Die ganze Nacht hindurch floh sie der Schlaf. Das Kind mußte einen Vater haben! Darum kreisten alle ihre Gedanken.
Am nächsten Morgen mußte der Bauer auf ihr Verlangen nach Ekeby fahren und Gösta Berling holen.
Gösta richtete viele Fragen an den schweigsamen Mann, aber er erfuhr nichts. Ja, die Gräfin sei den ganzen Sommer bei ihm im Hause gewesen und habe gearbeitet. Jetzt sei ihr ein Kind geboren. Das Kind sei schwach, die Mutter aber würde bald wieder gesund sein.
Gösta fragte, ob die Gräfin wisse, daß ihre Ehe für ungültig erklärt sei.
Ja, jetzt wisse sie es; gestern habe sie es erfahren.
Auf dem ganzen Wege dahin war Gösta bald in brennendem Fieber, bald überliefen ihn kalte Schauer. Was wollte sie von ihm? Weshalb sandte sie nach ihm?
Er dachte an das Sommerleben da oben am Ufer des Löfsees. Sie hatten die Tage mit Tanz und Spiel und Lustfahrten verbracht, und inzwischen hatte sie gearbeitet und gelitten. Niemals hatte er an die Möglichkeit gedacht, sie wiederzusehen. Ach, hätte er das doch nur hoffen können! Da würde er als besserer Mann vor sie getreten sein. Worauf konnte er jetzt zurückblicken? Auf nichts als auf die gewöhnlichen Torheiten.
Gegen acht Uhr des Abends erreichte er sein Ziel und ward sogleich zu des Kindes Mutter geführt. Es war halb dunkel im Zimmer, er konnte sie kaum sehen, wie sie dalag. Auch der Mann und die Frau kamen herein.
Jetzt darf man nicht vergessen, daß sie, deren weißes Antlitz ihm in der Dämmerung entgegenleuchtete, für ihn stets das Höchste und Reinste war, was er kannte, die schönste Seele, die sich in irdische Gewänder gekleidet hatte. Als er nun wieder den Segen ihrer Nähe empfand, fühlte er das Bedürfnis, sich auf die Knie zu werfen und ihr zu danken, weil sie sich ihm aufs neue offenbarte, aber er war so überwältigt von Bewegung, daß er nichts sagen oder tun konnte.
»Teure Gräfin Elisabeth!« stammelte er nur.
»Guten Abend, Gösta!«
Sie reichte ihm die Hand, die wieder weiß und durchsichtig geworden war. Sie lag schweigend da, während er mit seiner Gemütsbewegung kämpfte.
Des Kindes Mutter wurde nicht von gewaltsam hervorstürmenden Gefühlen erschüttert, als sie Gösta erblickte. Es wunderte sie nur, daß er hauptsächlich an sie zu denken schien, da er ja doch begreifen konnte, daß es sich jetzt ausschließlich um das Kind handelte, das einen Vater haben mußte.
»Gösta,« sagte sie sanft, »jetzt mußt du mir helfen, wie du mir einst gelobtest. Du weißt, daß mein Mann mich verlassen hat, folglich hat mein Kind keinen Vater mehr.«
»Ja, Frau Gräfin, aber die Sache läßt sich doch ändern. Jetzt, wo ein Kind da ist, kann der Graf sicher gezwungen werden, die Ehe zu legalisieren. Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen helfen werde, Frau Gräfin.«
Des Kindes Mutter lächelte. »Glaubst du, daß ich mich Graf Dohna aufdrängen will?«
Das Blut strömte Gösta zu Kopf. Was wollte sie denn nur? Was verlangte sie von ihm?
»Komm hierher, Gösta,« sagte sie und reichte ihm wieder ihre Hand. »Du mußt mir nicht böse werden wegen dessen, was ich nun sagen will, aber ich dachte, daß du, der du, der du ...«
»Der ich ein abgesetzter Pfarrer bin, ein Saufbruder, ein Kavalier, Ebba Dohnas Mörder – ich kenne die ganze Liste meiner Meriten ...«
»Bist du schon jetzt böse, Gösta?«
»Ich möchte am liebsten, daß die Frau Gräfin nicht fortführe.«
Aber des Kindes Mutter fuhr fort: »Mehr als eine, Gösta, würde aus Liebe deine Gattin geworden sein, aber so ist es nicht mit mir. Wenn ich dich liebte, würde ich nicht den Mut haben, so mit dir zu reden, wie ich jetzt rede. Um meiner selbst willen würde ich nicht um so etwas bitten, Gösta, aber siehst du, das Kind muß ja einen Vater haben. Du begreifst wohl schon, um was ich dich bitten will. Es ist allerdings eine große Erniedrigung für dich, weil ich eine unverheiratete Frau bin und ein Kind habe. Ich dachte nicht daran, daß du es wohl tun würdest, weil du geringer bist als andere, obwohl – ja, ich dachte auch daran. Hauptsächlich aber dachte ich, daß du es wohl tun würdest, weil du so gut bist, Gösta, weil du ein Held bist und dich aufopfern kannst. Aber das ist vielleicht zu viel verlangt. Vielleicht kann ein Mann nicht so viel tun. Wenn du mich zu sehr verachtest, wenn es dir gar zu sehr zuwider ist, als Vater eines andern Kindes genannt zu werden, so sage es nur. Ich will dir nicht zürnen. Ich sehe sehr wohl ein, daß es zu viel verlangt ist, aber das Kind ist krank, Gösta. Es ist so hart, daß man bei seiner Taufe nicht den Namen von seiner Mutter Gatten nennen kann.«
Während er ihr zuhörte, empfand er dasselbe wie damals, als er sie an jenem Frühlingstage an Land setzen und sie ihrem Schicksal überlassen mußte. Jetzt mußte er ihr helfen, ihre Zukunft zu zerstören, ihre ganze Zukunft. Er mußte das tun, er, der sie liebte!
»Ich will alles tun, was Frau Gräfin wünschen!« sagte er.
Am nächsten Tage sprach er mit dem Propst in Bro, denn Svartsjö ist eine Nebenpfarre von Bro, und dort sollte das Aufgebot stattfinden. Der gute alte Propst wurde gerührt und versprach, alle Verantwortung und die Erfüllung aller Formalitäten zu übernehmen.
»Ja,« sagte er, »du mußt ihr helfen, Gösta, das mußt du tun. Sie könnte sonst leicht wahnsinnig werden. Sie glaubt, daß sie dem Kinde einen Schaden zugefügt hat, weil sie seinen Vater nicht hat angeben können. Sie hat ein sehr zartes Gewissen, diese junge Frau.«
»Aber ich weiß, daß ich sie unglücklich machen werde,« rief Gösta aus.
»Das mußt du nicht tun, Gösta! Du mußt ein vernünftiger Mann werden, jetzt, wo du für Frau und Kind zu sorgen hast.«
Der Propst wollte nach Svartsjö hinabfahren und mit dem Pfarrer und dem Amtmann reden. Das Ende vom Liede war, daß am nächsten Sonntag Gösta Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten wurden.
Dann wurde des Kindes Mutter mit der größten Vorsicht nach Ekeby gefahren, und dort wurde das Kind getauft.
Der Propst sprach mit ihr und sagte ihr, daß sie ihren Entschluß noch rückgängig machen könne. Ehe sie sich mit einem Manne wie Gösta Berling verheirate, müsse sie an ihren Vater schreiben.
»Ich kann es nicht bereuen«, sagte sie. »Denkt doch, wenn mein Kind sterben sollte, ehe es einen Vater bekommen hat!«
Als das Aufgebot zum drittenmal verlesen wurde, war des Kindes Mutter schon mehrere Tage wieder ganz frisch und gesund gewesen. Am Nachmittage kam der Propst und traute sie und Gösta Berling. Niemand aber dachte daran, daß dies eine Hochzeit sei. Es waren keine Gäste geladen. Man verschaffte nur dem Kinde einen Vater, das war das Ganze.
Des Kindes Mutter strahlte in stiller Freude, als wenn sie ein großes Ziel erreicht hätte. Der Bräutigam war betrübt. Er dachte daran, wie sie ihre Zukunft durch die Ehe mit ihm verdarb. Er merkte mit Entsetzen, daß er eigentlich gar nicht für sie existierte. Alle ihre Gedanken waren bei dem Kinde.
Einige Tage darauf wurden des Kindes Vater und Mutter in Trauer versetzt. Das Kind war während eines Krampfanfalls gestorben.
Es wollte manchem scheinen, als wenn des Kindes Mutter nicht so heftig und tief trauere, wie man erwartet hatte. Es lag ein Ausdruck von Triumph über ihr. Es war, als jubele sie, daß sie ihre ganze Zukunft um des Kindes willen zerstört hatte. Wenn der Kleine zu den Engeln hinaufkam, würde er sich doch erinnern, daß er auf Erden eine Mutter gehabt hatte, die ihn liebte.
Dies alles ging still und unbemerkt vor sich. Als Gösta Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten wurden, wußten die meisten nicht einmal, wer die Braut war. Die Geistlichen und die Edelleute, die über die Sache Bescheid wußten, sprachen so wenig wie möglich davon. Es war, als fürchteten sie, daß der eine oder der andere, der den Glauben an die Macht des Gewissens verloren hatte, der Handlungsweise der jungen Frau eine üble Deutung geben möge. Man war so besorgt, daß jemand sagen könne: »Da könnt ihr sehen, es ist doch wahr gewesen, daß sie ihre Liebe zu Gösta nicht überwinden konnte; jetzt hat sie sich unter einem Vorwand, der ja recht edel erscheint, mit ihm verheiratet.« Ach, die Alten behandelten die junge Frau stets mit so großer Zartheit. Niemals duldeten sie es, daß man schlecht von ihr sprach. Sie wollten kaum einräumen, daß sie gesündigt hatte. Sie wollten nicht sehen, daß diese Seele, die so ängstlich vor allem Bösen war, von Sünde befleckt sein könne.
Ein anderes großes Ereignis, das gerade um dieselbe Zeit geschah, trug auch dazu bei, daß Gösta Berlings Ehe nicht mehr beredet wurde. Major Samzelius wurde von einem Unglück betroffen. Er war mehr und mehr sonderlich und menschenscheu geworden. Er verkehrte fast ausschließlich mit Tieren und hatte auf Sjö einen ganzen kleinen Tierpark um sich versammelt. Gefährlich war er auch, denn er hatte stets eine geladene Flinte bei sich und feuerte sie einmal über das andere ab, ohne darauf zu achten, wohin der Schuß ging. Eines Tages wurde er von einem zahmen Bären gebissen, den er versehentlich angeschossen hatte. Das verwundete Tier stürzte sich über ihn, während er dicht vor dem Gitter stand, und biß ihn in den Arm. Dann brach es aus der Gefangenschaft aus und flüchtete in den Wald.
Der Major wurde bettlägerig und starb an dieser Wunde, aber erst kurz vor Weihnachten. Hätte die Majorin gewußt, daß er krank daniederlag, so hätte sie die Herrschaft über Ekeby wieder übernehmen können. Aber die Kavaliere wußten, daß sie nicht kommen würde, ehe ihr Jahr verstrichen war.
Unter der Treppe zu der Pulpitur in der Svartsjöer Kirche befindet sich eine Rumpelkammer, die ganz angefüllt ist mit allerlei altem Gerümpel: mit zerbrochenen Grabscheiten, unbrauchbaren Kirchenbänken und dergleichen.
Da drinnen, wo der Staub dick liegt und sie gleichsam vor jedem menschlichen Auge verbirgt, steht eine mit dem reichsten Perlmuttermosaik eingelegte Truhe. Wischt man den Staub davon ab, so scheint sie zu schimmern und zu strahlen wie eine Felswand in einem Märchen. Die Truhe ist verschlossen, und der Schlüssel ist gut verwahrt. Sie darf nicht geöffnet werden; kein Sterblicher darf einen Blick dahinein werfen. Niemand weiß, was darin ist. Erst wenn das neunzehnte Jahrhundert verstrichen ist, darf der Schlüssel in das Schloß gesteckt, der Deckel aufgehoben, dürfen die Schätze, die hier verschlossen liegen, von Menschen erblickt werden. Also hat er es angeordnet, der einst diese Truhe besaß.
Auf der Messingplatte des Deckels steht eine Inschrift: »Labor vincit omnia«. Aber eine andere Inschrift würde besser gepaßt haben: »Amor vincit omnia« hätte dort stehen sollen. Denn sogar die alte Truhe in der Rumpelkammer ist ein Zeugnis von der Allmacht der Liebe.
O Eros, du alles beherrschender Gott!
Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige. Alt ist das Menschengeschlecht auf Erden, du aber gabst ihm durch alle Zeiten das Geleite.
Wo sind die Götter des Ostens, die starken Helden, deren Waffe der Blitzstrahl war, sie, die an den Ufern der heiligen Flüsse Opfer aus Milch und Honig in Empfang nahmen? Tot sind sie. Tot ist Bel, der mächtige Krieger, und Thoth, der Riese mit dem Ibiskopf. Tot sind die Herrlichen, die auf den Wolkenlagern des Olymps ruhten, wie auch die Tatenreichen, die in dem schildgedeckten Walhall wohnten. Alle die alten Götter sind tot, mit Ausnahme von Eros – von Eros, dem Allbeherrschenden.
Alles, was du siehst, ist sein Werk. Er erhält die Geschlechter. Siehe ihn überall! Wo kannst du gehen, ohne eine Spur seines Fußes zu finden? Was hat dein Ohr vernommen, in dem nicht das Sausen seiner Schwingen der Grundton war? Er wohnt in dem Herzen der Menschen und in dem schlummernden Samenkorn. Fühle mit Beben seine Nähe in den toten Dingen!
Was gibt es wohl, das sich nicht sehnt, das sich nicht hingezogen fühlt? Alle Götter der Rache werden fallen, alle Götter der Stärke und Macht. Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige!
Der alte Onkel Eberhard sitzt an seinem Schreibtisch, einem prächtigen Möbel mit hundert Schubfächern, mit einer Marmorplatte und mit Beschlag aus dickem Messing. Er arbeitet mit Eifer und Fleiß allein oben im Kavalierflügel.
Aber Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld in diesen letzten flüchtigen Sommertagen, so wie die andern Kavaliere? Niemand, das weißt du, darf ungestraft der Göttin der Weisheit huldigen. Dein Rücken ist gebeugt, obwohl du nur sechzig Jahre alt bist, das Haar, das deinen Scheitel bedeckt, ist nicht dein eigenes, die Runzeln scharen sich auf deiner Stirn, die sich über den eingefallenen Augenhöhlen wölbt, und alle die vielfältigen Stellungen, die die Degen zweier Fechter in einem Duell einnehmen können, zeichnen sich in den tausend Runzeln um deinen zahnlosen Mund ab. Eberhard, Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld? Der Tod wird dich nur um so schneller von deinem Schreibpult trennen, dich, der du das Leben dich nicht von ihm fortlocken läßt.
Onkel Eberhard macht einen dicken Tintenstrich unter die letzte Linie. Und dann entnimmt er den unzähligen Schubfächern des Pultes alte vergilbte Haufen dichtbeschriebenen Papiers, alle die verschiedenen Teile seines großen Werkes, des Werkes, das Eberhard Berggrens Namen durch alle Zeiten tragen soll. Aber gerade als er den einen Haufen auf den andern gestapelt hat und sie in stummem Entzücken anstarrt, tut sich die Tür auf und die junge Gräfin tritt herein.
Da ist sie, die junge Herrin der alten Herren. Sie, der sie mehr dienen, die sie mehr anbeten, als Großeltern den ersten Enkel anbeten und ihm dienen. Da ist sie, die sie in Armut und Krankheit gefunden und der sie nun alle Herrlichkeiten der Welt geschenkt haben, wie es der König im Märchen mit dem armen Mädchen machte, das er im Walde fand. Für sie ertönen Waldhorn und Violinen auf Ekeby. Für sie atmet, regt sich und arbeitet alles auf dem großen Gut.
Sie ist jetzt wieder gesund, wenn auch noch sehr schwach. Die Einsamkeit in dem großen Haus bedrückt sie ein wenig, und da sie weiß, daß die Kavaliere weg sind, will sie sehen, wie es in dem Kavalierflügel, diesem berüchtigten Ort, aussieht.
Also kommt sie leise herein und sieht sich um, betrachtet die weißgetünchten Wände und die gelbgewürfelten Bettvorhänge. Sie sieht Göstas Drechselbank, Löwenbergs Tisch, an dem er seinen Beethoven auf gemalten Tasten spielt, die ausgestopfte Krähe über Kristian Berghs Bett und das Bärenfell vor Major Fuchs’ Ruhestatt. In der einen Ecke sieht sie die sonderbare Webarbeit, die Beerencreutz’ Zeitvertreib ist. Er hat die Kette auf dem Fußboden ausgespannt und schlägt den Eintrag ohne Hilfe von Webstuhl oder Schiffchen auf. Sie sieht den Stuhl am Ofen, auf dem Vetter Kristoffer das Leben ohne Taten und ohne Namen verträumt. Patron Julius’ geschnitzte Vorratstruhe, Liliencronas Violinkasten, Kevenhüllers Ranzen und Knotenstock, Rusters Punschlöffel – alles sieht sie, aber sie wird verlegen, als sie entdeckt, daß das Zimmer nicht leer ist.
Onkel Eberhard geht ihr feierlich entgegen und führt sie an den großen Haufen betriebenen Papiers.
