie sehr wünsche ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie dankbar wollen wir miteinander dafür sein, schreibe Du mir bald, ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute Nachricht hoffe, und freue mich unsäglich, bis die Prüfungsstunden überstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken und guten Wünschen aus voller Seele Deine alte Pauline.
An Ernst und vor allem an Eugenie von Herzen Gruß.«
Dies war der letzte Gruß einer fast siebzigjährigen Freundschaft, denn die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am 1. Februar starb die Jugendfreundin.
»Vorausgegangen«, in diesem Worte lag der Trost für die Vereinsamte und ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafür, daß die letzte Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr alle, die überwunden hatten, denn sie fühlte sich körperlichen Schmerzen gegenüber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen für alle hoffnungslos Leidenden und für diejenigen, die aus Verzweiflung darüber ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die Möglichkeit einer Erlösung für solch gequälte Menschen. Sollte man diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lösen von ihrer Last, anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu überlassen?
Ihre Überzeugung und ihr Herzenswunsch war, daß es einmal dahin kommen würde, und sie hörte gerne der andern Ansicht darüber, wie es geschehen könnte. In der Zukunft – wenn auch noch in ferner – würde man einen gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender müßte bei Gericht den Antrag stellen dürfen, daß ein Arzt ihm die Qual abkürze. Statt des heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet, würde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen würde, wäre es kein Unrecht mehr. Sie hörte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen hätte.
Das Leiden fürchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhändiger Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus:
Liebe Luise!
»Es ist mir ein wahres Bedürfnis und wäre mir eine große Freude, wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief selbst schreiben könnte; nicht als ob ich das Gefühl hätte, unsere gemeinsame Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das nicht, im Gegenteil, ich fürchte jetzt fast mehr als früher, daß mir noch ein langes Leben beschieden sein könnte, aber ich fühle recht klar, daß es höchste Zeit ist, als Schreiberin und als Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das andere übersteigt völlig meine Fähigkeiten. Nur eines ist unverändert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde und: ›Die Liebe hört nimmer auf‹. Die Wahrheit dieses Spruches durchdringt mich so vollständig, daß sie allein schon mir eine Gewähr ist für die Unsterblichkeit.
.... Meine zunehmende Gelähmtheit, die Du an der Schrift erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst nun, liebe und getreue Alte, was für ein Krüppel ich für diese Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer zweifelloser, daß wir hier nur in einer Vorschule sind und diesen Körper als Handwerkszeug zur Schule tragen müssen, wie gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen dürfen und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben, nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit nicht so lang, wie es vielleicht außerdem der Fall wäre. Du würdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfüllt bist und ich fühle in voller Teilnahme mit Dir....«
Diesem Briefe liegt ein Blättchen bei mit dem bekannten Rückertschen Vers:
Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren, immer mehr vereinsamten Freundin.
Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:
Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam, nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte: »Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in solche, die deutlich und undeutlich reden.«
Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir’s gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte.
Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen, manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu bekümmern.
So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue weiche Rückenkissen, wollen wir’s einmal probieren?« »Ja«, sagte sie, »aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie nicht wieder geöffnet.
Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin: »Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage, aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam der letzte Atemzug.
Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig Jahre, da darf man nicht klagen, und dennoch – o Du herzliebe Mutter, wie sollten wir Dich nicht vermissen??
Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat. Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben Kräften und dann ist das Beste, dann ist der Geist unserer Mutter bei uns geblieben.