Im Osten tauchte ein schmaler Glutstrich auf, und der Elf faltete seine Hände, denn der Morgen kam. Ich werde euch alle, alle sehen und kennen und lieben, wie ihr seid, ihr Irdischen mit mir, dachte er, das soll mein Glück sein.
Der Elf saß unter den Blumen. Eigentlich war es sein liebster Aufenthalt, und er kannte keine schöneren Stunden, als in ihrer Gemeinschaft zu weilen, sein Glück erschien ihm vollkommen, wenn die Seligkeit der Blühenden ihm seine Einsamkeit in ein Fest glücklichen Bescheidens verwandelte. Er saß auf einem halbentrollten Farnblatt, um ihn her erhoben sich schlanke Grashalme, die unaufhörlich schaukelten und deren feine Stimmen die sanft bewegte Luft mit leisem Rauschen füllten. Aus der Höhe mischte sich das Summen der Insekten in dies gleichmäßige Lied, wie wir Menschen es von den Bäumen im Wind kennen.
Es war ein reger Verkehr im Graswald, und zwischen den vielerlei Kräutern zogen die Tiere ihre Straße, alle beschäftigt und eifrig, aber fröhlich um des heiteren Tags willen. Man glaubt es kaum, was alles lebt auf einem so kleinen Fleckchen Erde, wie der Elf es von seinem Platz aus übersah. Käfer in den prächtigsten, schillernden Farben, Ameisen, Waldschnecken, geflügelte Würmchen und die zahllosen kleinen Tiere, die auf den Pflanzen leben, von ihren Blättern oder ihrem Blütenstaub. So winzige Erdbewohner waren tief im grünen Schattengrund beschäftigt, daß man sie für gewöhnlich nur erblickt, wenn man lange Zeit aufmerksam hinschaut. Sie unterscheiden sich in ihrer Art und Lebensgewohnheit ebensosehr voneinander, wie es größere Tiere tun, in ihren Interessen, ihrer Gestalt und Farbe.
Es war leicht zu spüren, daß die Tiere des Graswalds viel kecker und beweglicher waren als die Blumen, die voll Schüchternheit und geduldig auf ihr Geschick harrten. Der Elf beugte sich tief über ihre Kelche, deren Licht und Farbe sich in seinem zarten Gesicht widerspiegelten, er sog ihre Frische ein, ihren Duft, und als er vernahm, was ihre heimlichen Wünsche waren, rief er die Bienen zu ihnen.
Zwei kleine Käfer stiegen miteinander in den goldstrahlenden Kelch einer Blume hinab, beinahe betäubt von dem warmen Duft und ganz in das Blütenlicht eingehüllt. Die Blume zitterte leise und atmete schwer und tief.
»Elf, lieber Elf,« flüsterte sie, »was geschieht mir? Ich bin so glücklich.«
Der Elf nickte ihr mit glänzenden Augen zu.
»Der Frühling,« antwortete er, »der Frühling! Er durchdringt dein Wesen durch und durch. Halt still, Liebe.«
Die Düfte, die der Waldwind heranschaukelte, wechselten ohne Aufhören, und dem Elfen war, als trüge ihn die eine Sehnsucht unvermerkt in das Wunderreich der anderen. Eine selige Welt vertauscht sich gegen die andere, dachte er, ich schließe meine Augen und bevölkere sie aus meinem Herzen.
Dieser Wechsel verzauberte sein Gemüt immer wieder aufs neue, und er träumte fort in Farben, Licht und Düften, unter den Liedern der Vögel. Wenn der Wind den Geruch der wilden Rosen aus dem Gesträuch zu mir trägt, und ich lausche dem Gesang des Rotkehlchens, dachte er, so ist das Herz auf ganz andere Art im Lieblichen geborgen, als wenn ich den kühlen Hauch des Flieders spüre und höre die Amsel flöten. »Trag mich von Freude zu Freude, du warmer Frühling,« sagte er, »aber behüte mein Herz, damit es nicht vor Glück zerspringt.«
Das Summen der Insekten über den Blumen klang hinter den lichtroten Vorhängen seiner geschlossenen Augenlider wie fernes Orgelbrausen, in das aus noch größerer Ferne das Meer zu rauschen schien. Es vermischte sich mit dem Flüstern der Blätter, den kaum vernehmbaren Stimmen der Gräser und dem Läuten der Blumen, das so fein erklingt, daß ein menschliches Ohr es nur nach langem, tiefem Warten erlauschen lernt.
Die Güte und der Reichtum der Natur überwältigten das Elfenkind. »Seid gesegnet, meine Sinne,« rief es, »meine Augen, mein Gehör und du mein Herz, du Quelle und Pfand meines irdischen Wohls. In den Augen wohnt der rasche Blick, der zu entflammen und froh zu ruhen vermag, der das Licht bis tief in die Kammern des Herzens führt. Ich fühle die Berührung des Lebens mit allen Gliedern, wie das Wasser den Windhauch spürt, der seine Oberfläche bewegt, jeder Sinn hat sein seliges Amt, aber du hast das herrlichste, mein Herz, in dir wohnt das Heimweh.«
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Die Fülle nahm nun von Tag zu Tag zu, das Blühen wollte kein Ende finden, immer wieder kamen neue Tiere auf der Waldwiese an, verweilten für kurz oder lange oder blieben auch für immer. Eines Morgens fand sich ein Wildtaubenpaar ein, man hatte sie schon von weitem lachen und plaudern hören, die zwei, sie machten einen sehr glücklichen Eindruck. Die Linde, überhaupt der ganze Platz schien ihnen ausnehmend zu gefallen, sie flogen innen im Baum von Ast zu Ast, untersuchten die alten, dürren Stümpfe der abgebrochenen Zweige und prüften jedes Baumloch im Stamm. Als sie aber merkten, daß eine Eule im Baum wohnte, wurden sie nachdenklich.
»Schon wegen des Bachs, wegen der Nähe des Wassers hätte ich hier gern gewohnt,« meinte die junge Frau betrübt, »man hat es so bequem morgens mit dem Bad, und dann auch an der einen Seite die Weite der Felder, an der anderen den dichten Wald; der Ort hat viel für sich. Sieh unten das Moos im Sonnenlicht!«
»Ich lebe nicht mit einer Eule zusammen,« antwortete ihr Mann, »aus solcher Nachbarschaft entsteht nichts Gutes. Ich habe nichts gegen die Eulen, ich verfolge sie nicht, aber sie sind mir unheimlich.«
Und sie flogen mit lautem Flügelschlagen, das man noch lange in der Waldstille hörte, über die Bäume hin, davon.
In der Frühe sah man bisweilen den Bussard zwischen den Stämmen jagen. Er flog lautlos und geheimnisvoll, seine scharfen, farbigen Augen suchten am Boden, und seine graubraunen Schwingen bewegten sich groß, feierlich und kraftvoll. Es war ein herrlicher Anblick, den mächtigen Vogel zu beobachten, der allein lebte, vom Raub, in seiner Waldfreiheit.
Eines Tages kam eine Katze, o Gott! Sie setzte sich mitten auf die Wiese in die Blumen, blinzelte und putzte sich sorgfältig und so arglos, als gäbe es in der Welt für sie keine Gefahr, und als habe sie niemals einen bösen Gedanken gehabt. Es wurde eine Weile auffallend still auf der Waldwiese, nur der Bach kümmerte sich nicht um das Tier, er rauschte fort, die kleineren Geschöpfe aber bekamen zum größten Teil Herzklopfen. Wer ein sicheres Versteck hatte, beobachtete die Katze mit Spannung. Es läßt sich auch in der Tat kaum etwas Schöneres denken, das zugleich mit so viel Schrecknis verbunden ist, als eine Katze. Natürlich, wer sich gegen sie wehren kann, wer stärker oder geschwinder als sie ist, der sieht und nimmt nur ihre anmutigen Seiten, deren sie viele hat, und begreift nicht so rasch das Entsetzen, das sie kleineren Geschöpfen einflößt. Aber wenn man in Betracht zieht, daß manche Tiere, denen sie nachstellt, kaum größer sind als eine ihrer Pfoten, so begreift man eher, welchen Schrecken die Katze verbreiten kann.
Ganz besonders über diese Katze wäre vieles zu erzählen; es ist schade, daß es hier nicht angeht. Sie war ursprünglich unter Menschen gewesen und ist auch in ihrer Gemeinschaft geboren und aufgezogen worden. Aber dann wechselte der Besitzer des Hofes, auf dem sie lebte, und da Katzen meistens eher an dem Ort hängen, an welchen sie gewöhnt sind, als an Menschen, so war auch diese Katze geblieben; aber sie traf es schlecht mit den Nachfolgern der ausgewanderten Bauersleute und entschloß sich deshalb eines Tages kurzerhand, ihr Heil in der Freiheit zu suchen. Sie hatte einen sehr schweren Winter hinter sich und war oft drauf und dran gewesen, zurückzukehren, aber nun, mit dem eingekehrten Frühling, schien ihr Los ihr beneidenswert.
Uku, die alte Eule, sah von ihrer sicheren Baumhöhle aus auf die Katze nieder. Die grünlichen Augen waren wie zwei harte, glänzende Metallplättchen, alles an der Katze, auch das prächtig gestreifte Fell, war auf das sauberste gehalten und so wohlbestellt, gesund und anmutig, daß es ein Entzücken war. Uku sah, wie die Pfote am Gesicht entlang glitt und wie die kleine rosa Zunge die weichen Härchen des Fells glättete. Nachdenklich sah der weise Vogel auf die Katze nieder. Wer würde vermuten, dachte er, daß dies zärtliche Tier vom Wipfel eines Baumes oder vom Giebel eines Daches niederspringen kann, ohne Schaden zu nehmen, wer ahnt hinter dieser kindlichen Gebärde die Wildheit, die sie verbirgt, die geschmeidige Kraft und die unbeugsame zähe Eigenart der Katze? Ist es so bestellt, daß sich mit der größten Kraft und Wildheit solch arglose Gebärde des Spiels und der Harmlosigkeit vereinen kann, mit diesem Lächeln die furchtbarste Blutgier und mit soviel Anmut die Falschheit?
Uku konnte nicht aufhören, die Katze zu betrachten, und sie dachte lange und sehr scharf über sie nach, wie es so Art der Eulen ist. Sie weiß die größten und bissigsten Hunde in Respekt zu halten, dachte sie, ja in manchen Fällen selbst den Menschen, und sieht doch aus wie ein schüchternes Kind. Wie sie den Schein der Sonne genießt! Es ist wirklich sehr schwer zu sagen, was gut oder was böse ist in der Natur, ich glaube, man kann es nur für sich selbst und sein eigenes Handeln wissen.
Wie ungebrochen sind diese harten Augen, wild und rein, fuhr sie fort zu sinnen, sie werden eines Tages brechen, wie ein edler Stein unter einem Hammer, aber sie werden sich nicht trüben. Man muß sagen, Uku kam geradezu in Begeisterung, und da eine Katze alles andere eher ist als die Freundin der Eulen, so war diese Anerkennung des Vogels um so erstaunlicher. Aber Uku hatte Grund, über die Katzen nachzudenken, sie hatte vor Jahren einmal zur Nachtzeit eine Katze sterben sehen, die, von der Kugel eines Bauernsohns getroffen, auf dem Hof ihr Leben lassen mußte, auf dem damals auch Uku viel verkehrte. Es war Mondschein gewesen, der junge Mensch stellte den Katzen nach, weil sie seinem kleineren Federvieh Schaden taten. Seine Kugel ging der Katze durch die Brust, schlug durch und öffnete sie an zwei Stellen. Das Tier war auf einen Baum geflüchtet, und anfänglich hätte man glauben können, sie sei nicht verwundet, aber dann löste sich langsam, man möchte sagen Kralle für Kralle, ihr schöner gefleckter Leib von dem Ast, den sie umklammert hielt. Es kam kein Laut über ihre Lippen, erst am Fallen sah man, daß sie keine Gewalt mehr über ihren zähen, wohlgeübten Körper hatte. Am Boden, im schrägen Mondlicht kreiste sie im Gras, und nun, wie mit ihrem letzten Atem, kam ein Geschrei aus ihrem Mund, das Ukus Herz erstarren ließ, und der junge Mensch, der herzugeeilt war, sprang betroffen zurück, als dieser Todeston sein Ohr traf. Es war ihre erste und zugleich ihre letzte Klage, es war, als habe sie zu Lebzeiten das Klagen nicht gelernt. Dreimal hintereinander stieß sie diesen langgezogenen Schrei aus, der keine leiblichen Schmerzen zu verraten schien, sondern den wilden Wehelaut um ihr schönes, starkes Leben.
Die Natur umher lauschte wie in einer jähen Ahnung ihres Geschicks auf. Es ist furchtbar, die Mächtigen im Tode schreien zu hören. Und doch hatten diese Töne nichts Jämmerliches, es lag kein Hilferuf darin, kein Flehen um Erbarmen, sondern viel eher war es das metallische Verklingen der gebrochenen Kraft; unbeschreiblich einsam durchdrang es die Mondnacht.
Voll Grauen war Uku damals auf und davon geflogen, tief bewegt von diesem Erlebnis und doch nicht einzig entsetzt, sondern zugleich wunderbar erhoben. Sie hatte wieder und wieder denken müssen: Wie gewaltig ist das Leben, das sich auch in mir offenbart, wie gewaltig ist der unvermeidliche Tod.
Man wird nun viel besser verstehen, weshalb sie so lange und nachdenklich auf die Katze schauen mußte, die auf die Waldwiese gekommen war. Sie blieb übrigens nur für kurze Zeit und, soviel ich weiß, ist sie nicht wiedergekommen.
Ein wenig von der Waldwiese entfernt stand am Rand des Tals die Eiche, sie war der älteste Baum im Land; in diesem Frühling ist sie gestorben.
Man wußte es überall, weit im Umkreis. Ihre letzten Worte aus dem vergangenen Herbst rauschten in den Büschen und Bäumen des Landes als Erinnerung wieder, und nun im Frühling nahm sie Abschied.
Um ihre mächtige Gestalt umher sproßte und blühte es, ihre großen dunklen Glieder reckten sich gewaltig über den wirren, grünen Lebenstrubel der neuen Jugend dahin, in den Himmel empor, ihre Klage erfüllte das Land, alle Herzen. Viele hundert und wieder hundert Jahre des Lebens beschlossen sich nach einem unbegreiflichen Ratschluß, der alle in heiliger Scheu erbeben ließ. Die langen Nächte hindurch, in der Frühe und am verständlichen Tag wehte es aus der kahlen Höhe ihrer Krone klagend im Wind über das Land, durch den Vogelgesang dahin, durch das selige Seufzen der vom Frühling begnadeten Geschöpfe und durch das strahlende Tageslicht, das seine Macht über die Lebensgeister des alten Baums verloren hatte.
Eines Tages vernahm der Elf die Klage der sterbenden Eiche im Wind und konnte sie nicht vergessen. Nun ward er gewahr, daß alle sie wußten, und seit jener Stunde zwang es ihn plötzlich, im Schreiten innezuhalten, wenn er durch den Wald ging, um zu lauschen, ob durch die Lebensmelodien der lebendigen Bäume wieder diese Klage dränge, die den ganzen Wald erfüllt hatte. Und er vernahm die Töne und erschauerte. Sie erklangen so heimlich, daß sein Gemüt in der Erkenntnis erzitterte, daß diese bescheidenen Wehelaute eine so stille Wildheit zu bergen vermochten, und daß Geduld so schmerzhaft sein könne.
Da ging er der Stimme nach, um den sterbenden Baum zu finden. Wie es zum Herzen griff! Er sah eine Blume, die zu blühen anfing, den Tau trinken; in der Erwartung ihrer Sonne sangen alle Vögel, da warf er sich ins Moos und lauschte. Seit jener Stunde trieb es ihn wieder und wieder herzu, am Tag, in der Nacht, immer wieder zog es ihn an diesen Waldort ohne Schatten, wo die große Eiche stand. Rings der Himmel über ihm war wie mit Sterben angefüllt, und die Seele des Elfen füllte sich mit dieser Schwermut des Scheidens vom Leben, wie ein Becher mit Wein.
Er verstand den Baum. »Es ist kalt,« rief er einmal des Nachts, »der große Wald ist leer! Ich sehe hin und zurück, zurück und hin, schaue, forsche und suche, und bin doch allein. Ich erinnere mich, ich träume und bin doch allein.
Der Mond leuchtet hell, wenn seine Strahlen die Erde erreichen, scheint mir die Welt ohne Elend, ohne Schmerz, alles und alle erscheinen mir sanft. Er bringt helle Tücher, als wollte er mich vor dem schützen, was kommen soll, als wollte er mich erwärmen, und ich fühle wieder wie durstige Pflanzen, die sich öffnen und zu blühen anfangen.
Enttäusche ich euch jetzt, weil ich dürr und kahl dastehe? Ihr habt mich grün gesehen! Ich gab der Erde Schatten, den Vögeln Ruhe und den Tieren Früchte. Ich habe die Blicke entzückt, und nun liebt ihr mich weniger, weil ich es nicht vermag? Müßt ihr nicht stets an jene Zeit denken, wo ihr mich anders saht?
Ihr denkt nicht mehr daran! Meine Klage erniedrigt mich. Nun fühle ich zum erstenmal, daß mein irdisches Gefühl mich von der Welt trennt. Einst erzählte ich, ich teilte das Neue, das Leben den Blumen, den Bäumen mit. Dort oben liebkoste mich der Wind, als wollte er zu mir sagen: Du hast nicht unrecht. Da wußte ich, daß mein irdisches Gefühl mich mit der Welt verband. Ich rief: Nehmt mich nur auf, laßt mich euer Teil sein, ein Glied eurer reichen Familie. Ich fühlte die Welt und vereinte mich mit ihr und wurde zum erstenmal mündig. Alles tönte in mir und mein Herz strömte über. O, wie ich der Erde verschuldet bin, wie kein Wesen vor mir!«
Der Blumenelf lag im Moosgrund und lauschte der Klage, er begriff die Wirklichkeit des Todes und erbebte. Aber er vermochte seine Sinne nicht vom Sterben des Baumes abzuwenden.
Da hörte er wieder die alte Stimme über sich im Wind:
»Es forscht ohne Aufhör in mir und will doch von nichts wissen. Meine Wurzeln werden vom Wasser berieselt, das alle Pflanzen zu neuem Sprossen ernährt. Ich fürchte mich vor dem Tage, die Sonne, die mein Blut beeinflußt hat emporzudrängen, blendet mich nun. Wie lockt mich die Weite, die ich lange ohne Begehren im Bild erblickt habe! Wo sind die Tiere? Ich höre nur die Vögel. Und doch ist alles Weite so nah, so möglich geworden.
Mein Herz war einst in der Sonne so weit offen, daß es nicht nur sich selber trug und ahnte, sondern die ganze Welt. Da wußte ich die Wahrheit über mich. Nun umgibt es mich rings wie eine Wand, so kalt wie Eis, so durchsichtig wie Glas, so nah, daß mir ist, als spiegelte ich mich wider. Sie macht die Seele zum Verbrennen durstig, und ich fühle Angst. Lebt wohl!«
Da drückte der Elf erzitternd sein Herz fest, fest an die Erde, die Auferstehung und Vermoderungen in sich barg und einen herben Geruch von Harz ausströmte. Ihm war, als durchdränge dieser Geruch seinen vergänglichen Leib, er schloß seine Augen und schwieg, denn es redete mit vielen Stimmen zu ihm, die wie eine Stimme waren.
Eines Morgens in der Dämmerung, als von der Sonne noch wenig zu spüren war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese um, etwas mürrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr verspätet hatte. Er hielt nach einem Ort Ausschau, an dem er schlafen könnte, denn er wäre um alles gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die Igel haben nicht viel für den Sonnenschein übrig.
Da die Vögel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch schliefen, entdeckte niemand den Igel, es wäre zweifellos ein großer Jammer unter ihnen ausgebrochen, denn Hassan war nicht beliebt, weil er von kleineren Tieren so viel fraß, als er irgend finden konnte. Wo immer es draußen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag, überall fürchtet man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt sicher hierbei noch hinzu, daß er für gewöhnlich in der Abenddämmerung aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still im Gras sitzt und auf Mäuse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist die Tatsache, daß er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele Tiere bekommen allein schon darüber einen solchen Schreck, daß sie sich in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen.
Hassan kam etwas träge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig und sah nach dem Himmel. Es würde ein warmer Tag werden. Unter der großen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken Wurzeln finde ich irgendeine Höhle, die mir den gewünschten Schlupfwinkel für den sonnigen Tag bietet, vielleicht, daß ich dort auch ein Mäusenest entdecke und für den Abend auf eine gesunde Mahlzeit rechnen kann.
Nun muß man wissen, daß Hassan in Zwistigkeiten mit seiner Familie geraten war, um zu verstehen, daß er kein eigenes Heim hatte. Sein Vater hatte ihm eines Abends ohne viel Umstände erklärt, er solle sich ein eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Behausung ernähre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan, an einem Tage verschlänge. Das läge an den Jahren; aber nun sollte er gehen.
So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan daran, sich zu verheiraten, und so war er genötigt, sich in der Fremde umzusehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es geschehen, daß sich Hassan einmal wieder gründlich verspätet hatte.
Als er nun langsam durch Blumen und Gräser auf die Linde zuschritt, dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er gähnte und kroch unter die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und erschrak, denn es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendämmerung des Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glühkäferchen kamen im Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stückchen faulendes Holz sein, das oft einen weißlichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker Schlangenleib aus den Farnkräutern kroch, und spähte vorsichtig in den Grund der kleinen Höhle, aus welcher das Licht kam.
Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenem Haar im Moos liegen, auf einem weißen Kissen von Blumenblättern und in einem schimmernden Kleid, erglänzend und feiner gewoben als Spinnweben im Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie kühler Wind, der kaum das Zittergras bewegt. Es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde, daß die Stirn, das Angesicht und die Hände des kleinen Menschenwesens aus eigenen Lichtgründen leuchteten. Was aber sein Gemüt am meisten bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht des fremden Wunderkindes. Hassan mußte, er wußte selbst nicht wie es kam, an die ungetrübten Glücksstunden seiner Kindheit im Moorland denken, unter den Birken und im Ginster.
Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, daß ich etwas so Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich muß irgend etwas für dieses Geschöpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen möchte. Über das Essen hinaus gibt es höchstens noch das Schlafen, und das tut dieses helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele.
Als er noch darüber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den wirklich sehr schönen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte der Elf und sah den großen Hassan dicht vor sich stehen, so daß die kleine Höhle geradezu verdunkelt worden wäre, wenn das Elfenkleid nicht geglänzt hätte.
»Wo kommst denn du her?« fragte der Elf und lächelte.
»Da, so, von hinten her, irgendwoher,« stotterte Hassan in großer Verlegenheit, »nehmen Sie es nicht übel. Wenn Sie wollen, geh ich sofort wieder.«
»Nein, bleib nur,« sagte der Elf und erhob sich, »soviel ich weiß, bist du ein Igel, und wie mir scheint, sogar ein ganz prächtiger.«
»Nein, nein,« sagte Hassan rasch, »nur so einer wie alle, aber wenn Sie wollen, gehe ich gleich.«
»Hast du Eile? Siehst du nicht, wie schön es hier ist und wie strahlend der Tag werden will? Komm, wir gehen miteinander an den Bach. Übrigens kannst du ruhig du zu mir sagen, ich bin ein Blumenelf.«
»So, so, ein Blumenelf,« sagte Hassan, »das ist aber sehr angenehm für Sie. Wollen Sie wirklich mit mir zusammen gehen? Ich bin nicht beliebt, wissen Sie, und auch sonst, ich bin eben ein Igel ...« Hassan hatte eigentlich etwas anderes sagen wollen, aber er war zu verwirrt durch den Anblick dieses hellen Wesens mit seinen Flügeln, die sein Haupt überragten und schimmerten wie Schnee.
Sie gingen nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen niedrigen Zweig des Berberitzenstrauchs, der ihn sanft schaukelte.
»Sehen Sie,« sagte Hassan, »Sie sind doch ein Engel.«
»O nein,« antwortete der Elf, »wenn du glaubst, ich sei ein Engel, so hast du niemals einen gesehen. Die Engel sind groß und leuchten wie die Sonne am Mittag, niemand kann in ihr Angesicht schauen, der nicht das seine vom Irdischen abgewandt hat.«
»Nun, ich dachte, Sie wären vielleicht einer von den kleineren Sorten«, meinte Hassan schüchtern und bewegte seine schwarze Nase an der Spitze. Darüber mußte der Elf lachen.
»Das sieht ungemein lustig aus, wenn du mit der Nase wackelst,« sagte er, »das kann nicht jeder.«
»Mit der Nase erfahre ich, was ich nicht sehen kann«, sagte Hassan, sehr stolz darüber, daß der Elf so viel Anteil an seiner Eigenart nahm.
»Flügel hätte ich wohl auch gern,« seufzte er nach einer Weile, »aber wo sollte man sie anbringen?« Er schaute bewundernd und glücklich zum Elfen empor, der mit dem Finger an die Tauperlen stieß und zusah, wie sie funkelnd ins Gras niederbrachen.
»Große Tropfen, nicht wahr?« sagte er nachdenklich. Endlich meinte er und sah auf:
»Ich bin nun schon lange Zeit auf der Erde und habe vielerlei erfahren, auch unter Menschen bin ich gewesen und habe ihre Worte gehört und ihre Hoffnungen, ihren Kummer. Es ist seltsam, wie sie und auch du und die meisten Wesen über die Engel denken. Sie glauben kaum noch daran, daß es welche gibt, und sehen sie selten. Vielleicht im Traum oder im Todesschmerz, auch wohl in ihrer höchsten Beseligtheit, aber es ist, als ob sie vergessen hätten, daß die Engel immer unter ihnen einhergehen. Wie oft hat ein himmlischer Engel ein Geschöpf angesehen, und es ist es nicht gewahr geworden. Woran mag es liegen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hassan, der mit großer Spannung zuhörte. »Vielleicht liegt es an den Verhältnissen.«
»Du kannst es auch nicht wissen,« meinte der Elf, »ich glaube, um die Engel sehen zu können, muß man ein Mensch sein und ein großes und gutes Herz haben. Oder vielleicht eine Blume; manche Blumen kennen die Engel.«
»Kannst du etwa auch mit den Blumen reden, wie du mit mir reden kannst?« fragte Hassan erstaunt.
Der Elf nickte. »Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verständigen«, sagte er. »Wäre mehr Liebe in der Welt, so würden sich alle verstehen.«
»Ach so,« meinte Hassan, »ja, das ist gut möglich.«
Der Elf sann nach, und nach einer Weile sagte er langsam, mit einem traurigen Ausdruck:
»Warum haben die Menschen die Engel vergessen? Sie kommen in vielerlei Gestalt zu ihnen und offenbaren ihre Gegenwart allen, deren Augen für die Gaben der Liebe offen geblieben sind und deren Herzen sich Andacht bewahrt haben und den freien Gleichtakt der Unschuld. Bald geht ein Engel dahin in der Gestalt eines Kinderlächelns oder im Lied eines Vogels, auch kommt er als ein jäher Sonnenblick in einen dunklen, öden Raum, oder als Erinnerung an genossenes Glück. In solchen Augenblicken sind die Engel willens, die Menschen zu führen, ihnen die Augen für das Rechte und Schöne zu eröffnen und ihnen den Weg ihres Heils zu zeigen. Kinder nehmen sie oft geradezu bei der Hand, so daß man es deutlich sehen könnte, wenn die Augen nur ein wenig dafür noch tauglich wären. Die Menschen nennen es einen glücklichen Zufall, wenn solch ein geliebtes kleines Wesen wie durch ein Wunder bewahrt bleibt, aber es sind immer die Engel in unsichtbarer Gestalt. Auch zu den Großen kommen sie in Stunden schwerer Entscheidungen, tiefer Erniedrigung oder hoher Beseligung. Sie können so deutlich reden, daß das Herz erschrickt, so liebreich trösten, wie nur himmlische Sendboten es vermögen; oft eröffnen sie Bedrückten durch einen Wink ihrer Hand einen Blick in eine schöne Zukunft oder sie weisen ein Herz auf sein angestammtes Recht zurück und erhellen seine Irrtümer, so daß ihm plötzlich der Gang der Welt um vieles gerechter erscheint, als noch eben zuvor, denn wer an Gerechtigkeit zu glauben vermag, wird nicht durch Mißgeschick in dauernde Finsternis gestoßen. Die Erinnerung und die Hoffnung sind ihre schimmernden Boten, im Gleichtakt zwischen ihren Mächten pocht jedes irdische Herz. Wessen Hoffnung aber zu erlöschen droht, dem gestalten sie, wie in einer stillen Abkehr der Seele, die Erinnerung um so strahlender. Immer stiften sie Helligkeit, Zufriedenheit, und endlich führen sie die Seelen in das Reich. Ach, arm ist eine Zeit, die den Glauben an die Engel verloren hat.«
»Ich glaube jetzt schon wieder daran,« sagte Hassan rasch, »was du sagst, ist schön, und weshalb sollte das Schöne nicht eher wahr sein als das Arge?«
Der Elf sah Hassan liebevoll an:
»Ich wünsche dir, daß dir alles gut ausgeht, was du heute beginnst«, sagte er herzlich. »Ich fliege nun zu den Menschen, leb wohl.«
»Du fliegst in der Tat zu den Menschen, Elf? Da sähe ich mich doch lieber vor.«
»Es zieht mich zu ihnen,« antwortete der Elf und breitete seine Flügel aus, »ich kann nicht anders, aber ich werde am Abend wieder auf die Wiese kommen.« Damit flog er davon. Hassan sah ihm nach, bis er wie ein winziger Lichtschein zwischen den Baumstämmen verschwand. Er ist doch ein Engel, ein kleinerer, dachte er und versuchte zu begreifen, was ihm geschehen war und was er gehört hatte.
Am folgenden Tag sang dicht über dem fließenden Wasser des Bachs das Rotkehlchen in einem Lindenzweig. Es saß in einem wundervollen Blätterraum, so licht geborgen, wie Leute es kaum ahnen, die nicht schon einmal in einem Baum gesessen haben. Alle Blätter, aus welche das Rotkehlchen niederschauen konnte, waren vom schönsten saftigen Grün, hatten kleine goldene Sonnenteller und zeichneten sich prächtig gegen das blaue Wasser ab. Viel schöner aber waren die Blätter anzuschauen, die über dem Kopf des kleinen Vogels wuchsen, denn die Sonne durchleuchtete sie, so daß sie wie von hellem grünen Glas erschienen, mit einem seligen Glanz aus Gold.
Man kann sich auch für den Widerhall des Gesangs nichts Besseres denken, als so ein offenes Blätterhaus, das Licht, Blumenduft und den warmen Odem des Frühlingswindes einläßt, gedeckt ist und doch offen, allem Hellen zugängig und doch versteckt, und gerade das, worüber so viele Sänger klagen, war für das Rotkehlchen so prächtig erfüllt, daß sich verstehen läßt, daß es fast den ganzen Morgen hindurch sang.
Lieblich und klar, wie fallendes Wasser auf bunten Steinen, hallte es durch den strahlenden Wald. Es schien, als leuchtete die Sonne heller als zuvor, feierlich standen die großen Bäume auf ihrem dunklen Erdengrund, und die Blumen neigten sich, in ihrem Glück so würdevoll, in ihrer Schönheit so reich, daß die Welt vollkommen erschien. Und unermüdlich sang der kleine Vogel:
Hassan, der Igel, saß unten im Farnkraut und hörte zu; er konnte sich nicht entschließen, einen Ort zu verlassen, an dem ein Blumenelf weilte. Dies war erstens etwas ungemein Seltenes, dann kam aber auch noch hinzu, daß es hier ohnehin sehr schön war. Wenn man schließlich durch seinen Appetit störte und dadurch unliebsames Aufsehen erregte, daß man zu viele der Wiesenbewohner herunterschlang, so konnte man seine Nahrung auch anderswo suchen, der Wald war groß und Hassan gut zu Fuß. Ich könnte wahrhaftig diesem Elfen zulieb Pflanzenkost genießen, dachte er, und den Versuch machen, mich von Gras zu ernähren, aber ich weiß im voraus, daß ich es nicht aushalte. Nun, es wird sich schon finden, ich jage anderswo und lebe hier.
Über ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grünen Fächer des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhörnchen, das sich von Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang. Hassan entschloß sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen nicht viel für diese Tiere übrig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er trat hervor, und das Eichhörnchen machte einen Satz, so lang, wie der Bach breit war.
»Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie können Sie einen so erschrecken!« rief das Eichhörnchen atemlos. »Kommen Sie her und fühlen Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie Stachelschwein!«
»Aber ich muß doch bitten,« sagte Hassan gekränkt, »ich bin weder das eine noch das andere. Was das erste ist, weiß ich überhaupt nicht, aber ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.«
»Das ist mir vollkommen gleichgültig«, lautete die ärgerliche Antwort. Sonst war das Eichhörnchen in der Regel viel höflicher, aber es hatte sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man leicht den Sinn für liebenswürdiges Entgegenkommen.
Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm sei Unrecht geschehen.
Es saß da, im Gras, daß es ein Entzücken war, Hassan fühlte sich wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerfälliger Eindringling, er hätte es am liebsten in die Arme geschlossen, so lieblich war der Anblick, das feine Köpfchen mit den spitzen Ohren, die dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten Körper in einem Bogen überragte und von einer leuchtenden rotbraunen Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst.
»Nehmen Sie es nicht übel,« sagte er noch einmal, »ich habe Sie nicht erschrecken wollen – aber wie Sie meinen.«
Das Eichhorn merkte, daß es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen, daß ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil ist er ein ungewöhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tölpelhaft, wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natürlich, wenn man ein Eichhörnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes als ein Igel.
»Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen«, sagte das Eichhorn und musterte den Fremden. »Was wollen Sie denn hier?«
»Ich möchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.«
Das Eichhorn schaute interessiert auf. »So, darauf will man hinaus! Nun, ich heiße Li und habe darüber zu entscheiden.«
Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich plötzlich, daß er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben wollte, denn wenn Li das mächtigste Tier der Wiese war, so gab es niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er blinzelte listig und lachte vor sich hin.
»Nun, ich denke, Sie erlauben es«, meinte er, rollte sich plötzlich zusammen, so daß er wie eine große dunkelbraune Kugel aussah, und seine Stacheln sträubten sich und klirrten leise.
»O, pfui Teufel«, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. »Nun sieh einer dies Stachelschwein!«
Hassan schielte nur über die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem gewölbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase vermutet hätte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li ärgerte sich.
»Können Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Höhe laufen?« fragte es.
»Nein«, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas länglicher.
Li lachte. »Das hab’ ich mir gleich gedacht, Sie ...«
»Dann versuchen Sie gefälligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit der Hand über den Rücken fährt«, gab Hassan verdrießlich zurück, denn er merkte nun, daß das Eichhorn ihn verspotten wollte.
»Warum denn,« fragte Li, »weshalb soll ich denn jemanden ohne allen Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!«
»Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus!« rief Hassan.
»Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie können nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfaßt und haben nicht einmal einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!«
Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht ohne Erstaunen und Neid auf den prächtigen buschigen Schwanz des Eichhörnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht.
»Jeder hat eben etwas anderes«, sagte er verstimmt.
»Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.«
Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die Folge seiner Ansiedlung sein sollte, daß er sich täglich über dies eingebildete Geschöpf zu ärgern hätte, so stand für ihn fest, daß er nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem Vorteil hätte sagen können. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein kaum hörbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte, versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd und völlig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund.
»Ala, die Kreuzotter«, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit dem Oberkörper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Tröpfchen Blut war aus seinem frechen Gesichtchen gewichen.
Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie hatte sich etwa um die Hälfte ihrer Länge emporgehoben, ihre hellen Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trägen Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das über die gespaltene feine Zunge her aus dem bösen Rachen des platten Köpfchens kam, und das das Blut aller Geschöpfe erstarren machte, wie die Stimme des Todes. Wer weiß auch nicht, daß Alas Biß tötet, noch ehe ein Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darüber zur Besinnung kommt, was geschehen ist.
Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreißend anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen.
»O, hab’ Erbarmen«, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und Springen gebrauchen, wenn es nur davonkönnte.
Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das merkwürdig süße Maul des bösen Tiers heimlich lächelte, und die schöne Zickzacklinie auf seinem Rücken, in ihrer schaurigen Todespracht, glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der kleinen Kräuter und im Moos. Nichts war beängstigender, als daß man nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im Gras mit den Blicken zu folgen.
»Töte mich doch, ach, töte mich gleich«, flehte das Eichhörnchen.
Da fiel in seiner heißen Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot. Es wußte wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war kein Zweifel, Hassan saß ganz still und vergnügt im Gras und lächelte zu Ala hinüber. Aber das war ja unmöglich, kannte er denn die Kreuzotter nicht?
Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefaßt, als plötzlich Hassan ein Stückchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch, wie es in seinem Leben nicht gedacht hätte, daß ein Igel laufen könnte. »Hassan,« schrie es, »Sie sind verloren!« Der Igel war gerade auf die Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr.
Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jählings zusammen, so daß ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament hervorragte, das ihr gewundener Körper am Boden bildete. Sie öffnete den Rachen weit, ihre Zunge schoß wie ein kleiner Blitzstrahl aus und ein, und ihre Augen funkelten in unerhörtem Zorn. Dabei zischte sie so laut und wild, daß man es weit über die Waldwiese hin vernahm, und alle Kreaturen umher erschauerten, es wäre sicher selbst ein Löwe davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras.
Sein Lächeln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und kühn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewußtes, dazu war sie kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verändert sah Hassan aus, der eben noch nachlässig und scheinbar schwerfällig im Gras gehockt hatte.
»Hab’ ich Sie endlich, Ala«, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer Stimme. »Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getäuscht hat. Sie müssen nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie machten, würde Ihr sicherer Tod sein!«
Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht. Sie machte plötzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie allen Mut verloren, gegen Hassan zu kämpfen. Doch der Igel ließ sich nicht täuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum daß sie den Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und ihr weit geöffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzähnen schnellte jählings zwischen Hassans Augen auf die ungeschützte Stirn.
Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der Schlange fuhr mitten in die gesträubten Nackenstacheln ihres Gegners.
Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des Schmerzes fuhr sie zurück, rüstete sich aber sogleich zu einem neuen Angriff, obschon ihr große, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen. Hassan saß unbeweglich da. Er wußte, daß der Schlange keine Wahl blieb, als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wußte auch, wie dieser Kampf ausgehen würde. Hätte Ala sich zur Flucht gewandt, so hätte er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zähnen erwischt, denn ein Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wußte dies alles nur zu gut, kochend vor Grimm spähte sie nach einer verletzbaren Stelle am Körper des Gegners.
Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun saß es auf einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn und suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das möglich, daß Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmächtigen Ala aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken füllte? Bei all seiner Beschämung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. »Ich werde es gutmachen, daß ich ihn verspottet habe«, flüsterte es mit bleichen Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Körper.
Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Köpfchen ein wenig vorschob, um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und wieder fuhr ihr geöffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels. Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurückzog; ihr Blut rann in Strömen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Biß, seine Stacheln färbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren sicher, geschickt und rasch.
Da plötzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bösen schönen Kopf, der ganz von Blut überströmt war, in einer müden ergebenen Senkung zurück auf den geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knäuel zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwühlen, und man sah, daß sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wußte, was sie tat.
Hassan fuhr zu, mit einem jähen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand einen Stoß bekommen, und durchbiß das Genick seiner Gegnerin dicht hinter dem Kopf. Da hörten die Windungen des zackigen Knäuels langsam auf. Ala war tot.
Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen dem heißen Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem Flügelschlag ein Rabe und rief laut über die grüne Wildnis hin, die sich unter seinen Flügeln wie ein wogendes Blättermeer ausbreitete:
»Ala, die Kreuzotter, ist überwunden, Hassan hat sie getötet!«
Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemächlich zum Bach hinab. Weiß er denn nicht, daß das sein muß? Er tauchte das spitze, schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zügen. Hinter ihm, auf dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Gräser sich langsam wieder auf, und Li, das Eichhörnchen oben im Baum, schämte sich, obgleich es unbeschreiblich erleichtert war.
Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf aus den braunen dürren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und sagte zu Hassan:
»Haben Sie Dank, das war eine große Tat!«
Hassan wandte sich nach ihr um. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen,« sagte er, »sonst geht es Ihnen ebenso.«
Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wäre er nie dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme.
Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der Waldwiese um. Ein anständiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht getan hat, will nichts von Dank hören, am wenigsten, wenn die Leute erst dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben. Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ändern. Ich bin ein rechter Tor, dachte er, daß ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann, nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein.
Wo am Waldrand am Stamm einer Föhre das dunkle Moos zwischen knorrigen Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrün und so empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hände liebebedürftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre durchscheinenden Blätter sahen gegen den braunen Föhrenstamm licht und leicht aus, als wäre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und wohlbestellt, so daß sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und glücklich suchte.
Ein großes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frühlingswind, und von der Sonne geführt, war sie langsam höher geklommen, den Waldgefährten dankbar und die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am Abend vor ihrem Erblühen flüsterte sie im Wind der Dämmerung den Pflanzen zu:
»Morgen werde ich meine Augen öffnen, morgen zieht der Himmel in meine Seele ein.«
Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grünen Kelch geborgen war, zitterte im Lufthauch und empfand die kühle Nacht, die auf den Wald, ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wärme des vergangenen Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz.
Sie träumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bäume und dem Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit unbeschreiblichen Ahnungen von künftiger Seligkeit durchschauert hatten. Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblühe, dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfängt. »Den Himmel!« flüsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglückten um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. »Dies sind die Vögel in den Zweigen«, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, »ihr Lied fällt aus den Strahlen der Morgensonne, so kühl wie Tau, liebreich wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfaßbaren Entzückens auf dich einsinken, wenn du erblühst. Du selbst wirst schön sein unter den Schönen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen deinen Wohlstand stören, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gnädigem Dunkel mit den Schlafenden ruhen, müde vor Glück, und ein neuer Tag wird dir kommen.«
Die Knospe erwachte schon früh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd im Morgengrau fürchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr geschehen sollte. Es war unfaßlich still in der kaum vom Licht berührten Welt, nichts regte sich, alle Vögel schliefen noch, und der Tau war noch nicht gefallen. Sie empfand, daß der Himmel langsam, langsam heller wurde. Die Zweige des Baums über ihr zeichneten sich dunkel gegen die totenstille Höhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grün, nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehüllt.
»Heute, heute werde ich aufbrechen,« dachte die kleine Knospe, »goldener Tag, komm bald!«