Habt ihr aber von einem dieser Herren gehöret, daß er einen Heiligenschein trug? Das habt ihr nicht gehöret. Und trotzdem hat in ihrer häßlichen Leiblichkeit ihr Geist den Sieg davongetragen.

Um wie viel mehr mußte der heilige Bürokrazius den Menschen verkläret erscheinen! Wie mußten im milden Lichte seines Heiligenscheines seine Eselsohren und sein Nasenrüssel verschwinden! Wie mußten seine blöden Augen in diesem Scheine von Geist leuchten und sein breites Maul von Weisheit triefen! Ja selbst das heimtückische Krawattel vermochte seinem Ansehen nicht dauernd zu schaden.

Je mehr der heilige Bürokrazius sich von seiner Behausung entfernte, desto deutlicher erkannte er, wie bei den Menschen alles im argen lag. Die Menschen wurden weder numerieret, noch registrieret, auch nicht volksgezählet oder irgendwie sonst eingetragen. Sie besaßen keine Ausweispapiere. Sie lebten sorglos und harmlos dahin. Sie waren im Grunde nicht gescheiter, als sie es heute auch sind. Aber niemand belästigte sie in ihrer Dummheit.

In diese beispiellose Wildnis menschlicher Verkommenheit trat der heilige Bürokrazius mit dem ganzen flammenden Fanatismus seiner Sendung. Er eiferte allerorten gegen den unerhörten Skandal, daß die Menschen sich erfrechten, geboren zu werden und zu leben ohne die genaueste aktenmäßige Behandlung.

Der Schematismus sei das Höchste auf Erden, predigte der Heilige. Ohne Schematismus gebe es überhaupt kein Gedeihen. Alles müsse auf bestimmte Formulare gebracht werden. Und wer sich gegen den Schematismus und gegen die Formulare versündige, der sei ein Feind der Menschheit. Zu denken brauche das verehrliche Publikum überhaupt nicht. Das sei seine, des heiligen Bürokrazius, Sache. Er allein habe das Privilegium, schematisch, protokollarisch, aktenmäßig und nach ganz bestimmten Formularien in einer möglichst genau geregelten Verblödung zu denken.

Da die Menschen, wie der Schreiber dieser Legende in einer eindringlichen Fastenpredigt bewiesen hat, die allergrößten Rindviecher sind, begrüßten sie es mit tausend Freuden, daß da plötzlich mitten in ihrem beschaulichen Erdenwallen ein großer Heiliger erschien, der ihnen sogar das Denken ersparen und auf seine heiligen Schultern nehmen wollte.

Wozu hätte der seltene Mann auch seinen Heiligenschein besessen. Der ließ ihn ja von vorneherein als eine vertrauenswürdige Persönlichkeit erscheinen, der man seine ferneren Schicksale anheimgeben konnte.

So gelang es dem heiligen Bürokrazius in verhältnismäßig kurzer Zeit, die Menschen von der Richtigkeit und Gottwohlgefälligkeit seiner Sendung zu überzeugen.

Er war überall. Es gab keinen noch so versteckten Winkel, in den er seine rüsselförmige Nase nicht schnüffelnd hineinsteckte. Und es gab kein noch so verstecktes Geheimnis, das seine langen Eselsohren nicht erlauschten.

Dadurch errang er sich ein fast göttliches Ansehen. Denn die Menschen begannen zu begreifen, daß sie seiner Macht widerstandslos ausgeliefert waren, nachdem sie sich mit Vergnügen damit abgefunden hatten, ihm das Denken zu überlassen.

Und der heilige Bürokrazius dachte und dachte. Er dachte unablässig auf seine Weise. Die Früchte zeigten sich auch alsobald und auf dem ganzen Erdkreise.

Alle seine großen Ideen vermochte der Heilige während seines Erdenwallens durchzusetzen; denn die menschliche Dummheit und sein eigener Blödsinn waren ihm die mächtigsten Bundesgenossen.

Wenn der Schreiber dieser Legende auch mit den folgenden Zeilen die größte und unermeßlichste Tat des heiligen Bürokrazius vorwegnimmt und damit der Darstellung der Ereignisse vorgreift, so kann er doch in seiner hellen Begeisterung für den größten und dümmsten Heiligen nicht umhin, schon an dieser geweihten Stelle von der umwälzendsten Idee des heiligen Bürokrazius zu berichten, die allen seinen großen Ideen, mit denen er die Welt beglückte, die Krone aufsetzte.

Mit welcher seltenen Schärfe der heilige Bürokrazius dachte, darauf hinzuweisen fand sich schon mehrfach die Gelegenheit. Und gerade aus dieser ganz speziellen Eigenart des Denkens, durch die er vor der übrigen Menschheit einen wesentlichen und nicht zu unterschätzenden Vorsprung hatte, wurde ihm die große Aktion zur Regelung des menschlichen Stoffwechsels eingegeben.

Seine heilige Fürsorge erstreckte sich in nimmermüdem Eifer auch auf jene beschaulichen und idyllischen Stätten, welche der Mensch bei gesunder körperlicher Verfassung in regelmäßigen Zwischenräumen behufs Bereicherung der Landwirtschaft aufzusuchen pfleget.

Der heilige Bürokrazius führte eigene Pässe für das Betreten oben angedeuteter Örtlichkeiten ein, die den jedesmaligen Vermerk einer Einreisebewilligung und einer Aufenthaltsbewilligung an den Stätten besagter landwirtschaftlicher Berufstätigkeit enthalten mußten. Natürlich war auch der Aufenthalt zeitlich genau geregelt.

verzierung

Wie der heilige Bürokrazius den Amtsschimmel fand und sich beritten machte.

Schon in der ersten Zeit seines Erdenwallens stellte es sich heraus, daß der heilige Bürokrazius seinen Kräften zu Gewaltiges zumutete. Er ging in seinem heiligen Eifer überallhin zu Fuße.

Dieser heilige Grundsatz des Wanderns per pedes apostolorum sollte sich aber bald bitter rächen; denn er verschaffte dem Heiligen die unangenehme Erscheinung von qualvollen Hühneraugen, über die in einem späteren Hauptstücke noch Wundersames zu lesen ist.

Hier wollen wir uns nur mit dem Berichte bescheiden, daß diese Hühneraugen des heiligen Bürokrazius zum mindesten eine unmittelbare Ursache für die Auffindung des Amtsschimmels durch den Heiligen wurden.

Je gräßlicher die Tortur der Hühneraugen sich auswuchs, desto klarer und deutlicher kam der gemarterte Heilige zu der Überzeugung, daß ihm in diesem verzweifelten Falle nur mehr durch eine himmlische Eingebung geholfen werden könne. Er erinnerte sich dahero des wohlmeinenden Rates, den ihm der Erzengel Michael erteilt hatte ... er möge sich, wenn er neuer himmlischer Eingebungen zur Ausübung seines heiligen Berufes bedürfe, auf den Sitz seines Verstandes niederhocken und tief nachdenken.

Das tat denn auch der heilige Bürokrazius. Er hockte sich zehn Tage und zehn Nächte hin und dachte eifrig nach, dabei die himmlische Eingebung erwartend. Er schlief, wenn er vom Denken erschöpft war, auch in sitzender Stellung, um die Eingebung des Himmels ja nicht zu verpassen.

In anderen Heiligenlegenden werden diese Offenbarungen von oben den Heiligen vielfach in schlafendem Zustande durch wunderbare Traumgesichte kundgetan. Es muß jedoch hier ausdrücklich festgestellet werden, daß dies beim heiligen Bürokrazius nicht geschah.

Er erlebte die himmlische Stimme vollkommen wach und munter am Morgen des eilften Tages. Als er von dem vielen Nachdenken und Harren schon etwas müde und abgespannt zu werden begann, da erhub sich auf einmal eine gewaltige innere Stimme in ihm, die auffällig der Stimme des Erzengels Michael glich und dem Heiligen sofort ein erinnerungsvolles Jucken und Beißen verursachte.

Die innere Stimme aber sprach: „Rindviech, g’selchtes! Was laufst denn alleweil auf deine Plattfüß’ umeinander! Oder glaubst du vielleicht, daß so ein hatschender Heiliger dem Publikum auf die Dauer imponieren wird? Da bist aber ang’schmiert!“

„Was soll ich denn tun?“ frug der heilige Bürokrazius kläglich.

Da sprach die Stimme: „Schau dir um ein Roß und reit’!“

„Aber ich kann ja gar nicht reiten!“ wandte der Heilige bescheiden ein.

„Wirst es schon erlernen!“ erwiderte die Stimme von oben. „Wir haben ohnedies schon einen berittenen Heiligen. Denselbigen, der seinen Mantel auseinanderschneidet und mit dem Bettler teilet. Wirst ihn schon gesehen haben. Ein sehr respektabler Heiliger. Also kommt es uns auf ein heiliges Rindviech zu Pferd auch nicht mehr drauf an!“

„Ja, wo soll ich denn ein Roß hernehmen und nicht stehlen?“ frug der Heilige verzagt.