»Seht, Gräfin,« sagt er, »jetzt ist mein Werk beendet. Jetzt soll das, was ich geschrieben habe, in die Welt hinaus. Jetzt werden große Dinge geschehen.«
»Was wird denn geschehen, Onkel Eberhard?«
»Ja, Gräfin, es wird niederschlagen wie ein Blitz, wie ein Blitz, der leuchtet und tötet. Seit ihn Moses aus der Donnerwolke des Berges Sinai hervorgezogen und ihn in dem Allerheiligsten des Tabernakels auf den Gnadenstuhl gesetzt hat, seit der Zeit hat er sicher und ruhig dagesessen, der alte Jehova; aber jetzt sollen die Menschen sehen, was er ist: Einbildung, Leere, Dunst, die totgeborene Ausgeburt unseres eigenen Gehirns. Er soll zu nichts zusammensinken!« rief der Greis aus und legte seine runzelige Hand auf den Papierhaufen. »Hier steht es, und wenn die Menschen es erst lesen, dann müssen sie es glauben. Sie werden auffahren und ihre eigene Dummheit sehen; sie werden das Kreuz als Brennholz, die Kirchen zu Kornspeichern gebrauchen, und die Geistlichen werden den Erdboden pflügen.«
»O Onkel Eberhard,« sagt die Gräfin mit einem leichten Schaudern, »stehen da wirklich so schreckliche Dinge?«
»Schrecklich?« wiederholt der Alte. »Das ist ja die Wahrheit. – Aber wir sind wie die Kinder, die den Kopf in dem Rock einer Frau verbergen, sobald sie einem Fremden begegnen; wir haben uns daran gewöhnt, uns vor der Wahrheit zu verstecken, vor dem ewig Fremden. Aber nun wird sie kommen und unter uns wohnen, nun wird sie von allen gekannt sein.«
»Von allen?«
»Nicht nur von den Philosophen, sondern von allen, verstehen Frau Gräfin, von allen.«
»Und dann soll Jehova sterben?«
»Er und alle Engel, alle Heiligen, alle Teufel, alle Lügen.«
»Wer soll dann die Welt regieren?«
»Glauben Frau Gräfin, daß jemand sie bisher regiert hat? Glauben Frau Gräfin an diese Vorsehung, die acht gibt auf die Sperlinge und auf das Haar auf dem Haupte? Niemand hat sie regiert, und niemand wird sie regieren.«
»Aber wir, wir Menschen, was wird denn aus uns?«
»Dasselbe, was immer aus uns geworden ist: Staub. Wer ausgebrannt ist, kann nicht mehr brennen; er ist tot. Wir sind Brennmaterial, das von den Flammen des Lebens umflackert wird. Der Funke des Lebens fliegt von dem einen zu dem andern. Er wird angezündet, flammt auf und erlischt. Das ist das Leben.«
»O Eberhard, gibt es denn kein ewiges Leben?«
»Nichts jenseits des Grabes?«
»Nichts.«
»Nichts Gutes, nichts Böses, kein Ziel, keine Hoffnung?«
»Nichts!«
Die junge Gräfin tritt an das Fenster. Sie sieht hinaus auf das gelbwerdende Laub des Herbstes, auf Georginen und Astern, die die schweren Köpfe auf den vom Herbstwind geknickten Stengeln hängen lassen. Sie sieht die schwarzen Wellen des Löfsees, den finsteren Gewitterhimmel des Herbstes, und einen Augenblick gibt sie sich der Verleugnung hin.
»Onkel Eberhard,« sagt sie, »wie grau und häßlich die Welt ist, wie unnütz und eitel alles ist. Ich will mich hinlegen und sterben.«
Aber da hört sie gleichsam eine Klage in ihrer eigenen Seele. Die starken Kräfte des Lebens und die warmen Gefühle schreien laut nach dem Glück zu leben.
»Gibt es denn nichts,« ruft sie aus, »was dem Leben Schönheit verleihen kann, wenn ihr mir Gott und die Unsterblichkeit genommen habt?«
»Die Arbeit!« antwortet der Alte.
Sie aber sieht wieder hinaus, und ein Gefühl der Verachtung vor dieser armseligen Welt beschleicht sie. Das Unergründliche erhebt sich vor ihr, sie sieht den Geist in allem wohnen, sie fühlt die Kraft, die in der scheinbar toten Materie gebunden liegt, die sich aber zu tausendfältig wechselndem Leben entwickeln kann. Mit schwindelnden Gedanken sucht sie nach einem Namen für das Vorhandensein von Gottes Geist in der Natur.
»Ach, Eberhard,« sagt sie, »was ist Arbeit? Ist das ein Gott? Hat sie ein Ziel in sich selbst? Nenne etwas anderes!«
»Ich weiß nichts anderes«, erwidert der Alte.
Aber nun hat sie den Namen gefunden, den sie sucht, einen armen, oft geschändeten Namen.
»Onkel Eberhard, warum nennst du nicht die Liebe?«
Da gleitet ein Lächeln über den zahnlosen Mund, um den sich die vielen Runzeln kreuzen.
»Hier,« sagt der Philosoph und schlägt mit der geballten Faust auf den großen Haufen, »hier werden alle Götter gemordet, und ich habe Eros nicht vergessen. Was ist die Liebe anders als das Bedürfnis des Fleisches? Warum sollte sie höher stehen als andere Forderungen des Körpers? Mache den Hunger zu einem Gott! Mache die Müdigkeit zu einem Gott! Sie sind ebenso würdig. Aber diese Torheiten sollen ein Ende haben! Die Wahrheit soll leben!«
Da senkt die junge Gräfin das Haupt. So ist es nicht. Es ist nicht wahr, dies, aber sie kann nicht mit ihm streiten.
»Deine Worte haben meine Seele verwundet,« sagt sie, »aber noch glaube ich dir nicht. Die Götter des Hasses und der Rachsucht könnt ihr töten, aber nur sie.«
Aber der Alte ergreift ihre Hand, legt sie auf das Buch und erwidert mit dem Fanatismus des Unglaubens:
»Wenn du dies gelesen hast, mußt du glauben!«
»Dann möge es mir niemals vor Augen kommen,« sagt sie, »denn wenn ich es glaube, kann ich nicht leben.«
Und sie verläßt den Philosophen, in Kummer versunken. Er aber sitzt lange da und grübelt, nachdem sie gegangen ist. –
Diese alten Hefte, dicht beschrieben mit gotteslästerlichen Worten, sind noch nicht von der Welt geprüft. Noch hat Onkel Eberhards Name die Zinnen des Ruhmes nicht erklommen.
Sein großes Werk liegt verwahrt in einer Truhe in der Rumpelkammer unter der Pulpiturtreppe in der Svartsjöer Kirche; erst am Ausgang des Jahrhunderts soll es ans Licht kommen.
Aber warum hat er das getan? Fürchtete er seine Behauptungen nicht beweisen zu können? War er bange vor Verfolgungen? Ach – ihr kennt Onkel Eberhard nicht.
So sollt ihr es denn wissen! Die Wahrheit hat er geliebt, nicht seine eigene Ehre; darum hat er diese, nicht jene geopfert, damit das Kind, das er wie ein Vater geliebt hat, im Glauben an das sterben kann, was es geliebt hat!
O Liebe, du bist der in Wahrheit Ewige!
Niemand kennt den Fleck unter dem Berge, wo die Tannen am dichtesten wachsen und wo eine dicke Schicht aus weichem Moos die Erde bedeckt. Wie sollte auch wohl jemand den kennen? Er ist nie zuvor von Menschen betreten worden. Kein Fußpfad führt zu dem verborgenen Fleck. Felsblöcke türmen sich ringsumher auf, engverflochtene Wacholderzweige bewachen ihn, dürres Reisig und umgestürzte Baumstämme versperren den Weg, der Hirte kann ihn nicht finden, der Fuchs verachtet ihn. Es ist der einsamste Fleck im Walde, und nun suchen Tausende von Menschen danach.
Welch ein unendlicher Zug von Suchenden! Sie würden die Kirche von Bro füllen und die von Löfviks und von Svartsjö noch obendrein. Welch ein unendlicher Zug von Suchenden!
Kinder, die keine Erlaubnis erhalten, sich dem Zuge anzuschließen, stehen am Wege oder sitzen auf den Zäunen und Hecken, überall, wo der Zug vorüberkommt. Die Kleinen haben gar nicht geglaubt, daß es so viele Menschen auf der Welt gibt, so eine unendliche Menge. Wenn sie groß sind, werden sie sich noch dieser langen, wogenden Menschenflut erinnern. Ihre Augen werden sich mit Tränen füllen nur bei der Erinnerung an das Überwältigende, diesen unendlichen Zug den Weg entlang ziehen zu sehen, wo man sonst den ganzen Tag hindurch nichts zu sehen pflegte als einige einsame Wanderer, Bettler oder einen Bauernwagen.
Alle, die am Wege wohnen, fahren auf und fragen: »Ist ein Unglück über das Land hereingebrochen? Ist der Feind hereingerückt? Wohin geht ihr, ihr Wandersleute, wohin geht ihr?«
»Wir suchen!« antworten sie. »Wir haben zwei Tage gesucht. Wir wollen auch heute noch suchen; länger können wir es nicht aushalten. Wir wollen den Wald von Björne durchsuchen und die tannenbewachsenen Höhen westlich von Ekeby.«
Der Zug ist von Nygaard, einem armen Dorf in den östlichen Bergen, ausgegangen. Das hübsche junge Mädchen mit dem dicken schwarzen Haar und den roten Wangen ist seit acht Tagen verschwunden gewesen. Das Besenmädchen, das Gösta Berling zu seiner Braut machen wollte, hat sich in den großen Wäldern verirrt. Seit acht Tagen hat niemand sie gesehen. Da brachen die Leute aus Nygaard auf, um sie zu suchen. Und alle Menschen, denen sie begegneten, gingen mit, um zu suchen. Aus jedem Hause kamen Menschen, um sich dem Zug anzuschließen.
Da geschieht es denn häufig, daß ein Neuhinzugekommener fragt: »Ihr Männer von Nygaard, woher kommt dies alles? Weshalb ließet ihr das hübsche Mädchen allein auf fremden Wegen gehen? Der Wald ist tief, und Gott hat ihr ihren Verstand genommen.«
»Ihr fügt niemand ein Leid zu,« antworteten sie dann, »und sie tut niemand ein Leid. Sie geht so sicher wie ein Kind. Wer geht wohl sicherer als der, den Gott selber bewachen muß? Sie ist sonst stets zurückgekommen.«
So ist der suchende Zug durch die östlichen Wälder gezogen, die Nygaard von der Ebene trennen. Jetzt, am dritten Tage, zieht er an der Broer Kirche vorüber, den westlich von Ekeby gelegenen Wäldern zu.
Aber wohin der Zug kommt, braust ihnen auch ein Sturm des Staunens entgegen, stets muß ein Mann aus der Schar zurückbleiben, um die Fragen: »Was wollt ihr? Was sucht ihr?« zu beantworten.
»Wir suchen das blauäugige, schwarzhaarige junge Mädchen. Sie hat sich in den Wald gelegt, um zu sterben. Sie ist acht Tage lang fortgewesen.«
»Weshalb hat sie sich in den Wald gelegt, um zu sterben? War sie hungrig? War sie unglücklich?«
»Nein, Not hat sie nicht gelitten, aber ein Unglück hat sie in diesem Frühling betroffen. Sie hat den tollen Pfarrer, Gösta Berling, gesehen und ihn mehrere Jahre hindurch geliebt. Sie wußte es nicht besser. Gott hat ihr den Verstand genommen.«
»Ja, Gott hat sie ihres Verstandes beraubt, ihr Männer von Nygaard.«
»In diesem Frühling traf das Unglück ein. Bis dahin hatte er sie niemals gesehen. Da sagte er zu ihr, daß sie seine Braut sein solle. Es war nur ein Scherz; er ließ sie wieder laufen, aber sie konnte sich gar nicht trösten. Sie kam stets nach Ekeby zurück. Sie folgte ihm auf den Fersen, wohin er auch ging. Er ward ihrer überdrüssig. Als sie zuletzt da war, hetzten sie die Hunde auf sie. Seither hat niemand sie gesehen.«
Auf, ihr Männer! Es gilt ein Menschenleben. Ein Mensch hat sich in den Wald gelegt, um zu sterben. Vielleicht ist sie schon tot. Oder vielleicht wandert sie noch da draußen herum und kann den rechten Weg nicht finden. Der Wald ist groß, und ihr Verstand ist bei Gott.
Schließet euch dem Zuge an, kommt mit! Laßt den Hafer in Hocken stehen, bis die dünnen Körner aus den Ähren fallen, laßt die Kartoffeln in der Erde verfaulen; laßt die Pferde los, damit sie nicht im Stall verdursten; laßt die Tür zum Kuhstall offen stehen, so daß die Kühe die Nacht unter Dach kommen können; nehmt die Kinder mit, denn die Kinder gehören Gott. Gott ist mit den Kleinen; er leitet ihre Schritte. Sie sollen helfen, wo menschliche Klugheit zu Ende ist.
Kommt alle, Männer, Frauen und Kinder! Wer wagt es, zu Hause zu bleiben? Wer kann wissen, ob Gott sich nicht gerade seiner bedienen will? Kommt herbei, alle, die ihr der Barmherzigkeit bedürft, damit eure Seele nicht einstmals hilflos auf den dürren Stätten umherschwanken muß, ohne Ruhe finden zu können. Kommt! Gott hat ihr den Verstand genommen, und der Wald ist groß.
Ach, wer kann den Fleck finden, wo die Tannen am dichtesten stehen, wo das Moos am weichsten ist? Liegt dort nicht etwas Dunkles hart an der Bergwand? Ach, ein Ameisenhaufen. Gelobt sei, der den Weg der Toren lenkt! Es ist nichts anderes!
Welch ein Zug! Kein feierlich geschmückter Festzug, der den Sieger begrüßt, der Blumen auf seinen Weg streut und seine Ohren mit Jubelrufen erfüllt, kein Pilgerzug mit Psalmengesang und sausenden Geißelschlägen auf dem Wege nach dem Heiligen Grabe, kein Auswandererzug auf knirschenden Lastwagen, der auszieht, um neue Behausungen für die Menschen in ihrer Not zu suchen, keine Armee mit Trommeln und Waffen; es sind nur Bauern in Arbeitskleidern aus Beiderwand mit vertragenen Schurzfellen, nur ihre Frauen mit Strickstrümpfen in der Hand, die Kinder auf dem Rücken oder an den Röcken hängend.
Es ist groß, Menschen zu großen Zielen vereint zu sehen. Laßt sie ausziehen, um ihre Wohltäter zu begrüßen, um ihren Gott zu preisen, um neuen Erdboden zu suchen, um ihr Land zu verteidigen; laßt sie ziehen! Diese Menschen aber hat kein Hunger, keine Gottesfurcht, kein Unfriede ausgetrieben. Ihre Mühe ist vergeblich, ihre Arbeit ohne Lohn, sie ziehen nur aus, um eine Irrsinnige zu finden. Wie viele Schweißtropfen, wie viele Schritte, wie viele Gebete dies auch kosten mag, sie haben doch keinen andern Lohn als den, eine arme Irrsinnige wiederzufinden, deren Verstand bei Gott ist.
Kann man umhin, dies Volk zu lieben? Müssen nicht jeden, der sie hat vorüberziehen sehen, die Tränen in die Augen treten, wenn er sie sich im Geiste zurückruft, diese Männer mit den scharfen Zügen und den harten Händen, Frauen mit vor der Zeit gefurchten Stirnen und diese Kinder, die Gott an den rechten Ort leiten sollte?
Er füllt die Landstraße, dieser Zug aus traurig Suchenden. Mit ernsten Blicken sehen sie den Wald an; mit finstern Mienen wandern sie dahin, denn sie wissen, daß sie mehr Aussicht haben, eine Tote zu finden als eine Lebende.
Ach, das Schwarze dort unter der Bergwand, ist es doch wohl kein Ameisenhaufen – aber vielleicht ein umgestürzter Baum? Gelobt sei Gott, es ist nur ein umgestürzter Baum. Aber so genau kann man es ja nicht sehen, da die Tannen so dicht nebeneinander stehen.
So lang ist der Zug, daß die Vordersten, die starken Männer, schon am Walde westlich von Björne angelangt sind, während die letzten, die Krüppel und die schwachen Greise und die Frauen, die ihre kleinen Kinder tragen, kaum an der Brobyer Kirche vorüber sind.
Und dann verschwindet dieser ganze wogende Zug in den finstern Wald. Die Morgensonne leuchtet ihm unter die Tannen – die sinkende Sonne des Abends wird den Scharen begegnen, wenn sie aus dem Walde kommen.
Es ist der dritte Tag, daß sie suchen. Sie sind an diese Arbeit gewöhnt. Sie suchen unter der steilen Felswand, wo der Fuß gleitet, unter den umgewehten Bäumen, wo man leicht Arm und Bein brechen kann, unter den Zweigen der dichten Tannen, die über das weiche Moos herabhängen und zur Ruhe einladen.
Das Versteck des Bären, die Höhle des Fuchses, der unterirdische Bau des Dachses, der schwarze Boden, auf dem der Kohlenmeiler gestanden hat, der rote Kronsbeerenberg, die Tanne mit den weißen Nadeln, der Berg, den der Waldbrand vor einem Monat heimgesucht hat, der Stein, der von dem Riesen dahin geworfen war, das alles haben sie gefunden, nicht aber den Fleck an der Bergwand, wo das Schwarze liegt. Niemand ist dort gewesen, um zu sehen, ob es ein Ameisenhaufen ist oder ein Baumstamm oder ein Mensch. Ach, es ist sicher ein Mensch, aber niemand ist dort gewesen, niemand hat sie gesehen.
Die Abendsonne sieht sie auf der anderen Seite des Waldes herauskommen, aber das junge Mädchen, dessen Verstand Gott genommen hat, ist nicht gefunden. Was sollen sie nun tun? Sollen sie den Wald noch einmal durchsuchen? Der Wald ist gefährlich im Dunkeln; dort liegen bodenlose Moore und steile Felsklüfte. Und was können sie, die nichts fanden, als die Sonne schien, wohl jetzt finden, wo sie fort ist?
»Laßt uns nach Ekeby gehen!« ruft einer aus der Schar.
»Laßt uns nach Ekeby gehen!« rufen sie alle. »Laßt uns nach Ekeby gehen!«
»Laßt uns diese Kavaliere fragen, weshalb sie die Hunde auf eine losließen, deren Verstand Gott genommen hatte, weshalb sie eine Irrsinnige zur Verzweiflung trieben. Unsere armen, hungrigen Kinder weinen, unsere Kleider sind zerrissen, das Korn steht in Hocken, bis die Kerne aus den Hülsen fallen, die Kartoffeln verfaulen in der Erde, unsere Pferde laufen wild umher, unsere Kühe sind ohne Pflege, wir selber sind nahe daran, vor Müdigkeit zu vergehen – und das alles ist ihre Schuld. Laßt uns nach Ekeby gehen und Gericht über sie halten! Laßt uns nach Ekeby gehen!
»In diesem Jahr der Verdammung müssen wir Bauern alles ausbaden. Gottes Hand ruht schwer auf uns; der Winter wird uns Hungersnot bringen. Wen suchet Gottes Hand? Der Pfarrer von Broby war es nicht. Seine Gebete konnten noch zu dem Thron des Höchsten hinaufdringen. Wer kann es wohl anders sein als diese Kavaliere? Laßt uns nach Ekeby gehen!
»Sie haben das Gut ruiniert, sie haben die Majorin als Bettlerin auf die Landstraße getrieben. Es ist ihre Schuld, daß wir ohne Arbeit sind. Es ist ihre Schuld, daß wir hungern müssen. Die Not ist ihr Werk. Laßt uns nach Ekeby gehen!«
Und dann eilen finstere, erbitterte Männer gen Ekeby, hungrige Frauen mit weinenden Kindern auf dem Arm folgen ihnen, zuletzt kommen die Krüppel und die schwachen Alten. Und die Erbitterung fließt wie ein wachsender Strom durch die Reihen, von den Alten geht er auf die Frauen und von den Frauen auf die starken Männer an der Spitze des Zuges über.
Die Herbstflut kommt! Entsinnt ihr euch der Frühlingsflut, Kavaliere? Jetzt kommen neue Wogen von den Bergen herabgebraust, jetzt geht eine neue Zerstörung über Ekebys Ehre und Macht dahin.
Ein Tagelöhner, der das Feld am Wege pflügt, hört das wütende Schreien der Menge. Er spannt eins der Pferde aus, setzt sich darauf und sprengt von dannen nach Ekeby. »Das Unglück kommt!« ruft er. »Die Bären kommen! Die Wölfe kommen! Die bösen Geister kommen und nehmen Ekeby!«
Er reitet im Hofe umher, außer sich vor Entsetzen. »Alle bösen Geister des Waldes sind los!« ruft er. »Sie kommen und stecken den Hof in Brand und schlagen die Kavaliere tot.« Und hinter ihm hört man das Getöse und das Gebrüll der vorwärtsstürmenden Menschenscharen. Die Herbstflut braust herab gen Ekeby!
Weiß sie denn, was sie will, diese vorwärtsstürmende Flut der Erbitterung? Will sie Feuer, will sie Mord, will sie Plünderung?
Es sind keine Menschen, die kommen, es sind die bösen Geister des Waldes, die wilden Tiere der Einöde. Wir finsteren Mächte, die wir uns unter der Erde verborgen halten müssen, wir sind eine einzige, selige Stunde frei. Die Rache hat uns losgelöst.
Es sind die Geister der Berge, die das Erz gebrochen haben; es sind die Geister des Waldes, die Bäume gefällt, die den Meiler bewacht haben; es sind die Geister des Feldes, die das Korn wachsen ließen: sie sind frei, sie gebrauchen ihre Kräfte zur Zerstörung. Tod über Ekeby! Tod über die Kavaliere!
Hier fließt der Branntwein in Strömen. Hier liegt das Gold in den Kellergewölben aufgestapelt. Hier sind die Vorratskammern voll Korn und Fleisch. Weshalb sollen die Kinder der Gerechten hungern und die Übeltäter im Überfluß leben?
Jetzt aber ist ihre Zeit vorbei. Das Maß ist voll, Kavaliere! Ihr Lilien, die ihr niemals gesponnen habt, ihr Vögel, die ihr nie in die Scheuer gesammelt habt, das Maß ist voll! Im Walde liegt sie, die richtet; wir sind ihre Gesandten. Es ist kein Amtmann, kein Hardesvogt, der euer Urteil fällt. Sie, die im Walde liegt, hat euch gerichtet.
Die Kavaliere stehen oben im Hauptgebäude und sehen die Leute kommen. Sie wissen schon, wessen sie angeklagt sind. Ausnahmsweise sind sie einmal unschuldig. Wenn sich das arme Mädchen im Walde hingelegt hat, um zu sterben, so geschah das nicht, weil sie die Hunde auf sie hetzten – das haben sie niemals getan –, sondern weil Gösta Berling sich vor acht Tagen mit Gräfin Elisabeth verheiratet hat.
Aber was kann es nützen, mit diesen rasenden Menschen zu reden? Sie sind müde, sie sind hungrig, die Rache reizt sie, die Raublust spornt sie an. Sie kommen mit wilden Rufen herbeigestürzt, und vor ihnen her reitet der Tagelöhner, den der Schreck wahnsinnig gemacht hat. »Die Bären kommen, die Wölfe kommen, die bösen Geister kommen und nehmen Ekeby!«
Die Kavaliere haben die junge Gräfin in dem innersten Zimmer verborgen. Löwenberg und Onkel Eberhard sollen dort sitzen und sie bewachen; die übrigen gehen hinaus zu der Volksmenge. Sie stehen auf der Treppe vor dem Hauptgebäude, unbewaffnet und lächelnd, als der erste lärmende Schwarm bis zu ihnen herandringt.
Und die Leute stehen still vor dieser kleinen Schar ruhiger Männer. Es sind einzelne unter ihnen, die sie in ihrer glühenden Erbitterung gern zu Boden geworfen und mit ihren eisenbeschlagenen Absätzen totgetreten hätten, wie die Leute im Bergwerk zu Sund es vor fünfzig Jahren mit dem Verwalter und dem Inspektor getan haben; aber sie waren auf verschlossene Türen, auf kühn erhobene Waffen gefaßt gewesen, sie hatten Widerstand und Streit erwartet.
»Liebe Freunde,« sagen die Kavaliere, »liebe Freunde, ihr seid müde und hungrig, eßt einen Bissen Brot und kostet vor allen Dingen den auf Ekeby gebrauten Branntwein.«
Der Schwarm will nicht von dergleichen hören, man heult und droht; die Kavaliere aber nehmen es nicht übel.
»Wartet nur,« sagen sie, »wartet nur einen Augenblick! Seht, Ekeby steht euch offen, die Kellertür ist geöffnet, das Vorratshaus ist offen, die Milchstube steht offen. Eure Frauen sind nahe daran, vor Müdigkeit umzusinken, die Kinder schreien. Erst wollen wir ihnen Speise und Trank schaffen, hinterdrein könnt ihr uns totschlagen. Wir laufen euch nicht weg. Aber wir haben den ganzen Boden voller Äpfel, die wollen wir für eure Kinder holen.«
Eine Stunde später ist das Fest auf Ekeby in vollem Gange; das größte Fest, das je auf dem stolzen Gut stattgefunden hat, wird in der Herbstnacht beim Schein des großen, hellen Vollmonds gefeiert.
Die Holzstapel sind herabgerissen und angezündet; über dem ganzen Hof flammt ein Feuer neben dem andern. Die Leute sitzen in Gruppen da und genießen die Wärme und die Ruhe, während alle Güter der Erde über sie ausgegossen werden.
Tüchtige Männer sind in die Scheunen und Ställe gegangen und haben geholt, was man nötig hatte. Kälber und Schafe sind geschlachtet und im Handumdrehen gebraten. Diese Hunderte von hungrigen Menschen verschlingen die Speisen. Ein Tier nach dem andern wird herausgeführt und geschlachtet. Es sieht so aus, als sollten alle Ställe über Nacht geleert werden.
Man hatte gerade in den Tagen große Herbstbäckerei auf Ekeby gehalten. Seit die junge Gräfin dort weilte, waren die häuslichen Arbeiten in vollem Gange. Es war, als denke die junge Frau keinen Augenblick daran, daß sie jetzt die Gattin Gösta Berlings sei. Weder er noch sie sprachen ein Wort darüber, dahingegen machte sie sich zur Herrin von Ekeby. Sie suchte, wie jede gute, tüchtige Frau es tut, mit brennendem Eifer der Verschwendung und der Nachlässigkeit abzuhelfen, die auf dem Hofe herrschte. Und man gehorchte ihr. Die Leute empfanden ein gewisses Wohlbehagen, wieder unter einer Hausfrau zu stehen.
Aber was half es jetzt, daß sie den Küchenboden hatte mit Brot anfüllen lassen, daß sie für Butter und Bier gesorgt hatte, daß man den ganzen September hindurch, solange sie dort war, Käse bereitet hatte? Was half das alles jetzt?
Herausgerückt mit allem, was da ist, damit die Leute Ekeby nicht abbrennen und die Kavaliere nicht totschlagen. Her mit Tonnen und Fässern, her mit den Schinken vom Rauchboden, mit den Branntweinfässern, mit den Äpfeln!
Wie kann Ekebys ganzer Reichtum wohl verschlagen, um den Zorn der Bauern zu mildern? Können wir sie von hier fortbekommen, ohne daß eine Missetat geschehen ist, so müssen wir uns freuen.
Alles, was geschieht, geschieht doch schließlich nur um derer willen, die jetzt Herrin in Ekeby ist. Die Kavaliere sind mutige und waffenkundige Männer; sie würden sich verteidigt haben, wenn es nach ihrem eigenen Kopf gegangen wäre. Sie würden diese raubgierigen Scharen lieber mit einigen scharfen Schüssen abgeschreckt haben – wäre es nicht um ihretwillen unterblieben, die mild ist und sanft, die für die Leute bittet.
Je weiter die Nacht vorschreitet, um so milder wird die Stimmung unter den Leuten. Die Wärme und die Ruhe und das Essen und der Branntwein beschwichtigen ihre gewaltsame Erregung. Sie fangen an zu scherzen und zu lachen; sie trinken das Begräbnisbier des Mädchens aus Nygaard; Schande über den, der es beim Begräbnisbier an Durst und an Scherzen gebrechen läßt, das gehört beides dazu!
Die Kinder stürzen über die Unmengen von Obst, die man ihnen bringt. Arme Tagelöhnerkinder, die wilde Waldbeeren für Leckerbissen halten, schwelgen in den klaren Glasäpfeln, die im Munde schmelzen, in den länglichen, süßen Paradiesäpfeln, den gelblichweißen Zitronenäpfeln, in den Birnen mit roten Backen und den Pflaumen aller Art, den gelben, den roten, den blauen. Ach, nichts ist zu gut für den Pöbel, wenn es ihm beliebt, seine Macht zu zeigen!
Als es gegen Mitternacht geht, sieht es fast so aus, als wenn die Schar sich zum Aufbruch anschicken will. Die Kavaliere bringen keine Speisen und Getränke mehr, sie ziehen keine Korke mehr von den Flaschen und zapfen kein Bier mehr. Erleichtert seufzen sie auf, in dem Gefühl, daß die Gefahr überstanden ist.
Aber gerade in dem Augenblick wird in einem Fenster des Hauptgebäudes ein Licht sichtbar. Alle, die dahinschauen, schreien auf. Eine jugendliche Frauengestalt trägt das Licht.
Es währt nur einen Augenblick. Die Erscheinung verschwindet, die Leute aber glauben, daß sie die Trägerin des Lichts erkannt haben.
»Sie hatte dickes, schwarzes Haar und rote Wangen,« rufen sie. »Sie ist da, sie halten sie hier verborgen!«
»Ach, ihr Kavaliere, habt ihr sie da? Habt ihr unser Kind, dessen Verstand Gott genommen hat, hier auf Ekeby? Ihr Gottlosen, was tut ihr mit ihr? Und uns laßt ihr Wochen hindurch in dieser Angst! Uns laßt ihr drei volle Tage suchen! Fort mit dem Wein und den Speisen! Wehe uns, daß wir etwas aus eurer Hand angenommen haben! Gebt sie uns erst heraus, dann werden wir schon sehen, was wir mit euch tun wollen!«
Das eben erst gezähmte wilde Tier heult und brüllt. In rasenden Sprüngen stürzt es auf Ekeby los.
Die Leute sind schnell, die Kavaliere aber sind noch schneller. Sie stürzen hinauf und schieben den Riegel vor die Dielentür. Aber was können sie gegen diese andrängenden Scharen ausrichten? Eine Tür nach der andern wird erbrochen. Die Kavaliere werden zurückgedrängt, sie haben keine Waffen. Sie werden von der dichten Menge umzingelt, so daß sie sich nicht rühren können. Die Leute wollen ins Haus hinein und das Mädchen aus Nygaard suchen.
Sie finden sie im letzten Zimmer. Niemand hat Zeit, darauf zu achten, ob sie blond oder dunkel ist. Sie heben sie in die Höhe und tragen sie hinaus. Sie soll sich nicht fürchten, sagen sie. Sie wollen nur den Kavalieren an die Kehle. Sie sind gekommen, um sie zu erretten.
Aber wie sie nun aus dem Gebäude herausströmen, begegnen sie einem andern Zug.
An dem einsamsten Fleck im Walde ruht nicht mehr die Leiche eines Mädchens, das von dem hohen Abhang herabgestürzt und im Fallen gestorben ist. Ein Kind hat sie gefunden. Einige von den Suchenden, die sich im Walde verzögert hatten, haben sie auf ihre Schultern gehoben. Da kommen sie.
Sie ist schöner im Tode, als sie im Leben war. Schön ist sie, wie sie daliegt, mit ihrem langen, dunklen Haar. Sie ist eine herrliche Erscheinung, jetzt, wo der ewige Friede über ihr ruht.
Hoch auf die Schultern der Männer gehoben, wird sie durch die Volksscharen getragen. Es wird still und lautlos, wo sie vorüberkommt. Gesenkten Hauptes huldigen alle der Majestät des Todes.
»Sie ist eben erst gestorben,« flüstern die Männer; »bis heute ist sie im Walde umhergewandert. Sie hat wohl vor uns fliehen wollen, die wir sie suchten, und ist dabei den Felsen hinabgestürzt.«
Aber wenn dies das Mädchen aus Nygaard ist, wer ist denn die, die aus Ekeby herausgetragen wurde?
Der Zug aus dem Walde stößt mit dem Zuge aus Ekeby zusammen. Die hellen Feuerstöße flackern auf dem ganzen Hof. Die Leute können die beiden Frauen sehen und können sie auch erkennen. Die andre ist ja die junge Gräfin aus Borg!
»Aber was hat dies zu bedeuten? Ist dies ein neues Verbrechen, dem wir auf der Spur sind? Weshalb ist die junge Gräfin hier auf Ekeby? Weshalb hat man uns erzählt, daß sie weit fort oder gar tot sei? Im Namen der ewigen Gerechtigkeit! Wollen wir uns jetzt nicht auf die Kavaliere stürzen und sie mit unsern eisenbeschlagenen Absätzen zu Tode treten?«
Da erschallt eine weithin klingende Stimme. Gösta Berling ist auf das Geländer der Treppe gestiegen und redet von dort aus.
»Hört mich, ihr Ungetüme, ihr Teufel! Glaubt ihr denn nicht, daß es Büchsen und Pulver auf Ekeby gibt? Ihr tollen Menschen! Glaubt ihr etwa nicht, daß ich die größte Lust gehabt habe, euch alle über den Haufen zu schießen wie tolle Hunde? Aber die dort hat für euch gebeten. Ach, hätte ich gewußt, daß ihr sie anrühren würdet, so hätte nicht ein einziger von euch sein Leben behalten!
»Weshalb macht ihr hier heute abend Skandal und überfallt uns wie Räuber und droht uns mit Mord und Brand? Was habe ich mit euren irrsinnigen Mädchen zu tun? Weiß ich, wo die hinlaufen? Ich bin zu gut gegen die da gewesen, das ist das Ganze. Ich hätte die Hunde auf sie hetzen sollen – das wäre besser für uns beide gewesen –, aber das habe ich nicht getan. Ich habe ihr niemals versprochen, daß ich mich mit ihr verheiraten wollte – das habe ich niemals getan. Bedenkt das!
»Jetzt aber sage ich euch, laßt die los, die ihr da aus dem Hause geschleppt habt! Laßt sie los, sage ich, und mögen die Hände, die sie berührt haben, im ewigen Feuer brennen! Versteht ihr denn nicht, daß sie so hoch über euch steht, wie der Himmel über der Erde ist? Sie ist ebenso fein, wie ihr grob seid – ebenso gut, wie ihr böse seid!
»Jetzt will ich euch sagen, wer sie ist. Erstens ist sie ein Engel vom Himmel – zweitens war sie die Gattin des Grafen auf Borg. Aber ihre Schwiegermutter quälte sie Tag und Nacht, sie mußte wie ein gewöhnliches Dienstmädchen am See stehen und waschen; sie wurde so geschlagen und gepeinigt, daß keine von euren Frauen es schlimmer haben kann. Ja, sie war nahe daran, sich in den Bach zu stürzen, wie wir alle wissen, weil sie sie fast zu Tode quälten. Ich möchte wohl wissen, wer von euch, ihr Schlingel, damals bei der Hand war, um ihr Leben zu retten. Niemand von euch war da, aber wir Kavaliere taten es. Ja, wir taten es.
»Und als sie dann ihr Kind auf einem Bauernhof zur Welt brachte und der Graf ihr sagen ließ: ‘Unsere Ehe ward in einem fremden Lande geschlossen, wir haben den landesüblichen Brauch nicht befolgt; du bist nicht meine Frau, ich bin nicht dein Mann; um dein Kind kümmere ich mich nicht!’ – ja, als die Sachen so lagen, und sie nicht wollte, daß das Kind vaterlos im Kirchenbuch stehen sollte, da wäret ihr sicher hoffärtig gewesen, wenn sie zu einem von euch gesagt hätte: ‘Komm und verheirate dich mit mir! Ich muß einen Vater für das Kind haben!’ Sie aber wählte keinen von euch. Sie nahm Gösta Berling, den armen Pfarrer, der nie wieder Gottes Wort verkünden darf. Ja, das kann ich euch sagen, ihr Bauern, nie ist mir etwas so schwer geworden; denn ich war ihrer so unwürdig, daß ich ihr nicht in die Augen zu sehen wagte, aber ich wagte es auch nicht, nein zu sagen, denn sie war in großer Verzweiflung.
»Und nun könnt ihr so viel Böses von uns Kavalieren glauben, wie ihr nur wollt; an ihr aber haben wir all das Gute getan, was nur in unsern Kräften stand. Und es ist ihr Verdienst, daß wir euch nicht alle miteinander über den Haufen geschossen haben. Nun aber sage ich euch: Gebt sie frei und geht eurer Wege; sonst glaube ich, daß die Erde sich öffnet und euch verschlingt. Und wenn ihr von hier fortgeht, so bittet Gott, daß er euch vergeben möge, daß ihr sie so erschreckt und betrübt habt, sie, die so gut und unschuldig ist. Und nun fort mit euch! Wir haben genug von euch gehabt!«
Lange bevor er seine Rede beendete, hatten die Männer, die die Gräfin hinausgetragen, sie auf eine Stufe der steinernen Treppe niedergesetzt, und jetzt kam ein großer Bauer ganz ruhig zu ihr heran und reichte ihr seine breite Hand.
»Adieu und vielen Dank!« sagte er. »Wir wollen der Frau Gräfin kein Leid zufügen. Sie darf uns nicht zürnen.«
Nach ihm kam ein anderer und drückte ihr vorsichtig die Hand. »Adieu und vielen Dank! Die Frau Gräfin müssen nicht böse auf uns sein!«
Gösta sprang herab und stand neben ihr. Da reichten sie auch ihm die Hand.
Und dann kamen sie langsam und ruhig, einer nach dem andern, um ihnen gute Nacht zu sagen, ehe sie gingen. Sie waren wieder gezähmt, sie waren wieder Menschen, so wie sie es gewesen, als sie am Morgen ihr Heim verließen, ehe der Hunger und die Rachbegierde sie zu wilden Tieren gemacht hatte.
Sie sahen der Gräfin gerade ins Gesicht, und Gösta konnte merken, wie der Anblick der Unschuld und Frömmigkeit, die sich in ihren Zügen abspiegelten, gar manchem Tränen in die Augen brachte. Es war bei ihnen allen eine stille Anbetung des Edelsten, das sie jemals gesehen hatten; es waren Menschen, die sich freuten, daß einer unter ihnen eine so große Liebe zum Guten hatte.
Alle konnten sie ihr ja nicht die Hand drücken, es waren ihrer ja so unendlich viele, und die junge Frau war müde und schwach. Aber sie mußten doch alle hin, um sie zu sehen, und dann konnten sie Gösta Berling die Hand drücken; sein Arm konnte es wohl vertragen, geschüttelt zu werden.
Gösta stand da wie im Traum. In seinem Herzen erwachte an diesem Abend eine neue Liebe.
»O mein Volk,« dachte er, »o mein Volk, wie ich dich liebe!« Er fühlte, wie er diese ganze Schar liebte, die in der Dunkelheit der Nacht von dannen zog, die Leiche des Mädchens an der Spitze des Zuges tragend, alle diese Menschen in groben Kleidern und mit übelriechenden Schuhen, die alle in den grauen Hütten am Waldesrande wohnten, die keine Feder führten und oft nicht einmal lesen konnten, die nichts von der Fülle und dem Reichtum des Lebens ahnten, die nur die Mühen und Sorgen um das tägliche Brot kannten.
War das nicht ein großes Volk, ein herrliches Volk? War es nicht mutig und ausdauernd, war es nicht munter und arbeitsam, war es nicht geschickt und unternehmend? War der Arme nicht oft gut gegen den Armen? Lag nicht in den Zügen der Mehrzahl der Ausdruck einer kräftigen Intelligenz? War nicht ein sprudelnder Humor in ihrer Rede?
Er liebte sie mit einer schmerzlich brennenden Zärtlichkeit, die ihm Tränen in die Augen trieb. Er wußte nicht, was er für sie tun wollte, aber er liebte sie, alle wie einen, mit ihren Fehlern und Gebrechen. Ach Gott! wenn doch der Tag einst käme, an dem auch er von ihnen geliebt würde!
Er erwachte aus seinem Traum. Seine Frau legte ihre Hand auf seinen Arm. Die Volksmenge war verschwunden. Sie standen in diesem Augenblick ganz allein auf der Treppe.
»Ach, Gösta, Gösta! Wie konntest du das nur tun!«
Sie barg ihr Antlitz in den Händen und weinte.
»Was ich sagte, ist wahr!« rief er aus. »Ich habe dem Mädchen von Nygaard niemals versprochen, sie zu heiraten. ‘Komm am nächsten Freitag hierher, dann sollst du etwas Lustiges sehen!’ das war alles, was ich zu ihr gesagt habe. Ich kann nichts dafür, daß sie sich in mich verliebte.«
»Ach, das meine ich ja gar nicht; wie konntest du aber nur zu ihnen sagen, daß ich gut und rein sei? Gösta, Gösta! Weißt du denn nicht, daß ich dich geliebt habe, als ich dich noch nicht lieben durfte? Ich schämte mich vor diesen Menschen! Ich war nahe daran, vor Scham zu vergehen!«
Und ein Schluchzen machte ihren ganzen Körper erbeben.
Er stand da und sah sie an. »Ach, Geliebte!« sagte er leise. »Wie glücklich bist du, daß du so gut bist! Wie glücklich bist du, daß du eine so schöne Seele hast!«
Liebe Freunde! Dies hier ist nur eine armselige, kleine Allegorie.
Die Allegorie pflegt sich im allgemeinen in göttliche Schönheit zu kleiden, mit königlichen Emblemen; aber diese hier hat mehr Ähnlichkeit mit einem zerlumpten und ausgehungerten Straßenjungen. Die Allegorie wählt sich gern ein Heim in schönen arkadischen Hainen und in hohen Säulenhallen, aber diese arme Kleine habe ich in Karlstad gefunden, wo sie draußen vor dem großen steinernen Turm, der an der westlichen Brücke liegt, saß und weinte.
Der alte steinerne Turm ist wohl nicht gern gesehen in der schönen, zierlichen, modernen Stadt. Es ist ein viereckiges, hohes und schmales Gebäude aus Granitsteinen, und er ist wirklich häßlich mit seinen kleinen, engen Gucklöchern. Da ist Schmuck an den grauen Wänden oder an scharfen Ecken, und über dem Ganzen liegt etwas Unheimliches und Schreckeinflößendes. Das alte Gebäude sieht aus wie der Hauptturm einer Ritterburg, da aber die meisten behaupten, daß er eine Windmühle gewesen ist, so entbehrt er auch des romantischen Wertes.
Aber es ist wirklich wahr, daß die arme kleine Allegorie dort ihr Heim hat. Ich will euch nun erzählen, was für eine gutmütige kleine Allegorie es ist, dann, denke ich, wird niemand es übers Herz bringen, den Turm niederzureißen. Sie will lieber dort wohnen als auf dem Schloß oder im Rathaus oder in der Lateinschule. Sie mag am liebsten ungespickte Mauern und haust gern in Gesellschaft von Ratten und Fledermäusen. Aus diesem Grunde verlohnte es sich nicht, sie zu erzählen, wenn sie uns nicht außerdem so viel wissen ließ, was wirklich geschehen ist, wenn nicht einer von den Kavalieren in Ekeby der Held darin gewesen wäre, und wenn sie uns nicht das letzte große Unglück vermeldet hätte, das über Ekeby kam.
In den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts wurde der später so gelehrte und kunstfertige Kevenhüller in Deutschland geboren. Er war der Sohn eines Burggrafen und hätte in hohen Schlössern wohnen und an der Seite des Kaisers reiten können, wenn er die Lust dazu gehabt hätte. Aber das hatte er nicht.
Er hatte weit eher Lust, Mühlenflügel an dem höchsten Turm der Burg zu befestigen, den Rittersaal in eine Schmiede und das Frauengemach in eine Uhrmacherwerkstatt zu verwandeln. Er hatte Lust, die Burg mit schnurrenden Rädern und arbeitenden Hebeln anzufüllen. Da sich dies aber nicht tun ließ, so kehrte er der ganzen Bescherung den Rücken und ging in die Uhrmacherlehre. Da lernte er alles, was gelernt werden konnte, von Zahnrädern und Federn und Pendülen. Er lernte Sonnen- und Sternuhren machen, Uhren mit piepsenden Kanarienvögeln und trompeteblasenden Hirten, Glockenspiele, die einen ganzen Kirchturm mit ihrer wunderlichen Maschinerie ausfüllten, und Uhrwerke so klein, daß sie in ein Medaillon eingeschlossen werden konnten.
Als er seinen Meisterbrief bekommen hatte, schnallte er den Ranzen auf den Rücken, nahm den Knotenstock in die Hand und wanderte von Ort zu Ort, um alles zu studieren, was auf Walzen und Rädern ging. Kevenhüller war kein gewöhnlicher Uhrmacher, er wollte ein großer Erfinder und Weltverbesserer werden.
Nachdem er also viele Länder durchwandert hatte, begab er sich auch nach Wermland, um Mühlenräder und Grubeneinrichtungen eingehend zu studieren.
An einem schönen Sommermorgen traf es sich so, daß er quer über den Karlstader Marktplatz ging. Aber gerade in dieser selben schönen Morgenstunde hatte die Hulder, die Herrscherin des Waldes, es für gut befunden, aus dem Walde geradeswegs in die Stadt zu wandern. Diese vornehme Dame kam auch just quer über den Marktplatz, aber von der entgegengesetzten Seite, und da begegnete sie Kevenhüller.
Das war eine Begegnung für einen Uhrmachergesellen. Sie hatte schimmernde grüne Augen und dickes, blondes Haar, das fast bis an die Erde reichte, und war in grüne, rauschende Seide gekleidet. Obwohl sie ein Kobold war und eine Heidin, war sie schöner als alle die christlichen Frauen, die Kevenhüller jemals gesehen hatte. Er stand da wie verloren und sah sie an, als sie an ihm vorüberkam.
Sie kam geradeswegs aus dem Dickicht im Innersten des Waldes, wo die Farne hoch stehen wie Bäume, wo die riesenhaften Föhren das Sonnenlicht ausschließen, so daß es nur als goldene Funken auf das grüne Moos fällt, und wo die Linnäa über die flechtenbekleideten Steine kriecht.
Ach, wie gern wäre ich an Kevenhüllers Statt gewesen und hätte sie gesehen, wie sie daherkam, mit Farnblättern und Tannennadeln in dem dicken Haar und eine kleine schwarze Natter um den Hals. Stellt sie euch vor: mit geschmeidigem Gang wie ein wildes Tier und einem frischen Duft von Harz und Erdbeeren und Linnäen und Moos mit sich führend!
Wie die Menschen sie angestarrt haben mochten, als sie sich erkühnte, über den Karlstader Marktplatz zu wandern! Ich denke mir, die Pferde sind vor Schrecken über ihr langes Haar, das im Morgenwinde flatterte, scheu geworden. Die Gassenbuben liefen hinter ihr drein. Die Knechte ließen Wagen und Axt stehen, um ihr nachzustarren. Die Frauen schrien und liefen zu Bischof und Domkapitel, um das Ungeheuer aus der Stadt zu vertreiben.
Sie selber schritt ruhig und majestätisch daher und lächelte nur über den ganzen Spektakel, so daß Kevenhüller ihre kleinen spitzen Raubtierzähne hinter den roten Lippen sehen konnte.
Sie hatte einen Mantel über den Rücken geworfen, damit niemand merken sollte, wer sie war; aber das Unglück wollte, daß sie vergessen hatte, den Schwanz zu verstecken. Der lag nun da und schleifte auf dem Pflaster hinter ihr drein.
