Als nichts Gösta Berling erheitern konnte, nachdem er der jungen Gräfin zur Flucht verholfen hatte, beschlossen die Kavaliere, Hilfe bei der guten Frau Musika zu suchen – die ist eine mächtige Fee und hat gar manche getröstet.
Deswegen ließen sie eines Abends im Juli die Türen zu dem großen Saal auf Ekeby öffnen und die Fensterläden entfernen. Sonne und Luft wurden eingelassen, die große, rote Sonne des Spätabends, die milde, dufterfüllte Luft der kühlen Abendstunde. Die gestreiften Überzüge wurden von den Möbeln genommen, das Klavier wurde geöffnet und der Flor von den venezianischen Kronleuchtern entfernt. Die goldenen Greife unter den weißen Platten der Marmortische durften wieder im Licht blitzen. Die weißen Göttinnen tanzten in dem schwarzen Feld über den Spiegeln. Die verschieden geformten Blumen des Seidendamasts schimmerten in der Abendröte. Und es wurden Rosen gepflückt und in Wasser gesetzt, der ganze Saal war von ihrem Duft erfüllt. Es waren wunderbare Rosen, deren Namen niemand kannte, die aber aus fremden Landen nach Ekeby gekommen waren. Da waren die gelben Rosen, in deren Adern das Blut so rot schimmert wie in denen eines Menschen, und die sahnefarbigen mit dem faserigen Rand und die rosaroten mit den großen Blättern, die am äußersten Rande farblos wie Wasser werden, und die dunkelroten mit den schwarzen Schatten. Alle Rosen Altringers brachten sie herein, die aus fernen Landen gekommen waren, um die Augen schöner Frauen zu erfreuen.
Und dann schaffen sie Noten und Notenpulte herbei und Messinginstrumente und Bogen und Violinen in allen Größen, denn jetzt soll die gute Frau Musika auf Ekeby herrschen und versuchen, Gösta Berling zu trösten.
Frau Musika hat die Oxfordsymphonie des guten Vater Haydn gewählt, und die Kavaliere üben sie ein. Patron Julius schwingt den Taktstock, und die andern spielen jeder sein Instrument. Alle Kavaliere können spielen – sonst wären sie ja keine Kavaliere!
Als alles fertig ist, wird Gösta geholt. Er ist noch immer matt und mutlos, aber er freut sich über den prächtigen Saal und über die schöne Musik, die er bald hören wird. Denn es ist ja eine bekannte Sache, daß die gute Frau Musika für den, der leidet, die beste Gesellschaft ist. Sie ist munter und fröhlich wie ein Kind. Sie ist feurig und einnehmend wie eine junge Schöne. Sie ist gut und klug wie die Alten, die ein segensreiches Leben gelebt haben.
Und dann spielten die Kavaliere so leise, so mild wie ein Sausen.
Der kleine Ruster nimmt die Sache sehr ernsthaft. Er liest die Noten mit der Brille auf der Nase, küßt sanfte Töne aus der Flöte und läßt die Finger auf den Klappen und Löchern spielen. Onkel Eberhard sitzt krummgebeugt über dem Violoncell, die Perücke ist ihm auf das eine Ohr geglitten, die Lippen zittern vor Gemütsbewegung. Bergh steht stolz da mit seinem langen Fagott. Hin und wieder vergißt er sich und setzt mit der vollen Kraft seiner Lungen ein, dann aber schlägt Patron Julius ihn mit dem Taktstock auf den dicken Schädel.
Es geht gut, es geht brillant. Sie zaubern Frau Musika selber aus den toten Notenzeichen hervor. Breite deinen Zaubermantel aus, liebe Frau Musika, und führe Gösta Berling zurück in das Land der Freude, wo er zu leben pflegte.
Daß es wirklich Gösta Berling ist, der da bleich und mutlos sitzt und den die alten Herren jetzt amüsieren müssen, als wäre er ein Kind! Jetzt wird es kärglich aussehen mit der Freude im Wermland!
Ich weiß, weshalb die Alten ihn liebten, ich weiß wohl, wie lang der Winterabend werden und wie die Finsternis auf den öden Gehöften die Sinne beschleichen kann. Ich kann wohl begreifen, wie es war, wenn er kam.
Stellt euch einen Sonntagnachmittag vor, wenn die Arbeit ruht und die Gedanken schlaff sind. Stellt euch einen hartnäckigen Nordwind vor, der Kälte in das Zimmer peitscht, eine Kälte, der kein Feuer abhelfen kann. Stellt euch das einsame Talglicht vor, das unaufhörlich geputzt werden muß. Stellt euch den einförmigen Gesang geistlicher Lieder draußen von der Küche hervor.
Nun, und dann ertönt plötzlich helles Schlittengeläute, schnelle Füße stampfen den Schnee draußen auf der Treppe ab, und herein tritt Gösta Berling. Er lacht und treibt Kurzweil. Er ist Leben, er ist Wärme. Er öffnet das Klavier und spielt so, daß man sich über die alten Saiten wundert. Er kann alle Lieder singen, kann alle Melodien spielen. Er beglückt alle Hausbewohner! Ihn fror nie, er war niemals müde. Der Betrübte vergaß seine Sorgen, wenn er ihn sah. Und welch ein gutes Herz er doch hatte! Welch Mitleid hatte er mit den Armen und Schwachen! Welch ein Genie er war! Ja, ihr hättet die Alten nur hören sollen, wenn sie von ihm erzählten!
Es mochte wohl ein solcher Abend sein, als er nach Munkerud hinabkam, wo der gute Amtmann wohnte, nach dem stillen, liebenswerten Heim, das so wenig in dieser Erzählung erwähnt ist, weil die Stürme der Zeit sein Glück nicht zu erschüttern vermochten, und wo er mit dem Pfarrer von Bro zusammentraf.
Und sobald der Probst ihn sah, setzte er ihn ans Klavier. »Setz dich ans Klavier, Gösta Berling,« sagte er, »dort stiftest du am meisten Nutzen.« Und dann spielte und sang Gösta, und als er eine kleine Weile gespielt hatte, konnten die Leute nicht mehr stillsitzen. Die alten, vernünftigen Herren und Damen mußten aufstehen und tanzen. Es prickelte ihnen in allen Gliedern. Sie konnten nicht stillsitzen. Und so tanzten sie denn rundherum, und als Gösta ein Bellmannsches Lied anstimmte, stimmten sie mit ein, und die Pröpstin, so alt und dick sie war, hob den Kleiderrock in die Höhe, hüpfte und drehte sich im Kreise, als sei sie ein zwanzigjähriges Mädchen mit zierlichem Spann gewesen. Und dazu sang sie falsch und mit heiserer Stimme:
Der Probst und alle die andern lachten so herzlich über sie: »Ja, der Schelm dort am Klavier, der kann alte Leute zu Narren machen!«
Aber nun sitzt Gösta Berling still und traurig da und lauscht Frau Musikas Bemühungen, ihn zu ermuntern. Vielleicht wäre er am liebsten mit seinem Kummer allein gewesen, aber er mußte ja der alten Herren wegen die Musik anhören. Er kann sehr wohl einsehen, wie traurig es für sie ist, daß er jetzt nicht mehr fröhlich sein kann. Sie haben keine Freude daran, Herren auf Ekeby zu sein, seit er sich so verändert hat. Er glaubt, bemerken zu können, daß sie alt geworden sind.
Und wie sie gerade am allerschönsten spielen, bricht er in Tränen aus. Das ganze Leben erscheint ihm so traurig. Er hält die Hände vor das Gesicht und weint. Die Kavaliere erschrecken. Dies sind nicht die sanften, heilenden Tränen, die Frau Musika hervorzulocken pflegt. Er schluchzt wie ein Verzweifelter. Ganz ratlos legen sie die Instrumente hin.
Da gibt ihnen Frau Musika den Gedanken ein, daß sie es mit etwas Heiterem versuchen sollen, und Patron Julius nimmt seine Gitarre hervor und fängt an, eins seiner lustigen Tischlieder zu singen. Er verdreht sein Gesicht und ahmt Kühe und Schafe nach.
Aber das ist kein guter Einfall von der guten Frau Musika. Gösta schlägt plötzlich mit der geballten Faust auf den Tisch, so daß Julius ängstlich zusammenschrickt, und dann sagt er ihnen seine Meinung.
»Wenn ich auch ein ausgestoßener Elender bin, der nur hier auf Erden weilt, um Unheil anzustiften,« sagt er, »so solltet ihr Kavaliere doch nicht euern Spott mit meinen Leiden treiben. Bessere Leute als ihr würden sich wohl davor hüten.«
Er ist ungerecht. Er weiß das sehr gut selber, aber er kann sich nicht beherrschen. Und dann bleibt er schweigend und beschämt sitzen. Auch die andern schweigen. Sie sind tief verletzt, aber was kann es nützen, sich zu verteidigen? Selbst die gute Frau Musika, die Gösta Berling so liebhat, ist nahe daran, den Mut zu verlieren, aber dann fällt ihr plötzlich ein, daß sie noch einen gewaltigen Recken unter den Kavalieren hat.
Das ist der sanfte Löwenberg, der seine Braut in dem lehmigen Strom verloren hat und der jetzt Gösta Berlings Sklave ist – mehr als irgendeiner von den andern. Er schleicht jetzt nach dem Klavier hin. Er umkreist es scheu, befühlt es vorsichtig und streicht mit weicher Hand über die Tasten.
Oben im Kavalierflügel hat Löwenberg einen großen, hölzernen Tisch, auf den er eine Klaviatur gemalt und ein Notenpult gestellt hat. Dort kann er stundenlang sitzen und die Finger über die schwarzen und weißen Tasten gleiten lassen. Dort übt er Tonleitern und Etüden, und dort spielt er seinen Beethoven. Frau Musika hat ihm mit ihrer besonderen Gnade beigestanden, so daß er viele von den sechsunddreißig Sonaten hat abschreiben können.