„Mußt halt ein Roß finden, das sonst kein anderer brauchen kann!“ sagte die Stimme des Erzengels. „Ein gewöhnliches Roß ist freilich für dich nicht erschaffen. Du mußt ein ganz außerordentliches Roß finden. Du darfst jetzt nicht beleidigt sein über das, was ich dir sage. Du wirst ja noch wissen, warum du mit aller gebührenden Feierlichkeit zum Heiligen geschlagen wurdest. Dahero mußt du auch das dümmste Roß auf Gottes Erdboden finden. Dasselbige ist sodann dein Roß. Auf ihm wirst du reiten können. Und es wird dich gutwillig tragen. Sonst wäre es ja nicht das dümmste Roß. Denn jedes andere Roß, das nicht mindestens so dumm ist wie du selber, wird dich unter aller Bedingung abwerfen, dieweilen es keinem Vieh einfällt, ein noch dümmeres Vieh zu tragen, als es selber ist. Wenn es dir jedoch gelingt, dieses dümmste Roß zu finden, dann wirst du in aller Herrlichkeit prangen. Denn du mußt es begreifen, daß die berittene Dummheit noch viel siegreicher ist als unberittene Hühneraugen!“

Sprach’s, und die Stimme verschwand aus dem Inneren des Heiligen. Er war nun wieder auf sich selbst gestellet und mußte seine eigenen Entschlüsse fassen. Der Rat des Erzengels erschien ihm jedoch als wahrhaft himmlisch. Wenn er sich vorstellte, wie er hoch zu Roß durch die Welt trabte, dann schwoll ihm gewaltig der Kamm. Es galt also, das dümmste Roß zu finden.

Lange suchte der heilige Bürokrazius nach diesem seltenen Vierfüßler. Er glaubte, der Qual seiner Hühneraugen bereits unterliegen zu müssen, als er an einem sonnenhellen Maientage zu einem Stalle kam, in dem ein Roß fröhlich wieherte.

Der heilige Mann trat mühselig hatschend ein. Vor die Futterkrippe war ein Schimmel gebunden. Just keine Vollblutrasse und auch kein schönes Tier. Das störte aber den heiligen Bürokrazius nicht im geringsten, dieweilen er das von sich auch nicht behaupten konnte. Er trat an den Schimmel heran, an dem man alle Rippen zählen konnte und der überall die Beiner aufstellte, daß man ihn auch ganz gut zu einem Hutständer hätte gebrauchen können.

Der Schimmel fraß gierig aus der Krippe. Als der Heilige näher zusah, hatte der Schimmel lauter Papier in der Krippe, das er mit offensichtlichem Behagen verzehrte.

Sintemalen aber alles, was Papier war, für den Heiligen ein wichtiges Lebenselement darstellte, sah er auch alsogleich nach, um welches Papier es sich handelte. Zu seinem heiligen Entzücken waren es lauter Akten, mit denen man den Schimmel fütterte.

„O du heiliges Roß Gottes!“ rief der Heilige in himmlischer Verzückung. „Durch welches Wunder verzehrest du Akten?“

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel und drehte sich, lebhaft wiehernd, nach dem heiligen Manne um.

Da ersah der heilige Bürokrazius, daß sie dem Schimmel grüne Brillen aufgesetzt hatten. Und das Vieh war so dumm, daß es durch die grünen Brillen Gras statt Papier zu fressen glaubte. Nunmehro erkannte der heilige Bürokrazius, daß er das dümmste Roß auf Gottes Erdboden gefunden hatte. Er fiel mit Tränen der Rührung in den Augen dem Schimmel um den Hals und gab ihm einen Bruderkuß.

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel vergnügt und geschmeichelt.

Alsodann hielt ihm der heilige Bürokrazius folgende feierliche Ansprache: „O du dümmstes Roß, sei mir gegrüßt! Auf dir werde ich die ganze Welt erobern. Denn unsere Dummheit ergänzet sich in der wundertätigsten Weise. Wir werden ein Wesen sein, eine Seele und ein Gedanke. Und die Menschheit wird uns staunend dahinschreiten sehen und wird sich ehrfurchtsvoll vor uns beugen. Und nie sollst du des Futters ermangeln. Ich will dich dick und fett mästen. Gott erhalte dir deine Dummheit! Und nun, du heiliger Schimmel, du dümmstes Roß Gottes auf Erden, deinem Herrn ebenbürtig und zu immerwährendem Dienste zugesellet, trage mich hinaus in die Welt!“

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel geschmeichelt ob dieser Rede.

Der heilige Bürokrazius band ihn von der Krippe los und schwang sich auf seinen Rücken. Der Schimmel trug ihn sonder Widerstand, als wenn er das von jeher gewöhnet gewesen wäre. So zogen sie beide aus dem Stalle hinaus. Der Heilige mit Rüsselnase und Eselsohren, der Schimmel mit den grünen Brillen.

Es war ein Anblick, an dem sich Himmel und Erde erfreuen konnten. Und die Heiligen auf der Himmelswiese lachten, als sie ihren neuen Gefährten dahintraben sahen. Und sie hatten Gesprächsstoff für den ganzen Tag. Das war aber nach dem himmlischen Zeitmesser für eine halbe Ewigkeit.

Die Menschen jedoch beugten sich vor dem Heiligen mit seinem Schimmel noch mehr als früher. Nun war es nicht nur der Heiligenschein, der ihnen Demut und Ehrfurcht einflößte. Es waren auch die grünen Brillen des Schimmels. Was mußte das für ein gelehrtes Roß sein, das sogar Brillen trug!

„Alles muß nach einem Schema gehen!“ verkündigte der Heilige. „Denken ist überflüssig! Akten und Formulare sind die höchste Weisheit auf Erden!“

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel in fröhlichem Wiehern. Er konnte auch zufrieden sein; denn er hatte seinen Herrn gefunden, der ihn zärtlich liebte und pflegte.

verzierung

Wie der heilige Bürokrazius in dem heiligen Stultissimus seinen ersten Jünger warb.

Es ereignete sich nunmehro das Nachfolgende.

Ihr erwartet wohl von dem Schreiber dieser Legende, daß er euch den Heiligen in seiner erhabenen Berittenheit hoch zu Roß in langen Exkursen abschildert. Das tut er aber nicht. Er läßt sich absichtlich nicht dazu verleiten, den himmlischen Anblick des heiligen Bürokrazius auf seinem Schimmel auszumalen und zu beschreiben. Und das derohalb, weil er ein gewissenhafter Skribent ist und mit dem Lottergesindel der Poeten und Maler alias Pinselwascher nichts zu tun haben will. Denn beide, die poetae und die pictores, haben das Privilegium der Lüge und Erfindung.

Dahero schicket sich nichts besser, als wenn ein Poet den Maler zum Gevattern bittet; denn fingere und pingere sind die vertrautesten Spießgesellen. Das Gehirn der Poeten steckt bekanntlich voll der ausgeschämtesten Lügen. Und der Malerpinsel ist auch nicht skrupulös; und wenn er schon aus Haaren bestehet, so gehet er dennoch nicht ein Haar auf die Wahrheit ...

... Pictoribus atque poetis

Quilibet audendi semper fuit aequa potestas.

Dichten können nach Begnügen

Alle Maler und Poeten;

Dürfen sie doch tapfer lügen,

Wann die Wahrheit schon vonnöten.

Sotanes würde aber dem Schreiber dieser heiligen Legende übel genug anstehen. Hat er sich bis anhero der purlauteren Wahrheit beflissen, wird er sich auch künftighin zu keinen malerischen und poetischen Winkelzügen und Umschreibungen verleiten lassen. Wohl aber kann er es sich nicht versagen, den heiligen Bürokrazius zur Bereicherung deines Wissens, frommer Leser, mit einem anderen gottseligen Manne zu vergleichen, der vom Roß herunter ein Heiliger wurde, während der heilige Bürokrazius in seiner Demut auf das Roß hinauf kam.

Es handelt sich um den gottseligen Petrus Consalvus in Spanien. Als der einst vor einer großen Menge Volkes mit absonderlichem Gepränge auf einem stolzen Klepper dahertrabte, fiel er unvermutet in eine wüste Kotlacken, worinnen er sich wie in einem Saubade herumgewälzet und einem Mistfinken nicht ungleich gesehen, welches dann jedermann zu einem ungestümen Gelächter bewogen hat. Er aber nahm wahr, daß ihn die Welt also auslachte, entschloß sich augenblicklich, dieselbe hingegen wieder auszulachen, trat in einen heiligen Orden und lebte gottselig. Dem hat also gleichsam die Kotlacken das Gewissen gesäubert und den Hochmut ausgewaschen.

Selbiges hatte der heilige Bürokrazius nicht vonnöten, dieweilen er erst in Verzweiflung ob seiner Hühneraugen hoch zu Roß gekommen, demnach nie aus Hochmut beritten war. Darum ist es ihm auch niemals widerfahren, daß er sich von seinem Schimmel unfreiwillig und von der ganzen Welt verlacht hat trennen müssen.

Unbehindert und ohne Kotspritzer ritt er durch die Welt. Und es ereignete sich, daß er in seiner erhabenen Berittenheit noch besser denken konnte wie früher, als er mit seinen Hühneraugen durch die Welt hatschte. Nachdem der Sitz seines Verstandes in unmittelbarer Berührung mit dem Schimmel war, dachte der Heilige fürderhin noch leichter. Er dachte nach dem Tempo des Amtsschimmels.

Sintemalen jedoch rasches Denken die Tiefe seiner Weisheit nachteilig beeinflussen konnte, ließ der Heilige den Schimmel stets in einer sehr gemächlichen Gangart dahintrotten. Es eilte ja nicht. Der Heilige hatte Zeit, und der Schimmel hatte Zeit, und das liebe Publikum bewunderte den heiligmäßigen langsamen und erhabenen Trott des Schimmels.

So ritt denn an einem schönen Sommertage der Heilige, tief versunken in seine Gedanken, durch die Welt. Er hörte und sah nichts von seiner Umgebung; denn er arbeitete nach dem Trott des Schimmels an einem neuen Formular, mit dem er die Menschen beglücken wollte. Er hörte nicht das Feilen des Gimpels und die schlagende Halsuhr der Wachtel, nicht das gemeine Schleiferliedel der Amsel und das Te Deum Laudamus der Lerchen und nicht das Passarello des Stieglitzes. Er sah auch nicht die gestickte Arbeit der Wiesen auf ihrem grünsamtenen Teppich, das lustige Laubfest der Wälder und des ganzen Erdbodens hochzeitliches Gepränge.

So gab es ihm und seinen Gedanken einen gewaltsamen, plötzlichen und jähen Ruck, als der Schimmel auf einmal stehenblieb und lebhaft wieherte, als ob er einen alten Bekannten begrüßen würde.

Der Schimmel starrte durch seine grünen Brillen auf einen Kerl, der am Wegrande saß, die Erde mit seinem Gewicht beschwerte und nichts anderes tat, als daß er dem lieben Herrgott den Tag wegstahl.

Alldieweilen das Denkvermögen und dahero auch die Beobachtungsgabe des Heiligen untrennbar von seinem Schimmel geworden war, starrte nunmehro auch er auf den fremden Kerl. Der sah aber nicht gerade sehr gepflegt aus. Er hatte struppiges Haar und einen verwilderten Bart. Auch wiesen seine Kleider so viele Löcher auf, daß man in ihnen keine Maus hätte fangen können. Geist stand just nicht in seinem Gesichte geschrieben. Dafür guckten ihm aber die großen Zehen beider Füße fürwitzig aus den Stiefeln. Wenn der Kerl überhaupt was tat, so war er offenbar damit beschäftiget, seine in Gottes freie Luft ragenden Zehen zu betrachten, als ob er ihnen besondere Eingebungen verdanken würde.

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel. Daneben dachte er sich in seinem Roßverstand: „Mir scheint, der Kerl ist genau so blöd wie wir beide.“

Der heilige Bürokrazius aber setzte sich auf seinem Schimmel zurecht und fragte den fremden Kerl mit vornehmer Gelassenheit von oben herab: „Wo haben Sie Ihren Paß?“

„Ha?“ sagte der Kerl, der nicht gut zu hören schien.

„Wo Sie Ihren Paß haben?“ wiederholte der Heilige sehr bestimmt.

„Was? Paß? Nix Paß!“ erwiderte der Kerl.

„Was? Sie haben keinen Paß?“ schnaubte der Heilige in gerechtem Zorn.

„Hühühühü!“ wieherte der Schimmel entrüstet und begann den Kerl zu beschnuppern.

„Ha?“ sagte der Kerl.

„Sie haben keinen Paß!“ rief der Heilige mit erhobener Stimme. „Dann sind Sie ja ein ganz gewöhnlicher Landstreicher!“

„Ha?“ sagte der Kerl.

„Ein ganz gewöhnlicher Landstreicher sind Sie! Ein Vagabund!“ rief der Heilige laut von seinem Schimmel herunter.

„Was? Landstreicher?“ sagte der Kerl und langte faul und behaglich nach einem derben Knüttel, der neben ihm im Grase lag. „Du, halt’ di fein z’ruck!“

„Wie reden Sie denn überhaupt mit mir?“ rief der Heilige empört.

„Ha?“ fragte der Kerl.

„Wie Sie mit mir reden?“

„I? Wie i mit dir red’? Deutsch!“ sagte der Kerl.

„Stehen Sie überhaupt auf, wenn man mit Ihnen spricht!“

„Ha?“

„Aufstehen sollen Sie, wenn man mit Ihnen spricht!“

„I? Was? Aufstehn? Fallt mir nit im Schlaf ein!“

„Das ist doch eine unerhörte Frechheit!“ rief der Heilige. „Haben Sie denn überhaupt eine Ahnung, wer ich bin?“

„Ha?“

„Ob Sie eine Ahnung haben, wer ich bin?“

„A saudumm’s Rindviech bist!“

„Hihihihi!“ lachte der Schimmel.

Der Heilige wurde durch diese Erkenntnis seiner Persönlichkeit wesentlich milder gestimmt und fragte den Kerl ziemlich freundlich: „Also Paß haben Sie keinen?“

„Ha?“

„Paß haben Sie keinen?“

„Naa.“

„Auch sonst keine Ausweispapiere?“

„Ha?“

„Papiere!“

„Papier? Brauch’ i keins. I wisch mi alleweil mit Gras ab!“

Der heilige Bürokrazius lächelte in seiner himmlischen Milde mitleidig. Dann frug er den fremden Kerl: „Wie heißen Sie denn eigentlich?“

„Ha?“

„Wie Sie heißen!“

„Wie i heiß? Das geht dich an Schmarrn an!“

„Aber Sie müssen doch einen Namen haben.“

„Namen? Hab’ i aa!“ sagte der Kerl.

„Also wie heißen Sie!“

„Nit so wie du.“

„Ich bin der heilige Bürokrazius!“ sagte der Heilige.

„Wer?“

„Der heilige Bürokrazius!“

„Dös hab’ i mir gleich denkt!“ sagte der Kerl. „Ein anderer fraget mich nit so saudumm aus!“

Der Heilige lächelte geschmeichelt. Dann frug er mit der freundlichsten Herablassung: „Wollen Sie nun nicht so liebenswürdig sein und mir Ihren werten Namen verraten?“

„Ja, wenn i dir damit a besondere Freud’ mach’, warum denn nit!“ sagte der Kerl nachgiebig. „Stultissimus heiß ich!“

„Danke verbindlichst!“ sprach der Heilige höflich. „Nun, mein lieber Herr Stultissimus, wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was Sie eigentlich sind?“

„Ha?“

„Ich möchte Sie höflichst ersuchen, mir zu sagen, was Sie sind?“

„Kannst denn mit deiner blöden Fragerei gar nimmer aufhören!“ wurde der Kerl plötzlich wieder obstinat.

„Aber Sie müssen doch irgendeinen Beruf haben!“ sagte der Heilige ungemein liebenswürdig.

„Ha?“

„Ihr Beruf?“

Da erhob der Kerl seine rechte Hand und zog mit dem Zeigefinger derselben einen Kreis um seinen struppigen Schädel.

Dann sagte er: „Heiliger.“

Der heilige Bürokrazius bemerkte aber, daß der Kerl tatsächlich einen, wenn auch schmalen, so doch glänzenden Streifen um den Schädel trug. „Auch Heiliger?“ sprach er mit einer gewissen Kameradschaftlichkeit.

„Was denn sonst?“ sagte der fremde Kerl.

„Sie entschuldigen schon, daß ich das nicht gleich bemerkt habe!“ meinte der heilige Bürokrazius.

„Bist halt zu blöd dazu!“ sagte der heilige Stultissimus mit einer gemütlichen Nachsichtigkeit.

„Wer hat Ihnen denn Ihren Heiligenschein verliehen?“ frug der heilige Bürokrazius.

„Nix verliehen!“ erwiderte der heilige Stultissimus. „Von selber g’wachsen!“

„Ah so!“ sagte der heilige Bürokrazius. „Respekt! Da gratulier’ ich.“ Damit stieg der Heilige von seinem Roß und setzte sich neben den heiligen Stultissimus. Einerseits aus Kollegialität, anderseits um sich mit seinem offensichtlich etwas schwerhörigen Mitheiligen besser verständigen zu können. „Freut mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben!“ sagte er höflich.

„Weißt was, sein mer per du!“ meinte der heilige Stultissimus jovial.

Da rückte der heilige Bürokrazius unwillkürlich etwas von ihm weg und betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

„Vielleicht nit?“ fragte der Stultissimus im Ton einer aufsteigenden Beleidigung.

„Aber selbstverständlich!“ beeilte sich der heilige Bürokrazius zu versichern.

„Also, sollst leben!“ sagte der Stultissimus und klatschte ihm mit der flachen rechten Hand kräftig auf seine Glatze.

„Nix drinnen? Ha?“ frug er freundlich.

„Mit Verlaub,“ erkundigte sich der heilige Bürokrazius nach einer Weile, „wo hast denn du deinen Verstand?“

„Verstand?“ erwiderte der andere. „Verstand hab’ i überhaupt keinen.“

„Aber du mußt doch auch was denken.“

„Denken tu i nix.“

„Ja, wie fallt dir denn nachher was ein?“

„Wie mir was einfallt? Mir scheint, am meisten fallt mir alleweil ein, wenn i meine großen Zehen betracht’!“ sagte der heilige Stultissimus und stellte seine Zehen in die Luft.

„Aha!“ meinte der heilige Bürokrazius. „Dann ist dir dein Verstand in die Zehen abig’rutscht. Mir ist er weiter oben steckengeblieben. Auf die Weis’ passen wir zwei ja ganz prächtig zusammen. Der heilige Bürokrazius und der heilige Stultissimus, das ist doch ein wundersames Paar. Da werden die Leut’ aber schauen!“

„Meinst?“ sagte der heilige Stultissimus.

Nachdem sie längere Zeit im beschaulichen Stillschweigen nebeneinander gesessen hatten, hub der heilige Bürokrazius wieder an: „Eigentlich solltest du aber doch eine Stellung haben!“

„Ah was! Stellung!“ machte der heilige Stultissimus verächtlich. „Da bin i mir zu wenig dumm dazu.“

„Die nötige Dummheit kommt mit der Stellung!“ belehrte ihn der heilige Bürokrazius.

„Das sieht man bei dir!“ sagte der heilige Stultissimus gutmütig.

„Na also!“ munterte ihn der heilige Bürokrazius auf. „Wie wär’s denn, wenn du bei mir Stallknecht würdest. Für den Amtsschimmel da. Der ist das dümmste Roß auf Erden. Ich bin das größte Rindviech. Und du bist der größte Steinesel. Da sind wir eine herrliche Menagerie und können der ganzen Welt einen Zirkus abgeben, daß sie damisch wird vor lauter Begeisterung. Heiliger Stallknecht Stultissimus, schlag’ ein!“

„Was zahlst denn nachher?“ frug der heilige Stultissimus, der sich die Sache zu überlegen schien.

„Zahlen? Ja, was fällt denn dir ein? Das ist doch eine Ehrenstellung!“

„Mit Ehrenstellungen kannst du mir g’stohlen werden! Siehst, da bin ich auch wieder zu wenig dumm dazu.“

Da der heilige Stultissimus mit keiner Überredungskunst zu bewegen war, die Stellung eines Stallknechtes als Ehrenstellung zu übernehmen, einigten sich die beiden Heiligen schließlich auf einen bestimmten Lohn und auf eine Kündigungsfrist. Es ist aber nicht bekannt geworden, daß sich der heilige Stultissimus und der heilige Bürokrazius jemals wieder getrennt hätten. Wie aus dem Folgenden zu ersehen ist, wurde der Stultissimus außer seinem Roßamt auch noch ein bedeutender geistiger Mitarbeiter des Bürokrazius.

Wie die beiden Heiligen einen auferbaulichen Disput hatten und das respektvolle Ergebenheitstränklein brauten.

An einem Abend saßen die beiden Heiligen zusammen in dem dämmerigen Stalle des Amtsschimmels und schauten bedachtsam zu, wie der Schimmel Akten fraß und sie regelrecht verdaute, um dann einen Teil derselben als Roßmist wieder von sich zu geben.

Um diesen Mist war den beiden Heiligen schon längst leid gewesen, und sie hatten bereits des öfteren miteinander beratschlagt, was sie eigentlich mit dem Mist des Amtsschimmels beginnen sollten.

Da der heilige Bürokrazius den Erzengel Michael wegen seiner ihm sattsam bekannten Grobheit in dieser mistigen Angelegenheit nicht eigens um Rat zu fragen wagte, beriet er die heikle Sache lieber mit seinem heiligen Stallknecht.

Auch der heilige Stultissimus war der Ansicht, daß der Mist des Amtsschimmels sich von gewöhnlichem Pferdemist wesentlich unterscheiden müsse und richtig verwendet wunderbare Früchte zeitigen könnte.

Um der Sache endlich auf den Grund zu kommen, setzte sich der heilige Bürokrazius ganz energisch nieder, und der heilige Stultissimus betrachtete seine beiden nackten großen Zehen, die ihm in rührender Anhänglichkeit noch immer aus den Stiefeln guckten.

Dabei entwickelte sich zwischen den beiden Heiligen dieser auferbauliche Disput:

Sankt Bürokrazius: Was fangen wir nur mit dem Mist da an?

Sankt Stultissimus: Mit welchem Mist da?

Sankt Bürokrazius: Mit dem Mist da.

Sankt Stultissimus: Ah, mit dem Mist da.

Sankt Bürokrazius: Ja.

Sankt Stultissimus: Ah so.

Sankt Bürokrazius: Das ist sozusagen ein heiliger Mist.

Sankt Stultissimus: Der Mist da?

Sankt Bürokrazius: Ja.

Sankt Stultissimus: Ah so.

Sankt Bürokrazius: Das ist also kein gewöhnlicher Mist, sintemalen und alldieweilen er von dem Amtsschimmel stammet. Dahero ist er auch geheiliget und kann den Menschen nicht oft genug eingepräget werden. Demzufolge muß auch dieser sozusagen heilige Mist des Amtsschimmels der Menschheit in irgendeiner Form zugeführet werden.

Sankt Stultissimus: So werden sie ihn aber nit fressen.

Sankt Bürokrazius: Derohalben muß irgendeine ersprießliche Form für die Verwertung besagten Mistes gefunden werden.

Sankt Stultissimus: Reden ist leicht, aber einfallen sollt’ einem halt was.

Sankt Bürokrazius: Wie wäre es, wenn wir diese unschätzbaren Äußerungen des Amtsschimmels abkochen würden und ein Tränklein daraus bereiten würden, das der ganzen Menschheit zum Heile und uns zum höheren Ruhme verhelfen würde? Wozu lagert ansonsten der Amtsschimmel seinen Mist ab, wenn er nutzlos verdirbt!

Sankt Stultissimus: Das wär’ eine Idee.

Sankt Bürokrazius: Die Menschen haben noch immer zu wenig Respekt vor dem heiligen Bürokrazius. Es muß ihnen viel mehr respektvolle Ergebenheit vor seiner Weisheit eingeflößet werden. Wie könnte das besser geschehen, als durch den Mist des Schimmels, der den heiligen Bürokrazius trägt, auf dem der heilige Bürokrazius nicht nur reitet und denkt, dessen erhabener Gangart er sogar seine Entschließungen, Verordnungen und Maßnahmen verdanket. Denn was ansonsten gewöhnlicher Roßmist ist, das ist allhiero der unergründliche Geist von tausend Akten, quasi das Extractum aller gebührenden Ehrfurcht vor dem heiligen Bürokrazius, der anselbsten zu sein Redner die hohe Auszeichnung besitzet.

Sankt Stultissimus: Bist jetzt nachher bald fertig? Das kann man doch kürzer sagen: Den Mist abkochen und den Menschen zu saufen geben.

Sankt Bürokrazius: Mein lieber Stultissimus, du hast leider noch immer nicht das richtige Verständnis für den Amtsstil.

Sankt Stultissimus: Steig’ mir in Buckel mit deinem Amtsstiefel! Also probieren wir’s halt einmal mit dem Trankl! —

Damit sammelten die beiden Heiligen sorgfältig den Mist des Amtsschimmels, gingen hin, richteten einen Kessel und ein Feuerlein zu und begannen zu kochen.

Der heilige Bürokrazius klebte an die Türe der Küche einen großen Zettel, auf dem zu lesen stund: „Insgeheime geheimste Kuchel. Eintritt strengstens verboten!“ Es wagte auch niemand die beiden Heiligen in ihrer geheimnisvollen Tätigkeit zu stören.

Dem brodelnden Kessel entstiegen die lieblichsten Düfte. Dabei geschah ein himmlisches Wunder, welches das ehrerbietige Staunen und die uneingeschränkte Begeisterung der beiden Heiligen erregte.

Der Rauch, der von dem Kessel emporwirbelte, war kein gewöhnlicher Rauch, sondern er entschwebte dem Kessel in den herrlichen Formen von lauter Paragraphenzeichen, die lange Zeit in der Luft hängen blieben, bis sie von nachflatternden neuen Paragraphen abgelöst wurden. Daraus erkannten die beiden Heiligen, daß sie den einzig richtigen Weg für die Verwendung des heiligen Mistes zum Wohle und Gedeihen der Menschheit gefunden hatten.

„Himmelsakra!“ rief der heilige Stultissimus in ehrlicher Überraschung aus. „Das ist aber höllisch schön!“ Damit spuckte er in überschwänglicher Begeisterung in das brodelnde Dekoktum des Kessels. Nunmehro ereignete sich ein neues, noch größeres Wunder.

Die Paragraphen, die nach dieser Vermischung des heiligen Sputums mit dem Schimmelmist aus dem Kessel sich erhoben, machten plötzlich in der Luft tiefe katzenbuckelnde Verbeugungen. Da der heilige Bürokrazius dieses zweiten Mirakulums ansichtig ward, da wurde er schier von blassem Neid gegen seinen Stallknecht, Kollegen und Mitheiligen erfasset. Er trachtete dahero, ihn womöglich noch zu übertreffen, räusperte sich lange und ausgiebig und spie einen riesigen Klachel in den Kessel.

Nunmehro wollten sich die katzenbuckelnden Paragraphen in der Luft fast vor Devotion überschlagen. Triumphierend schaute der heilige Bürokrazius auf den heiligen Stultissimus, dieweilen er ihn an Wunderwirkung seines heiligen Sputums noch übertroffen hatte.

Das erregte wiederum den Neid des heiligen Stallmeisters. Er beeilte sich dem Roßmist geschwind neues Sputum zu vermischen. So geschah es, daß die beiden Heiligen in edlem Wetteifer abwechselnd in den Kessel spuckten und dadurch jenes großartige Arkanum erzielten, das bis zu den heutigen Zeitläuften die Menschen in Untertänigkeit und Ehrfurcht vor allen Einrichtungen des heiligen Bürokrazius erschauern macht.

Damals wurde von den beiden Heiligen, die alsogleich erkannt hatten, daß die Mischung des Schimmelmistes und ihres heiligen Sputums die allein richtige Mischung für ihr geplantes Dekoktum sei, aus besagtem, in lieblichster Devotion duftendem Dekoktum das respektvolle Ergebenheitstränklein gebraut, welches der heilige Bürokrazius hinfüro den seiner Verwaltung und seines Gängelbandes dringend bedürftigen Menschen bescherte.

Da die Menschen nach ihrer armseligen Naturanlage leider unfähig waren, sich selber zu verwalten und sonder Schwanken gehen zu lernen, mußte ihnen durch dieses offensichtlich himmlischer Eingebung entstammende respektvolle Ergebenheitstränklein der endgültige Glaube an die Notwendigkeit, Erhabenheit, Verstandesschärfe, Unentbehrlichkeit und Unfehlbarkeit aller irdischen Stiftungen des heiligen Bürokrazius beigebracht werden.

Der Heilige verfügte, daß dieses Tränklein bereits den Kindern in die Lullbüchsen gegeben würde, so daß sie es zugleich mit der Muttermilch bekamen und mit der respektvollen Ergebenheit gegen den heiligen Bürokrazius im Leib schon in ihren Windeln lagen.

Sintemalen uns allen dieses Tränklein in Adern, Knochen und Flachsen liegt und sozusagen einen wesentlichen Bestandteil unserer irdischen Beschaffenheit ausmachet, hat es bis zu heutigen Tagen der armen Menschheit auch noch nie recht zu dämmern begonnen, was für ein riesengroßes Rindviech der heilige Bürokrazius im Grunde genommen eigentlich ist. Auch die Bestandteile des respektvollen Ergebenheitstränkleins sind den Menschen noch nie zum Bewußtsein gekommen, dieweil es sich eben um ein Geheimmittel handelt, das sich nur in seinen Wirkungen dokumentieret.

Alldieweilen aber jegliche Medikamente ihren gelehrten lateinischen Namen haben müssen, damit sie dem ehrfurchtsvollen Publiko um so unbegreiflicher, geheimnisvoller und rätselhafter erscheinen, hat ein Kollegium hochgelahrter Professoren, Doktoren, Chemiker, Alchimisten und Pharmazeuten nach jahrelangen schwierigen Beratungen auch für das respektvolle Ergebenheitstränklein, welches die Welt dem heiligen Bürokrazius unter kräftiger Mitwirkung des heiligen Stultissimus verdanket, die endgültige wissenschaftliche Bezeichnung gefunden. Sie soll dir, o frohgemuter Leser, nicht vorenthalten werden. Wappne dich jedoch mit allen deinen klassischen Kenntnissen und verrenke dir dabei die Zunge nicht ... Sanctorum Bürokrazii atque Stultissimi mixtura famosa gloriosa miraculosa amabilis admirabilis honorabilis venerabilis respectabilis devotionalis mystica decocta speibensis saufdusi.

verzierung

Wie der heilige Bürokrazius Hühneraugen im Hirn bekam und sich einen Zopf wachsen ließ.

O höllischer Sudkessel, wie fürchterlich sind deine Qualen,

Nicht zu beschreiben und auch nicht zu malen!

Wann dich Verdammten von vorne und von hinten

Unablässig die Teufel zwicken und boshaftig schinden,

Dann wirst du vor lauter höllischer Pein Tag und Nacht juhzen,

Aber es wird dir sotanes Gejuhze nix nutzen.

Und wenn du auch jodelst in den höchsten Tönen,

Wird dein Gesang nur die Schadenfreude der Höllenmächte verschönen.

Pech und Schwefel wird dir deinen sündigen Leib verbrennen,

Magst du auch noch so winseln und heulen und rotzen und flennen.

Während ein Rindfleisch im Sudkessel wird allgemach weicher und linder,

Bleibst du darinnen für alle Ewigkeiten der gleich hartgesottene Sünder.

Und entsteiget deiner Suppen auch tausendfach Weh und Ach,

Hilft’s dir einen Dreck, du bleibest in saecula saeculorum zach.

Und geben sie dich auch zur Abwechslung, um dich zu braten und zu schmoren,

In die höllische Pfannen, es ist an dir alle Liebesmüh verloren.

Dahero kannst du daran ermessen, du gottverlassener Sündenlümmel,

Wie blöd es von dir war, in die Hölle zu kommen anstatt in den Himmel.

Wenn du aber für höllische Qualen zwecktunliche Vergleiche willst entdecken

An irdischen Martern, Bedrängnissen, Peinigungen und Schrecken,

Die eine heilsame comparationem aushalten mit den diabolischen Pech- und Schwefellaugen,

Dann brauchst du nur mit gebührender Andacht zu denken an deine Hühneraugen.

Die machen dich, o frommer Christ, auch mitunter so elendiglich juhzen,

Daß du dir am liebsten tätest deine verehrlichen Zehen abstutzen.

Schreiber dieser heiligen Legende hat zwar schon im vorhergehenden denen schwindelhaften Poeten als einem Lottergesindel feierlich abgesaget und abgeschworen. Deswegen hat er es sich aber doch nicht versagen können, dieses Hauptstück mit zierlichen und wohlgesetzten Reimlein einzuleiten. Er möchte sich aber sehr geharnischt dagegen verwahren, um dieser Reimlein willen unter das verächtliche Gelichter der Poeten einverleibet zu werden. Seine Reimlein sind keine Poesien, sondern der Abglanz und Spiegel der Wahrheit, speculum veritatis. Er hat nicht gedichtet und nichts erdichtet, auch nichts geschwefelt mit der Abschilderung des höllischen Schwefels, sondern nur der Wahrheit ein Gewand verliehen, das noch deutlicher in die Augen fällt, als die schlichte Prosa, und einen Ton, der euch in den Ohren klingen soll wie die Trompeten von Jericho.

Dabei hat er euch aber die Qual der Hühneraugen nochmals eindringlich vorführen wollen, damit ihr das richtige, nachdenksame und auferbauliche Verständnis für das Folgende findet, was er euch in diesem Hauptstück von dem heiligen Bürokrazio zu vermelden und zu berichten hat.

Es ereignete sich nämlich, daß den heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen wiederum fürchterlich turmanterten, id est peinigten. Das schrieb sich dahero, dieweilen unterschiedliche frevelhafte Menschen, so noch nicht zu den Rindviechern zählten und derohalben seine heilige Sendung noch nicht erfasset hatten, dem Heiligen in niederträchtiger und heimtückischer Absicht wiederholt sonder Erbarmen auf diesen seinen empfindlichen Leibschaden der Zehen traten.

Das machte den Heiligen jedesmal so erbärmlich juhzen wie die Verdammten im höllischen Sudkessel. Gerne hätte er ad majorem dei gloriam auch diese Qualen seines Erdenwandels noch weiter ertragen. Besagtes Gejuhze vereinbarte sich aber nicht mit seiner Würde, die er kraft seiner himmlischen Sendung allerorten zur Schau tragen mußte.

Da dem heiligen Bürokrazio der Ton, in welchem die innere Stimme des Erzengels Michael mit ihm geredet hatte, für die Dauer gar nicht genehm war, wagte er es desto weniger, sich an diese himmlische Stimme zu wenden, weil ja die Materie seiner Hühneraugen schon einmal zwischen ihm und dem Erzengel Michael abgehandelt worden war.

Der heilige Bürokrazius setzte sich dahero wiederum mehrere Tage und Nächte nieder, wie er dies beim Denken bekanntlich immer zu tun pflegte, und dachte inständig darüber nach, auf welche Art und Weise er die Qual der Hühneraugen loswerden könnte, dieweilen ihm wegen der Boshaftigkeit der sündhaften Menschen auch die erhabene Berittenheit auf dem Amtsschimmel zwar eine zeitweilige, aber nicht eine immerwährende Befreiung von dieser großen leiblichen Sorge seines irdischen Wandels gebracht hatte.

Nachdem der Heilige reiflich und tief nachgedacht hatte, wurde ihm durch eine innere Stimme die Eröffnung: „Wende dich in einer gehörig begründeten Eingabe an die höchste Instanz, an den lieben Gott selber!“

Wem diese Stimme von oben angehörte, konnte der heilige Bürokrazius nie ergründen. Sie sprach jedoch zu ihm in einem höflichen und liebenswürdigen Tone.

Es handelte sich jetzo aber darum, die verlangte Eingabe an den lieben Gott zu verfassen. Und das war keine Kleinigkeit. Denn eine solche Eingabe war dem heiligen Bürokrazius in seiner ganzen Praxis noch nie vorgekommen. Auch besaß er hiezu keine Formularien oder sonstigen Behelfe. Nicht einmal in dem Mist des Amtsschimmels waren irgendwelche Andeutungen für den Verkehr mit dem lieben Gott zu finden.

Der heilige Bürokrazius pflog dahero sorgsame Beratungen mit seinem Stallknecht, dem heiligen Stultissimus. Der hatte ihm, bevor der heilige Bürokrazius sich auf das neuerliche tiefe Nachdenken über seine Hühneraugen verlegte, schon einmal den echt freundschaftlichen Rat gegeben, er solle sich seine Hühneraugen beim Hufschmied beschlagen lassen. Dieser Rat war aber damals von dem heiligen Bürokrazius mit berechtigtem Entsetzen zurückgewiesen worden, obschon er die Wohlmeinung desselben uneingeschränkt anerkannte.

Der heilige Stultissimus war nunmehro, nachdem ihm der heilige Bürokrazius von seiner neuesten himmlischen Eingebung Mitteilung gemacht hatte, der Ansicht, daß es eigentlich eine Frechheit sei, den lieben Gott mit seinen Hühneraugen zu belästigen. Aber wenn der heilige Bürokrazius schon meine, er solle es doch tun, dann möge er sich ja davor hüten, den lieben Gott um die gänzliche Befreiung von den Hühneraugen anzusumsen. Solche gänzliche Nachlässe irdischer Qualen seien eine unerhörte Forderung an die Allbarmherzigkeit des lieben Gott. Denn irgendetwas müsse der Mensch doch auf Erden zu leiden haben. Und sonst habe der heilige Bürokrazius ja auch nichts Arges zu erdulden. Nicht einmal von Kopfweh werde er jemals heimgesuchet.

Das leuchtete dem heiligen Bürokrazius denn auch ein, und so beschlossen die beiden Heiligen nach gewissenhaften beiderseitigen Beratungen, daß die Eingabe an den lieben Gott nur die Bitte enthalten sollte, der liebe Gott möge so gnädig sein, dem heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen an eine Stelle seines heiligen Leibes zu versetzen, wo sie ihn nicht so fürchterlich schmerzen würden. Ein Endchen Qual wolle er ja in demütigster Unterwerfung gerne ertragen. Aber der gegenwärtige Zustand sei unerträglich und eine schwere Berufsschädigung.

Die Eingabe an den lieben Gott wurde alsobald erlediget. In dem heiligen Bürokrazius erhub sich nach einer abermaligen andächtigen Sitzung eine mächtige Stimme, welche er als die Stimme des lieben Gott erkannte.

Die Stimme war zwar nicht wesentlich höflicher als die des Erzengels Michael, sie erging sich aber doch nicht in derartigen Ausdrücken, wie sie der Erzengel liebte.

Die Stimme sprach aber ungefähr folgendes: „Hühneraugen hast? Wo anders willst sie haben? Das könnt’ jeder sagen. Laß’ mich ein bissel nachdenken, wo sie bei dir am ehesten Platz haben. Denn wisse, jedes Ding will seinen Platz haben. Auch die Hühneraugen. Halt! Ich hab’s. Ich versetz’ dir die Hühneraugen nach dem Hirn. Da hast du am meisten Platz dafür. Ist ohnedies nix drin. Sonst wärst ja nicht der heilige Bürokrazius. Siehst, wie gut es ist, wenn man im Schädel eine leere Kammer hat.“

Der liebe Gott sprach es. Und das Wunder geschah. Der liebe Gott versetzte in seiner himmlischen Gnade und Allmacht dem heiligen Bürokrazius seine Hühneraugen in das Hirn, wo sie als Einquartierung gut aufgehoben waren.

Und wie gnädig war der liebe Gott gewesen. Der heilige Bürokrazius hatte sich in seiner Eingabe nur nachzusuchen erlaubet, der liebe Gott möge ihm die Hühneraugen nach einer Stelle seines heiligen Leibes versetzen, wo sie ihn nicht so fürchterlich schmerzen würden. Mit einem Endchen Qual wolle er sich gerne abfinden. Nun hatte ihm der liebe Gott die Hühneraugen in das Hirn versetzet, und da verspürte der heilige Bürokrazius überhaupt keine Qual mehr. Denn jede Qual erfordert, damit sie gefühlet werde, ein Eintreten in das Bewußtsein. Nachdem jedoch dem heiligen Bürokrazius die Hühneraugen nach demjenigen Teile seines heiligen Leibes versetzet worden waren, der mit seinem Bewußtsein oder Verstande gar nichts zu tun hatte, konnten ihn die Hühneraugen im Hirn unmöglich mehr peinigen.

Es ist aber in unzähligen theologischen Schriften erwiesen, daß die göttliche Weisheit nichts tut ohne ihren ewigen Vorbedacht. So war auch die Versetzung der Hühneraugen des heiligen Bürokrazius in sein Hirn von Ewigkeit vorbedacht. Und diese vorbedenkende Weisheit des lieben Gott sollte sich alsobald zeigen.

Da die Hühneraugen nunmehro eine ungehinderte Freistatt hatten, sich üppig zu verbreiten, und sie kein Schuh mehr drückte, feierten sie in dem Hirn des Heiligen wahre Orgien der Vermehrung. Sie wucherten gleich Schwämmen zur Zeit des Jupiter Pluvius, wie die Antiken sagen würden, und drückten allgemach gewaltig gegen die Schädelwände.

Sintemalen jedoch der Heilige infolge der eigentümlichen Beschaffenheit, mit welcher er dachte, unmöglich Kopfschmerzen bekommen konnte, so störten ihn die Hühneraugen auch bei ihrer unheimlichen Vermehrung nicht im geringsten in seinem Berufe.

Irgendwie mußten sie ihre Bestimmung aber doch erfüllen. Mit ihrem Druck gegen die Schädelwände war unwillkürlich auch ein Druck auf die Haarwurzeln verbunden. Die ausgefallenen Haare des Heiligen begannen dahero plötzlich wieder zu wachsen.

Es erhub sich in kurzer Zeit ein derart reicher Haarwuchs, daß der heilige Bürokrazius sich bemüßiget fand, einen Zopf daraus zu flechten. Der Zopf aber stund ihm großartig zu Gesichte.

Dies fanden auch der heilige Stultissimus und alle Menschen, die seines Anblickes gewürdiget wurden. Ja, seitdem der heilige Bürokrazius einen Zopf trug, gewann er noch mehr Ansehen bei den Menschen.

Der Zopf hatte ihm noch gefehlet. Trug ja auch der Amtsschimmel hinten einen Schweif. Warum sollte daher der heilige Bürokrazius unbezopft auf Erden wandeln.

Die allwaltende göttliche Weisheit hatte mit dem Zopf des heiligen Bürokrazius aber noch ganz etwas anderes bezwecket, was sich alle die Spötter hinter ihre werten Ohrwascheln schreiben sollen, die über diesen Zopf je abfällige Bemerkungen gemacht haben.

Und diese abfälligen Bemerkungen wurden gemacht. Wagt es doch die Menschheit, das Glänzende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Das muß irgendwo irgendein Dichter gesagt haben, der sich durch sotanen Ausspruch in einem Momente göttlicher Eingebung für diesen einen Moment von dem sonstigen Poetengesindel loslöste.

Der Zopf des heiligen Bürokrazius ist nur derohalben der Gegenstand frevelhaften Witzes geworden, weil die Menschheit bis anhero den geheimnisvollen Gang des göttlichen Willens nicht erkannt hat.

Darum passet fein auf und höret zu. Der Schreiber dieser Legende will euch aufmerksamen Lesern die göttliche Bestimmung des Zopfes des heiligen Bürokrazius erläutern.

Durch die eigentümliche Denkart des Heiligen konnte sich sein Gehirn nach außen nicht dokumentieren. Da dieses jedoch mit der Zeit hätte zu Mißdeutungen führen und dem Ansehen des Heiligen hätte schaden können, war der liebe Gott in seiner ewigen Weisheit darauf bedacht, das Gehirn des Heiligen auch äußerlich in Erscheinung treten zu lassen.

Auf dem Umwege der Hühneraugen ließ er dahero das zur Untätigkeit verurteilte Gehirn des Heiligen nach außen in der Gestalt seines Zopfes sichtbar werden.

Dahero ist auch der Zopf des heiligen Bürokrazius, der von seinen Jüngern und sonstigen Anhängern ehrfurchtsvoll in unveränderter Gestalt übernommen wurde, etwas Heiliges und muß von uns allen gebührend verehret werden. Er ist der sichtbare allegorische Ausfluß seines Geistes an derjenigen Stelle, wo er naturgemäß sein sollte, aber nicht zu finden ist.

Der tatsächliche Sitz des Verstandes und Geistes des heiligen Bürokrazius kann aus leicht begreiflichen Gründen coram publico nicht entblößet werden, weswegen dem Pleno titulo Publico dessen sinnbildlicher Sitz und seine sichtbare Verkörperung in Gestalt des Zopfes genügen möge. Womit Schreiber dieser Legende allen Spöttern, Tadlern und Mäklern in aeternum das Wasser auf die lästerlichen Klappermühlen ihrer Scheelsucht abgegraben zu haben vermeinet.

Es ist aber obenbeschriebene Angelegenheit mit dem Versetzen der Hühneraugen nach dem Hirn des heiligen Bürokrazius und mit dem dadurch hervorgerufenen Wachsen des Zopfes noch keineswegs erlediget. Auf daß der Heilige durch Befreiung von jeglicher irdischer Qual nicht zu weltlichem Übermute verleitet würde, ist dem bösen Feind alias Gottseibeiuns oder Luzifer ein diabolisches Streichlein verstattet worden.

Unter dem Einflusse und unter der Beratung des infernalischen Schürmeisters hat sich bei der Wanderung der Hühneraugen nach dem Gehirne des Heiligen ein ganz besonders niederträchtiges, erzinfames und teuflisch boshaftes Hühnerauge nach demjenigen Körperteile seines heiligen Leibes verirret, mit welchem er dachte.

Der heilige Bürokrazius sollte seiner verruchten Anwesenheit alsobald gewahr werden. Dieses eine verirrte Hühnerauge begann ihn in neuer Gestalt ärgerlich zu peinigen, und es wucherte weiter und bekam Geschwister und Anverwandte.

Diesmal bemächtigten sich die hochgelahrten doctores universalis medicinae des Leidens des heiligen Bürokrazius, da selbiges sich sozusagen zu einer öffentlichen Angelegenheit auswuchs, sintemalen es den Sitz seines Verstandes bedrohte. Sie vermochten ihm zwar nicht gründlich zu helfen, aber die größten medizinischen Fakultäten der Erde verliehen dem heiligen Bürokrazius in feierlichen Promotionen den Titel eines Hämorrhoidarius, welchen titulum academicum der Heilige nebst seinem Zopf in Würde, aber nicht immer mit Gelassenheit trug.

verzierung

Ein deliziöses Intermezzo von den Tiroler Speckknödeln.

Zu jenen Zeitläuften, da der heilige Bürokrazius auf Erden wandelte, waren die Tiroler Speckknödel leider noch nicht erfunden.

Wie hätte sich ansonsten unser verehrungswürdiger Heiliger daran erlustieret und delektieret. Wie wäre der schnüffelnde Rüssel seiner Nase in Bewegung geraten ob des anmutigen und verführerischen Duftes der Knödel. Wie hätten seine Eselsohren gespitzet, und wie hätte sein Zopf begeistert gewackelt. Das Krawattel wäre ihm zu nie geahnten Höhen geklettert.

Es ist nicht abzusehen, was der heilige Bürokrazius noch erfunden hätte, wenn er mit Tiroler Speckknödeln gespeiset worden wäre. Da aber seine Erfindungen ohnedies schon die ganze Welt erfüllen, wäre vielleicht für die Überfülle seiner Ideen kein Platz mehr auf Erden gewesen, wenn sie auch noch von Tiroler Speckknödeln befruchtet worden wären.

Es mag nunmehro vielleicht ein boshaftiger Schelm den Schreiber dieser Legende fragen, warum der heilige Sankt Bürokrazius nicht auch die Tiroler Speckknödel erfunden hat.

Auf diese fürwitzige und ungebührliche Frage gebühret dem Frager mit Fug und Rechten eine ausgiebige Maulschellen. Der heilige Bürokrazius hat die Tiroler Speckknödel derohalben nicht erfunden, dieweilen er den Speck zu einer anderen Erfindung brauchte oder vielmehr dieweilen ihm der Speck durch die göttliche Vorsehung für eine andere Erfindung bestimmet gewesen ist, die damals noch notwendiger war als die Tiroler Speckknödel.

Wie sich das verhielt, das wird der nachfolgende Bericht genau erweisen.

Nun glaubet ihr wohl, ihr werdet das gleich in den nächsten Zeilen erfahren. O nein, der Schreiber dieser Legende wird deine Neubegierde, großgünstiger Leser, noch ein bissel auf die Folter spannen und sich noch des weiteren über die Tiroler Speckknödel verbreiten, wozu er ein gutes Recht zu haben glaubt.

Einmal will er obgenannten fürwitzigen Fragern gern das Maul nicht nur nach der Rolle des Speckes im Leben des heiligen Bürokrazius, sondern auch nach den Tiroler Speckknödeln anselbsten wassern machen.

Zum zweiten gehören die Tiroler Speckknödel, da auch sie sich wie die gewaltige Erfindung des Heiligen auf Speck gründen und bauen, schon rein stofflich, secundum materiam, in diese Legende.

Zum dritten ist der Schreiber dieser Legende von dem innigsten Danke gegenüber den Tiroler Speckknödeln erfüllet und darf es sich wohl gestatten, an dieser Stelle auch einmal ein Gesatzel pro domo einzuflechten.

Nur der regelmäßige und reichliche Genuß der gloriosen Knödel hat den Schreiber befähiget, das Leben des Heiligen zu erforschen und bis zu diesem neuen Wendepunkte mit der gebührenden Andacht zu begleiten.

Die weltumfassende Materie seines Opus konnte sich nur aus den Tiroler Speckknödeln zu jener Klarheit und Anschaulichkeit erheben, die du, frommer Leser, hoffentlich genügend schätzen gelernet hast. Und justament sotane universale Erfassung des Stoffes stehet in dem innigsten ursächlichen Connexus mit den Tiroler Speckknödeln.

Wie stellet sich das Bild der Welt, des Universums dem menschlichen Begriffe dar, insonderheit, wenn man es nach seiner Gestalt erfasset? Es stellet sich in Kugelform dar. Wenn du von der Welt im großen sprichst, geneigter Leser, dann denkest du doch an die Weltkugel.

In gleicher Gestalt stellet sich auch der Tiroler Speckknödel dem andächtigen Beschauer dar. Auch er ist eine Kugel, wenn auch in dimensionibus minoribus.

Er kann aber mit der Weltkugel füglich in Vergleich gebracht werden, da er eine kugelförmige Welt für sich ist. Man könnte ihn ohne Überhebung als globus Tirolensis in die Lehrbücher der Astronomia einsetzen.

Und doch unterscheidet sich der Tiroler Speckknödel von der Weltkugel wiederum wesentlich. Denn während unsere Erde voll ist von Bitternis, Stacheln und Unkraut, ist der globus Tirolensis voll Wohlgeschmack und paradiesischer Ingredienzien. Er beglücket deinen Gaumen mit seiner zarten speckduftenden Beschaffenheit, er erquicket deinen Magen und er beflügelt deinen Geist zu den höchsten Höhen.

Eine Kugel, dem Weltall gleich, war er, bevor du ihn zerteiltest und ihn deiner leiblichen Wesenheit einverleibtest. Und zum Weltall, zum globus universalis deines Geistes wird er, wenn seine Substanzien sich dir mitgeteilet haben.

O ihr armseligen Menschen, die ihr noch nie Tiroler Speckknödel verzehret habt, wie seid ihr ausgeschlossen von aller Gnade irdischer und himmlischer Wohlfahrt. Insonderheit, ihr Mucken-Brüter und Grillenvögte, ihr Sorgenkramer und Lettfeigen, ihr Melancholey-Schmiede, Kummer-Geiger und Trübsal-Blaser, die ihr mit Ängsten angefüllet seid wie das Trojanische Pferd mit Soldaten, pilgert zu den Tiroler Speckknödeln! Sie werden euch trösten und euch jene Kraft des Körpers und des Geistes geben, von welcher der Schreiber dieser Legende erfüllet ist und kraft deren er nach dieser notwendigen Abschweifung auf das Gebiet seiner Leib- und Geistesspeise wiederum zu seiner eigentlichen Materia zurückkehret, nämlich zum Speck des heiligen Bürokrazius.

Wie der heilige Bürokrazius die Stampiglien erfand.

Es verhielt sich aber mit diesem Speck, wie das folgende Hauptstück aufzeiget.

Ihr werdet es leichtlich begreifen, daß der heilige Sankt Bürokrazius eine erschröckliche Schreibarbeit zu leisten hatte. Ganz fürnehmlich hatte er aber seinen heiligen Namen unzählige Male zu schreiben, was ihm keine geringen Beschwerden verursachte.

Es häuften sich jedoch die Skripturen auf seinem Schreibtische derartig, daß sie ganzen Gebirgen glichen, in denen der Heilige völlig verschwand. Man sah von seiner Körperlichkeit die meiste Zeit nichts mehr. Nicht einmal die äußersten Spitzen seiner langen Eselsohren ragten über die papierenen Gebirge hinaus. Und nicht einmal die Krawatitis posterior ascendens vermochte es mit all ihrer Heimtücke, diese hochragenden Gipfel zu erklimmen.

Nur der Heiligenschein Sancti Bürokrazii leuchtete in seinem milden Lichte auch aus diesen papierenen Gebirgen hervor. Es war, als ob sein Licht in Verklärung aus lauter papierenen Schluchten emporsteigen würde.

So sehr die arbeitsfreudige Rüsselnase des Heiligen auch in den papierenen Bergen herumschnüffelte und die papierenen Schluchten durchfurchte, es wollte nie weniger werden an unermeßlichem Segen. Der Heilige litt schon sehr bedenklich an Schreibkrampf, und an die Finger seiner rechten Hand wollte sich eine neue Abart der Hühneraugen ansetzen, was dem Heiligen kein gelindes Erschaudern verursachte.

Da trat der Segen des Speckes in sein Leben.

Der Heilige genoß meistens an den Vormittagen zu einem Halbmittag ein erklöckliches Trumm Speck und trank zu seiner Auferbauung ein Stamperl Schnaps dazu, auch zwei oder drei Stamperln Schnaps, was wir, der lauteren Wahrheit die Ehre gebend, hiemit nicht verschweigen wollen.

Der Speck mundete ihm stets fürtrefflich, obschon er ihn nur in seiner rudimentären Form und leider noch nicht in der veredelten und verklärten Gestalt des globus Tirolensis kannte.

Da der Heilige in seiner Schlichtheit von Tischtüchern und Servietteln keine Ahnung hatte, wischte er sich die speckigen Pratzen gewöhnlich an dem Sitz seines Verstandes ab und widmete sich sodann mit unablässigem Eifer wiederum seinen Arbeiten.

Zufällig griff er nunmehro an einem Vormittage, noch bevor er besagte Abwischung vorgenommen hatte, nach einer ganz besonders eiligen scriptura. Als er sie wieder weglegte, ersah er mit heiligem Erstaunen, daß sich sein heiliger speckfettiger Daumen auf der scriptura ebenbildlich abgedrucket hatte.

Lange Zeit fand er ob diesem himmlischen Wunder die Sprache nicht wieder. Er betrachtete die scriptura und betrachtete pollicem suum, seinen leibeigenen Daumen. Es ließ sich nicht leugnen, der Daumen hatte sich mit seiner ganzen Inschrift in Linien und krummen Kurven und wundersamen Zeichnungen in herrlichster Klarheit auf die scriptura übertragen. Es war ein Gemälde von auserlesener Schönheit und Akkuratesse.

Nachdem der Heilige sich von seinem Staunen einigermaßen erholet hatte, drückte er auf eine andere Skriptur kräftiglich seine Nase. Auch dort entstund wundersamerweise ein deutlicher Abdruck, dieweilen auch die heilige Rüsselnase zahlreiche Fettstoffe enthielt, wenn damit auch nicht gesagt sein soll, daß sie sich gleich dem Speck zur Herstellung des globus Tirolensis geeignet haben würde.

Dieser neuerliche Erfolg ermutigte den heiligen Bürokrazius, es nun auch mit seinen von den Hühneraugen befreiten Zehen zu versuchen. Auch mit diesen Gliedmaßen seines heiligen Leibes erzielte er deutliche Abdrücke, sintemalen er schon seit mehr als Jahresfrist kein Fußbad mehr genommen hatte.

Die höchste Erleuchtung kam aber dem Heiligen, als er sich zu einem guten Ende auf eine der geheimsten Skripturen mit dem Sitz seines Verstandes hockte. Allda entstund ein so herrlicher Abdruck, daß dessen Majestät keinem fürstlichen Sigillum verglichen werden konnte.

Voll inbrünstiger Andacht beschaute der heilige Bürokrazius die ebenbildlichen epitaphia seines Daumens und seiner Zehen, seiner Rüsselnase und seines Verstandestempels. Dann stieß er den jubelnden Ruf aus: „Heureka! Ich habe es gefunden!“

Es wurde dem heiligen Bürokrazius klar wie zehntausend Talglichter, daß er sich für alle Zukunft nicht mehr so arg mit der Schreibarbeit zu peinigen brauchte.

Fürderhin verschob er die Unterzeichnung weniger eiliger Skripturen auf die vormittägliche Speckzeit. Die Nase funktionierte zu allen Tageszeiten. Den Fußbädern schwor er zeitlebens ab. Und für die Unterzeichnung besonders geheimer Skripturen durch den Abdruck seines heiligen Verstandeszentrums war auch immerdar genug einprägsame Druckfähigkeit vorhanden.

Als der heilige Bürokrazius seinem Kollegen, dem heiligen Stultissimus, seine allerneuesten himmlischen Eingebungen eröffnete, brach der heilige Stallmeister des Amtsschimmels in die uns genau überlieferten und durch den heiligen Bürokrazius mit seinem größten Sigillum beglaubigten begeisterten Worte aus: „O du himmlischer Roßknödel! So was kann auch nur einem derartigen Rindviech einfallen, wie du eines bist!“

Wenn der heilige Bürokrazius an der Fürtrefflichkeit seiner Erfindung auch noch den geringsten Zweifel geheget hätte, so wäre derselbe durch oben zitierte unumwundene und feierliche Anerkennung seines Mitheiligen gründlich zerstreuet worden.

Nun hast du aber, o liebenswürdiger Leser, die Bedeutung der Erfindung des heiligen Bürokrazius offenbarlich noch nicht vollständig erfasset. Ich will dahero deinem nachhatschenden Begriffsvermögen erbarmungsvoll auf die Vorder- und Hinterbeine helfen. Denn ich muß dir ja auf vier Beine helfen. Du verstehest mich doch, wie das gemeinet ist, und bist dir über deine Stellung in der Zoologia klar.

Der Speck des heiligen Bürokrazius hat zum Daumenabdruck des Heiligen geführet und ist also zur Urform der Stampiglie geworden. Beim heiligen Daumen des heiligen Bürokrazius sage ich dir dahero, geneigter vierfüßiger Leser, daß diese Urform der Stampiglie der glorreiche Ausgangspunkt für die Erfindung der Stampiglien überhaupt geworden ist.

Und jetzo bedenke, o du mein nachdenksames hochverehrtes quadrupedales Publikum, wo wir wären, wenn der heilige Bürokrazius durch seinen halbmittäglichen Speck nicht die Stampiglien erfunden hätte. Er und seine Jünger wären durch die Überanstrengung ihrer Schreibarbeit längst den Weg alles Irdischen gegangen. Sintemalen der Verstand des heiligen Bürokrazius sich stets im Sitzen, dahero durch eine nach unten drückende Bewegung dokumentierte, was war selbstverständlicher, als die Verfügung des Heiligen, es möge sich auch der Verstand seiner Jünger, so seine Erbschaft antraten, in einer nach unten drückenden Bewegung zeigen! Und welches instrumentum wäre hiezu geeigneter und berufener denn eine Stampiglie?