Kevenhüller sah den Schwanz wohl auch; aber man muß bedenken, daß er ein Grafensohn war, wenn er auch nur ein Uhrmacher war. Es tat ihm leid, daß eine so hochgeborene Dame dem Gelächter der Spießbürger preisgegeben sein sollte; deswegen verbeugte er sich vor der Schönen und sagte ritterlich:
»Belieben Euer Gnaden nicht die Schleppe aufzunehmen?«
Die Hulder ward gerührt, sowohl über seine freundliche Gesinnung als auch über seine Höflichkeit. Sie blieb gerade vor ihm stehen, so daß es ihm war, als führen glitzernde Funken aus ihren Augen in sein Gehirn hinein. »Merke dir das, Kevenhüller,« sagte sie, »fortan sollst du mit deinen beiden Händen jegliches Kunstwerk ausführen können, was du nur willst, aber nur eines von jeder Art.«
Das sagte sie, und sie konnte Wort halten. Denn wer weiß nicht, daß die Grüngekleidete aus dem Waldesdickicht Macht hat, dem, der ihre Gunst zu gewinnen weiß, Genie und wunderbare Kräfte zu schenken?
Kevenhüller blieb in Karlstad und mietete sich dort eine Werkstatt. Er hämmerte und arbeitete Tag und Nacht. Acht Tage später hatte er ein Kunstwerk gemacht. Es war ein Wagen, der von selbst ging. Er lief die Hügel hinauf und wieder hinab, ging schnell und langsam, konnte gelenkt und gewendet werden, konnte angehalten und wieder in Gang gesetzt werden, ganz wie man wollte. Es war ein großartiger Wagen.
Nun wurde Kevenhüller ein berühmter Mann und bekam Freunde in der ganzen Stadt. Er war so stolz auf seinen Wagen, daß er nach Stockholm fuhr, um ihn dem König zu zeigen. Er brauchte nicht auf Postpferde zu warten oder sich nicht auf elenden Karriols durchrütteln zu lassen oder auf den hölzernen Bänken der Poststationen zu schlafen. Er fuhr gar stolz in seinem eigenen Wagen und gelangte in ein paar Stunden nach Stockholm.
Er fuhr geradeswegs vor das Schloß, und der König kam mit Höflingen und Hofdamen heraus und sah ihn fahren. Sie konnten ihn nicht genug rühmen.
Da sagte der König: »Den Wagen kannst du mir geben, Kevenhüller.« Und obwohl er nein sagte, beharrte der König bei seiner Forderung und wollte den Wagen haben.
Da sah Kevenhüller, daß in dem Gefolge des Königs eine Dame mit blondem Haar und grünseidenem Gewand stand. Er kannte sie sehr wohl, und nun begriff er, daß sie dem König geraten hatte, ihn um den Wagen zu bitten. Aber er geriet in Verzweiflung. Er konnte es nicht ertragen, daß ein anderer seinen Wagen besitzen sollte, und doch wagte er auf die Dauer nicht, nein zum König zu sagen. Darum fuhr er mit einer solchen Wucht gegen die Schloßmauer, daß er in tausend Stücke zersprang.
Als er wieder nach Karlstad kam, versuchte er einen neuen Wagen zu machen, aber er konnte es nicht. Da packte ihn Verzweiflung über die Gabe, die ihm die Hulder gegeben hatte. Er hatte das Müßiggängerleben auf dem Schloß seines Vaters verlassen, um ein Wohltäter für die vielen zu werden, nicht um Zauberkram zu machen, was nur einer gebrauchen konnte. Was half es ihm, daß er ein großer Meister wurde, ja der größte von allen, wenn er seine Meisterwerke nicht vervielfältigen konnte, so daß sie zum Nutzen für Tausende wurden?
Und der gelehrte und kunstfertige Mann sehnte sich so nach ruhiger, vernünftiger Arbeit, daß er Steinhauer und Maurer wurde. Damals baute er den großen, steinernen Turm unten an der westlichen Brücke, baute ihn nach dem Hauptturm auf der Ritterburg seines Vaters, und es war wohl auch seine Absicht, Wohnhaus, Portale, Burghöfe, Burgmauern und Hängetürme zu bauen, so daß sich eine ganze Ritterburg am Ufer des Klarelfs erheben konnte.
Da drinnen wollte er den Traum seiner Kindheit verwirklichen. Alles, was es an Handwerk und Kunstgewerbe gab, sollte sein Heim in den Sälen des Schlosses haben. Weiße Müllergesellen und schwarze Schmiede, Uhrmacher mit grünen Schirmen vor den angestrengten Augen, Färber mit dunklen Händen, Weber, Drechsler – alle sollten sie ihre Werkstätten in seinem Schloß haben.
Und es ging gut. Aus den Steinen, die er selbst behauen, hatte er mit eigenen Händen seinen Turm aufgemauert.
Er hatte Mühlenflügel daraufgesetzt – denn der Turm sollte eine Windmühle sein –, und nun wollte er mit der Schmiede beginnen.
Und dann, eines Tages stand er da und beobachtete, wie sich die leichten, starken Flügel im Winde drehten. Da kam sein altes Leiden wieder über ihn.
Es war ihm, als habe die Frau in dem grünen Gewand ihn wieder mit ihren schimmernden Augen angesehen, bis sein Gehirn von neuem Feuer fing. Er schloß sich in seine Werkstatt ein, aß keinen Bissen, gönnte sich keine Ruhe und arbeitete ohne Aufenthalt. Und dann schuf er in acht Tagen ein neues Kunstwerk.
Eines Tages stieg er auf das Dach seines Turmes und begann, Flügel an seine Schultern zu schnallen.
Zwei Straßenjungen und ein Gymnasiast, die auf dem Geländer der Brücke saßen und Stichlinge fischten, erblickten ihn und stießen einen Schrei aus, der in der ganzen Stadt zu hören war. Sie stürzten von dannen; atemlos liefen sie Straße auf und Straße ab, donnerten an alle Türen und riefen: »Kevenhüller will fliegen! Kevenhüller will fliegen!«
Er stand ganz ruhig auf dem Dach des Turmes und schnallte sich die Flügel an, und währenddes kamen die Volksscharen aus den engen Straßen der alten Karlstad herausgewimmelt.
Die Mägde liefen von dem kochenden Kessel weg, der auf dem Herd stand, und von dem Teig, der sich hob. Die Frauen warfen den Strickstrumpf hin, setzten ihre Brille auf und liefen die Straße hinab. Bürgermeister und Rat erhoben sich von ihren Richtersitzen, der Rektor schmiß die Grammatik in einen Winkel; die Schuljungen stürzten aus der Klasse, ohne um Erlaubnis zu bitten. Die ganze Stadt eilte von dannen, nach der westlichen Brücke hinab.
Bald war die Brücke schwarz von Menschen. Auf dem Marktplatz standen sie wie die Heringe in einer Tonne, und das ganze Flußufer bis hinauf nach dem Bischofsitz wimmelte von Menschen. Da war ein größeres Gedränge als beim Petersmarkt; da waren mehr Schaulustige wie damals, als König Gustav III. mit acht Pferden durch die Stadt gefahren kam, und zwar mit einer solchen Geschwindigkeit, daß der Wagen, wenn er um eine Ecke bog, auf zwei Rädern stand.
Endlich hatte Kevenhüller die Flügel angeschnallt und stieß ab. Er tat ein paar Schläge damit, und dann war er frei. Er lag da und schwamm im Luftmeer hoch über der Erde.
Er sog die Luft in vollen Zügen ein; sie war stark und rein. Seine Brust weitete sich, und das alte Ritterblut begann sich in ihm zu rühren. Er tummelte sich wie eine Taube, er schwebte wie ein Habicht, seine Flügel waren schneller als die der Schwalbe, er steuerte so sicher wie der Falk. Und er sah hinab auf den ganzen gebundenen Haufen, der ihn anstarrte, der da oben in der Luft lag und schwamm. Hätte er nur ein paar Flügel für einen jeden von ihnen machen können! Hätte er nur einem jeden von ihnen die Macht verleihen können, sich in diese frische Luft emporzuheben! Was für Menschen da aus ihnen werden sollten! Die Erinnerung an das Elend seines eigenen Lebens verließ ihn selbst in diesem Augenblick des Sieges nicht. Er konnte nicht ausschließlich für sich genießen. Ach, die Hulder! Wenn er die nur gefaßt kriegen konnte!
Da sah er mit Augen, die fast geblendet waren von dem grellen Sonnenlicht und der zitternden Luft, daß etwas auf ihn zugeflogen kam. Große Flügel, die ganz den seinen glichen, sah er sich bewegen, und zwischen den Flügeln schwamm ein Menschenkörper. Gelbes Haar flatterte, grüne Seide wogte, wilde Augen leuchteten. Sie war es, sie!
Kevenhüller verlor die Besinnung. In wilder Fahrt stürzte er auf das Wunder zu, um sie zu küssen oder zu schlagen – er wußte nicht recht was –, aber auf alle Fälle, um sie zu zwingen, den Fluch von seinem Leben zu nehmen. In dieser wilden Fahrt ließen ihn seine Besonnenheit und seine Sinne im Stich. Er sah nicht, wohin er steuerte, er sah nur das flatternde Haar und die wilden Augen. Er kam dicht an sie heran und streckte die Arme aus, um sie zu erfassen. Da griffen seine Flügel in die ihren, und die ihren waren die stärkeren. Seine Flügel wurden zerrissen und zerfetzt, er selber ward rund herumgeschwenkt und stürzte hinab, er wußte nicht wo.
Als er wieder zur Besinnung kam, lag er auf dem Dach seines eigenen Turmes, die zerschmetterte Flugmaschine an seiner Seite. Er war geradeswegs auf seine eigene Windmühle zugeflogen, die Flügel hatten ihn erfaßt, ihn ein paarmal herumgeschwenkt und ihn dann auf das Dach niedergeworfen. So endete das Spiel.