»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
Silber im Wasser, werde mein!«

Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:

»Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein,
reiht euch zur glitzernden Kette ein!«

Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger wurde.

Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und rief:

»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
gib mir Gold aus deinem Schein!«

Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah. Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein blasses Gesicht und tropfte ins Moos. »O, die Sonne,« schluchzte es, »sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!«

Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte, erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst, nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er:

»Goldene Sonne, ein Elfenkind
möchte nicht mehr sein, als alle sind.
Sieh, ich gab meine irdische Zier,
gib mir dein himmlisches Gold dafür.«

Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen und über sein helles Haar. Alle erkannten, daß es das letzte Gold der Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück und das Entzücken der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den Tieren der Waldwiese schöner erschienen, das Fremdartige und Seltsame, das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte, hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief:

»Leb’ wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenkönigin, du wirst nun sicher zu uns zurückkehren!«

**
*

Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der Eulen.

Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche, dicht über dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der Eiche ins Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren. Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig.

»Was hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn,« rief er, »du erschrickst mich. Lösch dein Licht!«

»Ich kann es nicht,« sagte der Elf, »zeig’ mir den Weg zur Königin.«

»Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?«

Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer Höhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink der Elfen.

»Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet,« sagte ein Käfer zum Elfen, als er neben ihm dahinflog, »alle erwarten dich im silbernen Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Königin getan hat.«

Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er seiner Blume entstiegen war, erschien ihm plötzlich wie ein glühender Sonnentraum, in Gold und Grün und Wärme verwoben. Seine Hände zitterten, und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit bebender Stimme.

Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte. Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt sie gelehrt hat.

Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor, er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte, so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns, der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet. Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher erfüllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der Königin:

»Du Lob des Lichts in mir,
du Leuchten, das ich bin!
In tiefer Demut deine Zier,
ewige Königin.«

Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif glitzern. Da erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den Zügen des Elfen wie zwei Sterne:

»So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind? Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglück oder eine Schuld gewesen ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute wissen, daß meine Macht groß genug ist, dir deine alte Freiheit wieder zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten Elfenrechte zurückkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der vergänglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.«

Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen beglückt zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter dem Licht ihrer Krone, und sie sagte:

»Kommst du ungeschmückt zu deiner Königin?«

Da merkte der Elf, daß der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemüt bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jählings ein Heimweh nach dem warmen grünen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung des alten Gesetzes des Elfenvolks, daß kein Elf die Sonne sehen durfte.

Es schien, als ob die Königin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst und mit feierlicher Stimme:

»Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du hast erfahren, wie gefährlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu danken, daß du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod ist die böse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich vergessen macht und sie zum vergänglichen Geschick der sterblichen Wesen verzaubert. Aber meine Macht ist größer; hast du gehört, daß ich dich erlösen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft aufgenommen wirst, sollst du uns erzählen, wie es gekommen ist, daß du in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht rechtzeitig gewahr geworden bist.«

Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach, denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu.

Der Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je länger er sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß alle mit pochenden Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus den Worten des Elfen strahlte.

Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich fragte die Königin erstaunt und besorgt:

»Du sagst uns, die beiden Menschen seien glücklich gewesen, ich will es dir gerne glauben, aber wie kommt es, daß du darüber die aufgehende Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der gewaltigen Sonne muß doch deine Sinne schon mit Angst erfüllt haben, als es sich am Horizont ankündigte, und da wäre es für dich noch Zeit gewesen.«

Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glänzten:

»Wie soll ich es dir beschreiben, mächtige Königin,« sagte er mit zitternder Stimme, »seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen hatte, die sich im Glück ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht käme aus ihren Herzen geströmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als käme alles Glück von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie früher glauben, daß sie gefährlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der gleiche frohe Glaube.«

Da sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände zusammen vor Zorn und Trauer.

»Armes, verführtes Kind!« rief sie, »was hast du gegen das unvergängliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weißt du denn nicht, daß alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben müssen?«

Erschrocken über den Zorn der Königin trat der Elf ein wenig zurück.

»Das macht ja nichts ...« antwortete er schüchtern.

Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein Wunder nach dem anderen geschehen. Die Königin stand plötzlich merkwürdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und indem sie sich langsam mit großen Augen vorbeugte, sagte sie in höchstem Erstaunen:

»Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete der Elf leise, »ich kann es ...«

Da raffte die Königin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze Kraft zusammennahm, sagte sie:

»Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir war Schönheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flügelkleid die Irdischen beglücken können, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in unser Reich zurückkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswänden. Dein Wort tat Wunder, alle Wesen der Schöpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du das alles nicht mehr?«

Da rief der Elf laut:

»Die Erde kann nicht erlösen, nie die Erde!«

»Was soll dich denn erlösen, du Törichter«, entgegnete bestürzt die Königin. »So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der ins ewige Dunkel führt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in derselben Sonne, die nun auch dein Gemüt und deine Sinne verführt hat. Und ergeht es den übrigen Geschöpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach, und wieviel Tränen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat stillen können! Dies alles weißt du, und was du erfahren hast, wird dir nur die Wahrheit meiner Worte bestätigen, und so frage ich dich nun, willst du zu uns zurückkehren und in deine alte Freiheit?«

Da antwortete ihr der Elf:

»Ich kann es nicht mehr.« Und als die Königin sich erhob und sagte: »So werde ich dir helfen,« legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte deutlich: »Ich will es nicht mehr.« Und als hätte sein Entschluß ihm Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefaßt fort:

»Was du über die Erde, die Sonne und ihre Geschöpfe gesagt hast, Königin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glück nicht. Ich kann es dir mit Worten nicht sagen, dies Glück, das jetzt auch mein Teil geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die alles blühen macht, blüht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.«

»Das Herz?« sagte die Königin mit blassen Lippen. Es war so still umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war, als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die vor Ergriffenheit zitterte:

»Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit und klar. Seine Allmacht ist stärker als die Gedanken, seine Wärme gnädiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine Fülle nicht ändern noch trüben können. Alle Schwachheit des vergänglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche Befangenheit gegen seine helle und unzerstörbare Freiheit, und immer und immer wieder blüht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann erlösen, Königin. Draußen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blüht es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mächtig wird und die Erneuerungen des Frühlings erschafft, so wird in den Herzen immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brüdern, die Einsamen zu fröhlichen Gefährten und schließt die Verlassenen in eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich weiß wohl, daß ich es nicht erklären und benennen kann. Es ist eine himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht, erst seit ich weinen kann, höre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll Angst, bald ist mir, als versänke es in Dunkelheit, dann wieder vermag ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich weiß, es wird blühen! Ich weiß es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang höre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. ›Es wird alles, alles gut,‹ pocht das Herz, ›du sollst noch viel Größeres erfahren!‹«

Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er sein Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen Sonnenschein über die blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis meines Lebens, ich täte es!

Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des funkelnden Saals.

»Die Sonne!« schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzen empor, »die Sonne!« Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. –

Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des Baums, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein, wie die anderen alle.

Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flügel und flog durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens.

Siebzehntes Kapitel
Das Reich

Langsam wurden nun die Tage kürzer, und die ersten Silberfäden der Wanderspinnen hingen in den Büschen oder sie zogen so lautlos durch die klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie überall umher das sommerliche Waldglück in freier Gestilltheit träumte. Aber seit diese glitzernden Fäden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche Wehmut auf, als sänge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Stätte um, die er nicht wiedersehen sollte.

Die Berberitzensträucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten Last ihrer kleinen Früchte aus, als wären sie über und über mit Korallen behängt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten Gestalt, wie auch die Luft und die kühlere Sonne. Die Nächte waren von niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als wünschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprägen, und die Gedanken der lebendigen Wesen, die über dem scheidenden Sommer in Schwermut sanken, mußten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder nicht.

Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere Geschichte von den Menschen und erzählte:

»Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen, Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen könnt, habe ich viele Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und anderen sprechen hören, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren Schmerzen, ihrer Freude. Frühling für Frühling, im beständigen Wechsel der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich habe das Große des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir ähnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen ergehen kann, zuletzt erben die jüngsten Sprossen zuweilen die Herzenserfahrung ihrer Väter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen geboren, zugleich mit unvergänglicher Jugend und bergen den Seelenreichtum ihrer Ahnen im großen Gemüt.

