Und dann hatte er sie mit seinen guten Augen angesehen, und sie wußte, daß er die Wahrheit sprach und daß er ein Mann war, auf den man sich verlassen konnte. Sie verlobte sich mit ihm, hauptsächlich um von Hause fortzukommen, aber auch, weil sie ihn stets gut hatte leiden können.

Nie aber würde sie den Monat vergessen, der nun folgte, jenen Augustabend, an dem ihre Verlobung erklärt war, diese ganze Zeit des Wahnsinns.

Baron Adrian war mit jedem Tage schweigsamer und melancholischer geworden. Er kam oft genug nach Björne, zuweilen zweimal am Tage, aber sie konnte nicht umhin, zu bemerken, wie verstimmt er war. Wenn er mit andern zusammentraf, konnte er noch scherzen, in ihrer Gegenwart aber wurde er ganz unmöglich, lauter Schweigen und Langeweile. Sie verstand sehr wohl, was ihm fehlte: es war nicht so leicht, wie er es sich gedacht hatte, ein häßliches Mädchen zu heiraten. Jetzt hatte er Widerwillen gegen sie gefaßt. Niemand wußte besser als sie selber, wie häßlich sie war. Sie hatte ihm wohl gezeigt, daß sie kein Verlangen nach Liebkosungen oder Liebesversicherungen besaß, aber es war für ihn natürlich trotzdem eine Qual, sie sich als seine Gattin vorzustellen, und das wurde mit jedem Tage schlimmer. Weshalb quälte er sich selber denn so? Weshalb löste er die Verlobung denn nicht? Sie hatte ihm Winke gegeben, die deutlich genug waren. Sie selber konnte nichts tun. Ihr Vater hatte ihr geradezu gesagt, ihr Ruf vertrüge keine weiteren Extravaganzen in bezug auf Verlobungen. Da hatte sie beide gleich gründlich verachtet, und jeder Ausweg, der sie aus dem Bereich dieser ihrer beiden Herren führte, war ihr gut erschienen.

Und dann – nur ein paar Tage nach dem großen Verlobungsfest – war der Umschlag gekommen, plötzlich und wunderbar.


Im Kieswege auf Björne gerade vor der Treppe lag ein Stein, der viel Ärgernis und Beschwerden verursachte. Wagen stürzten darüber, Pferde und Menschen fielen darüber, Mägde, die mit großen Milchbütten des Weges kamen, strauchelten und verschütteten ihre Milch; der Stein blieb aber trotzdem liegen, weil er so viele Jahre dort gelegen hatte. Er hatte schon zu Lebzeiten der Eltern des Gutsherrn dort gelegen, lange ehe irgend jemand daran dachte, Björne zu erbauen. Der Gutsherr konnte nicht einsehen, weshalb er ihn sollte forträumen lassen.

An einem der letzten Augusttage aber geschah es, daß zwei Mägde, die einen großen Kübel trugen, über den Stein fielen. Sie kamen arg zu Schaden, und der Unwille über den Stein war groß.

Es war um die Frühstückszeit. Der Gutsherr machte seinen morgendlichen Rundgang, da aber die Leute gerade auf dem Hofe waren, stellte Frau Gustava zwei Knechte dabei an, den Stein herauszugraben. Sie kamen mit Spaten und Hebeln, gruben und hoben, und schließlich gelang es ihnen auch, den alten Friedensstörer aus seinem Loch herauszuheben. Dann trugen sie ihn in den Hinterhof; das war eine Arbeit für sechs Mann.

Kaum war der Stein fort, als der Gutsherr heimkehrte und die Zerstörung auf den ersten Blick gewahrte. Da ergrimmte er. Er behauptete, es sei gar nicht mehr dasselbe Gehöft. Wer hatte es gewagt, den Stein fortzuschaffen? Also Frau Gustava hatte den Befehl erteilt! Diese Frauenzimmer hatten doch gar kein Herz im Leibe! Wußte seine Frau denn nicht, daß er den Stein liebte?

Und dann ging er direkt auf den Stein zu, hob ihn mit seinen Armen auf und trug ihn vom Hinterhof wieder auf den Hofplatz hinaus, an den Platz, wo er bisher gelegen hatte; dort warf er ihn hin. Und es war ein Stein, mit dem sechs Männer ihre Mühe gehabt hatten. Diese Tat ward in ganz Wermland sehr bewundert.

Während er den Stein über den Hof trug, hatte Marianne im Eßzimmer am Fenster gestanden und ihn angeschaut. Nie zuvor war er ihr so schrecklich erschienen. Er war ihr Herr, dieser Entsetzliche mit der grenzenlosen Kraft! Ein unvernünftiger, launenhafter Herr, der nie Rücksicht auf etwas anderes nahm als auf seine eigenen Wünsche.

Sie waren beim Frühstück, und sie stand mit einem Tischmesser in der Hand da. Unwillkürlich erhob sie es.

Frau Gustava erfaßte sie beim Handgelenk. »Marianne!«

»Was hast du nur, Mutter?«

»Marianne, du sahest so entsetzlich aus. Mir wurde ganz bange.«

Marianne sah sie lange an. Sie war eine kleine, eingeschrumpelte Frau mit grauem Haar und vielen Runzeln, obwohl sie erst fünfzig Jahre zählte. Sie liebte wie ein Hund, ohne sich an Hiebe und Schläge zu kehren. Sie war fast immer guter Laune und machte trotzdem einen traurigen Eindruck. Sie glich einem sturmgepeitschten Baum am Strande – sie hatte niemals Ruhe zum Wachsen gehabt. Sie hatte es gelernt, krumme Wege zu gehen, sie log, wenn es nötig war, und stellte sich oft dümmer als sie war, um Vorwürfen zu entgehen. Sie war ganz und gar das Werk ihres Mannes.

»Würdest du sehr trauern, Mutter, wenn der Vater stürbe?« fragte Marianne.

»Marianne, du zürnst deinem Vater, du zürnst ihm noch immer. Warum kann denn nicht alles wieder gut werden, jetzt, wo du einen neuen Bräutigam hast?«

»Ach, Mutter, ich kann nichts dafür. Was kann ich dafür, daß mir vor ihm graut! Weißt denn nicht auch du, wie er ist? Wie kann ich ihn wohl liebhaben? Er ist heftig, er ist roh, er hat dich gequält, so daß du vor der Zeit alt geworden bist. Weshalb soll er unser Herr sein? Er benimmt sich ja wie ein Verrückter. Weshalb soll ich ihn ehren und achten? Er ist nicht gut, er ist nicht barmherzig. Ich weiß, daß er stark ist, er kann uns jeden beliebigen Tag totschlagen. Er kann uns aus dem Hause werfen, wann er will. Soll ich ihn deswegen lieben?«

Da aber war Frau Gustava plötzlich wie umgewandelt. Sie hatte Kraft und Mut und sprach mit großer Bestimmtheit: »Nimm dich in acht, Marianne, ich glaube fast, dein Vater hatte recht, als er dich im Winter ausschloß. Du sollst sehen, du wirst hierfür gestraft werden. Du mußt es lernen zu dulden, ohne zu hassen, Marianne, zu leiden, ohne dich zu rächen!«

»Ach, Mutter, ich bin so unglücklich!«

Gleich darauf kam die Entscheidung. Von der Diele her vernahmen sie einen schweren Fall.

Sie erfuhren niemals, ob Melchior Sinclaire auf der Treppe gestanden und durch das geöffnete Eßstubenfenster Mariannens Worte gehört hatte, oder ob nur die körperliche Anstrengung den Schlaganfall herbeigeführt hatte. Als sie hinauskamen, lag er besinnungslos da. Sie wagten niemals, nach der Veranlassung zu fragen. Er selbst ließ sich niemals etwas darüber merken. Marianne wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, daß sie sich unfreiwillig gerächt hatte. Aber der Anblick des Vaters, der dort auf derselben Treppe lag, wo sie gelernt hatte ihn zu hassen, nahm auf einmal die Bitterkeit aus ihrem Herzen.

Er kam bald wieder zum Bewußtsein, und als er sich ein paar Tage ruhig verhalten hatte, war er wieder der Alte – und doch ein ganz anderer.

Marianne sah die Eltern Arm in Arm im Garten lustwandeln. Das taten sie jetzt immer. Er ging nie mehr allein und verreiste niemals. Wenn Besuch kam, so ward er verstimmt, wie über alles, was ihn von seiner Frau trennte. Das Alter war plötzlich über ihn gekommen. Er konnte sich nicht dazu entschließen, einen Brief zu schreiben. Seine Frau mußte es tun. Er entschied nicht das geringste auf eigene Hand, sondern fragte sie nach allem und ließ alles so geschehen, wie sie selber es bestimmte. Und er war stets sanft und freundlich. Er fühlte selber, wie sehr er sich verändert hatte und wie glücklich seine Frau darüber war. »Sie hat jetzt gute Tage«, sagte er eines Tages zu Marianne und zeigte auf Frau Gustava.

»Ach, lieber Melchior,« rief sie aus, »du weißt, ich sähe es weit lieber, daß du wieder gesund würdest!«

Und das wünschte sie sicher. Es war ihre größte Freude, von dem starken Gutsherrn zu erzählen, wie er in den Tagen seiner Kraft gewesen war. Sie erzählte, wie er es vertragen konnte, in ewigem Saus und Braus zu leben, besser als irgendeiner der Ekebyer Kavaliere, wie er Geschäfte abschloß und viel Geld verdiente gerade dann, wenn sie glaubte, daß er sie in seiner Wildheit um Haus und Hof bringen würde. Marianne aber wußte, daß sie trotz all ihrer Klagen glücklich war. Ihrem Manne alles sein zu dürfen, das genügte ihr. Sie sahen beide alt aus, gebrochen vor der Zeit. Marianne meinte sehen zu können, wie sich ihr Leben mit der Zeit gestalten würde. Er würde nach und nach schwächer und schwächer werden, ein Schlaganfall nach dem andern würde ihn immer hilfloser machen, und sie würde um ihn sein und ihn pflegen, bis der Tod sie schied. Das Ende konnte ja aber in weiter Ferne liegen; Frau Gustava konnte ihr Glück noch eine Zeitlang behalten. So mußte es sein, meinte Marianne, das Leben schuldete ihr noch so viel.

Auch mit ihr selber war es besser geworden. Es war keine hoffnungslose Verzweiflung, die sie zwang, sich zu verheiraten, um einen andern Herrn zu finden. Ihr wundes Herz hatte Ruhe gefunden. Der Haß hatte es durchsaust wie die Liebe, aber sie dachte nicht mehr an die Qualen, die sie dadurch erlitten hatte. Sie mußte erkennen, daß sie ein wahrerer, größerer, reicherer Mensch geworden war als ehemals; weshalb sollte sie da das Geschehene ungeschehen wünschen? Führte vielleicht jedes Leiden zu etwas Gutem? Konnte sich noch alles zum Glück wenden? Sie hatte angefangen, alles das zum Guten zu rechnen, was dazu beitragen konnte, sie zu einem höheren Grad der Menschlichkeit zu entwickeln. Die alten Lieder hatten nicht recht. Der Kummer war nicht das einzige, was von Bestand war. Sie wollte nun fortreisen und versuchen, einen Platz zu finden, wo sie Nutzen schaffen konnte. Wäre ihr Vater noch so gewesen wie früher, so würde er ihr niemals gestattet haben, ihre Verlobung aufzuheben. Jetzt hatte Frau Gustava mit milder Hand die Sache geordnet. Marianne hatte sogar die Erlaubnis erhalten, Baron Adrian das Geld zu geben, dessen er bedurfte.

Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken – jetzt war sie ja frei! Er hatte sie mit seiner Lebenslust und Kühnheit stets an Gösta erinnert, jetzt wollte sie ihn wieder fröhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflügen und säen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, daß er eine schöne Braut an den Traualtar führte.

Unter solchen Gedanken setzt sie sich hin und schreibt, um ihm seine Freiheit zurückzugeben. Sie schreibt sanfte, eindringliche Worte, Vernunft in Scherz gehüllt und dabei doch so, daß er verstehen kann, wie ernst sie es meint.

Während sie noch schreibt, ertönt Hufschlag auf der Landstraße.

»Mein lieber Ritter Sonnenschein,« denkt sie, »das ist das letztemal!«

Gleich darauf tritt der Baron bei ihr ein.

»Aber Adrian, kommst du hier herein!« Und sie sieht entsetzt all die Unordnung an.

Er wird ganz verlegen und stammelt einige Worte der Entschuldigung.

»Ich bin gerade im Begriff, dir zu schreiben«, sagt sie. »Schau her, du kannst es ja gleich lesen.«

Er nimmt den Brief, und sie beobachtet ihn, während er liest. Sie sehnt sich danach, sein Antlitz vor Freude aufleuchten zu sehen. Aber er hat nicht lange gelesen, als Purpurröte sein Antlitz übergießt; er wirft den Brief auf den Boden, stampft darauf und flucht, als solle der Himmel einstürzen.

Da geht ein leises Beben durch Marianne. Sie ist kein Anfänger im Studium der Liebe, aber bisher hat sie diesen unerfahrenen Knaben, dies große Kind nicht verstanden.

»Adrian, lieber Adrian,« sagt sie, »was für eine Komödie hast du mir vorgespielt? Komm und erzähle mir die Wahrheit!«

Er kam und war nahe daran, sie mit seinen Liebkosungen zu ersticken. Armer Junge! Wie hatte er sich gesehnt, wie hatte er gelitten!

Nach einer Weile schaute sie aus dem Fenster. Da ging Frau Gustava noch immer und redete mit dem großen Gutsherrn über Blumen und Vögel, und hier saß sie und sprach von Liebe. »Das Leben hat uns beide seinen harten Ernst fühlen lassen!« dachte sie und lächelte wehmütig. »Es wird uns trösten, daß wir jeder unser großes Kind bekommen, mit dem wir spielen können.«

Es war doch gut, daß sie geliebt werden konnte. Es tat doch wohl, ihn von der Zauberkraft flüstern zu hören, die von ihr ausging, und wie er sich über das schämte, was er in seiner ersten Unterredung mit ihr gesagt hatte. Er ahnte damals nicht, welche Macht sie besaß. Ach, kein Mann konnte in ihrer Nähe weilen, ohne sie zu lieben, aber sie habe ihn eingeschüchtert, er sei sich so wunderlich nichtig vorgekommen.

Dies war kein Glück und auch kein Unglück, aber sie wollte versuchen, das Leben mit diesem Manne zusammen zu leben.

Sie fing an, sich selbst zu verstehen und dachte an die Worte des alten Liedes von der Turteltaube, dem Vogel der Sehnsucht: »Sie trinkt niemals das klare Wasser, sie macht es erst trübe mit ihrem Fuß ...«, damit es besser zu ihrem traurigen Sinn passen möge. So sollte auch sie nicht an die Quelle des Lebens kommen und das klare, unvermischte Glück trinken. Von Wehmut getrübt – so war das Leben am besten für sie.

 

Der Tod, der Befreier

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, kam im August, als die Nächte bleich vom Mondschein waren, zu Hauptmann Ugglas Heim. Aber er wagte es nicht, geradeswegs in das gastfreie Haus zu treten; denn derer, die ihn lieben, sind nur gar wenige.

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hat ein mutiges Herz. Es ist seine Lust, von glühenden Kanonenkugeln getragen durch die Luft zu reiten. Er nimmt die pfeifende Granate auf den Nacken und lacht, wenn sie springt und die Splitter umherfliegen. Er schwingt sich im Gespenstertanz auf den Kirchhöfen und scheut nicht die Pestsäle der Hospitäler, aber er zittert an der Schwelle des Redlichen, an der Tür des Guten. Denn er will nicht mit Tränen, sondern mit Freuden begrüßt werden, er, der die Geister aus den Banden des Schmerzes befreit, der sie von dem bedrückenden Staub befreit, der sie das freie, herrliche Leben im Weltenraum erproben läßt.

In den alten Hain hinter dem Wohnhause, wo noch heutzutage schlanke, weißstämmige Birken wetteifern, den dünnen Laubbüscheln an ihren Wipfeln das Licht des Himmels zu verschaffen, dort schlich der Tod sich ein. In diesem Hain, der damals jung und voll verbergenden Grüns war, versteckte mein bleicher Freund sich, während die Sonne am Himmel stand; in der Nacht aber stand er am Waldesrande, weiß und bleich, mit seiner Sense, in der der Mond sich spiegelte.

O Eros! Du warst der Gott, dem damals der Hain gehörte. Die Alten wissen davon zu erzählen, wie ehedem die liebenden Paare seine Ruhe aufsuchten. Und noch heutzutage, wenn ich an Berga vorübergehe, ärgerlich über die lästigen Hügel und den erstickenden Staub, so freue ich mich über den Anblick des Hains mit den jetzt spärlichen weißen Stämmen, der von der Erinnerung an die Liebe junger, schöner Menschen widerstrahlt.

Nun aber war es der Tod, der dort stand, und die Tiere der Nacht sahen ihn. Abend für Abend hörten die Bewohner von Berga, wie der Wolf heulte, um sein Kommen zu melden. Die Natter schlängelte sich auf den Kieswegen bis an das Wohnhaus hinan. Sie konnte nicht sprechen, aber sie verstanden wohl, daß sie kam als Vorbote des Gewaltigen. Und im Apfelbaum unter Frau Ugglas Fenster ließ die Eule ihr Geschrei ertönen. Denn alles in der Natur kennt den Tod und erbebt.

So geschah es denn, daß der Amtmann und seine Frau aus Munkerud, die im Broer Pfarrhof zum Gastmahl gewesen waren, gegen zwei Uhr in der Nacht an Berga vorüberkamen und ein Licht im Fenster des Fremdenzimmers stehen und brennen sahen. Sie sahen ganz deutlich die gelbe Flamme und das weiße Licht und erzählten später voller Verwunderung von dem Licht, das in der Sommernacht gebrannt hatte.

Da lachten die fröhlichen jungen Damen auf Berga und sagten, Amtmanns hätten Gespenster gesehen, denn die Talglichter daheim bei ihnen seien schon seit dem März aufgebraucht; und der Hauptmann schwur heilig und teuer, daß seit Wochen und Tagen niemand im Fremdenzimmer gewohnt habe; aber die Frau des Hauptmanns schwieg und erbleichte, denn dies weiße Licht mit der klaren Flamme pflegte sich stets zu zeigen, wenn jemand in ihrer Familie von dem Tode, dem Befreier, erlöst werden sollte.

Bald darauf, eines Tages im strahlenden August, kam Ferdinand von seinem Vermessungsdienst in den nördlichen Wäldern heim. Er kam bleich und krank zurück mit einem unheilbaren Lungenleiden, und sobald seine Mutter ihn sah, wußte sie, daß er sterben müsse.

So sollte er denn von hinnen gehen, dieser gute Sohn, der seinen Eltern niemals den geringsten Kummer bereitet hatte. Der Jüngling sollte die Luft und die Freude dieser Welt verlassen und seine schöne, geliebte Braut, die seiner harrte, und die reichen Besitzungen, die dröhnenden Eisenwerke, die sein Eigentum hatten werden sollen.

Endlich, als mein bleicher Freund einen Mondwechsel gewartet hatte, faßte er Mut und begab sich eines Nachts nach dem Wohnhause. Er wußte, daß die Bewohner dort dem Hunger und der Not fröhlich ins Auge sahen, weshalb sollten sie ihn denn nicht mit Freuden empfangen?

Leise ging er den Kiesweg hinauf und warf einen dunklen Schatten über den Rasenplatz, wo die Tauperlen im Mondschein glitzerten. Er kam nicht als fröhlicher Schnitter mit Blumen um den Hut und den Arm um die Taille eines jungen Mädchens geschlungen. Er ging gebeugt und sah abgezehrt aus und hielt die Sense in den Falten des Mantels verborgen, während Eulen und Fledermäuse ihn umflatterten.

In jener Nacht hörte Frau Uggla, die wach lag, daß jemand ans Fenster pochte, und sie richtete sich im Bett auf und fragte: »Wer klopft da?«

Und die Alten erzählen, daß der Tod ihr antwortete: »Der Tod klopft.«

Da stand sie auf und öffnete das Fenster und sah Fledermäuse und Eulen im Mondlicht flattern, den Tod aber sah sie nicht.

»Komm«, sagte sie halblaut; »Freund und Befreier, weshalb hast du so lange gezögert? Ich habe gewartet, ich habe gerufen. Komm und erlöse meinen Sohn.«

Da glitt der Tod ins Haus, froh wie ein entthronter König, der in seinem Greisenalter seine Krone zurückerhält, froh wie ein Kind, das zum Spielen gerufen wird.

Am nächsten Tage setzte Frau Uggla sich an das Krankenbett ihres Sohnes und sprach mit ihm über die Seligkeit der befreiten Geister und über ihr herrliches Leben.

»Sie arbeiten«, sagte sie, »sie wirken. Welche Künstler, mein Sohn, welche Künstler! Wenn du zu ihnen hinaufgelangst, so sage mir, was du dann werden willst? Einer der Bildhauer ohne Meißel, die Rosen und Lilien bilden, einer der Meister des Abendrots? Und wenn die Sonne in all ihrer Schönheit untergeht, will ich dasitzen und denken: das ist Ferdinands Werk!

»Mein teurer Sohn, bedenke, wie viel da zu sehen, wie viel da zu tun ist! Denke an alle die Samenkörner, die im Frühling zum Leben erweckt werden sollen, an alle die Stürme, die gelenkt werden, an die Träume, die entsendet werden sollen! Und denke an die langen Reisen durch den Himmelsraum, von Welt zu Welt!

»Denke an mich, mein teurer Junge, wenn du so viel Schönes zu sehen bekommst! Deine arme Mutter bekommt niemals etwas anderes zu sehen als Wermland.

»Aber eines Tages gehst du zum lieben Gott hinein und bittest ihn, ob er dir nicht eine der kleinen Welten geben will, die im Himmelsraum umherrollen, und er wird sie dir geben. Wenn du sie erhältst, so ist sie finster und kalt, voller Abgründe und Felsblöcke, und es wachsen dort keine Blumen, es leben dort keine Tiere. Aber du arbeitest auf dem Stern, den Gott dir gegeben hat. Du schaffst ihm Licht und Wärme und Luft, du bringst Pflanzen und Nachtigallen und helläugige Gazellen dahin, du läßt Gießbäche in die Abgründe strömen, du türmst Berge auf und besäest die Ebenen mit den schönsten roten Rosen.

»Und wenn ich einst sterbe, Ferdinand, wenn meine Seele vor der langen Reise erbebt und sich vor dem Abschied von den bekannten Gegenden fürchtet, da sitzest du und wartest vor dem Fenster in einem mit Paradiesvögeln bespannten Wagen, in einem Wagen aus schimmerndem Gold, mein Ferdinand.

»Und meine arme, unruhige Seele wird in deinen Wagen aufgenommen und sitzet nun neben dir, geehrt wie eine Königin. Und dann fahren wir durch den Himmelsraum, vorbei an den strahlenden Welten, und wenn wir in die Nähe dieser Himmelswohnungen kommen und sie immer herrlicher werden, da frage ich, die ich es nicht besser weiß: Wollen wir nicht hier oder dort bleiben?

»Aber du lachst still für dich und treibst das Vogelgespann an. Endlich kommen wir zu dem kleinsten von allen Weltkörpern, aber zu dem schönsten, den ich je gesehen habe, und dort halten wir vor einem goldenen Schloß, und du läßt mich eintreten in das ewige Heim der Freude.

»Dort sind die Vorratskammern gefüllt und die Bücherschränke. Der Tannenwald steht dort nicht wie hier auf Berga und beschattet die ganze schöne Welt, sondern ich schaue hinaus über große Meere und sonnenbeschienene Ebenen, und tausend Jahre sind wie ein Tag.«

Und dann starb Ferdinand, schwelgend in lichten Bildern, der künftigen Herrlichkeit entgegenlächelnd.

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hatte nie etwas so Schönes erlebt. Denn wohl war Ferdinand Ugglas Todeslager von weinenden Menschen umstanden, der Kranke selber aber lächelte dem Manne mit der Sense zu, als er sich auf den Rand seines Bettes setzte, und seine Mutter lauschte seinem Todesröcheln wie einer süßen Musik. Sie zitterte, daß der Tod nicht imstande sein würde, sein Werk zu vollenden, und als alles vorbei war, traten ihr Tränen in die Augen, aber es waren Freudentränen, die auf die erstarrten Züge ihres Sohnes fielen.

Niemals ward meinem bleichen Freund so viel Ehre erzeigt wie bei Ferdinand Ugglas Begräbnis. Hätte er es gewagt, sich zu zeigen, da wäre er in federgeschmücktem Barett und mit goldgesticktem Mantel erschienen und hätte vor dem Leichenzug her den Kirchhofsgang entlang getanzt, nun aber saß er, der Alte, Einsame, in seinem verschlissenen schwarzen Mantel zusammengekauert auf der Kirchhofsmauer und sah den Zug kommen.

O, es war ein wunderliches Leichenbegängnis! Sonne und lichte Wolken machten den Tag strahlend, lange Reihen von Roggenhocken schmückten die Felder. Die Sommeräpfel im Garten des Propsthofes schimmerten durchsichtig und klar, und im Garten des Küsters strahlten Nelken und Georginen.

Es war ein wunderlicher Leichenzug, der die Lindenallee hinabging. Vor dem blumengeschmückten Sarge schritten schöne Kinder einher und streuten Blumen. Da waren keine Trauerkleider, keine Kreppflore, keine Schneppenhauben zu erblicken, denn die Mutter hatte es so gewollt, daß er, der heiter gestorben, nicht von einem traurigen Leichenzuge, sondern von einem glänzenden Hochzeitszuge nach der guten Freistätte geleitet werden sollte.

Dem Sarge zunächst ging Anna Stjärnhök, die schöne, strahlende Braut des Verstorbenen. Sie hatte den Brautkranz auf ihr Haupt gesetzt, sich in den Brautschleier gehüllt und ein Brautgewand von weißer, schimmernder Seide mit langer Schleppe angelegt. So geschmückt ging sie, um dem Grabe, um einem dahingeschiedenen Bräutigam geweiht zu werden.

Und nach ihr kam Paar auf Paar, stattliche alte Damen und Herren. Die schönen, vornehmen Frauen kamen mit schimmernden Spangen und Broschen, mit milchweißen Perlhalsgeschmeiden und Armbändern aus Gold. Die Federn in ihren Turbanen ragten hoch auf zwischen dem Seidenstoff und den Spitzen, und von ihren Schultern wogten die dünnen seidenen Schals, die sie einst als Brautgeschenk erhalten hatten, über bunte, seidene Kleider hinab. Und die Männer kamen in ihrem schönsten Staat mit bauschenden Jabots, in Leibröcken mit hohen Kragen und vergoldeten Knöpfen und mit Westen aus steifem Brokat oder reich gesticktem Samt. Es war ein Hochzeitszug: die Herrin von Berga hatte es so gewollt.

Sie selber ging dicht hinter Anna Stjärnhök am Arme ihres Gatten. Hätte sie ein Kleid aus schimmerndem Brokat besessen, sie würde es angelegt haben, hätte sie Geschmeide und einen prachtvollen Turban ihr eigen genannt, sie würde sie getragen haben an dem Ehrentage ihres Sohnes. Nun aber hatte sie nichts als dies schwarzseidene Kleid und diese gelben Spitzen, die sie auf so vielen Festen getragen hatte, und die trug sie auch auf diesem Fest.

Obwohl die Gäste mit Pomp und Pracht zum Begräbnis kamen, blieb doch kein Auge trocken, während sie bei leisem Glockengeläute zum Grabe hinauswanderten. Männer und Frauen weinten, nicht so sehr über den Toten wie über sich selbst. Siehe, da ging die Braut, dort trug man den Bräutigam, da wanderten sie selber festlich geschmückt – wo ist der Mensch, der auf Gottes grüner Erde wandelt und nicht weiß, daß er dem Kummer, der Sorge, dem Unglück, dem Tode anheimgefallen ist? Sie gingen einher und weinten bei dem Gedanken, daß nichts in der Welt imstande sei, sie zu beschützen.

Die Mutter weinte nicht, sie war aber auch die einzige, deren Augen trocken blieben.

Als das Ritual verlesen und das Grab zugeschüttet war, kehrten alle zu den Wagen zurück. Nur Frau Uggla und Anna Stjärnhök blieben am Grabe zurück, um dem Toten ein letztes Lebewohl zu sagen. Die Alte hockte sich auf den Grabhügel, und Anna setzte sich neben sie.

»Siehe,« meinte Frau Uggla, »ich habe zu Gott gesagt: Laß den Tod, den Befreier, kommen und meinen Sohn holen, laß ihn den, den ich am heißesten geliebt habe, mit sich in die stillen Wohnungen des Friedens nehmen, es sollen nur Freudentränen in meine Augen kommen; mit Hochzeitsgepränge will ich ihn zu Grabe geleiten, und meinen roten Rosenbusch, den reichblühenden, der vor meinem Schlafstubenfenster steht, will ich ihm auf den Friedhof pflanzen! Und nun ist es geschehen, mein Sohn ist tot. Ich habe den Tod wie einen Freund begrüßt, habe ihn bei den zärtlichsten Namen gerufen, ich habe Freudentränen über das erstarrte Antlitz meines Sohnes geweint, und im Herbst, wenn die Blätter fallen, pflanze ich ihm meinen roten Rosenbusch aufs Grab. Aber du, die du hier an meiner Seite sitzest, weißt du, weshalb ich solche Gebete zu Gott emporgesandt habe?«

Sie sah Anna Stjärnhök an, das junge Mädchen aber saß still und bleich an ihrer Seite. Vielleicht kämpfte sie, um die innere Stimme zur Ruhe zu bringen, die schon dort, auf dem frischen Grabe des Toten, ihr zuzuflüstern begann, daß sie nun endlich frei sei.

»Du trägst schuld daran«, sagte Frau Uggla.

Da sank das junge Mädchen zusammen wie unter einem Keulenschlag. Sie erwiderte kein Wort.

»Anna Stjärnhök, du warst einstmals stolz und eigensinnig, da spieltest du mit meinem Sohn, nahmst ihn und verstießest ihn. Was war dazu zu sagen? Er mußte sich dareinfinden so gut wie alle die andern. Vielleicht haben auch wir so wie er dein Geld ebensosehr geliebt wie dich. Aber du kamst wieder zurück, du kamst mit reichem Segen in unser Heim, du warst milde und sanftmütig, stark und gut, als du wiederkamst. Du umgabst uns mit Liebe, du machtest uns so glücklich, Anna Stjärnhök, und wir armen Menschen lagen dir zu Füßen.

»Und doch, und doch habe ich gewünscht, daß du nicht gekommen wärest. Da hätt ich Gott nicht zu bitten brauchen, daß er das Leben meines Sohnes verkürzen möge. Um die Weihnachtszeit hätte er deinen Verlust überwinden können, aber nachdem er dich kennen gelernt hatte, so wie du nun bist, hatte er nicht die Kraft dazu.

»Du mußt wissen, Anna Stjärnhök, du, die du heute dein Brautgewand angelegt hast, um meinem Sohn das Geleite zu geben, du würdest niemals in dem Gewande mit ihm vor dem Traualtar gestanden haben, denn du liebtest ihn nicht.

»Ich sah es, du kamst nur aus Barmherzigkeit, denn du wolltest unser hartes Schicksal mildern. Du liebtest ihn nicht. Glaubst du nicht, daß ich die Liebe kenne, daß ich sie sehe, wo sie vorhanden ist, daß ich es fühle, wenn sie fehlt? Da dachte ich: Möge Gott meinen Sohn zu sich nehmen, ehe ihm die Augen geöffnet sind!

»Ach, hättest du ihn doch geliebt! Wärest du doch niemals zu uns gekommen, um unser Leben zu versüßen, wenn du ihn nicht liebtest! Ich kannte meine Pflicht: wenn er nicht gestorben wäre, hätte ich ihm sagen müssen, daß du ihn nicht liebtest, daß du dich mit ihm verheiraten wolltest, weil du die Barmherzigkeit selbst bist. Ich hätte ihn zwingen müssen, dich freizugeben, und dann wäre sein Lebensglück vernichtet gewesen. Siehst du, deswegen bat ich Gott, daß er sterben möge, damit ich den Frieden seines Herzens nicht zu zerstören brauchte. Und ich habe mich über seine eingefallenen Wangen gefreut, habe mich über seine schweren Atemzüge gefreut, habe gezittert, daß der Tod sein Werk nicht vollenden würde.«

Sie schwieg und wartete auf Antwort; aber Anna Stjärnhök konnte noch nicht sprechen, sie lauschte noch zu vielen Stimmen in der Tiefe der Seele.

Da rief Frau Uggla ganz verzweifelt aus: »O, wie glücklich sind doch die, die über ihre Toten trauern, die Ströme von Tränen vergießen können. Ich muß mit trocknen Augen am Grabe meines Sohnes stehen, ich muß mich über seinen Tod freuen. Wie unglücklich bin ich doch!«

Da preßte Anna Stjärnhök die Hände hart gegen ihre Brust. Sie gedachte jener Winternacht, da sie bei ihrer jungen Liebe geschworen hatte, diesen armen Menschen ein Trost und eine Stütze zu sein, und sie erbebte. War denn alles vergebens gewesen, war ihr Opfer eines von denen, das Gott nicht wohlgefällig ist? Sollte sich alles zum Fluch wenden?

Aber wenn sie alles opferte, würde Gott da nicht dem Werke seinen Segen geben und sie zur Glücksspenderin, zur Stütze, zur Hilfe für Menschen machen?

»Was ist denn erforderlich, damit du über deinen Sohn trauern kannst?« fragte sie.

»Es ist erforderlich, daß ich meinen Augen nicht mehr glaube. Wenn ich glaubte, daß du meinen Sohn liebtest, da würde ich über seinen Tod trauern.«

Da erhob sich das junge Mädchen mit von Begeisterung strahlenden Augen. Sie riß ihren Brautschleier ab und breitete ihn über das Grab, sie nahm Kranz und Krone ab und legte beides auf den Schleier.

»Sieh jetzt, wie ich ihn liebe!« rief sie aus. »Ich schenke ihm meinen Kranz und meine Krone. Ich weihe mich ihm! Niemals will ich einem andern angehören!«

Da erhob sich auch Frau Uggla. Sie stand eine Weile schweigend da; ihr ganzer Körper bebte, ihr Antlitz verzog sich, aber schließlich kamen die Tränen, die Tränen des Schmerzes.

Doch mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, schauderte, als er diese Tränen erblickte; so war er denn auch hier nicht mit Freude begrüßt, nicht einmal hier hatte man sich von Herzen über ihn gefreut.

Er zog die Kapuze tief über das Gesicht, glitt leise von der Kirchhofsmauer herunter und verschwand zwischen den Kornhocken auf dem Felde.

 

Die Dürre

Wenn tote Dinge lieben können, wenn Erde und Wasser einen Unterschied zwischen Freunden und Feinden machen können, dann möchte ich gern ihre Liebe besitzen. Ich möchte gern, daß die grüne Erde meine schweren Schritte nicht als schwere Last empfände. Ich möchte gern, daß sie es mir leichten Herzens verziehe, daß sie um meinetwillen mit Pflug und Egge verwundet wird, daß sie sich meinem toten Körper willig öffnete. Und ich möchte gern, daß die Welle, deren blanken Spiegel meine Ruder zertrümmern, dieselbe Geduld mit mir hätte, wie eine Mutter sie mit einem unruhigen Kinde hat, wenn es auf ihren Schoß klettert, ohne sich daran zu kehren, daß es ihr seidenes Sonntagskleid zerknittert. Ich möchte in freundschaftlichem Verhältnis zu der klaren Luft stehen, die über den blauen Bergen zittert, und zu der strahlenden Sonne und den schönen Sternen. Denn es will mir oft scheinen, als wenn die toten Dinge mit den lebenden fühlen und leiden. Die Schranke zwischen ihnen und uns ist nicht so groß, wie die Menschen glauben. Wo ist der Teil von dem Staub der Erde, der nicht mit im Kreislauf des Lebens gewesen ist? Ist nicht der wirbelnde Staub der Landstraße einstmals als weiches Haar geliebkost, als gute, hilfreiche Hände geliebt worden? Ist nicht das Wasser in der Wagenspur ehedem als Blut durch pochende Herzen geströmt?

Der Geist des Lebens wohnt noch in den toten Dingen. Was hört er, während er in traumlosem Schlaf schlummert? Gottes Stimme hört er – achtet er auch auf die der Menschen?

Ihr Kinder später Zeiten, habt ihr es nicht gesehen? Wenn Unfriede und Haß auf Erden herrschen, müssen auch die toten Dinge vielfach leiden. Da wird die Welle wild und raubgierig wie ein Wegelagerer, da wird das Feld geizig wie ein Geizhals. Aber wehe dem, um dessentwillen der Wald seufzt und die Berge weinen.

Es war ein merkwürdiges Jahr, in dem die Kavaliere regierten. Es sieht mir fast so aus, als wenn die Unruhe der Menschen damals die Ruhe der toten Dinge zerstört hätte. Wie soll ich die Ansteckung bezeichnen, die sich in jenen Tagen über das Land verbreitete? Sollte man nicht glauben, daß die Kavaliere die Götter der Umgegend waren, daß alles von ihrem Geist beseelt war? Von dem Geist des Abenteuers, der Sorglosigkeit, der Zügellosigkeit.

Könnte man das alles erzählen, was sich in jenem Jahr unter den Menschen zutrug, die am Ufer des Löfsees wohnten, da würde die Welt sich wundern. Denn da erwachte alte Liebe, aber auch alter Haß entzündete sich aufs neue. Da flammten alle auf in Begierde nach der Schönheit des Lebens: Tanz und Scherz, Spiel und Trunk ergriffen sie. Da offenbarte sich alles das, was im tiefsten Innern der Seele verborgen liegt.

