Sechstes Kapitel.
Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich.

Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter.

„Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen“, sagte Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; „ich möchte so gerne mal wieder zum Wetterstein gehen – ist euch das nicht zu weit?“

„O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg dahin ist so schön und man muß tüchtig klettern!“

Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme für den Spaziergang, und es wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles mitnehmen müsse.

„Aber für Tonichen wird es doch zu weit sein – diesmal wirst du wohl zu Hause bleiben müssen.“

Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, aber ihr Gesichtchen hellte sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte:

„Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen unterhalten; nicht wahr, mein Kind?“

„Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und willst du mit mir spielen?“ Und ihre Äuglein glänzten vor Freude.

„Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzähle oder lese dir vor – was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter besuchen.“

„Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir Großen doch mal unter uns sind!“ Und Otto, welcher dies gesagt hatte, reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer zu erscheinen wie Rudi.

Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. „Man meint wirklich, du hättest hier etwas zu befehlen“, sagte Kurt. „Wenn der Rudi nicht mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.“

Und: „Ich auch!“ „Ich auch!“ riefen Paul und Philipp, Mariechen und Anna.

„Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!“ Und triumphierend drängten sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in ernstem Ton:

„So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls mit – er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben – wenn du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.“

Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort – aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und einmal hörte Mariechen, wie er sagte: „Aber daß du schweigst, Lilly, daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!“ Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: „Ich hab' dich doch noch nie verraten!“

Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus:

„O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen – das haben wir auch früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.“

Sie stimmte an: „Salve Regina, Reinste aus allen.“ Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit:

„Hilf uns, Maria!
Maria, hilf!“

Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen.

„Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?“ bot Rudi sich an. „Das kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.“

Tante Toni lachte: „Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst dich auch nicht so anstrengen.“

„O Tante Toni, das tut mir nichts – ich bin stark, sehr stark!“

„Prahlhans!“

„Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's recht gut, daß ich stark bin!“

„Doch lange nicht so stark wie der Otto“, mischte sich nun Lilly ein, und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu.

„Oho, Lilly!“

„Ja, und deinen großen Mut haben wir ja auch neulich bewundern können, Herr Schwanenritter!“

Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er schrie: „Dich hätt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen du!“

„Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub!“

Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander geraten, wäre nicht Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: „Ich will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit gezeigt hat.“

„Hoch lebe Tante Toni, unser General!“ schrie Anna, ihren Hut schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto machte ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: „Und ich werd's ihm doch noch eintränken!“

Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: „Die Körperstärke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst; denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch nur ein armer Krüppel wäre.“

Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: „So, nun wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?“

„Ihr sollt sogar!“

„O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das, was man nur darf!“

„Ein großes Wort sprichst du gelassen aus“, deklamierte Kurt, dann fügte er hinzu: „Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen, damit es was zu lachen gibt!“

Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi meinte: „Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe lösen.“

Anna gestand in kläglichem Tone: „Es fällt mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte, dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.“

„Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein“, tröstete Tante Toni. „Übrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!“

„O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu rechnen!“ erwiderte Otto beleidigt. „Gib du nur auf den kleinen Rudi acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.“ Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den Berg hinauf.

„Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus“, klagte Lilly; „zieh mich doch nicht so fest!“

„Schweig doch still!“ flüsterte Otto ihr zu. „Du kannst ja ordentlich klettern! Ich möchte der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.“

Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mühe, mit ihrem Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen ängstlich zu: „Nicht so rasch, Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig!“

Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wäre, fester fassend, sagte er leise und aufmunternd: „Jetzt noch einen tüchtigen Anlauf, und wir sind oben.“ Er nahm aber den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig mit sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. Otto sprang schnell wieder auf und half auch Lilly in die Höhe. Er hatte nur arg zerschundene Hände und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große Beule an der Stirne, und sie blutete stark aus der Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht; aber als Otto in sie drang: „So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg' ich's ja!“ da verbiß sie ihren Schmerz, und sie versicherte der besorgten Tante Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mußte Lilly sich unter einen Baum platt auf den Rücken legen und Tante Toni drückte ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger anschwoll. Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie, so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: „Na, ein Glück, daß du diesmal die Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst hätten wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.“

„Schweig!“ herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte ganz genau, daß er im Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte, gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war eine Niederlage geworden. Statt sich nun über sich selbst und über seine Unvorsichtigkeit zu ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz besonders aber über Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben.

Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp sahen Otto gerade nicht mit zärtlichen Blicken an, während sie über diese unwillkommene Verzögerung knurrten.

„Dieser Otto muß einem doch immer jedes Vergnügen verderben“, brummte Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: „Ich glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld üben! Ich erkläre euch aber feierlich, daß meine Geduld nun zu Ende ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann – ja dann spring' ich ihm auf den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht, so ...!“ Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schüttelte und riß ihn herum, so daß er kläglich schrie: „Bist du denn toll geworden, Änne? Die Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput!“

„Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt? Da muß ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja schon! Ich grüße dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin, Kindern und Enkeln!“ Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor dem großen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges krönt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblöcke, große und kleine, und Anna begann sofort diese zu zählen.

„Warum zählst du denn die Steine?“ fragte Mariechen.

„Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren!“

Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig: „Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.“

„Aber was fällt dir ein, Philipp!“ rief Anna mit gutgespielter Entrüstung. „Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?“

Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen.

„Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen“, rief Mariechen; „auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!“

„Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!“

Tante Toni lachte: „Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!“

Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte.

Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante Toni halb lachend, halb ärgerlich: „Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!“

Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: „Ich weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder zu Hause sein werden.“

Tante Toni nickte lächelnd: „Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal, darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in einer richtigen Einöde.“

„Ja, ich kenne die Stelle“, nickte Paul.

„Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart geht doch nichts!“

„Da hast du recht!“

„Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in Italien gewesen!“

„Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrücken können, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie schön unsere Heimat ist!“

„Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und du und der Großpapa, ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!“

„Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurückkommt und die Leitung der Geschäfte übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen kann.“

„Wann wird er denn endlich zurückkommen, der Onkel Ernst?“

„Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da?“

Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nähe, frisch und kräftig, bald aus der Ferne, gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:

„Im Wald, im Wald,
Im frischen, grünen Wald – wo's Echo hallt.“

Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um der lieben Tante diese kleine Überraschung zu bereiten.

„Das habt ihr brav gemacht, Kinder!“ rief Tante Toni am Schluß sichtlich erfreut. „Ihr wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen Lieder im lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen höre! Kennt ihr das Lied: ‚Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?‘“

„O gewiß, das kennen wir alle!“ Und diesmal stimmten auch die Knaben mit ein. Paul, der eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang die zweite Stimme. Tante Toni saß ganz still und freute sich, wie der helle Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte.

„Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch zu“, behauptete sie, als das Lied zu Ende war.

„Nun mußt du aber auch singen, Tante“, baten die Kinder, und es erklang noch gar manch lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, bis auf einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte – von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendläuten.

Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte Glockenton verhallt war.

Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: „Aber, Kinder, wir vergessen ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch vor Dunkelwerden heimkommen!“

„O wie schade, es war so wunderschön hier!“ bedauerten die Kinder, sich zum Aufbruch richtend.

„Aber wo ist denn Otto?“ fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen Seiten umsehend. Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen sehen. Aber Mariechen behauptete, er könne noch nicht lange fort sein, denn vor wenigen Minuten hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.

„Otto, Otto!“ riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine Antwort.

„Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!“ Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken. „Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit“, empfahl sie besorgt.

„Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen“, schlug Anna vor; aber sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: „Sorge dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.“

„Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht steile und gefährliche Stellen hier am Berg.“

„Dann hätten wir ihn doch schreien hören.“

„Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.“

Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder, aber von Otto keine Antwort.

Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen Sonnenuntergang – alle standen da und warteten und lauschten. Endlich kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte. Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal raffte sie sich auf. „Kinder, kommt, wir wollen beten!“ sagte sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen: „Unter deinen Schutz und Schirm ...“, und die Kinder stimmten mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.

Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen bestimmten Punkt – eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung ihres Blickes, und – fast hätte sie laut aufgeschrien. – Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen den klaren Abendhimmel ab – jetzt verschwand es wieder. – Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert – gut klettern, das konnte er ja – und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht geregnet.

Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.

Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken:

„Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren – wir müssen heim.“

Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni – sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: „Und Otto?“

Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: „Wir warten nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren – höchstens eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorwärts!“

Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so leicht – wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem Lachen:

„Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit war!“

Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:

„Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt mehr von mir.“

Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße.

„O wie schön!“ rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht.

„Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg“, meinte der praktische Philipp, während Mariechen ausrief:

„Das ist feenhaft schön!“

Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief: „Miezchen, gerate nur nicht in Verzückung, sonst steckst du mich an, und dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle –, dann bleibe ich einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.“

„Ei, um das zu sehen, muß man doch ein Sonntagskind sein!“

„Aber, Tante Toni, das bin ich doch – ich meine, das müßtest du mir doch ansehen!“ Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte.

Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich wieder ernst werdend, legte sie die Hand auf Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare aus der Stirne streichend sagte sie leise: „Ich glaube dir's, Kind; ja, du mußt wirklich ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott dir deinen frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! – Aber nun müssen wir weiter; eure Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser langes Ausbleiben.“

„Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?“ schlugen die Zwillinge vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen.

„Nein, nein, wir bleiben schön beisammen“, wehrte sie ab. „Aber tüchtig ausschreiten, das wollen wir!“

Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum andern.

Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu:

„Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder andere Gesichter machen; das war doch zu dumm!“ Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu: „Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien – ich mußte mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen!“

Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter ein; sie schüttelte den Kopf und sagte nachdenklich: „Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß Tante Toni wirklich in Angst um dich war, da hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich hätte dir nicht folgen dürfen....“

„Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrät das andere, und es wäre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt hättest. Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich weiß, wo ich gesteckt habe.“

„Das glaube ich ganz gewiß.“

„Woher aber? Außer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein – es war ja früher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war.“

„Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.“

„Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu ängstigen brauchen.“

„Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar nicht gewußt, daß man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja früher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er voriges Jahr bemerkte, daß das Wasser jetzt ablaufen kann.“

„Ja, das ist wahr. Aber schau mal! – Ich glaube gar, da kommt Papa mit Onkel Helmer! O weh, das ist dumm!“

Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen entgegengegangen waren.

„Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!“ riefen sie ihnen entgegen. „Die beiden Mütter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!“

Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend anblickend:

„Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?“

Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: „Ich glaube, es ist am besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.“

Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf seinen Sohn, aber Otto faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich fortziehend sagte er: „Komm nur, Papa, ich erzähle dir alles; du wirst sehen, es ist gar nicht schlimm.“

Und er erzählte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den großen grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein Verschwinden bemerkt hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, daß er gar nicht geahnt hätte, wie spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend zugehört. Am Schluß sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er sagte:

„Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich erschrocken über das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie muß sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewiß viel zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte mir ehrlich: ‚Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich wirklich ängstigte?‘“

Otto sagte leise und zögernd: „Ja – Papa.“

„Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben?“

Otto senkte den Kopf und schwieg.

„Noch lange?“ fragte der Vater.

„O, nicht so sehr“, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken:

„Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?“

Otto schüttelte den Kopf.

„Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.“

„O Papa!“

„Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen – mein Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das tun?“

Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her, mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern nicht verklagen, das wußte er.

Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb abgewandtem Gesicht: „Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht mehr betrüben.“

Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie betrübt: „Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir trotzdem – du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber Otto.“

An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: „Ach, hätt' ich doch noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte – der könnt' ich's wohl sagen!“

Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hörte, drehte er sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer trat und sich über seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen Augen und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er schliefe.


Siebtes Kapitel.
Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut?

Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer Erkältung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und fragte: „Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine Freundin? Warst du recht vergnügt mit Mama und mit den Kleinen?“

„O ja“, nickte Tonichen; „Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz schwarzes Püppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, und denke dir, Tante – ach, das war zu drollig ...!“ Und nun fing Toni an, so zu lachen, daß sie gar nicht mehr weitererzählen konnte.

„Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen kann“, meinte Tante Toni.

„Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula – so heißt sein schwarzes Püppchen – gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr, und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von Minnichen ins Bett gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der Bubi auf einmal geschrien: ‚Minnichen, tomm deswind sehn, dei Püppchen is weck – der Bambula hat's aufdefressen!‘ Und 's weiße Püppchen war wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat der Bubi gesagt: ‚Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is widder da, Bambula hat's widder rausdebrockelt.‘ Und richtig, Tante, das Püppchen lag auf einmal wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal sehen sollen, wie Minnichen ihr Püppchen genommen und geherzt und geküßt hat und wie sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter gemacht hat – aber nur von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.“

Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen Hustenanfall unterbrochen.

„O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte dich nicht so erzählen lassen sollen – du sollst wohl gar nicht viel sprechen?“

„Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten gehabt! Du mußt dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; da mußt du wirklich ganz schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer – aber dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?“

„Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.“

Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß Minnichen mit tiefbetrübter Miene neben ihrem Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große Brille – ohne Gläser – auf seinem Näschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem Arm. Er räusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen konnte:

„Wir werden das kranke Kind impfen müssen; es gibt kein anderes Mittel, um's wieder gesund zu machen – aber erst muß es Medizin nehmen.“

Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und ein Puppenlöffelchen unterhaltend, zählte er langsam und bedächtig: „Eins – zwei – drei – mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn die Medizin ist Gift.“

Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte, drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er sehr ernsthaft: „Ach, guten Tag, Fräulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich Ihren Puls fühlen?“

Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte:

„Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut; aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken von gestern?“

„Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!“ Dabei machte Leo die größten Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine große Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte große Mühe, das Lachen zu verbeißen. Leo aber ließ sich nicht irremachen; er stellte seine Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rückte seine Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum Puppenbettchen ziehend sagte es: „Arm Poppelsen, wehweh hat.“

Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam wieder die Oberhand, und er sagte eifrig:

„Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat dein Püppchen krank gemacht?“

„Böser Bambula“, sagte die Kleine, ein Schnütchen machend.

„Hörst du, Tante, wie gut sie schon ‚Bambula‘ sagen kann? Sie hat es doch gestern zum erstenmal gehört, und es ist auch gar kein leichtes Wort.“

Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in Eifer, und sie erzählte: „Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt – so ...“ Und die Kleine sperrte ihr Mündchen auf, so weit sie nur konnte, und auf Tante Toni sich stürzend, machte sie „Happ, happ!“ als wollte sie diese verschlingen. Dann erzählte sie weiter, ihre Worte mit sehr ausdrucksvollen Gebärden begleitend: „Und Minnisen hat weint, so: ‚Hiehiehie!‘ Dann hat Bambula bockelt, so: ‚Bröh – bröhx‘, und da war Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ...“ Und Minnichen riß die Äugelchen weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und drohte mit dem Fingerchen.

„Huh“, machte Tante Toni zurückfahrend, „da war der Bambula aber sicher sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat?“

„Ja“, antwortete Leo für sein Schwesterchen, „wir haben ihm gesagt, er dürfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach nausgeschmissen!“

„Nausmissen“, bekräftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken.

Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres Patenkindes zu.

„Tante, ich muß dir etwas sagen“, flüsterte klein Toni ernsthaft, ein wenig zögernd.

„Was denn, mein Liebling?“

„Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse gewesen.“

„O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewiß auch?“

„Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, daß ich so zornig war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bös, sehr bös auf Otto!“

„Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?“

„Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und daß der Otto nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewünscht, der liebe Gott möchte ihn selbst recht tüchtig strafen.“

„O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten für ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher Wunsch; einen solchen darf meine kleine Freundin nie mehr haben!“

„Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, der Otto, und du bist so lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen Buben!“

„Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst!“

„O Tante, ich will dich nicht kränken, und es ist ja, weil ich dich so sehr lieb hab' ...“ Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen um den Hals der Tante.

„Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es ja“, suchte die Tante das weinende Kind zu beruhigen. „Und weil du die Tante Toni so lieb hast und ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim Abendgebet ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto beten. Willst du?“

Tonichen nickte unter Tränen lächelnd.

„Und nun liege recht still und ruhig, sonst mußt du wieder so stark husten. Ich erzähle dir auch. Was möchtest du gerne hören?“

„O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte.“

Und Tante Toni erzählte, während klein Toni begierig lauschte.

„O wie schön!“ seufzte sie am Schluß der Erzählung. „Ich möchte auch sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen Kommunion.“

Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: „Jetzt bin ich so froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange hier!“

„Ja, recht lange“, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mühe, ihren Husten zurückzuhalten.

Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als auf einmal Paul hereinkam und rief: „Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstört aus, aber er will mir nicht sagen, was er hat.“

Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da stürzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: „Tante, Tante, hilf mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll!“

„Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas zugestoßen? So sprich doch!“

Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und stieß er einige Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber nur verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, und er, Otto, sei schuld daran.

„Das kann ja gar nicht sein!“ rief die Tante aus. „Komm, nun setz' dich her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du mir ganz genau, was vorgefallen ist.“

Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte, und er schluchzte noch häufig auf, während er erzählte: „Ich saß vorhin an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.“

„Ja, gewiß – es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor sich hatte.“

Otto nickte und fuhr fort: „Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa möge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er käme sofort zurück, er hätte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig, ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurühren. Dann ging Papa hinaus, und er ließ die Türe offenstehen.“ Nun fing Otto wieder an zu weinen.

„Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, Otto?“

„Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann so lange ausblieb, da mußte ich immer wieder nach den Papieren hinsehen, und ich hätte doch so gerne gewußt, was es für Papiere wären, und – da nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht getan! – Im selben Augenblick hörte ich im Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und ich muß wohl in der Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich riß das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum Fenster hinaus. Ich stürzte sofort hinunter, um sie wieder zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden. Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurückgekommen, und er hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen. Ach, Tante, ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich möchte, er hätte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut – o Tante, ich kann dir nicht sagen, wie! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste – das, welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch gesetzt und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben, ohne sich zu rühren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn gebeten habe, er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: ‚Ich hab' dir schon verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben – an ihm hing meine Ehre.‘ Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!“

„Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!“ Die Tante nahm sich kaum die Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später in das Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest umschlingend, sagte: „Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich muß es finden“, da schüttelte er den Kopf und sagte: „Such' nur, aber es wird umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.“

Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Tränen aus. „O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!“ jammerte er und wollte sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe und Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf Lilly, die ganz blaß und verstört aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ängstlich an, und sich an die Tante hindrängend fragte sie leise: „Hat Otto etwas sehr Schlimmes getan?“ Die Tante antwortete eilig: „Er war sehr ungehorsam, aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewiß alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders Schutzengel.“ Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer gegangen war.

Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend. Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: „Tante, weißt du noch, gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr aushalten!“

Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit sanftem Vorwurf sagte: „Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das einzige, was uns helfen und erleichtern kann.“

„Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich, wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht, nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!“

„Ja, Otto – ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen – komm, laß uns beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!“

„Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt, wie es war – und jetzt! Ich möcht' es ihm ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch – ich kann doch nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir doch, was ich tun soll!“

Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: „Ich hätte deinem Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester Trost in allem Leide sein.“

„Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?“

„Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals verschieben.“

„Dann komm, Tante, geh' mit mir.“

„Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und bete unterdessen.“

Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte.

„Vater!“ sagte dieser leise bittend.

Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber gütig: „Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?“

Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld, so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte stillschweigend zu – manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte der Vater ihn ermunternd an und sagte: „Sprich nur weiter; habe Mut und sage alles.“

Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie legend fügte er hinzu: „Vater, lieber Vater, du sollst sehen, ich werde nun anders werden – ich verspreche es dir und dem lieben Gott. O könnt' ich doch nur – könnt' ich alles wieder gutmachen! O mein lieber, guter Vater!“

Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. „Ich danke dir, Kind, für dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe – aber dein Mut und deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' zur Ruhe, mein liebes Kind – lege dich schlafen.“

„O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!“

„Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem erleichterten Gewissen – und besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn – Gott segne dich!“ Und der Vater küßte den Sohn auf die Stirne.

Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und mit Vertrauen.

Nach dem Gebete sagte Tante Toni:

„Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben Gott überlassen.“

„O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?“

„Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir sehen.“

Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das schreckliche Papier. „Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier ist, von dem so viel abhängen kann!“ Wie hatte der Vater gesagt? „Mehr als mein Leben – meine Ehre!“ Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst – das Gefängnis! – Sein lieber, edler Vater unschuldig im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! – Nein, das war gar nicht auszudenken – das konnte er nicht ertragen. „Ach, hätt' ich doch gefolgt“, stöhnte er, „hätt' ich doch den Stein und die Papiere nicht angerührt – so wäre das alles nicht passiert!“ Und Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: „Ach, lieber Gott, hilf doch! Ich bitte dich, hilf – ich will ja auch ein ganz anderer Bub werden, ich versprech' es dir – o hilf uns doch, lieber, allmächtiger Gott!“

Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken – ob er nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! – Tante Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last, die ihm auf dem Herzen liegt – er kann's nicht mehr ertragen – er richtet sich auf in seinem Bett – ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch!

Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht – aber Tante Toni kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing sich an ihren Hals und rief schluchzend:

„O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich ins – ins Gefängnis kommen!“

Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er es aussprach.

„Nein, nein“, beschwichtigte ihn Tante Toni, „davon ist keine Rede.“

„Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?“ Otto jubelte beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf.

„Du bist noch zu jung, Otto“, sagte sie; „ich kann dir die Sache nicht genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor, das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu haben – und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage bereitet – und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.“

Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.

„Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?“

Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: „Der Papa ist nicht – an mein Bett gekommen – um mir ‚Gute Nacht‘ zu sagen – und es hat niemand mit mir gebetet – und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben geweint hat – und ich war ganz allein – und ich bin so traurig – und ...“ Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus.

Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war, fragte sie: „Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?“

Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das Köpfchen: „Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch nicht schlafen.“

Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: „Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht ‚Gute Nacht‘ gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater so lieb.“

Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein über sein Gesicht – aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh, und er sagte:

„Arme kleine Lilly, arme Kinderchen – es ist ja für sie, daß ich meinen Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.“

Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich.

„Sei nicht traurig, Papa – ich hab' dich ja so lieb, so lieb! – Ich will auch ein recht braves Kind werden – ich hab' es der Tante Toni schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb....“

„Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mußt du schlafen. Gute Nacht, mein Töchterchen!“

„Gute Nacht, lieber Papa – lieber – guter – Papa!“ Und leise, leise fielen Lillys müdgeweinte Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal auf, wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und fest ein.

Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine Schwester waren noch auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. Herr Mehring saß am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni saß etwas abseits, sie hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie lauschte dem Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als Herr Mehring von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: „Wenn ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir hätte – dann könnte ich vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen – aber bis morgen ist es unmöglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen entgegen. Ich war meiner Sache so sicher – und nun ...“ Der schwergeprüfte Mann ließ den Kopf auf die Brust sinken.

Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren sonst so tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. „Verzage doch nicht, Robert“, sagte sie, „der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.“

Herr Mehring lächelte wehmütig.

„Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder für mich tun.“

„Und warum nicht, du Kleingläubiger?“ rief Tante Toni eifrig aus. „Was ist denn ein Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott kann auch helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige Menschenkinder, wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz auf ihn zu vertrauen!“

„Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden, und ist es sein Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt und in den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's tragen helfen.“

Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Draußen aber war der Wind zum Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte und beugte die Bäume und peitschte den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte.

„Welch ein Wetter!“ sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders heftiger Windstoß einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von seinem Stuhl auf. Laut und schrill tönte es durchs Haus – die Türglocke.

„Was mag das sein? Wer mag so spät noch kommen?“

„Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen“, sagte Herr Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter.

„Wer ist da?“ fragte dieser, ehe er die Haustüre öffnete.

„Ich bin's, Herr, ich, der Christian“, tönte es von draußen.

„Wie, Christian, Sie kommen noch so spät und bei diesem Wetter?“ rief Herr Mehring, die Tür öffnend. „Was gibt es denn?“

„Huh, ja, das is e Wetter!“ sagte Christian eintretend und sich die Füße abputzend, während ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. „Und ich muß recht um Entschuldigung bitten, daß ich Ihne noch so spät stör, Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen, sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie müßte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend heimkomme is, noch heut zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring, was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt!“