Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, während dieser sprach, das Papier aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da hatte er einen Schrei ausgestoßen und war zurückgetaumelt.
„Was ist dir, Robert, was ist?“ rief Tante Toni erschrocken aus. Herr Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend, sagte er mit von Tränen erstickter Stimme: „O Toni, der liebe Gott hat geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen – es ist das Schriftstück!“
„Gott sei Dank, Gott sei Dank!“ rief Tante Toni lachend und weinend zugleich. „Siehst du, ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht im Stich lassen würde!“
„Die alt Babett hat am End doch recht gehabt“, dachte der Christian, und er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:
„Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem Papier kommt!“
„Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, und sie hat in ihrm Schrecke laut geschriee – da is obe e Fenster aufgerisse worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht achtgebe, denn es wärn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, und die sin noch recht kräftig für so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie wann se die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab und gesagt, des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege so eme lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf störe sollt, da hat se immer wieder gesagt, des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär ganz blaß gewese, wie er runtergelaufe wär, und des Papier müßt diesen Abend noch zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tät sie halt selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Fräule Toniche.“
Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm so herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen Dienst er ihm durch Überbringung des Schriftstückes geleistet hatte.
„Na, da freu' ich mich aber!“ rief er beim Abschiednehmen, „und morge, da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie für e lieber, wilder Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei Ihne Ihre Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine übergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete gesprunge sin!“ Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: „Ja, ja, wenn mer halt noch emal jung sein könnt!“
Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante Toni, die schon an seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt und rieb sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen können nach dem, was gestern passiert war?
„O Tante!“ rief er aus, „Tante, es ist ja heute – heute ...!“
Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter Stimme: „Otto, knie dich gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.“
„Das Papier, Tante, das Papier – ist gefunden?“
Die Tante nickte. „Erst beten, Otto, dann erzähl' ich dir.“
Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.
„Die gute Babett!“ rief er am Schluß der Erzählung aus. „Heute noch gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung bitten wegen neulich – du weißt ja, Tante –, und die Lilly nehmen wir auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht Babett das Papier hätte verlieren oder als wertlos zerreißen können; oder wenn sie es gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all ihren andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen!“
„Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; aber der liebe Gott hat unser Gebet erhört, und er hat es nicht zugelassen.“
„Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen müßte! Ich werde doch nicht achtgeben können, ich muß ja doch immer an Papa denken. Nicht wahr, jetzt muß es doch gut für ihn ausgehen?“
„Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mußt dir alle Mühe geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mußt sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du gestern gefaßt hast, auszuführen; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird nichts daraus.“
Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß ihn nie mehr in seinem Leben. Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen. Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwägern und einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre Teilnahme zu bezeigen.
„Unser Mehring soll leben – hoch, hoch, hoch!“ so riefen alle Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich überhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern die Hand geschüttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt, die ihn über den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schluß beigewohnt, und er ließ sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein großes Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig gegangen, wie die Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie für verdutzte und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück verlesen wurde, von dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf.
Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter klopfte und ausrief: „Bub, Männer wie dein Vater sind ein Segen fürs Volk und fürs Vaterland; sieh zu, daß du ihm nacheiferst!“ da streckte Otto diesem die Hand hin und sagte: „Das will ich – hier meine Hand drauf!“
Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:
„Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, welches du mir gestern in der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem Vorsatz?“
Otto sah seinem Vater freimütig in die Augen:
„Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, was mir möglich ist, um dir Freude zu machen.“
„Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe dir; denn es ist nicht so leicht, wie du dir's jetzt denkst. Die Erinnerung an die eben überstandene schwere Prüfung wird sich mit der Zeit abschwächen, du wirst schwache Stunden haben und vielleicht manchmal in die alten Fehler zurückfallen. Laß dich dadurch nur ja nicht entmutigen, sondern bleibe beharrlich; es wird, es muß gehen mit Gottes Hilfe.“
Otto bemühte sich redlich, sein Versprechen zu halten. Er nahm es nun auch sehr ernst mit der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion, und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern über diese Umwandlung ihres Bruders.
„Du bist ja auf einmal ganz anders geworden wie früher“, sagte sie, ihn mit großen, verwunderten Augen ansehend. „Du bist gar nicht mehr grob, du neckst und ärgerst mich nicht mehr, und du hast dem Rudi sogar deinen Drachen geschenkt.“
Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: „Muß ich auch so brav werden nächstes Jahr, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe?“
„Natürlich, Lilly, noch viel bräver, und deshalb tätest du gut daran, wenn du jetzt gleich anfingest etwas bräver zu werden. Du solltest dir zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu lügen.“
„O, ich lüge ja gar nicht!“
„So? Ist das vielleicht nicht lügen, wenn man eine Wasserflasche zerbricht und hernach behauptet, man hätte sie gar nicht angerührt, und wenn man über ein Gitter klettert und sich dabei das Kleid zerreißt und man sagt, die andern Kinder hätten beim Spielen so gezerrt, daß das Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so abscheulich, wenn man lügt!“
„O du, als ob du nie gelogen hättest!“ Und Lilly machte ein finsteres, trotziges Gesicht.
Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich, und er sagte einfach: „Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und ich werde es nie, nie mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen? Dann versprich mir, daß du von nun an nie mehr lügst.“
„O du, versprechen! – Das muß ich mir erst noch überlegen. Ich bin ja auch noch kleiner und jünger wie du!“ Damit sprang Lilly davon. Sie fand es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben, der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr nicht.
Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. „Sie versteht es noch nicht“, tröstete er sich; „sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches durchgemacht wie ich!“
Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in den lieben, alten Spessart hinaufwandern – sie saß an klein Tonis Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen, und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger und erwartungsvoller.
„Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzählt?“ fragte die Kleine jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht müde werden zuzuhören, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzählte, der die Menschen so lieb hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu können. Am liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, daß die Apostel die Kinder fortschickten, und der ausrief: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“
„Ach, Tante, wär' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen – vielleicht hätte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und hätte mich gesegnet!“ Und klein Tonis Augen erglänzten, als sie sich so lebhaft vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf des Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen an seine Brust zu lehnen.
Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen liegen zu müssen. Der Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber sie klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang.
Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer früheren Zornanfälle – das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: „Du hast's gut, du kannst hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, während wir andern in die Schule müssen.“
Tonichen hatte darauf erklärt: „Es ist viel schöner und lustiger, gesund zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein.“
Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht gemacht und lachend geantwortet: „Geh doch, Toni, mir machst du so leicht nichts vor! Wenn du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher schon längst gesund – du stellst dich ein bißchen an.“
Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut – sie konnte es ja gar nicht begreifen, daß man so etwas von ihr denken konnte –, dann war sie sehr böse geworden, und sie hatte geschrien:
„Nein, ich stelle mich nicht an – ich lüg' doch nicht!“ Und dann mußte sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die ja doch im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestürzt sagte: „Komm, Tonichen, sei nicht mehr bös auf mich – ich glaub' dir's ja, daß du dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr.“
Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder versöhnt, aber am Abend dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen – sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetränen, weil sie sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante Toni ihr „Gute Nacht“ sagen kam, klagte sie: „Ich kann gar nicht mehr so gut an den lieben Heiland denken – ich meine immer, er wäre nun unzufrieden mit mir und er würde mich jetzt nicht auf seinem Schoß haben wollen, wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wäre.“
„O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl gekränkt durch deinen Zorn – aber das hat er dir schon wieder verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich geliebt damals, wie er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und dir so viel Mühe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.“
Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still und getröstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am andern Tag ein quälendes Stechen in der Brust und in der Seite einstellte. Ihr armes Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es kaum mehr vom Kissen erheben konnte.
„Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten“, sagte der Hausarzt, und er brachte noch einen zweiten Doktor mit – aber der hieß alles gut, was der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrübten Eltern:
„Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch noch Hoffnung.“
Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin bittend an:
„Was wünschest du, Liebling?“ fragte diese, sich über ihr Bettchen neigend.
Mit leiser, schwacher Stimme flüsterte das Kind: „Tante, denkst du noch an dein Versprechen?“
Die Tante nickte.
„Geh zum Herrn Pfarrer – bitte, Tante – ich möchte beichten – und er soll mir den lieben Heiland bringen.“
Tante Toni zögerte einen Augenblick, aber klein Tonis Augen baten so flehend, sie konnte nicht widerstehen – sie begab sich sofort ins Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn Pfarrer, und dieser versprach ihr, die kleine Kranke gegen Abend zu besuchen.
Es war wohl die Freude, die verursachte, daß Tonichen sich am Abend viel leichter und besser fühlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr Pfarrer an ihr Bettchen trat.
„So, so“, sagte dieser freundlich, „das ist also die Kleine, die kommunizieren möchte. Wie alt bist du denn, mein Kind?“
„Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe also das Alter der Vernunft.“
Der Pfarrer lächelte: „So, meinst du? Nun sag' mir doch einmal, warum du schon so früh zur heiligen Kommunion gehen möchtest!“
Toni faltete ihre Händchen über der Brust und sagte in innigem Ton: „Weil ich mich so sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen. Ich habe mir ja sogar gewünscht, recht bald zu sterben, damit ich nicht noch drei Jahre auf ihn zu warten brauche.“
„Du weißt und glaubst also, daß man in der heiligen Kommunion den lieben Heiland selbst empfängt?“
„Aber natürlich!“ sagte klein Toni, ganz erstaunt, daß der Herr Pfarrer überhaupt so etwas fragen konnte.
„Kannst du denn den lieben Heiland sehen?“
„Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber ich weiß, daß es doch der wirkliche liebe Heiland ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie er früher auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen.“
Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an Toni, welche dieselben alle richtig und verständig beantwortete. Dann hörte er ihre Beichte an, und als er fortging, da hatte er Tränen in den Augen.
„Morgen früh bringt er mir den lieben Heiland“, flüsterte Toni selig lächelnd vor sich hin, und sie lag die ganze Zeit wie in stiller, glückseliger Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie zu, wie Mutter und Tante Toni einen kleinen Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas später, als Vater und Mutter an ihrem Bett saßen, sagte sie: „Nicht wahr, der liebe Gott hat mir ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht mir auch, Papa und Mama und Tante Toni und alle Geschwister, daß ich oft so ungehorsam und so zornig war? – Es tut mir ja so leid, und ich hab' euch alle so lieb!“
Die Eltern konnten ihre Tränen kaum zurückhalten.
Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief so sanft und so ruhig, wie sie lange nicht mehr geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fühlte auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen und fragte, ob es nun bald hell würde.
„Ich freue mich so“, flüsterte sie, und als es endlich hell geworden war, begannen die Mutter und Tante Toni die kleine Kranke für die heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und behutsam zogen sie ihr ein feines, gesticktes Nachtkleidchen an; auch ein kleines Myrtenkränzchen bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. Die Mutter gab ihr einen schönen weißen Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem Töchterchen, bis unten im Hause ein Glöckchen ertönte. Nun zündete Tante Toni die Kerzen an und öffnete weit die Türe. Der Herr Pfarrer trat herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern und den Dienstboten, und alle knieten nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie erhob.
Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der Priester ihr das hochwürdigste Gut reichte, und ihre Wangen röteten sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Händchen, ihr Gesichtchen war wieder ganz blaß geworden, und ihre Augen waren geschlossen, so daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete, diese leise fragte: „Ist die Toni jetzt schon ein Engel?“ Statt aller Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus.
Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich, während der Vater und die übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.
Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurück, und als Frau Wulff sich etwas später über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: „Wie fühlst du dich, mein Kind?“ da antwortete klein Toni lächelnd: „Wohl, o so wohl!“ und als sie dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da hatten diese einen Ausdruck, als ob sie schon über alles Irdische hinaus in eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie die Händchen auf die Brust gepreßt, als wollte sie den lieben Heiland da drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. –
Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr aus der Schule kamen, da fanden sie alle Fensterläden geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, so daß sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der schien auf sie gewartet zu haben.
„Hast du die Türe aufgemacht?“ fragte Kurt in strengem Ton. „Du weißt doch, daß dir das verboten ist, und ...“
Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: „Pst! Jetzt ist unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden.“
„Wie, ist sie tot?“ riefen die drei Kinder bestürzt aus.
„Ja, ganz tot gestorben“, bestätigte Leo und nickte mit dem Kopf. „Aber sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schläft ganz fest.“
Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm Leo mit sich, während Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fußspitzen auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Türe erschien und ihnen winkte.
„Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!“ flüsterte Anna, auf ihr Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen dalag – so weiß, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich eines nach dem andern über das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal das kalte Händchen zu küssen.
Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern Kinder sich wie tröstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob die Mutter das Haupt, und sie sagte: „Lasset uns dem lieben Gott danken, daß er unserer lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich grüßen, jedes hat sie noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.“
Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts mehr als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.
Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran, wie glücklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur Lilly stand eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit großen Augen auf die kleine, regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich über die Tote beugend bat sie: „Tonichen, du hast mir ja nicht ‚Adieu‘ gesagt – mach nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an und sag' mir, daß du mir nicht mehr bös bist wegen neulich – du weißt schon, Tonichen! Hörst du mich nicht? – Tonichen!“
Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos – jetzt erst fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heißt: tot sein – sie hatte es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. Beim Tode ihrer Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie Entsetzen, und sie schrie plötzlich auf: „Toni – Toni, sei doch nicht tot! Du sollst nicht tot sein – ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel lieber als du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! Komm, Toni – komm', wach' auf!“ Und Lilly umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr zurück – wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! – Es durchschauerte Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand allmählich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzählte, wie klein Toni sie grüßen lasse: „Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen, Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mütterlein im Himmel von dir und von Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hülle – ihre liebe kleine Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich glücklich und selig.“
„Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr sprechen!“ klagte Lilly.
„Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch einmal in den Himmel kommen!“
„Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, ich hab' schon so oft gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie mehr zu lügen – und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel!“
„O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon für dich beten und bitten, daß du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du mußt nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, daß es gar nicht so schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert hat!“
„Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei mir bliebest, Tante Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...“ Und bitterlich schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm.
„Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster heiligen Kommunion“, tröstete die Tante, „und wenn du jetzt schön brav bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir hinüber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's früher getan habe, als du noch klein warst – willst du?“
„Ja, Tante, ja!“ Und Lilly trocknete ihre Tränen. „Aber bitte, laß mich noch einmal hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!“
„Lieber nicht“, meinte der Vater besorgt, „es regt dich nur wieder auf. Sei folgsam und komm' nun heim.“
Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß er schwankend wurde und wohl nachgegeben hätte; aber Tante Toni sagte: „Wenn man einen guten Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich mit der Ausführung beginnen, und wer ein braves Kind werden will, muß vor allem aufs erste Wort gehorchen.“
Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimführen.
Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurückkommen; Tante Toni holte sie selbst ab und führte sie in den Saal unten, der in eine Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen grünen Pflanzen und brennenden Kerzen – ein Kreuz lag auf ihrer Brust, und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Händchen geschlungen. Der ganze Anblick war so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß Lilly gar nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete:
„Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und grüße mir tausendmal meine liebe Mama im Himmel!“
Am nächsten Tage, während Herr Mehring und Otto Tonichens Begräbnis beiwohnten, saß Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im Zimmer. Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strümpfen und Wäsche beschäftigt war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich still war.
„Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich gar nicht wieder kennt“, sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; „du bist auch so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?“
„O, ich möchte ganz gern wieder mal krank sein“, meinte Lilly nachdenklich.
„Was, du möchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafür! Das darf man ja überhaupt gar nicht wünschen.“
„O, das ist aber doch so schön! Dann kommt Papa sich manchmal an mein Bett setzen, und diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir.“
„Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht angenehm; es tut gewöhnlich recht weh.“
„Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe, der mich recht lieb hat!“
Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie: „Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen käme, falls du wieder mal krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie ich das letztemal hab' laufen und springen müssen; zehn Arme und zehn Beine hätte ich brauchen können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie recht.“
Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie: „Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten und du wolltest fort.“
„Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir nicht gute Worte gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne sich doch nicht auch noch um den Haushalt kümmern. Aber was schwätz' ich denn da? Davon verstehst du ja doch nichts!“
„Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich weiß auch, daß du eine vorzügliche Haushälterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du keine blaue Bohne.“
„I du meine Güte! Da schau mal einer die Fräulein Weisheit an! Wo hast du denn das wieder mal her?“
„Ach, das hab' ich halt schon sagen hören von den Tanten, auch von Lina ...“
„Natürlich – die blaue Bohne, die stammt sicher von der Lina. Die wird wahrscheinlich etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom Haushalt, von Reinlichkeit und Ordnung versteht sie jedenfalls nichts, und wenn ich nicht immer hinter ihr drein wäre, dann sähe es hier bald aus wie in einem Stall!“
Fräulein Helene war sehr in Eifer geraten, und sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, wenn nicht eben draußen ein arges Gepolter entstanden wäre, so daß Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. Fräulein Helene war aufgesprungen, aber sie schien zu ahnen, was der Lärm bedeutete; denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb werfend rief sie aus: „Da haben wir's ja gleich! Eine rechte Meisterleistung von der Lina, die so viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte sich lieber um ihre Arbeit kümmern und nicht Eimer und Bürsten die Treppe hinunterwerfen. Eine nette Bescherung das – und gerade gestern haben wir einen frischen Läufer auf die Treppe gelegt ...“
Lilly sah der Haushälterin, die sehr erzürnt und aufgeregt das Zimmer verlassen hatte, etwas ängstlich nach; aber dann lächelte sie wieder: nein, sie wußte ja, Fräulein Helene würde der Lina doch nichts tun, sie würde sie auch nicht fortschicken; obwohl sie viel mit den Mädchen zankte, mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde war sie recht gutmütig, die Fräulein Helene, und Lilly war ganz erstaunt zu bemerken, daß sie selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch so oft eingebildet, sie könne sie gar nicht ausstehen! Wie war das doch nur?... Lilly versuchte nachzudenken, aber ihr Köpfchen war so eigentümlich schwer, in ihren Schläfen klopfte es so. Auch kam es ihr auf einmal so heiß vor im Zimmer und sie hätte gerne das Fenster aufgemacht; aber sie hatte das Gefühl, als ob sie hinfallen würde, wenn sie nun aufstände. Sie breitete die Arme auf den Tisch und legte das Köpfchen darauf. Über was wollte sie denn eben nachdenken? Sie wußte es schon gar nicht mehr, aber sie wunderte sich über das Sausen und Brausen in ihren Ohren und über das Hämmern im Kopf. Sie wollte ein bißchen schlafen, vielleicht würde es ihr dann wieder besser. Nach einiger Zeit war es ihr auf einmal, als ginge die Türe auf und sie hörte, wie jemand ausrief: „Lieber Gott, das Kind ist krank!“ Aber es klang ihr wie aus weiter Ferne. Sie fühlte sich emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, sie wußte gar nicht, wie sie hineingekommen war, und sie wollte fragen: „Muß ich jetzt sterben wie die kleine Toni?“ aber sie konnte gar kein Wort herausbringen. Sie konnte kaum die Lippen bewegen, und die waren so heiß und trocken; aber dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine kühle, weiche Hand legte sich auf ihr schmerzendes Köpfchen. O wie wohl das tat!
Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand wirre Träume, beängstigende, dann auch wieder schöne und freundliche. Einmal war es ihr, als stände eine abscheuliche Hexe in der Ecke des Zimmers, und die lachte spöttisch und winkte ihr mit ihrem langen, knöchernen Finger; sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte keinen Laut hervorbringen; die Hexe kam aber immer näher und näher, und in wilder Angst wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal Anna an der andern Seite des Bettes, die lachte und sagte: „Sei doch nicht so dumm! Es ist ja die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die tut dir nichts!“ – und als sie nun, noch recht ängstlich, wieder hinüberschaute, da stand dort wirklich die Babett, die sah ganz freundlich aus und sagte: „Ich tu niemand was zu leid, und ich hab' auch schön für dein Mutterle gebetet; es läßt dich schön grüßen.“
Ein andermal, als Lilly stöhnend aus einem wüsten Traum aufwachte und ganz verstört um sich blickte, da neigte sich Tante Toni über ihr Bettchen: „Sei ruhig, mein Liebling, ich bin ja bei dir, und ich verlaß dich nicht; schlafe nur.“
Klein Lilly lächelte beim Ton dieser leisen, lieben Stimme, sie suchte mit ihrem Händchen auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und fest von den Fingern der Tante umschlossen fühlte, und nun schloß sie wieder beruhigt die Augen; sie war ja geborgen, sie wußte, daß die gute Tante an ihrem Bettchen wachte, und diesmal hatte sie einen wunderschönen Traum: sie sah Tonichen, ganz weiß gekleidet, mit goldenen Flügeln vom Himmel herabschweben; als sie verlangend die Arme ausstreckte, da winkte Tonichen ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, feinen Stimmchen: „Sei nur recht brav, und vor allem lüge nicht mehr, es ist gar nicht so schwer.“ Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, bis sie ganz verschwand wie ein Nebel, der zergeht – und endlich schlief Lilly sanft, ruhig und traumlos, lange, lange.
Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie hörte Stimmen im Zimmer, und als sie die Augen aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief vor Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und rufen, allein sie war zu schwach und zu müde, ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hörte doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: „Nun kommt Ernst also doch endlich zurück, und Papa kann sich zurückziehen und sich die wohlverdiente Ruhe gönnen.“
Tante Tonis Stimme antwortete: „Ja, und ich glaube, du kannst dich nach einem Häuschen für uns umsehen; denn ich denke, Papa wird doch wieder hierher in seine alte Heimat zurückkehren wollen.“
Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in etwas ärgerlichem, erregtem Tone, als er jetzt sagte: „Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst du denn hin? Mein Haus hier ist groß genug für uns alle, und es soll das Haus meines alten Vaters sein. Und“, nun klang die Stimme weich und bittend, „du weißt ja, Toni, wie nötig wir dich haben, meine Kinder und ich; versprich mir, daß du mit dem Vater zu mir ziehst.“
„Gern, Robert, gern – aber laß das noch ein Geheimnis sein, bis alles fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für die Kinder.“
Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was für ein schönes Geheimnis sie nun wußte! Da mußte man freilich brav sein, um so etwas zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein wieder hell und fielen ihr nicht gleich wieder zu vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht, als sie ausrief: „Papa, Tante Toni!“
Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: „Gott sei Dank! Nun wird unser Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er heimkommt!“
Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurückgekehrt, zu seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung.
Ach, was war das für eine schöne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzählte; unter Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie verwöhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen konnte.
„Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker“, riet Rudi, als er den Vogel brachte. Und als Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des Käfigs schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie er: „Danke, Lilly, danke schön!“
War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, daß er dem Star gerade das beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den hatte sie früher gar nicht leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht mehr.
„Eile dich, gesund zu werden, Lilly“, sagte Otto, „du mußt doch dabei sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe.“ Und Lilly eilte sich so gut, daß sie wirklich an diesem schönen Tage im neuen weißen Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte.
Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys Herzchen erzitterte, als Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie: „Nächstes Jahr komme ich dran!“ Und nun mußte sie wieder an die liebe kleine Toni denken. Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria, Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Tränen – und doch sah sie nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier neben Lilly kniete, der wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach seinem Abendgebet: „Liebe heilige Toni, bitte für uns!“ Und Lilly fand, daß er ganz recht hatte, so zu beten.
Am Abend dieses glücklichen Tages suchte Otto Tante Toni auf. Er lehnte den Kopf an ihre Schulter und sagte: „Hast du recht sehr für mein Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen hattest?“
„Nach besten Kräften hab' ich für dich gebetet, mein lieber Otto.“
Ernst und doch lächelnd schaute der Knabe zur Tante auf.
„Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott dein Gebet erhört, dann werde ich doch nicht Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein Redakteur!“
Tante Toni lächelte: „Dann wirst du wohl noch etwas viel Besseres und Schöneres!“
Otto sah sie überrascht an: „Ja, Tante, errätst du denn alles? O, glaubst du, daß es gelingt, daß ich das erstreben darf und kann?“
„Mit Gottes Hilfe gewiß, mein Otto! Aber es ist schwer, und wer diesen hohen Beruf erwählt, der muß sich auf ein Opferleben gefaßt machen.“
„Ein Opferleben ...“, wiederholte Otto leise und nachdenklich. Er war noch zu jung, er faßte und verstand das noch nicht ganz, und es überkam ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick lang; gleich hob er wieder mutig den Kopf, und er sagte freudig wie Tante Toni: „Mit Gottes Hilfe!“
Zwei Tage nachher schlug für Tante Toni die Abschiedsstunde. Da gab es viele und heiße Tränen, aber Onkel Robert lächelte geheimnisvoll, während er tröstete: „Weint nicht, Kinder, weint nicht! Ich versprech' euch ein baldiges Wiedersehen.“
Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, allein Onkel Robert lächelte nur und legte den Finger auf den Mund. Aber Lilly lächelte auch, und sie flüsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der schrie auf und machte drei Purzelbäume hintereinander; Lilly lief ihm nach und bat: „Pst, Rudi, verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis und es soll eine Überraschung geben!“
„Ich sag' nichts, verlaß dich drauf“, versicherte Rudi; „aber ich freu' mich halt so schrecklich!“ Und er machte schnell noch ein paar Luftsprünge, aber der letzte fiel etwas unglücklich aus und er landete mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos Fußspitze.
„Au weh!“ schrie der. „Rudi, was ist denn in dich gefahren? Du bist gerade nicht von Buttermilch!“ Und er hüpfte auf einem Bein herum, den verletzten Fuß in die Höhe streckend.
Mariechen wechselte einen verständnisvollen Blick mit Tante Toni. Beide hatten denselben Gedanken: Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wäre!
Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. Als Tante Toni eingestiegen war, stellte sie sich ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal „Adieu“ sagen: „Auf Wiedersehen, auf baldiges Wiedersehen, liebe, gute, goldige Tante Toni!“ riefen die Kinder, und „Auf Wiedersehen!“ antwortete die Tante, „und wenn ich wiederkomme, dann nehmen wir auch unsere Spaziergänge wieder auf, die wir diesmal unterbrechen mußten.“
„Wir werden inzwischen schöne, neue Wege auskundschaften!“ rief Paul, und Kurt eiferte: „O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir müssen doch auch in die Rickersbacher Schlucht und auf den ...“ Aber der Zug setzte sich in Bewegung, und die Rufe „Adieu!“ und „Lebt wohl! Auf Wiedersehen!“ übertönten Kurts Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug eine Biegung; bald darauf war er verschwunden.
„Ich bin nur froh, daß Onkel Robert uns gesagt hat, Tante Toni käme bald wieder“, sagte Philipp auf dem Heimweg; „sonst wäre es doch gar zu traurig.“
Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: „Ich finde es trotzdem noch traurig genug. Ich kann überhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute sollten immer nur ankommen!“
„O, das kommt drauf an!“ rief Anna in entschiedenem Tone. „Den Herrn Schulinspektor und den Prüfungskommissar zum Beispiel sehe ich viel lieber fortgehen wie ankommen!“
Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna freundlich auf die Schulter klopfend: „Na, Kinder, seid nur froh, daß ihr die Änne habt, die bewahrt euch wenigstens vor Trübsinn!“
Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. Sie dachte: „Als Tante Toni ankam, da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es nicht mehr da, es ist im Himmel.“ Sie stahl ihr Händchen in die Hand der Tante und blickte mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria verstand den Gedanken des Kindes. „Mein gutes Kind!“ sagte sie leise und gerührt, fest die kleine Kinderhand umschließend.