Man sagt uns: Jugend mit zu heißem Blute
Auf schwärmerischem Schöpfungsdrang verzichte,
Geschichtlich nur entwickelt sich das Gute, –
Doch sprecht, wo nichts geschieht, ist das Geschichte?

Diesen Standpunkt erkennt Marx vollständig an, er entspricht seiner Theorie ganz und gar. Aber was man tut, kann man nur durchsetzen im Verhältnis der gegebenen Kräfte und Entwicklungsbedingungen.

Diesem Gegenstand hat Friedrich Engels in der Streitschrift gegen Dühring einige bemerkenswerte Kapitel gewidmet, die gerade heute wieder sehr aktuell geworden sind. Eines davon trifft ganz besonders auch die Methode der Bolschewisten, sehr verschiedene Dinge auf äußerliche Merkmale hin gleichzusetzen und der geschichtlichen Bedingtheit sozialer Institutionen die nötige Beachtung zu versagen. Dühring hatte von der griechischen Sklaverei gesprochen, auf der die ganze griechische Kultur beruhte, und sie mit der Lohnarbeit gleichgesetzt. Darauf antwortet Engels:

„Wenn man sagt, die Lohnknechtschaft sei nur dasselbe wie die Sklaverei, dann könnte man auch sagen, die Menschenfresserei sei dasselbe wie die Lohnknechtschaft, denn das Ursprüngliche war nicht die Sklaverei, sondern daß man die Unterworfenen auffraß. Wie oft auch in der Geschichte die bloße Gewalt gegen die ökonomische Entwicklung war, – entweder geht sie mir der ökonomischen Entwicklung, dann erfüllt sie ihren Zweck, oder sie geht gegen die ökonomische Entwicklung, dann unter Umständen wird der Zwang (namentlich wenn rohe Völker über kultivierte Völker herfallen) zum Ruin der ganzen Kultur, oder aber dann setzt sich doch im Laufe der Zeit das ökonomische Moment durch gegen die Gewalt, die Gewalt unterliegt.“

Nun, diese Erfahrung haben die Bolschewisten, wie sie selbst nicht mehr bestreiten können, machen müssen: wo ihre Gewaltmaßnahmen die ökonomische Bedingtheit unberücksichtigt ließen, haben sie elend Schiffbruch gelitten. Die Kosten dieser Erfahrung aber hat leider das russische Volk mit unendlich vielen Opfern bezahlen müssen.

Gerade das Großartige bei Marx und Engels ist die Begrenzung, die der Wille in der Geschichte bei ihnen erfährt – er erfährt sie nämlich nach zwei Seiten hin, unter bestimmten Umständen gegen die Revolution, dann aber auch wieder für die Revolution. Auf einem Blatt, das mir Friedrich Engels aus dem Marxschen Nachlaß geschenkt hat, ein Stück aus dem ersten Marxschen Entwurf (der nie gedruckt worden ist) zum Kommunistischen Manifest, steht unter anderem ein Wort, das Marx den Vertretern der alten Gesellschaft, die diese Gesellschaft für in ihrem Fundament unzerstörbar erklären, zuruft: „Ihr seid nach rückwärts gekehrte Utopisten.“ Das soll heißen: Ihr wollt die Entwicklung aufhalten, leugnet, daß es eine andere Gesellschaftsform geben könne über eure hinaus, wollt behaupten, eure sei die letzte; aber wenn ihr das erklärt, seid ihr nach rückwärts gekehrte Utopisten! Mit aller Schärfe betont der Marxismus die Kraft des Willens. Er hält zwar die Arbeiter von Unternehmen ab, je nachdem die dafür erforderlichen sachlichen Vorbedingungen noch fehlen. Aber er feuert sie auch an und schützt sie vor Entmutigung. Davon zeugt deutlich die vom Geist des Marxismus beeinflußte Arbeiterbewegung. „Mit uns der Sieg!“ ist ihr Leitmotiv, ist das Gefühl: „Wir werden doch siegen! Wir vertreten die Sache der Zukunft!“ Die Ignorierung der Grenzen für die Macht des Willens aber ist der verhängnisvolle Rechenfehler in der Politik des Bolschewismus. Er erklärt ihre vielen wirtschaftspolitischen Fehlgriffe, die sie ja einen nach dem anderen genötigt worden sind einzugestehen. Die bolschewistische Politik ist eine fortgesetzte stümpernde Experimentiererei. Eine ganze Literatur hat dafür erdrückende Beweise erbracht. Gewiß findet man in den Erlassen und Entwürfen der Bolschewisten vielerlei Bestechendes: großartige Pläne in bezug auf das Erziehungswesen und die soziale Fürsorge, in bezug auf die Organisierung der Produktion und Zirkulation, in bezug auf die Hebung und Verwertung der Erdschätze und ähnliches mehr. Aber dergleichen ist auch sonst in der Literatur des Sozialismus zu finden. Die Literatur der sozialistischen Utopisten aus dem 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts ist voll von oft großartigen Gedanken und sinnreichen Entwürfen. Außerordentlich viel Geist und Intelligenz ist da verschleudert, vieles auf dem Papier ausgezeichnet ausgedacht! Manches hat auch im Laufe der Zeit Verwirklichung gefunden, wenn auch nicht in dem Umfange und in der Art und Weise, wie die spekulierenden Verfasser es sich gedacht hatten.

Für die Pläne der Bolschewisten fehlen aber in Rußland heute so ziemlich alle Vorbedingungen, und zwar haben sie sie infolge ihrer Ignorierung der geistigen Notwendigkeiten zum Teil selbst zerstört. So haben sie, als sie zur Herrschaft kamen, die Arbeiter ermuntert, sich praktisch zu Herren der Fabriken aufzuwerfen, aber ohne daß diese die ökonomische Verantwortung übernahmen. Und das Resultat? Die Fabrikanten hielten es nicht aus und die Fabriken gingen zugrunde! Die Arbeiter waren einfach nicht imstande, sie selbständig zu leiten, sie waren nicht Unternehmer und wollten es auch nicht sein. Mehr noch. Ein Teil der Arbeiter – und merkwürdig: gerade ein großer Teil der gelernten Arbeiter – gingen gleichfalls davon. In den eigenen Veröffentlichungen der Bolschewisten kann man es lesen, daß ein großer Prozentsatz der gelernten Arbeiter geradezu aus den Fabriken geflohen sind und auf das Land sich begeben haben, um als Kleinhandwerker ihr Leben zu fristen.

Im Laufe von vier Jahren bolschewistischer Herrschaft sind die Städte Rußlands um über ein Viertel in der Bevölkerungszahl gesunken, und auf dem Lande gehen die Erträge des Bodens immer mehr zurück. Von der Diktatur des Proletariats, die kaum formal noch besteht, ist man gekommen zur faktischen Knechtung des Proletariats, und von der „Erwürgung“, um mit Bucharin zu reden, der kapitalistischen Unternehmer zur Züchtung einer Bureaukratie, wie sie kaum ein zweites Land in gleichem Verhältnis im Staat und in der Industrie aufzuweisen hat.

Ich will mich darüber nicht ins einzelne verlieren. Es ist nicht meine Absicht, den Bolschewisten Übles nachzusagen, ich behandle nur die Fehler des Bolschewismus, weil seine Doktrin und Methoden heute wichtige Streitfragen des Sozialismus sind. Die Tatsachen aber, die ich summarisch hervorhebe, findet man in der bolschewistischen Literatur selbst hervorgehoben, sie bilden dort den Gegenstand lebhafter Diskussionen, weil man die Konsequenzen fürchtet. Bekannt ist ferner, daß die Bolschewisten neue Kapitalisten geschaffen haben und fremdländische ins Land ziehen. Sie sind einfach mit all ihrer politischen Macht nicht Herren der Dinge. Eines können sie freilich; gestützt auf ihre Garden können sie unterdrücken und knebeln, wo es ihnen gefällt. Der Terrorismus wird noch ungeschwächt geübt. Aber das verstanden auch die asiatischen Despoten und die afrikanischen Sultane. Das Elend in Rußland wächst beständig, die Unterdrückung aller politischen Freiheit dauert fort. Es kann kein sozialistisches Blatt anderer Richtung erscheinen, die bürgerlichen Blätter gar nicht, nur bolschewistische Blätter werden geduldet. Es gibt auch für Andersdenkende keine Versammlungsfreiheit. Ertötet ist die freie wirtschaftliche Schaffenskraft, die für Rußland einfach eine Notwendigkeit ist, wenn es sich einigermaßen erholen soll.

Ein merkwürdiges Stück Wiederholung der altzarischen Despotie. Von Nikolaus I., der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte und der Hort der europäischen Reaktion war, wird erzählt, daß er, als die Eisenbahnen aufkamen und er nun auch eine solche von Moskau nach Petersburg haben wollte, sich eine Karte kommen ließ und einen geraden Strich zog: So wird die Eisenbahn gebaut! Sie heißt noch jetzt die Nikolai-Eisenbahn. Natürlich hat sie furchtbar viel gekostet. Die Bodenverhältnisse, Sümpfe usw. waren von ihm ignoriert worden, und wie es der Zar gewollt hatte, so mußte es gemacht werden. – Ein Stück von diesem Geist steckt auch in N. Uljanow Lenin. Die Folge ist zunehmende wirtschaftliche Zerrüttung.

Überall, wo kein geordnetes Rechtsverhältnis besteht, wo Unsicherheit in bezug auf das Recht herrscht, wo man heute nicht weiß, welche Gesetze morgen in Geltung sind, da findet eine Verwüstung statt. Und was wir heute von Rußland hören, von jener entsetzlichen Hungersnot ganzer Millionen, ist zum Teil gleichfalls eine Folge dieser Experimentiererei. Allerdings unmittelbar verursacht durch ein Naturereignis, über das die Menschheit bis jetzt noch keine Gewalt hat: die ungeheure Dürre. Aber man darf nicht vergessen, daß selbst gegen die Dürre der Mensch trotzdem nicht ganz wehrlos ist. Wo der Boden hinreichend gedüngt und intensiv bearbeitet ist, da ist er gegen die Dürre widerstandsfähiger als dort, wo es ihm an Dung fehlt und die Bearbeitung nur oberflächlich ist. Wo aber ein Volk, und besonders ein landbauendes Volk (Rußland ist ja überwiegend Bauernland), wo Bauern die Gewißheit nicht haben, daß sie ihren Boden behalten, daß ihnen die Ernte verbleibt, bauen sie eben oberflächlich, legen sie nichts hinein in den Boden. Infolge dieser Tatsache ist z. B. Kleinasien, das früher einmal geradezu ein Paradies an Fruchtbarkeit gewesen ist, gerade an der westlichen Seite, unter der Willkürherrschaft der türkischen Paschas und unter dem willkürlichen türkischen Steuersystem, der Naturalsteuer, zu großen Teilen versandet. Und leider haben wir ein gleiches Bild in Rußland. In fürchterlicher Weise offenbaren sich die Folgen der Verkennung wirtschaftlicher Gesetze, der materiellen und geistigen, beziehungsweise seelischen Bedingungen des Wirtschaftslebens und der Funktionen der Wirtschaftsträger auf einem gewissen Stande der Entwicklung. Man hat es geschehen lassen, daß die großen Güter, die zum Teil sehr rationell bewirtschaftet wurden und große Überschüsse an Produkten lieferten, unter die Bauern aufgeteilt wurden. Was war die Folge? Die Überschüsse haben aufgehört. Nun kann man nicht für alles das System, die Partei verantwortlich machen. In der Revolution geschehen auch viele Dinge gegen den Willen der Revolutionäre selbst. Aber um die unvermeidlichen Auswüchse auf das möglichst geringe Maß herabzusetzen und möglichst bald zu Zuständen zu gelangen, die dem Bedürfnis der Wiederherstellung des Wirtschaftslebens entsprachen, war das Zusammenwirken aller geboten, die sich auf den Boden des Rechtszustandes stellten, den die Revolution des Februar 1917 geschaffen hatte. Daß man das Gegenteil in dem Wahn herbeiführte, es komme nur darauf an, die Gewalt zu haben, um dann – wie Bucharin sagte –, wenn die ganze bürgerliche Volkswirtschaft „erwürgt“ war, von neuem anzufangen, das konnte nur solche Zerrüttungen zur Folge haben. So darf es ein Kind machen, das mit seinem Baukasten spielt. Aber die Idee, so mit den Daseinsbedingungen eines Volkes von Millionen und Abermillionen umgehen zu können, ist Zäsarenwahnsinn, gleichviel ob von einem gekrönten Machthaber oder von Revolutionären. Er konnte bei den Bolschewisten nur Boden fassen, weil der Grundgedanke ihrer Doktrin ein durchaus falsch ausgelegter, maßlos vergröberter Marxismus ist.

Hierzu ist noch folgendes zu sagen:

Der Bolschewismus hat viele Kritiker gefunden, und es lag nahe, einige davon zu zitieren. Um indes mir nicht den Vorwurf der Parteilichkeit zuzuziehen, habe ich an dieser Stelle davon Abstand genommen. Nur einer Arbeit glaube ich gedenken zu sollen. Es ist das Schriftchen von N. Gefimoff „Zur Soziologie des Bolschewismus“ (Berlin, Verlag Freiheit). Der Verfasser, ein Russe, der die ersten Jahre der Herrschaft der Bolschewisten im einstigen Zarenreich mit durchlebt hat, weist den inneren Zusammenhang des Bolschewismus mit der Bewegung der revolutionären Terroristen des zarischen Rußland nach, die eine Bewegung nicht der Arbeiterklasse, sondern von klassenlosen Intellektuellen war und deren Tendenz, einander im Radikalismus zu überbieten, sich aus den politischen Zuständen Rußlands begreift. Auf diese Weise konnte es geschehen, daß die nach Rußland gelangte Marxsche Lehre eine so – man muß sagen, brutale Ausdeutung erfuhr.

In der Tat ist der Bolschewismus eine spezifisch russische Erscheinung, zu verstehen aus den Verhältnissen, die in Rußland lange geherrscht haben, wo unter einem absolutistischen Regime die größten Zwangsmittel der Unterdrückung üblich gewesen sind. Zu verstehen ist sie, aber darum noch durchaus nicht nachahmenswert. Sie ist das Beispiel der verderblichen Wirkungen eines verhängnisvollen Fehlers im Denken, der sich äußert im Glauben an die Allmacht der rohen Gewalt, in der Verkennung der fundamentalen Gesetze des gesellschaftlichen Daseins und in der Mißachtung des organischen Prinzips in der Entwicklung der aus der Wildheit herausgetretenen menschlichen Gesellschaften.


Neuntes Kapitel.

Die nächsten möglichen Verwirklichungen des Sozialismus.

Dem Schreiber dieses wird der Ausspruch nachgesagt: „Das Endziel ist nichts, die Bewegung alles!“ Es ist mir jedoch nicht eingefallen, einen so begriffslosen Satz aufzustellen. In Wirklichkeit habe ich seinerzeit (im Frühjahr 1898) in einer Antwort auf den Vorwurf, daß in meinen Aufsätzen fast nie vom Endziel des Sozialismus die Rede sei, erwidert, ich habe für das, was man gemeinhin „Endziel des Sozialismus“ nenne, außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei, sei mir nichts, die Bewegung alles. Ich bekannte ein persönliches Uninteresse, war aber weit davon entfernt, einen Allgemeingültigkeit beanspruchenden objektiven Leitsatz aufzustellen.

Der Ausspruch wurde aber so aufgefaßt und gab Anlaß zu einem gewissen Lärm. Welche bestimmten Umstände dies bewirkt hatten, kann hier unerörtert bleiben. Soviel aber sei bemerkt, daß unter anderen Verhältnissen, als sie damals obwalteten, kaum jemand sich über ihn aufgehalten hätte. Denn in der Sache sagte er nichts wesentlich anderes, als was in den Sätzen ausgesprochen ist, die Marx im Jahre 1871 der von ihm verfaßten Ansprache des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Bürgerkrieg in Frankreich einverleibte:

„Die Arbeiterklasse ... hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigene ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden ... Sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft entwickelt haben.“

Bei mir folgte dem zitierten Ausspruch der Zusatz: „Und unter Bewegung verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, das heißt den sozialen Fortschritt, wie die politische und wirtschaftliche Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts.“

Es wäre nun abgeschmackt, den Eindruck erwecken zu wollen, daß zwischen dem Sinn des Marxschen Ausspruchs und meiner Bemerkung überhaupt kein Unterschied von Bedeutung sei. Ein solcher ist unbestreitbar vorhanden. Er besteht darin, daß Marx die angezeigte neue Gesellschaft schneller kommen, den Zusammenbruch der alten rascher sich vollziehen sah, als ich, und in dieser Annahme eine andere Sprache führte. Aber der Gedanke, daß die Bewegung und die sich aus ihr ergebenden Kämpfe das entscheidende seien und auf sie alles ankomme, ist auch bei ihm das Leitmotiv.

Seit Marx die vorgenannte Schrift verfaßt hat, ist ein gutes halbes Jahrhundert verflossen, und es kann die Frage aufgeworfen werden, ob er nicht doch geglaubt hat, daß es mit dem völligen Zusammenbruch der alten Gesellschaft nicht so lange dauern werde. Manches spricht dafür, und jedenfalls ist die Frage um der richtigen Beurteilung verschiedener Marxscher Aussprüche willen, die jener Periode seines Lebens angehören, der Untersuchung wert. Für unsere Betrachtung aber genügt die Feststellung der Tatsache, daß der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus hier unverblümt erklärt, die kommende neue Gesellschaft werde nur das Ergebnis „einer ganzen Reihe geschichtlicher Prozesse sein, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden“.

Als Marx sein Hauptwerk, das „Kapital“, schrieb, befand sich die europäische Welt politisch wie wirtschaftlich im Fahrwasser des demokratisch gerichteten Liberalismus. Die Verfassungen wurden in seinem Sinne reformiert, die Einengungen der Presse und des Vereinsrechts gemildert oder aufgehoben, die Wahlrechte zu den Parlamenten erweitert. In England hatte der Freihandel gesiegt und schien von da aus seinen Siegeslauf durch die ganze kapitalistische Welt antreten zu wollen. Zollsätze wurden herabgesetzt und Handelsverträge mit der Klausel der Meistbegünstigung geschlossen, die eine Vorstufe zum vollen Freihandel darstellten. Die erwartete Ära des Weltfriedens wurde freilich durch die drei deutschen Kriege arg beeinträchtigt, aber die von ihnen bewirkte Schädigung des Wirtschaftslebens nicht allzu tief empfunden. Die kapitalistische Produktion machte Zeiten der Krise durch, blieb aber in aufsteigender Entwicklung; der Reichtum der kapitalistischen Länder wuchs, der Weltverkehr in Gütern nahm steigend zu, die Städte und Industriezentren dehnten sich aus, die Industrie- und Handelsunternehmungen vergrößerten sich, und in Zusammenhang damit nahm auch die industrielle Arbeiterschaft, das Proletariat, bedeutend an Zahl zu. Die liberale Epoche kam aber mit Ende der siebziger Jahre, um die Zeit, da Marx durch Krankheit gezwungen wurde, die Feder aus der Hand zu legen, zum Stocken. Eine Welle schutzzöllnerischer Reaktion flutete über die Welt und zog kolonialpolitische Strebungen imperialistischer Natur nach sich; die Beziehungen zwischen den Großmächten erfuhren eine Wendung zum schlechteren, die Bildung von Mächtekoalitionen begann und mit ihr eine Ära des Wettrüstens zu Wasser und zu Lande. Zu gleicher Zeit aber nahm die Arbeiterbewegung einen neuen Aufschwung, die sozialistische Internationale ward wieder ins Leben gerufen und übertraf in verhältnismäßig kurzer Zeit die alte Internationale in bezug auf Zahl der angeschlossenen Länder und innere Stärke ihrer Landessektionen.

Unter dem Einfluß all dieser Vorgänge erhielt die Welt der Länder moderner Entwicklung eine andere Physiognomie, als Marx sie gekannt hatte und voraussehen konnte. Eine geistige Reaktion in bezug auf die Beurteilung der Völkerbeziehungen und die Sicherheit im Innern bemächtigte sich der bürgerlichen Klassen. Sie wagten nicht den Krieg zu wollen und glaubten immer weniger an die dauernde Erhaltung des Friedens. Sie hatten nach dem Mißerfolg des Bismarckschen Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie den Glauben an die Möglichkeit der Niederhaltung dieser durch Gewaltmittel eingebüßt und sahen sich doch der wachsenden Arbeiterbewegung gegenüber in die Verteidigungslinie gedrängt. In Deutschland war die Wirkung eine zunehmend schwächere Haltung des Bürgertums der Regierung gegenüber, und immer neue Versuche dieser, durch gesetzgeberische Zugeständnisse an die Arbeiter diese der Sozialdemokratie abtrünnig zu machen, was aber nicht gelang. Das Hauptstück der Zugeständnisse, die von Bismarck eingeleitete Arbeiterversicherung, hatte vielmehr die entgegengesetzte Wirkung. Sie gab den Arbeitern materiell zu wenig, um sie zu befriedigen, trieb aber in ihren sozialen Konsequenzen weit über das von Bismarck Gewollte hinaus. Sie schuf in den Organen der Versicherung (Krankenkassen, Beiräte der Unfallversicherung und der Invalidenversicherung) eine Beamtenschaft der Arbeiterklasse, die dieser im Laufe der Zeit für Organisations- und Vertretungszwecke anderer Natur eine große Fülle sachkundiger Persönlichkeiten zur Verfügung stellten. In der gleichen Richtung wirkten die Gewerbegerichte durch das Institut der Beisitzer aus der Arbeiterschaft. Unterstützt durch diese Einrichtungen breiteten sich in Deutschland die Gewerkschaften der Arbeiter im letzten Jahrzehnt des neunzehnten und weiter im zwanzigsten Jahrhundert in ungeahnter Weise aus, so daß sie schließlich die englischen Gewerkschaften an Zahl der Mitglieder nahezu erreichten, an innerer Durchbildung und wirkungsvoller Zusammenfassung der Kräfte aber noch übertrafen. Parallel damit wuchs die politische Organisation der Arbeiterklasse und ihre Presse, und mehrte sich die Zahl ihrer Vertreter in den staatlichen und örtlichen Parlamenten. Ein Netz von gesetzlichen und freien Vertretungen der Arbeiter überzog das Land, jede Stadt von irgendwelcher Bedeutung erhielt ein von der Arbeiterbewegung selbst geschaffenes und unterhaltenes Volks- oder Gewerkschaftshaus als Sammelpunkt und ein Arbeitersekretariat, wo der Arbeiter Auskunft über die ihn betreffenden Sozialgesetze erhielt, zugleich aber auch durch die Natur der Dinge auf die politischen und wirtschaftlichen Organisationen seiner Klasse aufmerksam gemacht wurde. Das neue Jahrhundert sah außerdem eine bedeutungsvolle Ausbreitung und Stärkung der Arbeiterkonsumgenossenschaften, deren Leiter und Angestellte das Heer der Beamten der Arbeiterschaft noch wesentlich vermehrten.

Auf der anderen Seite waren aber auch die Unternehmer nicht unorganisiert geblieben. Auf rein wirtschaftlichem Gebiete waren in allen Industrien Kartelle und Syndikate gegründet worden, um dem Druck der Konkurrenz auf die Preise Grenzen zu setzen, und in vielen Fällen auch dazu übergegangen, bei eingetretener oder drohender Überproduktion produktionsregulierend zu wirken, d. h. zeitweilig die Produktion systemgemäß einzuschränken. Ein noch engerer Zusammenschluß von kapitalistischen Unternehmungen fand in Gestalt von trustartigen Verbindungen und Fusionen oder Konzernen der großen Industrie statt. Zum Widerstand gegen die Gewerkschaften und sonstigen Koalitionen der Arbeiter wiederum waren Unternehmer- bzw. Arbeitgeberverbände geschaffen worden, deren Zahl schließlich so groß war, daß die von ihnen vertretenen Unternehmungen erheblich mehr Arbeiter beschäftigten, als gewerkschaftlich organisiert waren. Trotz ihrer Zahl und finanziellen Macht war ihre Widerstandskraft den Arbeitern gegenüber aber doch begrenzt. Es wuchs die Zahl der Fälle, wo sie es für klüger hielten, mit den organisierten Arbeitern Tarifverträge abzuschließen, statt ihnen einseitig die Löhne diktieren zu wollen, und in der Statistik der Gewerkschaften ist die Zahl der Fälle, wo Lohn- usw. Bewegungen ohne Zuhilfenahme von Streiks oder Aussperrungen zu Tarifabmachungen führen, erheblich größer als die Zahl der Fälle, wo es zum Messen der Kräfte im gewerblichen Kampf kommt.

So stellte sich in Deutschland am Vorabend des Krieges das soziale Bild der Industrie in verschiedenen Punkten wesentlich anders dar, als Marx es in „Das Kapital“ vorausgezeichnet hatte. In dessen Kapitel „Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ hatte es bei ihm geheißen:

„Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses [die Konzentration der Unternehmungen. Ed. B.] usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Druckes, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.“

In Wirklichkeit war die Zahl der Kapitalmagnaten trotz der starken Konzentrationsbewegung der Wirtschaftsunternehmungen noch beständig gestiegen. So hatte in Preußen – eine Reichsstatistik gibt es bis jetzt darüber nicht – die Zahl der Zensiten mit über einer halben Million Vermögen in der Zeit von 1895, dem Jahr der ersten Aufstellung einer Vermögensstatistik, bis 1914 um mehr als 50 Proz. zugenommen, und noch stärker hatte sich die Schicht der obersten Einkommensklassen vermehrt. Aber auch die Schicht der mittleren Einkommensklassen war stärker angewachsen als die Gesamtbevölkerung, und wenn die erreichte Lage der Arbeiterklasse auch noch viel zu wünschen übrig ließ, so war sie doch wirtschaftlich und sozialrechtlich eine bessere, als etwa zur Zeit, wo Marx jene Zeilen geschrieben hatte. Große Kategorien von Arbeitern hatten den neunstündigen Arbeitstag errungen und wenige arbeiteten mehr als zehn Stunden. Das Lohneinkommen war dem Nennwert nach erheblich, der Kaufkraft nach weniger, aber immerhin nicht unwesentlich über die vormalige Höhe gestiegen. Gewerbeordnung, Gewerbegerichte, Tarifverträge bzw. Tarifämter, die Versicherungsgesetze, öffentliche und freigewerkschaftliche Arbeitsvermittelung und verwandte Einrichtungen hatten in Verbindung mit dem Koalitionsrecht dahin gewirkt, daß, statt Degradation, eine Hebung der rechtlichen Stellung des Arbeiters dem Unternehmer und dessen Beamten gegenüber eingetreten war. Elend war in bestimmten Schichten der Arbeiterwelt noch da, aber es hatte nicht zugenommen. Zeichen sind dafür unter anderem die Zunahme des Verbrauchs an Brotfrüchten und verschiedenen Genußmitteln sowie Textilwaren auf den Kopf der Bevölkerung; ferner der Rückgang der Sterbeziffern und die erhebliche Zunahme der Eheschließungen. Mit dieser letzteren ging freilich Hand in Hand eine kontinuierliche Abnahme der Geburten. Indes auch sie ist, wie jedem Sachkundigen der Bevölkerungswissenschaft bekannt, ein Zeichen abnehmender Massenarmut. Die Zunahme der Eheschließungen in der Epoche des vorgeschrittenen Kapitalismus widerlegte die gleichfalls von Sozialisten aus den Erscheinungen der Epoche der aufkommenden kapitalistischen Produktion abgeleitete Folgerung, daß der Kapitalismus zur völligen Auflösung der Familie im Proletariat führe.

Allerdings hatte der Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses diese Wirkungen nicht etwa selbsttätig herbeigeführt. Wohl war auch er nicht ganz unbeteiligt daran, in verschiedener Hinsicht hatte er ökonomische Vorbedingungen der sozialen Verbesserung geschaffen. Wie aber schon aus der obigen Aufzählung ersichtlich, war die Verbesserung selbst zum größten Teil Frucht sozialer Gegenaktion, einerseits der Gesetzgebung und Verwaltung, auf welche die Arbeiter in immer stärkerem Maße mittels politischen Drucks einwirkten, und andererseits der direkten Aktion der wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiter selbst. Welches immer aber auch die Kräfte waren, die das Bild anders gestaltet hatten, es war in bezug auf Klassengliederung und soziale Lage der Klassen nicht das, was Marx vorgezeichnet hatte. Und wenn, um Marx in kein falsches Licht zu stellen, bemerkt werden muß, daß dieser eben nur eine Tendenz gekennzeichnet hatte, was schon einschloß, daß die Wirklichkeit eine abweichende Entwicklung herbeiführen konnte, so war die Abweichung eben Tatsache und damit schon angezeigt, daß auch die weitere Entwicklung sich nicht nach jenem Schema gestalten werde.

Dazu kam noch, daß auf dem Lande die Entwicklung der Klassen sich überhaupt in anderer Richtung vollzogen hatte, als in Industrie, Handel und Verkehr. Hier war von einer Aufsaugung der mittleren und kleinen Unternehmungen durch die großen ganz und gar nichts zu verspüren. Sie legten im Gegenteil eine größere Zähigkeit als diese an den Tag. Auch dies wieder in hohem Grade durch Nutzbarmachung sozialer Gegenmittel, von denen in erster Reihe das sehr ausgebildete ländliche Genossenschaftswesen zu nennen ist, dessen volle Ausnutzung dem mittleren und kleinen Bauern fast alle technischen Vorteile zugängig macht, die dem mit beträchtlichem Kapital ausgerüsteten Großgrundbesitzer zur Verfügung stehen. Es sind aber noch andere, in der Produktion selber liegende Momente, welche für die Landwirtschaft eine andere Entwicklung der Betriebsgrößen zur Folge haben, als sie in der Industrie vor sich geht. Es sei davon nur der bedeutungsvolle Umstand erwähnt, daß die landwirtschaftliche Produktion wesentlich organische, auf die Zucht von Tier und Pflanze gerichtete, und nicht mechanische, totes Material bearbeitende Produktion ist.

Der Krieg hat an diesem sozialen Entwicklungsgang grundsätzlich nichts geändert. Er brachte zeitweilig ungeheure Verschiebungen in den Beschäftigungen der Klassen und Geschlechter mit sich. Für die Millionen männlicher Personen, die im Feld, in der Etappe und als Garnison in besetzten Gebieten gebraucht wurden, mußten weibliche Personen die in Industrie, Handel und Verkehr eingetretenen Lücken ausfüllen; die Berufstätigkeit der Frau erhielt eine bedeutende Erweiterung. Die Industrie wurde veranlaßt, ihre Produktion dem Kriegsbedürfnis anzupassen. Für die Fabrikation von Geschützen, Munition und Sprengstoffen wurden die bestehenden Werke vergrößert, neue hinzugebaut und viele Fabriken, die vordem Fabrikate ganz anderer Natur hergestellt hatten, auf die Produktion von solchem Kriegsmaterial umgestellt. Ferner wurde der Handel in Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Bedarfsgütern aus Gründen der durch die Abschneidung der Zufuhren notwendig gewordenen Einschränkung des Verbrauchs unter öffentliche Kontrolle gestellt, zu welchem Zweck Zentralstellen für die verschiedenen Bedarfsartikel geschaffen wurden, die deren Abgabe an die Verbraucher regelten. Sie ward je nachdem von einem Nachweis der Benötigung abhängig gemacht, Artikel des täglichen Bedarfs (Brot, Fleisch, Milch usw.) wurden rationiert und durften von den Händlern nur gegen Marken abgegeben werden; auch wurden für sie Höchstpreise festgesetzt, über die hinaus dem Käufer keine Bezahlung abverlangt werden sollte. Für die Zentralisierung der Beschaffung bestimmter Fabrikate wurden unter Förderung durch die Behörden Kriegsgesellschaften gegründet, die auf die Produktion im Sinne der Ersparung falscher Kosten zurückwirken sollten.

Alles das zuletzt Geschilderte ist zu seiner Zeit von manchen als sozialistisch oder Verwirklichung sozialistischer Gedanken gepriesen worden und hat ja auch Berührungspunkte mit dem sozialistischen Grundsatz der Regelung von Produktion und Vertrieb unter dem Gesichtspunkt des Gemeinschaftsinteresses und der höchsten Wirtschaftlichkeit. Aber solche Art Zusammenfassung der Mittel und Unterordnung von Produktion und Handel unter das augenblickliche Interesse des großen Ganzen hat es schon oft in Kriegszeiten gegeben, und wenn man sie Sozialismus nennen will, dann wäre diese Art Sozialismus ziemlich so alt wie überhaupt der Krieg. Man hat sie Kriegssozialismus getauft, und in einer Hinsicht nicht ohne Berechtigung, indem sie nämlich den Krieg nicht überdauert hat. Das hat sie früher nicht getan, und ist in Deutschland auch diesmal nicht der Fall gewesen. Und zwar ist hier gerade das am schnellsten in Wegfall gekommen, was am meisten des Erhaltens wert war: der Schutz der Verbraucher gegen Überwucherung. Allerdings hatte er schon in den letzten Kriegsjahren an Wirksamkeit stark eingebüßt. Für viele Artikel war die Festsetzung von Höchstpreisen jedesmal das Signal gewesen, daß sie aus der öffentlichen Auslage der Händler verschwanden und nur noch hinten herum – im „Schleichhandel“ – zu Wucherpreisen zu erhalten waren. In der ersten Zeit sorgte der über die Gemüter gekommene patriotische Rausch dafür, daß die meisten sich den im Allgemeininteresse notwendig gewordenen Bestimmungen willig fügten. Als er aber nachließ, gewann Schritt für Schritt die Wucherei und ihre Unterstützung durch die Gedankenlosigkeit der einen und die Grundsatzlosigkeit der anderen so sehr die Oberhand, daß zuletzt es für Narretei galt, nicht Preise zu fordern, wie die zahlungsfähigen Käufer sie sich noch gefallen lassen würden, und nicht sich so zu ernähren, wie es einem die Mittel erlaubten. Die soziale Moral war schon stark erschüttert, als mit dem Zusammenbruch seiner Armee auch das Kaisertum selbst zusammenbrach.

Die Revolution konnte das weitere Umsichgreifen des eingerissenen Übels nur zeitweilig aufhalten. Noch hatten ihre natürlichen Widersacher, die Reaktionäre der verschiedenen Grade, sich von dem sie lähmenden Schrecken nicht erholt, da boten schon die von der bolschewistischen Regierung Rußlands in größtem Umfange mit Geld und anderen Propagandamitteln ausgestatteten Agitatoren für die Rätediktatur alle Kräfte auf, das Ansehen der jungen Republik im Volk zu untergraben. Von der großen Mehrheit derjenigen, welche die im Jahre 1919 an den verschiedenen Orten Deutschlands in Szene gesetzten Aufstände als Kämpfer mitmachten, darf man wohl sagen: sie wußten nicht, was sie taten. Daß die Unterwerfung Deutschlands unter die Gebote einer Rätediktatur eine platte Unmöglichkeit war, hätte sich jeder sagen können, der dessen ökonomische Lage und soziale Gliederung nur einigermaßen kannte. Woran das ganz überwiegend agrarische Rußland zugrunde gerichtet wurde, das hätte das so hoch entwickelte industrielle Deutschland noch weniger ausgehalten. Der höher ausgebildete Organismus ist gegenüber Eingriffen der Gewalt in sein funktionelles Leben viel empfindlicher als der tieferstehende. Immerhin wird man als Sozialist es bedauern müssen, daß die Periode der Regierung durch den Rat der Volksbeauftragten, die ja doch der Sache nach gleichfalls eine Regierung der Diktatur war, wenn auch, zu ihrer Ehre sei es gesagt, einer freiheitlichen, durchaus human und weitherzig gehandhabten Diktatur, in wirtschaftspolitischer Hinsicht nicht wirksamer ausgenutzt worden ist. Man hätte z. B. ohne nennenswerten Widerspruch aus den bürgerlichen Klassen, die froh genug waren, daß es ihnen von seiten der zur Herrschaft gelangten Arbeiterklasse nicht an den Kragen ging, und ohne Schaden für die Volkswirtschaft ein viel weitergehendes Anrecht des Staates am Boden und den Bodenschätzen durch Verfügung festlegen können, als es tatsächlich geschehen ist. Aber in die Notwendigkeit gedrängt, die Republik gegen die gewalttätigen Anstürme von links verteidigen zu müssen, mit den vielen, keinen Aufschub duldenden Aufgaben belastet, die ihr aus den Sorgen für die Unterbringung und Auflösung des zurückflutenden Millionenheeres, den unsicheren Zuständen im Osten und Nordosten, den Waffenstillstandsforderungen der Siegermächte und vielen inneren Verwaltungsangelegenheiten erwuchsen, kam sie innerhalb jener knapp drei Monate währenden Epoche um so weniger zur Beratung und Ausarbeitung der für eine solche, in Rechte verschiedenster Art eingreifenden Verordnung, als über die Abgrenzung der Rechte der Gesamtrepublik und der Republiken gewordenen Einzelstaaten noch weitgehende Meinungsverschiedenheiten herrschten und der Regelung durch die verfassunggebende Nationalversammlung harrten.

Außerdem war sie gerade in bezug auf die Fragen der Umwandlung von privatem in öffentliches Eigentum in ihren Entschlüssen nicht frei. Nach dem ganzen Gebahren der Siegermächte dem besiegten Deutschland gegenüber mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß diese sich im Friedensvertrag für bestimmte Fälle ein Recht der Beschlagnahme öffentlichen Eigentums vorbehalten würden, und in der Tat ist das im Versailler Friedensdiktat geschehen. Gleich der erste Artikel des Abschnitts, der die Finanzfragen behandelt – Artikel 248 –, setzt fest, daß die aus dem Diktat den Alliierten zugesprochenen Ansprüche an Deutschland als „erste Last auf allen Vermögenswerten und Einnahmequellen Deutschlands und der deutschen Bundesstaaten“ haften.

Mit dem Zusammentritt der am 19. Januar 1919 gewählten Nationalversammlung nahm die Regierung des ausschließlich aus Sozialdemokraten bestehenden Rats der Volksbeauftragten ihr Ende. Nach Annahme eines Gesetzes über die vorläufige Reichsgewalt wählte die Nationalversammlung zwar am 10. Februar 1919 mit 277 von 379 Stimmen den Sozialdemokraten Fritz Ebert zum Präsidenten der deutschen Republik, das erste Kabinett aber war eine Koalitionsregierung aus 7 Sozialdemokraten, 3 Mitgliedern der Zentrumspartei, 3 Mitgliedern der Demokratischen Partei und einem der Demokratischen Partei nahestehenden parteilosen Minister. Von da ab hat Deutschland nur Koalitionsregierungen gehabt, die mit Ausnahme der Periode vom Juni 1920 bis Juni 1921, wo die Regierung ausschließlich aus Vertretern bürgerlicher Parteien bestand, aus sozialdemokratischen und bürgerlichen Ministern zusammengesetzt waren. Es ist nicht undenkbar, aber nicht sehr wahrscheinlich, daß die Wahlen der nächsten Jahre eine Mehrheit von Sozialdemokraten in den Reichstag bringen werden. Die Wahlen vom Juni 1920 zum ersten Reichstag der Deutschen Republik haben im Gegenteil eine relative Abnahme der sozialistischen im Verhältnis zu den bürgerlichen Stimmen ergeben. Während bei den Wahlen zur Nationalversammlung 13 827 000 sozialistische gegen 16 574 000 bürgerliche Stimmen abgegeben worden waren, war nun das Verhältnis 10 952 000 sozialistische gegen 15 065 000 bürgerliche Stimmen. Von nahezu 45,50 vom Hundert war der Anteil der sozialistischen Stimmen auf 42,1 vom Hundert zurückgegangen.

Da die stärkste der sozialistischen Parteien in Deutschland, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kürzer Partei der Mehrheitssozialisten genannt, sich auf den Boden der Regierung durch die auf Grund allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts der erwachsenen Bevölkerung gewählte Volksvertretung gestellt hat, wird, solange jenes Stimmenverhältnis obwaltet, auf dem Wege der Gesetzgebung nur soviel Sozialismus zu verwirklichen sein, für wieviel es den Sozialisten gelingt, auf dem Wege der Verständigung oder der Demonstration die Zustimmung der vorgeschritteneren Elemente der bürgerlichen Parteien zu erlangen.

Das braucht nicht notwendigerweise wenig zu sein. Wie immer man sich den vollendeten sozialistischen Zustand denkt, so kann doch niemand darüber im Zweifel sein, daß er nicht mit einem großen Sprung erreicht werden, sondern nur das Ergebnis einer ganzen Kette von Maßnahmen sein kann, die in mehr oder weniger Zeit in Anspruch nehmenden Zwischenräumen zur Durchführung gebracht werden. Das haben die großen Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus bei verschiedenen Gelegenheiten anerkannt. Keine dieser Maßnahmen aber wird, keine darf unverträglich sein mit dem im betreffenden Zeitpunkt gegebenen Stand der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung. Ist sie es, dann wird sie eben fehlschlagen und die Sozialisten, die sie forderten oder erzwangen, mehr schädigen als die bürgerlichen Parteien. Für diejenigen Maßnahmen aber, die mit dem erreichten Stand der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung verträglich waren, haben sich, auch wenn sie noch so stark in die Rechte und in die Machtsphäre des Besitzes eingriffen, fast immer noch bestimmte Flügel der nichtsozialistischen Parteien gewinnen lassen.

Es ist also ein sehr genaues Eindringen in die voraussichtlichen Wirkungen wirtschaftlicher und sozialpolitischer Maßnahmen notwendig. Die Zusammenstellungen sozialistischer Maßnahmen, welche Marx und Engels bei verschiedenen Gelegenheiten – am Schluß des Kommunistischen Manifests, sowie als Programm der Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland nach Ausbruch der Revolution von 1848 – für den Fall der Besitzergreifung der politischen Macht durch die Arbeiter ausgearbeitet haben, können heute nur mit diesem Vorbehalt in Betracht gezogen werden. Teile von diesen Forderungen sind durch bürgerliche Bewegungen und Parlamente zur Verwirklichung gebracht worden; andere setzen den Zustand einer auf die Spitze getriebenen politischen Revolution und eine längst nicht mehr bestehende Einfachheit der Verhältnisse voraus und wieder andere bergen Probleme, deren ihre Verfasser sich nicht bewußt waren und bei jener Einfachheit der Verhältnisse auch nicht sein konnten. Dahin gehört zum Beispiel die Forderung des Kommunistischen Manifests: „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ Gegenüber dem hochentwickelten und weitverzweigten Kreditsystem unserer Zeit ist sie von einer geradezu kindlichen Simplizität. Ebenso die Forderung von 1848: „Die Hypotheken auf den Bauerngütern werden für Staatseigentum erklärt“, wo heute die Masse dieser Hypotheken in den Händen öffentlicher und halböffentlicher Institute (Sparkassen, Versicherungsgesellschaft usw.) sind. Die Forderung des Kommunistischen Manifests „Abschaffung des Erbrechts“ ist von dessen Verfassern im Programm aus der 1848er Revolution in „Beschränkung des Erbrechts“ abgetönt, und später nennt Marx sie in der Polemik gegen die Bakunisten eine Saint-Simonistische Marotte. Mit dem Fortschritt der Gesellschaft erhalten bestimmte Forderungen ein anderes Gesicht, muß der ihnen zugrunde liegende Gedanke in anderer Form praktische Anwendung finden. Es wird in der Arbeit für sozialistische Verwirklichungen eine sehr viel ausgearbeitetere Spezialisierung notwendig. Sie läßt die Fortschritte, die jeweilig gemacht werden können, kleiner erscheinen, als manche früher vollzogenen, sie werden aber dafür auf bedeutend größerem Umfange gemacht, als jene.

Nachdem durch die politischen Umwälzungen, die der Krieg im Gefolge gehabt hat, die staatspolitischen Rechtsforderungen der Sozialdemokratie in Deutschland und in den meisten anderen Ländern im wesentlichen zur Verwirklichung gelangt sind, handelt es sich darum, den sozialistischen Gedanken im Wirtschaftsleben zu immer stärkerer praktischer Anwendung zu bringen, Bestrebungen, für die heute der Sammelbegriff Sozialisierung gebraucht wird. Es liegt nahe, für ihn das deutsche Wort Vergesellschaftung zu setzen. Dieses sagt aber nicht ganz das Gleiche. Bei ihm denkt man fast nur an die Umwandlung von privaten Unternehmungen oder Gruppen von solchen in öffentliches und für die Allgemeinheit bewirtschaftetes Eigentum. Der Begriff Sozialisierung hat aber einen weiteren Rahmen. Er findet auch Anwendung auf die Umwandlung von Rechten auf die Unternehmung und über ihren Betrieb. Und das ist für das vorliegende Problem von nicht geringer Bedeutung.

Für die Umwandlung von Unternehmungen oder Industrien in gesellschaftliches Eigentum war, von örtlichen Unternehmungszweigen abgesehen, bisher die Verstaatlichung die gebräuchlichste Form, bei der es gleichgültig ist, ob der Staat Staat heißt oder Reich. Welche außerökonomischen Bedenken heute in Deutschland der Verstaatlichung entgegenstehen, ward oben dargelegt; es nehmen aber auch aus anderen Gründen nicht nur Bourgeoisökonomen, sondern auch Sozialisten Anstand, der Verstaatlichung als allgemein anwendbar das Wort zu reden. Man trägt Bedenken, die Industrie der Bureaukratisierung auszuliefern und möchte auch nicht das Staatsbeamtentum ins Unbegrenzte vermehren.

Ganz unbegründet sind diese Bedenken nicht. Was immer man der kapitalistischen Produktion vorwerfen kann, eines bleibt unbestreitbar und ist auch von Marx rückhaltlos anerkannt worden: sie war ein gewaltiger Faktor des technisch-ökonomischen Fortschritts, der Ökonomisierung von Material und Arbeit. Es wird nun bezweifelt, daß die bureaukratisierte Produktion das gleiche leisten würde – nicht nur, weil bei ihr der Antrieb zu durchgreifenden Verbesserungen der Technik nicht der gleiche ist, sondern auch weil der Wagemut des Unternehmers in Wegfall kommt. Es ist nicht, wie man in sozialistischen Kreisen angenommen hat, die Größe der Unternehmung, bzw. des Betriebes, die über deren Reife zur Sozialisierung entscheidet. Marx spricht im zitierten Kapitel seines Hauptwerks von dem „Punkt, wo die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle“. Aber dieser Punkt ist keineswegs in allen Produktionszweigen der gleiche. Es kommt daher heute, wo wir diesen Dingen näher stehen, durchaus darauf an, objektive Merkmale für die Eignung von Wirtschaftsunternehmungen zur Sozialisierung und für die besten Formen dieser zu suchen. Manches ist in dieser Hinsicht schon geschehen. Der aus der Praxis gekommene Stadtbaurat Alphons Horten, der sechs Jahre Direktor im Thyssen-Konzern und dann Leiter der großen de-Wendel-Werke war, gibt in seiner sehr lesenswerten Schrift „Sozialisierung und Wiederaufbau“ an der Hand praktischer Erfahrung eine Klassifizierung der Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der Eignung zur Sozialisierung und zeigt auf, was geschehen kann, bei dieser die Übel der Bureaukratisierung zu vermeiden. Maßgebend ist nach ihm die Frage, ob der in Frage kommende Produktionszweig schon in das Stadium angelangt ist, wo die Leitung im wesentlichen nur noch Routinewerk ist und bahnbrechende Neuerungen unwahrscheinlich geworden sind oder nicht. Ein anderes Merkmal ist nach der Ansicht des Schreibers dieses in der Natur des Erzeugnisses gegeben, ob es einem großen, in weiten Kreisen gleichmäßig vorhandenen Bedürfnis dient bzw. einen von Geschmack und Mode unabhängigen Absatz hat oder nicht. So daß also die Industrien der ersten Bearbeitung der Rohstoffe und die der Halbfabrikate zur Sozialisierung geeigneter erscheinen würden als die der Fertigfabrikate, wofür auch spricht, daß sie in viel höherem Grade der Konzentration in Großunternehmungen verfallen sind als die letzteren. Ein Beispiel dafür liefert die Textilindustrie, wo die Spinnerei ungleich stärker zentralisiert ist als die Weberei und Wirkerei.

Es ist also nicht unmöglich, die Vorbedingungen für eine wissenschaftlich-systematische Stufenfolge der Sozialisierungen zu ermitteln, die das Problem aus der Sphäre der kritiklosen Experimentiererei herausheben und Fehlgriffen vorbeugen würde. Das Gleiche gilt hinsichtlich der Stufen der Sozialisierung. Es kann auf vielen Gebieten sich als notwendig erweisen und ist auch sehr wohl möglich, diese letztere gradweise in die Wirklichkeit umzusetzen. Worum handelt es sich überhaupt bei ihr? Ihr Zweck läßt sich zusammenfassend kennzeichnen als die Erzielung spezifisch wirtschaftlicher und allgemein sozialer Wirkungen sowie die Änderung des Rechtsverhältnisses der in der Wirtschaft tätigen Menschen. In erster Hinsicht zielt sie ab auf die größte Produktion von materiellen Gütern unter der größtmöglichen Ökonomie an Sachwerten und menschlicher Arbeit; in zweiter auf die möglichst umfassende Durchführung des Grundsatzes der Genossenschaftlichkeit im Arbeitsprozeß und bei der Regelung des Entgelts der Arbeit sowie um die Hebung der Rechtsstellung der als Angestellte und Arbeiter in der Wirtschaft tätigen Personen. Alle tiefgreifenden Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, die auf die Verwirklichung dieser Ziele gerichtet sind, gehören zum Bereich der Sozialisierung. Die Sachkundigen stimmen nun darin überein, und die vom sozialistischen Rat der Volksbeauftragten zusammengesetzte Sozialisierungskommission erklärte in ihrem ersten Bericht ausdrücklich, sie sei