Von Ekeby ging die Ansteckung dieser Unruhe aus; sie verbreitete sich erst über die Eisenwerke und Begüterungen und verleitete die Menschen zu Unrecht und Sünde. So weit haben wir sie bis zu einem gewissen Grad verfolgen können, weil die Alten die Erinnerung an die Begebenheiten auf einigen der größeren Güter bewahrt haben, wie sie sich aber weiter unter der Bevölkerung verbreitete, davon wissen wir nur wenig. Niemand aber kann daran zweifeln, daß die Unruhe der Zeit von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte schlich. Wo ein Laster verborgen glimmte, da kam es zum Ausbruch; wo ein kleiner Riß zwischen Mann und Frau vorhanden war, da gestaltete er sich zur Kluft; wo sich eine große Tugend oder ein starker Wille verbargen, da mußten die ebenfalls ans Licht. Denn nicht alles, was geschah, war schlecht; aber die Zeit war derartig, daß das Gute zuweilen ebenso verderblich ward wie das Schlechte. Es war so, als wenn der Sturm tief in den Wald einhaut – ein Baum stürzt über den andern, eine Tanne reißt im Fallen die andere mit um, und selbst das Unterholz wird von den stürzenden Riesen mit ins Verderben gezogen.

Ja, wahrlich, die Tollheit griff auch unter den Bauern und dem Gesinde um sich. Überall wurden die Herzen wild und die Köpfe verwirrt. Niemals war es beim Tanz am Kreuzwege so munter hergegangen, niemals war die Biertonne so schnell geleert worden, niemals hatte der Branntweinkessel so viel Korn verschlungen. Niemals waren die Gastmähler so zahlreich, niemals war der Raum zwischen dem bösen Wort und dem Messerstich kürzer gewesen.

Es war eine starke Hand, die die Zügel fallen ließ, als die Majorin Ekeby verließ. Berauscht von der Freiheit stürmten die Menschen dahin zu Zerstörung und Verwirrung. Ein Herr und Meister war ihnen noch geblieben. Ein Herr, den sie liebten – das war der Branntwein. Denn dies war in den schweren Jahren, als man noch keine Rettung, keine Hoffnung für die Bauern erblickte, als man zu glauben begann, daß der Branntwein sie vernichten, sie von der Erde ausrotten werde.

Aber die Unruhe beschränkte sich nicht auf die Menschen. Sie verbreitete sich auf alles Lebende. Niemals hatten Wölfe und Bären schlimmer gehaust, niemals hatten Füchse und Eulen unheimlicher geschrieen oder frecher geraubt, niemals hatten sich die Schafe häufiger im Walde verirrt, niemals hatten so viele Krankheiten unter dem kostbaren Vieh geherrscht.

Wer den Zusammenhang der Dinge sehen will, muß aus den Städten fortziehen und in einer einsamen Hütte am Waldesrande wohnen. Er muß die Nacht hindurch den Kohlenmeiler hüten oder Tag und Nacht, einen ganzen hellen Sommermonat hindurch, auf den langen Seen leben, während das Holzfloß langsam nach dem Wenersee hinabgleitet; da wird er alle Zeichen in der Natur kennen und beachten lernen, da wird er verstehen, wie abhängig die toten Dinge von den lebenden sind. Er wird sehen, daß der Friede der toten Dinge gestört wird, sobald Unruhe auf Erden herrscht. Das weiß der Bauer. In solchen Zeiten löschen böse Geister den Meiler aus, zertrümmert die Meerjungfrau das Boot, kommen Krankheiten über die Menschen und Seuchen über das Vieh. Und so geschah es auch in diesem Jahr. Niemals hatte der Eisgang im Frühling so viel Schaden angerichtet. Die Mühle und die Schmiede von Ekeby waren nicht seine einzigen Opfer. Kleine Bäche, die sonst, wenn der Frühling ihnen Kräfte verliehen hatte, allerhöchstens imstande gewesen waren, eine leere Scheune fortzuschwemmen, richteten ihre Angriffe jetzt gegen ganze Gehöfte und spülten sie fort. Niemals hatte man gehört, daß die Gewitter schon vor Johannis so viel Schaden angerichtet hatten – nach Johannis merkte man nichts mehr davon, da kam die Dürre.

Solange die langen Tage währten, kam kein Regen. Von Mitte Juni bis Anfang September lag die ganze Gegend in ununterbrochenen Sonnenschein gebadet da.

Der Regen wollte nicht fallen, die Erde wollte keine Nahrung geben, der Wind wollte nicht wehen. Nur der Sonnenschein strömte auf die Erde herab. Ach, der schöne Sonnenschein, der lebenerweckende Sonnenschein – wie kann ich nur von seinem bösen Werke erzählen? Der Sonnenschein gleicht der Liebe; wer kennt nicht die Missetaten, die sie begangen hat, und wer ist imstande, sie nicht zu verzeihen? Der Sonnenschein gleicht Gösta Berling – er erfreut alle Menschen, deswegen schweigen alle von dem Übel, das er ihnen zugefügt hat.

Eine solche Dürre nach Johannis würde kaum in einer andern Gegend so unheilschwanger sein als gerade in Wermland. Dort aber war der Frühling spät gekommen. Das Gras war noch nicht sehr hoch und wurde auch nicht hoch. Dem Roggen fehlte es an Nahrung gerade zu der Zeit, als er blühen und Körner ansetzen sollte. Die Frühlingssaat, die zu jener Zeit das meiste Brot lieferte, trug dünne, kleine Ähren auf Halmen, die nicht länger als eine viertel Elle waren. Die spät gesäten Rüben wollten gar nicht wachsen, nicht einmal die Kartoffeln vermochten aus dieser versteinerten Erde Nahrung zu saugen.

In solchen Jahren fingen sie droben in den Waldhütten an sich zu ängstigen, und von den Bergen verbreitete sich die Angst bis zu der ruhigeren Bevölkerung in den Ebenen.

»Gottes Hand sucht jemand!« sagen die Bauern.

Und ein jeder schlägt sich vor die Brust und sagt: »Bin ich es? – Ach, Mutter, ach, Natur, bin ich es? Bleibt der Regen aus Unwillen über mich fort? Wird die strenge Erde aus Zorn über mich hart und trocken? Und strömt dieser ewige Sonnenschein in seiner Klarheit jeden Tag von einem wolkenlosen Himmel herab, um glühende Kohlen auf mein Haupt zu sammeln? Oder, wenn ich es nicht bin, wen sucht denn da die Hand Gottes?«

Während die Roggenkörner in den kleinen Ähren verschmachten, während die Kartoffeln keine Nahrung aus der Erde saugen können, während sich das Vieh mit roten Augen und nach Luft schnappend um die fast ausgetrockneten Brunnen schart, während die Angst vor der Zukunft das Herz zusammenschnürt, werden dort in der Gegend wunderliche Reden geführt.

»Eine solche Heimsuchung kommt nicht ohne Grund«, sagen die Leute. »Wen sucht Gottes Hand?«

Es war an einem Sonntag im August. Der Gottesdienst war beendet. In kleinen Gruppen wanderten die Leute über die sonnenheiße Landstraße dahin. Ringsumher erblickten sie versengte Wälder und eine verdorbene Ernte. Der Roggen stand in Hocken, aber die Garben waren dünn und die Ähren klein. Das Urbarmachen durch Absengen war in diesem Jahr eine leichte Arbeit gewesen, aber es war auch gar oft geschehen, daß die dürren Wälder Feuer gefangen hatten. Und was der Waldbrand verschont hatte, das hatten die Insekten verzehrt; die Tannen hatten ihre Nadeln verloren und standen kahl da wie ein Laubwald im Herbst, die Blätter der Birken hingen ausgefranst herab mit bloßgelegten Rippen und zerfressenen Blattflächen.

Den bekümmerten Gruppen fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff. Gar manche konnten erzählen, wie es in den Notjahren 1808 und 1809 und in dem kalten Winter 1812 gewesen war, als die Sperlinge totfroren. Die Hungersnot war ihnen nicht fremd, sie hatten ihr schreckliches Antlitz schon gesehen. Sie wußten, wie man Brot aus Rinde buk und die Kühe daran gewöhnte, Moos zu fressen.

Eine Frau hatte einen neuen Versuch gemacht, Brot aus Kronsbeeren und Gerstenmehl zu backen. Sie hatte eine Probe davon mit und ließ die Leute kosten. Sie war stolz auf ihre Entdeckung. Über ihnen allen aber schwebte dieselbe Frage, sie starrte aus aller Augen, sie schwebte auf aller Lippen: »Wen, o Herr, suchet deine Hand? Du strenger Gott, wer hat dir die Opfer des Gebets und der guten Werke vorenthalten, da du uns unser armseliges Brot entziehst?«

Eine harte Strafe von Gott war es, daß die Majorin nun in der Ferne weilte. Infolge des reichlichen Verdienstes, den zu ihrer Zeit der Eisentransport, das Holzfällen und dergleichen ergaben, hatten die Bewohner der Heide ihre vielhundertjährige Gewohnheit, Arbeit fern von der Heimat zu suchen, fast gänzlich abgelegt. Jetzt mußten die Jungen auswandern, aber es blieben doch noch immer genug zurück, die daheim sitzen und hungern mußten.

Ein Mann aus den finsteren Schären, die westwärts über Sundsbroen gezogen waren und die Brobyer Hügel hinanschritten, blieb einen Augenblick an dem Wege stehen, der zu der Wohnung des geizigen Pfarrers führte. Er nahm einen trockenen Zweig von der Erde und warf ihn auf den Weg zum Pfarrhaus.

»Trocken wie dieser Zweig sind die Gebete gewesen, die er zu Gott emporgesandt hat«, sagte der Mann.

Der ihm zunächst Gehende blieb ebenfalls stehen. Auch er nahm einen trockenen Zweig auf und warf ihn neben den andern.

»Wie der Pfarrer, so das Opfer«, sagte er.

Der dritte in der Schar folgte dem gegebenen Beispiel. »Er ist gewesen wie die Dürre. Reisig und Stroh – das ist alles, was er uns hat behalten lassen.«

Der vierte sagte: »Wir geben ihm wieder, was er uns gegeben hat.«

Und der fünfte: »Zu ewiger Schmach werfe ich ihm dies hin. Möge er hinwelken und verdorren wie dieser Zweig.«

»Dürres Futter für den Pfarrer, der die Dürre über uns gebracht hat«, sagte ein sechster.

Die Leute, die hinterdrein kommen, sehen und hören, was sie tun und sagen. Jetzt wird ihnen Antwort auf das, wonach sie so lange gefragt haben.

»Gebt ihm, was ihm zukommt! Er hat die Dürre über uns gebracht!« heißt es unter der Menge.

In dem Winkel zwischen den Wegen lag bald ein Haufe von dürren Zweigen und Stroh – der Schandhügel für den Pfarrer von Broby!

Das war die einzige Rache der Bevölkerung. Niemand erhob die Hand wider den Pfarrer oder sagte ein böses Wort zu ihm selber. Verzweifelte Herzen erleichterten sich teilweise von ihrer Last, indem sie dürre Zweige auf diesen Hügel warfen. Sie nahmen selber keine Rache. Sie zeigten dem Gott der Wiedervergeltung nur den Schuldigen an.

»Haben wir dir nicht gedient, wie wir sollten, so ist es die Schuld dieses Mannes. Sei barmherzig, Herr, und laß ihn allein leiden! Wir brandmarken ihn mit Schande und Entehrung. Wir sind nicht eins mit ihm.«

Es wurde sehr bald Sitte, daß jeder, der an dem Wege zum Pfarrhof vorüberkam, einen trockenen Zweig auf den Schandhügel warf. »Mögen Gott und die Menschen es sehen«, dachte jeder Vorübergehende. »Auch ich verachte ihn, der den Zorn Gottes über uns gebracht hat.«

Der alte Geizhals bemerkte gar bald den Hügel am Wegesrande. Er ließ ihn wegräumen – einige sagten, daß er seinen Herd damit heize. Am nächsten Tage hatte sich an derselben Stelle ein ebensolcher Hügel angesammelt, und sobald er den einen wegräumen ließ, wurde ein neuer aufgeworfen. Die dürren Zweige lagen da und sagten: »Schande, Schande über den Pfarrer von Broby!«

Es war in den warmen, trockenen Hundstagen. Schwer von Rauch, gesättigt von Brandgeruch, lag die Luft über der Gegend. Die Gedanken wurden verwirrt in den erregten Gehirnen. Der Pfarrer von Broby war zum Dämon der Dürre geworden. Es war den Bauern, als sitze der alte Geizhals da und bewache die Quellen des Himmels.

Bald ward sich der Pfarrer klar über die Ansicht der Gemeinde. Er verstand, daß man ihn als Urheber des Unglücks bezeichnete. Aus Zorn über ihn ließ Gott die Erde verschmachten. Die Schiffsbesatzung, die auf dem wilden Meer in Not war, hatte das Los geworfen. Er war der Mann, der über Bord sollte. Er versuchte, über sie und ihre trockenen Zweige zu lachen, als es aber eine Woche gewährt hatte, lachte er nicht mehr. Ach, welch eine Kinderei war dies doch! Er begriff sehr wohl, daß ein jahrelang verhaltener Haß nach Gelegenheit suchte, sich Luft zu machen. Nun ja – er war nicht an Liebe gewöhnt.

Milder wurde er dadurch nicht. Er hatte nach dem Besuch des alten Fräuleins vielleicht den Wunsch gehabt, sich zu ändern; jetzt konnte er es nicht. Er wollte sich nicht zwingen lassen, besser zu werden.

Allmählich aber wurde der Hügel ihm zu mächtig. Er mußte stets daran denken, und die Ansicht, die alle hegten, faßte auch bei ihm Wurzel. Es war das entsetzlichste Zeugnis, dies Abwerfen dürrer Zweige. Er betrachtete den Hügel und zählte die Zweige, die jeden Tag hinzugekommen waren. Der Gedanke hieran griff um sich und verdrängte alle andern Gedanken. Der Hügel besiegte ihn.

Mit jedem Tag, der verging, mußte er den Leuten mehr recht geben. Er fiel ab und ward im Laufe weniger Wochen ein Greis. Er bekam Gewissensbisse, so daß er ganz krank davon wurde. Aber es war ihm, als stehe das alles mit diesem Hügel im Zusammenhang. Es war ihm, als müßten die Gewissensbisse schweigen, als würde die Last des Alters wieder von ihm weichen, wenn nur der Hügel nicht mehr da wäre.

Schließlich saß er den ganzen Tag da und gab acht. Aber die Leute waren unbarmherzig, und in der Nacht wurden stets wieder neue Zweige auf den Hügel geworfen.


Eines Tages kam Gösta Berling des Weges gefahren. Der Pfarrer von Broby saß am Wegesrande, alt und abfällig. Er saß da und zerrte an den dürren Zweigen und legte sie zu Haufen und Reihen zusammen und spielte damit, als sei er wieder zum Kinde geworden. Gösta jammerte seines Elends.

»Was machen Sie denn da?« sagte er, schnell vom Wagen springend.

»Ach, ich sitze hier und suche die Zweige aus – eigentlich tue ich nichts.«

»Sie sollten nach Hause gehen, Herr Pfarrer, und hier nicht im Staub der Landstraße sitzen.«

»Es wird doch wohl das beste sein, wenn ich hier sitze.«

Da setzt sich Gösta zu ihm. »Es ist nicht so leicht, Pfarrer zu sein«, sagt er, als er eine Weile dagesessen hat.

»Hier unten läßt es sich doch aushalten, hier, wo Menschen sind«, sagt der Pfarrer. »Es ist weit schlimmer da oben.«

Gösta weiß wohl, was er sagen will. Er kennt diese Gemeinden im nördlichen Wermland, wo sich oft nicht einmal eine Wohnung für den Pfarrer findet, die großen Walddistrikte, wo die Finnen in den Rauchhütten wohnen, die armseligen Gegenden mit ein paar Menschen auf jede Meile, wo der Pfarrer der einzige Gebildete ist. In einer solchen Gemeinde hatte der Brobyer Pfarrer über zwanzig Jahre gewirkt.

»Dahin senden sie uns, wenn wir jung sind«, sagt Gösta. »Es ist unmöglich, das Leben dort zu ertragen. Und dann wird man für immer verdorben. Gar mancher ist dort oben zugrunde gegangen.«

»Dort«, sagt der Pfarrer von Broby, »verdirbt uns die Einsamkeit.«

»Man kommt«, fällt Gösta eifrig ein, »und redet und ermahnt und glaubt, daß alles gut werden kann, daß die Gemeinde bald auf besseren Bahnen wandeln wird.«

»Ja, so ist es!«

»Doch man merkt gar bald, daß Worte nichts nützen. Die Armut steht uns im Wege. Die Armut hindert jegliche Besserung.«

»Die Armut«, wiederholt der Pfarrer. »Die Armut hat mein Leben zerstört.«

»Ein junger Pfarrer«, fährt Gösta fort, »kommt da hinauf, arm wie alle die andern. Er sagt zu dem Trunkenbold: ‘Laß das Trinken!’«

»Da antwortet der Trunkenbold,« fällt ihm der Pfarrer in die Rede: »‘Gib mir etwas, das besser ist als Branntwein! Der Branntwein ist mir ein Pelz im Winter, er gibt mir Kühlung im Sommer. Der Branntwein ist mir eine warme Stube und ein weiches Bett. Gib mir dies alles, dann will ich das Trinken lassen.’«

»Und dann«, fährt Gösta fort, »sagt der Pfarrer zum Dieb: ‘Du sollst nicht stehlen’, und zu dem bösen Mann: ‘Du sollst deine Frau nicht schlagen’, und zu dem Abergläubischen: ‘Du sollst an Gott glauben und nicht an Gespenster und Kobolde!’ Der Dieb aber antwortet: ‘Gib mir Brot’, und der böse Mann sagt: ‘Mach uns reich, dann wollen wir den Unfrieden nachlassen’, und der Abergläubische: ‘Lehre mich etwas Besseres!’ Wer aber kann ihnen ohne Geld helfen?«

»Das ist wahr, das ist wahr! Jedes Wort ist wahr!« ruft der Pfarrer aus. »An Gott glaubten sie, mehr aber noch an den Teufel und an die Kobolde in den Bergen und an böse Geister. Alles Korn wanderte in den Branntweinkessel. Niemand konnte das Ende des Elends absehen. In den meisten der grauen Hütten war die Not zu Hause. Heimlicher Kummer machte die Zunge der Frauen bitter. Die Ungemütlichkeit im Hause trieb die Männer zum Trinken. Das Feld und das Vieh wußten sie nicht zu behandeln. Sie fürchteten den Edelmann und machten sich lustig über den Pfarrer. Was sollte man mit ihnen anstellen? Was ich von der Kanzel zu ihnen sprach, verstanden sie nicht. Was ich sie lehren wollte, glaubten sie nicht. Und niemand, mit dem man sich hätte beraten können, niemand, der mir helfen konnte, den Mut aufrechtzuerhalten.«

»Es gibt Geistliche, die es ausgehalten haben«, sagt Gösta. »Gottes Gnade ist so reich über einigen von ihnen gewesen, daß sie nicht als gebrochene Menschen von einem solchen Leben zurückgekehrt sind. Ihre Kräfte haben ausgereicht, sie haben die Einsamkeit, die Armut, die Hoffnungslosigkeit ertragen. Sie haben das wenige Gute ausgerichtet, was sie vermochten, und sind nicht verzweifelt. Solche Männer hat es stets gegeben, gibt es auch noch. Ich begrüße sie als Helden. Ich will sie ehren, solange ich lebe. Ich hätte es nicht durchführen können.«

»Ich vermochte es nicht«, sagt der Pfarrer.

»Der Pfarrer dort oben«, sagt Gösta nachdenklich, »beschließt, daß er ein reicher Mann, ein überaus reicher Mann werden will. Kein Armer kann das Böse bekämpfen. Und dann fängt er an, Geld zu sammeln.«

»Wenn er kein Geld sammelte, würde er anfangen zu trinken,« antwortete der Alte, »er sieht so viel Elend.«

»Oder er würde schlaff und träge werden und alle seine Kräfte einbüßen. Es ist gefährlich dort hinaufzukommen, wenn man nicht da geboren ist.«

»Er muß sich hart machen, um Geld zu sammeln. Anfänglich gibt er sich den Anschein, als wenn er es wäre, und schließlich wird es ihm zur Gewohnheit.«

»Er muß hart gegen sich und gegen andere werden«, fährt Gösta fort. »Es ist schwer, Geld zu sammeln. Er muß Haß und Verachtung erleiden, er muß frieren und hungern und sein Herz verhärten; es ist fast, als vergäße er, weshalb er angefangen hat zu sparen.«

Der Brobyer Pfarrer blickte scheu zu ihm auf. Er fragte sich, ob Gösta dort sitze und sich lustig über ihn mache. Aber Gösta war ganz Eifer und Ernst. Es war, als rede er seine eigene Sache.

»So ist es mir ergangen«, sagte der Alte leise.

»Aber Gott beschützt ihn«, fährt Gösta fort. »Er erweckt die Gedanken seiner Jugend in ihm, wenn er genug gesammelt hat. Er gibt dem Pfarrer ein Zeichen, wenn das Volk Gottes seiner bedarf.«

»Aber wenn der Pfarrer nun dem Zeichen nicht gehorcht, Gösta Berling?«

»Er kann ihm nicht widerstehen«, entgegnete Gösta mit strahlendem Lächeln. »Der Gedanke an die warmen Hütten, bei deren Bau er den Armen helfen soll, ist zu verlockend.«

Der Pfarrer sieht herab auf die kleinen Gebäude, die er aus den dürren Zweigen des Schandhügels aufgeführt hat. Je länger er mit Gösta redet, desto mehr fühlt er sich überzeugt, daß er recht hat. Er hatte stets den Gedanken gehabt, Gutes zu tun, wenn er einmal genug eingesammelt hätte. Er klammert sich daran fest; natürlich hatte er diesen Gedanken gehabt.

»Weshalb baut er denn keine Hütten?« fragt er scheu.

»Er schämt sich. Man könnte ja leicht glauben, daß er aus Furcht vor den Leuten täte, was er stets zu tun beabsichtigt hat.«

»Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß man ihn zwingen will; das ist der Grund.«

»Aber er kann doch im Verborgenen helfen. In diesem Jahr bedarf es vieler Hilfe. Er kann sich jemand verschaffen, der seine Gaben austeilt. Ich verstehe das alles!« ruft Gösta aus, und seine Augen strahlen. »In diesem Jahr sollen Tausende Brot von dem erhalten, den sie mit Flüchen überhäufen.«

»So soll es sein, Gösta!«

Ein Rausch überkam diese beiden, die es so wenig verstanden hatten, den Beruf auszufüllen, den sie erwählt hatten. Die Lust ihrer Jugend, Gott und den Menschen zu dienen, überkam sie von neuem. Sie schwelgten in den Wohltaten, die sie ausführen wollten. Gösta sollte der Gehilfe des Pfarrers sein.

»Vor allen Dingen müssen wir Brot schaffen«, sagte der Pfarrer.

»Und Schullehrer müssen wir schaffen. Wir lassen Landesvermesser kommen, die den Grund und Boden austeilen. Und dann sollen die Leute es lernen, ihre Äcker zu bestellen und das Vieh zu pflegen.«

»Wir wollen neue Wege bahnen und ein neues Dorf bauen.«

»Wir wollen unten am Gießbach Schleusen anlegen, dadurch wird der Weg zwischen dem Löfsee und dem Wenersee eröffnet.«

»All der Reichtum unserer Wälder wird zu doppeltem Segen werden, wenn der Weg zum Meere frei ist.«

»Die Flüche werden sich in Segenswünsche verwandeln«, ruft Gösta aus.

Der Pfarrer sieht auf. Sie lesen gegenseitig in ihren Blicken dieselbe glühende Begeisterung. Aber im selben Augenblick fällt ihr Auge auf den Schandhügel.

»Gösta,« sagt der Alte, »dies alles erfordert die Kräfte eines starken Mannes, ich aber bin dem Tode nahe. Du siehst, was mir am Leben zehrt.«

»Schaffen Sie es fort!«

»Wie soll ich das machen, Gösta Berling?«

Gösta tritt dicht an ihn heran und sieht ihm scharf in die Augen. »Bitten Sie Gott um Regen!« sagt er. »Sie sollen ja am Sonntag predigen. Bitten Sie Gott dann um Regen.«

Entsetzt sinkt der alte Pfarrer zusammen.

»Wenn es Ihr Ernst ist, wenn Sie nicht die Dürre übers Land gebracht haben, wenn Sie dem Höchsten nicht mit Ihrer Härte haben dienen wollen, so bitten Sie Gott um Regen. Das soll das Zeichen sein. Daraus wollen wir erkennen, ob Gott dasselbe will, was wir wollen.«

Als Gösta die Brobyer Hügel hinabfuhr, wunderte er sich über sich selber und über die Begeisterung, die ihn ergriffen hatte. Aber es konnte doch ein schönes Leben werden. Ja, nur nicht für ihn. Von seiner Hilfe wollten sie da oben nichts wissen.


In der Brobyer Kirche war die Predigt gerade beendet, und die gewöhnlichen Gebete waren verlesen. Der Pfarrer war im Begriff, die Treppe der Kanzel hinabzugehen. Aber er zögerte. Schließlich fiel er auf die Knie und flehte um Regen.

Er betete, wie ein verzweifelter Mensch betet, mit wenigen Worten, ohne eigentlichen Zusammenhang.

»Ist es meine Sünde, die deinen Zorn erregt hat, so strafe nur mich. Gibt es Barmherzigkeit bei dir, du Gott der Gnade, so laß es regnen! Nimm die Schande von mir! Laß es regnen um meines Flehens willen! Laß Regen herabfallen auf das Feld des Armen! Gib deinem Volke Brot!«

Der Tag war warm, es war unerträglich schwül. Die Gemeinde hatte halb im Schlaf dagesessen, aber bei diesen abgerufenen Lauten, dieser heiseren Verzweiflung erwachten alle.

»Wenn es noch einen Weg zur Umkehr für mich gibt, so sende Regen ...«

Er schwieg. Die Türen standen offen. Jetzt kam ein heftiger Windstoß herangesaust. Er fuhr über das Feld, wirbelte bis zur Kirche herauf und sandte eine Staubwolke voller Reisig und Stroh herein. Der Pfarrer konnte nicht weitersprechen; er schwankte von der Kanzel herab.

Die Menschen schauderten. Sollte dies eine Antwort sein?

Aber der Windstoß war nur ein Vorläufer des Gewitters. Es zog sich mit einer Geschwindigkeit ohnegleichen zusammen. Als der Gesang beendet war und der Pfarrer vor dem Altar stand, zuckten schon die Blitze, und der Donner rollte gewaltig, den Klang seiner Worte übertäubend. Als der Küster den letzten Vers spielte, peitschten schon die ersten Regentropfen gegen die grünen Fensterscheiben, und alle Leute stürmten hinaus, um den Regen zu sehen. Aber sie begnügten sich nicht damit, zu sehen: einige weinten, andere lachten, während sie den starken Gewitterregen auf sich herabströmen ließen. Ach, wie groß war ihre Not gewesen! Wie unglücklich waren sie gewesen. Aber Gott ist gut. Gott sendet Regen. Welch eine Freude, welch eine Freude!

Der Brobyer Pfarrer war der einzige, der nicht in den Regen hinauskam. Er lag auf den Knien vor dem Altar und erhob sich nicht. Die Freude war für ihn zu gewaltig gewesen. Er starb vor Freude.

 

Des Kindes Mutter

Man konnte nur einer Ansicht über die Sache sein: das Kind mußte einen Vater haben.

Das Kind war das jämmerlichste kleine Wesen, das man sich denken konnte, klein und rot mit tausend Falten. Das Kind war ein kleines Wesen, das niemals schrie, das gleich von der Geburt an Krampfanfälle gehabt hatte, ein armes, verirrtes Wesen, das sechs oder sieben Wochen früher ins Leben eingetreten war, als es von Rechts wegen durfte, und das sich deswegen niemals auf der Erde zurechtzufinden vermochte.

Das Kind wog so wenig, daß es sich nicht einmal der Mühe verlohnt, zu sagen, wie wenig es war. Man mußte es in Lammfelle nähen, und es wollte weder essen noch schlafen. Aber es lebte. Niemand wußte, wie es am Leben erhalten wurde, aber leben tat es.

Das Kind war in einer kleinen Bauernhütte östlich vom Klarelf geboren. Des Kindes Mutter war Anfang Juni dahin gekommen und hatte einen Dienst gesucht. Sie habe einen Fehltritt begangen, hatte sie zu den Leuten im Hause gesagt, und ihre Mutter sei so hart gegen sie gewesen, daß sie habe fliehen müssen. Sie nannte sich Elisabeth Karlsdatter, aber sie wollte nicht sagen, woher sie sei, denn dann würden sie natürlich ihre Eltern von ihrem Aufenthaltsort benachrichtigen, und die würden sie zu Tode peinigen, wenn sie sie fänden; davon sei sie überzeugt. Sie verlange keinen Lohn, sie wolle nur Essen und Trinken und ein Dach über dem Haupte haben. Sie könne arbeiten, weben oder spinnen oder die Kühe hüten – was sie wollten. Wenn man es verlange, könne sie auch für ihren Aufenthalt bezahlen.

Sie war so vorsichtig gewesen, barfuß auf den Hof zu kommen, die Schuhe unterm Arm; sie hatte grobe Hände, sie redete die Sprache der Gegend und trug die Kleidung eines Bauernmädchens. Sie glaubten ihr. Der Hausherr meinte, sie sähe gebrechlich aus, er traute ihrer Arbeitstüchtigkeit nicht recht. Aber irgendwo müsse sie ja bleiben die Ärmste. Und so durfte sie denn dableiben.

Es war etwas an ihr, was bewirkte, daß alle auf dem Hofe freundlich gegen sie waren. Sie war in ein gutes Haus gekommen. Die Menschen dort waren ernsthaft und still. Die Hausfrau hielt große Stücke auf sie, seit sie entdeckt hatte, daß sie Drell weben konnte. Sie lieh einen Drellwebstuhl von der Pröpstin, und des Kindes Mutter hatte den ganzen Sommer am Webstuhl gesessen.

Es fiel niemand ein, daß sie geschont werden müsse: sie mußte die ganze Zeit hindurch wie ein Bauernmädchen arbeiten. Sie war nicht sehr unglücklich. Das Leben unter den Bauern sagte ihr zu, obwohl sie alle Bequemlichkeiten, an die sie gewöhnt war, entbehren mußte. Aber man faßte dort alles ganz ruhig und natürlich auf. Aller Gedanken drehten sich um die Arbeit, und die Tage vergingen so einförmig, daß man sich verrechnen konnte und glauben, man befinde sich mitten in der Woche, wenn der Sonntag kam.

Eines Tages gegen Ende August hatten sie den ganzen Tag Hafer gemäht, und des Kindes Mutter war mit aufs Feld gegangen, um Garben zu binden. Dabei hatte sie sich überanstrengt, und das Kind ward geboren, aber zu früh. Sie hatte es im Oktober erwartet.

Jetzt stand die Bauernfrau mit dem Kinde am Feuer und erwärmte es, denn das arme kleine Wesen fror mitten in der Augustwärme. Des Kindes Mutter lag nebenan in der Kammer und lauschte, was von dem Kleinen gesagt werde. Sie konnte sich vorstellen, wie die Knechte und Mägde hingingen und es in Augenschein nahmen.

»So ein armes, kleines Ding«, sagten sie dann immer, und hinterdrein folgte ohne Ausnahme: »Du armer Kleiner, der du keinen Vater hast!«

Irgend jemand wunderte sich regelmäßig, daß das Kind so rot und runzelig sei, dann aber antwortete ebenso regelmäßig eine andere Stimme, so sähen alle kleinen Kinder aus.

Sie klagten nicht über das Geschrei des Kindes: sie waren ganz davon durchdrungen, daß Kinder schreien müßten, und schließlich, wenn man alles recht erwog, war das Kind ganz kräftig für sein Alter. Es schien alles ganz in Ordnung zu sein, wenn es nur einen Vater gehabt hätte.

Die Mutter lag da und lauschte und wunderte sich. Die Sache erschien ihr plötzlich von großer Wichtigkeit. Wie sollte der arme Kleine, der keinen Vater hatte, durchs Leben kommen?

Sie hatte ihren Plan im voraus gemacht. Sie wollte das erste Jahr auf dem Bauernhof bleiben. Später wollte sie sich ein Zimmer mieten und ihr Brot durch Weben verdienen. Sie wollte selber das Erforderliche verdienen, um das Kind zu ernähren und zu kleiden. Ihr Mann mochte gern glauben, daß sie seiner unwert war. Sie hatte gedacht, daß das Kind vielleicht ein besserer Mensch werden würde, wenn es von ihr allein erzogen wurde, als wenn ein hoffärtiger Vater es leitete.

Jetzt aber, nachdem das Kind geboren war, konnte sie die Sache nicht von diesem Gesichtspunkt auffassen. Sie fand, daß sie selbstsüchtig gehandelt hatte. »Das Kind muß einen Vater haben«, sagte sie zu sich.

Wäre das Kind nicht so ein kleines, jämmerliches Wesen gewesen, hätte es schlafen und essen können wie andere Kinder, hätte sein kleiner Kopf nicht immer auf die eine Seite gehangen, wäre es nicht nahe daran gewesen zu sterben, wenn die Krampfanfälle kamen, so würde die Frage nicht von so überaus großer Wichtigkeit gewesen sein. Aber dies kleine, hilflose Wesen mußte einen Vater haben.

Es war nicht so leicht, sich zu entschließen, aber entschließen mußte sie sich, und zwar sofort. Das Kind war drei Tage alt, und die Bauern in Wermland warten selten länger damit, ihre Kinder zur Taufe zu tragen. Unter welchem Namen sollte nur der Kleine ins Kirchenbuch eingetragen werden, und was wollte der Pfarrer von des Kindes Mutter wissen? Es war doch sicher ein Unrecht gegen das Kind, es als vaterlos einschreiben zu lassen. Es war nun einmal in diese Welt der Leiden gekommen, schien sich aber nur danach zu sehnen, sie wieder zu verlassen. Vielleicht würde es besser gedeihen, wenn es einen Vater bekäme. Wenn nun dies Kind zu einem schwachen, kränklichen Manne heranwuchs, wie konnte sie es da verantworten, es der Vorteile zu berauben, die ihm infolge seiner Geburt und seines Reichtums zukamen?

Des Kindes Mutter wußte ja sehr wohl, daß es ein großes Ereignis und eine große Freude war, wenn ein Kind zur Welt kam. Jetzt erschien es ihr, daß es schwer sein müsse, für diesen Kleinen zu leben, da ihn alle bemitleideten. Sie wollte ihn gern auf Seide und in Spitzen gebettet sehen, wie es sich für einen Grafensohn geziemt. Sie wollte ihn gern von Glanz und Stolz umgeben sehen. Ja, das Kind mußte einen Vater haben!

Des Kindes Mutter fing an zu meinen, daß sie ein zu großes Unrecht gegen seinen Vater begehe. Hatte sie ein Recht, es für sich allein zu behalten? Das konnte sie doch wohl nicht haben. So ein teures kleines Wesen, dessen Wert kein Mensch abzuwägen vermag, sollte sie sich aneignen? Es war gar nicht rechtschaffen von ihr, so zu handeln.

Des Kindes Mutter wollte nicht gern zu ihrem Gatten zurück. Sie war bange, daß es ihr Tod werden würde. Aber der Kleine schwebte in größerer Gefahr als sie. Er konnte jeden Augenblick sterben, und er war nicht getauft.

Das, was sie von Hause fortgetrieben hatte, die große Sünde, die in ihrem Herzen gewohnt hatte, war verschwunden. Jetzt empfand sie keine andere Liebe als für den Kleinen, der keinen Vater hatte. Es war ihr keine schwere Pflicht zu versuchen, ihm einen zu verschaffen.

Des Kindes Mutter ließ den Mann und die Frau im Hause zu sich rufen und sagte ihnen alles. Der Mann fuhr nach Borg, um Graf Dohna zu erzählen, daß seine Frau lebe, und daß ein Kind geboren sei, das einen Vater haben müsse.

Der Bauer kam spät am Abend nach Hause. Er hatte den Grafen nicht getroffen, denn der war verreist, aber er war beim Pfarrer in Svartsjö gewesen und hatte mit ihm über die Sache geredet. Da erfuhr denn die Gräfin, daß ihre Ehe für ungültig erklärt war, und daß sie keinen Mann mehr hatte.

Der Pfarrer schrieb ihr einen freundlichen Brief und bot ihr ein Heim in seinem Hause an. Es ward ihr auch ein Brief von ihrem eigenen Vater an den Grafen Henrik gesandt; der mußte wenige Tage nach ihrer Flucht auf Schloß Borg angekommen sein. Vielleicht hatte gerade dieser Brief, in welchem ihr Vater den Grafen bat, die Legalisierung der Ehe zu beschleunigen, Graf Henrik den leichtesten Weg gezeigt, auf dem er sich seiner Gattin entledigen könne.

Man kann sich wohl vorstellen, daß des Kindes Mutter vor Zorn entflammte, größer aber war doch noch ihr Schmerz, als sie die Erzählung des Bauern hörte. Die Mutter eines kräftigen, schönen Kindes hätte diese Nachricht mit Verachtung hinnehmen und stolz darüber sein können, daß sie das Kind nun ganz allein besaß. Aber die Mutter dieses kleinen, hilflosen Wesens hatte fast ein Gefühl, als hätte sie ihren Mann töten können. Sie besaß keinen Stolz, zu dem sie ihre Zuflucht nehmen konnte.