Meine Heimat ist das Licht,
heller Himmel meine Freude!
Tod und Leben wechseln beide,
aber meine Seele nicht.
Trauer du, mein irdisch Los,
über deinen bittren Gaben
will ich meine Seele groß,
will sie stark und glänzend haben.

Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt.

Zwölftes Kapitel
Traule

Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete.

Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück, immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.

Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte, und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide, Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe wechseln müssen.

Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen Vater emportrug.

Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten. Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben.

»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her, da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten, so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick, wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht, oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles andere vergeht rasch auf der Erde.

Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden, sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht, wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen.

Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen, der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen der Erde geborgen.

Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.

Traule war die Tochter eines Jägers, der sein Haus nicht weit von unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und die alten Fichten wachsen. Ihr könnt nicht bis dort hinüberschauen, die ihr Blumen oder Sträucher seid, aber ihr wißt durch die Bienen und Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vögel. Das Haus ist längst verfallen, und seine Mauerreste sind überwachsen, der Ort ist euch und euren Völkern zurückgegeben, ich glaube auch nicht, daß es noch Menschen im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jäger um die Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die Geschichte des Mädchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen. Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen Stamm und sagte zu mir: ›Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten, ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet, ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.‹

Die Menschen fühlen, daß wir geduldiger als sie sind, und darum tröstet unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst in die Irre geht. Traule war wunderschön zu schauen, wie überhaupt die Menschen das Schönste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen können, als lebte der Glanz der Höhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht über alle Wesen der Erde gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schöpfer alles Lebendigen ähnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zügen ihrer Angesichter spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Blätter es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der unvergänglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind, aber Gott vergißt es nicht.

Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu Pferd der junge Herr vom Schloß durch den Wald geritten in einem Reiterkleid aus Samt, einer weißen Feder auf dem breitkrempigen Hut und einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf seinem weißen Pferd durch den Frühlingswald reiten zu sehen, im Grünen, unter dem Jubel der Vögel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau. Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zügel, die mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes.

Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heißem Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die Schläfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mädchens entgegen, als hätten aller Frohsinn des Frühlings und alle Schwermut der Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glühen vereint. Sein Entzücken über Traules Anblick war so groß, daß er die Hände emporhob, als wollte er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen.

Beide waren eine Weile still, und man hörte das Wasser des Bachs, so leise es floß, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als ahnten sie, daß ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzückten Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens hielt.

Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie etwas Schöneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der vornehm und mächtig war, und dem alles Land umher einmal gehören sollte. Er kam nun täglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im Dämmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel Zärtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht gewähren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt, wenn ein von Glück überwältigtes Menschenkind, von seiner Liebe glühend, nicht weiß, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geöffnet bis an den Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von seiner zukünftigen Heimat trennen.

Der Jüngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mädchen flocht Kränze aus Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Züge des Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich wahrgenommen, daß das Übermaß der Freude den Angesichtern der Menschen einen Zug von Schmerz aufprägen kann, als bestände ihr ganzes Wesen aus Heimweh.

Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit Blumen geschmückten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurück. Aber ihr Glück verwandelte sich oft jählings, und ohne daß ein Anlaß erkenntlich war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurückgelehnt an der Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hände in ihrem Schoß, und die Augen suchten eindringlich und heiß in der Ferne. Es war seltsam genug, ihre Blicke blieben im strahlenden Grün der Waldbüsche hängen, ganz nah, und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne muß in den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein Wunder der Schöpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite der Welt.

Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kräuter und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres Lebens, daß die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir Gedeihen und Erblühen, Wachstum und Samen. Wir können den Ort unserer Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es gibt etwas in der Welt, das höher als Geduld ist, das ist die himmlische Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Träumen, aber sie erhebt oder quält uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem Großen, was ihnen widerfährt, kommt diese himmlische Ungeduld über sie, am stärksten mit der Liebe. Alles Große, was in der Welt an Taten vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel erzählen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und ihr Freund verstand ihre Tränen und wehrte ihnen nicht.

›Höre, Traule,‹ sagte er liebreich zu ihr und sah das Mädchen nicht an, sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, ›die Freude und der Schmerz entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Gründe der Tiefen erschlossen worden sind, so strömen die Bäche des Leids wie die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie tausendmal schöner ist es so, als wenn das Leben an den Türen des Herzens vorübergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.‹

›Ich bleibe immer bei dir,‹ antwortete Traule, ›bis an mein Todesende.‹

Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit Entsetzen und Trauer füllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo ihr nun blüht, nah am Ufer. Der junge Herr war früher als gewöhnlich gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Büschen; es wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und schob sich langsam über das Land empor, von der Abendsonne beschienen. Die Vögel sangen noch, aber der Sommer war schon nah.

Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder, trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden liegen, die großen Augen weit und glücklich gegen das Himmelslicht geöffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen ins Rasengrün, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem Bösen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub.

Aber plötzlich schreckte ein anderes Geräusch ihn empor, ein Rascheln und Zweigeknacken im Gebüsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte sich hinein. Es war, als wäre plötzlich ein Sturm des Bösen im friedlichen Gehölz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem Tappen. Als der Jüngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor ihm die Zweige über dem Boden und spien den dunklen Koloß eines gewaltigen Bären aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit lautem Gebrüll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustürmte.

Aus dem weitgeöffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zähne, und sein dampfender Odem quoll mit dem Brüllen hervor, wie Rauch eine heulende Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mächtigen Pranken zu einer schrecklichen Umarmung weit geöffnet, es war ein altes, verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein mußte und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte.

Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun, totenbleich, aber gefaßt und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten, weitgeöffneten Rachen und stieß, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mühelos zur Seite, als wäre sie ein ungefährliches Spielzeug.

Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag. Wohl eine Stunde später kam Traule singend den gewohnten Waldpfad entlang, ahnungslos; die Vögel sangen auch in der Abendsonne, die ihr rotes Licht so friedlich auf die Stämme der Waldbäume legte, als gäbe es kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt.

Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen in das zerstampfte Rasengrün, er lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geöffnet, als lauschte er immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Bär hatte von ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mächtigen Umarmung erdrückt hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschämt ins Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod des jungen Herrn an ihm zu rächen.

Jedoch in der Brust des Jünglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb des Bären das Blut zum Fließen gebracht, und es rann immer noch in einem feinen roten Bächlein aus der zerstörten Brust in die Blumen, als Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann. Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein Seufzen. Es war so still über den großen Schmerzen am Grund, daß mich Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als sähe ich ein Leuchten, ich weiß es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlösten, aber sie mußte leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglück der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht über die dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu trinken.

Traule lag über dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei auch sie gestorben, sie bedeckte den Körper, den sie liebte, mit dem ihren, und ihre kleinen braunen Waldhände hielten zur Rechten und Linken sein Gesicht.

Mit dem Morgenwind hallte der stürmische Ruf einer Trompete durch die Dämmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes, angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schloßhof getrabt, da erkannten sie, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Bald mischte sich das Bellen von Hunden in den Hörnerklang, und da wußte ich, daß sie den Toten finden würden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn aufgenommen hat, und findet ihn immer.

Ich rauschte im Frühwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war, als dürften die rauhen Männer sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das Mädchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dämmerung hinaus. Wie erschrak ich da über ihr Angesicht! Es war blaß wie das des Toten, und der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren großen Augen, die noch keine Tränen gekühlt hatten. Aber sie war eigen gefaßt, beinahe still, drückte die Augen des Toten zu und küßte ihn zum Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu flüchten. Es war ein seltsames Mädchen, Traule, nach der unser Bach genannt worden ist, sie war anders als alle Mädchen, die ich kennengelernt habe, aber an sie muß ich am meisten denken.

Bald darauf kamen die Reiter und Fußleute mit Hunden und Waffen durch das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfüllt.

Als es still geworden war, und die Vögel wieder ihre Lieder anstimmten, machten die Männer aus Ästen, die sie aus meiner Krone brachen, eine Tragbahre, legten den Leichnam auf die Blätter und trugen ihn davon, in einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten. Aus der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Trompete über die Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schloß die Kunde vernommen, daß der junge Herr hatte sterben müssen.

Ich dachte an Traule, das Kind, und wußte, daß sie wieder an die Stätte zurückkehren würde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag für Tag kam sie um die Stunde der Dämmerung zu mir, lehnte sich an meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte, denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen, alles zu heilen, den die Natur an uns bewährt, und unter dem ich von Jugend an gewachsen war und geblüht hatte. Meine Blüten waren nun aufgebrochen, und die Völker der Bienen brausten in der warmen Sonne um meine Krone.

Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden, allein. Was hätte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich konnte es nicht, obgleich ich fühlte, daß das Mädchen nur bei mir sein wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre großen Augen leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um Traule. Einmal hörte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen, und der Bach zog im weißlichen Dämmerlicht dahin, kühl in seiner gelinden Eile. Traule aber sang:

Nimm mir nicht den Schmerz,
den laß mich haben.
Gib meinem Herzen mehr
deiner himmlischen Gaben.

Immer wieder hält es mich davon ab, in der Erzählung von Traules Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei sagen möchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen. Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, daß es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, daß sie ein Eigentum werden können, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und daß das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied? Ich weiß es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mögt ihr es lieben und glauben, nach eurem Wert.

Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die, welche ihn früh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules Züge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzählt habe, ihr blasses Leuchten ist schöner als alle Tugend, es sinkt aus der Höhe und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt.

So kam es, daß eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor Traule hintrat. Das Mädchen erschrak nicht, sondern lächelte ihm auf ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel sagte zu ihr:

›Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du sollst von ihnen erlöst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein heiliges Gut, getragen.‹

Da sah Traule den hellen Engel an, schüttelte den blassen Kopf mit den feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein Beben durch ihr gebrechliches Körperchen ging, sagte sie zu ihm:

Nimm mir nicht den Schmerz,
den laß mich haben.
Gib meinem Herzen mehr
deiner himmlischen Gaben.

Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung war von Freude verklärt, als sei ihm ein großes Wunder widerfahren, da er in Traules Herz Gottes unvergängliche Liebe wiederfand, als hätten niemals die Finsternis des Bösen, oder die Armut sie geschmälert, und er verwandelte die Schmerzen Traules in zwei große Flügel, die bis auf den Erdboden niedersanken und ihr Haupt überragten. Von ihrem Glänzen wurde der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Blätter meiner Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen.

Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules Geschichte, bewahrt sie eurem Gemüt, und Traules Herzensgut sei auch euer Frieden.«

Dreizehntes Kapitel
Der Maikäfer

Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit.

Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. »Was soll ich tun,« flüsterte er, »was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen.«

Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut meint; es ging nicht anders.

Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat. Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums, wandte sich an die himmlische Sonne und sang:

Schließ mich wieder ein in deine Freude,
deine Anmut, deinen hellen Sinn,
daß ich mich in deinem Glück bescheide
und empfinde, daß ich glücklich bin;
Daß ich selig deine Kräfte schaue
und des Herzens Trauer, wie ein Lied,
deiner Stille, deinem Licht vertraue,
deinen Glanz im fröhlichen Gemüt.
Keine Liebe hat mich überwunden,
so wie deine es am Morgen tut.
Sieh mich offen und zu dir gefunden,
und mach’ meine Seele hell und gut.

Kaum war das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht neben dem Elfen. »Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?«

Der Elf mußte lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm saß auf einem Blatt ein Maikäfer und sah ihn mit großen Augen vergnügt an. Aber als er nun den Elfen lachen hörte, klappte er die Fächer seiner braunen Fühler zusammen und runzelte die Stirn.

»Warum lachen Sie?« fragte er ernst.

Der Elf grüßte ihn freundlich. »Ich war sehr überrascht,« sagte er, »deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich meinte es nicht böse.«

»Erwarten Sie, daß ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen?« fragte der Käfer. »Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch da bin.«

»Du bist ja eben erst gekommen.«

»Nein, ich meine überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit ist ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier oder ruht sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zögern. Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?«

»O doch,« sagte der Elf, »das ist sicher interessant zu erfahren.«

»Gewiß, also hören Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich möchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf die Erdoberfläche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt, ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit läßt man sich nicht entgehen, verstehen Sie?«

»Doch, doch«, sagte der Elf und lächelte. »Was versprichst du dir denn von dieser Bekanntschaft?«

»Das fragt sich noch,« meinte der Maikäfer, »ich muß erst sehen. Von den Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß, wo einem der Kopf steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und möchte Klarheit haben. Das wunderbarste an diesen Geschöpfen ist, daß sie sich mit aller Kreatur unterhalten können, mit Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem Menschen viel verkehren?«

»Ich kann es mir denken«, meinte der Elf.

»Nun, Sie als Engel müssen es sich ja denken können.«

»Ich bin kein Engel«, sagte der Elf.

»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war übrigens anfangs sehr erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was alles ein Maikäfer sich gewöhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man muß den Menschen kennen, um zu wissen, was möglich ist. Himmel und Wolkenbruch, unsereins hat unter Umständen etwas auszustehen! Es ist in der Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.«

Der Elf mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er, und sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte ihn an. Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre mir heute morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher Fülle steht.

»Ja, der Mensch«, seufzte der Maikäfer, »fängt einen aus der Luft, mit der Hand, glauben Sie das?«

Der Elf nickte und verbarg sein Lachen.

»Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt, die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl; merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so verläßt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott, nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie wir summen, lacht und fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine Stelle am Menschen, weiß der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist, aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?«

Der Elf lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen aus, solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte.

»Nun ja,« sagte er endlich, »jetzt lacht man darüber, aber in solchen Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man kann erschlagen werden, mein Lieber.«

»Was du da vom Menschen erzählst,« sagte der Elf nach einer Weile, »bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen fröhlich und sorglos sind, so brechen heimlich die Glücksquellen ihrer Jugend in ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder deine Gefährten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der Menschen.«

»Ich danke,« sagte der Maikäfer, »ein argloses Spiel, bei dem ich unter Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es möglich ist, daß ich platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.«

»Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weißt, so wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen«, meinte der Elf.

»Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will,« entgegnete der Maikäfer, »aber nicht mich.«

Der Elf lachte. »Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich den Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn sehr.«

»Nun ja, Sie als Engel ...«

»Ich bin kein Engel, mein Lieber.«

»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie übrigens, wohin Sie kommen und wen Sie wollen, überall werden Sie Klagen über den Menschen hören. Gehen Sie zu den Vögeln, den Fischen, den Waldtieren oder den Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher, als Sie glauben.«

»Doch,« sagte der Elf, »ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hören glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr alle.«

»Aber etwas muß den Menschen doch von allen anderen Geschöpfen unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß er nicht schuld an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß er sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich würde ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen Geschöpfen?«

»Ich will es dir sagen«, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite, denn er hörte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule.

»Sie? Nein, nein, mein Lieber«, entgegnete der Käfer. »Sie als Engel sind parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn haben.«

»Glaubst du nicht, daß solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die Wahrheit eher wissen als andere?«

»Also sind Sie doch ein Engel!« rief der Maikäfer triumphierend, und der Elf lachte.

»Ich bin es nicht,« sagte er, »aber ich will dir nun verraten, wer ich bin; ich hätte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen hättest. Ich bin der Elf, den du suchst.«

»Nein, so was!« rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen glänzten. »Ach nein,« sagte er ganz still, »so ist es mir doch passiert, was ich wollte, wie schön ist das.« Er besann sich und atmete auf: »Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht übel«, sagte er schüchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: »Nun liegt es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein wollen und mir antworten?«

»Ich will es tun, so gut ich kann,« sagte der Elf, »aber du kannst ruhig du zu mir sagen.«

»Ich werde es versuchen«, antwortete der Käfer.

Ein paar Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten.

»Ein Elf, ein Blumenelf!« riefen sie. Unten schaukelten sich Schmetterlinge über dem Korn, und hoch im Blauen zog ein großer Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wölkchen zu sehen, es war ein unbeschreiblich schöner Tag. Klingen und Jubeln füllte die Luft, die von goldener Wärme flimmerte. »Schöner wird es nicht mehr im Jahr«, sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das Glänzen, das ihn einhüllte, und er faltete die Hände, derweil der Wipfel des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte.

»Sicher weißt du alles Schöne,« meinte der Maikäfer, der ganz entzückt war, je länger er den Elfen betrachtete, »so sprich mit mir vom Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große mit den aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten ihn, verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel Humor wie ich.«

Der Elf schien nicht recht zugehört zu haben; mitten aus seinem Sinnen heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn:

»Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast du mich gefragt; darüber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige Geschöpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch über alle Kreaturen stellt, ist seine Vernunft.«

»Was ist das?« fragte der Käfer.

»Es ist sein freier Wille, groß und gut zu sein nach seinem Maß.«

»Aber glaubst du denn wirklich, Elf, daß alle Menschen ihn haben?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, »so genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, daß, wenn nur einmal ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, daß das ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wäre.«

»Ach, da sieh einer, wie du denkst!« rief der Maikäfer, »so könnte ja nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, daß er aus freiem Willen groß und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen von ihren Schandtaten freisprechen.«

»Ja,« sagte der Elf einfach, »so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du kleines Tier, welch eine unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme schon aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie die Gegenstände, die unsere Hände berühren, aber sie ist wahr. Sieh, Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Würde, und das unterscheidet ihn von allen Lebendigen der großen Schöpfung, daß er den freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich.«

»Ach,« sagte der Maikäfer, »nun sprichst du von Gott, ich weiß nichts von Gott.«

»Das ist auch nicht nötig,« antwortete der Elf und lächelte, »wenn Gott nur etwas von dir weiß.«

»Tut er das?« fragte das kleine Tier erstaunt.

Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: »Bist du nicht einst glücklich und wohlbestellt zum Leben erwacht?« fragte er, »fandest du nicht Tag für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die kühle Nacht im Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau’ den Schimmer deiner schönen, starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll gesorgt, dessen du bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?«

Es war eine Weile still; der Käfer schaute sinnend in die Weite der hellen Welt, dann sagte er:

»Du machst mein Herz so froh.«

Aus den Büschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den Föhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herüber, es war den Bäumen wohl in der warmen Sonne. Unermüdlich summten die Bienen in den Lindenblüten.

»Sieh nun,« sagte der Elf, »so gedenkt Gott all seiner Geschöpfe, auch der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.«

»Ich bin doch wirklich ein glücklicher Kerl,« antwortete der Maikäfer, »habe ich mir nicht gleich gesagt: du mußt mit dem Elfen sprechen, davon werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm für mich, daß ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu können. Ich glaube nämlich alles sofort, was mir gefällt.«

Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im Himmelsblau, und mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen schien, sagte er:

»Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne Sorge ...«

Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll Hoffnung, und es lag eine Verheißung in ihnen, als gäbe es in hellen Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft.

Vierzehntes Kapitel
Das sterbende Kind

Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt, lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern. Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin.

Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun einmal ihre Meinung, daß es in der Nacht dunkel zu sein hätte, nur der Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen, die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden, und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein Lichtschein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das Licht zu sehen.

So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück.

Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war.

Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich, wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war.