So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frühlinge und Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestüm der Stürme in mir nicht haben auslöschen können, das will ich euch heute erzählen, da nun der Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschläft, um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.«

Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast alle Geschöpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind, und noch viele mehr. Auch der Elf saß mit gestütztem Kinn auf einem Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen waren groß und still und suchten die schimmernde Weite des späten Sommertages. Wer ihn näher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und stärker als jemals jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle übertragen hatte, mit denen er in Berührung gekommen war. Er mußte nun oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie ihm gesagt hatte: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« Sie sang nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf seine Erlösung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die größer als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu seiner Heimkehr erlöste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn nun in kühleren Nächten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er leise gesungen, im Dunkeln:

Trauer du, mein irdisch Los,
über deinen bittern Gaben,
will ich meine Seele groß,
will sie stark und glänzend haben.

Ihm war, als brächte ihm sein Lied aufs neue die Gewißheit seiner Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mußte er zuweilen daran denken, daß vielleicht seine Erlösung noch in weiter Ferne lag, und daß die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer Schönheit keine Liebe kannte, so groß, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt bedurfte.

Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen Gedanken nicht nachhängen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der alte Baum fuhr fort zu erzählen:

»Es ist länger her, als auch die ältesten Bäume ermessen können, da war einst in einer prächtigen Königsstadt des fernen Ostens ein großes Fest, zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigeströmt waren, um daran teilnehmen zu können. Durch das Gewühl der fröhlichen Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht näher betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick, eigenartig und schüchtern in sich versunken, doch zugleich in weite Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt.

Er schritt langsam dahin, durch die heiße Sonne des schönen Tags, nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen geschehen sein, daß er sich nach einer Weile vor dem Eingang des mächtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und öffnete mit Mühe die schweren Vorhänge, die in das dämmerige Licht der feierlichen Halle führten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich beglückt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner Erwartung.

Es war fast leer unter den zwei erzenen Säulen der Vorhalle und kühler als draußen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus Wandgemälden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermeßlich hoch und groß, zwischen den Knäufen der Säulen hing ein funkelndes Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Säulen öffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Männerstimmen und erregte Einwürfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen.

Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gestühl dicht neben dem vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und Gelehrten, die über wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte. Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwürdiges weißes Haupt und wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch ehe ein mißbilligendes Wort über seine Lippen kam, begegneten seine Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, daß er sich besann und gütig antwortete. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Knabe seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dämmerung des Tempels schaute, sein kindliches Haupt schüttelte.

›Glaubst du mir nicht?‹ fragte der Alte betroffen.

Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der Gruppe der weißhaarigen Alten stand, die einander über die Schultern sahen, mit erstaunten, spöttischen und mitleidigen Angesichtern. ›Laß ihn doch gehen‹, erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei nicht Sitte, daß Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lächeln:

›Dies ist das Haus meines Vaters.‹

Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit großer Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber der ehrwürdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch anschickten, winkte ihnen begütigend zu und sagte:

›Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf geschüttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen uns getreten bist?‹

Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang. Der Knabe legte seine Hand auf die Blätter des heiligen Buchs, das den Altar schmückte, und seine Fragen über den Sinn der ältesten Hoffnung des Volks und der seligen Verkündigungen der Väter entzündeten die Herzen der gelehrten Männer zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als sänke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blättern, und der Sinn ihres Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den Glanz dieses Geheimnisses zu ergründen, das unter ihnen waltete. Sie fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrängt hatte, aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen und tief betroffen über die Antworten des fremden Knaben.

Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hörten sie die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glücklich einen Namen durch das Gotteshaus rief. Sie stürzte auf den Knaben zu, schloß ihn in ihre Arme und weinte vor Sorge und Glück.

›Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind‹, rief sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel größer als ihr Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten des Tempels im Kreise der mächtigen Gelehrten zu finden.

Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese lächelten befangen, ohne ihrer Verwunderung über das Geschehene Herr werden zu können, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wäre ein Schein unter ihnen zurückgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwürde ihn auszubreiten vermögen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite, klare.

Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt:

›Welch eine Zeit bricht an, daß uns Weise ein unmündiges Kind durch sein Verlangen beschämt?‹«

**
*

»Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt,« fuhr die Linde nach einer Weile fort, »ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt, ich sah in mir und um mich her Erblühen und Vergehen, Lust und Schmerz und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr war ich glücklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich euch erzähle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und kehren zu ihr zurück.

Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte, wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzählen will. Erst nach vielen Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hörte, daß niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er hätte ruhen können. Er arbeitete nicht und ließ keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein Herz finden, denn sein Glaube war, daß der Vater im Himmel sich aller annähme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich Männer, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus seiner Nähe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzählt, daß sie ihn erblickt und die Worte vernommen hätten, die er zu den Leuten auf der Gasse sprach, und daß sie ihn darauf liebgewannen und sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie ließen ihre Arbeit, ihr Haus und ihre Angehörigen ohne Bedenken zurück, um immer bei ihm zu sein.

Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn nur selten, denn was er den Menschen über die Liebe sagte, war so neu, so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, daß die meisten erstaunt, erzürnt oder geblendet aus seiner Nähe wichen und ihn zu hassen begannen, denn er störte sie in der falschen Ruhe ihrer Herzensarmut. Er sprach nicht über alle jene Dinge, die sie Tag für Tag beschäftigten, nicht über ihre kleinen oder großen Sorgen, nicht über die Landesverwaltung, noch über die Sitten und Gebräuche, sondern er sprach über das Reich der Seele und über das Wesen der Liebe.

Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer großen Stadt und begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz bewegte.

Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid, achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhörten, noch ob sie ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er vergaß das Ungemach, das ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wären.

Unter seinen Worten sanken alle vergänglichen Werte der Erde dahin, als seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle zeitlichen Güter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhieß es nicht den Mächtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen, die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht der Welt.

Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer täglichen Lebenssorgen hinüber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von den Blumen und Vögeln, die nicht säen und nicht ernten, und die doch empfangen, was sie brauchen. ›Sorgt nicht für euer Leben,‹ rief er laut, ›ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird euch alles andere zufallen.‹

Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glühenden Worten zu einer neuen Heimat im Gemüt. Sorge, Haß, Feindschaft und selbst der Tod erloschen in diesem blühenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne im Tal die Nebel der Nacht versinken. ›Ich bin zu euch gekommen, um alles zu erfüllen, was die Sehnsucht unserer Väter erfleht hat, ihr sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.‹

Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele. Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten zu einer Einheit in unvergänglicher Freiheit. In seinem Herzen glühte der Wunsch, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern der Erde abkehren möchten und sich unvergänglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhörten, und er strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen.

Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen überhand, er erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz neuen Friedens, bald war ihnen, als müßte ein Gericht des Himmels diesen glühenden Geist der Verheißung und der Prophezeiung davonreißen. Aber nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als sähe er ihn von Angesicht. Die erschütterten Menschen warfen sich zu Boden, ihnen war, als beschwöre die Inbrunst dieser Stimme Gott von seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er würde Gott zum Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt über die Erde für sich erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, daß ihre Schuld vergeben sein möchte, und daß sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem unendlichen Jubel des Glücks rief er mit zitternden Lippen zu Gott empor. ›Dein ist das Reich!‹

Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und fern über den Gärten sangen die Lerchen im Himmelsblau.

Niemand könnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glück, Andacht und Entsetzen verließen die Menschen ihn, als er sie schloß, und der Ruhm seines Namens verbreitete sich im Land und weit über die Grenzen hinaus.

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Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Märkten und Straßen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden, denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah, aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so bekümmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehörte. Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wäre er um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschließen. Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur von ihm gehört hatte, und bat ihn, er möchte seinen kranken Knecht gesund machen. Da antwortete er ihm:

›Ich werde kommen und es tun.‹

Aber der Fremde lächelte abwehrend und rief:

›Ich bin nicht wert, daß du in mein Haus kommst, sag’ nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund werden!‹

Mit einem heißen Erschrecken der Freude über das Vertrauen, das in diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er verbarg die Tränen, die sich in seine Augen drängten und sagte:

›Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.‹

Dann wandte er sich dem fremden Kriegsherrn aufs neue zu und sagte ihm, als wäre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, daß er daheim seinen Knecht gesund finden würde. Und wirklich fand der Herr seinen Knecht gesund.

Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber er lächelte und sagte: ›Ihr alle könntet Berge versetzen, wenn ihr nur so viel Glauben an die Liebe hättet wie ein Senfkorn.‹

Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft fürchteten sie ihn, häufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er einmal allein, mit einer Geißel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen war und die Händler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Kühnheit. Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden geworfen, so daß ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er so wenig, als ob eine mächtige Schar ungezählter Engel ihn unsichtbar begleitete und ihm Macht über alle Macht der Erde verlieh. So fürchteten seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen:

›Wer meine Worte hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten, denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Menschen richte, sondern daß ich sie glücklich mache.‹

Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, daß niemandem ein Gut der Seele gegeben werden könnte, der nicht schon reich an Kraft des Gemüts war; so redete er auch von solchen, die für das Reich erwählt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn er kannte den alten Irrtum der Welt, daß jemand Liebe empfangen kann, der keine zu geben hat. Er wußte, daß nur diejenigen Liebe empfangen, die Liebe haben. Er wollte nicht, daß die Menschen dem Bösen widerstrebten, und sagte, daß niemand seiner wert sei, der nicht alles aufgäbe, was er hätte.

Aber die hohe Freude seines Gottbewußtseins wechselte oft mit tiefer Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von denen ich euch erzählt habe, den irdischen Geschicken unterworfen. Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzählte, daß Leid und Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und daß sie gleicherweise hervorströmen, wenn die geheimnisvollen Gründe der Brust erschlossen sind? So ging dieser einsame Verkünder des Reichs oft allein vor die Stadt auf einen Hügel, der mit Olivenbäumen bestanden war, und wenn er auf die Wohnungen der Menschen niedersah, überwältigte ihn sein Gram über ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, daß nur wenige im Lauf aller Zeiten ihn verstehen, und daß sie ihn töten würden. Und er wußte, daß er sterben mußte, um den Menschen zu zeigen, daß er selbst sein Leben gering achtete, gegenüber der unverbrüchlichen Beständigkeit des Reichs.

Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das Übermaß seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner Brust die Frage:

›Hast du mich lieb?‹

Sein Freund sagte zu ihm: ›Du weißt so viele Dinge, du weißt auch, daß ich dich lieb habe.‹

Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen, und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum sah er die Schönheit seines Herrn.

Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher. Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse, überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches Recht geübt haben?

Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der Tod begegnete.

Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote schon seit Tagen in seinem Grabe.

Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen.

Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den Namen des Toten.

Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam, der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor, die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen, als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.

Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir, ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.

Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude, in welcher das Reich zu uns kommt.

Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden, wenn ihr nicht wie Kinder werdet.

Mir ist, als habe für die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde, als daß sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird älter, aber ihre Seele jünger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Für den Körper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber für die Seele der Frühling. Für den Leib wird einst das Leben, aber für die Seele der Tod aufhören, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung der Menschen auf unserer Erde.

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Aber den Freunden dieses großen und guten Menschen erschien es nun mehr und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er würde nun endlich das Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie ihn in ihrer Vorstellung als König über die Welt herrschen in niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner Wirkung, und sie begriffen nicht, daß er keinen Nutzen aus ihr zog. Es befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Haß der Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht, daß er keinen Wunsch hatte, als den, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern den unvergänglichen zuwenden möchten, und daß es keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und daß allein der Wille zum Guten das Herz frei macht.

Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn:

›Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Hütet euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er stürzt, und wer über ihn fällt, wird zerschellt werden!‹

Da nahm ihre Verwirrung überhand. Er aber, um dessentwillen sie sich sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem Bach lag. Er sah blaß und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn umgaben, aber sein Herz drängte ihn unaufhörlich zu immer höheren Opfern und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die Finsternis seiner Seele nahm überhand, ihn verlangte inbrünstig nach der Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst, sie möchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm überhand, er fühlte, daß der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das er geben mußte, aber er fürchtete sich vor der Finsternis des Sterbens, wie alle Lebendigen. ›Ach, seid mir nicht gram,‹ bat er seine Freunde, ›in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttäuschen. Bleibt hier, wacht, schlaft nun nicht ein.‹

Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der kühle Nachtwind flüsterte in den Zweigen; es war, als könnten sie nicht schlafen über seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er möge ihm dies Letzte, Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem Spott der Menschen. ›Muß es sein, mein Vater, daß ich sterbe, damit die Kraft des Reichs offenbar werde?‹ rief er laut zu Gott empor. Er rang seine Hände, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so, als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den besten Menschen die schwersten Prüfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine Lieben, Pflanzen und Tiere, daß niemals ein Wesen der Erde einen schwereren Kampf gekämpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war und den Wert seines großen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mußte, um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als unsere strahlende Gewißheit der Freude loben.

Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit überwältigte ihn aufs neue, und er lag lange im Dunkeln, unter den Bäumen auf der Erde, allein.

Da wurde die irdische Finsternis plötzlich vom Himmel her erhellt. War es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Höhe nieder! Der himmlische Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor, strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein an seine Lippen. Da lösten sich die Tränen in den Augen, die niemals ein böser Wille getrübt hatte, und eine jubelnde Gewißheit erhob seine Seele zu ihrem letzten, großen Entschluß. Dies ist die Stunde gewesen, in der das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln überhand nimmt.

Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie erkannten, daß es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am Morgen fragte:

›Ich kenne diesen Menschen nicht.‹

Der Gefangene soll später seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er wußte, daß sie ihn nicht verstehen würden, und er verteidigte sich nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine Richter wollten, daß er ihnen seine Wahrheit erklären sollte, antwortete er ihnen, daß ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und daß niemand die Wahrheit verstünde, der nicht aus ihr geboren sei.

So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haßten ihn, weil seine Lehre das Licht der Liebe für das dunkle Wort und für den Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelästert, weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein in der unvergänglichen Freiheit eines reichen Gemüts.

Man erzählt, daß er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er möge ihn nicht verlassen, und bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah geblieben bis an ihre letzte Stunde.

Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der auch gerichtet wurde, und in den verlöschenden Geist dieses Armen sank ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und vor dem Volke hatte sprechen hören, und auf dessen Befehl Tote sich aus ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein brechendes Herz, daß dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: ›Gedenke meiner in deinem Reich.‹ Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: ›Du sollst noch heute mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.‹ Und über dieser letzten Verheißung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten Gewißheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare, brach mit dem Seufzer: ›Es ist vollbracht.‹«

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Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dämmerte schon in der Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der Waldwiese, man glaubte die Atemzüge der Lauschenden zu vernehmen, viele von ihnen waren in der kühlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich über den Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis nicht zu bedürfen schien, sondern die wie das Bewußtsein einer geschehenen Wohltat ein Gefühl des Glücks zurückließ.

Die Stille machte alle Dinge merkwürdiger. Der grauen Uku am Stamm in ihrer Höhlung war zumute, als müßte ein Wunder geschehen, sie dachte an ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen gedrungen, nie so beständig in seinem milden Wohllaut, und das Leben erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden, auf die reglosen Formen der Zweige in der Dämmerung. »Ich lebe nun wohl nicht mehr lange,« sagte sie, »aber wie schön und groß ist es mir im irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich, das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergängliche Freude sein.«

Da klang es jählings jubelnd draußen über den Feldern auf, ein silbernes Läuten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so zart und voll klaren Wohllauts, daß man seine Augen schließen mußte, um die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewältigen.

Unten rief eine Stimme in höchstem Erstaunen:

»Die Lerche singt!«

Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor, sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen, und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der Stimme:

»Elf! Elfenkind!«

Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes, in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.«

Achtzehntes Kapitel
Der Abschied

Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem Abschied.

»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle, lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich, daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er. Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in euren Träumen zurücklassen.

Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Süden, im Meer, wo wilde Blumen auf den Felshöhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der alten Bäume in den Meertälern füllt die Landschaft wie mit der Mahnung der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe. Die Sternbilder leuchten in den südlichen Nächten, rufend, glänzend. An den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir die Erde dort, als sei sie der Menschen müde, ihr Angesicht ist abgehärmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen.

Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu keiner Jahreszeit, die Bäume grünen, bis sie sterben. Die Fröhlichkeit der Menschen in diesen Ländern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unnützen Hoffnungen halten der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mächten in die milde, blaue Ruhe des Südens; lebt wohl, ich komme wieder.«

Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind, den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch.

»Ach, wer so fliegen könnte«, meinte ein Rotschwänzchen, und es war sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte ließen eine erwartungsvolle Unruhe in den Sinnen der Waldvögel zurück. Lichteten die Bäume sich schon?

»Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und mitnehmen«, sagte die Grasmücke und schüttelte ihre Federn ein wenig auf, so daß sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch wirklich schon recht kühl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie sie nun oft in unfaßbarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der Frühe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, daß man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als höbe die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde näher.

Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am Buschrain, als habe ein verspäteter Frühlingsengel sie über Nacht verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blühten nicht lange. Um die wärmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Käfer und Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll, aber es rief sie niemand mehr.

Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Mäuse schlossen ihre Wohnungen bereits, Uku hatte alles für ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch Li, das Eichhorn, sammelte eifrig für den Winter, denn wenn spät noch ein schöner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen Spaziergang durch die Föhrenkronen nicht entbehren, und es wußte, daß solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewöhnlichen Appetit mit sich brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme Erde in Schlupfwinkeln und Höhlen auf, Verstecke in Baumlöchern oder tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller.