Zuweilen muß Gräfin Elisabeth ganze Tage still am Stickrahmen sitzen, und da erzählt die alte Gräfin ihr unendliche Geschichten von Gösta Berling, diesem Pfarrer und Abenteurer. Reicht ihr Gedächtnis nicht aus, so erdichtet sie etwas und sorgt nur dafür, daß sein Name der jungen Frau den ganzen Tag in den Ohren klingt. Das fürchtet sie am meisten. An solchen Tagen sieht sie ein, daß ihre Buße niemals ein Ende nehmen wird. Ihre Liebe will nicht sterben. Sie glaubt, daß sie selber eher sterben wird. Ihre Körperkräfte fangen an zu schwinden. Sie ist oft sehr krank.
»Wo bleibt denn dein Ritter?« fragt die Gräfin höhnend. »Tag für Tag habe ich ihn an der Spitze der Kavaliere erwartet. Weshalb erstürmt er Schloß Borg nicht, setzt dich auf den Thron und wirft mich und deinen Mann gebunden in den Turm? Hat er dich schon vergessen?«
Sie empfindet fast das Bedürfnis, ihn zu verteidigen und zu sagen, daß sie selber ihm verboten hat, ihr irgendwelche Hilfe angedeihen zu lassen. Aber nein, es ist am besten zu schweigen, zu schweigen und zu leiden.
Von Tag zu Tage schwindet sie mehr dahin im Feuer der Überanstrengung. Sie fiebert beständig und ist so matt, daß sie sich kaum aufrechtzuhalten vermag. Sie hat nur einen Wunsch: zu sterben. Die starken Kräfte des Lebens sind gebannt. Die Liebe und die Freude wagen nicht, sich zu rühren. Sie hat keine Furcht mehr vor dem Leiden.
Es ist, als habe ihr Mann keine Ahnung mehr von ihrer Existenz. Er sitzt fast den ganzen Tag in seinem Zimmer eingeschlossen und studiert halb unleserliche Handschriften und alten, klecksigen Druck.
Er liest Adelsbriefe auf Pergament mit dem schwedischen Reichssiegel, groß und gewaltig, aus rotem Wachs und in einer gedrechselten hölzernen Kapsel verborgen. Er studiert alte Schildabzeichen mit Lilien in weißem Felde und Greifen in blauem. Auf dergleichen Sachen versteht er sich, die weiß er mit Leichtigkeit auszulegen. Und er liest wieder und wieder alte Leichenreden und Personalia von den edlen Grafen Dohna, in denen ihre Taten mit denen der Helden Israels und der Götter Griechenlands verglichen werden.
Diese alten Sachen haben ihm immer Freude gemacht. An seine junge Frau aber mag er nicht mehr denken.
Gräfin Märta hat ein Wort gesagt, das alle Liebe in ihm ertötet hat: »Sie hat dich deines Geldes wegen genommen!« So etwas kann wohl kein Mann ertragen. Das löscht alle Liebe aus. Jetzt war es ihm einerlei, wie es dieser jungen Frau erging. Wenn seine Mutter sie auf den Weg der Pflicht zurückführte, so war das gut. Graf Henrik hegte eine große Bewunderung für seine Mutter.
Dies Elend währte einen Monat. Aber die ganze Zeit war ja nicht so stürmisch und bewegt, wie es den Anschein haben mag, wenn die Ereignisse auf einige geschriebene Seiten zusammengedrängt sind. Gräfin Elisabeth soll stets ein ruhiges Äußere zur Schau getragen haben. Nur das einemal, als sie hörte, daß Gösta Berling tot sein solle, war sie von Gemütsbewegung überwältigt worden. Aber so groß war ihre Reue darüber, daß sie ihrem Manne ihre Liebe nicht hatte bewahren können, daß sie sich wahrscheinlich von Gräfin Märta hätte zu Tode martern lassen, wenn nicht eines Abends ihre alte Wirtschafterin mit ihr geredet hätte.
»Frau Gräfin müssen mit dem Herrn Grafen sprechen«, sagte sie. »Mein Gott, Frau Gräfin sind so ein Kind. Frau Gräfin wissen wohl selber nicht, was im Anzuge ist, aber ich sehe sehr wohl, wie es damit bestellt ist.«
Aber das war ja gerade dies, was sie ihrem Manne nicht sagen konnte, solange er einen so schwarzen Verdacht gegen sie hegte.
In jener Nacht kleidete sie sich lautlos an und ging aus dem Hause. Sie trug die Kleidung eines gewöhnlichen Bauernmädchens und hatte ein Bündel in der Hand. Es war ihre Absicht, aus ihrem Heim zu entfliehen und nie wieder dahin zurückzukehren. Sie floh nicht, um sich der Qual und der Marter zu entziehen. Jetzt aber glaubte sie, daß Gott ihr ein Zeichen gegeben habe, daß sie gehen dürfe, um die Gesundheit und die Kräfte ihres Körpers zu bewahren.
Sie zog nicht gen Westen über den See; denn dort wohnte der, den sie liebhatte. Sie ging auch nicht gen Norden, denn dort wohnten viele von ihren Freunden, und auch nicht gen Süden, denn weit hinab gen Süden lag ihr Vaterhaus, und dem wollte sie keinen Schritt näher kommen. Sondern sie wanderte gen Osten, dort, wußte sie, hatte sie kein Heim, keinen geliebten Freund, keinen Menschen, den sie kannte, keine Hilfe, keinen Trost.
Sie ging nicht mit leichten Schritten, denn sie glaubte sich nicht mit Gott versöhnt. Aber trotzdem war sie froh darüber, daß sie in Zukunft die Last ihrer Sünde unter Fremden tragen sollte. Gleichgültige Blicke sollten auf ihr ruhen, lindernd wie kalter Stahl, der auf ein geschwollenes Glied gelegt wird.
Sie wollte gehen, bis sie eine armselige Hütte am Waldesrande fand, wo niemand sie kannte. »Ihr seht, wie es um mich steht,« wollte sie sagen, »und meine Eltern haben mich fortgejagt. Gebt mir Nahrung und Kleider und ein schützendes Dach, bis ich mir selbst mein Brot verdienen kann. Ich bin nicht ganz ohne Geld.«
Und so wanderte sie in der hellen Juninacht dahin, denn der Mai war unter ihren schweren Leiden verstrichen. Ach, der Mai, die schöne Zeit, in der die Birken ihr lichtes Grün mit dem Dunkel der Tannenwälder vermischen, wo der Südwind von weither wärmegesättigt über das Meer kommt.
Ich muß undankbarer als andere erscheinen, die du mit deinen Gaben erfreut hast, du schöner Monat! Nicht mit einem Wort habe ich deine Schönheit gepriesen.
Ach, Mai, du lieber, heller Monat! Hast du jemals ein Kind beachtet, das auf seiner Mutter Schoß sitzt und Märchen erzählen hört? Solange das Kind von grausigen Kämpfen und dem bitteren Leiden schöner Prinzessinnen hört, hält es Kopf und Augen offen, wenn aber die Mutter anfängt, von Glück und Sonnenschein zu reden, schließt das Kind die Augen und entschlummert sanft, den Kopf gegen ihre Brust geschmiegt.
Sieh, du schöner Monat, so ein Kind bin auch ich. Laß andere den Erzählungen von Blumen und Sonnenschein lauschen, ich für mein Teil, ich wähle die dunklen Nächte voller Erscheinungen und Abenteuer, ich wähle die dunklen Geschicke, die trauererfüllten Leidenschaften der verirrten Herzen.
Es war Frühling, und aus allen Eisenwerken Wermlands sollte das Eisen nach Göteborg gesandt werden.
Auf Ekeby aber hatten sie kein Eisen zu versenden. Im Herbst war lange Zeit großer Wassermangel gewesen, und im Frühling hatten die Kavaliere regiert.
Zu ihrer Zeit schäumte starkes, bitteres Bier die breiten Granitstufen des Björkseefalles herab, und der Löfsee war nicht mit Wasser, sondern mit Branntwein gefüllt. Zu ihrer Zeit ward kein Roheisen in die Schmieden gelegt, in Hemdsärmeln und auf Holzschuhen standen die Schmiede vor dem Feuer und drehten gewaltige Braten an langen Spießen, während die Schmiedegesellen gespickte Kapaunen mit großen Zangen über das Feuer hielten. In jenen Tagen ging der Tanz über die Hügel dahin. Man schlief auf der Hobelbank und spielte Karten auf dem Amboß. In jenen Tagen wurde kein Eisen geschmiedet.
Aber der Frühling kam, und auf den Handelskontoren in Göteborg fing man an, auf das Eisen aus Ekeby zu warten. Man holte die Kontrakte hervor, die mit dem Major und der Majorin abgeschlossen waren und worin Lieferungen von vielen hundert Zentnern verheißen waren.
Aber was kümmerten die Kavaliere sich um die Kontrakte der Majorin? Sie hielten die Freude und das Violinspiel und die Gastereien im Gange. Sie sorgten dafür, daß der Tanz über die Hügel hinging.
Es kam Eisen aus Stömne, und es kam Eisen aus Sölje. Das Eisen aus Kymsberg fand seinen Weg über die Heiden bis hinab an den Wenersee. Aus Uddeholm kam Eisen und aus Munkefors und von allen den großen Gütern ringsumher. Wo aber ist das Eisen aus Ekeby?
Ist Ekeby nicht mehr das wichtigste von allen Eisenwerken in ganz Wermland? Wacht niemand mehr über der Ehre des alten Hauses? Ach nein! Die ist gleichgültigen Kavalieren in die Hände gelegt, die nur dafür sorgen, daß der Tanz über die Hügel hingeht. Wofür vermögen ihre elenden Gehirne auch weiter noch zu sorgen?
Aber Wasserfälle und Gießbäche und Prähme und Flüsse und Schleusen und Häfen wundern sich und fragen: »Kommt das Eisen aus Ekeby denn nicht?«
Und es flüstert und fragt von Wald zu See, von Berg zu Tal: »Kommt das Eisen aus Ekeby denn nicht? Kommt denn kein Eisen mehr aus Ekeby?«
Und tief drinnen im Walde fängt der Kohlenmeiler an zu lachen, und es ist, als wenn die Köpfe auf den großen Hammern in den dunklen Schmieden höhnisch lachen, die Gruben öffnen ihren breiten Rachen und stimmen ein Hohngelächter an. Die Pulte auf den Handelskontoren, in denen die Kontrakte der Majorin aufbewahrt liegen, schütteln sich vor Lachen. »Habt ihr je so etwas gehört? Es ist kein Eisen auf Ekeby! Auf dem besten Eisenwerke in ganz Wermland haben sie kein Eisen!«
Auf, ihr Sorglosen! Auf, ihr Heimatlosen! Duldet ihr es, daß eine solche Schande über Ekeby hereinbricht? So wahr ihr den schönsten Fleck auf Gottes grüner Erde liebt, so wahr er das Ziel eurer Sehnsucht auf fernen Wegen ist, so wahr ihr seinen Namen unter Fremden nicht nennen könnt, ohne daß euch Tränen in die Augen treten, erhebt euch, Kavaliere, rettet Ekebys Ehre!
Nun ja, wenn auch in Ekeby die Hammer geruht haben, so ist doch wohl in den sechs anderen Eisenwerken, die uns gehören, gearbeitet worden. Dort gibt es sicher mehr Eisen als wir gebrauchen!
Und dann zieht Gösta Berling aus, um mit den Verwaltern auf den sechs anderen Höfen zu reden.
Auf Högfors, das am Björkseebach, dicht bei Ekeby liegt, meint er, wird es sich nicht verlohnen zu fragen. Das liegt zu nahe bei Ekeby und hatte zu unmittelbar unter dem Einfluß der Kavaliere gestanden. Aber er fuhr ein paar Meilen weiter nordwärts, bis er nach Lätafors kam. Das war ein hübscher Ort, das ließ sich nicht leugnen! Der obere Teil des Löfsees breitete sich an der einen Seite aus, und dahinter lag der Gurlittafelsen mit seinem spitzen Gipfel und seinem wildromantischen Aussehen, das so gut für einen alten Berg paßt. Aber die Schmiede, die ist nicht so, wie sie sein soll: das Treibrad ist zerbrochen und ist es das ganze letzte Jahr hindurch gewesen.
»Weshalb ist es denn aber nicht in Ordnung gebracht?«
»Der Tischler, der einzige Tischler hier in der ganzen Gegend, der es wieder heil machen kann, ist anderwärts beschäftigt gewesen. Wir haben nicht ein einziges Schiffspfund Eisen schmieden können.«
»Aber weshalb habt ihr denn nicht zum Tischler geschickt?«
»Zum Tischler geschickt! Als ob wir nicht jeden Tag zu ihm geschickt hätten! Aber er konnte ja niemals kommen. Er hat genug zu tun gehabt, um alle die Lauben und Kegelbahnen auf Ekeby fertig zu schaffen.«
Da wird es Gösta plötzlich klar, wie es ihm auf dieser Reise ergehen wird.
Er zieht weiter aufwärts nach Björnidet. Auch das ist ein herrlicher Ort mit einer Lage, die sich für ein Schloß eignen könnte. Das große Wohnhaus schaut über ein halbkreisförmiges Tal hinweg, auf drei Seiten umgeben von mächtigen Höhen, und auf der vierten von dem Löfsee begrenzt. Und Gösta weiß, daß es keinen besseren Ort für Mondscheinwanderungen und Schwärmen gibt, als den Pfad an den Elfufern entlang, vorbei an dem Wasserfall und hinab bis zur Schmiede, die ihren Platz in Gewölben hat, die in die Bergwand selbst hineingesprengt sind. Aber Eisen, ist dort Eisen?
Nein, natürlich nicht. Sie hatten ja keine Kohlen gehabt, und aus Ekeby hatten sie weder Geld bekommen können, um den Köhler zu bezahlen, noch Leute, um die Kohlen zu fahren. Den ganzen Winter hindurch hatte das Werk stillgestanden.
Und dann stürzt Gösta weiter, gen Süden. Er kommt nach Hån am östlichen Ufer des Sees und nach Löfstafors tief drinnen im Walde und nach Elgfors – aber auch dort ergeht es ihm nicht besser. Nirgends haben sie Eisen, und überall scheint es die Schuld der Kavaliere zu sein, daß es sich so verhält.
Schließlich kommt er nach Elgfors, einem kleinen Eisenwerk, tief drinnen zwischen den östlichen Hügeln, einem von diesen lieblichen Orten, die immer eine lockende Macht über die Menschen besessen haben. Dort gibt es prächtige Jagd in den Wäldern und reiche Fischerei im See. Da sind Landzungen mit Birkenwäldern, auf denen man wohl in stillen Grübeleien verweilen möchte, solange der Tag währt. Und dort herrscht eine solche Stille und ein solcher Friede, daß man nicht mehr der bekümmerten und unruhigen Welt anzugehören meint.
Aber die Mächte des Friedens, die dort herrschen, haben es immer so eingerichtet, daß der Weg dahinauf unfahrbar oder doch fast unfahrbar ist. Das sollte Gösta Berling spüren, als er und Don Juan endlich nach dem Eisenwerk hinaufgelangten.
Auf Elgfors war Gustav Bendix Verwalter. Er legt sein langes Gesicht in die ernsthaftesten Falten, als er den Zweck von Göstas Kommen erfährt.
»Sie haben wohl nichts auf den andern Werken?« fragt er.
»Nein, gar nichts!«
»Die Schurken!« ruft er aus. »Mit solchen Geschichten zu kommen. Willst du wohl glauben, daß ich ihren Eisenkarren diesen Winter hier im Walde begegnet bin? Glaub mir, Gösta, sie haben ihr Eisen schon in Göteborg.«
Da faßte Gösta Hoffnung. Er hatte sich nicht viel von Gustav Bendix versprochen, aber nun fängt er an zu glauben, daß hier Eisen ist.
Gustav Bendix nimmt ihn bei der Hand und führt ihn auf das Kontor.
»Nun will ich dir etwas Wunderbares zeigen, lieber Bruder«, sagt der alte Spaßmacher und nimmt ein paar kleine Stahlfeilen aus der Schublade.
»Kannst du wohl raten, wo ich sie gefunden habe?« Und dabei sieht er ihm mit schrecklichem Ernst ins Gesicht.
Nein, das kann Gösta nicht erraten.
»Siehst du, hier!« Und er nimmt eine große tote Ratte aus derselben Schublade, und dann zeigt er Gösta, daß die Ratte keine gewöhnlichen Vorderzähne im Maul gehabt hat, sondern ein paar Stahlfeilen.
»Was sagst du dazu, lieber Bruder?« fährt Gustav Bendix fort. »Sieh, das finde ich unrecht vom lieben Gott. Eine solche Ratte kann ja Eisen fressen. Das tun diese kleinen Teufel. All unser Stangeneisen haben sie aufgefressen. Auch nicht ein Schiffspfund ist übriggeblieben. Als ich gestern in den Speicher komme, ist die ganze Bescherung weg, der Speicher ist wie reingefegt. Es war nichts weiter übrig als ein paar Späne und eine tote Ratte; aber die beiden Feilen saßen in ihrem Maul, und da begriff ich ja, wie das Ganze zugegangen war. Willst du die Feilen haben? Sie sind doch recht interessant.«
Und da wendet er sich mit seinem bekümmerten Gesicht nach Gösta Berling um, der auf einen Kontorstuhl niedersinkt und nahe daran ist, vor Lachen umzukommen, obwohl es ja nicht das erstemal ist, daß er hört, daß die Ratten auf den Eisenwerken das Eisen auffressen.
So kehrt Gösta nach Ekeby heim, und die Kavaliere betrachten mit finsteren Mienen die paar Zentner, die sich auf Lager befinden, und sie beugen die Häupter voller Trauer und Scham, denn sie hören, wie die ganze Natur über Ekeby hohnlacht, und glauben zu vernehmen, wie die Erde vor Schluchzen erbebt, wie das Gras und die Blumen klagen, daß es aus ist mit der Ehre von Ekeby.
Aber wozu so viele Worte und so viel Verwundern? Da ist ja das Eisen aus Ekeby!
Da ist es, am Ufer des Klarelfs auf Prähme verladen, bereit, den Fluß hinabzusegeln, fertig, in Karlstad auf der Wage gewogen und auf einer Wenernschute nach Göteborg gefahren zu werden. So ist denn die Ehre von Ekeby gerettet!
Aber wie ist das nur möglich? In Ekeby waren ja nur einige Zentner Eisen, und auf den sechs andern Höfen war nichts zu finden gewesen. Wie ist es möglich, daß schwerbeladene Prähme jetzt eine unerhörte Menge Eisen nach der Wage in Karlstad führen können? Ja, danach muß man die Kavaliere fragen.
Die Kavaliere sind selbst an Bord der schweren, häßlichen Fahrzeuge; sie wollen das Eisen selbst von Ekeby nach Göteborg bringen. Kein gewöhnlicher Fährknecht darf das Eisen begleiten. Mit Flaschen und Proviantkörben, mit Waldhorn und Violinen, mit Flinten und Angelschnüren und Spielkarten sind die Kavaliere an Bord gegangen. Sie wollen alles für ihr liebes Eisen tun und es nicht verlassen, ehe es auf dem Quai in Göteborg ausgeschifft ist. Sie wollen selbst löschen und ausladen, wollen Segel und Ruder hantieren. Sie sind ganz dazu angetan, eine solche Aufgabe zu lösen. Gibt es wohl eine Sandbank im Strom, eine Klippe im Wenersee, die sie nicht kennen? Handhaben sie nicht das Steuer und die Segelleinen genau so gewandt wie Violine und Zügel?
Keiner von den Kavalieren ist daheimgeblieben. Onkel Eberhard hat sein Schreibpult verlassen, und Vetter Kristoffer ist aus der Ofenecke hervorgekrochen. Selbst der sanfte Löwenberg ist mit dabei. Niemand kann sich zurückhalten, wo es die Ehre von Ekeby gilt.
Aber es ist nicht gut für Löwenberg, den Klarelf zu sehen; seit siebenunddreißig Jahren hat er ihn nicht gesehen, und ebensolange ist es her, seit er zuletzt in einem Boot gewesen ist. Er haßt die blanken Flächen der Seen und die grauen Flüsse. Er muß an gar zu traurige Dinge denken, wenn er auf das Wasser kommt, und deswegen vermeidet er es; heute aber hat er sich nicht zu Hause halten können. Auch er muß mit dabei sein, wo es sich darum handelt, die Ehre von Ekeby zu retten. Vor siebenunddreißig Jahren hatte Löwenberg seine Braut im Klarelf ertrinken sehen, und seit jener Zeit war sein armer Kopf oft verwirrt gewesen.
Aber wie er so dasteht und in den Strom hinabsieht, wird sein armes Gehirn mehr und mehr umnebelt. Der graue Strom, der mit vielen kleinen, glitzernden Wellen dahinfließt, ist eine große Schlange mit silbernen Schuppen, die daliegt und auf Raub lauert. Die hohen, gelben Sandufer mit spärlichen Grasbüscheln, durch die sich der Fluß sein Bett gebohrt hat, sind die Wände einer Fallgrube, auf deren Boden die Schlange lauert, und die breite Landstraße, die ein Loch in die Wand bricht und sich durch tiefen Sand bis an die Fähre hinabschlängelt, neben der die Prähme vertäuet liegen, ist der Eingang zu der fürchterlichen Mordgrube.
Und der kleine Mann steht da und starrt mit seinen kleinen blauen Augen. Sein langes weißes Haar flattert im Winde, und seine Wangen, die gewöhnlich ein zarter Rosenschimmer färbt, sind ganz bleich vor Angst. Er weiß so gewiß, als habe es ihm jemand gesagt, daß bald jemand dort vom Wege herkommen und sich in den Rachen der lauernden Schlange stürzen wird.
Jetzt sind die Kavaliere bereit, vom Ufer abzustoßen. Sie greifen zu den langen Stangen, um die Prähme in den Strom hineinzuschieben, da aber ruft Löwenberg: »Haltet! Um Gottes willen, haltet!«
Sie begreifen, daß er anfängt verwirrt zu werden, weil er fühlt, wie der Prahm schaukelt, lassen aber doch unwillkürlich die Stangen sinken, und er, der sieht, wie der Strom auf Raub lauert, und daß notwendigerweise jemand kommen und sich hineinstürzen muß, zeigt mit einer warnenden Bewegung auf die Landstraße, ganz als sähe er jemand kommen.
Wir wissen ja alle, daß das Leben oft so ein Zusammentreffen herbeiführt wie das, was nun folgte. Wer sich noch wundern kann, mag darüber staunen, daß die Kavaliere gerade an dem Morgen, der auf die Nacht folgte, in der sich die Gräfin Elisabeth auf die Wanderung gen Osten begeben hat, mit ihren Prähmen an der Fähre liegen müssen, die über den Klarelf führt. Aber es würde doch noch weit wunderlicher gewesen sein, wenn die junge Frau keine Hilfe in ihrer Not gefunden hätte. Es traf sich nun gerade so, daß sie, die die ganze Nacht gewandert war, eben in dem Augenblick an die Fähre kam, als die Kavaliere im Begriff waren, vom Ufer abzustoßen. Sie blieben regungslos stehen und sahen ihr zu, während sie mit dem Fährknecht sprach, der sein Boot flottmachte. Sie trug Bauernkleidung, und sie ahnten nicht, wer sie war. Aber sie starrten doch zu ihr hinüber, weil sie ihnen so bekannt vorkam. Wie sie nun dort stand und mit dem Fährknecht sprach, ward eine Staubwolke auf der Landstraße sichtbar, und aus der Staubwolke heraus kam eine große gelbe Kalesche. Sie wußte sofort, daß sie aus Borg kam, und daß sie ausgefahren waren, um sie zu suchen, und daß sie nun entdeckt werden würde. Sie konnte nicht mehr daran denken, im Fährboot zu entkommen, und das einzige Versteck, das sie erblickte, waren die Prähme der Kavaliere. Sie stürzte darauf zu, ohne zu sehen, wer sich an Bord befand. Und es war gut, daß sie es nicht sah, denn dann hätte sie sich wohl lieber unter die Pferdehufe geworfen, als ihre Zuflucht zu ihnen genommen.
Als sie an Bord gekommen war, schrie sie nur: »Verbergt mich! Verbergt mich!« Und dann strauchelte sie und fiel über die Eisenladung. Die Kavaliere aber baten sie, ruhig zu sein. Sie stießen schnell vom Ufer ab, damit der Prahm in den Strom hinaus kam und nach Karlstadt zu trieb. Gerade in dem Augenblick langte die Kalesche an der Fähre an.
In dem Wagen saßen Graf Henrik und Gräfin Märta. Jetzt lief der Graf zu dem Fährknecht, um zu fragen, ob er die Gräfin gesehen habe. Da Graf Henrik aber verlegen war und nicht nach einer fortgelaufenen Gattin fragen mochte, sagte er nur: »Es ist etwas verschwunden!«
»So?« sagte der Fährknecht.
»Es ist etwas verschwunden. Ich frage, ob Er etwas gesehen hat?«
»Wonach fragt Ihr?«
»Ja, das ist einerlei! Aber es ist etwas verschwunden. Ich frage nur, ob Er heute jemand über den Strom gesetzt hat?«
Auf die Weise bekam er natürlich nichts zu wissen, und die Gräfin Märta mußte selbst mit dem Burschen sprechen. Eine Minute später wußte sie, daß die Vermißte sich an Bord einer der langsam dahingleitenden Prähme befand.
»Was für Leute sind da auf den Prähmen?«
»Ach, das sind ja die Kavaliere, wie wir sie nennen.«
»Ach!« sagt die Gräfin. »Ja, dann ist deine Frau gut aufgehoben, Henrik! Dann können wir ja ebensogern gleich umwenden.«
Draußen auf dem Prahm herrschte gerade keine so große Freude, wie die Gräfin Märta geglaubt hatte. Solange die gelbe Kalesche sichtbar war, saß die eingeschüchterte junge Frau zusammengekauert auf der Schiffslast, ohne sich zu rühren oder ein Wort zu sagen. Sie starrte nur ins Wasser hinab.
Wahrscheinlich erkannte sie die Kavaliere erst, als sie die gelbe Kalesche umwenden sah. Sie sprang auf. Es war, als wolle sie von neuem fliehen, sie wurde aber von dem Zunächststehenden angehalten und sank dann mit leisen Klagen wieder auf die Last nieder.
Und die Kavaliere wagten nicht, mit ihr zu reden oder ihr Fragen zu stellen. Sie sah aus, als stehe sie am Rande des Wahnsinns.
Da begann das Gefühl der Verantwortung die sorglosen Köpfe zu belasten. Schon allein dies Eisen war eine schwere Bürde für ungewohnte Schultern, und jetzt sollten sie noch obendrein die Sorge für eine junge Dame von edler Geburt übernehmen, die ihrem Gatten entflohen war.
Als sie dieser jungen Frau auf den Festen des Winters begegnet waren, hatte der eine und der andere von ihnen an eine junge Schwester denken müssen, die er einstmals geliebt hatte. Wenn er im Spiel mit ihr seine Kräfte erprobte, hatte er sie behutsam anfassen müssen, und wenn er mit ihr sprach, hatte er acht auf sich geben müssen, um nicht häßliche Worte zu gebrauchen. Hatte ein fremder Knabe im Spiel zu wild hinter ihr dreingejagt oder ihr gar häßliche Lieder vorgesungen, so hatte er sich in grenzenloser Erbitterung über den Knaben geworfen und ihm fast das Leben aus dem Leibe geprügelt, denn seine kleine Schwester sollte nichts Böses hören, sollte kein Leid erfahren, sollte weder mit Haß noch mit Feindseligkeit in Berührung kommen.
Gräfin Elisabeth war die fröhliche Schwester aller Kavaliere gewesen. Wenn sie ihre kleinen Hände in ihre harten Fäuste gelegt hatte, war es, als wolle sie sagen: »Fühlt, wie gebrechlich ich bin, aber du bist mein großer Bruder und du sollst mich gegen andere und gegen dich selber beschützen.« Und sie waren ritterliche Herren gewesen, solange sie sie gesehen hatten.
Jetzt sahen die Kavaliere sie mit Entsetzen und erkannten sie nicht wieder. Sie war vergrämt und abgemagert, der Hals hatte seine Rundung verloren, das Gesicht war durchsichtig geworden. Sie hatte sich wohl auf ihrer nächtlichen Wanderung gestoßen, denn von Zeit zu Zeit perlte ein Blutstropfen aus einer kleinen Wunde in der Schläfe, und das lockige, blonde Haar, das ihr in die Stirn hing, war von geronnenem Blut zusammengeklebt. Ihr Kleid war schmutzig von der langen Wanderung auf taufeuchten Wegen, und ihre Schuhe waren übel zugerichtet. Die Kavaliere hatten ein unheimliches Gefühl, daß dies eine Fremde sei. Die Gräfin Elisabeth, die sie gekannt, hatte nicht so wilde, brennende Augen gehabt. Ihre arme kleine Schwester war fast bis zum Wahnsinn getrieben. Es war, als kämpfe eine Seele, die aus einer andern Welt herabgestiegen war, um die Herrschaft in diesem abgezehrten Körper.
Aber sie brauchen sich keine Sorgen darüber zu machen, was sie mit ihr anfangen sollen. Die alten Gedanken erwachen bei ihr. Die Versuchung hat sich ihrer wieder bemächtigt. Gott will sie wieder versuchen. Siehe, sie ist unter Freunden. Hat sie die Absicht, den Weg der Buße zu verlassen?
Sie sprang auf und rief, daß sie fortmüsse.
Die Kavaliere versuchten sie zu beruhigen. Sie sagten ihr, sie könne ganz ruhig sein. Sie wollten sie schon gegen jegliche Verfolgung beschützen.
Sie bat nur, ob sie nicht in das kleine Boot steigen dürfe, das hinten an den Prähmen angebunden war, um ans Land zu rudern und ihre Wanderung allein fortzusetzen.
Aber sie konnten sie ja nicht gehen lassen. Was sollte nur aus ihr werden? Es war besser, wenn sie bei ihnen blieb. Wohl waren sie nur arme, alte Männer, aber sie würden schon Mittel und Wege finden, ihr zu helfen.
Da rang sie ihre Hände und bat, sie möchten sie gehen lassen. Aber sie konnten ihre Bitte nicht erfüllen. Sie sahen, daß sie elend und schwach war, daß sie auf der Landstraße sterben würde.
Gösta Berling stand eine Strecke von ihr entfernt und schaute ins Wasser hinab. Vielleicht würde die junge Frau ihn nicht gern sehen. Er wußte es nicht, aber seine Gedanken spielten und lachten. »Jetzt weiß niemand, wo sie ist,« dachte er, »jetzt können wir sie mit nach Ekeby nehmen. Wir wollen sie dort verborgen halten, wir Kavaliere, und wir wollen schon gut gegen sie sein. Sie soll unsere Königin, unsere Herrscherin sein, niemand aber soll wissen, daß sie dort ist. Wir wollen sie so gut, so gut bewachen! Vielleicht kann sie glücklich unter uns werden; alle die Alten werden eine väterliche Fürsorge für sie empfinden wie für eine Tochter. Sie wird uns zu Menschen machen, wir werden Mandelmilch trinken und Französisch sprechen. Und wenn unser Jahr um ist, was dann? Kommt Zeit, kommt Rat!«
Er hatte nie gewagt, es sich selber klarzumachen, ob er sie liebte. Er konnte sie nicht ohne Sünde besitzen, und er wollte sie nicht zu etwas Niedrigem oder Schlechtem herabziehen, das war alles, was er wußte. Aber sie auf Ekeby zu verbergen und gut gegen sie sein zu dürfen, jetzt, wo die andern schlecht gewesen waren, sie alles genießen zu lassen, was das Leben an Gutem besitzt, ach, welche Träume, welche seligen Träume!
Aber er erwachte aus diesen Träumen, denn die junge Gräfin war ganz verzagt, und ihre Worte hatten den schneidenden Klang der Verzweiflung. Sie hatte sich mitten zwischen den Kavalieren auf die Knie geworfen und flehte sie an, ihr fortzuhelfen.
»Gott hat mir noch nicht vergeben,« rief sie, »laßt mich gehen!«
Gösta sah, daß keiner der andern imstande war, ihr zu gehorchen, er sah ein, daß er es tun müsse. Er, der sie liebte, mußte es tun.
Es war so schwer für ihn zu gehen, als wenn jedes Glied an seinem Körper Widerstand gegen seinen Willen leiste, aber er schleppte sich bis zu ihr hin und sagte ihr, daß er sie ans Ufer bringen wolle.
Sie stand sofort auf. Er trug sie ins Boot hinab und ruderte sie an das östliche Ufer. Er landete an einem schmalen Steg und half ihr aus dem Boot.
»Was soll jetzt aus Ihnen werden, Frau Gräfin?« sagte er.
Sie erhob ernsthaft die Finger und zeigte gen Himmel.
»Wenn Frau Gräfin in Not geraten sollten ...« Er konnte nicht sprechen. Die Stimme versagte ihm, aber sie verstand ihn.
»Ich werde Sie es wissen lassen, wenn ich Ihrer bedarf.«
»Ich möchte Sie so gern vor allem Bösen beschirmen«, sagte er.
Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied, und er war nicht imstande, mehr zu sagen. Kalt und schlaff lag ihre Hand in der seinen.
Die Gräfin hatte nur Sinn für diese inneren Stimmen, die sie zwangen, unter fremde Menschen zu gehen. Sie wußte wohl kaum, daß der Mann, den sie jetzt verließ, gerade derjenige war, den sie liebte.
Dann ließ er sie gehen und ruderte wieder zu den Kavalieren zurück. Als er auf den Prahm zurückkam, zitterte er vor Müdigkeit und sah ganz erschöpft und kraftlos aus. Es schien ihm, daß er soeben die schwerste Arbeit seines ganzen Lebens vollbracht hatte.
Noch einige Tage hielt er den Mut aufrecht, bis Ekebys Ehre gerettet war. Er brachte das Eisen auf die Wage nach dem Kannikenäs, dann war es für lange Zeit vorbei mit seinen Kräften und seinem Lebensmut.
Die Kavaliere bemerkten die Veränderung nicht, solange sie sich an Bord befanden. Er spannte jeden Nerv an und hielt die Munterkeit und die Sorglosigkeit aufrecht, um Ekebys Ehre zu retten. Wie hätte ihnen auch das Wagnis gelingen sollen, wenn sie mit bekümmerten Gesichtern und mutlosen Herzen darangegangen wären?
Wenn es wirklich wahr ist, was das Gerücht erzählt, daß die Kavaliere mehr Sand als Eisen auf den Prähmen hatten, wenn es wahr ist, daß sie unablässig dieselben Stangen zu und von der Wage trugen, bis die vielen hundert Zentner gewogen waren – wenn es wahr ist, daß dies alles vor sich gehen konnte, weil der Wagemeister und seine Leute so gut aus den Proviantkörben und Flaschen traktiert wurden, die die Kavaliere aus Ekeby mitgebracht hatten – so kann man sehr wohl verstehen, daß es auf den Eisenprähmen munter hergehen mußte.
Wer kann das alles jetzt wissen? Aber wenn das wirklich der Fall war, so ist es ganz sicher, daß Gösta Berling keine Zeit hatte zu trauern. Doch fühlte er nichts von der Freude des Abenteuers und der Gefahr. Sobald er frei war, brach er verzweifelt zusammen.
»O Ekeby! du Land meiner Sehnsucht!« rief er sich selber zu, »möge deine Ehre strahlen.«
Sobald die Kavaliere die Quittung von dem Wagemeister erhalten hatten, beluden sie eine Wenernschute mit ihrem Eisen. Gewöhnlich führten Schiffer vom Fach das Eisen nach Göteborg, und die Verkäufer aus Wermland bekümmerten sich in der Regel nicht mehr um ihre Ware, sobald sie die Quittung des Wagemeisters erhalten hatten, die die richtige Ablieferung bestätigte. Aber die Kavaliere wollten ihre Sache nicht halb machen; sie wollten das Eisen bis nach Göteborg bringen.
Auf dem Wege dahin wurden sie von einem Unglück betroffen. In der Nacht brach ein Sturm los, die Schute trieb steuerlos umher, stieß auf ein Riff und versank mit der ganzen kostbaren Ladung. Waldhorn und Kartenspiele und alle die leeren Flaschen ertranken. Aber wenn man die Sache bei Licht besah, was machte es da, daß das Eisen verloren war? Ekebys Ehre war doch gerettet. Das Eisen war auf der Wage am Kannikenäs gewogen. Und selbst wenn der Major sich hinsetzen und an die Kaufleute in Göteborg schreiben mußte, daß, sintemal sie sein Eisen nicht bekommen hätten, er auch ihr Geld nicht haben wollte – so machte das doch nicht viel aus. Ekeby war so reich, und seine Ehre war gerettet.
Aber wenn nun Häfen und Schleusen und Gruben und Meiler und Schuten und Prähme anfangen, wunderliche Dinge zu flüstern? Wenn es wie ein dumpfes Sausen durch die Wälder geht, daß die ganze Fahrt ein Betrug war, wenn man in ganz Wermland behauptet, daß nur ein paar elende Zentner die ganze Schiffsladung ausgemacht hatten, daß der Schiffbruch mit Vorbedacht in Szene gesetzt sei? – Da ist eine kühne Tat vollführt worden, ein echter Kavalierstreich. So etwas schadet der Ehre des Gutes nicht!
Aber das ist nun schon so lange her. Es mag ja gern sein, daß die Kavaliere anderwärts Eisen gekauft, oder daß sie etwas auf den Speichern gefunden haben, wovon sie vorher nichts wußten. In solchen Dingen kommt man der Wahrheit niemals auf den Grund. Der Wagemeister wollte jedenfalls nichts davon hören, daß ein Betrug möglich sei, und er mußte es ja wissen.
Als die Kavaliere nach Hause kamen, erfuhren sie eine große Neuigkeit: Graf Dohnas Ehe sollte aufgelöst werden. Der Graf hatte seinen Haushofmeister nach Italien gesandt, um Beweise zu sammeln, daß die Ehe nicht rechtmäßig gewesen sei. Dieser kehrte auch im Sommer mit hinreichenden Aufklärungen zurück. Worin diese bestanden, weiß ich nicht so genau zu sagen. Man muß behutsam mit den alten Sagen umgehen, sie sind wie halbverwelkte Rosen; sie verlieren leicht die Blätter, wenn man sie zu fest anfaßt. Die Leute behaupten, die Eheschließung in Italien sei nicht von einem richtigen Pfarrer ausgeführt. Ich weiß es nicht; eins aber steht fest: das Gericht in Bro erklärte, daß die Ehe des Grafen Dohna mit Elisabeth von Thurn niemals bestanden habe.
Davon wußte die junge Frau jedoch nichts. Sie lebte unter Bauern in einer weit entlegenen Gegend – wenn sie überhaupt noch lebte.
Unter den Kavalieren war einer, den ich oft als großen Musiker erwähnt habe. Er war ein hochgewachsener, grobknochiger Mann mit gewaltigem Kopf und schwarzem, buschigem Haar. Er war um diese Zeit sicher nicht mehr als vierzig Jahre, aber er hatte ein grobes Gesicht und ein gemessenes Wesen. Das machte, daß ihn viele für alt hielten. Er war ein guter Mann, aber schwermütig.
Eines Nachmittags nahm er seine Violine unter den Arm und verließ Ekeby. Er sagte niemand Lebewohl, und doch war es seine Absicht, nie wiederzukommen. Ihm ekelte vor dem Leben dort, seit er Gräfin Elisabeth in ihrem Unglück gesehen hatte. Er ging, ohne auszuruhen, den ganzen Abend und die ganze Nacht, bis er früh am Morgen um Sonnenaufgang an ein kleines Gehöft namens Löfdala kam, das ihm gehörte.
Es war so früh, daß dort noch kein Mensch wach war. Liliencrona setzte sich auf die grüne Wippe vor dem Hauptgebäude und betrachtete sein Eigentum. Großer Gott, ein schöneres Heim gab es doch nicht auf Gottes Erdboden. Der Rasen vor dem Hause war mit feinem, hellgrünem Gras bedeckt. Einen ähnlichen Rasen gab es nicht mehr. Die Schafe durften darauf grasen, und die Kinder tummelten sich dort mit ihrem Spielzeug, er hielt sich aber immer gleich dicht und grün. Er wurde niemals gemäht, aber mindestens einmal in der Woche ließ die Hausfrau alle Zweige, alles Stroh und alle welken Blätter von dem frischen Gras fegen. Er beschaute den Kiesweg vor dem Hause und zog plötzlich die Füße zurück. Die Kinder hatten ihn spät am Abend hübsch bunt geharkt, und seine großen Füße hatten in der feinen Arbeit eine wahre Zerstörung angerichtet. Wie doch auf diesem Fleck alles wuchs! Die sechs Ebereschen, die den Hofplatz bewachten, waren so hoch wie Buchen und hatten so breite Kronen wie Eichen. Solche Bäume hatte man sicher nie zuvor gesehen. Prächtig waren sie mit den dicken, von gelben Flechten überwucherten Stämmen und mit den großen weißen Blütentrauben, die aus dem dunklen Laub hervorragten. Er mußte an den Himmel und seine Sterne denken. Es war wirklich wunderbar, wie die Bäume dort wuchsen. Da stand eine alte Weide, so dick, daß zwei Männer sie nicht zu umspannen vermochten. Sie war jetzt hohl und geborsten, und der Blitz hatte ihr die Krone geraubt, aber sie wollte nicht sterben. Jeden Frühling sproßten frische grüne Büschel aus dem geknickten Hauptstamm auf, um zu zeigen, daß sie lebte.
Der Faulbaum an dem östlichen Giebel des Hauses war so groß geworden, daß er das ganze Haus überschattete. Das ganze mit Grassoden belegte Dach war weiß von den herabfallenden Blütenblättern, denn der Faulbaum hatte ausgeblüht. Und die Birken, die in kleinen Gruppen hier und da auf dem Felde wuchsen, für die war sein Gehöft sicher ein Paradies. Sie wuchsen dort auf so viele verschiedene Weisen, als hätten sie es sich vorgenommen, allen andern Bäumen nachzuäffen. Eine ähnelte einer Linde, dicht und blätterreich, mit einer großen Krone, eine andere stand schlank und pyramidenförmig da wie eine Pappel, wieder eine andere ließ die Zweige hängen wie eine Trauerweide. Nicht zwei waren sich gleich, aber schön waren sie alle.
Und dann erhob er sich und ging rund um das Haus herum. Dort lag der Garten so wunderbar schön, daß er stillstehen und tief aufatmen mußte. Die Apfelbäume blühten. Ja, das wußte er; das hatte er auch auf anderen Gütern gesehen. Es war nur der Unterschied, daß sie nirgends so blühten wie auf seinem Gut, wo er sie hatte blühen sehen, seit er ein kleiner Knabe war. Er ging mit gefalteten Händen und vorsichtigen Schritten die Kieswege auf und nieder.
Die Erde war weiß, und die Bäume waren weiß, hier und da mit einem blaßrosa Anflug. Etwas so Schönes hatte er nie zuvor gesehen. Er kannte jeden Baum, so wie man seine Geschwister und Spielkameraden kennt. Die Blüten der Winteräpfel waren ganz weiß, aber die Sommerapfelbäume blühten rosenrot, und die Paradiesäpfel hatten ganz rote Blüten. Am schönsten war der alte wilde Holzapfelbaum, dessen Früchte so bitter waren, daß niemand sie essen konnte. Der sparte nicht an Blumen, er glich einer großen Schneeschanze in der Morgensonne.
Bedenkt, daß es um die Morgenstunde war, ganz früh! Der Tau ließ die Blätter erglänzen, aller Staub war fortgespült. Über die waldbestandenen Hügel, an deren Fuß das Gehöft lag, kamen die ersten Sonnenstrahlen geschlichen. Es sah aus, als hätten sie die Tannenwipfel in Brand gesteckt. Über den frischen Kleewiesen, über den Roggen- und Gerstenfeldern und über den zarten Haferkeimen lag der leichteste Nebel, der zarteste Schönheitsschleier, und die Schatten fielen scharf wie im Mondenschein.
Und dann stand er stille und beschaute die großen Gemüsebeete zwischen den Gartenwegen. Er weiß, daß die Hausfrau diese Arbeit mit ihren Dienstmädchen verrichtet hat. Sie haben gegraben, geharkt, gejätet, gedüngt und die Erde bearbeitet, bis sie fein und leicht geworden ist. Wenn sie das Beet geglättet und die Kanten abgestochen haben, nehmen sie Schnüre und Pflöcke und grenzen Streifen und Vierecke ab. Dann haben sie die Gänge mit munteren Schritten zurechtgetreten und gesät und gepflanzt, bis alle Streifen und Vierecke voll waren. Und die Kinder sind mit dabeigewesen und waren eitel Freude und Eifer, weil sie helfen durften, obwohl es eine schwere Arbeit für sie gewesen ist, krumm zu stehen und die Arme über die breiten Beete zu strecken. Und unglaublich vielen Nutzen haben sie gestiftet, wie ein jeder begreifen wird.
Jetzt fangen die Pflanzen an zu sprossen.
Gott segne sie! Wie keck sie dastanden, die Erbsen wie die Bohnen mit ihren zwei dicken Keimblättern, und wie gerade und hübsch die gelben Wurzeln und die Rüben aufgelaufen sind! Am lustigsten waren die kleinen, krausen Petersilienblätter, die die Erddecke ein ganz klein wenig in die Höhe hoben und noch ein Weilchen Versteck mit dem Leben spielten.
Und hier war ein kleines Beet, wo die Streifen nicht so gerade liefen und wo die kleinen Vierecke aussahen wie eine Probekarte von allem, was gepflanzt und gesät werden konnte. Das war der Garten der Kinder.
Und Liliencrona preßte schnell die Violine gegen das Kinn und begann zu spielen. Die Vögel in dem großen Gebüsch, das den Garten gegen den Nordwind schützte, fingen an zu singen. Es war allen Wesen, die mit einer Stimme begabt waren, ganz unmöglich zu schweigen, so schön war der Morgen. Der Bogen ging ganz von selber.
Liliencrona ging im Garten auf und nieder und spielte. »Nein,« dachte er, »einen schöneren Fleck Erde gibt es nicht.« Was war Ekeby gegen Löfdala? Sein Heim war mit Grassoden gedeckt und war nur ein Stockwerk hoch. Es lag am Waldesrande, den Berg dicht hinter sich und das lange Tal vor sich. Es war nichts Bemerkenswertes dort: da war kein See, kein Wasserfall, da gab es keine Strandwiesen und Parks, aber schön war es doch. Es war schön, weil es ein gutes, friedliches Heim war. Das Leben war dort leicht zu leben. Alles, was anderwärts Bitterkeit und Haß erzeugt haben würde, wurde dort durch Milde ausgeglichen. So sollte es in jedem Hause sein.
Und drinnen im Hause liegt die Hausfrau und schläft in einem Zimmer, das nach dem Garten hinaus wendet. Sie erwacht plötzlich und lauscht, aber sie rührt sich nicht. Sie liegt lächelnd da und lauscht. Dann kommt die Musik näher und näher und schließlich ist es, als sei der Spielmann unter ihrem Fenster stehengeblieben. Es ist nicht das erstemal, daß sie Violinspiel unter ihrem Fenster gehört hat. Ihr Mann pflegt auf diese Weise zu kommen, wenn sie drüben in Ekeby einen ungewöhnlich wilden Streich ausgeführt haben.
Er steht dort und beichtet und bittet um Verzeihung. Er erzählt ihr von den bösen Mächten, die ihn von dem fortlocken, was er am heißesten liebt: von ihr und den Kindern. Aber er liebt sie! Ja, wahrlich, er liebt sie.
Während er spielt, steht sie auf und kleidet sich an, ohne eigentlich zu wissen, was sie tut. Sie ist so ganz von seinem Spiel erfüllt.
»Es ist nicht Luxus, nicht Wohlleben, das mich fortgelockt hat,« spielt er, »nicht Liebe zu andern Frauen, nicht Ehre, sondern die verlockende Vielfältigkeit des Lebens: seine Schönheit, seine Bitterkeit, seinen Reichtum muß ich um mich fühlen. Aber nun habe ich genug davon, jetzt bin ich satt und müde. Ich will mein Heim nicht mehr verlassen. Verzeih mir, hab Nachsicht mit mir!«
Da zieht sie die Gardine zur Seite und öffnet das Fenster, und er sieht ihr schönes, gutes Gesicht.
Sie ist gut und sie ist klug. Ihr Blick fällt segnend wie der Blick der Sonne auf alles, was ihr in den Weg kommt.
Sie lenkt und sie behütet. Wo sie ist, muß alles wachsen und gedeihen. Sie trägt das Glück in sich.
Er schwingt sich auf das Fensterbrett zu ihr und ist glücklich wie ein Liebender.
Dann hebt er sie hinab in den Garten und trägt sie unter die Apfelbäume. Dort erklärt er ihr, wie schön alles ist und zeigt ihr die Blumenbeete und die Pflanzungen der Kinder und die kleinen, lustigen Petersilienblätter.
Als die Kinder erwachen, entsteht ein Jubel und ein Entzücken über die Heimkehr des Vaters. Sie belegen ihn ganz mit Beschlag. Er muß all das Neue und Merkwürdige in Augenschein nehmen. Das kleine Mühlwerk, das sie sich am Bach gemacht haben, das Vogelnest im Weidenbaum und die jungen Karauschen im Teich, die zu Tausenden dicht unter dem Wasserspiegel schwimmen.
Und dann machen der Vater, die Mutter und alle Kinder einen langen Spaziergang durch die Felder. Er muß sehen, wie dicht der Roggen steht, wie der Klee wächst, wie die Kartoffeln anfangen, ihre krausen Blätter aus dem Boden zu stecken.
Er muß die Kühe sehen, die vom Felde heimkehren, muß die Neugeborenen in der Kälberkoppel und im Schafstall begrüßen, nach Eiern suchen und allen Pferden Zucker geben.
Die Kinder hängen den ganzen Tag an seinen Rockschößen. Keine Schule, keine Arbeiten – nur Umherstreifen mit dem Vater!
Am Abend spielt er ihnen Polkas vor, und den ganzen Tag ist er ihnen ein so guter Freund und Spielkamerad gewesen, daß sie mit dem Gebet entschlummern, der Vater möge doch stets bei ihnen bleiben.
Er bleibt auch ganze acht Tage und ist während der ganzen Zeit fröhlich wie ein Kind. Er ist in alles daheim verliebt, in seine Gattin, seine Kinder; er denkt gar nicht an Ekeby.
Aber dann kommt ein Morgen, an dem er fort ist. Er konnte es nicht länger ertragen – es war zu viel Glück für ihn. Ekeby war tausendmal geringer, aber Ekeby lag mitten in dem Wirbel der Begebenheiten!
Ach, wie viel war da, wovon er träumen, worüber er spielen konnte! Wie konnte er getrennt von den Taten der Kavaliere leben, getrennt von dem langen Löfsee, den die wilde Jagd des Märchens umbrauste?
Auf seinem Gut ging alles seinen ruhigen Gang. Alles wuchs und gedieh unter der Obhut der milden Hausfrau. Alle dort auf dem Hofe gingen in einem stillen Glück umher. Alles, was anderwärts Bitterkeit und Streit hervorgerufen hätte, ging hier ohne Klage und Schmerz. Alles war, wie es sein sollte. Wenn nun der Herr des Hauses sich einmal danach sehnte, als Kavalier auf Ekeby zu leben, was dann? Kann es vielleicht nützen, sich über die Sonne des Himmels zu beklagen, weil sie an jedem Abend im Westen verschwindet und die Erde im Finstern zurückläßt?
Was ist unbezwinglich außer der Unterwürfigkeit! Was ist siegesgewiß außer der Geduld!
Die Hexe vom Hochgebirge
Die Hexe vom Hochgebirge ist an die Ufer des Löfsees hinabgekommen. Man hat sie dort gehen sehen, klein, rundrückig, im Fellkittel und mit silberbeschlagenem Gürtel. Weshalb ist sie aus den Wolfshöhlen in die Behausungen der Menschen hinabgekommen? Was sucht die Alte aus den Bergen in den grünen Tälern?
Sie geht betteln! Sie ist auf Gaben erpicht trotz ihres Reichtums. In den Bergschluchten hat sie große, weiße Silberbarren versteckt, und auf saftigen Wiesen tief drinnen zwischen den Bergen grasen ihre großen Herden von schwarzen, goldgehörnten Kühen. Und doch geht sie in Holzschuhen und in einem fettigen Pelzwams, dessen bunte Kante eben noch zu erkennen ist, durch den Schmutz der Jahrhunderte. Sie stopft ihre Pfeife mit Moos und bettelt von den Ärmsten. Der Teufel mag einem solchen Weibe geben, das nie dankt, das nie genug bekommt!
Alt ist sie. Wie lange ist es her, seit der helle Glanz der Jugend über dem breiten Gesicht mit der braunen Haut gelegen, die vor Fett glänzt, über der flachen Nase und den schmalen Augen, die unter dem Schmutz leuchten wie glühende Kohlen unter grauer Asche? Wie lange ist es her, seit sie als kleines Mädchen auf dem Zaun vor der Sennhütte saß und mit den Tönen ihres langen Horns dem Hirtenknaben Antwort auf seine Liebesmelodien sandte? Mehrere hundert Jahre hat sie gelebt. Die Ältesten können sich der Zeit nicht entsinnen, da sie nicht durchs Land ging. Ihre Väter haben sie alt gesehen, als sie selber noch jung waren. Und sie ist noch nicht tot! Ich, die ich dies schreibe, habe sie selbst gesehen.
Mächtig ist sie, die Tochter der zauberkundigen Finnen; sie beugt sich vor niemand. Ihre breiten Füße hinterlassen keine ängstlichen Spuren auf dem Kies des Weges. Sie beschwört den Hagel herauf, sie lenkt den Blitzstrahl. Sie kann die Kühe irreleiten und die Wölfe auf die Schafe hetzen. Sie kann viel Böses tun, aber nur wenig Gutes. Es ist am besten, sich gut mit ihr zu stehen. Bettelt sie dir deine einzige Ziege ab, so gib sie ihr, sonst stürzt dein Pferd oder dein Haus brennt, sonst wird deine Kuh krank oder dein Kind stirbt, sonst bringt sie die sparsame Hausfrau um Sinn und Verstand.
Willkommen ist sie nie; und doch ist es am besten, sie mit lächelndem Munde zu empfangen. Wer weiß, um wessentwillen sie gekommen ist! Ihr Zweck besteht nicht allein darin, sich ihren Bettelsack füllen zu lassen. Böse Vorbedeutungen folgen ihr auf den Fersen; Füchse und Wölfe heulen unheimlich in der Dämmerstunde, und das ekelhafte rote und schwarze Gewürm, das Eiter speit, kommt aus den Wäldern und kriecht bis an die Türschwelle.
Stolz ist sie. Ihr Kopf umschließt der Väter mächtige Weisheit. So etwas erhebt den Sinn. Starke Runen sind in ihren Stab geritzt; sie verkauft ihn nicht um alles Gold des Tals. Zauberlieder kann sie singen, Zaubertränke kann sie brauen, sie kann Zauberschüsse über den See abfeuern und Sturmknoten schürzen.
Was denkt sie, die aus der Finsternis der Wälder, von dem gewaltigen Hochgebirge herabkommt, was denkt sie von den Leuten im Tal? Für sie, die an Thor glaubt, an den Riesentöter und die mächtigen Finnengötter, sind die Christen dasselbe, was zahme Hofhunde den Wölfen sind. Doch kommt sie häufig von den Bergen herab, um sich ihre Zwergsitten anzuschauen. Die Menschen schaudern vor Entsetzen, wenn sie sie sehen; aber die starke Tochter der Wildnis geht sicher zwischen ihnen dahin, sicher bei ihrem Entsetzen. Die Heldentaten ihres Stammes sind nicht vergessen, so wenig wie ihre eigenen. Wie die Katze sich auf ihre Krallen verläßt, so verläßt sie sich auf die Weisheit ihres Gehirns und auf die Kraft, die in den Zaubergesängen der Götter liegt. Kein König ist seiner Macht sicherer als sie des Schreckensreiches, über das sie herrscht.
So ist die Hexe durch viele Ortschaften gewandert. Jetzt ist sie nach Borg gekommen, und sie zaudert nicht, das Grafenschloß zu besuchen. Durch die Küche geht sie nur selten. Sie steigt geradeswegs die Terrassenstufen hinan, sie setzt ihren breiten Holzschuh auf die blumenumhegten Kieswege, so ruhig, als wandere sie den Sennpfad hinan.
Und es trifft sich gerade so, daß Gräfin Märta auf die Terrasse hinausgetreten ist, um sich an der Pracht des Junitages zu erfreuen. Auf dem Kiesgange unterhalb der Treppe sind gerade zwei Mädchen auf dem Wege zum Vorratshause stehengeblieben. Sie kommen aus der Räucherkammer, wo der Speck im Rauch hängt, und tragen die frischgeräucherten Schinken auf einer Stange zwischen sich. »Will die gnädige Frau Gräfin die Schinken einmal besehen und riechen, ob sie stark genug geräuchert sind?« fragt eins der Mädchen.
Gräfin Märta, die zurzeit Hausfrau in Borg ist, beugt sich über das Treppengeländer und betrachtet den Speck, aber im selben Augenblick legt die Finnin die Hand auf einen der Schinken.
Ei, seht doch diese braune, glänzende Schwarte, diese dicke Fettschicht! Dieser frische Duft von Wacholderzweigen, der dem Schinken entströmt! Das ist ein Festschmaus für Götter! Den muß die Hexe haben! Sie legt ihre Hand auf die Speckseiten.
Die Tochter der Berge kennt kein Bitten oder Betteln. Ist es nicht die Folge ihrer Gnade, daß die Kräuter wachsen, daß die Menschen leben? Frost und Unwetter und Hochflut – alles vermag sie zu senden. Deswegen geziemt es sich nicht für sie, zu bitten oder zu betteln. Sie legt ihre Hand auf das, was sie wünscht, und es gehört ihr.
Aber Gräfin Märta weiß nichts von der Macht der Alten. »Weg mit dir, du Bettelweib!« ruft sie.
»Gib mir den Schinken!« sagt die Wolfsreiterin aus dem Hochgebirge.
»Sie ist verrückt!« ruft die Gräfin und befiehlt den Mägden, mit ihrer Last ins Vorratshaus zu gehen.
Die Augen der Hundertjährigen flammen vor Zorn und Begierde. »Gib mir den braunen Schinken,« ruft sie, »oder es wird dir übel ergehen!«
»Lieber gebe ich ihn den Elstern als so einer wie dir!«
Da erbebt die Alte vor Zorn. Sie hebt ihren Stab mit den Runen in die Höhe und schwingt ihn wild. Ihre Lippen stoßen wunderliche Worte aus. Das Haar steht ihr zu Berge, die Augen sprühen Funken, ihr Antlitz verzerrt sich.
»Dich selbst sollen die Elstern fressen!« schreit sie schließlich.
Und dann geht sie, Flüche murmelnd und den Stab schwingend. Sie wendet ihre Schritte heimwärts; weiter nach Süden wandert sie nicht. Jetzt hat die Tochter der Wildnis den Zweck erfüllt, um dessentwillen sie aus den Bergen herabgestiegen ist.
Gräfin Märta bleibt auf der Gartentreppe stehen und lacht über ihr verrücktes Gebaren, aber das Lachen soll gar bald auf ihren Lippen verstummen. Denn da kommen sie! Sie kann ihren eigenen Augen nicht trauen. Sie glaubt, daß sie träumt, aber da kommen sie, die Elstern, die sie fressen sollen.
Aus Park und Garten kommen sie auf sie herabgesaust, Elstern zu Dutzenden mit ausgestreckten Klauen und gierigen Schnäbeln, bereit, auf sie einzuhauen. Sie kommen mit Lärmen und Schreien. Schwarze und weiße Flügel flimmern vor ihren Augen. Sie sieht wie im Schwindel hinter diesem Schwarm alle Elstern aus der ganzen Gegend heranfliegen, sieht den ganzen Himmel voll schwarzer und weißer Flügel. Die Metallfarben der Federn schimmern in der scharfen Mittagssonne. Die Schwanzfedern brausen wie bei kämpfenden Raubvögeln. In dichteren und dichteren Kreisen umfliegen die Ungetüme die Gräfin und zielen mit Schnabel und Krallen nach ihrem Gesicht. Sie muß auf die Diele fliehen und die Tür hinter sich schließen. Sie taumelt gegen die geschlossene Tür, atemlos vor Angst, während die schreienden Elstern draußen flattern und fliegen.
Damit war sie aber abgeschlossen von der lichten Schönheit des Sommers, von allen Freuden des Lebens. Für sie gab es hinfort nichts mehr als geschlossene Türen und herabgelassene Rouleaus, für sie gab es nur Verzweiflung, Angst, Verwirrung, die an Wahnsinn grenzte.
Auch diese Erzählung mag wie Wahnsinn erscheinen, aber wahr muß sie doch wohl sein. Es leben Hunderte von alten Leuten, die die Geschichte kennen und bezeugen wollen, daß die Sage so lautet.
Die Vögel ließen sich auf dem Geländer der Terrasse und auf dem Dache nieder. Sie saßen da, als warteten sie nur darauf, daß die Gräfin sich zeigen sollte, um sich über sie zu stürzen. Sie schlugen ihre Wohnung im Park auf und da blieben sie. Es war unmöglich, sie vom Hof zu verjagen. Schoß man auf sie, so ward es nur schlimmer, denn für jede, die fiel, kamen zehn neue geflogen. Zuweilen entfernten sich wohl große Scharen, um Futter zu schaffen, aber es blieben stets zuverlässige Schildwachen zurück. Wenn sich Gräfin Märta nur zeigte, wenn sie nur zu einem Fenster hinaussah oder die Gardine einen Augenblick zur Seite zog, wenn sie es nur versuchte, auf die Treppe hinauszugehen, gleich waren sie da. Der ganze fürchterliche Schwarm kam mit lärmendem Flügelschlag auf das Wohnhaus zugefahren, und die Gräfin mußte in ihr innerstes Zimmer fliehen.
Sie hielt sich im Schlafzimmer hinter dem roten Saal auf. Ich habe das Zimmer oft beschreiben hören, so wie es in dieser Schreckenszeit aussah, als Borg von Elstern belagert war. Schwere Vorhänge vor Türen und Fenstern, dicke Teppiche auf dem Fußboden, schleichende, flüsternde Menschen!
Im Herzen der Gräfin wohnte der leichenblasse Schrecken. Ihr Haar war ergraut. Ihre Haut war voller Runzeln. In einem Monat war sie eine alte Frau geworden. Sie konnte ihr Herz nicht stählen gegen diesen entsetzlichen Zauber. Laut schreiend fuhr sie aus ihren nächtlichen Träumen auf, in dem Wahn, daß die Elstern über sie herstürzten. Sie weinte den ganzen Tag über dies Schicksal, dem sie nicht entgehen konnte. Sie scheute die Menschen aus lauter Angst, daß der Vogelschwarm jedem Eintretenden auf den Fersen folgen würde, und saß gewöhnlich stumm da, die Hände vor dem Gesicht, sich in ihrem Lehnstuhl hin- und herwiegend, krank und verstimmt durch die eingeschlossene Luft, um dann plötzlich mit Schreien und Klagen aufzuspringen.
Keines Menschen Leben konnte härter sein. Wer wird die Ärmste nicht beklagen?
Ich habe jetzt nicht mehr viel von ihr zu erzählen, und das, was ich erzählt habe, ist nicht gut gewesen. Es ist mir fast, als schlüge mir das Gewissen. Sie war doch gutmütig und lebensfroh, als sie jung war, und viele ergötzliche Geschichten von ihr haben mein Herz erfreut, wenn sie hier auch keinen Platz gefunden haben.
Aber es geht so, obwohl diese Arme es nicht wußte, daß die Seele stets hungert. Von Tand und Spiel kann sie nicht leben. Bekommt sie keine andere Nahrung, so zerreißt sie gleich einem wilden Tier erst andere und dann sich selber.
Der Hochsommer war dazumal heiß wie jetzt, während ich dies schreibe. Die herrlichste Zeit des Jahres war gekommen.
Das war die Zeit, in der Sintram, der böse Gutsherr, auf Fors trauerte und litt. Er grollte über den Siegeszug des Lichtes während der Stunden des Tages und über die Niederlage der Dunkelheit, und er grämte sich über die Blätterpracht, in die die Bäume gekleidet waren, und über den bunten Teppich, der die Erde bedeckte.
Alles war in Schönheit gehüllt. Der Weg, so grau und steinig er auch war, erhielt doch einen Rand von Blumen; gelbe und violette Sommerblumen, Wicken und Löwenzahn.
Als die Kraft des Hochsommertages über den Bergen lag und die Glockentöne von der Broer Kirche durch die Luft bis nach Fors herabgetragen wurden, als der unsagbare Friede des stillen Tages über den Landen herrschte, da erhob er sich im Zorn, da meinte er, daß Gott und die Menschen sich erkühnten, zu vergessen, daß er existierte, und er beschloß, nun auch in die Kirche zu gehen. Alle, die über den Sommer jubelten, sollten ihn sehen, ihn, Sintram, der die Finsternis ohne Morgen, den Tag ohne Auferstehung, den Winter ohne Frühling liebte.
Er zog den Wolfspelz an und die Fausthandschuhe aus Pelz. Er ließ ein rotes Pferd vor einen Schlitten spannen und befestigte Schellen an dem blanken Geschirr mit den Schlangenköpfen. Ausgerüstet, als seien es dreißig Grad Kälte, zog er zur Kirche. Wenn es unter den Schlittenkufen knirschte, glaubte er, daß das von der Kälte käme. Er glaubte, daß der Schaum auf dem Pferderücken Reif sei. Er fühlte keine Wärme. Von ihm ging Kälte aus, wie Wärme von der Sonne ausstrahlt.
Er fuhr über die breite Ebene nördlich von der Broer Kirche. Große, helle Dörfer lagen auf seinem Wege und Felder mit singenden Lerchen darüber. Niemals habe ich die Lerchen so singen hören wie über diesen Feldern, und ich habe oft darüber nachgegrübelt, ob er sich auch taub machen konnte für diesen hundertstimmigen Sängerchor.
Auf seinem Wege kam er aber an vielem vorüber, was ihn geärgert haben würde, wenn er ihm einen Blick geschenkt hätte. Vor der Tür einer jeden Hütte würde er zwei sich neigende Birken gesehen haben, und durch die geöffneten Fenster würde er in Stuben geblickt haben, deren Wände mit grünen Zweigen geschmückt waren.
Das kleinste Bettelmädchen ging mit einem Fliederzweig in der Hand auf der Landstraße, und jede Bauernfrau hatte einen ganz kleinen Blumenstrauß in das Taschentuch hineingesteckt.
Maienbäume mit Blumen und grünen Kränzen standen auf den Höfen. Das Gras ringsumher war niedergetreten, denn der Tanz war in der Mittsommernacht lustig über sie dahingegangen.
Unten auf dem Löfsee wimmelte es von Holzflößen; kleine weiße Segel waren zur Ehre des Tages gehißt, obwohl kein Wind sich rührte; da war keine Mastspitze, die nicht einen grünen Kranz trug.
Auf allen den vielen Wegen, die nach Bro führten, kamen die Leute zur Kirche gewandert, namentlich die Frauen in zierlich geschmückten, hellen, selbstgewebten Sommerkleidern, die gerade für den heutigen Tag fertig geworden waren. Alle waren festlich gekleidet.
Und die Menschen konnten gar nicht fertig werden, sich über den Feiertagsfrieden und die Ruhe von der Alltagsarbeit zu freuen, über die liebliche Wärme, über die vielversprechende Ernte und die Erdbeeren, die am Wegrande sich zu röten begannen. Sie sprachen von der Stille der Luft, von dem wolkenlosen Himmel und dem Lerchengesang und sagten: »Ja, wahrlich, dies ist der Tag des Herrn!«
Da kam Sintram dahergefahren. Er fluchte und schwang die Peitsche über dem schweißtriefenden Pferde. Der Sand knirschte häßlich unter den Schlittenkufen, der scharfe Klang der Schellen übertönte den Laut der Kirchenglocken. Die Stirn lag in zornigen Falten unter der Pelzmütze.
Da stutzten die Kirchengäste und meinten, sie hätten den leibhaftigen Gottseibeiuns gesehen. Nicht einmal heute, an dem Festtage des Sommers selbst, durften sie die Kälte und die Bosheit vergessen. Es ist ein bitteres Los, auf Erden zu wandern.
Die Leute, die im Schatten der Kirchhofsmauer standen oder auf den Kirchhofsteinen saßen und darauf warteten, daß der Gottesdienst beginnen sollte, sahen mit stiller Verwunderung, wie er dort auf die Kirchentür zuschritt. Eben noch hatte der schöne Tag ihre Herzen mit Freude darüber erfüllt, daß es ihnen vergönnt war, auf Gottes grüner Erde zu wandern und die Schönheit des Daseins zu genießen. Jetzt, wo sie Sintram sahen, wurden sie von der Ahnung eines geheimnisvollen Unglücks ergriffen.
Als er durch die Schar ging, bemerkten sie mit abergläubischer Angst die Art und Weise, wie er grüßte. Froh war jeder, an dem er vorüberging, ohne ihn anzusehen, denn er grüßte nur diejenigen, die seiner Sache dienten. Vor dem Brobyer Pastor nahm er die Mütze tief ab, und vor Marianne Sinclaire und den Kavalieren lüftete er sie, aber für den Probst in Bro und für den Amtmann hatte er keinen Gruß.
Sintram trat in die Kirche, setzte sich in seinen Stuhl und warf die Fausthandschuhe auf die Bank, so daß man in der ganzen Kirche das Rasseln der Wolfsklauen hören konnte, die in das Fell eingenäht waren. Und einige von den Frauen, die sich in die vorderen Stühle gesetzt hatten, wurden ohnmächtig, als sie die zottige Gestalt sahen, und mußten hinausgetragen werden.
Aber niemand wagte Sintram hinauszujagen. Er störte die Andacht der Gemeinde, aber er war zu sehr gefürchtet, als daß jemand es gewagt hätte, ihm zu befehlen, daß er die Kirche verlassen solle.
Vergebens redete der alte Probst von dem lichten Fest des Sommers, niemand hörte ihm zu. Alle dachten nur an Bosheit und Kälte und an das geheimnisvolle Unglück, dessen Vorbote der böse Gutsherr war.
Als alles vorüber war, sah man den Bösen an den Abhang des Hügels treten, auf dem die Broer Kirche liegt. Er sah auf den Brobyer Strand nieder und folgte ihm mit den Augen, vorbei an den drei Landzungen des westlichen Ufers, bis in den Löfsee hinein. Und man sah ihn die Hand ballen und über den See und die grünen Ufer hinüberdrohen. Dann glitt sein Blick gen Süden, über den südlichen Löfsee hinab, bis zu den blauenden Landzungen, die den See abzuschließen schienen. Und meilenweit flog er gen Norden hinauf, vorbei an dem Gurlitaberge und bis Björnidet, wo der See endet. Er sah nach Westen und Osten, wo die Berge das Tal umkränzen, und er ballte die Hand von neuem. Und alle fühlten, daß, wenn er ein Bündel Blitze in der Rechten gehabt hätte, er sie in wilder Freude über die friedliche Landschaft geschleudert und Tod und Jammer verbreitet haben würde, so weit seine Macht reichte. Denn nun hatte er sein Herz so an das Böse gewöhnt, daß er an nichts Freude fand als am Elend. Er hatte sich allmählich selbst gelehrt, alles zu lieben, was häßlich und böse ist. Er war wahnsinniger als der unbändigste Tolle, aber das begriff niemand, hinterher machten wunderliche Gerüchte die Runde in der Umgegend. Man erzählte, daß, als der Küster kam, um die Kirche zu schließen, der Bart an dem Schlüssel abbrach, weil ein hart zusammengerolltes Papier in das Schloß hineingesteckt worden war. Er brachte es dem Propst. Es war, wie man wohl begreifen kann, ein Brief, der für ein Wesen in der anderen Welt bestimmt war.
Man flüsterte davon, was auf dem Papier zu lesen gestanden hatte. Der Propst hatte es verbrannt, aber der Küster hatte zugesehen, während der Teufelskram brannte. Die Buchstaben hatten hellrot auf schwarzem Grund geleuchtet. Er hatte nicht umhin können, es zu lesen. Er las, so erzählte man, daß der böse Mann das Land zerstören wolle, so weit, wie der Broer Kirchturm sichtbar war. Er wollte den Wald über die Kirche hinwegwachsen sehen. Er wollte Bär und Fuchs in den Wohnungen der Menschen hausen sehen. Die Felder sollten öde daliegen, und weder Hund noch Hahn sollte man mehr in diesen Gegenden hören. Der Böse wollte seinem Herrn dienen, indem er über jedermann Unglück brachte. Das hatte er gelobt.
Und die Menschen sahen der Zukunft in stummer Verzweiflung entgegen, denn sie wußten, daß die Macht des Bösen groß war, daß er alles Lebende haßte, daß er wünschte, die Wildnis sich über das Tal ausbreiten zu sehen, und daß er gern die Pest oder die Hungersnot oder den Krieg in seinen Dienst nahm, um jeden zu vertreiben, der die gute, freudebringende Arbeit liebte.