Aber der alte Mann wagt sich niemals an ein anderes Instrument als an den hölzernen Tisch. Vor dem Klavier hat er eine entsetzliche Angst. Das lockt ihn, aber es schreckt ihn noch mehr ab. Das schrille Instrument, auf dem so viele Polkas gespielt sind, ist ihm ein Heiligtum. Er hat nie gewagt, es zu berühren. Dies wunderbare Ding mit den vielen Saiten, das den Werken des großen Meisters Leben verleihen kann! Er braucht nur das Ohr daranzulegen, gleich hört er Scherzos und Andantes darin brausen. Ja, das Klavier ist der rechte Altar, auf dem Frau Musika angebetet werden soll. Aber er hat niemals auf einem Klavier gespielt. Er selber wird ja niemals so reich, daß er sich eins kaufen kann, und auf diesem zu spielen, hat er niemals Mut gehabt. Die Majorin ist auch nicht gerade sehr geneigt gewesen, es ihm aufzuschließen.
Er hat wohl Polkas und Walzer und Bellmannsche Melodien darauf klimpern hören. Aber bei so unheiliger Musik konnte das herrliche Instrument ja nur einen unreinen Klang von sich geben, konnte nur jammern. Nein, wenn Beethoven kam, würde es erst seinen richtigen hellen Klang ertönen lassen.
Jetzt denkt er, daß die Zeit für Beethoven und für ihn vielleicht gekommen ist. Er will Mut fassen, will das Heiligtum berühren und seinen jungen Herrn und Gebieter durch den schlummernden Wohllaut erfreuen.
Er setzt sich hin und fängt an zu spielen. Er ist ganz unsicher und benommen, aber er tastet sich durch ein paar Takte hindurch, sucht den richtigen Klang zu finden, runzelt die Stirn, beginnt von neuem – und bedeckt dann das Gesicht mit den Händen und fängt bitterlich an zu weinen.
Ja, liebe Frau Musika, es ist hart für ihn. Das Heiligtum ist ja kein Heiligtum. Es liegen keine klaren, hellen Töne darinnen und träumen, da ist kein dumpfer, mächtiger Donner, kein gewaltig brausender Orkan. Nichts von dem unendlichen Wohllaut, der die Luft des Paradieses durchströmte, ist dort zurückgeblieben. Es ist ein altes klapperiges Klavier und nichts weiter.
Da aber gibt Frau Musika dem klugen Oberst einen Wink. Er nimmt Ruster mit; sie gehen in den Kavalierflügel und holen Löwenbergs Tisch mit den gemalten Tasten.
»Sieh hier, Löwenberg!« sagt Beerencreutz, als sie zurückkehren. »Da hast du dein Klavier, spiel jetzt Gösta etwas vor.«
Da versiegen Löwenbergs Tränen, er setzt sich hin und spielt seinem jungen, betrübten Freunde Beethoven vor. Jetzt sollte er schon wieder froh werden.
In dem Kopf des alten Mannes klingen die lebhaftesten Töne. Er kann nicht anders glauben, als daß Gösta hört, wie gut er heute abend spielt. Jetzt hat er alle Schwierigkeiten überwunden. Er führt seine Läufe und Triller ohne die geringste Beschwerde aus. Er wünschte, daß der Meister selber ihn hören könnte.
Je länger er spielt, je mehr steigert sich seine Begeisterung. Er hört jeden einzelnen Ton mit überirdischer Stärke.
»Leid, Leid,« spielt er, »weshalb sollte ich dich nicht lieben? Weil deine Lippen kalt sind und deine Wangen bleich, weil deine Umarmung erstickt, deine Blicke versteinern?«
»Leid, Leid, du bist eine jener stolzen, schönen Frauen, deren Liebe schwer zu gewinnen ist, die aber stärker brennt als die aller andern. Du Verstoßene, ich legte dich an mein Herz und liebte dich. Ich liebkoste dich, bis die Kälte aus deinen Gliedern entwich, und deine Liebe hat mich mit Glückseligkeit erfüllt.
»Ach, wie habe ich gelitten! Ach, wie habe ich mich gesehnt, seit ich die verlor, die ich zuerst geliebt! Es war finstere Nacht in mir, finstere Nacht um mich her. Ich lag versunken im Gebet, in endlosen, unerhörten Gebeten. Der Himmel war meinem langen Warten verschlossen. Kein guter Geist kam von der sternenübersäten Himmelswölbung herab, um mich zu trösten.
»Aber meine Sehnsucht zerriß den verschleiernden Vorhang. Du kamst zu mir herabgeschwebt auf einer Brücke von Mondstrahlen. Du kamst im Lichtglanz, Geliebte, und mit lächelnden Lippen. Frohe Genien umringten dich. Sie trugen Kränze von Rosen. Sie spielten auf der Zither und der Flöte. Es war eine Seligkeit, dich zu schauen.
»Aber du verschwandest, du verschwandest! Und es gab keine Brücke und keine Mondstrahlen für mich, als ich dir folgen wollte. Auf der Erde lag ich, flügellos, an den Staub gebunden. Meine Klage war wie das Brüllen eines wilden Tiers, wie der polternde Donner des Himmels. Ich wollte dir den Blitz als Boten senden. Ich verfluchte die grüne Erde. Möge Feuer ihr Wachstum verzehren, Pest die Menschen ausrotten! Ich rief den Tod an und den Abgrund. Ich meinte, die Qualen im ewigen Feuer müßten Seligkeit sein gegen mein Ende.
»Leid, Leid, da war es, daß du mein Freund wurdest! Weshalb sollte ich dich nicht lieben, wie man diese stolzen, strengen Frauen liebt, deren Liebe schwer zu erringen ist, die aber stärker brennt als die anderer?«
So spielte er, der arme Mystiker. Er saß dort, strahlend vor Begeisterung, während die wunderbaren Töne vor seinen Ohren klangen, fest überzeugt, daß Gösta ihn auch hören und Trost finden müsse.
Gösta saß da und sah ihn an. Zuerst war er ärgerlich über diese neue Komödie, allmählich aber ward er milder. Er war unwiderstehlich, der Alte, wie er dasaß und seinen Beethoven genoß. Und Gösta mußte daran denken, daß auch dieser Mann, der jetzt so sanft und sorglos war, in Leid versenkt gewesen, daß auch er die Geliebte verloren hatte. Und nun saß er dort, strahlend heiter, an seinem hölzernen Tisch. Es bedurfte also nicht mehr, um einen Menschen glücklich zu machen.
Er fühlte sich gedemütigt. Gösta, sagte er zu sich selber, kannst du nicht mehr dulden und leiden? Du, der du dein Leben lang in Armut abgehärtet bist, du, der du jeden Baum im Walde, jeden Hügel auf dem Felde hast Entsagung und Geduld predigen hören, du, der du in einem Lande aufgewachsen bist, wo der Winter streng ist und der Sommer geizig, hast du die Kunst auszuharren denn ganz verlernt?
Ach, Gösta, ein Mann muß alles, was das Leben bietet, mit mutigem Herzen und lächelnden Lippen ertragen; sonst ist er kein Mann. Entbehre so viel du willst, wenn du die Geliebte verloren hast, so laß Gewissensbisse an deinem Innern nagen und zehren, zeige dich aber als Mann, als echter Wermländer! Laß deinen Blick vor Freude strahlen und begegne deinen Freunden mit fröhlichen Worten.
Das Leben ist hart, die Natur ist hart. Beide erzeugen sie Mut und Freude als Gegengewicht gegen ihre Härte, sonst würde es wohl niemand ertragen können.
Mut und Freude! Es ist, als seien diese beiden die ersten Pflichten des Lebens. Du hast sie bisher niemals verleugnet und darfst es auch jetzt nicht tun.
Bist du geringer als Löwenberg, der dort an seinem hölzernen Klavier sitzt, als alle die andern Kavaliere, die mutigen, die sorglosen, die ewig jungen? Du weißt ja, daß das Leid keinen von ihnen verschont hat.
Und dann sieht Gösta sie an. Ach, welch ein Anblick! Da sitzen sie alle ganz ruhig und ernsthaft und lauschen dieser Musik, die niemand hören kann.
Plötzlich wird Löwenberg durch ein munteres Lachen aus seinen Träumereien aufgeschreckt. Er hebt die Hände von den Tasten und lauscht ganz begeistert. Das ist Gösta Berlings altes Lachen, sein gutes, freundliches, ansteckendes Lachen. Das ist die schönste Musik, die der Alte in seinem ganzen Leben gehört hat.
»Wußte ich doch, daß Beethoven dir helfen würde, Gösta«, ruft er aus. »Nun bist du ja wieder genesen!«
So geschah es, daß die gute Frau Musika Gösta Berlings Melancholie heilte.
Eros, du Allmächtiger, du weißt wohl, daß es oft aussieht, als wenn ein Mensch sich ganz von deiner Herrschaft befreit hätte. Alle die weichen Gefühle, die die Menschen vereinen, scheinen in seinem Herzen erstorben zu sein. Der Wahnsinn streckt seine Krallen nach dem Unglücklichen aus, aber da kommst du in deiner Allmacht, du Schutzpatron des Lebens, und das eingeschrumpfte Herz grünt und trägt Blüten wie der Stab des Heiligen.
Niemand kann geringer sein als der Pfarrer von Broby, niemand kann durch Schlechtigkeit und Unbarmherzigkeit mehr von den Menschen getrennt sein. Seine Stuben stehen den ganzen Winter ungeheizt, er sitzt auf einer ungestrichenen hölzernen Bank, er kleidet sich in Lumpen, lebt von trocknem Brot und wird rasend, wenn ein Bettler über seine Schwelle tritt. Er läßt das Pferd im Stall hungern und verkauft das Heu; seine Kühe nagen das trockne Gras vom Wegesrande und das Moos von der Wand des Hauses; bis auf die Landstraße hinaus kann man das Blöken der hungrigen Schafe hören. Die Bauern werfen ihm die Speisen hin, die ihre Hunde nicht fressen wollen, und die Kleider, die ihre Armen verschmähen.
Seine Hand ist ausgestreckt, um zu betteln, sein Rücken gekrümmt, um zu danken. Er bettelt von den Reichen und leiht den Armen. Sieht er ein geprägtes Geldstück, so brennt ihm das Herz vor Ungeduld im Leibe, bis es in seiner Tasche ist. Wehe dem, der am Tage des Verfalls nicht zahlen kann!
Er verheiratete sich spät, und es wäre besser gewesen, wenn er es niemals getan hätte. Vergrämt und überanstrengt starb seine Frau. Seine Tochter dient jetzt bei fremden Leuten. Er wird alt, doch das Alter bringt ihm keine Ruhe. Der Wahnsinn des Geizes verläßt ihn niemals.
Aber eines schönen Tages zu Anfang August kommt eine schwerfällige Kutsche, von vier Pferden gezogen, den Brobyer Hügel hinan. Ein feines altes Fräulein fährt in voller Gala mit Kutscher und Diener und Kammerjungfer vor. Sie kommt, um den Pfarrer in Broby zu besuchen. Ihn hat sie in ihren jungen Tagen geliebt.
Während er Hauslehrer im Hause ihres Vaters war, liebten sie einander, aber die stolze Familie trennte sie. Und nun kommt sie den Brobyer Hügel hinangefahren, um ihn zu sehen, ehe sie stirbt. Alles, was das Leben ihr bieten kann, ist ein Wiedersehen mit dem Geliebten ihrer Jugend.
Das kleine, feine Fräulein sitzt im Wagen und träumt. Sie fährt nicht die Brobyer Hügel hinan nach einem kleinen, armseligen Pfarrhof. Sie ist auf dem Wege zu der kühlen, dichten Laube unten im Park, wo der Geliebte wartet. Sie sieht ihn, er ist jung, er kann küssen, er kann lieben. Jetzt, wo sie weiß, daß sie ihn sehen wird, steigt sein Bild mit seltener Klarheit vor ihr auf. Wie schön er doch ist! Er kann schwärmen, er kann glühen, er erfüllt ihr ganzes Wesen mit dem Feuer des Entzückens.
Jetzt ist sie gelbbleich, welk und alt. Er kennt sie vielleicht gar nicht wieder, sechzig Jahre alt, wie sie ist, aber sie kommt nicht, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen, um den Geliebten ihrer Jugend zu sehen, den der Zahn der Zeit unberührt gelassen hat, der noch immer jung, schön, herzenswarm ist.
Sie kommt aus so weiter Ferne, daß sie nie etwas von dem Pfarrer zu Broby gehört hat.
Und dann rasselt die Kutsche die Hügel hinan, und jetzt wird der Pfarrhof oben auf der Spitze sichtbar.
»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« jammert ein Bettler am Wegesrande, »gebt dem armen Manne einen Schilling.«
Die vornehme Dame gibt ihm eine Silbermünze und fragt, ob der Brobyer Pfarrhof in der Nähe liegt.
Der Bettler sieht sie mit einem schlauen, scharfen Blick an. »Der Pfarrhof liegt dort,« sagt er, »aber der Pfarrer ist nicht zu Hause, es ist niemand dort zu Hause.«
Das feine, kleine Fräulein sieht aus, als sollte sie ohnmächtig werden. Die kühle Laube verschwindet, der Geliebte ist nicht da. Wie konnte sie auch glauben, daß sie ihn nach vierzigjährigem Warten dort wiederfinden würde?
»Was führt das gnädige Fräulein nach dem Pfarrhof?«
Das gnädige Fräulein war gekommen, um den Pfarrer zu besuchen. Sie hatte ihn in früheren Zeiten gekannt.
Vierzig Jahre und vierzig Meilen haben zwischen ihnen gelegen. Und mit jeder Meile, die sie zurückgelegt, hat sie ein Jahr mit seinen Lasten, Sorgen und Erinnerungen abgeschüttelt, so daß sie jetzt, wo sie den Pfarrhof erreicht hat, wieder zum zwanzigjährigen Mädchen geworden ist, ohne Sorgen, ohne Erinnerungen.
Der Bettler steht da und sieht sie an, und vor seinen Augen verwandelt sie sich von zwanzig Jahre in sechzig und von sechzig wieder in zwanzig.
»Der Pfarrer kommt heut nachmittag nach Hause«, sagt er. »Das gnädige Fräulein würde am besten daran tun, nach dem Gasthof in Broby zu fahren und heute nachmittag wiederzukommen. Ich stehe dafür ein, daß der Pfarrer heute nachmittag zu Hause sein wird.«
Einen Augenblick später rollt die schwere Kutsche mit der kleinen welken Dame die Hügel zum Gasthof hinab, der Bettler aber steht da und sieht ihr nach, am ganzen Körper bebend. Es ist ihm, als könne er auf die Knie fallen und die Wagenspuren küssen.
Fein, frisch rasiert, geputzt, in Schuhen mit blanken Spannen, mit seidenen Strümpfen, mit Jabot und Manschetten steht der Pfarrer von Broby am Mittag desselben Tages vor der Pröpstin in Bro.
»Ein feines Fräulein,« sagt er, »eine Grafentochter; wie kann die Frau Pröpstin glauben, daß ich armer Mann sie zu mir einladen kann? Meine Fußböden sind schwarz, meine Staatsstube ist ganz leer, die Decke im Saal ist grün von Schimmel und Feuchtigkeit. Helfen Sie mir, liebe Frau Pröpstin! Denken Sie doch nur daran, daß sie eine vornehme Grafentochter ist!«
»Können Sie denn nicht sagen lassen, daß Sie verreist sind, Herr Pfarrer?«
»Liebe Frau Pröpstin, sie ist vierzig Meilen weit gereist, um mich armen Mann zu sehen. Sie weiß nicht, wie es mit mir steht. Ich habe ihr kein Bett anzubieten. Ich habe keine Betten für ihre Dienerschaft.«
»Nun, so lassen Sie sie wieder reisen.«
»Liebe, gute Pröpstin! Verstehen Sie denn nicht, was ich meine? Ich gebe lieber alles hin, was ich besitze, alles, was ich mit Fleiß und Mühe zusammengescharrt habe, als daß ich sie wieder fortreisen lasse, ohne sie unter meinem Dache empfangen zu haben. Sie zählte zwanzig Jahre, als ich sie zuletzt sah, und das sind nun vierzig Jahre her; bedenken Sie das doch, Frau Pröpstin! Helfen Sie mir, daß ich sie bei mir aufnehmen kann. Hier ist Geld, wenn Geld helfen kann, aber Geld allein tut es auch nicht.«
O, Eros, die Frauen lieben dich. Sie legen lieber hundert Schritte für dich zurück, als einen für die andern Götter.
Im Propsthofe wurden die Zimmer und die Küche und die Speisekammer geleert. Im Propsthofe wurden Arbeitswagen beladen und nach dem Pfarrhof gefahren. Wenn der Probst von seinem Konfirmandenunterricht heimkehrt, kann er in den leeren Stuben umhergehen und in die Küche hinausgucken, um nach seinem Mittagessen zu fragen, aber er wird nichts finden. Kein Mittagessen, keine Pröpstin, keine Mägde. Was ist dazu zu sagen? Eros hat es so gewollt, Eros, der Allmächtige.
Am Nachmittage kommt dann die schwere Kutsche die Brobyer Hügel hinaufgehumpelt. Und das kleine Fräulein sitzt da und denkt, ob jetzt wohl kein neues Unglück wieder eintreffen wird, ob es wirklich wahr ist, daß sie jetzt der einzigen Freude ihres Lebens entgegengeht.
Und dann biegt die Kutsche auf den Pfarrhof ein, im Tor aber hält sie still. Der große Wagen ist zu breit, das Tor ist zu schmal. Der Kutscher knallt mit der Peitsche, die Pferde ziehen an, der Diener flucht, aber das hinterste Rad der Kutsche sitzt fest und kann nicht wieder loskommen. Die Grafentochter kann nicht auf den Hof des Geliebten gelangen.
Aber da kommt jemand – da kommt er. Er hebt sie aus dem Wagen, er trägt sie auf seinen Armen, deren Kraft noch ungeschwächt ist, er drückt sie so warm und zärtlich an sich wie vor vierzig Jahren. Sie schaut in ein Paar Augen, die genau so strahlen wie damals, als sie erst fünfundzwanzig Lenze geschaut hatten.
Da braust ein Sturm von Gefühlen über sie hin, wärmer denn je zuvor. Sie entsinnt sich, daß er sie einmal die Treppe zur Terrasse hinaufgetragen hat. Sie, die glaubte, daß ihre Liebe alle diese Jahre hindurch gelebt, sie hatte doch vergessen, was es war, in starke Arme geschlossen zu werden, in junge, strahlende Augen zu schauen.
Sie sieht nicht, daß er alt ist. Sie sieht nur die Augen, die Augen.
Sie sieht nicht die schwarzen Fußböden, die Decken, die grün sind von Feuchtigkeit, sie sieht nur seine strahlenden Augen. Der Brobyer Pfarrer ist ein stattlicher Mann, und in diesem Augenblick ist er ein schöner Mann. Er wird schön, nur weil er sie ansieht. Sie hört seine Stimme, seine klare, starke Stimme; die klingt wie Liebkosungen. So spricht er nur zu ihr. Wozu braucht er die Möbel aus dem Propsthof für seine leeren Zimmer? Wozu braucht er Speisen und Dienstboten? Das alte Fräulein würde kaum etwas von alledem vermißt haben. Sie hört seine Stimme und sieht seine Augen.
Niemals, nie zuvor ist sie so glücklich gewesen.
Wie zierlich er sich verneigt, zierlich und stolz, als sei sie eine Fürstin und er ihr begünstigter Liebling. Er bedient sich der vielen stehenden Redensarten der Alten, wenn er mit ihr redet. Sie lächelt nur und ist glücklich.
Gegen Abend bietet er ihr den Arm, und sie lustwandeln in seinem alten, verfallenen Garten. Sie sieht nichts Häßliches, Vernachlässigtes. Verwachsene Büsche werden zu beschnittenen Hecken, das Unkraut breitet sich als weiche, smaragdgrüne Rasenflächen aus, lange Alleen beschatten sie, und in Nischen von dunklem Laub schimmern weiße Statuen – die Jugend, die Treue, die Hoffnung und die Liebe.
Sie weiß, daß er verheiratet gewesen ist, aber sie denkt nicht daran. Wie könnte sie auch wohl an so etwas denken? Sie zählt ja zwanzig Jahre und er fünfundzwanzig. Er ist sicher nur fünfundzwanzig Jahre alt, jung und sprudelnd von Kraft. Soll er wirklich der geizige Pfarrer von Broby werden, er, dieser lächelnde Jüngling! Zuweilen saust es ihm vor den Ohren – eine Mahnung an eine finstere Zukunft. Aber der Jammer der Armen, die Flüche der Betrogenen, die spöttischen Bemerkungen der Verachtung, Schmählieder, Hohn, das alles existiert noch nicht für ihn. Sein Herz erglüht nur in reiner, unschuldiger Liebe. Dieser stolze Jüngling wird das Gold niemals so lieben, daß er in dem schlimmsten Schmutz danach kriechen, es von den Vorüberfahrenden erbetteln wird, Demütigungen dulden, Schmach erleiden, Kälte und Hunger darum erleiden wird. Wird er wohl sein Kind hungern lassen, seine Frau peinigen für dies elende Geld? Das ist unmöglich. So kann er nicht sein. Er ist ein guter Mensch wie alle andern. Er ist kein Ungeheuer.
Die Geliebte seiner Jugend geht nicht neben einem verachteten Schuft, der des Amtes unwürdig ist, das er zu übernehmen gewagt hat. Das tut sie nicht. Nein, Eros, du allmächtiger Gott, heute abend ist er nicht der Pfarrer von Broby, auch nicht am nächsten und an dem darauf folgenden Tage.
Am vierten Tage reist sie. Das Tor ist breiter gemacht. Die Kutsche rollt die Brobyer Hügel so schnell hinab, wie nur Pferde laufen können, die geruht haben.
Welch ein Traum! Welch ein herrlicher Traum! Keine Wolke in diesen drei Tagen!
Sie kehrte lächelnd heim in ihr Schloß und zu ihren Erinnerungen. Sie hörte seinen Namen nie wieder nennen, sie fragte niemals nach ihm. Sie wünschte nur, solange sie lebte, diesen Traum noch einmal zu träumen.
Der Pfarrer von Broby saß in seinem einsamen Hause und weinte wie ein Verzweifelter. Sie hatte ihn jung gemacht. Sollte er nun wieder alt werden? Sollte der böse Geist zurückkehren, sollte er wieder verächtlich werden – verächtlich, wie er gewesen war?
Patron Julius trug seine rotangemalte Kiste aus dem Kavalierflügel hinunter. Er füllte ein größeres Lägel, das ihn auf vielen Reisen begleitet hatte, mit duftendem Pomeranzenbranntwein, den großen, geschnitzten Vorratskasten packte er voll Brot und Butter und alten Käse, schön grün und braun schattiert, voll fetten Schinken und Reiskuchen, die in Himbeerkompott schwimmen.
Und dann ging Patron Julius umher und sagte allen Herrlichkeiten Ekebys mit tränenden Augen Lebewohl. Er streichelte zum letztenmal die blankgeschliffenen Kegelkugeln und die rotwangigen Kinder auf dem Hügel. Er ging umher zu den Lauben im Garten und zu den Grotten im Park. Er war im Stall und in den Scheunen, streichelte die Pferde, rüttelte den bösen Stier an den Hörnern und ließ sich die Hände von den Kälbern lecken. Schließlich ging er mit fließenden Tränen in das Hauptgebäude hinauf, wo das Abschiedsfrühstück seiner harrte.
Wehe über das Dasein! Wie kann es so viel Elend enthalten? Da war Gift in den Speisen, Galle im Wein. Die Kehlen der Kavaliere waren vor Gemütsbewegung zusammengeschnürt so wie seine eigene. Der Schleier der Tränen lag wie ein Nebel vor seinen Blicken. Die Abschiedsrede wurde von Schluchzen unterbrochen. Wehe über das Dasein! Sein Leben würde hinfort nur eine einzige lange Sehnsucht sein. Niemals sollten sich seine Lippen zu einem Lächeln formen. Die Lieder würden aus seiner Erinnerung fortstreben, wie die Blumen von der herbstkalten Erde fortsterben. Er würde verblassen, abfallen, welken wie eine frostgeknickte Rose, wie eine dürstende Lilie. Nie wieder sollten die Kavaliere den armen Julius sehen. Schwere Ahnungen durchzuckten seine Seele, wie Schatten von sturmgepeitschten Wolken über frisch gepflügte Felder dahinjagen. Er wollte nach Hause reisen, um zu sterben.
Blühend von Gesundheit und Kraft stand er jetzt vor ihnen. Nie wieder sollten sie ihn so sehen. Nie mehr sollten sie ihn scherzend fragen, wann er zuletzt seine eigenen Knie gesehen habe; nie mehr sollten sie sich seine Wangen zum Kegelspiel wünschen. Das Übel hat sich ihm schon in Leber und Lunge festgesetzt. Es wühlte und nagte. Schon lange hatte er es gefühlt. Seine Tage waren gezählt.
Möchten doch die Ekebyer Kavaliere den Toten in treuer Erinnerung bewahren! Möchten sie ihn doch niemals vergessen!
Die Pflicht rief ihn. Daheim saß seine Mutter und wartete auf ihn. Siebzehn Jahre lang hatten sie ihn aus Ekeby heim erwartet. Jetzt hatte sie geschrieben und ihn nach Hause gerufen, und er wollte gehorchen. Er wußte, daß es sein Tod sein würde, aber als guter Sohn wollte er gehorchen.
O, diese göttlichen Festmähler! Diese schönen Fluren, der stolze Gießbach! O, die jubelnden Märchen, der geliebte Kavalierflügel! O Violine und Waldhorn, o Leben voll Glück und Freude! Von alledem zu scheiden war der Tod.
Und dann ging Patron Julius in die Küche hinaus und sagte den Leuten im Hause Lebewohl. In überströmender Rührung umarmte und küßte er jeden einzelnen, von der Haushälterin bis zu dem Bettler auf dem Hofe. Die Mägde weinten und jammerten über sein Schicksal. So ein guter und munterer Herr sollte sterben, nie sollten sie ihn wiedersehen!
Patron Julius befahl, daß sein Gig aus dem Wagenschuppen herausgeschoben und sein Pferd aus dem Stall gezogen werden sollte. Was wohl die alte Kajsa dazu sagen würde, hügelauf und hügelab zu traben nach einer siebzehnjährigen Ruhe vor der gefüllten Krippe?
Die Stimme war nahe daran, Patron Julius zu versagen, als er diese Befehle erteilte. So sollte denn das Gig nicht in Ruhe auf Ekeby vermodern, so sollte denn die alte Kajsa von der bekannten Krippe getrennt werden. Er wollte nichts Schlechtes von seiner Mutter sagen, aber sie hätte an die alte Kajsa und an das Gig denken sollen, wenn sie auch nicht an ihn dachte. Wie sollten die die lange Reise überstehen?
Das Bitterste war aber doch der Abschied von den Kavalieren. Der kleine rundliche Patron Julius, dessen Figur mehr danach angetan war zu rollen als zu gehen, fühlte sich tragisch bis in die Fingerspitzen hinein. Er dachte an den großen Athener, der ruhig den Giftbecher im Kreise seiner Schüler leerte. Er dachte an den alten König Gustav, der dem schwedischen Volke prophezeite, daß es einstmals wünschen würde, man möchte ihn aus seinem Grabe herausgraben.
Schließlich sang er ihnen sein schönstes Lied vor. Er dachte an den Schwan, der im Singen stirbt. So wünschte er, daß sie sich seiner erinnern möchten: eines königlichen Geistes, der sich zu keiner Klage herabläßt, sondern auf den Schwingen der Töne heimfährt.
Endlich war der letzte Becher geleert, war das letzte Lied gesungen, die letzte Umarmung ausgetauscht. Er zog seinen Mantel an und nahm die Peitsche in die Hand. Kein Auge ringsumher blieb trocken. Seine eigenen Augen waren so verschleiert von dem dämmernden Nebel des Leids, daß er nichts unterscheiden konnte.
Da ergriffen die Kavaliere ihn und trugen ihn Portechaise hinunter. Hurrarufe umdonnerten ihn. Sie setzten ihn irgendwo nieder, er sah nicht wo. Eine Peitsche knallte, der Wagen setzte sich mit ihm in Bewegung. Er fuhr. Als er den Gebrauch seiner Augen wiedergewann, war er draußen auf der Landstraße.
Wohl hatten die Kavaliere geweint und waren von tiefer Wehmut ergriffen, aber der Kummer hatte doch nicht alle frohen Gefühle des Herzens bei ihnen erstickt. Einer von ihnen – war es Gösta Berling, der Poet, oder Beerencreutz, der Rabougespieler, der alte Kriegsmann, oder der lebensmüde Vetter Kristoffer? – hatte es so eingerichtet, daß die alte Kajsa nicht aus ihrem Stall und der mottenzerfressene Wagen nicht aus seinem Schuppen hervorgeholt zu werden brauchte. Sie hatten einen großen, weißscheckigen Ochsen vor einen Heuwagen gespannt, und nachdem die rote Kiste, das grüne Lägel und der geschnitzte Vorratskasten auf den Wagen gestellt waren, wurde schließlich Patron Julius selbst, dessen Augen von Tränen geblendet waren, nicht auf den Vorratskasten oder auf die Kiste gesetzt, sondern auf den Rücken des weißscheckigen Ochsen.
Seht, so ist der Mensch, zu schwach, um dem Leid in all seiner Bitterkeit zu begegnen! O Freunde, sicher beweinten die Kavaliere diesen Freund, der von dannen zog, um zu sterben, diese welkende Lilie, diesen sterbenden Singschwan, und doch erleichterte es die Beklommenheit ihres Herzens, als sie ihn so von dannen ziehen sahen, auf dem Rücken des großen Ochsen reitend, während sein fetter Körper vom Schluchzen bebte; seine Arme, zu einem letzten Umfangen ausgebreitet, senkten sich in Verzweiflung, und seine Augen suchten Gerechtigkeit bei einem strengen Himmel.
Da draußen auf der Landstraße kehrten dem umnebelten Patron Julius die Sinne zurück, und er merkte, daß er auf dem schaukelnden Rücken eines Tieres saß. Und da, so erzählt man, begann er über alles nachzugrübeln, was sich in siebzehn Jahren ereignen kann. Die alte Kajsa war auffallend verändert. Hatten die Haferkrippe und die Kleewiesen auf Ekeby so viel vermocht? Und er rief – ich weiß nicht, ob die Steine am Wege oder die Vögel in dem Gesträuch es hörten –, aber wahr ist es, daß er rief: »Der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich nicht glaube, daß du Hörner bekommen hast, Kajsa!«
Nachdem er noch eine Weile gegrübelt hatte, ließ er sich sanft von dem Rücken des Ochsen hinabgleiten, stieg in den Heuwagen, setzte sich auf den Vorratskasten und fuhr in tiefe Gedanken versunken weiter.
Bald darauf, in der Nähe von Broby, vernahm er taktfesten Gesang: