Kevenhüller war jetzt wieder ein verzweifelter Mann. Ehrliche Arbeit erregte Ekel in ihm, und mit den wunderlichen Künsten wagte er sich nicht abzugeben. Schuf er noch ein Kunstwerk und hatte er das Unglück, es zu zerstören, so würde sein Herz sicher vor Kummer brechen. Und zerstörte er es nicht, da würde er sicher den Verstand verlieren bei dem Gedanken, daß er anderen nicht dadurch nützen konnte.
Er holte seinen alten Gesellenranzen und seinen Knotenstock hervor, ließ die Mühle stehen, wie sie stand, und beschloß, auszugehen und die Hulder zu suchen.
Er verschaffte sich Pferd und Wagen, denn er war nicht mehr so jung und leicht zu Fuß. Und man erzählt, daß er jedesmal, wenn er an einen Wald kam, vom Wagen stieg, hineinging und die Grüngekleidete aus dem Dickicht rief.
»Hulder, Hulder! ich bin es, Kevenhüller! Komm, komm!« Aber sie kam nicht.
Auf diesen Reisen kam er, wenige Jahre bevor die Majorin vertrieben wurde, nach Ekeby. Man empfing ihn dort gut, und da blieb er. Und die Schar im Kavalierflügel wurde um eine hohe, kräftige Rittergestalt vermehrt, um einen schneidigen Herrn, der weder beim Bierkrug noch bei den Jagdpartien versagte. Seine Kindheitserinnerungen kehrten zurück: er gestattete, daß man ihn Graf nannte, und er bekam mehr und mehr das Aussehen eines alten deutschen Räuberbarons, mit seiner großen Adlernase, seinen finsteren Augenbrauen, seinem Vollbart, der unterm Kinn spitz zulief, sich über den Lippen aber kühn in die Höhe drehte.
Er war ein Kavalier unter den Kavalieren und war nicht besser als alle die andern in dieser Schar, von der das Volk glaubte, daß die Majorin sie für den leibhaftigen Bösen in Bereitschaft halte. Sein Haar ergraute und sein Gehirn schlief. Er ward so alt, daß er nicht mehr an die Taten seiner Jugend glauben konnte. Er war nicht der Mann mit den wunderbaren Fähigkeiten. Er hatte nicht den selbstfahrenden Wagen und die Flugmaschine gemacht! Ach nein, Märchen! Märchen!
Aber dann geschah es, daß die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde und daß die Kavaliere Herren auf dem großen Gut wurden. Da begann ein Leben, wie es nie zuvor ärger gewesen war. Ein Sturm ging über das Land hin; alle alte Torheit verkehrte sich in Jugendwildheit, alles Böse geriet in Bewegung, alles Gute erbebte – die Menschen kämpften auf der Erde und die Geister im Himmel. Wölfe kamen aus dem Gebirge herab mit Hexen auf dem Rücken, die Naturmächte wurden losgelassen, und die Hulder kam nach Ekeby.
Die Kavaliere kannten sie nicht. Sie glaubten, sie sei eine arme, bedrängte Frau, die von einer bösen Schwiegermutter in Verzweiflung gehetzt sei. Da nahmen sie sie in ihren Schutz, ehrten sie wie eine Königin, liebten sie wie ein Kind und nannten sie Gräfin.
Kevenhüller allein sah, wer sie war. Im Anfang ließ er sich wohl blenden wie alle die andern. Aber eines Tages hatten Patron Julius und Örneclon, die sich nicht schämten, sie als Schneider zu bedienen, ihr ein Gewand aus grünem, rauschendem Seidenstoff genäht, und als sie das anzog, da erkannte Kevenhüller sie.
Da saß sie auf den Seidenpolstern, auf dem besten Sopha in Ekeby, und alle die alten Männer machten sich zu Narren, um ihr zu dienen. Einer war Koch, ein anderer Kammerdiener, einer war Vorleser, einer Hofmusikant, einer Schuhmacher: ein jeder hatte seine Beschäftigung gewählt.
Es sollte ja heißen, daß sie krank sei, dies böse Ungetüm, aber Kevenhüller wußte recht gut, wie es mit der Krankheit beschaffen war. Sie hatte sie nur alle zum Narren, ja, das tat sie.
Er warnte die Kavaliere vor ihr: »Seht doch die kleinen, scharfen Zähne,« sagte er, »und die wilden, blitzenden Augen. Das ist die Hulder – alles Böse ist unterwegs in dieser schrecklichen Zeit. Ich sage euch, es ist die Hulder, die gekommen ist, um uns zu verderben. Ich habe sie schon früher gesehen.«
Aber wie groß ist doch die Verblendung der Menschen, wenn ihre Herzen gerührt sind! Die Kavaliere waren wie eine Mutter, der man einen Wechselbalg in die Wiege gelegt hat. Sie kann sich nicht überwinden, den großen Kopf und die dunkle Haut zu sehen; sie findet, daß das heisere Schreien des Koboldkindes dem zwitschernden Lachen ihres eigenen Kindes gleicht, sie kann nicht sehen, daß die Lippen dick sind und daß sich die Nägel wie Klauen krümmen. Und so erging es auch den Kavalieren; sie waren nahe daran, Kevenhüller totzuschlagen, als er ihnen die Augen öffnen wollte.
Aber sobald Kevenhüller die Hulder gesehen und sie wiedererkannt hatte, kam die Arbeitslust über ihn. Es begann in seinem Gehirn zu brennen und zu sieden, seine Finger schmerzten ihm vor Eifer, wieder nach Feile und Hammer zu greifen; er konnte nicht dagegen ankämpfen. Mit Bitterkeit im Herzen zog er die Arbeitsbluse an und schloß sich in eine alte Schlosserwerkstatt ein, wo er arbeiten wollte.
Da ging es wie ein Ruf von Ekeby über ganz Wermland:
»Kevenhüller hat zu arbeiten begonnen!«
Und man lauschte atemlos den Hammerschlägen aus der verschlossenen Werkstatt, dem Kreischen der Feile, dem Stöhnen des Blasebalgs.
Jetzt werden wir ein neues Wunder sehen. Was es wohl werden mag? Wird er uns lehren, auf dem Wasser zu gehen oder eine Leiter an das Siebengestirn zu setzen? – Nichts ist unmöglich für einen solchen Mann. Wir haben ihn mit eigenen Augen von Flügeln durch die Luft tragen sehen. Wir haben seinen Wagen durch die Straßen brausen sehen. Er hat die Gabe der Hulder erhalten: nichts ist ihm unmöglich.
Eines Nachts, die erste oder die zweite im Oktober, hatte er das Wunder fertig. Er kam damit in der Hand aus der Werkstatt heraus. Es war ein Rad, das unaufhörlich rotierte; wenn es sich drehte, leuchteten die Speichen wie Feuer, und Licht und Wärme gingen davon aus. Kevenhüller hatte eine Sonne geschaffen. Als er damit aus der Werkstatt herauskam, wurde die Nacht so hell, daß die Spatzen zu zwitschern begannen und die Wolken sich röteten wie bei Sonnenaufgang.
Es war die herrlichste Erfindung. – Keine Finsternis, keine Kälte würde es fortan mehr auf Erden geben. Es schmeichelte ihn, wenn er den Gedanken ausdachte. Die Sonne des Tages sollte nach wie vor auf- und untergehen, aber wenn sie verschwand, sollten Tausende und aber Tausende von seinen Feuerrädern über dem Lande aufflammen, und die Luft sollte vor Wärme zittern wie an dem heißesten Sommertage. Da sollte man reifes Korn unter dem Sternenhimmel des Hochwinters ernten; Erdbeeren und Heidelbeeren sollten die Waldhügel das ganze Jahr hindurch bedecken; nie sollte Eis das Wasser in Fesseln schlagen.
Jetzt, wo die Erfindung fertig war, sollte sie eine neue Erde erschaffen. Sein Feuerrad sollte ein Pelz für den Armen und eine Sonne für den Grubenarbeiter werden.
Es sollte den Fabriken Treibkraft verleihen, der Natur – die jetzt vom Herbst bis zum Frühling schlafen mußte – neues Leben spenden, der Menschheit ein besseres, glückliches Dasein schaffen. Aber er wußte nur zu gut, daß das alles Träume waren und daß die Hulder ihm niemals erlauben würde, sein Feuerrad zu vervielfältigen. Und in seinem Zorn und seiner Rachlust dachte er, daß er sie totschlagen wollte, und dann wußte er wohl kaum mehr, was er tat.
Er ging in das Wohnhaus hinauf, und auf die Diele, gerade unter die Treppe stellte er das Feuerrad. Es war seine Absicht, daß das Haus in Brand geraten und das Ungeheuer verbrennen sollte.
Dann ging er wieder in seine Werkstatt und saß dort still und lauschte.
Auf dem Hofe entstand Lärm und Rufen. Jetzt fing man an zu merken, daß eine Heldentat ausgeführt war.
Ja, lauft ihr nur und schreit und läutet mit den Glocken! Jetzt verbrennt sie doch, die Hulder, die ihr auf Samt und Seide gebettet habt!
Ob sie sich in Qualen windet, ob sie aus dem einen Zimmer in das andere läuft? Ach, wie wird die grüne Seide flammen, wie werden die Flammen in dem dicken Haar spielen! Frischen Mut, ihr Flammen! Frischen Mut! Fanget sie, zündet sie an, verbrennet die Hexe! Fürchtet euch nicht vor ihren Zauberworten, ihr Gluten! Laßt sie brennen! Da sind Menschen, die um ihretwillen ihr ganzes Leben haben brennen müssen!
Glocken läuteten, Wagen rasselten, Spritzen kamen dahergefahren, Wassereimer wurden vom See heraufgereicht, aus allen Dörfern stürmten Leute herbei. Da war ein Schreien und Jammern und Kommandieren; Dächer stürzten herab, da war ein fürchterliches Knistern und Heulen von Flammen.
Nichts aber brachte Kevenhüller aus seiner Fassung; er saß auf dem Haublock und rieb sich die Hände.
Da vernahm er ein Krachen, als wenn der Himmel herabstürzte, und er sprang jubelnd auf. »Jetzt ist es geschehen!« rief er aus. »Jetzt kann sie nicht entkommen, jetzt ist sie unter den Balken zermalmt oder von den Flammen verzehrt. Jetzt ist es vollbracht!«
Und er dachte an Ekebys Ehre und Macht, die geopfert werden mußten, um sie aus der Welt zu schaffen. Die stolzen Säle, wo so viel Wonne und Freude gewohnt hatte, die Zimmer, die widergehallt hatten von der Freude der Frauen, die Tische, die sich schier gebogen hatten unter leckeren Gerichten, die kostbaren alten Möbel, Silber und Porzellan, das nie wieder beschafft werden konnte ...
Und dann fuhr er mit einem Schrei in die Höhe. Sein Feuerrad, seine Sonne, das Modell, von dem alles abhing, hatte er das nicht unter die Treppe gestellt, damit es die Feuersbrunst verursachen sollte?
Kevenhüller sah sich selbst an, versteinert vor Schrecken.
»Bin ich von Sinnen?« sagte er. »Wie konnte ich nur so etwas tun?«
Im selben Augenblick tat sich die verschlossene Tür der Werkstatt auf, und die Grüngekleidete trat ein.
Da stand die Hulder auf der Schwelle, hold und lächelnd. Ihr grünes Gewand hatte weder Fleck noch Makel, kein Brandgeruch haftete an ihrem dicken Haar. Sie war so, wie er sie in den Tagen seiner Jugend auf dem Marktplatz zu Karlstad gesehen hatte, der Schwanz schleifte zwischen ihren Füßen, und sie führte die ganze Wildheit und den Duft des Waldes mit sich.
»Jetzt brennt Ekeby!« sagte sie und lachte.
Kevenhüller hatte den großen Hammer erhoben und wollte ihn ihr an den Kopf werfen, da aber sah er, daß sie sein Feuerrad in der Hand hielt.
»Siehe, was ich für dich gerettet habe,« sagte sie.
Kevenhüller warf sich vor ihr auf die Knie nieder. »Du hast meinen Wagen zertrümmert, du hast meine Flügel zerbrochen und hast mein Leben zerstört. Erzeige mir jetzt eine Gnade, erbarme dich meiner!«
Sie kletterte auf die Hobelbank hinauf und saß dort genau so jung und so schelmisch wie damals, als er sie zum ersten Male auf dem Marktplatz zu Karlstad gesehen hatte.
»Ich sehe, du weißt, wer ich bin,« sagte sie.
»Ich kenne dich, und ich habe dich immer gekannt,« sagte der unglückliche Mann. »Du bist das Genie. Aber gib mich jetzt frei. Nimm deine Gabe von mir! Nimm die Wundergaben von mir! Laß mich ein gewöhnlicher Mensch werden! Warum verfolgst du mich? Warum vernichtest du mich?«
»Tor!« sagte die Hulder. »Ich habe dir niemals Böses gewollt. Ich gab dir eine große Belohnung, aber ich kann sie dir wieder wegnehmen, wenn sie dir nicht behagt. Aber bedenke dich wohl – du wirst es bereuen!«
»Nein, nein!« rief er aus, »nimm die Wundergaben von mir!«
»Zuerst mußt du dies hier zerstören!« sagte sie und warf das Feuerrad vor ihn an die Erde.
Er besann sich nicht. Er schwang den großen Hammer über der strahlenden Feuersonne, die nichts weiter war als häßlicher Zauberkram, wenn sie nicht zum Nutzen für Tausende angewendet werden konnte. Die Funken stoben in der Schmiede umher, Flammen und Scherben umtanzten ihn, und dann lag auch sein letztes Kunstwerk in Trümmern da.
»Ja, dann nehme ich meine Gabe von dir,« sagte die Hulder.
Als sie in der Tür stand, um zu gehen, und der Schein der Feuersbrunst da draußen sich über ihre Gestalt ergoß, sah er ihr zum letztenmal nach.
Schöner denn je zuvor erschien sie ihm und nicht mehr ganz so boshaft, nur strenge und stolz.
»Tor!« sagte sie, »habe ich dir je verboten, deine Kunstwerke von andern nachmachen zu lassen? Was bezweckte ich weiter, als den Mann des Genies vor den Mühseligkeiten des Handwerks zu bewahren?«
Und dann ging sie. Kevenhüller aber war mehrere Tage wahnsinnig. Dann wurde er wieder wie ein gewöhnlicher Mensch.
Das Hauptgebäude von Ekeby war niedergebrannt. Menschen waren jedoch nicht zu Schaden gekommen. Aber es war ein großer Kummer für die Kavaliere, daß das gastfreie Haus, wo sie so viel Gutes genossen hatten, zu ihrer Zeit so großen Schaden erleiden sollte.
Ach – ihr Kinder später Zeiten! Wäre ich es gewesen oder ihr, die der Hulder auf dem Marktplatz zu Karlstad begegnet wäret! Glaubt ihr nicht, daß ich in den Wald gegangen wäre und gerufen hätte: »Hulder, Hulder! Ich bin es, Kevenhüller!« Aber wer sieht sie heutzutage? Wer klagt in unseren Zeiten darüber, zuviel von ihren Gaben erhalten zu haben?
Am ersten Freitag im Oktober beginnt der große Markt von Broby, der acht Tage währt. Das ist das größte Fest im ganzen Jahr. Demselben geht ein großes Schlachten und Backen in jedem Hausstand voraus; dann sind die neuen Winterkleider fertig und können zum erstenmal angezogen werden; die Festgerichte – Käsekuchen und Schmalzgebäck – stehen den ganzen Tag auf dem Tisch, und die Branntweinrationen werden verdoppelt; die Arbeit aber ruht. In jedem Gehöft wird ein Fest gefeiert; die Dienstboten und Tagelöhner nehmen von ihrem Lohn auf und erwägen genau, was auf dem Markt gekauft werden soll. Von weither kommen die Leute in kleinen Scharen die Landstraße entlang gewandert, den Ranzen auf dem Rücken, den Stock in der Hand. Viele müssen auch ihr Vieh zu Markt treiben, um es in diesen schlechten Zeiten zu verkaufen. Kleine, eigensinnige Stierkälber und Ziegen, die stillstehen und die Vorderbeine steif vorsetzen, schaffen dem Besitzer viel Not und den Zuschauern viel Kurzweil. Die Fremdenzimmer auf den Gütern sind voll willkommener Gäste; es werden Neuigkeiten ausgetauscht, die Preise für Vieh und Inventar werden erwogen. Die Kinder gehen einher und träumen von Jahrmarktsgeschenken.
Und am ersten Markttag – wie wimmelt es da auf den Brobyer Hügeln und auf dem ganzen großen Marktplatz von Marktbesuchern! Es sind Zelte errichtet, in denen Kaufleute aus den Städten ihre Waren ausgebreitet haben, während Dalekarlier und Westgotländer ihr Hab und Gut auf langen Reihen von »Scheiben« aufstapeln, über denen die weiße Zeltleinwand flattert. Seiltänzer, Drehorgel- und blinde Violinspieler gibt es zur Genüge, ebenso Wahrsagerinnen, Brustzuckerverkäufer, Branntweinschenken. Hinter den Buden ist steinernes und hölzernes Geschirr aufgehellt. Zwiebeln und Meerettich, Äpfel und Birnen werden von den Gärtnern der großen Herrenhöfe feilgeboten. Große Strecken des Marktplatzes sind mit rotbraunem, innen weiß verzinntem Kupfergeschirr bedeckt.
Aber an dem Umsatz kann man wohl merken, daß in Svartsjö und in Bro und in den andern Ortschaften am Löfsee Not herrscht. Der Handel in den Zelten und an den Scheiben geht nur schlecht. Der größte Umsatz wird auf dem großen Viehmarkt gemacht, denn gar mancher muß Kuh und Pferd verkaufen, um selber durch den Winter kommen zu können. Dort findet auch der wilde, spannende Pferdetausch statt.
Es geht lustig her auf dem Markt zu Broby. Hat man nur Geld zu ein paar Schnäpsen, so kann man den Humor schon aufrechterhalten. Aber nicht der Branntwein allein ist der Urheber der Freude. Wenn die Menschen aus den einsamen Waldhütten nach dem Marktplatz mit seinem wogenden Gewimmel herabkommen, werden sie anfänglich ganz entsetzt, wenn sie den Lärm dieser schreienden, lachenden Scharen hören; wenn sie aber erst mitten im Gewimmel sind, werden sie gleichsam berauscht von der Freude, wild von dem brausenden Jahrmarktsleben.
Wohl ist da viel Handel zwischen so vielen Menschen, aber das ist doch kaum die Hauptsache. Das wichtigste ist, sich mit einem Kreis guter Freunde in eine Bude zu setzen und sie mit Schafwurst, Schmalzgebäck und Branntwein zu traktieren, oder sein Mädchen zu überreden, ein Gesangbuch und ein seidenes Tuch anzunehmen, oder Marktgeschenke für die Kinder daheim einzukaufen.
Alle, die nicht gezwungen sind, daheim zu bleiben und auf Haus und Hof zu achten, sind nach Broby gekommen. Da sind Kavaliere aus Ekeby und Köhler aus Nygaard, Pferdehändler aus Norwegen, Finnen aus den großen Wäldern und Landstreicher aus aller Herren Ländern.
Hin und wieder sammelt sich das ganze brausende Meer zu einem Wirbel, der sich in Ringen um einen Mittelpunkt zu drehen scheint. Niemand weiß, was sich in der Mitte befindet, bis ein paar Polizisten die Menge durchbrechen, um einer Schlägerei ein Ende zu machen oder einen umgestürzten Wagen wieder aufzurichten. Und im nächsten Augenblick schart sich die Menge von neuem – um einen Kaufmann, der mit einer munteren Dirne feilscht.
Ungefähr gegen Mittag beginnt die große Schlägerei. Die Bauern haben sich in den Kopf gesetzt, daß die Westgotländer zu knappes Ellenmaß gebrauchen; es entsteht zuerst Zank und Geschimpf um ihre »Scheiben«, bald aber geht es zu Handgreiflichkeiten über. Für die vielen, die in jenen Tagen nichts als Not und Elend sahen, war es eine Erleichterung, einmal tüchtig dreinhauen zu können, einerlei wen oder was man traf. Und sobald die Starken und Streitlustigen sehen, daß eine Schlägerei im Gange ist, stürzen sie von allen Seiten herbei. Die Kavaliere wollen gerade in den Knäuel einbrechen, um auf ihre Weise Frieden zu stiften, und die Dalekarlier eilen herbei, um den Westgotländern zu helfen.
Der starke Måns aus Fors ist der Eifrigste bei der Sache. Betrunken ist er, und wütend ist er auch; jetzt hat er einen Westgotländer umgeworfen und angefangen, ihn durchzuprügeln; auf das Hilfegeschrei aber stürzt ein Landsmann herbei und will den starken Måns zwingen, seine Beute fahren zu lassen. Da reißt der starke Måns alle Waren von einer der Scheiben herunter, ergreift die Scheibe selbst, die eine Elle breit und acht Ellen lang ist und aus dicken Planken besteht, und fängt an, sie als Waffe um sich zu schwingen.
Der starke Måns ist ein schrecklicher Mensch. Er stieß im Gefängnis zu Filipstad eine Wand ein, und er konnte ein Boot aus dem See auf die Schulter heben und nach Hause tragen. Man kann wohl begreifen, daß die ganze Schar, Westgotländer und alle, die Flucht ergreifen, als er mit der schweren Scheibe um sich schlägt. Aber der starke Måns stürzt hinter ihnen drein und schlägt drauflos. Er nimmt keine Rücksicht mehr auf Freund oder Feind, er will nur jemand haben, auf den er losschlagen kann, jetzt, wo er eine Waffe hat.
Die Leute fliehen voller Verzweiflung vor ihm. Männer und Frauen schreien und rennen. Aber wie ist es den Frauen möglich zu entfliehen – sie haben ja ihre kleinen Kinder an der Hand! Die Buden und Wagen versperren den Weg. Kühe und Ochsen, die von dem Lärm wild geworden sind, hindern ihre Flucht.
In einer Ecke zwischen den Buden ist eine Schar Frauen eingeklemmt, und auf die stürmt der Riese los. Meint er doch einen Westgotländer in ihrer Mitte zu erblicken! In bleicher, schaudernder Angst nehmen die Frauen den Anfall entgegen und kriechen zusammen unter dem tötenden Schlag.
Als aber die Scheibe pfeifend auf sie herabfällt, wird ihre Kraft durch die aufwärtsgestreckten Arme eines Mannes gebrochen. Ein Mann ist nicht zusammengekrochen, er hat sich mitten in dem Menschenknäuel hochaufgerichtet, ein Mann hat aus freiem Willen den Schlag aufgefangen, um die vielen zu retten. Frauen und Kinder stehen unbeschädigt da. Ein Mann hat die Gewalt des Schlages gebrochen, jetzt aber liegt er bewußtlos am Boden.
Der starke Måns hebt seine Scheibe nicht auf, um weiterzustürmen. Der Blick des Mannes hat ihn getroffen, als die Scheibe auf seinen Scheitel herabfiel, und dieser Blick hat ihn mit Lähmung geschlagen. Er läßt sich binden und ohne Widerstand fortführen.
Aber mit Blitzeseile verbreitet sich das Gerücht über den ganzen Markt, daß der starke Måns Hauptmann Lennart erschlagen hat. Man sagt, daß er, der der Freund des Volkes war, gestorben ist, um Frauen und wehrlose Kinder zu retten.
Und es wird still auf dem großen Platz, wo das Leben soeben noch in wildem Taumel dahinsauste: der Handel stockt, die Schlägereien hören auf, die Festschmäuse in den Erfrischungsbuden lösen sich auf, vergebens lockt der Seiltänzer die Zuschauer an. Der Freund des Volkes ist tot, das Volk hat Trauer. In tiefem Schweigen drängen sich alle um den Ort zusammen, wo er gefallen ist. Er liegt ausgestreckt am Boden, ganz bewußtlos; keine Wunde ist sichtbar, nur die Hirnschale ist wie flachgedrückt.
Einige Männer heben ihn sorgfältig auf die Scheibe, die den Held hat fallen lassen. Sie glauben zu bemerken, daß er noch lebt.
»Wohin sollen wir ihn tragen?« fragen sie einander.
»Nach Hause!« antwortet eine barsche Stimme aus der Schar.
Ja, ihr guten Männer, tragt ihn nach Hause! Hebt ihn auf eure Schultern und tragt ihn nach Hause! Er ist Gottes Spielball gewesen, er ist vor seinem Atemhauch wie eine Feder hergetrieben. Tragt ihn jetzt nach Hause!
Das verwundete Haupt hat auf der harten Pritsche im Gefängnis, auf dem Heubündel in der Scheune geruht. Laßt es jetzt nach Hause kommen und auf einem weichen Kissen ruhen! Unverschuldet hat er Schande und Not gelitten, er ist von seiner eigenen Tür fortgejagt. Tragt ihn jetzt nach Hause! Ein ruheloser Flüchtling ist er gewesen, er ist auf Gottes Wegen gewandelt, wo er sie finden konnte, das Land seiner Sehnsucht aber war dies Heim, dessen Tür Gott ihm verschlossen hatte. Tragt ihn nach Hause! Vielleicht steht sein Heim dem offen, der gestorben ist, um Frauen und Kinder zu erretten.
Jetzt kommt er nicht wie ein Verbrecher, von taumelnden Zechgenossen begleitet; eine trauernde Schar folgt ihm, er hat in ihren Hütten gewohnt, er hat ihnen in ihren Leiden geholfen. Tragt ihn jetzt nach Hause!
Und sie tun es. Sechs Männer heben die Scheibe, auf der er liegt, auf ihre Schultern und tragen ihn fort vom Marktplatz. Wohin sie kommen, weichen die Leute zur Seite und stehen still: Männer entblößen das Haupt, Frauen verneigen sich wie in der Kirche, wenn Jesu Name genannt wird. Viele weinen und trocknen die Augen; andere fangen an, davon zu reden, welch ein Mann er gewesen, so gut, so heiter, so hilfbereit, so gottesfürchtig.
Es ist wunderbar zu sehen, wie, sobald einer der Träger ermüdet, sofort ein anderer kommt und stillschweigend die Schulter unter die Scheibe stemmt.
Hauptmann Lennart kommt auch an der Stelle vorüber, wo die Kavaliere stehen.
»Ich muß wohl mitgehen und acht geben, daß er gut nach Hause kommt«, sagt Beerencreutz und verläßt seinen Platz am Wegesrande, um mit nach Helgesäter zu gehen, und seinem Beispiel folgen gar manche.
Der Marktplatz wird beinahe leer; alle geben Hauptmann Lennart das Geleite nach Helgesäter. Man muß ja dafür sorgen, daß er nach Hause kommt. All das Notwendige, das durchaus gekauft werden sollte, muß unterbleiben; die Jahrmarktsgeschenke für die Kleinen daheim werden vergessen, das Gesangbuch wird nicht gekauft, das seidene Tuch, das die Begier des Mädchens erregte, bleibt auf dem Budentisch liegen. Alle müssen mit und sehen, daß Hauptmann Lennart gut nach Hause kommt.
Als der Zug Helgesäter erreicht, ist es dort leer und öde. Wieder donnern die Fäuste des Obersten an der geschlossenen Tür. Alle Dienstboten sind auf dem Markt; die Hausfrau allein ist daheim geblieben und hütet das Haus. Sie öffnet auch heute.
Und wie schon einmal zuvor, so fragt sie auch heute: »Was wollt Ihr?«
Worauf der Oberst, wie schon einmal zuvor, antwortet: »Wir sind hier mit deinem Gatten.«
Sie schaut ihn an, der steif und besonnen dasteht wie immer. Sie schaut die Träger hinter ihm an, die weinen, und die ganze Menschenmenge dahinter. Sie steht dort auf der Treppe und schaut in Hunderte von weinenden Augen, die sie betrübt anstarren. Endlich schaut sie den Mann an, der ausgestreckt auf der Bahre ruht, und sie preßt die Hand gegen das Herz.
»Das ist sein wahres Gesicht!« murmelt sie.
Ohne weiter zu fragen, beugt sie sich nieder, schiebt den Riegel zurück, schlägt die Türen weit auf und geht vor den andern her ins Schlafgemach.
Mit Hilfe des Obersten zieht sie das zusammengeschobene Doppelbett auseinander und schüttelt die Betten auf, und dann wird Hauptmann Lennart wieder auf weiche Daunen und weißes Leinen gelegt.
»Lebt er?« fragt sie.
»Ja,« antwortet der Oberst.
»Ist Hoffnung vorhanden?«
»Nein, es ist nichts dabei zu machen.«
Eine Weile herrscht tiefes Schweigen, dann fragt sie plötzlich: »Weinen alle diese Menschen um seinetwillen?«
»Ja.«
»Was hat er denn getan?«
»Das letzte, was er tat, war, daß er sich von dem starken Måns totschlagen ließ, um Kinder und Frauen vor dem sichern Untergang zu retten.«
Sie sitzt eine Weile schweigend da und sinnt.
»Was für ein Gesicht hatte er doch nur, Oberst, als er vor zwei Monaten nach Hause kam?«
Der Oberst zuckt zusammen. Erst jetzt versteht er den ganzen Zusammenhang!
»Gösta hatte ihn ja angemalt!«
»Also um eines Kavalierstreichs willen habe ich ihm mein Haus verschlossen? Wie wollt Ihr das verantworten, Oberst?«
Beerencreutz zuckte die breiten Achseln: »Ich habe wohl mehr auf dem Gewissen, weswegen ich mich verantworten muß.«
»Dies ist sicher das Schlimmste, was du getan hast!«
»Dann habe ich auch niemals einen schlimmeren Gang getan, als heute hierher nach Helgesäter. Übrigens sind noch zwei andere schuld daran.«
»Und wer denn?«
»Sintram ist der eine, die andere bist du selber, Cousine. Du bist eine strenge Frau. Ich weiß, daß mehr als einer den Versuch gemacht hat, mit dir über deinen Mann zu reden.«
»Das ist wahr!« erwidert sie. Und dann bittet sie ihn, von dem Trinkgelage in Broby zu erzählen.
Er erzählt alles, so gut er sich dessen entsinnen kann, und sie lauscht schweigend. Hauptmann Lennart liegt noch immer bewußtlos auf dem Bett. Das Zimmer ist ganz angefüllt mit weinenden Menschen; niemand denkt daran, diese betrübte Schar hinauszuwerfen. Alle Türen sind weit geöffnet, alle Zimmer, Treppen und Gänge sind voll schweigender, bekümmerter Menschen – bis weit auf den Hof hinaus stehen sie in dichten Scharen.
Als der Oberst seine Erzählung beendet hat, sagt die Frau des Hauptmanns mit erhobener Stimme: »Falls sich einer der Kavaliere hier im Zimmer befindet, bitte ich ihn, hinauszugehen. Es ist schwer für mich, einen Kavalier hier an dem Sterbebett meines Mannes zu sehen.«
Ohne ein Wort zu sagen, steht der Oberst auf und geht hinaus. Dasselbe tun Gösta Berling und noch ein paar Kavaliere, die Hauptmann Lennart das Geleite gegeben haben. Die Leute weichen scheu zur Seite vor dieser kleinen Schar gedemütigter Männer.
Als sie fort sind, sagt Frau Lennart: »Will jemand von denen, die meinen Mann während dieser Monate gesehen haben, mir sagen, wo er sich aufgehalten und was er vorgenommen hat?«
Und nun fangen die da drinnen an, vor Hauptmann Lennarts Frau Zeugnis abzulegen über ihn, vor ihr, die ihn verkannt und die ihr Herz in Strenge gegen ihn verhärtet hat. Jetzt ertönt die Sprache der alten Hymnen. Männer, die nie ein anderes Buch gelesen haben als die Bibel, fangen an zu reden. In Bildern, die sie Hiobs Buch entleihen, in Wendungen aus den Zeiten der Patriarchen reden sie von dem Gesandten Gottes, der umherging und allem Volk half.
Es währt lange, bis sie ausgeredet haben. Während die Dunkelheit hereinbricht und der Abend kommt, stehen sie da und reden; einer nach dem andern tritt vor und erzählt der Frau, die seinen Namen nicht hat nennen hören wollen, von ihm.
Da sind Leute, die erzählen, daß er sie auf dem Krankenbett gefunden und geheilt hat. Da sind wilde Raufbolde, die er gezähmt hat. Da sind Trunkenbolde, die er zur Mäßigung gezwungen, Betrübte, denen er Trost gespendet hat. Jeder, der in grenzenloser Not gewesen ist, hat sich an Gottes Gesandten gewendet, und er hat ihnen helfen können; wenigstens ist er imstande gewesen, Trost und Hoffnung in ihre Herzen zu gießen.
Den ganzen Abend ertönt die Sprache der alten Hymnen im Krankenzimmer.
Draußen auf dem Hofplatz stehen die dichten Scharen und warten auf »das Letzte«. Sie wissen, was da drinnen vor sich geht – was laut am Sterbebette gesprochen wird, geht da draußen als Geflüster von Mund zu Munde. Jeder, der etwas zu sagen hat, drängt sich schweigend durch die Menge. »Hier ist einer, der von ihm zeugen kann«, sagt man und macht ihm Platz. Und sie treten aus der Dunkelheit hervor, legen ihr Zeugnis ab und treten wieder in die Finsternis zurück.
»Was sagt sie jetzt?« fragen die Draußenstehenden. »Was sagt die gestrenge Frau auf Helgesäter?«
»Sie strahlt wie eine Königin, sie lächelt wie eine Braut. Sie hat seinen Lehnstuhl an das Bett gerückt und die Kleider darauf gelegt, die sie ihm eigenhändig gewebt hat.«
Aber dann wird es still unter den Leuten. Niemand sagt es, aber alle wissen es wie mit einem Schlage: »Jetzt stirbt er.«
Hauptmann Lennart schlägt seine Augen auf, er sieht, und er sieht genügend. Er sieht sein Heim und die Volksscharen, seine Frau, die Kinder, die Kleider, und er lächelt. Aber er ist nur erwacht, um zu sterben. Er seufzt einmal röchelnd auf und haucht dann seinen Geist aus.
Da verstummen die Erzählungen. Eine Stimme aber beginnt ein Sterbelied. Alle stimmen mit ein, und von Hunderten von starken Stimmen getragen, erhebt sich der Gesang zu den ewigen Höhen. Das ist der Abschiedsgruß der Erde an die fliehende Seele.
Es herrschte Schweigen im Kavalierflügel. Die krummen Waldhörner, die in Veranlassung des Marktes geputzt und mit neuen grünen Schnüren und Quasten verziert waren, hingen unbenutzt in den Ecken. Die Violinen lagen, in rohe Seide gewickelt, in ihren Kasten, den Bogen zur Seite, das Harz und die Reservesaiten am Kopfkissen. Die Flöten waren nicht aus dem Bade herausgenommen, in dem sie lagen, um dicht zu werden. Die Bellmanslieder ertönten nicht, man hörte kein Scherzen und Lachen. Auf dem großen Tisch, der voll weißer Ringe von den Groggläsern war, stand noch das Tablett, aber niemand mischte den dampfenden Trunk. Beerencreutz saß da und spielte mit den Karten, niemand aber machte Miene, Geld auf den Spielteller zu werfen.
Diese Kavaliere, die zu Wächtern der Freude angestellt waren, glichen jetzt den frierenden Winterfliegen, die in das Dunkel und den Schutz des Ofens kriechen. Es war kalt und einsam um sie her geworden. Gestern war Hauptmann Lennart gestorben, von seinem Sterbebett war Gösta Berling in die Wälder und in die Wildnis hinausgeflüchtet, wie es seine Gewohnheit war, wenn sein Gewissen eine neue, schmerzende Wunde erhalten hatte. Sie wußten, daß er lange fortbleiben würde, vielleicht Wochen, bis die Zeit sein Elend geheilt hatte. Ihre junge Gräfin hielt sich eingeschlossen und wollte niemand von ihnen sehen.
Die Rosen waren verwelkt, die Blätter waren abgefallen, das Gras war gelb geworden. Und die Kavaliere fingen an zu glauben, daß das Leben selber ausgeblüht habe. Örneclou sah plötzlich, daß er alt und häßlich war, Onkel Eberhard hatte sein großes wissenschaftliches Werk abgeschlossen, Patron Julius’ Gewissen wollte nicht schlafen, Liliencrona sehnte sich nach Hause.
Und sie fragten sich selber, womit sie es verschuldet hatten, daß der Wein seinen Geschmack verloren, daß das Kartenspiel ihnen keine Freude mehr machte, daß die Musik sie nicht mehr belebte. Weshalb war die Macht der Freude von ihnen gewichen? Welch Verbrechen hatten sie begangen, die armen, elenden Kavaliere?
Da öffnete sich die Tür, und die Tochter des Pfarrers von Broby trat zu den versammelten Kavalieren ein. Sie war eine energische kleine Person, die das ganze Jahr hindurch gegen die liederliche Wirtschaft und die Verschwendung angekämpft hatte. Es war etwas so Strenges, Pflichtgetreues an ihr, daß die Kavaliere stets einen gewissen Respekt vor ihr gehabt hatten, obwohl sie kaum die Kinderschuhe ausgezogen hatte.
»Heute bin ich wieder zu Hause gewesen und habe nach dem Geld meines Vaters gesucht«, sagte sie zu den Kavalieren. »Aber ich habe nichts gefunden. Alle Schuldbeweise sind ausgestrichen, und Schubfächer und Schränke stehen leer.«
»Das ist traurig für Sie, Jungfer«, sagte Beerencreutz.
»Als die Majorin aus Ekeby fortzog,« fuhr die Tochter des Pfarrers von Broby fort, »bat sie mich, acht auf ihr Haus zu geben. Und falls ich nun das Geld meines Vaters gefunden hätte, würde ich es dazu verwendet haben, Ekeby wieder instand zu setzen. Da ich aber nichts anderes fand, nahm ich einige von den Stöcken und Zweigen von meines Vaters Schandhügel mit, denn es harrt meiner große Schande, wenn meine Herrin heimkehrt und mich fragt, was aus Ekeby geworden ist.«
»Nehmen Sie sich doch eine Sache nicht so zu Herzen, an der Sie keine Schuld haben, Jungfer«, entgegnete Beerencreutz.
»Aber ich habe nicht allein für mich Stöcke vom Schandhügel genommen«, sagte das junge Mädchen. »Ich nahm auch einige für die guten Herren mit. Bitte recht sehr, meine Herren! Mein Vater ist nicht der einzige gewesen, der Schmach und Schande in diese Welt gebracht hat.«
Und sie ging von dem einen zum andern und legte vor einen jeden einige der dürren Zweige. Mehrere von den Kavalieren fluchten, die meisten aber ließen sie gewähren. Schließlich sagte Beerencreutz mit der ruhigen Würde eines vornehmen Herrn:
»Es ist gut, Jungfer. Haben Sie Dank! Jetzt können Sie gehen.«
Als sie fort war, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, so daß die Gläser tanzten. »Von diesem Augenblick an«, sagte er, »trinke ich nie wieder. So etwas soll der Branntwein nicht zum zweitenmal über mich bringen.« Dann erhob er sich und ging hinaus, und tiefes Schweigen lagerte sich wieder über den Kavalierflügel.
Aber vor einem jeden der Kavaliere lagen einige von den Hölzern und Zweigen des Schandhügels. Und von ihnen ging eine Reihe unheimlicher Fragen aus:
Wo ist die Majorin? Was ist aus Ekebys Ehre und Macht geworden? Weshalb ist Gottes Gesandter getötet worden? Wo ist der Reichtum, der ehemals am Löfsee herrschte?
Und es war plötzlich, als ertöne der Kavalierflügel von tausend Stimmen, die alle antworteten. Es war den alten Herren, als säßen sie mitten in einem summenden, stechenden Bienenschwarm. Denn auf alle diese Fragen vernahmen sie stechende, beißende Antworten.
Die Kavaliere haben ihre Wohltäterin vertrieben, die Kavaliere, denen sie ein Heim gab, haben sie heimatlos gemacht. Sie gab ihnen Speisung und Freude, sie gaben ihr Hunger und Sorgen.
Die Kavaliere haben das stolzeste Gut in ganz Wermland ruiniert. Die Kavaliere haben dem Gesandten Gottes sein eigenes Haus verschlossen. Der Raufbold, der ihm das Leben nahm, hat ihm weniger Schaden zugefügt als wir, die wir seine liebste Hoffnung töteten. Die Kavaliere haben die Sorglosigkeit und den Trunk unter den Armen verbreitet, sie haben die ganze Löfseer Harde ruiniert.
Diese Stimmen hatten nicht lange gesummt und gestochen, als ein Kavalier nach dem andern sich erhob und hinausging. Und es traf sich so, daß sie sich nach einer Weile alle unten am Gießbach zusammenfanden, dort, wo die Mühle und die Schmiede gestanden hatten. Überall sah man Spuren der Zerstörung. Der große Hammer ragte aus einem Haufen von Sparren und Brettern hervor, die dicken Ofenmauern standen noch mitten in der Zerstörung, und am Boden sah man noch die große Esse ihren weiten Schlund öffnen.
Und seht nur! In all diesem Wirrwarr ging der Oberst umher und arbeitete, er machte Platz für eine neue Schmiede und eine neue Mühle. Und allmählich, als die anderen kamen, gingen auch sie an die Arbeit. Bald waren sie alle da; sie schleppten Balken fort, brachen Steine auf, gruben und zimmerten. Und bald fingen die Lieder wieder an zu klingen, und Scherzen und Lachen erschallte im Kreise. Wieder waren sie mutig und stark; sie würden Ekeby schon wieder aufrichten. Sie wollten die Majorin heimholen; sobald es möglich war, sollte die Tochter des Pfarrers von Broby zu ihr hinaufreisen. Die Armen am Löfsee sollten wieder Arbeit haben.
Aber der Kontrakt, der schwarze, mit Blut geschriebene Kontrakt aus der Christnacht? Ach – sie handelten jetzt weit mehr kavaliermäßig als ehedem. Sie arbeiteten, und sie wollten fortfahren zu arbeiten, ihr Lohn aber sollte in Ehre bestehen und nicht in Geld.
Am Sonntagmorgen kam Gösta Berling nach der Brobyer Kirche. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, infolgedessen war es vor der Kirche leer, vor dem Portal aber stand ein in Eile zusammengeschlagener Sarg.
Es ward Gösta Berling schwer, an diesem Sarg vorüberzugehen. Er wußte, daß der gute Hauptmann Lennart darin ruhte, und es war ihm, als wenn er ihm den Weg zur Kirche versperre.
Gösta war einen Tag und zwei Nächte im Walde umhergewankt, er hatte nichts gegessen, war müde, hungrig, erschöpft von Leiden. Jetzt war er gekommen, um die armen Leute in der Kirche zu sehen, denn da droben in der Einsamkeit hatte er an den Tag gedacht, da er am Schandhügel des Pfarrers von Broby gesessen, an die Nacht, da er die finsteren Scharen mit der Leiche des Mädchens von Nygaard hatte fortziehen sehen, da ihn das Verlangen ergriff, der Diener und Freund der Armen zu sein. Jetzt wollte er sie in der Kirche sehen, um Kraft zu sammeln, damit er ihnen dienen könne.
Aber er konnte nicht an Hauptmann Lennarts Sarg vorüberkommen. Es war ihm, als rufe der Tote ihm zu: »Gösta Berling, wie willst du den Armen helfen? Du schleppst noch die Folgen all des Bösen, das du getan, hinter dir her. Vorerst mußt du, müssen alle, die du liebst, die Früchte von dem Unheil ernten, das du gesäet hast.«
Er trat an den Sarg heran und fiel davor auf die Knie. »Hilf mir, der Helfer der Armen zu werden,« sagte er, »hilf mir, daß ich der Geliebten nie wieder Kummer mache.« Und einmal über das andere wiederholte er: »Hilf mir, daß ich fortan keinen Kummer, keine Schande, Not und anderes Elend in diese Welt bringe!«
Da legte sich eine schwere Hand auf Göstas Schulter. Hinter ihm stand Sintram.
»Gösta, willst du jemand einen tüchtigen Streich spielen, so leg dich hin und stirb. Es gibt nichts so Raffiniertes, als zu sterben, nichts, das einem braven Menschen einen ärgeren Strich durch die Rechnung macht, wenn er es am wenigsten ahnt. Leg dich hin und stirb, sage ich dir!«
»Das wäre auch das Beste für mich«, meinte Gösta.
»Vorerst aber ersinne etwas, Gösta, wodurch ich den da im Sarge ärgern kann.«
»Hat er dich angeführt?«
»Freilich hat er das! Sieh mich nur an, mein Junge! Ich bin ein betrogener Mann. Weshalb mußte er sich auch so dumm anstellen und mich zum besten haben, so daß ich an seine Dummheit glaubte, während er schlau genug war, sich gerade im rechten Moment hinzulegen und zu sterben. Aber er soll seinen Lohn haben! Ich reiße Flor und Kränze von seinem Sarge, stoße ihn um und trete mit Füßen darauf.«
»Nicht, so lange ich lebe!« rief Gösta.
Sintram kreuzte die Arme über der Brust und hob den Kopf in die Höhe; es lag etwas von der entsetzlichen Majestät des Bösen über diesem ihrem Diener.
»Es ist mein gutes Recht!« sagte er feierlich. »Es war ein großes Werk, und der Plan war geschickt gelegt; er aber hat ihn zerstört. Es handelte sich um die ganze Löfseer Harde. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt, würde die ganze Harde zugrunde gerichtet sein. Worauf habe ich denn sonst dies ganze Jahr hindurch hingearbeitet? Ich habe die Majorin vertrieben. Ich habe Melchior Sinclaire elend gemacht. Ich halte den Schatz des Pfarrers von Broby verborgen. Ich habe die Kavaliere regieren lassen. Und jetzt war das Volk so wild und unglücklich geworden, daß niemand sie daran hindern konnte, sich ins Verderben zu stürzen, niemand, mit Ausnahme dieses Mannes, der sich gerade im rechten Augenblick hinlegte und starb. Sahest du es, mein Junge, sahest du es wohl? Die Bauern rückten gegen die Westgotländer, die Dalekarlier gegen die Bauern vor; hätte es nur eine Sekunde länger gewährt, so wäre der ganze Marktplatz in einen großen Walplatz verwandelt gewesen. Frauen und Kinder wären mit Füßen getreten, die Waren in den Schmutz geworfen worden, Raub und Mord hätten gehaust. Wäre Hauptmann Lennart nicht gestorben, so wäre das alles eingetroffen. Und hinterher wäre dann das Gericht gekommen. Hungersnot, neue Aufstände, Einquartierungen würden sie ausgesogen haben. Die ganze Harde wäre so häßlich, so verrufen, so verhaßt geworden, daß niemand außer dem alten Sintram dort hätte wohnen mögen. Wäre das nicht ein großes Werk gewesen?«
»Aber welchen Zweck sollte dies alles nur haben?«
Sintrams Augen sprühten Blitze, als er antwortete: »Es wäre mir eine Freude gewesen, denn ich bin schlecht. Ich bin der Bär im Gebirge, ich bin der Schneesturm auf der Ebene; meine Lust ist es, zu morden und zu verfolgen. Fort, sage ich, fort mit den Menschen und mit dem Menschenwerk! Ich kann sie nicht leiden. Ich kann sie zwischen meinen Klauen hindurchlaufen und ihre Sprünge machen lassen – das kann mich eine kleine Weile amüsieren –, aber nun hatte ich das Spiel satt, Gösta, nun wollte ich zuschlagen, jetzt wollte ich zerstören.«
Er wäre wahnsinnig, vollständig wahnsinnig. Er hatte vor langer Zeit zum Scherz mit diesen Höllenkünsten begonnen, jetzt aber hatte die Bosheit Oberhand über ihn gewonnen, jetzt glaubte er selber, daß er einer der Geister der Hölle sei.
Gösta Berling aber, der vor Eifer entbrannte, den Notleidenden zu helfen, war durch seine Worte wie vom Blitz getroffen.
»Weißt du, wo der Schatz des Pfarrers von Broby liegt?« fragte er.
Sintram antwortete mit einem schnellen, lauernden Blick. »Willst du vielleicht der Helfer des Volkes sein, Gösta?«
»Ja«, erwiderte Gösta; er wußte, daß es am besten war, mit einem Manne wie Sintram die Wahrheit zu reden.
Ein Lichtschimmer zuckte über Sintrams Antlitz. »Sieh, sieh!« sagte er, »da will ich den im Sarge ruhig liegenlassen, denn dann weiß ich eine bessere Rache.«
»Was hast du zu rächen? Der beste Freund des Volkes ist tot, und die Not ist ebenso groß wie vorher.«
»Ich sage dir, alles ist verloren. Schau nur dahin! Siehst du? Heute habe ich den Gefängniswagen als Equipage bekommen, und es hat mich viele Tränen gekostet, den Landvogt zu bewegen, daß er draußen hält, während ich ein Gebet am Sarge des frommen Mannes verrichte.«
Und Gösta sah, daß der Gefängniswagen an der Kirchhofsmauer hielt und auf Sintram wartete.
»Ich wollte hierher und mich bei der Frau Hauptmann bedanken, daß sie gestern in alten Papieren nachsuchte, um Beweise gegen mich in der bewußten Pulvergeschichte zu finden, und mir dann die Obrigkeit auf den Hals sandte, gerade als ich mich anschickte, zum Begräbnis dieses guten Mannes zu gehen. Aber ich will den Sarg nicht anrühren, ich kann etwas tun, was noch weit besser ist. – Hör einmal! Ihr seid wohl jetzt wahre Engel Gottes da oben in Ekeby? Wenn die Tochter des Brobyer Pfarrers ihr Erbe bekommt, wollt ihr und sie dann alles unter die Armen austeilen?«
»Sie will es benutzen, um Ekeby wieder aufzurichten und den Armen zu helfen; das hat sie oft gesagt.«
Sintram lachte vor sich hin. »Du wüßtest wohl für dein Leben gern, wo das Geld steckt, Gösta?«
»Ja, das wüßte ich gern.«
»Willst du mir versprechen, geradeswegs von hier zu der Stelle im Walde zu gehen, wo das Mädchen aus Nygaard sich zu Tode fiel, und dich dort herabstürzen, so will ich dir sagen, wo das Geld ist. Es wäre so schön, wenn du da sterben könntest; dann würden alle sagen, daß deine schrecklichen Gewissensqualen dich in den Tod getrieben hätten.«
»Ich habe gelobt, mir das Leben nicht zu nehmen, so lange Anna Lisa im Dienst der Majorin steht.«
»Gilt nicht!« erwiderte Sintram. »Wenn du ihr das Geld verschaffst, dient sie ja nicht mehr.«
Aber bei Gösta Berling schien nun all das alte und all das neue Sehnen sich zu dem einen zu vereinigen – sterben zu dürfen. Es war niemals zur Klarheit gekommen zwischen ihm und ihr, die er seine Gattin nannte. Er war glücklich gewesen, daß er ihr dienen durfte wie die anderen Kavaliere, wie es aber werden sollte, wenn ihre Zeit auf Ekeby um war, das wußte er nicht. Er wußte nicht einmal, ob sie zu ihren Eltern zurückkehren oder bei ihm bleiben würde. Eins aber stand fest: er konnte ihr keinen größeren Dienst erweisen, als indem er ihr ihre Freiheit wiedergab, und dazu hatte er jetzt die beste Gelegenheit. Jetzt konnte er alle seine Gewissensqualen loswerden; jetzt konnte er die Wünsche seiner besten Momente erfüllen, er konnte Gott und den Menschen dienen; das alles und weit mehr lag in diesem schönen, herrlichen: sterben zu dürfen.
Er reichte Sintram die Hand, und dieser schlug ein.
»Das Geld liegt im Kirchturm zu Bro, unter den Dielen in der Nähe der Schallöcher«, sagte Sintram. »Sorge nun aber dafür, daß du aus der Welt bist, ehe es Abend wird, denn sonst werde ich es schon so einrichten, daß die Tochter des Pfarrers von Broby ihr Geld selbst behält.«
Jetzt folgte ein schöner Tag für Gösta Berling. Er ging in die Kirche und dachte mit feierlicher Freude daran, daß er sein Leben hingeben wolle, um allen diesen Menschen zu helfen. Er ging in die Sakristei und schrieb eine Bekanntmachung aus, daß die Arbeit in Ekeby wieder aufgenommen werden solle und daß dort Korn an die Armen verteilt werden würde. Und er vernahm das Gemurmel der Freude und des Staunens, das durch die Menge ging, als das Manifest nach dem Gottesdienst verlesen wurde. Er schrieb auch ein paar Worte an seine Gattin und teilte ihr mit, wo der Schatz zu finden sei. Gegen seinen Willen lief die Feder weiter, und er schrieb ihr einige Worte des Abschieds, falls sie einander nie wiedersehen sollten. Er müsse etwas tun, um den Tod des Mädchens aus Nygaard zu sühnen, schrieb er. Sobald er den Brief abgesandt hatte, wunderte er sich, weshalb er das eigentlich geschrieben hatte, und er bereute es.
Die Welt war ihm lange nicht so schön erschienen wie an diesem Tage. Nach dem Gottesdienst sprach er mit Anna Stjärnhök und mit Marianne Sinclaire. Sie baten ihn beide, sich aufzuraffen und ein Mann zu werden. Er erfuhr, daß Anna Stjärnhök sich mit der Arbeit getröstet hatte; sie bewirtschaftete jetzt ihre großen Güter selber, und man sagte von ihr, daß sie eine zweite Majorin werden würde. Er fühlte, daß diese beiden stolzen Frauen unter dem Bewußtsein litten, sich des Mannes schämen zu müssen, den sie geliebt hatten. Jetzt, dachte er, werden sie sich darüber freuen, daß ich mein Leben hingebe, um alle die Armen aus ihrer Not zu erretten, um Ekeby wieder in seinem alten Glanz aufzurichten.
Nach dem Gottesdienst wurde Hauptmann Lennart begraben. Da er am Markttage gestorben war, hatte sich die Kunde weithin verbreitet, und zu Tausenden waren die Leute zur Kirche geströmt. Der ganze Kirchhof, die Mauer und das an die Kirche grenzende Feld waren voll Menschen. Der alte Probst war krank und predigte sonst nicht. Aber zu Hauptmann Lennarts Beerdigung hatte er versprochen zu kommen. Und er kam, gesenkten Hauptes und in seine eigenen Träume vertieft, wie er es jetzt in seinen alten Tagen zu sein pflegte, und stellte sich an die Spitze des Leichenzuges. Der Alte war vor vielen Leichenzügen hergegangen, er ging den bekannten Weg ohne aufzublicken, er warf Erde auf den Sarg, verrichtete die Gebete und merkte nichts Ungewöhnliches. Als aber der Küster den Gesang anstimmte, wurde er von hundert und aber hundert Stimmen gesungen, Männer, Frauen und Kinder sangen mit. Da erwachte der Alte aus seinen Träumen. Er strich sich über die Augen, als wenn die Sonne ihn blende, und stieg auf den aufgeschütteten Erdhügel, um sich umzuschauen. Niemals hatte er einen solchen Gesang an einem Grabe gehört, niemals eine solche Schar von Trauernden gesehen. Die Männer hatten die alten, abgetragenen Begräbnishüte aufgesetzt, die Frauen ihre weißen Schürzen mit den breiten Falten umgebunden. Sie trugen alle Trauer, sie weinten und sangen alle.
Der alte Probst zitterte vor Bewegung. Er empfand eine heilige Freude, als er die Liebe des Volks zu dem Verstorbenen sah. Als der Gesang verstummt war, streckte er dem Volk seine Arme entgegen. Er sprach einige Worte mit schwacher Stimme, hielt dann aber inne. Wieder begann er, aber nur die Zunächststehenden hörten seine Worte. Auf einmal aber schöpfte seine Stimme Kraft und Klang aus dem liebevollen Verlangen, dies trauernde Volk zu trösten.
Er erzählte seinen Zuhörern alles, was er von dem Gesandten Gottes wußte. Er erinnerte sie daran, daß weder äußerer Glanz noch großes Vermögen diesem Mann zu seinem Ansehen verholfen hatte, sondern nur das eine, daß er stets auf Gottes Wegen gewandelt war. Und nun bat er sie, um Gottes und Christi willen ein gleiches zu tun. Ein jeder solle seinen Nächsten lieben und ihm behilflich sein. Ein jeder solle das Beste von seinem Nächsten glauben, ein jeder solle so handeln wie dieser gute Hauptmann Lennart; denn dazu bedürfe es keiner großen Gaben, sondern nur eines frommen Sinnes. Und er setzte ihnen auseinander, daß alles, was in diesem Jahr geschehen war, eine Vorbereitung sei zu der Zeit der Liebe und des Glückes, die ihnen jetzt bevorstehe. Er habe in diesen Jahren oft menschliche Güte in zerstreuten Strahlen hervorbrechen sehen; jetzt werde sie als helle, glänzende Sonne hervortreten.
Er erhob seine Augen und Hände und verkündete Frieden über das Land. »In Gottes Namen,« sagte er, »der Unfriede höre auf! Der Friede wohne in euren Herzen und in der ganzen Natur! Möchten die toten Dinge und die Tiere und Pflanzen Ruhe finden und aufhören, Schaden anzurichten.«
Und es war Gösta und ihnen allen, als hörten sie einen Seher reden. Alle wollten einander lieben, alle wollten gut sein. Es war, als sei ein Mann Gottes gekommen, der Macht über alles Erschaffene habe. Ein heiliger Friede senkte sich auf die Erde herab. Es war, als strahlten die Berge, als lächelten die Täler, und die Herbstnebel kleideten sich in Rosenschimmer.
Schließlich bat er um einen Helfer für das Volk. »Es wird einer kommen«, sagte er. »Es ist nicht Gottes Wille, daß ihr jetzt vergehen sollt. Gott wird einen erwecken, der die Hungernden sättigt, der euch auf seine Wege lenkt.«
Da fühlte Gösta, daß der Alte von ihm redete, der sein Leben schon um der Armen willen verkauft hatte. Und viele von denen, die die Kundmachung gehört hatten, gingen heim und erzählten, nun würde sich schon alles zum Guten wenden, habe doch der tolle Pfarrer auf Ekeby gelobt, ihnen zu helfen.
Gösta aber schlug den Weg in die westlichen Berge ein und verschwand in der Finsternis der tiefen Wälder.
Es war lange vor jenem Jahr, in dem die Kavaliere auf Ekeby herrschten.
Der Hirtenbube und das Hirtenmädchen spielten zusammen im Walde, bauten Häuser aus flachen Steinen, pflückten Beeren und schnitten Holunderflöten. Sie waren beide im Walde geboren, dort war ihr Heim, ihr Reich. Sie lebten in Frieden mit allem, was da drinnen war, wie man mit dem Gesinde und mit den Haustieren in Frieden lebt.
Die Kleinen nannten die Luchse und die Füchse ihre Hofhunde, das Wiesel war ihre Katze, Hasen und Eichhörnchen ihre Spielgefährten, Bären und Elentiere ihr Großvieh. Eulen und Auerhähne saßen in ihren Vogelbauern, die Tannen waren ihre Diener und die jungen Birken ihre Gäste bei ihren Festen. Sie kannten wohl die Höhlen, in denen die Otter im Winterschlaf zusammengerollt lag, und wenn sie badeten, hatten sie die Natter durch das klare Wasser schwimmen sehen; aber sie fürchteten sich weder vor Schlangen noch vor Waldgeistern, die gehörten ja mit zum Walde, und der war ihr Heim. Nichts konnte sie erschrecken.
Tief drinnen im Walde lag die Hütte, wo der Junge wohnte. Ein hügeliger Waldpfad führte dahin, ringsumher schatteten die Berge, grundlose Moore lagen in der Nähe und entsandten das ganze Jahr hindurch ihre eiskalten Nebel. Für die Bewohner der Ebene hat eine solche Wohnung sehr wenig Verlockendes.
Der Hirtenbube und das Hirtenmädchen wollten einmal im Laufe der Jahre Mann und Frau werden, wollten dort in der Waldhütte wohnen und von ihrer Hände Arbeit leben. Ehe sie sich aber verheiraten konnten, brach das Unglück des Krieges über das Land herein, und der junge Mann ließ sich werben. Er kehrte heim ohne Wunden oder körperliche Gebrechen, aber diese Kriegsjahre hatten ihm fürs ganze Leben ihren Stempel aufgedrückt. Er hatte zu viel von der Schlechtigkeit der Welt und der Grausamkeit der Menschen gegen ihre Mitmenschen gesehen, so daß er jetzt das Gute nicht mehr erblicken konnte.
Anfangs war keine Veränderung an ihm zu bemerken. Er ging mit seiner Jugendliebe zum Pfarrer und bestellte das Aufgebot. Die Waldhütte oberhalb Ekeby ward ihr Heim, wie sie es sich längst ausgemalt hatten; aber das Glück sollte nicht in diesem Heim wohnen.
Die junge Frau ging einher und schaute ihren Mann an wie einen Fremden. Seit er vom Kriege heimgekehrt war, hatte sie ihn nicht wiedererkennen können. Er lachte so hart und redete wenig. Sie fürchtete sich vor ihm.
Er tat nichts Böses und war ein fleißiger Arbeiter. Doch war er nicht beliebt, denn er traute allen Menschen Böses zu. Er fühlte sich selber wie ein verhaßter Fremdling; jetzt waren die Tiere des Waldes seine Feinde, der Berg, der ihn beschattete, das Moor, das seine Nebel entsandte, waren seine Gegner. Der Wald ist eine unheimliche Wohnung für jemand, der sich mit bösen Gedanken trägt.
Wer in öden Gegenden wohnt, muß sich einen Vorrat von lichten Erinnerungen schaffen. Sonst sieht er nur Mord und Unterdrückung unter Tieren und Pflanzen, wie er es unter den Menschen gesehen hat. Er erwartet Böses von allem, was ihm begegnet.
Jan Hök, der Soldat, konnte selber nicht verstehen, was ihm war, aber er merkte, daß ihm alles zuwiderging. Sein Heim bot ihm nur geringen Frieden. Die Söhne, die dort heranwuchsen, wurden stark, aber wild; abgehärtete, mutige Männer waren sie, aber auch ihre Hand war gegen alle, wie aller Hand gegen sie war.
Seine Frau ließ sich von ihrem Kummer verlocken, die Geheimnisse der Natur zu erforschen. In Mooren und Dickichten suchte sie heilende Kräuter. Sie ergründete das Wesen der Unterirdischen und wußte, welche Opfer erforderlich waren. Sie konnte Krankheiten heilen, konnte guten Rat gegen Liebeskummer erteilen. Sie stand in dem Ruf, Zauberkräfte zu besitzen, und ward gemieden, obwohl sie den Menschen großen Nutzen erwies.
Einmal faßte die Frau sich ein Herz und redete mit dem Mann über seinen Kummer. »Seit du in den Krieg gingst, bist du wie verhext«, sagte sie. »Was haben sie dir angetan?«
Da fuhr er auf und war nahe daran, sie zu schlagen, und so ging es jedesmal, wenn sie den Krieg erwähnte. Er wurde wie wahnsinnig vor Zorn. Er duldete es nicht, daß jemand das Wort Krieg aussprach, das wurde bald bekannt; da nahmen sich denn die Leute vor diesem Thema in acht.
Aber keiner seiner Kriegskameraden konnte sagen, daß er mehr Böses getan hatte als andere. Er hatte wie ein guter Soldat gekämpft. Nur all das Entsetzliche, das er gesehen, hatte es ihm so angetan, daß er fortan nur noch das Schlechte sehen konnte. Es war ihm, als wenn die ganze Natur ihn hasse, weil er an dergleichen teilgenommen hatte. Diejenigen, die es besser wissen, können sich damit trösten, daß sie für das Vaterland und die Ehre kämpfen. Was wußte er davon? Er wußte nur, daß alles ihn haßte, weil er Blut vergossen und Gewalt geübt hatte.
Zu jener Zeit, als die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde, wohnte er allein in seiner Hütte. Seine Frau war gestorben, und seine Söhne waren fortgezogen. Aber zur Marktzeit war die Hütte doch voller Gäste. Die dunkelhäutigen Zigeuner kehrten dort ein, sie gedeihen am besten bei dem, den die Menschen scheuen. Kleine, langhaarige Pferde kamen dann den Waldweg hinaufgeklettert, die Wagen voll von verzinnten Gerätschaften, Kindern und Lumpen. Früh gealterte Frauen mit vom Trunk und vom Tabakrauchen angeschwollenen Gesichtern und Männer mit bleichen, scharfen Zügen und sehnenstarken Gliedern folgten den Wagen. Wenn sie an der Waldhütte anlangten, wurde die Stimmung heiter, Branntwein und Karten und Spektakel führten sie mit sich, sie erzählten von Diebstählen, Pferdetausch und blutigen Schlägereien.
Es war an einem Freitag, als der Brobyer Markt begann und Hauptmann Lennart getötet wurde. Der starke Måns, der Mörder, war der Sohn des Alten in der Waldhütte. Als deswegen die Zigeuner am Sonntagnachmittag da oben zusammensaßen, reichten sie dem alten Jan Hök die Branntweinflasche häufiger als sonst und sprachen mit ihm von Gefängnisleben und Gefangenenkost und Verhören, denn das kannten sie.
Der Alte saß auf dem Haublock in der Ofenecke und sprach nicht viel. Seine großen, glanzlosen Augen starrten über die wilde Schar hin, die die Stube füllte. Die Dämmerung war hereingebrochen, aber das flackernde Fichtenholz erleuchtete den Raum. Es beschien Lumpen und Elend und Not.
Die Tür öffnete sich leise und zwei Frauen traten ein. Es war die junge Gräfin Elisabeth, gefolgt von der Tochter des Pfarrers von Broby. Sonderbar wollte es dem Alten erscheinen, als sie, liebenswert und strahlend in ihrer milden Schönheit, in den Lichtkreis des Feuers trat. Sie erzählte ihnen, daß Gösta Berling sich seit Hauptmann Lennarts Tod nicht auf Ekeby hatte sehen lassen. Sie und ihr Mädchen hätten den ganzen Nachmittag den Wald durchsucht. Jetzt sähe sie, daß hier Männer seien, die weit umhergewandert waren und alle Wege kannten. Hatte niemand von ihnen Gösta bemerkt? Sie sei hereingekommen, um zu fragen, ob ihn jemand gesehen habe.
Vergebliche Frage. Niemand hatte ihn gesehen.
Sie rückten ihr einen Stuhl ans Feuer, sie sank darauf nieder und saß eine Weile schweigend da. Der Lärm im Zimmer war verstummt; alle sahen sie an und wunderten sich über sie. Dann ward ihr das Schweigen unheimlich, sie fuhr zusammen und suchte nach einem gleichgültigen Gesprächsstoff.
»Wenn ich mich nicht irre, bist du Soldat gewesen?« wandte sie sich an den Alten. »Erzähle uns doch etwas vom Kriege!«
Das Schweigen wurde nur noch unheimlicher. Der Alte saß da, als habe er nichts gehört.
»Ich möchte gern etwas vom Kriege hören, von einem, der mit dabeigewesen ist«, sagte die Gräfin. Aber sie hielt plötzlich inne, denn ihre Begleiterin machte ihr ein Zeichen mit dem Kopf. Sie mußte etwas Unpassendes gesagt haben; alle da drinnen starrten sie an, als habe sie gegen die ersten Anstandsregeln verstoßen. Plötzlich begann eine der Frauen mit scharfer Stimme: »Ist das nicht die ehemalige Gräfin auf Borg?«
Ja, die sei sie.
»Die sollte doch auch was Besseres tun, als dem tollen Pfarrer im Walde nachzulaufen. Pfui!«
Die Gräfin erhob sich und sagte Adieu, sie habe jetzt genügend geruht. Die Frau, die vorhin gesprochen hatte, begleitete sie hinaus.
»Ich wollte der Frau Gräfin nur sagen, daß ich meine Äußerung von vorhin gar nicht so gemeint habe. Ich mußte nur etwas sagen, denn der Alte wird wie rasend, wenn er von Krieg reden hört. Ich meinte es ja nicht böse.«
Die Gräfin eilte weiter, aber sie stand bald wieder still. Sie sah den drohenden Wald, den schattenwerfenden Berg, den dampfenden Sumpf. Es mußte unheimlich sein hier zu wohnen, wenn der Sinn mit bösen Erinnerungen angefüllt war. Sie hatte Mitleid mit dem Alten, der da drinnen saß, die dunklen Zigeuner als einzige Gesellschaft.
»Anna Lisa,« sagte sie, »laß uns umkehren! Sie waren gut gegen uns dort in der Hütte, ich aber habe mich nicht gut aufgeführt. Ich will mit dem Alten über freundlichere Dinge reden.« Und glücklich, jemand gefunden zu haben, den sie trösten konnte, begab sie sich wieder in die Hütte zurück.
»Ich fürchte,« sagte sie, »daß Gösta Berling hier im Walde umhergeht mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Deswegen ist es wichtig, daß man ihn bald findet und ihn daran verhindert. Anna Lisa und ich haben oft gemeint ihn zu sehen; aber er ist uns immer wieder entschwunden. Er hält sich gewiß in der Nähe des Berges auf, wo das Mädchen von Nygaard ums Leben kam. Da fiel es mir eben ein, daß ich wohl nicht ganz bis Ekeby zurückzugehen brauche, um Hilfe zu holen. Hier sind so viele starke Männer, daß sie Gösta Berling sicher fangen können!«
»Auf, ihr Männer!« rief die Frau aus. »Wenn die Frau Gräfin sich nicht für zu gut hält, unsere Leute um einen Gefallen zu bitten, so sollt ihr gleich gehen!«
Die Männer erhoben sich und gingen hinaus, um zu suchen.
Der alte Jan Hök saß still und starrte glanzlosen Blickes vor sich hin, so finster und hart, daß man bange vor ihm werden konnte. Der jungen Frau wollte gar kein Wort einfallen, das sie an ihn hätte richten können.
Da sah sie, daß ein Kind krank auf einem Bündel Stroh lag und daß eine der Frauen eine kranke Hand hatte. Gleich begann sie, den Kranken zu helfen. Sie ward bald vertraut mit den geschwätzigen Frauen und ließ sich die kleinsten Kinder zeigen.
Eine Stunde später kamen die Männer zurück. Sie führten Gösta Berling gebunden in die Hütte und legten ihn vor das Feuer nieder. Seine Kleider waren zerrissen und beschmutzt, seine Züge verzerrt, und die Augen rollten ihm wild im Kopf. Er war in den letzten Tagen auch wild umhergestürmt. Er hatte auf der nassen Erde gelegen, hatte Hände und Gesicht in den Schlamm des Moors hineingebohrt, hatte sich über Felsblöcke hinweggeschleppt und war in das dichteste Dickicht gedrungen. Jetzt wußte er, daß der Tod nicht so leicht zu finden ist. Stunde auf Stunde war er da oben umhergeschwankt, mit seiner aufflammenden Lebenslust ringend. Gutwillig war er den Männern nicht gefolgt, sie hatten ihn überwältigen und binden müssen.
Als seine Frau ihn so sah, ward sie zornig. Sie besaß auch ihren Stolz, und sie fühlte sich gedemütigt, ihren Mann in einem solchen Zustand zu erblicken. Sie löste seine gebundenen Glieder nicht, sondern ließ ihn am Boden liegen.
»Wie du aussiehst!« sagte sie.
»Ich wollte dir ja nicht vor die Augen treten«, erwiderte er.
»Bin ich denn nicht deine Gattin? Habe ich nicht das Recht, zu erwarten, daß du mit deinem Kummer zu mir kommst?«
»Ich weiß nicht, für was du dich ansiehst. Ich weiß nicht, welche Pläne du für dein Leben hast. Aber ich weiß, daß ich dir keinen größeren Dienst erweisen kann, als wenn ich sterbe.«
Sie sandte einen unsagbar verächtlichen Blick zu ihm hinüber. »Du wolltest mich zur Witwe eines Selbstmörders machen!«
Sein Antlitz verzog sich schmerzlich. »Elisabeth, laß uns unter vier Augen miteinander reden.«
»Weshalb sollten diese Menschen uns nicht anhören können?« rief sie mit scharfer Stimme aus. »Sind wir besser als sie? Hat jemand von ihnen mehr Kummer und Sorge hervorgerufen als wir? Sie sind die Kinder des Waldes und der Landstraße, aller Hand ist gegen sie erhoben. Laß sie nur hören, daß auch dem Herrn von Ekeby Sünde und Schmach anhaftet, ihm, dem von allen geliebten Gösta Berling. Glaubst du, daß ich mich für besser halte als sie – oder tust du es?«
Er richtete sich mit Anstrengung aus seiner liegenden Stellung auf und sah sie mit aufflammendem Trotz an. »Ich bin nicht so elend, wie du meinst.« Und in seinem Zorn erzählte er ihr von der Begeisterung des Vormittags und der Übereinkunft vor der Kirchentür.
»Es wäre längst mit mir aus gewesen, wenn du nur nicht in den Wald gekommen wärest«, sagte er schließlich. »Ich konnte nicht sterben, während du mir so nahe warst. Laß mich jetzt aber frei, damit ich mein Wort einlösen kann!«
»Ach,« sagte sie, als er geendet hatte, »wie gut ich das alles kenne! Heldenphrasen! Heldenmanieren! Stets bereit, die Hände ins Feuer zu stecken, Gösta, stets bereit, dich selber wegzuwerfen. Wie groß habe ich das nicht einstmals gefunden! Wie sehr liebe ich jetzt aber Ruhe und Besonnenheit! Wenn du deine Hand auf den Sarg des guten Mannes gelegt und in Sintrams Gegenwart geschworen hättest, zu leben, um diesen armen Leuten zu helfen, die er ins Verderben stürzen wollte, dann würde ich dich gepriesen haben. Daß du ihnen aber durch ein Verbrechen helfen, daß du Versöhnung durch ein Verbrechen suchen wolltest – wie kannst du erwarten, daß ich das schön finden soll?«
Er sah sie voller Verzweiflung an. »Ich mußte Versöhnung suchen!« rief er aus; »und was habe ich zu geben, wenn nicht mein Leben? Du vergißt, daß ich ein abgesetzter Pfarrer bin, verworfen von den Menschen, verworfen von Gott.«
»Wie wagst du es, so zu reden, Gösta! Man ist dir mit zu viel Liebe begegnet, das ist das Unglück. Frauen und Männer haben dich geliebt. Wenn du nur scherztest und lachtest, wenn du nur sangest und spieltest, dann verziehen sie dir alles. Alles, was du ausführtest, fanden sie gut. Und hörtest du nicht die Rede des Propstes am Grabe? Hörtest du nicht, was Gott von dir erwartet? Die armen Menschen gingen nach Hause und sprachen von dir als von ihrem Erretter, und du gingest in den Wald und wolltest sterben. Du bist aller Held, Gösta, und du willst sie verlassen!«
»Wie kann ich ihnen ohne Geld helfen? Habe ich nicht Sintram versprochen, zu sterben, sobald ich dies Geld bekommen hätte?«
»Wir auf Ekeby,« erwiderte die Gräfin, und ihre Stimme bebte vor Zorn und Kummer, »wir wußten gestern abend schon, wo das Geld war. Major Fuchs fiel es plötzlich ein, er hatte den Schatz in einer Nacht entdeckt, als er in den Kirchturm geschlichen war, um Glockenerz zu einer Kugel zu holen.«