Die junge Gräfin schläft bis um zehn Uhr des Morgens und will jeden Tag frisches Gebäck auf dem Frühstückstisch haben. Die junge Gräfin macht feine Stickereien und liest Gedichte. Auf Kochen und Weben versteht sie sich nicht. Die junge Gräfin ist ein verhätscheltes Kind.
Aber sie ist fröhlich und läßt ihre Heiterkeit auf alles und alle strahlen. Man verzeiht ihr gern den langen Morgenschlaf und das frische Gebäck, denn sie ist verschwenderisch in ihren Wohltaten gegen die Armen und freundlich gegen jedermann.
Der Vater der jungen Gräfin ist ein schwedischer Edelmann, der sein ganzes Leben lang in Italien gewohnt hat, weil das schöne Land und eine von seinen schönen Töchtern ihn dort gefesselt hat. Als Graf Henrik Dohna in Italien reiste, war er in dem Hause des Edelmanns gastlich aufgenommen worden und hatte mit den Töchtern Bekanntschaft gemacht und schließlich eine von ihnen als Gattin nach Schweden heimgeführt.
Sie, die stets Schwedisch gesprochen hat und so erzogen ist, daß sie alles liebt, was schwedisch ist, befindet sich sehr wohl hier oben im Bärenland. Sie schwingt sich so fröhlich im Reigen und nimmt so gern teil an allen Vergnügungen, die den langen Löfsee umkreisen, daß man glauben sollte, sie habe stets hier oben gelebt. Eins aber versteht sie nicht recht – Gräfin zu sein. Da ist nichts Steifes, keine herablassende Würde an dieser fröhlichen jungen Frau.
Besonders die alten Herren waren ganz entzückt von der jungen Gräfin. Es war ganz sonderbar, welch einen Stein sie bei ihnen im Brett hatte. Wenn sie sie auf einem Ball getroffen hatten, so konnte man sicher sein, daß sie alle, sowohl der Amtsrichter aus Munkerud wie der Probst in Bro und Melchior Sinclaire und der Hauptmann von Berga, hinterher ihren Frauen im tiefsten Vertrauen mitteilten, daß, wenn sie die junge Gräfin vor dreißig, vierzig Jahren getroffen hätten – so –
»Ja, damals war sie noch gar nicht geboren«, sagen dann die alten Frauen. Und das nächstemal, wenn sie die junge Gräfin sehen, necken sie sie damit, daß sie ihnen das Herz ihrer Männer raubt.
Die alten Frauen sehen sie mit einer gewissen Sorge an. Sie denken an die Gräfin Märta. Die war ebenso fröhlich und gut und geliebt, als sie zum erstenmal nach Borg kam; und aus ihr war eine eitle, genußsüchtige Kokette geworden, die jetzt an nichts weiter dachte, als wie sie sich am besten amüsieren könne.
»Hätte sie nur einen Mann, der sie zur Arbeit anhalten könnte!« sagen die alten Frauen.
»Wenn sie nur einen Webstuhl einzurichten verstände!« Denn das ist ein Trost gegen allen Kummer, das verschlingt alle Interessen, das ist die Rettung manch einer Frau gewesen.
Die junge Gräfin möchte gern eine tüchtige Hausfrau werden. Sie kennt nichts Schöneres, denn als glückliche Gattin in einem guten Heim zu leben; in den großen Gesellschaften setzt sie sich oft zu den Alten.
»Henrik möchte so gern, daß ich eine tüchtige Hausfrau würde«, sagte sie. »So wie seine eigene Mutter. Lehrt mich doch weben!«
Da seufzten die Alten zweimal tief auf; einmal über Graf Henrik, der glauben kann, daß seine Mutter eine tüchtige Hausfrau war, und dann über die Schwierigkeit, dies junge, unerfahrene Kind in so verwickelte Sachen einzuweihen. Fing man nur an, ihr die technischen Ausdrücke und die einzelnen Teile des Webstuhls zu nennen, so lief ihr schon alles rund im Kopf herum, geschweige denn, wenn man von »Gerstenkorn« und »Gansauge« und »Drillich« sprach.
Niemand, der die junge Gräfin sieht, kann umhin, sich darüber zu wundern, daß sie sich hat mit dem dummen Grafen Henrik verheiraten können.
Die Ärmsten, die dumm sind! Es ist hart für sie, wo sie auch sein mögen. Am schlimmsten aber ist es für den, der dumm ist und in Wermland wohnt.
Es waren schon viele Geschichten über Graf Henriks Dummheit im Umlauf, und doch war er erst Anfang der Zwanziger. Man erzählte sich, auf welche Weise er einstmals Anna Stjärnhök auf einer Schlittenfahrt unterhalten habe.
»Du bist schön, Anna!« sagte er.
»Ach, Unsinn, Henrik!«
»Du bist die Schönste in ganz Wermland!«
»Nein, das bin ich nicht.«
»Aber die Schönste hier auf der Schlittenpartie bist du doch.«
»Nein, Henrik, das bin ich auch nicht.«
»Ja, aber die Schönste hier im Schlitten bist du; das kannst du doch nicht leugnen!«
Nein, das konnte sie nicht, denn Graf Henrik ist nicht schön, er ist ebenso häßlich, wie er dumm ist. Man pflegt von ihm zu sagen, der Kopf, der auf seinen Schultern sitzt, habe sich mehrere hundert Jahre hindurch in der Familie vererbt; deswegen sei das Gehirn bei dem letzten Erben so abgenutzt. »Der Kopf ist bei seinem Vater und bei seinem Großvater in Gebrauch gewesen; woher sollte sonst wohl das Haar so dünn, das Kinn so spitz, sollten die Lippen so blutlos sein?«
Er ist stets von Spaßmachern umgeben, die ihn verleiten, Dummheiten zu sagen, die sie dann in verbesserter Auflage weiterverbreiten. Ein wahres Glück für ihn ist es, daß er nichts davon merkt. Er selber ist feierlich und würdevoll in seinem ganzen Auftreten; er kann es sich nicht vorstellen, daß andere nicht ebenso sein sollten. Die Würde ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, er bewegt sich gemessen, geht steif einher, dreht nie den Kopf herum, ohne daß sich nicht der ganze Körper mitdreht.
Aber die junge Gräfin hat ihn doch lieb, trotz seines Greisenkopfes. Sie ahnte ja nicht, als sie ihn da unten in Rom sah, daß er in seinem eigenen Lande von einer solchen Märtyrerglorie der Dummheit umgeben ist. Da unten hatte etwas von dem Glanz der Jugend über ihm gelegen, und sie waren unter höchst romantischen Umständen miteinander vereint worden. Man mußte nur die junge Gräfin erzählen hören, wie Graf Henrik sie entführt hatte. Mönche und Kardinäle waren rasend darüber, daß sie die Religion ihrer Mutter, in der sie aufgewachsen war, verlassen und zum Protestantismus übertreten wollte. Der ganze Pöbel war in Aufruhr, der Palast ihres Vaters war belagert worden. Henrik wurde von Banditen verfolgt, ihre Mutter und ihre Schwestern flehten sie an, diese Ehe aufzugeben. Ihr Vater aber war wütend, daß das italienische Pack ihm verbieten wollte, seine Tochter zu geben, wem er wolle. Er befahl Graf Henrik, sie zu entführen. Und dann, da es unmöglich für sie war, zu Hause getraut zu werden, schlichen sie und Henrik durch allerlei Hintergassen nach dem schwedischen Konsulat. Und nachdem sie dort ihrem katholischen Glauben entsagt und Protestantin geworden war, wurden sie sofort getraut und in einem mit ein paar feurigen Pferden bespannten geschlossenen Wagen gen Norden gesandt. »Zum Aufgebot blieb uns keine Zeit, das seht ihr wohl ein,« pflegte die junge Gräfin zu sagen, »und es war ja ungemütlich, auf dem Konsulatsbureau getraut zu werden, statt in einer unserer schönen Kirchen, aber sonst hätte Henrik mich nicht bekommen. Da unten sind sie alle so heißblütig, sowohl Papa als Mama und die Kardinäle und die Mönche, alle sind sie leicht erregbar. Deswegen mußte alles so heimlich vor sich gehen, denn wenn die Leute uns hätten wegschleichen sehen, würden sie uns wohl alle beide totgeschlagen haben, nur um meine Seele zu retten. Henrik hielten sie ja für einen Verlorenen.«
Aber die junge Gräfin hat ihren Mann lieb, auch nachdem sie in der Heimat ihr ruhigeres Leben auf Borg begonnen haben. Sie liebt bei ihm den Glanz des alten Namens und die berühmten Vorfahren. Es freut sie zu sehen, wie ihre Nähe sein steifes Wesen mildert, zu hören, wie seine Stimme weich wird, wenn er mit ihr spricht. Und außerdem hat er sie lieb und verhätschelt sie, und dann ist sie nun ja einmal mit ihm verheiratet. Die junge Gräfin kann es sich nicht anders denken, als daß eine verheiratete Frau ihren Mann liebhaben muß.
Gewissermaßen entspricht er auch ihrem Ideal von Männlichkeit. Er ist rechtschaffen und wahrheitsliebend. Er hat niemals ein gegebenes Wort gebrochen. Sie hält ihn für einen echten Edelmann.
Am achten März feiert der Amtmann Scharling seinen Geburtstag, und da wimmelt es von Gästen, die alle die Brobyer Hügel hinanziehen. Aus Osten und Westen kommen sie, Bekannte und Unbekannte, gebetene und ungebetene Gäste! Und alle sind sie willkommen. Da sind Speisen und Getränke genug für alle, und im Tanzsaal ist Platz für alle Tanzlustigen aus sieben Kirchensprengeln.
Die junge Gräfin kommt auch. Sie stellt sich überall ein, wo man Tanz und Lustbarkeit erwarten kann.
Aber sie ist nicht so fröhlich wie sonst, es ist, als habe sie eine Ahnung, daß jetzt die Reihe an sie kommt, von der wilden Jagd aus dem Märchen mit fortgerissen zu werden.
Sie hat unterwegs dagesessen und die untergehende Sonne betrachtet. Sie sank von einem Himmel herab, an dem sie keine Goldstreifen auf leichten Wolken hinterließ. Graubleiche Dämmerung mit jagenden, kalten Windstößen hing über der Gegend. Die junge Gräfin sah, wie Tag und Nacht miteinander kämpften und wie alles Lebende bei diesem Streit der Gewaltigen von Angst und Schrecken ergriffen wurde. Die Pferde jagten mit dem letzten Fuder dahin, um bald unter Dach zu kommen. Die Holzhauer eilten aus dem Walde heim, die Mädchen verließen die Wirtschaftsgebäude. Im Waldesdickicht heulten die wilden Tiere. Der Tag, der Menschen Lust und Freude, ward überwunden.
Die Farben verschwanden, das Licht erlosch. Kälte und Unschönheit, wohin sie blickte. Auch was sie gehofft, geliebt und gewirkt hatte, verhüllte sich vor ihrem geistigen Auge in das Grau der Dämmerung. Es war für sie wie für die ganze Natur die Stunde der Ermüdung, der Niederlage, der Ohnmacht. Sie dachte daran, daß ihr eigenes Herz, das jetzt in sprudelnder Freude das Dasein in Gold und Purpur hüllte, daß dies Herz vielleicht einmal seine Kraft, ihre Welt zu erleuchten, einbüßen würde.
»Ach, Ohnmacht, Ohnmacht meines eigenen Herzens!« sagte sie zu sich selber. »Du erstickende graue Dämmerung, du wirst einstmals auch in meiner Seele Herrscher werden! Da werde ich das Leben häßlich und grau erblicken, wie es vielleicht ist, da wird mein Haar ergrauen, mein Rücken sich krümmen, mein Gehirn erlahmen.«
In demselben Augenblick bog der Schlitten in den Hof des Amtmanns ein, und als die junge Gräfin aufschaute, fiel ihr Blick auf ein vergittertes Fenster in einem Seitengebäude, und dahinter gewahrte sie ein Gesicht mit ein paar zornigen Augen.
Dies Gesicht gehörte der Majorin von Ekeby, und die junge Frau fühlte, daß es nun mit ihrer Freude für heute Abend ein Ende hatte. Man kann wohl fröhlich sein, wenn man den Kummer nicht sieht und ihn nur als etwas ganz Entferntes erwähnen hört. Schwerer ist es, die Freude des Herzens zu bewahren, wenn man der bittern Not von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.
Die Gräfin weiß wohl, daß der Amtmann die Majorin hat arretieren lassen und daß sie wegen der Gewalttat verklagt werden soll, die sie in jener Nacht verübte, als der große Ball auf Ekeby stattfand. Aber sie hat nicht daran gedacht, daß sie dort auf dem Gehöft des Amtmanns in Verwahrsam gehalten wird, so nahe dem Ballsaal, daß man von dort in ihr Zimmer hineinsehen kann, so nahe, daß sie die Tanzmusik und den fröhlichen Lärm hören muß. Und der Gedanke an sie raubt der Gräfin alle Freude.
Wohl tanzt die Gräfin Walzer und Quadrille, sie schreitet in der Menuette und in der Anglaise dahin, zwischen jedem Tanz aber muß sie ans Fenster schleichen und nach dem Seitengebäude hinübersehen. Da ist Licht im Fenster der Majorin, sie kann sie im Zimmer auf und nieder gehen sehen. Es sieht so aus, als ruhe sie niemals, als wandere sie unablässig, ohne Rast. Aber nach jedem Mal, wenn die Gräfin hinausgeschaut hat, bewegen ihre Füße sich schwerfälliger im Tanz, und das Lachen bleibt ihr in der Kehle stecken.
Die Frau des Amtmanns bemerkt, daß sie den Tau von den Fenstern trocknet, um hinaussehen zu können, und tritt an sie heran.
»Ach, welch ein Elend, welch ein Elend!« flüsterte sie der Gräfin zu.
»Ich finde es beinahe unmöglich, heute abend zu tanzen«, gibt ihr die Gräfin flüsternd zurück.
»Es ist nicht meine Schuld, daß wir einen Ball geben, während sie dort sitzt«, erwidert Frau Scharling. »Sie hat die ganze Zeit hindurch in Karlstad im Gefängnis gesessen, aber jetzt soll die Sache vor Gericht, und deswegen ist sie heute hierhergeschafft worden. Wir konnten sie nicht in der elenden Gefängniszelle sitzen lassen, deswegen haben wir sie drüben in der Webstube untergebracht. Sie hätte in meinem Zimmer gewohnt, Frau Gräfin, wenn nicht alle diese Menschen gerade heute hierher gekommen wären. Die Frau Gräfin haben sie ja kaum gekannt, uns allen aber ist sie gleichsam eine Mutter und Königin gewesen. Was muß sie nur von uns denken, die wir hier tanzen, während sie sich in einer solchen Not befindet? Ein Glück, daß die meisten nicht ahnen, daß sie dasitzt.«
»Sie hätte niemals verhaftet werden dürfen«, sagt die Gräfin streng.
»Nein, das ist ein wahres Wort, Frau Gräfin; aber es war nichts weiter dabei zu machen, wenn nicht noch größeres Unheil geschehen sollte. Niemand konnte ihr verbieten, ihre eigenen Strohmieten in Brand zu stecken und die Kavaliere fortzujagen, aber der Major machte Jagd auf sie. Gott weiß, was er getan haben würde, wenn sie nicht in Gewahrsam genommen wäre. Scharling hat viele Unannehmlichkeiten davon gehabt, daß er sie einstecken ließ. Selbst in Karlstad waren die Leute unzufrieden, daß er nicht ein Auge zu dem zudrückte, was sich auf Ekeby ereignete. Aber er handelte ja nach bestem Ermessen.«
»Jetzt wird sie wohl verurteilt?« fragt die Gräfin.
»Ach nein, verurteilt wird sie nicht, die Majorin auf Ekeby wird schon freigesprochen; aber das, was sie in diesen Tagen hat durchmachen müssen, ist doch zu viel für sie gewesen. Wenn sie nur nicht den Verstand verliert. Denken Sie nur, so eine stolze Frau und dann als Verbrecherin behandelt zu werden! Ich glaube, es wäre das Richtigste gewesen, wenn man ihr Erlaubnis gegeben hätte zu gehen; da wäre sie vielleicht auf eigene Hand entkommen.«
»Lassen Sie sie doch entschlüpfen«, sagt die Gräfin.
»Das kann jeder andere tun, nur nicht der Amtmann oder seine Frau«, flüstert Frau Scharling. »Wir müssen ja acht auf sie geben. Besonders in dieser Nacht, wo so viele von ihren Freunden hier sind; deswegen halten auch zwei Männer Wache vor ihrer Tür, und die ist verschlossen und verriegelt, so daß niemand zu ihr hineinkommen kann. Wenn ihr aber jemand zur Flucht behilflich sein wollte, so würden sowohl Scharling als ich uns freuen.«
»Darf ich nicht einmal zu ihr hineingehen?« fragte die junge Gräfin.
Frau Scharling erfaßt sie eifrig bei der Hand und zieht sie mit sich hinaus. Auf der Diele hüllen sie sich in ein paar Schals und eilen dann über den Hof.
»Es ist sehr leicht möglich, daß sie nicht einmal mit uns sprechen will«, sagt Frau Scharling. »Aber dann kann sie doch wenigstens sehen, daß wir sie nicht vergessen haben.«
Sie gehen durch das erste Zimmer, wo die beiden Männer sitzen und bei verschlossenen Türen Wache halten, und gelangen dann ungehindert zur Majorin. Sie war in einem großen Zimmer eingeschlossen, das mit Webstühlen und ähnlichen Gerätschaften angefüllt war. Es war ursprünglich die Webstube, wurde jedoch in Notfällen auch als Gefängnis gebraucht, weswegen Eisenstangen vor den Fenstern und schwere Schlösser vor der Tür angebracht waren.
Die Majorin setzt ihre Wanderung fort, ohne sie weiter zu beachten. Sie hat in diesen Tagen einen langen Weg zurückzulegen. Sie kann an nichts weiter denken, als daß sie die dreißig Meilen bis zu ihrer Mutter zurücklegen muß, die da oben in den Elfdalswäldern sitzt und auf sie wartet.
Sie hat keine Zeit zu ruhen. Sie muß wandern. Eine rastlose Geschäftigkeit hat sie ergriffen. Ihre Mutter ist über neunzig Jahre alt. Sie kann nicht lange mehr leben.
Sie hat die Länge des Zimmers nach Ellen gemessen, und nun zählt sie die Male, die sie hin und her wandert, legt die Ellen zu Faden, die Faden zu Meilen zusammen.
Schwer und lang erscheint ihr der Weg, und doch darf sie nicht ruhen. Sie watet durch tiefe Schneeschanzen. Sie hört die ewigen Wälder sausen dort, wo sie geht. Sie ruht in den Rauchstuben der Finnen aus und in den Reisighütten der Köhler. Zuweilen, wenn sie in meilenweitem Umkreis auf keinen einzigen Menschen stößt, muß sie sich Zweige zu einem Lager abbrechen und unter den Wurzeln einer umgewehten Tanne schlafen.
Und endlich hat sie das Ziel erreicht, die dreißig Meilen sind zurückgelegt, der Wald öffnet sich, rote Häuser werden auf einem schneebedeckten Hofplatz sichtbar. Der Gießbach braust schäumend dahin, eine Reihe kleiner Wasserfälle bildend, und an dem wohlbekannten Brausen hört sie, daß sie zu Hause ist.
Und ihre Mutter, die sie kommen sieht, als Bettlerin, wie sie es gewollt hat, geht ihr entgegen – – –
Als die Majorin so weit gekommen ist, erhebt sie den Kopf, schaut sich um, erblickt die verschlossene Tür und weiß nun, wo sie ist.
Da fragt sie sich selbst, ob sie im Begriff ist, wahnsinnig zu werden, und sie setzt sich wieder hin, um zu denken und zu ruhen. Aber einen Augenblick später ist sie wieder auf der Wanderung, zählt Ellen, Faden und Meilen, hält Rast in den Hütten und schläft weder Tag noch Nacht, bis sie die dreißig Meilen zurückgelegt hat. In der ganzen Zeit, seit sie gefangen gesessen, hat sie fast gar nicht geschlafen.
Und die beiden Frauen, die gekommen sind, um sich nach ihr umzusehen, schauen sie voller Angst an. Die junge Gräfin kann diesen Anblick später nie wieder vergessen. Sie sieht sie oft in ihren Träumen und erwacht dann mit tränenfeuchten Augen, eine Klage auf den Lippen.
Die Alte hat sich traurig verändert; das Haar sieht so dünn aus, und lose Zotteln hängen aus der kleinen Flechte heraus. Das Gesicht ist scharf und eingefallen, die Kleider sind unordentlich und zerlumpt. Bei alledem aber haftet doch noch so viel von der vornehmen Dame an ihr, von der Herrscherin, daß sie nicht nur Mitleid, sondern auch Ehrfurcht einflößt.
Was die Gräfin aber gar nicht wieder vergessen kann, das sind die Augen, eingesunken, nach innen gewendet, noch nicht des Lichts des Verstandes beraubt, aber nahe daran zu erlöschen, und mit einem Funken von Wildheit, der in der Tiefe lauert, so daß einem angst und bange werden kann, daß die Alte sich im nächsten Augenblick auf einen stürzen wird, die Zähne bereit zu beißen, die Nägel zu kratzen.
Sie haben eine Weile dort gestanden, als die Majorin plötzlich vor der jungen Frau stehenbleibt und sie mit einem strengen Blick anschaut. Die Gräfin weicht einen Schritt zurück und ergreift Frau Scharlings Arm.
Die Züge der Majorin erhalten plötzlich Leben und Ausdruck, ihre Augen schauen wieder mit voller Klarheit in die Welt hinaus.
»Ach nein, ach nein,« sagt sie lächelnd, »so schlimm ist es denn doch noch nicht, meine liebe junge Dame.«
Sie fordert sie auf, sich zu setzen, und setzt sich selbst. Sie nimmt ein Air altmodischer Vornehmheit an, wohlbekannt von den großen Festen auf Ekeby und den Königsbällen im Statthalterpalais in Karlstad. Sie vergessen die Lumpen und das Gefängnis und sehen nur die stolzeste, reichste Frau in ganz Wermland.
»Meine liebe Gräfin,« sagt sie, »was veranlaßt Sie, den Ball zu verlassen und mich einsame alte Frau aufzusuchen? Das ist wirklich zu gütig.«
Gräfin Elisabeth kann nicht antworten; Bewegung erstickt ihre Stimme. Frau Scharling antwortet für sie, daß sie nicht tanzen kann, weil sie an die Majorin denken muß.
»Liebe Frau Scharling,« antwortet die Majorin, »ist es denn jetzt so weit mit mir gekommen, daß ich die Jugend in ihrer Freude störe? Weinen Sie nicht über mich, liebe junge Gräfin«, fährt sie fort. »Ich bin eine böse, alte Frau, die ihr Schicksal verdient hat. Sie halten es doch nicht für richtig, seine Mutter zu schlagen?«
»Nein, aber ...«
Die Majorin unterbricht sie und streicht ihr das krause blonde Haar aus der Stirn. »Kind, Kind,« sagt sie, »wie konnten Sie sich nur mit dem dummen Henrik Dohna verheiraten?«
»Aber ich liebe ihn.«
»Ich sehe das Ganze, ich sehe das Ganze«, sagt die Majorin. »Ein gutes Kind und nichts weiter, weint mit den Betrübten und lacht mit den Fröhlichen. Und muß ‘ja’ zu dem ersten sagen, der kommt und sagt: ‘Ich liebe dich!’ – Ja, ja, so ist es! – Gehen Sie nur hinein und tanzen Sie, meine liebe junge Gräfin. Tanzen Sie und seien Sie fröhlich. In Ihnen ist nichts Böses.«
»Aber ich möchte so gern etwas für die Frau Majorin tun!«
»Kind,« sagt die Majorin feierlich, »es wohnte eine alte Frau auf Ekeby, die hielt die Winde des Himmels gefangen. Jetzt ist sie selbst eine Gefangene, und die Winde sind frei. Ist es da so wunderlich, daß ein Sturm über das Land dahinsaust?
»Ich, die ich alt bin, habe ihn schon früher gesehen, Gräfin. Ich kenne ihn. Ich weiß, daß Gottes gewaltiger Sturm über uns kommt. Bald braust er über die großen Reiche dahin, bald über die kleinen, vergessenen Staaten. Gottes Sturm vergißt keinen. Er kommt über die Großen wie über die Kleinen. Es ist großartig, Gottes Sturm kommen zu sehen.
»Gottes Sturm, du gesegnetes Wetter des Herrn, wehe über die Erde dahin! Ihr Stimmen aus der Luft und aus dem Wasser, ertönt, entsetzet! Macht Gottes Sturm gewaltig, macht Gottes Sturm schreckeinflößend! Laßt die Stürme über das Land dahinsausen, gegen die schwankenden Wände fahren, die verrosteten Schlösser zersprengen, die morschen Häuser umstürzen!
»Schrecken soll sich über das ganze Land ausbreiten. Die kleinen Vogelnester sollen aus den Zweigen herausgeschüttelt werden. Das Habichtsnest im Wipfel der Tanne soll mit lautem Krachen zur Erde fallen, und bis hinein in das Eulennest in der Bergkluft soll der Wind mit seiner Drachenzunge zischen.
»Wir meinten, alles bei uns sei so gut, aber das war es nicht. Wir haben Gottes Sturmwetter sehr nötig. Ich verstehe es, und ich klage nicht. Ich wünsche nur nach Hause zu kommen, zu meiner Mutter!«
Sie bricht plötzlich zusammen.
»Geh jetzt, junge Frau«, sagt sie. »Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß gehen. Geh jetzt, hüte dich aber vor denen, die auf den Schwingen des Sturmes kommen!«
Und dann beginnt sie ihre Wanderung von neuem wieder. Die Züge werden schlaff, der Blick wendet sich nach innen. Die Gräfin und Frau Scharling müssen sie verlassen.
Sobald sie zu den Tanzenden zurückgekehrt sind, geht die junge Gräfin direkt auf Gösta Berling zu.
»Ich soll Herrn Berling von der Majorin grüßen«, sagt sie. »Sie erwartet, daß Herr Berling sie aus ihrem Gefängnis befreien wird.«
»Da kann sie lange warten, Frau Gräfin!«
»Ach, helfen Sie ihr doch, Herr Berling!«
Gösta schaut finster vor sich nieder. »Nein,« sagt er, »weswegen sollte ich ihr helfen? Wofür schulde ich ihr Dank? Alles, was sie getan hat, ist zu meinem Unglück gewesen.«
»Aber Herr Berling ...«
»Wäre sie nicht gewesen,« erwidert er heftig, »so schliefe ich jetzt dort oben in den ewigen Wäldern. Bin ich verpflichtet, mein Leben für sie zu wagen, weil sie mich zum Kavalier auf Ekeby gemacht hat? Glauben Frau Gräfin, daß das ein sehr ehrenvolles Amt ist?«
Ohne zu antworten, wendet sich die junge Gräfin von ihm ab. Sie ist zornig.
Mit bitteren Gedanken über die Kavaliere begibt sie sich an ihren Platz. Mit Waldhorn und Violinen sind sie hierhergekommen und wollen die Bogen über die Saiten fahren lassen, bis sie zerspringen, ohne daran zu denken, daß die lustigen Töne zu der Gefangenen in das elende Zimmer hinüberdringen. Sie sind hierhergekommen, um zu tanzen, bis die Schuhsohlen durchgetreten sind, und denken nicht daran, daß ihre alte Wohltäterin ihre Schatten an den betauten Fensterscheiben vorübergleiten sehen kann! Ach, wie grau und häßlich doch die Welt wird! Ach, welche Schatten doch die Not und die Hartherzigkeit der Menschen in die Seele der jungen Gräfin werfen!
Nach einer Weile kommt Gösta und fordert sie zum Tanz auf.
Sie sagt nein, geradezu nein!
»Wollen Frau Gräfin nicht mit mir tanzen?« fragt er tief errötend.
»Weder mit Ihnen noch mit irgendeinem von den Kavalieren«, antwortet sie.
»Sind wir einer solchen Ehre nicht würdig?«
»Es ist keine Ehre, Herr Berling! Aber ich finde kein Vergnügen daran, mit Leuten zu tanzen, die das Gebot der Dankbarkeit vergessen.«
Gösta hat sich bereits auf dem Absatz umgedreht.
Gar viele sind Augen- und Ohrenzeugen dieser Szene gewesen. Alle geben der Gräfin recht. Die Undankbarkeit und Herzlosigkeit der Kavaliere gegen die Majorin hat eine allgemeine Entrüstung wachgerufen.
Aber in jenen Tagen ist Gösta Berling gefährlicher als ein wildes Tier des Waldes. Seit dem Augenblick, wo er von der Jagd heimkehrte und Marianne nicht mehr vorfand, ist sein Herz wie eine offene Wunde gewesen. Er hat die größte Lust, irgend jemand ein blutiges Unrecht zuzufügen, Kummer und Sorge über weite Kreise zu verbreiten.
Wenn sie es so haben will, sagt er zu sich selber, so soll es ihr werden. Aber sie soll nicht geschont werden. Die Gräfin schwärmt ja für Entführungen. Das Vergnügen soll ihr werden. Er hat nichts gegen ein Abenteuer einzuwenden. Acht Tage lang hat er um eine Frau getrauert. Das ist lange genug. Er ruft Beerencreutz, den Oberst, Christian Bergh, den starken Hauptmann, und den saumseligen Vetter Kristoffer, der stets zu einem verwegenen Abenteuer aufgelegt ist, und beratschlagt mit ihnen, wie man die gekränkte Ehre des Kavalierflügels retten soll.
Und dann kommt der Schluß des Festes. Eine lange Reihe von Schlitten fährt im Hofe auf. Die Herren ziehen ihre Pelze an, die Damen suchen in dem verzweifelnden Wirrwarr des Ankleidezimmers nach ihren wärmenden Hüllen.
Die junge Gräfin hat sich beeilt, von diesem abscheulichen Ball fortzukommen. Sie ist von allen Damen zuerst fertig. Lächelnd steht sie mitten im Zimmer und sieht sich die allgemeine Verwirrung an, als die Tür aufgerissen wird und Gösta Berling auf der Schwelle erscheint.
Kein Mann hat sonst das Recht, in dies Zimmer einzudringen. Alte Damen flehen da mit ihrem dünnen Haar, jetzt wo sie die feinen Hauben abgenommen haben, und die jungen haben ihre Kleider unter den Pelzen hoch in die Höhe gezogen, damit die steifen Garnierungen bei der Fahrt nicht zerknittert werden sollen.
Ohne sich aber an die warnenden Rufe zu kehren, springt Gösta Berling auf die Gräfin zu und ergreift sie. Er hebt sie auf seine Arme und stürzt mit ihr zum Zimmer hinaus, auf die Diele und von da auf die Treppe.
Die Schreie der überraschten Frauen hemmen ihn nicht. Als sie hinter ihm drein eilen, sehen sie nur, daß er sich, die Gräfin noch immer im Arm haltend, in einen Schlitten wirft. Sie hören den Kutscher mit der Peitsche knallen und sehen das Pferd von dannen jagen. Sie kennen den Kutscher – es ist Beerencreutz. Sie kennen das Pferd – es ist Don Juan. Und in tiefer Besorgnis um das Schicksal der Gräfin rufen sie die Herren.
Und diese verbringen keine Zeit mit vielen Fragen, sondern stürzen zu den Schlitten. Den Grafen an der Spitze, machen sie Jagd auf den Frauenräuber.
Er aber liegt im Schlitten und hält die junge Gräfin fest. Aller Kummer ist vergessen, hingerissen von der berauschenden Freude des Abenteuers singt er aus vollem Halse ein Lied von Liebe und von Rosen. Er hält sie fest an sich gepreßt, sie aber macht keinen Versuch, ihm zu entfliehen. Ihr Antlitz ruht weiß und versteinert an seiner Brust.
Ach, was soll ein Mann tun, wenn er ein bleiches, hilfloses Gesicht so unmittelbar in seiner Nähe hat, wenn er das blonde Haar, das sonst die schimmernd weiße Stirn beschattet, zurückgestrichen sieht, wenn die Lider sich schwer über den grauen, schelmischen Augen geschlossen haben?
Küssen, natürlich, die bleichen Lippen, die geschlossenen Augen, die weiße Stirn küssen!
Da aber erwacht die junge Frau. Sie wirft sich auf die Seite, sie ist elastisch wie eine Feder. Und er muß mit seiner ganzen Kraft gegen sie kämpfen, damit sie sich nicht aus dem Schlitten stürzt, ehe es ihm gelingt, sie ergeben aber zitternd in die eine Ecke des Schlittens zu zwingen.
»Siehe,« sagt Gösta ganz ruhig zu Beerencreutz, »die Frau Gräfin ist die Dritte, die Don Juan und ich diesen Winter entführen. Aber die andern hingen an meinem Halse und küßten mich, und sie will weder von mir geküßt werden noch mit mir tanzen. Kannst du aus diesen Frauen klug werden, Beerencreutz?«
Aber als Gösta aus dem Hofe fuhr, als die Frauen schrien und die Männer fluchten, als die Schlittenglocken klingelten und die Peitschen knallten und überall Lärm und Verwirrung herrschte, da ward den Männern, die die Majorin bewachten, gar wunderlich zumute.
»Was geht denn da vor sich?« dachten sie. »Weshalb schreien die Leute?«
Plötzlich wird die Tür aufgerissen und eine Stimme ruft ihnen zu: »Sie ist fort. Jetzt fahren sie mit ihr ab.«
Und sie laufen wie verrückte Menschen davon, ohne nachzusehen, ob es die Majorin oder sonst jemand war, der verschwunden ist.
Das Glück war ihnen günstig, sie fanden sogar noch Platz in einem Schlitten. Und sie fuhren eine lange Strecke, ehe es ihnen klar ward, wer die Verfolgte war.
Aber Bergh und Vetter Kristoffer gingen ganz gemächlich nach der Tür, sprengten das Schloß und öffneten der Majorin.
Sie kam heraus. Sie standen so steif wie zwei Bildsäulen zu jeder Seite der Tür und sahen sie nicht an.
»Draußen hält ein angespannter Schlitten!«
Da ging sie hinaus, setzte sich in das Fuhrwerk und fuhr von dannen. Niemand verfolgte sie. Es wußte auch niemand, wohin sie fuhr.
Don Juan eilt die Brobyer Hügel hinab, an die eisbedeckte Fläche des Sees. Das stolze Roß fliegt dahin. Eiskalte Luft umsaust schneidend die Wangen der Fahrenden. Die Schellen läuten. Die Sterne und der Mond funkeln. Der Schnee liegt blauweiß und schimmert mit seinem eigentümlichen Glanz.
Gösta fühlt poetische Gedanken in sich erwachen.
»Beerencreutz,« sagt er, »dies ist das Leben. So wie Don Juan mit dieser jungen Dame enteilt, so entflieht die Zeit mit den Menschen. Du bist die bittere Notwendigkeit, die das Gefährt lenkt. Ich bin das Verlangen, das den Willen gefangen hält. Und so wird der Machtlose tiefer und tiefer hinabgezogen.«
»Rede nicht so viel«, brüllt Beerencreutz. »Jetzt sind sie uns auf den Fersen.« Und mit sausendem Peitschenschlag treibt er Don Juan zu immer wilderer Fahrt an.
»Da sind die Wölfe, hier ist die Beute«, ruft Gösta.
»Don Juan, mein Junge, bilde dir ein, daß du ein junges Elentier bist. Stürze durch das Gestrüpp, wate durch das Moor, springe vom Felsabhang hinab in den klaren See, schwimme mit keck erhobenem Haupt darüber hin und verschwinde, verschwinde in der errettenden Finsternis des dichten Tannenwaldes. Laufe, Don Juan, alter Frauenräuber! Laufe wie ein junges Elentier!«
Sein wildes Herz schwillt vor Jubel bei der blitzschnellen Fahrt. Die Schreie der Verfolger sind ihm ein Jubelgesang. Sein wildes Herz schwillt vor Jubel, als er bemerkt, daß die Glieder der Gräfin vor Schreck erbeben, als er ihre Zähne klappern hört.
Plötzlich löst sich der eiserne Griff, mit dem er sie festgehalten hat. Er richtet sich hoch im Schlitten auf und schwingt die Mütze.
»Ich bin Gösta Berling!« ruft er, »Herr über tausend Küsse und dreizehntausend Liebesbriefe. Hurra! für Gösta Berling! Fange ihn, wer da kann!«
Und im nächsten Augenblick flüstert er der Gräfin ins Ohr: »Ist dies nicht eine herrliche Fahrt? Ist es nicht eine königliche Fahrt? Hinter dem Löfsee liegt der Wenersee, hinter dem Wenersee liegt das Meer. Überall unendliche Flächen von spiegelblankem, blauschwarzem Eis und dahinter wieder eine strahlende Welt. Rollender Donner in dem krachenden Eis, gellende Rufe hinter uns, Sternschnuppen in der Luft und Schlittengeläute vor uns. Vorwärts! Immer vorwärts! Haben Sie Lust, diese Reise mit mir zu machen, schöne junge Frau Gräfin?«
Er hat sie freigegeben. Sie stößt ihn heftig von sich.
Im nächsten Augenblick liegt er zu ihren Füßen auf den Knien.
»Ich bin ein Elender, ein Elender! Die Frau Gräfin hätte mich nicht reizen sollen. Sie standen so stolz und fein da und glaubten, daß eine Kavalierfaust Sie niemals erreichen könne. Himmel und Erde lieben Sie. Sie sollten den nicht noch mit Steinen belasten, der von Himmel und Erde verachtet ist.«
Er ergreift ihre Hände und führt sie an sein Gesicht.
»Wenn Sie nur wüßten,« sagt er, »was es heißt, zu wissen, daß man ein Ausgestoßener ist. Es ist einem einerlei, was man tut, ganz einerlei.«
Im selben Augenblick bemerkt er, daß sie nichts an den Händen hat. Er nimmt ein Paar große Pelzhandschuhe aus der Tasche und zieht sie ihr an. Und dann ist er plötzlich ganz ruhig geworden. Er setzt sich im Schlitten zurecht, so weit wie nur möglich von der jungen Gräfin entfernt.
»Die Frau Gräfin brauchen sich nicht zu fürchten«, sagt er. »Sehen die Frau Gräfin nicht, wohin wir fahren? Sie werden doch begreifen können, daß wir Ihnen kein Leides antun wollen.«
Sie ist beinahe ganz besinnungslos gewesen vor Schrecken, aber nun sieht sie, daß sie schon über den See gefahren sind und daß Don Juan jetzt die steilen Hügel bei Borg hinaufkeucht. Sie halten das Pferd vor der Treppe zum Hauptgebäude an und lassen die junge Gräfin an der Tür ihres eigenen Hauses absteigen.
Als sie sich aber von der Dienerschaft umringt sieht, die herausgestürzt kommt, kehrt ihr Mut und ihre Geistesgegenwart zurück.
»Sorgen Sie für das Pferd, Andersson,« sagt sie, »die Herren, die mich nach Hause gefahren haben, sind sicher so freundlich, ein wenig näher zu treten. Der Graf muß gleich hier sein.«
»Wie die Frau Gräfin befehlen«, sagt Gösta und steigt sofort aus dem Schlitten. Beerencreutz wirft, ohne sich zu besinnen, dem Kutscher die Zügel zu. Die junge Gräfin aber geht voraus und führt sie mit schlecht verhehlter Schadenfreude in den Saal.
Die Gräfin hatte sicher gedacht, daß die Kavaliere sich besinnen würden, auf ihren Vorschlag einzugehen und ihren Mann zu erwarten. Sie wußten also nicht, welch ein strenger, gerechter Mann er war. Sie fürchteten sich nicht vor der Strafe, die er denen zuerteilen würde, die sie mit Gewalt ergriffen und gezwungen hatten, mit ihnen zu fahren. Sie wollte es mit anhören, wie er ihnen untersagte, jemals wieder den Fuß über ihre Schwelle zu setzen. Sie wollte es erleben, wie er die Dienerschaft hereinrief und vor ihnen die Kavaliere als Persönlichkeiten hinstellte, die sie in Zukunft niemals in die Tore von Borg einlassen dürften. Sie wollte hören, wie er seine Verachtung aussprach, nicht nur über das, was sie ihr angetan, sondern auch über ihr Benehmen gegen die alte Majorin, ihre Wohltäterin.
Ja, er, der ihr gegenüber lauter Zärtlichkeit und Rücksicht war, er würde sich in gerechtem Zorn gegen ihre Verfolger erheben. Die Liebe würde seinen Worten Feuer verleihen. Er, der sie beschützte und bewachte wie ein Wesen feinerer Art als jede andere, er würde es nicht dulden, daß rohe Männer über sie herfielen und sie ergriffen, wie der Raubvogel über den Sperling herfällt. Die ganze kleine Frau erglühte vor Rachedurst vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Mann sollte ihr in ihrer Ohnmacht helfen und die dunklen Schatten vertreiben.
Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken weißen Schnurrbart, ging ganz unerschrocken in den Speisesaal, trat an den Kamin, in dem stets, wenn die Gräfin aus einer Gesellschaft kam, ein helles Feuer brannte.
Gösta verharrte im Dunkeln an der Tür und betrachtete schweigend die Gräfin, die der Diener ihres Pelzes entledigte. Wie er so dasaß und die junge Frau ansah, ward er so heiter, wie er es seit Jahren nicht gewesen war. Es ward ihm so klar, er war so überzeugt davon, als sei es eine Offenbarung, daß in ihrem Innern die schönste Seele wohnen müsse.
Lange hatte sie in tiefem Schlaf befangen gelegen, aber sie würde schon ans Tageslicht kommen. Er war so froh, daß er all die Reinheit und Frömmigkeit und Unschuld entdeckt hatte, die in ihrem innersten Herzen wohnten. Er war nahe daran, über sie zu lachen, weil sie so erzürnt aussah und mit flammenden Wangen und gerunzelter Stirn dastand.
»Du weißt es ja selber nicht, wie gut und milde du bist«, dachte er.
Die Seite ihres Wesens, die der Außenwelt zugewendet war, würde ihrem inneren Ich niemals volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dachte er. Von diesem Augenblick an mußte aber Gösta Berling ihr Diener sein, wie man allem Schönen und Göttlichen dienen muß. Ja, es war ihm nicht möglich zu bereuen, daß er vorhin so gewaltsam gegen sie vorgegangen war. Wenn sie nicht so bange gewesen wäre, wenn sie ihn nicht so heftig von sich gestoßen hätte, wenn er nicht gefühlt hätte, wie sich ihr ganzes Wesen über seine Roheit empörte, so hätte er niemals erfahren, welch ein feiner, welch ein edler Geist in ihr wohnte.
Er hatte bisher keinen Grund gehabt, es zu glauben. Sie war ja lauter Tanzlust und Frohsinn. Und dann hatte sie ja das Unglaubliche tun und sich mit dem dummen Grafen Henrik verheiraten können.
Ja, nun würde er bis an den Tod ihr Sklave sein: Hund und Sklave, wie Hauptmann Christian zu sagen pflegte, und nichts anderes.
Dort an der Tür saß Gösta Berling mit gefalteten Händen und hielt eine Art Gottesdienst ab. Seit jenem Tage, als er zum erstenmal die Feuerzunge der Inspiration über sich hatte flammen fühlen, hatte er keine solche Erhebung in seiner Seele gefühlt. Er ließ sich nicht stören, obwohl Graf Dohna mit einer Menge Menschen hereinkam, die über alle die dummen Streiche der Kavaliere donnerten und fluchten.
Er ließ Beerencreutz den ersten Anprall hinnehmen. Er selber hatte an anderes zu denken. Ganz ruhig stand der Ritter der vielen Abenteuer am Kamin, setzte den einen Fuß auf das Kamingitter, stützte den Ellbogen gegen das Knie und das Kinn in die Hand und sah die Hereinstürmenden an.
»Was hat dies alles zu bedeuten?« brüllte der kleine Graf ihn an.
»Das bedeutet,« erwiderte er, »daß, solange es Frauenzimmer gibt, es auch nicht an Toren fehlen wird, die nach ihrer Pfeife tanzen.«
Der kleine Graf wurde dunkelrot. »Ich frage, was das zu bedeuten hat?« wiederholte er.
»Ja, das frage ich auch«, sagte Beerencreutz. »Darf ich mir die Frage erlauben, was es zu bedeuten hat, daß Graf Henrik Dohnas Gemahlin nicht mit Gösta Berling tanzen will?«
Der Graf wandte sich fragend an seine Gattin.
»Ich konnte nicht, Henrik«, rief sie aus. »Ich konnte weder mit ihm, noch mit einem von den anderen tanzen. Ich dachte an die Majorin, die sie im Gefängnis verschmachten ließen.«
Der kleine Graf richtete seinen steifen Körper stramm auf und warf seinen Greisenkopf in den Nacken.
»Wir Kavaliere«, sagte Beerencreutz, »gestatten niemand, uns zu verhöhnen. Wer nicht mit uns tanzen will, muß mit uns fahren. Es ist der Gräfin kein Schaden zugefügt, und damit mag die Sache ein Ende haben.«
»Nein,« sagte der Graf, »damit hat sie kein Ende. Ich muß für die Handlungen meiner Gattin einstehen. Jetzt frage ich, weshalb sich Gösta Berling nicht an mich wandte, um von mir Satisfaktion zu erlangen, als meine Frau ihn beleidigt hatte.«
Beerencreutz lächelte.
»Ich frage ...« wiederholte der Graf.
»Man bittet den Fuchs nicht um Erlaubnis, wenn man ihm das Fell abziehen will«, sagte Beerencreutz.
Der Graf legte die Hand auf seine schmale Brust.
»Man sagt mir nach, daß ich ein gerechter Mann bin«, entgegnete er. »Ich kann Gericht über meine Dienerschaft halten. Weshalb sollte ich nicht auch Gericht über meine Gemahlin halten? Die Kavaliere haben kein Recht, sie zu richten. Die Strafe, die sie ihr auferlegt haben, hebe ich auf. Die hat für mich gar nicht stattgefunden. Verstehen Sie, meine Herren, die hat gar nicht stattgefunden.«
Der Graf schrie die Worte in seinem höchsten Falsett.
Beerencreutz warf einen schnellen Blick auf die Gesellschaft. Da war nicht einer der Anwesenden – Sintram und Daniel Bendix und Dahlberg und wer sonst noch mit hereingekommen war –, der nicht in den Bart gelacht hätte, weil er sich so über den dummen Grafen Henrik lustig machte.
Die junge Gräfin verstand es nicht sofort. Was war es eigentlich, das für null und nichtig erklärt wurde? Ihre Angst, die harte Behandlung ihres zarten Körpers von seiten der Kavaliere, der wilde Gesang, die wilden Worte, die wilden Küsse, sollte das alles gar nicht stattgefunden haben?
»Aber Henrik ...«
»Schweig!« herrschte er sie an. Und nun richtete er sich auf, um ihr eine Strafpredigt zu halten. »Wehe dir, daß du, die du eine Frau bist, dich hast zum Richter über Männer aufwerfen wollen«, sagte er. »Wehe dir, daß du, die du meine Frau bist, es wagst, jemand zu beleidigen, dessen Hand ich drücke. Was geht es dich an, daß die Kavaliere die Majorin ins Gefängnis geworfen haben? Hatten sie nicht das Recht dazu? Du wirst es niemals verstehen können, wie ein Mann sich im Innersten seiner Seele verletzt fühlt, wenn er von der Treulosigkeit der Frauen hört. Gedenkst du selber, den schlüpfrigen Weg zu wandeln, da du eine solche Frau in Schutz nimmst?«
»Aber Henrik ...«
Sie jammerte wie ein Kind und streckte die Arme aus, als wolle sie die bösen Worte abwenden. Sie hatte wohl noch niemals so harte Worte an sich richten hören. Sie war so hilflos zwischen diesen harten Männern, und nun wandte ihr einziger Verteidiger sich gegen sie. Nie mehr würde ihr Herz Kraft haben, die Welt hell zu machen.
»Aber Henrik! Du solltest mich ja beschützen!«
Gösta Berling war jetzt, wo es zu spät war, aufmerksam geworden. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er meinte es so gut mit ihr. Aber er wagte nicht, sich zwischen Mann und Frau zu drängen.
»Wo ist Gösta Berling?« fragte der Graf.
»Hier«, sagte Gösta. Und er machte einen mißglückten Versuch, das Ganze als Scherz darzustellen. »Der Herr Graf waren gewiß dabei, eine Rede zu halten, und ich schlief ein! Was meinen der Herr Graf dazu, wenn wir jetzt nach Hause führen und Sie zu Bette gehen ließen?«
»Gösta Berling! Sintemal meine Gattin sich geweigert hat, mit dir zu tanzen, befehle ich, daß sie deine Hand küssen und dich um Verzeihung bitten soll.«
»Mein lieber Graf Henrik,« sagt Gösta lächelnd, »das ist keine Hand, geeignet von einer jungen Dame geküßt zu werden. Gestern war sie rot von dem Blut eines erlegten Elentiers, morgen ist sie schwarz von Ruß nach einer Schlägerei mit einem Köhler. Der Graf hat ein edles, hochherziges Urteil gefällt. Das ist eine hinreichende Genugtuung. Komm, Beerencreutz!«
Der Graf stellte sich ihm in den Weg. »Geh nicht«, sagt er. »Meine Frau muß mir gehorchen. Ich will, daß meine Gemahlin erfährt, wozu es führt, wenn sie eigenmächtig handelt.«
Gösta blieb unschlüssig stehen. Die Gräfin stand bleich da, rührte sich aber nicht.
»Geh!« sagte der Graf.
»Henrik, ich kann nicht!«
»Du kannst!« sagte der Graf hart. »Du kannst. Aber ich weiß, was du willst. Du willst mich zwingen, mich mit dem Manne zu duellieren, den du in deiner Launenhaftigkeit nicht leiden kannst. Wohlan! Wenn du ihm keine Genugtuung geben willst, so will ich es. Es ist stets ein besonderes Vergnügen für eine Frau, wenn Männer ihretwegen getötet werden. Du hast den Fehler begangen, willst ihn aber nicht sühnen. Ich werde mich duellieren, Frau Gräfin! In wenigen Stunden werde ich eine blutige Leiche sein.«
Sie schaute ihn mit einem langen Blick an. Und sie sah ihn so, wie er war: dumm, feige, aufgeblasen vor Hochmut und Eitelkeit, der elendeste Mensch, den man sehen kann.
»Beruhige dich«, sagte sie. Und sie war kalt wie Eis. »Ich werde es tun.«
Jetzt aber geriet Gösta Berling ganz außer sich.
»Das dürfen die Frau Gräfin nicht! Nein, Sie dürfen es nicht! Sie sind ja nur ein Kind, ein schwaches, unschuldiges Kind, und Sie sollten meine Hand küssen! Sie haben eine so reine und schöne Seele. Ich werde nie wieder in Ihre Nähe kommen, nie wieder! Ich bringe Tod und Verderben über alles, was gut und unschuldig ist. Sie sollen mich nicht anrühren. Ich schrecke vor Ihnen zurück wie das Feuer vor dem Wasser. Sie dürfen es nicht tun!«
Er hielt die Hände auf dem Rücken.
»Es schadet mir nichts, Herr Berling! Jetzt schadet es mir nicht mehr. Ich bitte Sie um Verzeihung! Ich bitte Sie, lassen Sie mich Ihre Hand küssen!«
Gösta hielt seine Hände noch immer auf dem Rücken. Er ließ den Blick durch den Saal schweifen und näherte sich der Tür.
»Wenn du die Genugtuung nicht annimmst, die meine Frau dir bietet, muß ich mich mit dir duellieren, Gösta Berling, und muß ihr außerdem eine noch härtere Strafe auferlegen.«
Die Gräfin zuckte die Achseln. »Er ist ja ganz verrückt vor Feigheit«, flüsterte sie. »Lassen Sie es geschehen! Es ist ja einerlei, ob ich gedemütigt werde. Das haben Sie ja die ganze Zeit hindurch gewollt.«
»Habe ich das gewollt? Glauben Sie, daß ich das gewollt habe? Jetzt, wo ich keine Hände mehr habe, die Sie küssen können, werden Sie verstehen, daß ich es nicht gewollt habe!« rief er aus.
Er lief nach dem Kamin und steckte seine Hände hinein. Die Flammen schlugen darüber zusammen, die Haut schrumpfte ein, die Nägel knatterten. Im selben Augenblick aber ergriff Beerencreutz ihn beim Nacken und schleuderte ihn gewaltsam durch das Zimmer. Er taumelte auf einen Stuhl und blieb dort sitzen. Er schämte sich fast über sein Benehmen. Würde sie glauben, daß er es nur aus Prahlerei getan hatte? Sich in einem mit Menschen angefüllten Zimmer so aufzuführen – das mußte ja wie dumme Prahlerei erscheinen. Es war kein Gedanke an Gefahr dabei gewesen.
Ehe er sich vom Stuhl erhoben hatte, lag die Gräfin neben ihm auf den Knien. Sie ergriff die roten, rauchgeschwärzten Hände und betrachtete sie.
»Ich will sie küssen, ich will sie küssen,« rief sie aus, »sobald sie nicht mehr zu wund und zu krank sind.« Tränen stürzten ihr aus den Augen, während sie sah, wie sich die Brandblasen unter der versengten Haut hoben.
So ward es für sie eine Offenbarung ungekannter Herrlichkeit. Daß noch so etwas auf Erden geschehen konnte, daß so etwas um ihretwillen ausgeführt werden konnte! Was für ein Mann war er nicht, zu allem fähig, gewaltig im Guten wie im Bösen, ein Mann großer Taten, starker Worte, glänzender Eigenschaften! Ein Held, ein Held! Aus einem andern Stoffe gemacht als andere. Sklave einer Laune, der Lust eines Augenblickes, wild und schrecklich, aber im Besitz einer rasenden Kraft, nichts in der Welt fürchtend.
Sie hatte sich den ganzen Abend so bedrückt gefühlt, hatte nichts gesehen als Kummer und Grausamkeit und Feigheit. Jetzt war alles vergessen. Die junge Gräfin war wieder froh, ein Mensch zu sein. Die Dämmerungsgöttin war besiegt. Die junge Gräfin sah Licht und Farben und eine sonnige Welt.
Als die Gräfin bald darauf erfuhr, daß die Majorin befreit war, gab sie eine große Mittagsgesellschaft den Kavalieren zu Ehren. Damit begann ihre und Gösta Berlings lange Freundschaft.
Ihr Kinder später Zeiten! Ich habe euch nichts Neues zu erzählen, nur das, was alt und beinahe vergessen ist. Nur Märchen habe ich aus dem Kinderzimmer, wo die Kleinen auf niedrigen Schemeln um die alte Märchenerzählerin herumhockten, von dem flackernden Herdfeuer in der Hütte, um das die Knechte und Tagelöhner im Kreise herumsaßen und schwatzten, während ihre feuchten Kleider dampften und sie ihr Messer aus der ledernen Scheide am Halse zogen, um Butter auf dickes, weiches Brot zu streichen, oder aus dem Saal, wo alte Herren in wiegenden Schaukelstühlen ruhten und, von dem dampfenden Grog belebt, von alten Zeiten redeten.
Stand dann ein Kind, das der Märchenerzählerin, den Tagelöhnern, den alten Herren gelauscht hatte, an Winterabenden am Fenster, da waren es keine Wolken, die es am Himmel dahinziehen sah, nein, die Wolken wurden zu Kavalieren, die in wackeligen Gefährten am Horizont dahinjagten; die Sterne waren Wachskerzen, die in dem alten Grafenschloß auf der Borger Landzunge angezündet wurden, und der Spinnrocken, der im Nebenzimmer schnurrte, ward von der alten Ulrika Dillner getreten. Denn der Kopf des Kindes war angefüllt mit den Menschen alter Zeiten, für sie lebte es, für sie schwärmte es.
Wurde aber so ein Kind, dessen ganze Seele mit Märchen gesättigt war, über den dunklen Boden in die Vorratskammer gesandt nach leinenen Tüchern oder Zwiebacken, da eilten die kleinen Füße, da ging es in fliegender Fahrt die Treppe hinab, über die Diele und in die Küche hinaus. Denn da oben im Dunkeln waren dem Kinde alle die alten Geschichten eingefallen, die es von dem bösen Gutsherrn auf Fors gehört hatte, von ihm, der sich dem Teufel verschrieb.
Der Staub des bösen Sintram weilt längst auf dem Svartsjöer Kirchhof, niemand aber glaubt, daß seine Seele in Gott ruht, wie es auf dem Grabstein geschrieben steht.
Während er lebte, war er einer von jenen, zu denen an langen, regnerischen Sonntagnachmittagen eine schwere, mit schwarzen Pferden bespannte Karosse gefahren kam. Ein eleganter, schwarz gekleideter Herr steigt aus dem Wagen und hilft dem Hausherrn bei Karten und Würfeln die schleichenden Stunden vertreiben, die ihn in ihrer Einförmigkeit zur Verzweiflung gebracht haben. Die Partie wird bis nach Mitternacht fortgesetzt, und wenn der Fremde in der Morgendämmerung abfährt, hinterläßt er stets irgendeine unheilverkündende Abschiedsgabe.
Ja, solange Sintram hier auf Erden weilte, war er einer von denen, dessen Kommen von Geistern angekündigt wird. Es gehen ihnen Warnungen voraus; ihr Wagen rollt auf den Hof, ihre Peitsche knallt, ihre Stimme wird auf der Treppe hörbar, die Haustür wird geöffnet und zugeschlagen. Hunde und Menschen erwachen von dem Geräusch, so stark ist es, aber es kommt niemand – es sind nur Vorbedeutungen.
Hu! diese entsetzlichen Menschen, die von bösen Geistern heimgesucht werden! Was für ein großer Hund konnte das doch nur sein, der sich zu Sintrams Zeit auf Fors zeigte? Er hatte schreckliche, funkelnde Augen und eine lange feuerrote Zunge, die ihm weit aus dem keuchenden Maul heraushing. Eines Tages, gerade als die Knechte in der Küche beim Mittagessen saßen, hatte er an die Küchentür gekratzt, und alle Mädchen hatten vor Entsetzen aufgeschrien; aber der größte und stärkste von den Knechten hatte ein brennendes Scheit vom Herd genommen, die Tür aufgerissen und es dem Hund in den Rachen geschleudert. Da war er mit entsetzlichem Geheul entflohen, Feuer und Rauch waren aus seinem Maul herausgeschlagen, Funken hatten ihn umwirbelt, und seine Fußspuren schimmerten auf dem Wege wie Feuer.
Und etwas ganz Schreckliches war es, wenn der Gutsherr auf Reisen ging; er fuhr mit Pferden von Hause fort, aber wenn er des Nachts nach Hause kam, hatte er stets schwarze Stiere vor dem Wagen. Die Leute die an der Landstraße wohnten, konnten die großen schwarzen Hörner sich gegen den nächtlichen Himmel abheben sehen, wenn er vorüberfuhr: sie hörten die Stiere brüllen und entsetzten sich über die funkensprühenden Streifen, die die Wagenräder und Hufe in dem trocknen Kies hinterließen.
Ja, die kleinen Füße konnten wohl Eile haben, wenn sie über den großen, dunklen Boden hinüber mußten. Denkt nur, wenn etwas Entsetzliches, wenn er, dessen Namen sie nicht zu nennen wagten, da oben aus einem dunklen Winkel herausgekommen wäre! Wer konnte sicher davor sein? Er zeigte sich nicht nur den schlechten Menschen. Hatte Ulrika Dillner ihn nicht gesehen! Sowohl sie als auch Anna Stjärnhök konnten davon erzählen, wie sie ihn gesehen hatten.
Freunde, Menschenkinder! Ihr, die ihr tanzet und lachet! Ich bitte euch so flehentlich, tanzet vorsichtig, lachet leise, denn es kann zu so vielem Unglück Anlaß geben, wenn eure dünnsohligen seidenen Schuhe auf Menschenherzen treten statt auf Bretter, und euer silberhelles Lachen kann eine Seele in Verzweiflung jagen.
Sicher hatten die jungen Füße zu hart auf das Herz der alten Ulrika getreten, hatte das Lachen der Jungen zu übermütig in ihre Ohren geklungen, so daß sie plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Namen und der Würde einer verheirateten Frau überkam. Sie sagte endlich »ja« zu der langjährigen Werbung des bösen Sintram, folgte ihm als Gattin nach Fors und war so getrennt von den alten Freunden auf Berga, von den ihr lieb gewordenen Beschäftigungen und der alten Sorge um das tägliche Brot.
Es ging über Hals und Kopf mit dieser Heirat. Um die Weihnachtszeit freite Sintram, und im Februar fand die Hochzeit statt.
Anna Stjärnhök wohnte nun in Hauptmann Ugglas Hause. Sie war ein guter Ersatz für die alte Ulrika, so daß diese ohne Gewissensbisse ausziehen und sich ihren Frauentitel erobern konnte.
Ohne Gewissensbisse, aber nicht ohne Reue. Es war kein guter Ort, an den sie kam; die großen, leeren Zimmer waren mit Schreckbildern angefüllt. Sobald es zu dunkeln begann, grauste und bangte sie sich. Sie war nahe daran, vor Heimweh zu vergehen.
Die langen Sonntagnachmittage waren schlimmer als alles andere. Sie wollten nie ein Ende nehmen, so wenig wie die nagenden Gedanken, die sich durch ihr Gehirn schleppten.
Da geschah es eines Tages, als Sintram nicht von der Kirche zu Mittag nach Hause gekommen war, daß sie in den Saal ging und sich ans Klavier setzte. Das war ihr letzter Trost. Das Klavier mit dem gemalten Flötenspieler und der Hirtin auf dem weißen Deckel war ihr Eigentum, sie hatte es von ihren Eltern geerbt. Dem konnte sie ihre Not klagen, denn es verstand sie.
Aber wißt ihr, was sie spielt? Nur eine Polka – sie, die so tief betrübt ist!
Ach, sie kann nichts weiter als diese eine Polka; die hatte sie gelernt, ehe ihre Finger sich um den Kochlöffel und das Vorschneidemesser steif gekrümmt haben. Die sitzt ihr noch in den Fingern, aber sie kann nicht ein einziges Stück außer dieser Polka, keinen Trauermarsch, keine leidenschaftliche Sonate, nicht einmal eine wehmütige Volksmelodie, nur eine Polka.
Die spielt sie jedesmal, wenn sie dem alten Klavier etwas anzuvertrauen hat. Sie spielt sie, wenn sie lachen möchte, sie spielt sie, wenn sie weinen möchte. Als sie ihre Hochzeit feierte, spielte sie sie, und als sie zum erstenmal in ihr eigenes Heim kam, und so auch jetzt.
Die alten Saiten verstehen sie wohl; sie ist unglücklich – ach, so unglücklich!
Ein Vorüberfahrender, der die Töne der Polka hört, könnte glauben, daß der böse Gutsherr seinen Freunden und Nachbarn einen Ball gäbe, so munter klingt es. Es ist eine flotte, fröhliche Melodie. Damit hat sie in alten Tagen die Sorglosigkeit in Berga hinein- und den Hunger aus Berga herausgespielt; wenn sie ertönte, mußte sich alles im Tanze schwingen. Sie sprengte die Fessel der Gicht und lockte achtzigjährige Greise in den Tanzsaal. Die ganze Welt hätte Lust bekommen, nach der Polka zu tanzen, so munter klingt sie – die alte Ulrika aber weint.
Sie ist von bissigen Tieren und unfreundlichen Dienstboten umgeben. Sie sehnt sich danach, ein freundliches Gesicht und einen lächelnden Mund zu sehen. Und dieser verzweifelnden Sehnsucht soll die Polka Ausdruck verleihen.
Es wird den Leuten so schwer, sich zu erinnern, daß sie Frau Sintram ist. Alle nennen sie Mamsell Dillner. Deswegen soll die Polka ihrer Reue Ausdruck verleihen, daß sie sich von der Eitelkeit hat verlocken lassen, nach dem Frauentitel zu trachten.
Die alte Ulrika spielt, als wolle sie die Saiten zersprengen. Da ist so viel zu übertäuben: Wehrufe von verarmten Bauern, Flüche ausgesogener Arbeiter, Hohngelächter trotziger Dienstboten und vor allem die Schande – die Schande, die Frau eines bösen Mannes zu sein.
Zu diesen Tönen hat Gösta Berling den Tanz mit der jungen Gräfin Dohna aufgeführt. Marianne Sinclaire und ihre vielen Bewunderer haben danach getanzt, und die Majorin auf Ekeby hat sich im Takt zu diesen Tönen geschwungen, als der schöne Altringer noch lebte. Sie sieht sie vorüberwirbeln, Paar auf Paar, vereint in Jugend und Schönheit. Es ging ein Strom von Munterkeit von ihnen auf sie über, von ihr auf sie. Ihre Polka machte ihre Wangen glühen, ihre Augen strahlen. Jetzt ist sie von alledem geschieden. Laß die Polka ertönen – da sind so viele, so viele Erinnerungen zu übertäuben!
Sie spielt, um ihre Angst zu betäuben. Ihr Herz ist nahe daran, vor Entsetzen zu zerspringen, wenn sie den schwarzen Hund sieht, wenn sie die Dienstboten von den schwarzen Stieren flüstern hört. Sie spielt die Polka wieder und wieder, um ihre Angst zu übertäuben.
Da merkt sie, daß ihr Mann nach Hause gekommen ist. Sie hört, daß er ins Zimmer kommt und sich in einen Schaukelstuhl setzt. So gut kennt sie den Ton, wenn die Gängeln den Fußboden knirschend berühren, daß sie sich nicht einmal umzusehen braucht.
Und während sie spielt, fährt das Schaukeln fort – jetzt hört sie die Töne nicht mehr, sondern nur das Schaukeln.
Arme alte Ulrika, vergrämt, einsam, hilflos, verirrt in Feindesland, ohne einen Freund, dem sie ihr Leid klagen kann, ohne einen andern Tröster als das alte, klapperige Klavier, das ihr mit einer Polka antwortet! Es klingt wie ein schallendes Gelächter bei einem Begräbnis, wie ein Trinklied in einer Kirche.
Während aber der Schaukelstuhl fortfährt zu schaukeln, hört sie plötzlich, daß das Klavier ihrer Klage spottet, und sie hält mitten im Takt inne. Sie erhebt sich und sieht nach dem Schaukelstuhl hinüber.
Im nächsten Augenblick aber liegt sie ohnmächtig an der Erde. Dort im Schaukelstuhl saß nicht ihr Mann, sondern ein anderer – er, dessen Namen die Kinder nicht zu nennen wagen, er, vor dem sie tot umgefallen wären, wenn sie ihn auf dem einsamen Boden getroffen hätten.
Ob wohl derjenige, dessen Seele mit Märchen angefüllt ist, sich jemals von ihrer Macht befreien kann? Der Nachtwind heult da draußen, ein Gummibaum und ein Oleander peitschen mit ihren steifen Blättern gegen das Gitterwerk des Balkons. Der Himmel wölbt sich finster über den langgestreckten Bergen, und ich, die ich zur nächtlichen Stunde allein sitze und bei dem Schein der Lampe und bei aufgezogenem Rouleau schreibe, ich, die ich jetzt alt bin und klug sein sollte, ich fühle dasselbe Grauseln mir am Rückgrat herabkriechen wie damals, als ich diese Geschichte zum erstenmal hörte, und ich muß jeden Augenblick die Augen von der Arbeit erheben, um nachzusehen, ob sich nicht jemand dort in der Ecke versteckt hat; ich muß auf den Balkon hinaus, um zu sehen, ob nicht ein schwarzer Kopf über das Gitterwerk guckt. Er verläßt mich nie, dieser Schrecken, den die alten Geschichten wachrufen, wenn die Nacht finster und die Einsamkeit tief ist, und er gewinnt schließlich eine solche Übermacht, daß ich in mein Bett kriechen und die Decke über den Kopf ziehen muß.
Ich habe mich in meiner Kindheit nie genug darüber verwundern können, daß Ulrika Dillner diesen Nachmittag überlebte. Ich hätte es nicht gekonnt.
Ein Glück war es, daß Anna Stjärnhök gleich darauf nach Fors gefahren kam, daß sie sie im Saal am Fußboden liegend fand und sie wieder ins Leben zurückrief. Mit mir wäre es sicher nicht so gut abgegangen. Ich wäre längst tot gewesen.
Ich will euch wünschen, liebe Freunde, daß ihr davor bewahrt werden möget, die Tränen alter Augen zu sehen. Daß ihr nicht hilflos dastehen möget, wenn sich ein graues Haupt an eure Brust lehnt, um Stütze zu suchen, oder alte Hände sich in schweigendem Flehen um euch falten. Möge es euch erspart bleiben, die Alten in Kummer versenkt zu sehen, den ihr nicht zu lindern vermöget.
Was sind die Klagen der Jungen? Sie haben Kraft, sie haben Hoffnung. Aber welch ein Elend ist es nicht, wenn die Alten weinen, wenn die, die eurer jungen Tage Stütze gewesen sind, in machtlose Klage hinsinken!
Dort saß Anna Stjärnhök und hörte die alte Ulrika an, und sie sah keinen Ausweg für sie. Die Alte weinte und bebte. Ihre Augen rollten wild, sie sprach zuweilen so verwirrt, als wisse sie nicht mehr, wo sie war. Die tausend Runzeln, die ihr Gesicht durchfurchten, waren doppelt so tief wie gewöhnlich, die Hängelocken, die ihr über die Augen hingen, fielen durch die Feuchtigkeit der Tränen aus, und die ganze lange, magere Gestalt erschütterte ein Schluchzen.
Endlich mußte Anna dem Jammer ein Ende machen. Sie hatte ihren Entschluß gefaßt; sie wollte sie mit nach Berga nehmen. Wohl war sie Sintrams Gattin, aber auf Fors konnte sie nicht bleiben. Sie würde ja den Verstand verlieren, wenn sie bei dem bösen Manne bliebe. Anna beschloß, die alte Ulrika mitzunehmen.
Ach, wie freudig erschrak die Alte über diesen Entschluß! Aber sie wagte es wirklich nicht, ihrem Mann und ihrem Heim zu entfliehen. Er war imstande, ihr den großen Hund nachzusenden.
Aber Anna Stjärnhök überwand ihren Widerstand, teils mit Scherzen, teils mit Drohungen, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte sie sie neben sich im Schlitten. Anna fuhr selber, und zwar mit der alten Disa. Die Wege waren tief, denn es war gegen Ende März, aber es tat der alten Ulrika gut, wieder in dem wohlbekannten Schlitten mit dem alten Pferd davor zu sitzen, es war viele Jahre lang ein treuer Diener auf Berga gewesen – mindestens so lange wie sie.
Da nun diese alte Sklavin der Arbeit einen guten Humor und einen frischen Sinn besaß, hielt sie mit dem Weinen inne, als sie an Arvidstorp vorüberkamen; bei Högberg lachte sie schon, und als sie an Munkeby vorbeifuhren, war sie ganz vertieft in ihre Jugenderinnerungen und erzählte ihrer Begleiterin, was sich in ihren jungen Jahren zugetragen hatte, damals als sie bei der Gräfin auf Svaneholm war.
Sie kamen nun zu der einsamen, menschenleeren Strecke nördlich von Munkeby, wo der Weg hügelig und steinig war. Er schlängelte sich an allen Höhen hinauf, die er erreichen konnte, kroch in langsamen Windungen aufwärts, stürzte sich kopfüber an ihnen hinab und eilte in so gerader Linie wie nur möglich über den ebenen Talboden, um sofort wieder einen neuen Abhang zu finden, an dem er in die Höhe klettern konnte.
Sie waren gerade im Begriff den Vestratorpshügel hinabzufahren, als die alte Ulrika plötzlich verstummte und krampfhaft Annas Arm packte. Sie starrte einen großen Hund am Wegesrande an.
»Sieh!« sagte sie.
Der Hund sprang von dannen in den Wald. Anna hatte ihn nicht recht gesehen.
»Fahr zu!« sagte die alte Ulrika, »fahr so schnell du kannst! Jetzt erhält Sintram Bescheid, daß ich hier bin.«
Anna versuchte, über ihre Angst zu lachen, aber sie fuhr fort: »Wir werden bald seine Schlittenglocken hören. Wir hören sie, noch ehe wir auf dem nächsten Hügel sind.«
Und während die alte Disa sich einen Augenblick auf dem Gipfel des Elofshügels verschnaufte, erschallte von unten her Schlittengeläute.
Jetzt geriet die alte Ulrika ganz außer sich. Sie bebte, schluchzte und jammerte, genau so wie vorhin in dem Saal zu Fors. Anna wollte Disa zur Eile antreiben, die aber wandte den Kopf ab und sandte ihr einen höchst verwunderten Blick zu. Glaubte sie, daß Disa nicht wisse, wann es Zeit war zu laufen und wann zu gehen? