Wir wenden uns jetzt der für diese, wie für jede folgende Zeit wichtigsten Komposition zu, in der die Hölle und der Teufel nie fehlen: dem jüngsten Gerichte. Darstellungen desselben kommen bereits zu Ausgang der altchristlichen Kunst vor, so in den Katakomben und in den Mosaiken von Ravenna.[150] Dass sie in unsere Besprechung nicht aufgenommen worden sind, veranlasste das Fehlen des Teufels und der Hölle in damaliger Zeit. In den ersten acht Jahrhunderten wurde Christus im Kreise der Apostel dargestellt, wie er die Guten von den Bösen scheidet. Von einer Vergeltung des Guten und Bösen, von Belohnung und Strafe ist noch nirgends etwas zu finden. Dieser Gedanke findet sich zuerst, wie es scheint, auf einer Terracotta im palazzo Barberini (XI. Jhrdt.)[151] Hier liegen zu Christi Füssen eine Geissel als Symbol der Strafe, daneben zwei Beutel als das der Belohnung. Wie sich aus diesen Andeutungen die im Mittelalter übliche Komposition, in der die Hölle mit allen ihren Schrecken gezeichnet wird, entwickelt hat, lässt sich bei dem gänzlichen Mangel an Zwischengliedern leider noch nicht verfolgen. Für die Komposition aber, wie Kraus vorschlägt[152], vorbereitende Momente anzunehmen, etwa die Scene: Der reiche Mann und der arme Lazarus, ist kein Grund vorhanden, da diese Darstellungen jüngsten Gerichte gleichzeitig sind und eine gegenseitige Entwicklung ausschliessen. Wahrscheinlich hat sich die spätere Komposition, welche seit dem X. Jhrdt. üblich wird, sich aus den beschriebenen frühen allmählich entwickelt, nur müssen wir vorläufig auf die Erkenntnis dieser Entwicklungsgeschichte verzichten.

Nach der gewöhnlichen Darstellung zerfällt das Bild in zwei horizontale Hälften. Auf der oberen thront in der Mitte Christus, umgeben von einer Aureole, zu seiner Seite rufen je zwei Engel die Toten aus den Gräbern. Links und rechts von ihnen sind die Apostel. Zu ihren Füssen befinden sich in der unteren Hälfte links die Seligen, rechts die Verdammten, also in der Hölle.

Die früheste derartige uns bekannte Schilderung der Hölle innerhalb des jüngsten Gerichtes dürfte sich auf einer Elfenbeinplatte des South-Kensington Museums befinden, welche aus karolingischer Zeit stammt.[153] Hier ist die Hölle als schreckliches Ungeheuer mit gewaltigem Rachen geschildert, welcher die Verdammten verschlingt. Die nächste vorhandene Darstellung ist erst in dem unter Ansfried (995–1005) geschriebenen Evangelienbuch erhalten.[154] Hier sieht man in der flammenden Hölle einen grossen Teufel. Von drei kleineren zieht einer mittels Haken einen Kleriker an sich, ein zweiter erfasst mit seinen Krallen einen Mönch und einen Laien. Ferner erblickt man einen gekrönten Mann, zum Zeichen, dass in der Hölle jeder Standesunterschied aufgehoben ist und nur die strafende Gerechtigkeit waltet. In dem Bamberger Evangelistarium Heinrichs II. zu München[155] ist die Hölle als ein Flammenmeer geschildert, das die Verdammten umschliesst. Teufel zerren die Sünder mit Haken in die Tiefe zum gefesselten Lucifer hinab. Mit diesen Miniaturen fällt zeitlich ein Fresko in St. Angelo in Formis,[156] wohl das früheste Wandbild, das sich bis jetzt für das jüngste Gericht nachweisen lässt und von Griechen gemalt zu sein scheint, zusammen. Die Hölle zerfällt darauf in zwei Abteilungen. In der oberen sehen wir die Schar der Verdammten, welche von dem Engel zu Christi Füssen fortgewiesen werden. In der unteren Abteilung ist die eigentliche von Flammen durchwogte Hölle geschildert, in welcher die Sünder büssen. Hier thront der geflügelte Lucifer. Er hält auf seinem Schosse Judas Ischarioth und greift mit den Klauen nach einem anderen Sünder, der ihm aus der Schar der übrigen zugetragen wird. Ein anderer Teufel zerrt aus einer Gruppe Mann und Frau, welche durch Schlangen mit einander verbunden sind, in die Glut. Interessant ist hier der Versuch, Lucifer menschlicher zu fassen. Der Kopf hat tierisches Aussehen, stark hervortretende Unterkiefer mit grossen, sichtbaren Zähnen gleich einem reissenden Tiere, Bocksohren und Hörner. Die grossen Augen strahlen einen unheimlichen Glanz aus. Seine Schergen sind schwarz, geflügelt und geschwänzt. Freilich ist das Vermögen des Künstlers Affekte, das seelische oder körperliche Leiden, zu veranschaulichen gering, möglicherweise haben hier auch die späteren Übermalungen diesen Mangel mitverschuldet.

Als eine Weiterbildung dieses Gemäldes kann das grosse Mosaikbild in der Kathedrale von Torcello[157] bezeichnet werden. Es zerfällt in mehrere horizontale Streifen. In den beiden untersten ist die Seelenwägung und die Hölle dargestellt. Skt. Michael hält die Seelenwage.[158] Zu seiner Rechten versuchen zwei satyrköpfige, geflügelte Teufel die eine Schale mit Stangen herabzudrücken oder durch Säcke, welche das Mass der Sünde repräsentieren, zu beschweren. Gleich neben ihnen stossen Engel des Zornes die Verdammten in die Hölle, welche in zwei Felder geteilt ist. Beide werden von einem Feuerstrom, der von Christi Füssen ausgeht, umflossen. In dem oberen Felde sitzt auf gewaltigen Schlangen Lucifer. Sein Haar und Bart ist wirr und weiss. In seinem Schosse hält er Judas Ischarioth. In dem Felde darunter werden die Sünder gemartert. Hier erblickt man Priester und Könige. Ein nacktes Sünderpaar ist bis zu den Hüften von Flammen umzüngelt. Einige Sünder nagen sich die Hände; es sind vielleicht die Jähzornigen. Von anderen ragen nur die mit grossen Ohrgehängen geschmückten Köpfe aus dem Flammenpfuhl hervor. Am Boden aber liegen Schädel, aus deren Augenhöhlen sich Schlangen ringeln. Dass hier verschiedene Klassen von Sündern dargestellt werden sollten, ist sehr wahrscheinlich.

Auch dieses Gemälde ist ganz unter byzantinischem Einfluss, wenn nicht gar von byzantinischen Künstlern selbst angefertigt. Die Komposition hat mit der zweifellos byzantischen von Angelo in Formis die grösste Ähnlichkeit. Die verschiedenen Abteilungen der Hölle, die Darstellungen Lucifers, die verschiedenen Kategorien der Sünder stimmen in beiden überein. Nur ist im Dome von Torcello alles ausführlicher und breiter geschildert, und wenn die gesammte Komposition des jüngsten Gerichtes auch andere Bestandteile wie Seelenwägung, Auferstehung noch enthält, so darf man nicht vergessen, dass zwischen beiden Fresken vielleicht zweihundert Jahre liegen. Dass aber auch die Seelenwage und die Auferstehung byzantinischer Herkunft ist, zeigt Schäfer im Malerbuche.[159] Wenn also Jessen[160] und andere den byzantinischen Einfluss leugnen, indem sie bis ins Einzelne gehende stilistische Untersuchungen anstellen, aus denen eine abendländische, gleichsam autochthone Kunst hervorgehen soll, so muss dies, wollte man selbst die Richtigkeit ihrer Auslegungen zugeben, doch zurückgewiesen werden, denn nicht die Form allein darf für die Beurteilung der Frage geltend sein, sondern vornehmlich der geistige Inhalt der Werke. Dieser ist aber durchaus byzantinisch. Jeder Gedanke, den die abendländische Kunst zum Ausdruck brachte, lässt sich, seltene Fälle ausgeschlossen, auch in der byzantinischen nachweisen (wofür Didron in seinen Anmerkungen zum Malerbuch zahlreiche Beweise erbracht hat). Da aber zweifellos Byzanz in der Pflege der Kunst ununterbrochen thätig gewesen ist, während dieselbe im Westen seit der Völkerwanderung so gut wie brach lag, und da Byzanz zweifellos die Priorität vor dem Abendlande gehört, so muss das geistige Eigentum oder sagen wir die Umbildung der in der späteren Kunst gültigen Darstellungskreise wie überhaupt, so auch in betreff des vorliegenden Gegenstandes Byzanz gewahrt bleiben.

Unsere Annahme wird durch eine andere Darstellung des XII. Jhrdts. im hortus deliciarum vollständig bestätigt. Hier ist die Hölle getrennt vom jüngsten Gerichte auf einem eigenen Blatte dargestellt.[161] »Ein Geklüfte, in dessen Höhlungen Flammen sprühen und Verdammte braten, bildet die Einfassung. Flammenmeere teilen das Innere in vier Felder. In dem untersten, im tiefen Abgrund der Hölle, sitzt Lucifer mit Ketten geschlossen, den Antichrist im Schoosse. Zunächst bringt ein Teufel einen geldgierigen Mönch, dessen Strafe sogleich daneben erblickt wird; er liegt entkleidet auf dem Rücken, während ihm ein Teufel glühendes Gold in den Mund schüttet. Im zweiten Felde von unten sind zwei Kessel aufgehängt, in denen Verdammte gesotten werden. In dem Felde darüber wird dem Wucherer glühendes Gold in die Hand gegossen. Der Verleumder muss eine Kröte belecken; dem Auflauerer werden die Ohren gezwickt; einer Putznärrin macht der Teufel Toilette. Die Kindesmörderin muss ihr eigenes Kind aufzehren. Im obersten Felde ist ein Seil so durch zwei Öffnungen des Geklüftes gezogen, dass es in der Mitte eine Schaukel bildet, auf der ein grinsender Teufel sitzt; an den beiden Enden des Seils, die durch das Geklüfte auf den Seiten herabhängen, schweben, das Gleichgewicht haltend, zwei Verdammte, an Händen und Füssen gebunden; überdies wird jeder von einem Teufel an den Haaren festgehalten. Weiter ist ein Verdammter an den Füssen aufgehängt, von dessen Hals an einem Seile ein Block herabhängt, an dem sich ebenfalls ein Teufel schaukelt. Noch sind hier Wollüstlinge, die von Schlangen umwunden und zerbissen werden; ein Selbstmörder ist verdammt, sich ewig das Messer in den Leib zu stossen.«

Diese Beschreibung zeigt eine Unmenge von Motiven, denen wir freilich vorher nirgends begegnet sind. Voss hat diese Darstellung des jüngsten Gerichtes mit gleichzeitigen Miniaturen, auf deren Wiedergabe wir verzichten wollen, verglichen und gelangt zu dem Resultat, dass dieses Werk der Herrad einzig dasteht und sich seine Motive sonst nirgends in der abendländischen Kunst finden. Einen Vergleich lässt höchstens die byzantinische Darstellung der Hölle im Dome von Torcello zu. Und doch ist zwischen beiden ein noch grösserer Abstand, wie zwischen denen von Torcello und St. Angelo in Formis. Dagegen bietet das Malerbuch eine Menge von Vergleichungspunkten. Jeder von der frommen Äbtissin dargestellte Gedanke scheint einer der dort aufgestellten Forderungen zu entsprechen. Und da auch sonst in ihren Werken sich Darstellungen finden, die nur in byzantinischen Miniaturen vorkommen, so haben wir im hortus deliciarum unzweifelhaft eine Höllendarstellung, in welcher byzantinische Motive und Gedanken auf deutschen Boden verpflanzt wiederkehren.

Eine besondere Besprechung verdienen noch die Compositionen im Anschluss an die Apokalypse, deren allegorische Bilder wir bereits kennen gelernt haben. Der Drache wird gewöhnlich im Kampfe mit dem Erzengel Michael dargestellt. In einer Handschrift aus dem X. Jhrdt. stösst der Heilige dem Untier, welcher einen Schlangenleib, Katzenkopf und Flügel hat, die Lanze in den Rachen. Aus der Nase speit er Feuer, seine Zunge geht in einen kleinen Drachen aus. Eine mit Miniaturen geschmückte byzantinische Apokalypse zeigt den Drachen mit sieben Köpfen, eine Frau in der Wüste verfolgend, und das Seetier ebenfalls mit sieben Köpfen. Letztere sind gelb und grün und tragen den Nimbus als Symbol der Gewalt.[162] Ein anderes Mal finden wir zu Apoc. III, 3 einen Leoparden mit Bärenfüssen als Illustration. Eine Miniatur bietet der hortus deliciarum zu Apoc. XVII, 3. Die grosse Hure Babylon sitzt gekrönt, mit prächtigen Gewändern geziert, mit über die Schultern wallenden Haaren auf dem Meerungeheuer, dem Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Das Tier hat Ochsenfüsse mit gespaltenen Klauen, was der Beschreibung der Apokalypse nicht entspricht, welche ihm Bärenfüsse beilegt. Es geht im Meere, während am Ufer Menschen aller Klassen auf die Hure schauen. Sie trägt ein Diadem mit der Schrift: Babylon magna. Dass für diese Darstellungen die byzantinischen Miniaturen Vorbild waren, wird durch das Fehlen gleichzeitiger abendländischer erklärt.

Welches Gesammtbild tritt uns nun aus diesen zahlreichen Bildern für die künstlerische Darstellung des Teufels und der Hölle entgegen?

Der Teufel hat in den meisten Bildern eine ziemlich gleichmässig wiederkehrende Gestalt. Sie ist zwiefacher Bildung: symbolisch und wirklich. Die symbolische Darstellung war in der altchristlichen Kunst allein üblich und ist von der byzantinischen übernommen und weiter entwickelt worden. Sie lebte ja auch in der Phantasie der Völker durch die Bibel fort und ihre Wiedergabe entsprach somit dem Bedürfnis, das, was man glaubte, auch mit den Augen zu sehen. Der Teufel tritt in der Kunst als Schlange, Drache, Löwe und phantastisches Ungeheuer auf. Diesen Tieren wird ein lebhafter Anteil an der jedesmaligen Handlung zugeschrieben, wie im Sündenfall, im Kampfe Christi und St. Michael’s mit dem Drachen. Der letztere, welchem wir in der altchristlichen Kunst nur als Seedrachen begegneten, ist ein vielgestaltiges Ungeheuer geworden, für welches die Apokalypse dem Künstler die einzelnen Züge vorgezeichnet hat. Er ist das ständige Symbol des Teufels geworden und trägt den Nimbus als Zeichen seiner Macht. Diese sucht er im Kampfe geltend zu machen, aber er unterliegt und liegt gefesselt im Abgrund der Hölle. Hier setzt er vergeblich dem niederfahrenden Christus Widerstand entgegen und windet sich wutschnaubend am Boden. Wie in den Bildern der altchristlichen Kunst spricht sich auch in diesen eine frohe Zuversicht und ein inniger Glaube an die Macht Christi als den Erretter aus der Gewalt des grimmen Feindes aus.

Die konkrete Gestalt des Teufels tritt häufiger als die symbolische auf. Sie war in der altchristlichen Kunst nie versucht worden und ist wohl sicher als eine Schöpfung der Byzantiner anzusehen. Der Böse wird zwiefach, rein menschlich oder in Verbindung mit tierischen Attributen gestaltet. Als Mensch tritt er meist nackt auf. Indem so sein Bild das sittliche Gefühl des Beschauers verletzte, entsprach es der Vorstellung von seiner Verworfenheit und Niedrigkeit. Wenn ihn aber die Künstler zuweilen mit einem Lendenschurz darstellten, so folgten sie dem in damaliger Zeit üblichen strengeren Schicklichkeitsgefühl. Der Typus der gesammten Gestalt ist byzantinisch. Das Gesicht mit den grossen flammenden Glotzaugen und der hakenförmigen Nase zeigt meist verzerrte Züge. Die Glieder sind unproportioniert, Arme und Beine sind mager. Der Oberkörper, welcher oft mit Runzeln und Haaren bedeckt ist, wird fettig und schwammig oder geradezu im Gegenteil zum Skelett eingetrocknet geschildert. So nimmt die Gestalt den Zug der Hässlichkeit und Niedrigkeit an. Noch diabolischer wird ihr Aussehen durch das Hinzutreten tierischer Attribute. Der Teufel hat dann Ähnlichkeit mit dem Satyr der antiken Mythologie. Er ist kenntlich durch das Bocksohr, das borstige Haar, das Schwänzchen, durch die Umgestaltung des Fusses in ein Bocksbein, in Greifenfüsse und durch lange Krallen an Händen und Füssen. So vereinigt sich die tierisch-sinnliche Kraft mit der geistigen des Menschen zu jenem Doppelwesen, welches dem Phantasiebilde am besten entspricht. Beide Gestalten haben aber die Farbe des Aussehens gemein. Sie ist schwarz und grau. Eine geistvolle Erklärung zu dieser Darstellung giebt Gottfried von Viterbo, wenn er sagt:[163] »Gott habe den Teufel geschaffen, weil er in seinem Weltgemälde nach Art der Maler die dunkelen Farben gebrauchte, um die Wirkung der hellen zu verstärken.« Die schwarze Farbe erweckte auch das Gefühl des Grauens und passte zu dem Gott der finsteren Unterwelt. Schwarz ist die Farbe der Nacht, welche das Verbrechen verbirgt. Bisweilen wird der Teufel auch rotbraun gemalt gleichsam in den Farben der flammenden Hölle, um ihn als Sohn der letzteren zu bezeichnen. Die menschliche, wie tierische Gestalt haben endlich noch die Flügel gemeinsam. Diese sind der der Fledermaus nachgebildet, verleihen der Erscheinung ein gespensterhaftes Aussehen und sind ein sinniges Attribut für den nimmer ruhenden Geist der Lüge.

Die enge Beziehung, in welcher der Teufel nach dem Glauben jener Zeit zu den Menschen stand, findet in den zahlreichen Darstellungen einen künstlerischen Ausdruck. Ebenso wie er Christum verführen wollte, Judas zum Verräter machte und die Menschen durch Krankheiten heimsuchte, so versuchte er es täglich bei den Frommen; jene biblischen Bilder gaben somit die Stimmungen eines geängstigten Gemütes in einer allgemein verständlichen Einkleidung wieder. Dabei ist die zwiefache Auffassung von der Thätigkeit des Teufels als der Repräsentation des bösen Willens im Menschen und der äusseren Machtinstanz, welche in der Bibel deutlich zu unterscheiden war, künstlerisch nicht zum Ausdruck gekommen. Der Teufel tritt stets als handelnde Person auf. Er trägt Christus auf den Gipfel des Berges, auf die Zinne des Tempels, in die Wüste. Eindringlich, lebhaft gestikulierend redet er auf ihn ein. Er peinigt den armen Hiob und schleppt die Seele des Lazarus fort. So hat ihn die Kunst in seiner Thätigkeit in anschaulicher Weise geschildert.

Weniger eingehend und weniger häufig ist der Lebenslauf des Teufels behandelt. Seine Erschaffung durch Gott ist nirgends dargestellt. Über sie mochte auch das Volk nicht nachgrübeln und überliess diese Fragen den Philosophen und Theologen. Daher war für eine solche Darstellung kein Bedürfnis vorhanden. Wenn dagegen die Besiegung des Teufels durch Christus und seine ewige Fesselung häufig abgebildet erscheinen, so liegt der Grund dafür wieder in der allgemeinen Verständlichkeit, in der Beziehung dieser Scenen auf Christus als den Erlöser der verdammten Menschenseele.

Individuelle Gesichtszüge zur Charakterisierung des eigentlichen teuflischen Elementes, das uns aus dem Inhalt der Darstellung entgegentritt, sind freilich nicht zu finden, weil die Kunstmittel dazu nicht ausreichten. Zudem liess der hieratische Charakter der byzantinischen Kunst dem individuellen Ermessen nur wenig Spielraum. Demgemäss hat auch der Gesichtsausdruck des Teufels den gleichen nichtssagenden, generellen Typus und der Charakter wird nur äusserlich durch die Handlung und Attribute angedeutet.

Eng verwachsen mit der Darstellung des Teufels ist die der Hölle, in welcher jener als Nachrichter schreckliche Vergeltung übt. Auch sie wird in zwei Auffassungen geschildert: Symbolisch und wirklich. Die erste, welche schon die altchristliche Kunst anzudeuten versucht hatte, nimmt in dieser Zeit eine bestimmte Form an. Der weitgeöffnete Rachen des Untieres, der feuerspeiende, zu Boden geworfene Drache oder Riese sind die einzigen Symbole. Meist ist eben das Bild ein konkretes, und es lässt sich für diese Composition eine allmähliche Entwicklung verfolgen, indem die Scenerie im Laufe der Zeit immer reicher ausgemalt wurde. Während sie auf den frühsten Bildern nur angedeutet wird ohne eine besondere nähere Bestimmung der Örtlichkeit, wird diese auf den späteren als flammendurchwogter Abgrund oder als Felsenhöhle geschildert. Ein Unterschied wird wohl zwischen der Vorhölle und der Hölle gemacht, indem die erstere in der byzantinischen Kunst meist flammenlos abgebildet wird, in der abendländischen aber nicht. Thore und Schlösser, welche bei der Höllenfahrt Christi oft am Boden zertrümmert liegen, deuten auf den Ort als einen wohlbewahrten hin. In der Hölle thront als oberster Herrscher der Teufel, welchen man gewöhnlich als Lucifer zu bezeichnen pflegt. Als Personifikation der Hölle fehlt er selten. Er sitzt in der Tiefe derselben auf Schlangen und ist an den Füssen gefesselt, getreu der bekannten Schilderung der Bibel. Seine Gestalt zeigt die gewöhnlichen Züge des Teufels, nur ist sie grösser und trägt als Zeichen ihrer Macht die Krone. Lucifer hält den Erzsünder Judas Ischarioth auf dem Schoosse und scheint Befehle an die ihn umgebenden Teufel, welche die Rolle von Schergen spielen und gewissermassen als weitere Emanation seines Wesens erscheinen, zu erteilen. Diese erfüllen ihre Arbeit mit grösstem Eifer, indem sie die Sünder mit Ketten, Stricken und Haken in die Hölle zerren. Die Schrecken der Hölle werden durch Schlangen und Kröten vervollständigt.

Die Sünder, welche in der Hölle schmachten, repräsentieren verschiedene Menschenklassen, ohne Rücksicht auf Rang und Stand. In den frühsten Schilderungen erleiden sie alle nur die gleiche Pein durch die Feuerstrafe, im XI. und XII. Jhrdt. aber werden die verschiedenen Verbrechen verschieden bestraft, und zwar sind die Strafen analog den Vergehen auf der Erde. Freilich sind sie rein äusserlich und nur physischer Natur, von den psychischen Leiden merkt man den Sündern nichts an. Es herrscht auch hier der schablonenhafte Typus der byzantinischen Vorbilder vor.

Die Darstellung der Hölle entspricht ebenso wie die des Teufels den Anschauungen, denen wir in der Litteratur begegneten. Und wenn sich die christliche Vorstellung von beiden, wie gezeigt worden, leicht mit germanischen vereinigte, so finden wir dies in den Bildern bestätigt, welche ja jene Ideen wiederspiegelten. Die byzantinischen Künstler aber erweisen sich als poesievolle Naturen, welche ihren Gestalten sinnige Attribute gaben. Sie haben den Gedanken an die leibhaftige Gestalt des Teufels, seiner Macht und an die einstige Vergeltung zuerst in eine künstlerische Form gebracht. Ihre Bilder traten demjenigen, der nicht lesen konnte oder nicht gebildet genug war die Predigt und Lektionen zu verstehen, als eine geschriebene Predigt zur bleibenden Erinnerung vor die Seele und mochten um so eindringlicher und überzeugender sein.

Die Darstellung des Teufels und der Hölle von den Pisanern bis Orcagna.

Bei der Darstellung des Teufels und der Hölle trat sowohl in der altchristlichen, wie in der byzantinischen Kunst die Individualität der schaffenden Künstler vollständig zurück. Die Darstellungen wurden nach einer festen Tradition in bestimmte Typen und Formen gebracht, und der Ort ihrer Entstehung war für die selbstständige Erfassung und Ausführung derselben von geringer Bedeutung.

Die Ursache lag darin, dass die Kirche bisher die Trägerin der gesammten Kunst und Kultur war, und die Beteiligung der Laienwelt so gut wie ganz ausgeschlossen blieb. Erst mit dem Aufblühen der Städte, mit der Ausbildung nationaler Elemente, mit der Concentration des geistigen Lebens auf einzelne hervorragende Orte, etwa seit der Regierung der Hohenstaufen, trat im Westen Europas ein Umschwung ein. Namentlich entwickelten sich in Italien mächtige Gemeinwesen, so besonders Florenz, die unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Kämpfe und ihrer inneren politischen Parteiungen starke Individualitäten auf allen Gebieten des geistigen Lebens hervorbrachten. Italien beginnt seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts getrennt von Deutschland und Frankreich seine eigene Entwicklung zu nehmen, besonders auf geistigem Gebiet. Für die Kunst wird es und damit hauptsächlich Florenz von jetzt an die Führerin im Abendlande.

In Florenz treten zuerst die grossen genialen Künstlernaturen auf, welche durch ihre monumentalen Werke, in denen sie sich allmählich von den Fesseln der byzantinischen Tradition freimachten, bahnbrechend für die gesammte Kunst wirkten. In dem Bestreben nicht sowohl Neues als vielmehr das Alte, den bisherigen, religiös-kirchlichen Darstellungskreis so lebendig und wahr wie möglich zu schildern, um eben dadurch umso nachdrücklicher auf Herz und Phantasie des Beschauers zu wirken, haben sie auch allmählich den Typus von Teufel und Hölle abgewandelt und zuletzt jenes farbensatte Bild geschaffen, das für die Folgezeit bis auf die Gegenwart in Geltung geblieben ist.

Alle Studien über diese Zeit, mögen sie nun die gesammte Kunst oder ein Gebiet derselben betreffen, müssen immer auf den Genius zurückgeführt werden, welcher die geistigen Anschauungen seiner Zeit in seinen Werken am prägnantesten zum Ausdruck gebracht und am meisten umgestaltend auf das ganze Kulturleben nicht nur seiner engeren Heimat, sondern der Menschheit überhaupt gewirkt hat: auf Dante

»Dal ciel discese e col mortal suo, poi
Che visto ebbe l’inferno giusto e’l pio
Ritornò vivo a contemplare Dio,
Per dar di tutto il vero lume a noi.«[164]

recitierte einst Michelangelo seinen Freunden Donato Gianotti, Luigi del Riccio u. a., eine vorzügliche Beurteilung, da Dante thatsächlich neues Licht in die bisherigen eschatologischen Vorstellungen gebracht hat. Sein »Inferno« kommt für die Ikonographie des Teufels und der Hölle wesentlich in Betracht, da es das zu allen Zeiten detaillierteste und anschaulichste Bild davon enthielt.

Dante hat zu seinem Werke das Material gleichsam vorbereitet gefunden und seine Vorläufer sind zum Teil bekannt. Zu diesen gehören zunächst die Scholastiker, welche den kirchlichen Glauben an die Existenz von Hölle und Teufel unterstützten, indem sie besonders genau die Örtlichkeit fixierten. Sie verlegten dieselbe nämlich ins Erdinnere und unterschieden vier Abteilungen: 1. sinus Abrahae, nunc vacuus, 2. purgatorium, 3. sinus liberorum, 4. gehennae.[165] Thomas v. Aquino nannte die Hölle ignis corporalis und meinte, dass hier die Leiber glühen, ohne zu brennen.[166] Ferner wurde unter dem Einfluss der allgemeinen Verhältnisse jener Zeit, in welchen infolge des Kampfes zwischen Papst und Kaisertum die Entsittlichung und Irrreligiosität in den höheren geistlichen, wie weltlichen Ständen gewaltig zunahm, Aberglaube aller Art in den Vorstellungen des niederen Volkes herrschte, und selbst der Gottesdienst nur in Äusserlichkeiten bestand, da die Predigt durch Anekdoten und Scherze die Menge zu interessieren suchte, der Gedanke an die einstige Vergeltung, an die Hölle und den Teufel in der ganzen Litteratur in Legenden, Visionen und besonders in den seit dem 12. Jhrdt. aufkommenden geistlichen Schauspielen immer auf’s Neue und gründlichste erörtert.[167] Giacomo v. Verona, Bonvesinus, Jacopone da Todi schildern die Hölle in grellen Farben, besonders aber drei grosse aus Irland stammende Visionen: »Die Reise des hlg. Brandanus, das Purgatorium des hlg. Patritius und Tundalus.« In diesen früh in die Vulgärsprachen übertragenen Dichtungen werden die Örtlichkeiten der Hölle und die Qualen der Verdammten eingehend beschrieben. »So sieht der Tundalus einen hohen Berg, auf der einen Seite stinkendes Feuer, auf der andern Eis und Wind, wo abwechselnd in dem einen und dem andern die Seelen gepeinigt werden. Das sind die Treulosen und Betrüger, sagt ihm der führende Engel; er sieht einen Schwefelfluss mit anderen Seelen darin. Hier schmachten die Hochmütigen.« Es bildete sich daher bald eine typische Manier für die Beschreibung der Strafarten: Seeen von Eis, voll Feuer und Blut, in welche die Sünder eingetaucht sind, Dämonen und Schlangen, welche sie zerreissen, der offene Rachen des höllischen Abgrundes, kehren in allen Gedichten wieder. Dergleichen veranschaulichen auch die Mysterienspiele: wie die Parabel von den klugen und törichten Jungfrauen, vom reichen Mann und armen Lazarus, von Theophilus und Frau Jutta, Christus im Limbus.[168] Giovanni Villani erzählt,[169] dass am 1. Mai 1304 zur Belustigung des Volkes in Florenz ein Fest auf Barken veranstaltet wurde, bei welchem die Hölle dargestellt wurde: »mit Flammen und anderen Strafen und Qualen, mit Menschen, die als Dämonen verkleidet, furchtbar anzusehen waren, und anderen in Gestalt von nackten Seelen, welche wahrhafte Personen schienen, und man brachte diese in jene verschiedene Höllenabteilungen mit sehr grossem Geschrei und Gelärm und Getöse, dass es peinlich und schrecklich zu hören und zu sehen war.«[170] Die Seelen waren wahrscheinlich nur durch ausgestopfte Bälge dargestellt, was Villani nur ungeschickt ausdrückt (que pareano persone) und wurden in verschiedene Abteilungen geworfen. Über jeder aber stand geschrieben: In questo luogo son puniti i tali. Diese Pantomimen, welche auf eine lange Übung in dieser Beziehung weisen, lassen an Realität nichts zu wünschen übrig, wobei den Darstellern bei der Erfindung von Strafen der weiteste Spielraum gestattet war.

Dantes Verdienst besteht nun darin, dass er unter Beibehaltung der kirchlichen Lehre vom Teufel und der Hölle den Glauben daran ethisch vertiefte. Er verbindet die christliche Lehre mit der Ethik des Aristoteles und Plato,[171] zieht den Apparat der heidnischen Mythologie, welche er wie historische Fakta betrachtet, in die christliche Dämonologie hinein, entsagt den kanonischen und römischen Rechtsanschauungen über die Stufenfolge der Sünde, um dafür diese nach dem Princip der Gerechtigkeit zu ordnen und vornehmlich das Strafmass zur Sünde in Beziehung zu setzen.[172] Sein »Inferno« verhält sich zu den Werken seiner Vorgänger wie das neue Testament zum alten. Wie das erstere das jüdische Sittengesetz ethisch vertiefte, so lehrt Dantes Gedicht, dass die Hölle nicht ein Äusseres, sondern ein Inneres sei.

Das äussere Bild, das der Dichter von der Hölle entwirft, ist freilich auf das Feinste komponiert. Die Hölle bildet einen Trichter, dessen Spitze in der kugelförmigen Erde liegt. Sie wird durch acht concentrische Kreise in neun Zonen geteilt. Dante trennte von der Hölle den sinus Abrahae und das Purgartorium. Die neun Zonen verjüngen sich von oben nach unten und sind voller Schluchten und Thäler, Gewässer und Wälder, kurz sie bilden eine Welt im Innern, zu der Italiens Landschaft das Bild gegeben hat. Jede Zone ist für gewisse Klassen von Sündern bestimmt und zwar die obere Hälfte bis zur Stadt Dis (5. Zone.) als Strafort für Diejenigen, welche aus Unenthaltsamkeit und Schwachheit des Willens fehlten, wie die Wollüstlinge, Schlemmer, Geizigen, Verschwender, Zornigen, Lässigen; die untere von Dis bis zum Centrum für die, welche aus Bosheit fehlten. Die letzteren zerfallen in die Gewaltthätigen (Mörder, Tyrannen, Räuber, Selbstmörder, Spieler, Gotteslästerer, Sodomiter und Wucherer) und in die Betrüger und Verräter. Die ersteren von diesen gliedern sich in zehn Klassen: Kuppler, Schmeichler, Simonisten, Wahrsager, Gauner, Heuchler, Räuber und Diebe, böse Ratgeber, Sektirer, Fälscher; die letzteren in vier Abteilungen: Verräter an Verwandten, am Vaterlande, an Freunden und Wohlthätern. Die Strafen für die in der Hölle schmachtenden Sünder bestehen darin, dass die sündigen Seelen ihren inneren Zustand aus dieser Welt in jene hinübernehmen und dort in Ewigkeit fortsetzen mussten. Ein Beispiel sei zur Illustration dafür angeführt: »Die Sünde der Geizigen und Verschwender geht aus einer falschen Schätzung des wahren Wertes des irdischen Gutes hervor. Jede Sünde hat unausgesetzte innere Unruhe zu ihrer unzertrennlichen Begleiterin, weshalb diese Seelen als ewig ruhelos sich abmühend und abmattend erscheinen. Die schweren Steinmassen, die sie in entgegengesetzter Richtung einander zuwälzen, das Bild des Goldklumpens, auf den sie all ihr Mühen, all ihr Sinnen und Denken verwenden. Nur ist der Klumpen kein angenehmes und ersehntes Objekt mehr, denn das Gold hat nun seinen verführerischen Glanz verloren und erscheint als das, was es in Wirklichkeit ist, als eine schwere, unfruchtbare Masse, deren Last die Seele zuerst in der Zeit, dann aber auch in Ewigkeit erdrückt.«[173] Was der Mensch also auf Erden oft verbergen konnte, wird im Jenseit erbarmungslos enthüllt, fortentwickelt und gesteigert und »wenn die Worte vom jenseitigen Leben reden, der wahre Sinn gilt dem diesseitigen, die physische Strafe ist nur ein Sinnbild für den Seelenzustand des in seiner Sünde verstockten Sünders.« So hielt der Dichter seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor die Seele und stellte eine Lehre auf, von der die kirchliche nichts wusste, weshalb es mit Recht heisst: Per dar di tutto il vero lume a noi.

Ist Dante in der Auffassung der Sünde und Strafe individuell, so auch in der über den oder die Teufel, da der Dichter von »einem« nie spricht. Wo sie geschildert werden – was übrigens selten geschieht – zeigen auch sie einen innerlichen Zusammenhang zu der Strafe der Verdammten. So treten in der vierten Abteilung der siebenten Zone gehörnte Teufel auf, welche mit langen Peitschen die Kuppler und Verführer geisseln.[174] Sie treten vor das Bewusstsein dieser Sünder als der Zorn der betrogenen Verwandten, Dämonen einer ewigen Rache. Vielleicht hat Blanc recht, wenn er sagt: Der Dichter schildert sie deshalb gehörnt, weil sie die Verdammten auf schauerliche Weise an die einst von ihnen verspotteten und becchi cornuti genannten betrogenen Ehegatten erinnern sollten.[175] Ein anderes Mal schildert der Dichter schwarze Teufel mit hohen, spitzen Schultern, zu deren Seiten breite Schwingen sind. Mit Haken fangen und stossen sie die Verdammten in den Pechsee.[176] Sie stellen Gaunertypen vor und haben alle komische Beinamen, wie dies unter Verbrechern üblich ist. Sie können als Personifikation bestimmter Verbrechen gelten. Den obersten der Teufel, das Urbild des Bösen, Lucifer, versetzt der Dichter in das Centrum der Erde, weit entfernt von Gott, den äussersten Gegenpol bezeichnend. Er steht bis zur Brust im Eise. Die grandiose Schilderung dieses Ungeheuers,[177] aus dessen Zügen uns die infernalische Bosheit zähnefletschend angrinst, dürfte in der ganzen Litteratur nirgends ihres Gleichen haben.

Wie nun der Dichter für diese Gestalt Attribute aus der Antike entlehnt hat, so wählte er überhaupt mit Vorliebe die mythischen Fabelwesen der Griechen und Römer als Wächter und Peiniger der Verdammten. Charon, der Greis mit den glühenden Augen, welcher in das Innerste der Menschen hineinsieht und den Auserwählten von den Verdammten unterscheidet,[178] Minos, der grause Richter,[179] Pluto als Symbol des immer mehr sich verzehrenden und begehrenden Reichtums,[180] der Minotaurus als das abstrakte Symbol der Grausamkeit und der Gewaltthätigkeit,[181] die Harpyien, das Symbol des Zweifels,[182] Cacus, dessen tierische Hälfte die brutale Gewaltsamkeit, die menschliche mit Schlangen bedeckte die List versinnbildlicht,[183] die Giganten gleich den Gottesleugnern die Repräsentanten übermütiger Kraft,[184] alle diese Monstra stehen den Verdammten zur ewigen Qual als Personifikation ihrer Sünde vor Augen.

Antike Vorstellungen haben ferner das landschaftliche Bild der Hölle vervollständigen müssen, so dienen der Acheron,[185] Styx,[186] Phlegeton[187] und Cocytus[188] zur Trennung von Abteilungen der Sünder oder zur Bestrafung.

Die Hölle Dante’s ist also, wie wir sehen, aus den heterogensten Elementen in eigenartiger Weise zusammengesetzt. Der Dichter hat den ganzen Stoff vorgefunden, aber nach seiner Phantasie umgestaltet, indem er die christliche Lehre und antike Vorstellungen mit denjenigen seiner Zeit kombinierte. Er hat eine Welt des Jenseits aufgebaut, welche die Phantasie mit Schrecken erfüllt hat, und die zu allen Zeiten in dem Vorstellungskreise der gläubigen Christen geblieben ist.

Analog dem Dichter haben auch die Florentiner Künstler, welche wie die Pisaner als Vorläufer Dante’s oder wie Giotto als Zeitgenossen anzusehen sind, die hergebrachten christlichen Anschauungen hauptsächlich unter dem Einfluss der Antike in neue Formen gekleidet, während spätere Künstler von dem Dichter beeinflusst erscheinen, und dieser dadurch auch für die Kunst umgestaltend wirkte.

In Niccola Pisano pflegt man den Interpreten der neuen Richtung zu erblicken. An dem Kanzelkasten im Baptisterium von Pisa (1260) befindet sich unter den fünf Reliefs, welche die Geschichte Christi darstellen, als Schluss derselben ein jüngstes Gericht.[189] Die Composition desselben ist, wenngleich zusammengedrängt, die bisher übliche und zeigt zur Rechten des Erlösers die Hölle. Ihre Örtlichkeit hat keinen besonderen Lokalton und ist nur durch die Vorgänge selbst charakterisiert. Lucifer als die Personifikation der Hölle sitzt auf einem Untier, dessen tierischer Kopf allein zu erkennen ist. Unter dem linken Arm hält er einen Missethäter, mit dem rechten wirft er einen anderen in den neben ihm befindlichen Tierrachen, mit den Füssen tritt er auf einen Übelthäter, dessen Arm ein gnomenartiger Teufel bereits verschlingt. Der Kopf des Höllenfürsten, von einem langen zottigen Haupt- und Vollbart umgeben, hat die verzerrten Züge des Satyrkopfes. Die Stirn ist stark durchfurcht, unter den kräftigen Brauen liegen tief in den Höhlen die Augen. Die Nase ist unförmig platt und eingedrückt. Das grosse Maul ist zum Grinsen verzerrt. Der Oberkörper und die Oberschenkel, deren Rückseiten lange zottige Haare zeigen, sind menschlich geformt, während die Unterschenkel in Greifenfüsse ausgehen. Die nackten Teufel, welche die Verdammten von den Engeln in Empfang nehmen, Lucifer zuführen oder selbst in den Rachen des Untieres befördern, haben sorgfältig durchgebildete Glieder; der Kopf hat männliche, aber unschöne Züge, und tierische Schadenfreude blickt aus den Augen. Eine groteske Erscheinung ist der zwerghafte Teufel, auf dessen dicken und fetten Körper ein unförmiger, grosser Kopf sitzt, welcher mit dem Typus eines Sokrateskopfes antiken Masken nachgebildet ist.

Indem Meister Niccola so die Gestalten bis zur Scheusslichkeit karrikierte, gab er ihnen ein teuflisches Aussehen, welches wir in der byzantinischen Kunst vermissen. Freilich hat er es noch nicht verstanden, den Charakter Lucifers zu seiner Thätigkeit und zu dem Ort derselben in Beziehung zu setzen, denn Lucifer schaut mit widerwärtigem Gesicht aus dem Relief heraus, indem er die Strafe an den Verbannten gleichsam mechanisch vollzieht. Dagegen sind die Teufel mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit. Ihre freudige Geschäftigkeit und der Schmerz der Verdammten, welche unter Schreien zu entrinnen suchen, bilden einen lebenswahren Contrast, und wenn dies auch nur an einer vollständig erhaltenen Gruppe wahrgenommen werden kann, so wird dies folgerichtig für die leider arg verstümmelten übrigen angenommen werden müssen. Das innere Leben der einzelnen Gruppen wird ferner noch durch die gesammte Komposition erhöht. Während die Seligen gleichsam zu Christus emporzusteigen scheinen, werden die Sünder in die Tiefe gezogen. So kommt durch die entgegengesetzte Richtung wie von selbst Bewegung in die Gesammtkomposition, welche den Totaleindruck erhöht. Darin liegt aber auch das Hauptverdienst Niccola’s, dass er sich frei machte von dem leblosen Schematismus der byzantinischen Darstellung und die Vorgänge mit lebenswahrer Treue und künstlerischem Verständnis so zu schildern versuchte, wie er sie in seinem Innern fühlte. Wenn ihm auch die Mittel fehlten, seinen Gedanken immer einen formvollendeten Ausdruck zu geben, jenes Verdienst, seine Individualität seinem Werke eingehaucht zu haben, muss dem Meister bleiben.

Einen Fortschritt in der feineren Durchführung der Details zeigt die Darstellung der Hölle und des Teufels in dem jüngsten Gericht an der zweiten Kanzel zu Siena (1266), welche zwar ebenfalls auf Niccola zurückgeht, aber in ihrer Ausführung nachweislich seinem Sohne Giovanni zuzuschreiben ist.[190] Das jüngste Gericht nimmt hier zwei Reliefs ein, und die Hölle ist auf dem einen allein dargestellt. Ihre Komposition gleicht der auf dem Relief in Pisa. In fünf Reihen sind die Verdammten übereinander geordnet. Lucifer und die Teufel zeigen die gleiche Auffassung, nur ist die Anteilnahme an ihrer Thätigkeit intensiver. Der grösste Wert ist auf die Charakterisierung der Sünder im Einzelnen gelegt. Sie sind unglückliche, bemitleidenswerte Geschöpfe. Ein Mönch fleht den strengen Engel des Gerichtes um Erbarmen an. Ein gekrönter Sünder hält jämmerlich weinend die gefalteten Hände vor den Mund, ein anderer hat sein Antlitz bedeckt. Die Leidenschaft, welche diesen Gestalten, den Teufeln in ihrer Schadenfreude und gierigen Geschäftigkeit, den Verdammten in ihrem Schmerze und in ihrer Reue innewohnt, ist das für Giovanni Pisano Charakteristische. Und in den beiden Arbeiten desselben Inhalts, welche er unabhängig vom Vater geschaffen hat, in den Reliefs an den Kanzeln zu S. Andrea di Pistoja (1302) und im Dome von Pisa (1310) hat er sich zwar, was die Composition, die Attribute der Hölle und des Teufels anbelangt, an die frühere Darstellung ohne Abweichung angeschlossen, aber der Handlung die feurige Lebendigkeit und den Schwung seines Geistes gegeben, die er im höheren Grade besass als der Vater.

Dieses Streben nach einem natürlichen, lebenswarmen Ausdruck erreicht in der Plastik seine höchste Vollendung in der Darstellung eines Inferno an der Façade des Domes von Orvieto, das nur wenig später a. 1310 von Giovanni Pisano’s Schülern Lorenzo Maitani, seinen Söhnen und Gehilfen gearbeitet ist.[191]

Die Komposition der Hölle zerfällt in zwei Abteilungen. In der oberen ist der Zug der Verdammten zur Unterwelt dargestellt. Der Engel des Zornes treibt mit Geisselhieben die Sünder vor sich her, welche von langen, schweren Ketten gefesselt von den Teufeln vorwärts in die Unterwelt gezerrt werden. Ihr Antlitz zeigt den Ausdruck höchster Angst. Die einen verbergen vor Grausen die Augen, andere halten sich die Ohren zu, um das laute Wehklagen des Nachbarn nicht zu hören, wieder andere falten die Hände wie zum Gebet. In der unteren Abteilung der Hölle erwartet Lucifer und die Teufel die Verdammten. Der Höllenfürst wird von Drachen getragen, deren Schlangenhälse sich um seinen Körper ringeln und mit ihm verwachsen zu sein scheinen. Ihre Köpfe verschlingen zu beiden Seiten Lucifers die Sünder. Die nackte Gestalt des Teufels ist dagegen rein menschlich. Seine Füsse und Hände sind von Schlangen gefesselt. Ebenso winden sich um sein Haupt Schlangen, welche wie zu einer Krone geflochten sind. Der Kopf selbst gleicht dem auf dem Relief von S. Giovanni im Dome v. S. Andrea di Pistoja. Ebenso sind die nackten Teufel menschenähnlich. Ihre Köpfe haben meist wie im Baptisterium zu Pisa den antiken Satyrtypus, aber in’s Scheussliche verzerrt. Aus den breiten, grinsenden Mäulern, welche den Unterkiefer ausmachen, ragen lange Hauer hervor. Die gut proportionierten Körper sind mässig schlank und muskulös, entweder vollständig mit zottigem Fell bedeckt oder nur teilweise wie bei Niccola behaart; an dem zum Skelett abgemagerten Oberkörper scheinen die Rippen durch. Fledermausflügel an den Schultern geben den Gestalten ein unheimliches Aussehen. Mit tierischer Freude packen diese Teufel mit den Krallen die Sünder an, welche umsonst schreien, klagen, sich das Haar raufen und vor den Teufeln sich ducken. Schlangen, welche sich durch die Glut ringeln, erhöhen die Qualen der Unglücklichen.

Die Örtlichkeit der Hölle ist hier räumlich gegliedert. Die zwei Abteilungen, von denen die zweite die Fortsetzung der ersteren bildet, fanden wir schon in den byzantinischen Darstellungen, so in St. Angelo in Formis; wie denn überhaupt nach Jessen[192] in den Reliefs am Dome von Orvieto das strenge Schema der byzantinischen Mosaicisten beibehalten worden zu sein scheint. Der Darstellung Lucifers und der Teufel liegt aber auch die Auffassung der Pisani unverkennbar zu Grunde. Wie bei jenen, so ist auch hier die das Menschliche betonende Auffassung der Byzantiner vollständig aufgegeben. Das Tierische und damit der dämonische Charakter in seiner abstossenden Hässlichkeit wiegt vor. Die Thätigkeit dieser Dämonen verrät höchste Leidenschaft, und das Gesammtbild ist voll abwechslungsreicher Episoden. Nirgends findet sich ein Moment der Ruhe. Dadurch ist aber eine der wichtigsten Vorstellungen, welche sich mit dem Begriff der Hölle verbinden, zum Ausdruck gekommen.

In den Werken der Vorläufer und Zeitgenossen Dantes sehen wir also ein gleiches Streben, wie bei dem Dichter selbst, Antike und Christentum zu verschmelzen und ihr eignes Empfinden frei von akademischen Regeln in ihre Werke hineinzutragen, ohne dabei das traditionell Typische aufzugeben. In Niccola Pisano’s Darstellung sehen wir den Anfang, in Orvieto eine gewisse Vollendung.

Die plastischen Arbeiten der Pisaner und ihrer Schüler werden chronologisch fortgesetzt durch die Malereien von Dantes Freunde Giotto,[193] denn von seinem Vorläufer Cimabue, sowie von den Sienesischen Malern ist, soweit wir wissen, nichts auf die Ikonographie des Teufels und der Hölle Bezügliches erhalten.

Giotto hat zweimal das Infernum dargestellt, in der Scrovegnikapelle in Padua (1306/7) und kurz vor seinem Ende in Bargello (1336/7). Beide Gemälde, besonders das in Florenz, sind im ruinenhaften Zustande, während das in Padua starke Übermalungen zeigt.

In dem letzteren ist die Hölle eine von einem Feuerstrome, welcher von den Füssen Christi in der Mandorla ausgeht, durchflutete Felsenhöhle. Durch den Feuerstrom werden die Sünder in die Hölle geschwemmt, wo sie Teufel in Empfang nehmen, oder sie ziehen über den Bogen des Portals, »wie über eine Brücke,« in die Unterwelt ein. Diese zerfällt durch die Felsen in natürlich abgeschlossene Räume, welche für einzelne Kategorien von Sündern bestimmt sind. Ihre Zahl lässt sich infolge der vielen Beschädigungen des Fresko nicht feststellen. Der interessanteste Raum ist im untersten Bildstreifen erhalten. Hier sitzt im Centrum der riesengrosse Lucifer auf einem doppeltgestaltigen Ungeheuer, dessen Leiber in der Mitte zusammengewachsen sind. Seine Grösse beträgt etwa ⅓ der Höhe der ganzen Hölle. Er ist ein breitschultriger, dicker, fleischiger Gesell. Sein Kopf tritt wenig vermittelt aus den Schultern heraus. Borstige Haare umrahmen ihn. Seine Züge sind die des Satyrs. Aus seiner Stirn ragen zwei mächtige Stirnhörner heraus. Von den Ohren ist nichts zu sehen. An dieser Stelle des Kopfes aber schnellen Schlangen nach den Seiten, um die in der Nähe befindlichen Sünder zu packen. Das breite Maul Satans verschlingt gerade einen Verdammten. Mit den Armen greift Lucifer in die Menge nach rechts und links, um neue Opfer dem ersten folgen zu lassen. Seine Beine gehen in stark gespaltene Hufe aus, welche unter sich die Sünder zertreten. Rechts und links von dem Höllenfürsten sehen wir am Boden der Hölle sechs abgegrenzte, in die Erde sich öffnende, flammende Felsengrotten, in welche die Teufel die Sünder werfen. Im wüsten Durcheinander wälzen sich ihre nackten Leiber. Hier ragt ein Kopf, dort die Beine heraus. Gewiss war eine jede Grotte für eine gewisse Klasse von Sündern bestimmt, die möglicherweise durch Inschriften kenntlich gewesen ist. Sie zu bestimmen ist leider nicht mehr möglich. Nur zu der einen Grotte sehen wir auf den Schultern eines Teufels rücklings einen mit der Tiara geschmückten Sünder reiten. Ihm naht ein Weib, um ihm einen Geldsack zu geben. Er segnet sie. Vielleicht ist dieser Ort für die Simonisten bestimmt. Zu Häupten Lucifers sehen wir rechts Sünder, welche furchtbare Strafen erleiden. Da erscheint eine Gruppe von Gehängten, deren Füsse im Feuer stehen. Einer von ihnen hängt mit dem Kopfe nach unten, sodass ihm das Blut in den Kopf schiesst. Es ist der Hochmütige, welcher das Haupt im Leben zu hoch getragen hat. In einer anderen Gruppe wird der Unkeusche an seinen Schamteilen von einem Teufel gebissen, dem am Boden liegenden Habsüchtigen wird von einem auf seinem Leibe reitenden Teufel glühendes Erz in den Rachen gegossen. Ein anderer Sünder hängt mit den Armen an einer Stange; ihm durchsägen zwei Teufel den Körper von oben nach unten. Über dieser Abteilung sehen wir in einer anderen zottige Teufel eine Schar Verdammter verfolgen. Hier rast mit auf den Rücken gefesselten Händen ein Sünder umher, dort schwebt eine mit einander verbundene Gruppe, deren Körper in entgegengesetzter Lage liegen. So fliegt die Schar hin und her im ewigen Taumel, ohne Ruhe zu finden. In sie fährt ein Ungetüm mit einem Wolfsrachen und ein Teufel, angethan mit einem Mönchskostüm, bläst auf einem Horne, als wollte er die Melodie zu dem Reigen spielen. In die Mitte des obersten Bildstreifens ragt ein Fels hinein. Auf diesem liegen die Leiber gehäuft durcheinander. Teufel stürzen sie in die Tiefe hinab, wo sie von anderen in Empfang genommen werden.

Dieses Fresko ist die erste malerische Darstellung der Hölle in der gesammten Kunst des XIV. Jhrdts. und zugleich eine der packendsten. Genauer, realistischer, grausiger ist sie wohl vor Giotto nie dargestellt worden, wenigstens kennen wir keine weitere. Der feine architektonische Aufbau des Ganzen, welcher so kunstlos grosse Innenräume schafft, die Masse der Gruppen, welche trotz der Menge der Sünder nie überladen erscheint, der Reichtum an Erfindung der grauenvollen Qualen und die lebendige Darstellung der einzelnen Scenen verdient unsere höchste Bewunderung. Man meint eine Illustration der Hölle Dante’s oder doch wenigstens eine Schöpfung im Geiste des Dichters vor sich zu sehen und dies hat zu der Annahme geführt,[194] zumal da im August 1306 Dante auf einige Tage in Padua zum Besuch weilte, letzterer habe Giotto die Einzelheiten angegeben, was aber unwahrscheinlich ist, da damals das Infernum noch nicht bekannt und das Fresko früher entstanden ist. Auch scheint Giotto’s Gemälde bei genauer Vergleichung nach anderen Gesichtspunkten komponiert. Die Örtlichkeit der Hölle, ihre Attribute Lucifer im Centrum, die Abteilungen und Klassificierung der Sünder, die verschiedenen Strafen und deren Beziehung zur Sünde ist ähnlich wie bei Dante und besonders in den Schilderungen der früher erwähnten Legenden wie Tundalus. Der principielle Unterschied zwischen dem Dichter und dem Maler liegt eben darin, dass Giotto sozusagen christlicher traditioneller, jener antiker individueller denkt. Die Verbindung von Christentum und Heidentum fehlt dem Fresko, die byzantinische Tradition erscheint dem Inhalte nach gewahrt. Giotto ist daher eher als ein Vorläufer Dantes zu betrachten, der den populären Vorstellungen weise Rechnung trägt, ihnen aber neue Züge in Fülle hinzufügt. Vorzugsweise dürfte seine Arbeit auf die rappresentazione sacre und ähnliche öffentliche Volksschauspiele zurückgehen, wie sie gerade in Florenz so üblich gewesen waren – ich erinnerte bereits an die Schilderung von Villani. Was Giotto’s Form anlangt, so ist die byzantinische freilich ein überwundener Standpunkt. Der Maler hat mit den Plastikern das Streben nach Realität gemein, ja er hat sie darin wohl übertroffen. Der Gestalt des Teufels hat er nichts Neues gegeben. Er stellt sie nach Art der Byzantiner durchaus menschenähnlich dar, aber er hat weniger durch den krassen Effekt der Karrikatur wie die Pisaner als durch Handlung charakterisiert. Sein Teufel ist ein fühlendes Individuum. Die Verdammten hat der Maler am wenigsten geschildert. Ihre Köpfe sind Typen und wie in St. Angelo in Formis werden Priester und Laien nur äusserlich unterschieden. Ihr Leid verraten die Unglücklichen noch mit keiner Mine, nirgends ist ein Ausdruck der Angst, der Verzweiflung und Reue in ihrem Gesichte zu lesen. Darin wird Giotto von Giovanni und Lorenzo Maitani übertroffen, es ist aber unzweifelhaft, dass die Mängel auf Schülerhände zurückgehen, welche dieses Schlusstableau eines langen Cyklus notdürftig fertig machen mussten, da der Meister selbst durch andere Arbeiten abberufen worden ist.

Das ganze Fresko der Hölle macht auch heute noch trotz seiner argen Beschädigungen einen überwältigenden Eindruck. Und wie in einer Symphonie jeder Satz ein Tongemälde für sich ist, das nur der Interpretation eines einzigen Gedankens dient, so wird in diesem Inferno die Idee von der Vergeltung nach dem Tode durch einzelne Seelengemälde erläutert, welche zusammen ein harmonisches Ganzes bilden.

Dante’s Gedanken und Giotto’s Stil werden wenige Jahrzehnte später durch Orcagna weiterfortgesetzt und dieser schafft in seiner Hölle in S. Maria Novella zu Florenz das zweite grosse Fresko, das die von den Pisanern erstrebte Richtung gleichsam abschliesst. Dieses Werk, ca. 1357 gemalt, kann direkt eine Illustration des »Inferno« der divina commedia genannt werden.[195]

Nach der Topographie Dante’s ist das Gemälde entworfen.[196] Freilich ist die trichterförmige Gestalt aufgegeben, wohl mit Rücksicht auf die Wand der Strozzikapelle. Die Hölle ist in ein Rechteck, das durch einen Halbkreis abgeschlossen ist, hineinkomponiert. Sie ist wie bei Giotto als Felsenhöhle dargestellt, welche durch fünf einander parallel laufende Querwände in sechs Zonen geteilt ist. Jede derselben zerfällt in mehrere Abteilungen. Die erste Zone enthält die Vorhölle und den ersten Kreis der Dant’schen Hölle, die zweite den zweiten und dritten, die folgende je zwei Kreise, nur die vierte Zone den sechsten allein. In diesen Zonen werden die Verdammten nach der Vorschrift Dantes bestraft, und die Örtlichkeit der Strafe angepasst.

In der ersten Zone ist die Vorhölle dargestellt. An dem Ufer des Acheron sammeln sich die Sünder, welche aus der Erde zum Teil emporsteigen, um einen Fahnenträger. Es ist die Rotte der Feiggesinnten, denen zum Guten wie zum Bösen die Thatkraft fehlte, und die sich wie eine Fahne nach jeder Richtung drehen. Jenseits des Acheron, auf dessen Flut Charon im Nachen fährt, liegt der primo cerchio des Inferno, durch eine Gebirgswand von der Vorhölle getrennt. Hier erhebt sich auf felsigem Grunde ein von einer Mauer umgebener Turm mit sieben sich nach oben verjüngenden Stockwerken; er dient denen zum Aufenthalte, welche zwar ohne Schande lebten, aber der Taufe entbehrten.[197] In der zweiten Zone richtet Minos die vor ihm erscheinenden Sünder.[198] Der grause Dämon hat die bekannte tierisch menschliche Gestalt der byzantinischen Kunst. Mit flammenden Augen scheint er die armen Seelen zu durchbohren. Um seine Beine, welche in Vogelklauen ausgehen, ringelt sich bis zur Hüfte in fünf Windungen eine Schlange. Sie beisst ihm in die Scham und während er selbst von den furchtbarsten Schmerzen gequält ist, vollführt er sein Richteramt über die Verdammten, welche weinend oder flehend, teilweise mit bedecktem Gesichte vor ihm stehen. Hinter ihm sehen wir die Schar der Gerichteten.[199] Die sinnliche Leidenschaft, welche die edle Liebe wie die Wollust gebiert, lässt sie nie zur Ruhe kommen und wie vom Sturm getrieben fliegen sie im Kreise umher mit dem Ausdruck der Verzweiflung, mit den Armen durch den leeren Raum suchend oder in inniger Umarmung dahinschwebend, wie es Dante von Paolo und Francesca beschreibt.[200] An diese Scene schliesst sich, wiederum durch eine Felswand getrennt, das Reich des dreiköpfigen Cerberus (Dante, Kreis 3), welcher mit seinen drei Rachen das Symbol der Unersättlichkeit ist.[201] Er hat den Körper eines Hundes, nur ist das geradeaus blickende Gesicht durch den Bart und durch Milderung der tierischen Form vermenschlicht. Während er einen Sünder verschlingt, packt er mit seinen Armen zwei andere, die ihm umsonst zu entrinnen suchen. Um ihn her aber sitzen oder liegen rechts am Boden Verdammte, die vergeblich vor dem fallenden Regen Schutz suchen.[202] Es sind die Säufer. Links aber sitzen an gedeckter Tafel die Feinschmecker, welche einander die Bissen missgönnen.[203] In der dritten Zone ist der quarto cerchio dargestellt. Hier wälzen die Verschwender und Geizigen grosse Lasten, das Bild des Goldklumpens, der ihr einziger Gedanke gewesen, in entgegengesetzter Richtung mit der Brust entgegen.[204] Über die zum Teil als Geistliche charakterisierenden Sünder steht als Wächter ein Teufel mit einer Keule in der Linken auf hohem, breiten Felsen, welcher diese Unglücklichen von denen des fünften Kreises trennt. Letzterer bildet einen Sumpf. In ihm stehen die Jähzornigen und wüten gegenseitig, während die Lässigen (Accidiosi), die ihren Hass und Groll wie ein schleichendes Feuer im Innern trugen, mit den Köpfen aus dem Sumpfe herausgucken.[205] Ihr Wächter Phlegias[206] aber rudert über den See. Die ganze vierte Zone bildet die Stadt Dis.[207] Eine Mauer, welche durch drei in gleichen Abständen stehende Türme unterbrochen ist, trennt sie von den oberen Kreisen. Auf dem mittelsten Turme stehen die Erinnyen[208] mit ihren Schlangenhäuptern, auf den anderen mit Lanzen bewaffnete Teufel, eine Wache haltende Cohorte. Durch Thore gelangt man zur Gräberstadt. In lodernden Flammen glühen da Särge, aus deren Öffnungen die Köpfe der Unglücklichen herausblicken. Es sind dies Ketzer, welche die Unsterblichkeit leugnend den Sarg als das Ziel ihres Lebens ansahen und ihn nun zur Strafe für immer besitzen. Die fünfte Zone stellt den siebenten Kreis[209] des Inferno dar. In der Mitte derselben liegt von felsigem Ufer umschlossen ein See. Die Mörder trinken hier das von ihnen vergossene Blut. Centauren, welche am Ufer dahinsprengen, schiessen nach ihren Köpfen oder tauchen die, welche sich aus dem Blutmeer zu weit herauswagen, wieder unter. Zur Linken dieses Seees ist ein Dickicht von Bäumen. Auf den Ästen sitzen Vögel mit Menschenköpfen, die Harpyien.[210] Verdammte, welche von Hunden verfolgt, hierher geflüchtet sind, verwandeln sich in Bäume und letztere, deren Zweige verletzt wurden, umgekehrt in Menschenköpfe.[211] Es sind die Selbstmörder, welche von einem Leben nach irdischen Vorstellungen in verächtlichem Pessimismus nichts wissen wollten. Rechts am Blutsee werden die Gotteslästerer, Wucherer und Sodomiter gestraft.[212] Steine und Feuer fällt auf die am Boden liegenden, kauernden oder aufrecht stehenden und mit geballten Fäusten nach oben drohenden Sünder. Die sechste Zone ist die grösste. Die zehn bei Dante geschilderten Bulgen sind hier durch Felsenwände von einander getrennt dargestellt. Indem die Mitte für Lucifer und die vier Abteilungen der Verräter freigelassen ist, ordnen sich je fünf Bulgen rechts und links um sie. Hier geisseln gehörnte Teufel die Kuppler, deren Hände auf dem Rücken gebunden sind.[213] In der nächsten Bulge ragen aus Erdhöhlen die zappelnden Beine der Simonisten.[214] In den Tiefen der Erde, wo die Erze liegen, haben sie ihren Gott gesucht, und suchen ihn nun dort in Ewigkeit. In der nächsten Bulge[215] stecken die Gauner, deren Thätigkeit durch die schlechte Erhaltung des Bildes nicht mehr zu erkennen ist. In der folgenden Abteilung werden die Diebe von Schlangen gefesselt und verwundet. Ihr Wächter ist der Centaur Cacus, in dem sich tierische Kraft und List gepaart haben, ein Symbol für den Raub und Diebstahl.[216] Ihnen schliessen sich die Zwiespaltstifter an.[217] Ihre Sünde rächt sich, denn ihnen werden jetzt die Glieder ihres Leibes von einem Teufel mit dem Schwerte getrennt. In der rechten Hälfte der Zone wälzen sich die Schmeichler[218] im Kothe, die Wahrsager[219] blicken mit dem Gesicht in entgegengesetzter Richtung rückwärts, um das Verkehrte ihrer Kunst zu charakterisieren, die Betrüger (gente depinta)[220] gehen in Kutten, die Augen fromm nach oben gekehrt, um sich den Schein der Heiligkeit zu geben. In der nächsten Gruppe sehen wir stolze Gestalten, denen man ansieht, dass sie einst im Leben eine hervorragende Rolle gespielt haben. Es sind vermutlich die bösen Ratgeber,[221] welche nach Dante als Flammengestalten dahinwandeln. In der letzten Bulge werden die Fälscher und Lügner an ihrem Leibe durch Krankheiten heimgesucht dafür, dass sie im Leben das Reine besudelten, indem sie Personen und Sachen ein anderes Aussehen zu geben sich bemühten. Die Mitte der Zone stellt nun den neunten Kreis der Hölle Dantes dar. Die vier Abteilungen desselben Caïna,[222] Antenora,[223] Ptolomaea,[224] Judecca,[225] sind auf dem Bilde zu einer verbunden. In einem, von gradlinig behauenem Felsenrande umgebenen Eissee schmachten die Verräter. In der Mitte aber sitzt Lucifer, getreu nach der bekannten Schilderung Dantes ausgeführt. Um den See aber stehen die Giganten als Repräsentanten jener übermütigen Menschen, welche sich gegen Gott empörten und bestraft ihre menschliche Ohnmacht fühlen mussten.

So gross die Übereinstimmung mit Dantes Inferno, so weit ist die Abweichung von Giotto’s Schöpfung. Letzterer dürfte aber doch den Vorzug vor Orcagna verdienen, da er selbständig gearbeitet hat. Mag man bei Orcagna auch die Darstellung im Einzelnen, die wahrheitsgetreue Zeichnung, das lebhafte Mienenspiel, die vorzügliche Ausarbeitung der Gestalten, welche an Grossartigkeit den Vergleich mit denen Michelangelo’s aushalten können, noch so bewundern, das Werk bleibt doch immer nur eine Illustration des Inferno, was vielleicht auch beabsichtigt war. Die Existenz dieses Freskos wird aber beweisen, das Dante’s Gedicht Allgemeingut der Florentiner und damit überhaupt Italiens geworden war. Denn nur wer ganz vertraut mit dem Inhalt des Gedichtes ist, wird das Gemälde verstehen können. Wenn die Zeitgenossen Orcagnas das aber gekonnt haben, – und es ist kein Grund daran zu zweifeln, – so zeigt dies eben den Einfluss Dantes.

Überblicken wir nun die Periode der ersten italienischen Kunstblüte von den Pisanern bis Orcagna, so finden wir, dass die künstlerische Darstellung des Teufels eine wesentliche Bereicherung erfahren hat. Die Antike, welche zur Zeit der Karolinger und Ottonen der äusseren Erscheinung Attribute verliehen hatte, wird jetzt direkt nachgeahmt, indem der Satyr zur Missgestalt umgebildet wird; oder es findet sich die byzantinische Auffassung wie bei Giotto beibehalten, wobei aber ein besonderer Wert auf die Individualisierung des Teufels gelegt ist. So entstanden zwei Anschauungen. Die eine betonte, indem sie das Menschliche der byzantinischen Darstellungsweise weit hinter sich liess, mehr die tierische Unnatur, die zweite aber behielt die frühere Form bei, gab ihr aber die Leidenschaft, die das Charakteristische jener Zeit ist. Der Teufel wird grausamer, bestialischer. Wie ein wildes Tier fällt er über die Menschen her und zerreisst sie, an dem Widerwärtigen und Ekelhaften hat er seine Freude. Und was von ihm im Allgemeinen gilt, passt auch für Lucifer: Die menschliche und tierische Natur gehen ineinander auf. Er, welcher einst als der schönste der Engel galt, ist zur hässlichen Missgestalt geworden. Unter dem Einfluss der Antike hat er die dreiköpfige Gestalt des Cerberus bekommen, gleichsam als Parodie auf die Person des dreieinigen Gottes. Die passive Rolle des Zuschauers, als den wir ihn früher kennen gelernt haben, hat er aufgegeben. Zwar sitzt er noch wie für die Ewigkeit nach alter Tradition gefesselt, aber er ist kein teilnahmloses Wesen, sondern als die Personifikation der gesammten Hölle verschlingt er, ähnlich, wie jene alle Sünder aufnimmt, die in der Nähe befindlichen, um sie wieder von sich zu geben, das vollendete Bild tierischer Rohheit.

Zu Lucifer und den Teufeln gesellen sich in dieser Periode als Inkarnation des Bösen jene wunderbaren mythologischen Wesen, welche einst die Dämonologien der Alten belebten. In christlicher Auffassung wie historische Persönlichkeiten leben sie seit dieser Zeit in der Kunst fort.

Ähnliche Umwandlungen wie die Person des Teufels hat sich auch die Hölle gefallen lassen müssen. Die früher wenig betonte Örtlichkeit ist für immer fixiert worden. Eine vollständige Welt ist für sie geschaffen worden. Sie hat Landschaft und Scenerie bekommen. Wie Nationen die Erde, so bevölkern Klassen von Sündern die Gebiete der Hölle; wunderbare Fabelwesen, Dämonen und Schlangen haben hier ein Heim gefunden. Bezeichnet diese Darstellung auch den Höhepunkt der Entwicklung, welche nur von wenigen Künstlern erreicht wurde, so zeigt sie doch auch den gewaltigen Abstand gegen die früheren byzantinischen Darstellungen. Dass die Hölle jene reelle, der Erde ähnliche Welt geworden ist, und somit in dieser Periode ein Vorbild für alle Zeiten geschaffen wurde, muss als das hauptsächliche Verdienst Dantes angesehen werden.

Eine Weiterentwicklung der verschiedenen Anschauungen über den Teufel und die Hölle in den kommenden Jahrhunderten würde zeigen, dass der grosse Dichter aber auch die Künstler der Folgezeit inspiriert hat, dass die Bildner im Campo santo zu Pisa, im Quatrocento Signorelli in seinen »letzten Dingen« im Dome von Orvieto, im Cinquecento Michelangelo an der Hinterwand der Sixtina, wenn auch nicht in der sklavischen Abhängigkeit eines Orcagna, welche ihrer Schöpferkraft fremd gewesen wäre, so doch im Geiste des Dichters arbeiteten und, indem sie einzelne Scenen und Gestalten seines Werkes entlehnten, jene Dinge geschildert haben. So verbindet ein sichtbares Band geistiger Ideen Dante und Giotto mit jenen grossen Meistern.