»Gösta!« sagt Anna in scherzendem Ton, während die Angst ihr die Kehle zusammenschnürt. »Man sagt von dir, daß du mehr Gedichte erlebt hast, als andere geschrieben haben, die sich doch ihr Leben lang mit nichts weiter beschäftigen; aber du tust sicher am besten, auf deine eigene Art und Weise zu dichten: das Gedicht da ist Nachtarbeit!«
»Du bist kein milder Richter.«
»Und so etwas von Tod und Elend vorzulesen! Schämst du dich nicht?«
Gösta hört nicht mehr auf ihr Reden; unverwandt sieht er die junge Gräfin an. Sie sitzt starr und unbeweglich wie eine Bildsäule. Er glaubt, daß sie kurz davor ist, in Ohnmacht zu fallen.
Aber mit unendlicher Mühe bringt sie ein Wort hervor: »Geh!« sagt sie.
»Wer soll gehen? Soll ich gehen?«
»Der Pfarrer soll gehen«, stammelt sie.
»Elisabeth! So schweig doch.«
»Der vertrunkene Pfarrer soll mein Haus verlassen!«
»Anna! Anna!« fragt Gösta. »Was meint sie nur?«
»Es ist am besten, wenn du gehst, Gösta.«
»Weshalb soll ich gehen? Was hat dies alles zu bedeuten?«
»Anna,« sagt Gräfin Elisabeth, »sag es ihm, sag es ihm.«
»Nein, Gräfin, sagen Sie es selber!«
Die Gräfin beißt die Zähne zusammen und sucht ihrer Bewegung Herr zu werden.
»Herr Berling,« sagt sie und geht auf ihn zu, »Sie haben ein merkwürdiges Talent, die Leute vergessen zu machen, wer Sie sind. Ich habe es bis auf den heutigen Tag nicht gewußt. Ich habe soeben von Ebba Dohnas Tode erzählen hören und habe erfahren, daß nur die Gewißheit, daß der Mann, den sie liebte, ihrer nicht wert war, sie in den Tod getrieben hat. Aus Ihrem Gedicht ersehe ich, daß Sie dieser Mann sind. Ich begreife nicht, wie ein Mann mit Ihrer Vergangenheit sich vor den Augen einer anständigen Frau sehen lassen darf. Ich verstehe das nicht, Herr Berling. Bin ich jetzt deutlich genug geworden?«
»Frau Gräfin sind deutlich genug geworden. Ich will nur ein einziges Wort zu meiner Verteidigung sagen. Ich habe in dem festen Glauben gelebt, daß Sie alles von mir wußten. Ich habe nie versucht, etwas zu verbergen; aber es ist nicht angenehm, das bitterste Unglück seines Lebens auf Straßen und Gassen ausschreien zu hören, geschweige denn, es selbst auszuposaunen.«
Er geht, und im selben Augenblick setzt Gräfin Dohna den schmalen Fuß auf den Strauß blauer Sterne.
»Jetzt hast du getan, was ich wollte,« sagte Anna Stjärnhök hart zu der Gräfin, »aber jetzt hat es auch ein Ende mit unserer Freundschaft. Du mußt nicht glauben, daß ich dir deine Grausamkeit gegen ihn verzeihen werde. Du hast ihn von dir gewiesen, hast ihn verhöhnt und verletzt und ich folgte ihm gern ins Gefängnis und auf die Bettelbank, wenn es sein müßte. Ich will ihn bewachen und bewahren. Du hast getan, was ich wollte, aber ich verzeihe es dir niemals!«
»Aber Anna, Anna!«
»Als ich dir das alles erzählte, glaubst du, daß ich es mit fröhlichem Sinn getan? Habe ich nicht hier gesessen und mir das Herz Stück für Stück aus der Brust gerissen?«
»Weshalb tatest du es denn aber?«
»Weshalb? Weil ich nicht wollte – weil ich nicht wollte, daß er der Geliebte einer verheirateten Frau werden sollte.«
Ah, stille! St!
Es summt über meinem Kopf! Das muß eine Biene sein, die geflogen kommt.
Aber nein, so sei doch nur still! Welch ein Duft! So wahr ich lebe, sind das nicht Levkoien und Lavendel und Flieder und Narzissen? Das ist eine wahre Wohltat an diesem grauen Herbstabend mitten in der Stadt. Wenn ich nur an das entzückende Fleckchen Erde denke, so fängt es rings um mich her gleich an zu duften und zu summen, und ehe ich michs versehe, befinde ich mich mitten in einem kleinen, viereckigen Rosengarten voller Blumen, von einer Ligustrumhecke eingeschlossen. In den Ecken stehen Fliederlauben mit schmalen, hölzernen Bänken, und rings um die Blumenbeete, die wie Sterne und Herzen geformt sind, läuft der schmale, mit weißem Sand bedeckte Steig. An drei Seiten ist der Rosengarten von Wald umgeben. Ebereschen und Faulbäume, die halb zivilisiert sind und schöne Blumen haben, stehen dem Garten zunächst und vermischen ihren Duft mit dem der Fliederbüsche. Hinter ihnen kommt die Birke, und dann beginnt der Tannenwald, der richtige Wald, still und finster, hochaufragend und bärtig.
Und an der vierten Seite liegt ein kleines, graues Haus.
Der Rosengarten, an den ich jetzt denke, war vor sechzig Jahren das Eigentum der alten Frau Moräus, die sich durch Sticken ernährte. Daneben ging sie auch als Kochfrau auf die umliegenden Bauernhöfe.
Liebe Freunde! Von allem Guten, was ich euch wünsche, möchte ich in erster Linie einen Stickrahmen und einen Rosengarten nennen. Einen großen, altmodischen Stickrahmen von der Art, an denen fünf, sechs Personen auf einmal arbeiten können, wo man wetteifert, wer am geschwindesten ist und wessen Kehrseite die hübschesten Stiche aufzuweisen hat, wo man Bratäpfel ißt und gesellige Spiele spielt und so dabei lacht, daß die Eichhörnchen vor Schrecken aus den Bäumen herabfallen. Einen Stickrahmen für den Winter und einen Rosengarten für den Sommer! Keinen großen Garten, in den man mehr Geld hineingraben muß, als Vergnügen wieder daraus emporsproßt, nein, einen kleinen Rosengarten, den man mit den eigenen Händen pflegen kann. Es müssen kleine Rosenbüsche mitten zwischen den Beeten stehen, und ein Kranz von Vergißmeinnicht müßte sich um ihren Fuß schlingen, der großblumige Mohn, der sich selbst sät, müßte überall aufschießen, sowohl in der Rasenkante als in dem Kieswege, und da müßte eine von der Sonne braungesengte Rasenbank sein, auf deren Sitz und Lehne Akelei und Kaiserkronen wachsen.
Die alte Frau Moräus besaß allerlei. Sie hatte drei fröhliche, fleißige Töchter und ein kleines Haus am Wegesrande. Sie hatte einen Notschilling auf dem Boden ihrer alten Truhe, dicke seidene Schals, hochlehnige Stühle und Erfahrung in mancherlei Dingen, die nützlich für denjenigen sind, der sich sein Brot selber verdienen muß. Das beste aber, was sie besaß, war der Stickrahmen, der ihr das ganze Jahre hindurch Arbeit gab, und der Rosengarten, der ihr Freude machte, solange der Sommer währte.
Dann ist noch zu vermelden, daß sich in Frau Moräus’ kleinem Häuschen eine Mieterin befand, eine kleine, verdörrte alte Jungfer von ungefähr vierzig Jahren, die ein Giebelzimmer auf dem Boden bewohnte. Mamsell Marie, wie sie allgemein genannt wurde, hatte ihre eigenen Anschauungen über mancherlei, wie sie derjenige leicht bekommt, der viel allein sitzt und dessen Gedanken alles das umkreisen, was das Auge einmal gesehen hat.
Mamsell Marie glaubte, daß die Liebe die Wurzel und der Ursprung zu allem Bösen hier in dieser traurigen Welt sei.
»Es würde ja das reine Elend werden«, sagte sie. »Ich bin alt und häßlich und arm. Nein, Gott bewahre mich nur davor, daß ich mich verliebe.«
Sie saß tagaus, tagein auf der Bodenkammer in Frau Moräus’ kleinem Häuschen und filierte Gardinen und Decken. Die verkaufte sie dann an die Bauern und auf den Gütern in der Umgegend. Sie hatte sich bald ein ganzes kleines Haus zusammenfiliert, denn ein kleines Haus auf dem Aussichtshügel, der Svartsjöer Kirche gegenüber, das war ihr höchster Wunsch, ein Haus, das hoch oben auf einem Hügel lag, so daß man weit in die Ferne hinausschauen konnte, das war ihr Traum. Von der Liebe wollte sie aber nichts wissen.
Wenn sie an Sommerabenden die Violine vom Kreuzwege herüberschallen hörte, wo der Spielmann auf dem Zaun saß und die Jugend sich zu den Takten der Polka schwang, daß ihnen der Staub um die Ohren wirbelte, da machte sie einen langen Umweg durch den Wald, um nur nichts davon zu hören und zu sehen.
Am zweiten Weihnachtstage, wenn die Bauernbräute kamen, oft fünf bis sechs an der Zahl, um von Madame Moräus und ihren Töchtern angekleidet zu werden, wenn sie mit Myrtenkränzen und hohen, mit Glasperlen verzierten Kronen, mit Gürteln aus Seide und selbstgemachten Rosen geschmückt wurden und das Kleid unten mit einer Girlande aus Stoffblumen besetzt wurde, da schloß sie sich auf ihrem Zimmer ein, um nur nicht zu sehen, wie man sie der Liebe zu Ehren herausputzte.
Wenn die Schwestern Moräus an Winterabenden am Stickrahmen saßen und das große Zimmer von Gemütlichkeit strahlte, wenn die Bratäpfel im Ofen prasselten und wenn der schöne Gösta Berling oder der gute Ferdinand, die zu Besuch gekommen waren, die Mädchen neckten, indem sie ihnen den Faden aus der Nadel zogen oder sie verwirrten, so daß sie schiefe Stiche machten, und das Zimmer von Gelächter, Geschwätz und Neckereien widerhallte und die Hände sich unter dem Stickrahmen begegneten, da rollte sie ärgerlich ihre Filetarbeit auf und ging hinauf, denn sie haßte die Liebe und alles, was dazu gehörte.
Aber die Übeltaten der Liebe, die kannte sie, und davon wußte sie zu erzählen. Sie konnte nicht begreifen, daß Gott Amor es noch wagte, sich auf der Erde zu zeigen, daß er sich nicht hatte verscheuchen lassen durch die Klagen der Verlassenen, durch die Verfluchungen derer, die er zu Missetätern gemacht, durch die Weherufe aller, die er in verhaßte Fesseln geschmiedet hatte. Sie konnte es nicht begreifen, daß seine Flügel ihn so leicht und frei zu tragen vermochten, daß er nicht in eine unendliche Tiefe hinabgesunken war, bedrückt von Sorge und Scham.
Nein, auch sie war jung gewesen wie andere, aber die Liebe hatte sie niemals geliebt. Niemals hatte sie sich zu Tanz und Liebkosungen verlocken lassen. Verstaubt und ohne Saiten hing die Gitarre ihrer Mutter auf dem Boden. Niemals sang sie Liebeslieder zu ihren Tönen.
Die Rosenbäume ihrer Mutter standen in ihrem Fenster. Sie begoß sie kaum. Sie liebte die Blumen nicht, diese Kinder der Liebe! Die Blätter hingen staubig herab, die Spinnen spannen ihre Gewebe zwischen den Zweigen, und die Knospen brachen niemals auf. Und in Madame Moräus’ Rosengarten, wo die Schmetterlinge flatterten und Vögel sangen, wo duftende Blumen den schwärmenden Schmetterlingen Liebesgrüße sandten, wo alles von dem Verhaßten sprach – da hinein setzte sie nur selten den Fuß.
Da geschah es einstmals, daß die Gemeinde von Svartsjö eine Orgel in ihrer Kirche setzen ließ. Es war in dem Sommer vor dem Jahr, in welchem die Kavaliere regierten. Ein junger Orgelbauer kam in den Ort. Auch er mietete sich bei Frau Moräus ein und bewohnte das zweite kleine Giebelstübchen auf dem Boden.
Und dann stellte er die Orgel auf, die so wunderliche Töne hat, deren gewaltige Posaunenstimme plötzlich hervorbricht, niemand weiß, woher oder wodurch; mitten in einem friedlichen Gesang erschallt sie, so daß die Kinder in der Kirche anfangen zu weinen.
Daß der junge Orgelbauer kein Meister in seiner Kunst war, mag ja sein. Aber ein lustiger Bursch war er, mit Sonnenschein in den Augen. Er hatte freundliche Worte für einen jeden, reich oder arm, alt oder jung. Er ward bald der gute Freund seiner Hausgenossen – ach, mehr als ein Freund!
Wenn er des Abends von seiner Arbeit heimkehrte, hielt er Madame Moräus das Garn und arbeitete an der Seite der jungen Mädchen im Rosengarten. Da deklamierte er »Axel« und sang »Frithjof«. Da nahm er Mamsell Mariens Knäuel auf, wie oft sie es auch fallen ließ, ja brachte sogar ihre alte Tafeluhr so weit, daß sie wieder ging.
Niemals verließ er einen Ball, ohne mit allen getanzt zu haben, von der ältesten Frau bis zu dem jüngsten kleinen Mädchen; und wenn ihn ein Mißgeschick betraf, setzte er sich neben das erste weibliche Wesen und machte es zu seiner Vertrauten. Ja, er war ein Mann, wie ihn die Frauen in ihren Träumen erschaffen. Ich will nicht sagen, daß er zu irgendeiner von Liebe sprach. Als er aber einige Wochen in Madame Moräus’ kleinem Giebelstübchen gewohnt hatte, waren alle Töchter in ihn verliebt, und selbst die arme Mamsell Marie wußte, daß sie alle ihre Gebete umsonst gebetet hatte.
Es war eine Zeit des Kummers und eine Zeit der Freude. Tränen fielen auf den Stickrahmen und löschten die Kreidestriche aus. Zur Abendzeit saß oft eine bleiche Träumerin in der Fliederlaube, und oben in Mamsell Mariens kleiner Kammer wurden neue Saiten an die Gitarre befestigt und zu deren Tönen altmodische Liebeslieder gesungen, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte.
Der junge Orgelbauer aber ging sorglos und fröhlich umher, streute Lächeln und Dienstleistungen unter diese sehnsuchtsvollen Frauen aus, die sich um ihn stritten, wenn er fern vom Hause bei seiner Arbeit war. Und endlich kam der Tag, an dem er reisen mußte.
Der Wagen stand vor der Tür, das Gepäck war schon aufgeladen, und der junge Mann sagte Lebewohl. Er küßte Madame Moräus die Hand, umarmte die weinenden Mädchen und küßte sie auf die Wangen. Er weinte selber, weil er gezwungen war zu reisen, denn er hatte einen sonnenhellen Sommer in dem kleinen Hause verlebt. Zu allerletzt sah er sich nach Mamsell Marie um.
Da kam sie in ihrem besten Staat die enge Bodentreppe herab. Die Gitarre hing ihr an einem breiten, grünen, seidenen Bande um den Hals, und in der Hand hielt sie einen Strauß Monatsrosen, denn in diesem Jahre hatten die Rosenbäume ihrer Mutter Blüten getragen.
Sie stand vor dem jungen Manne still, klimperte auf der Gitarre und sang: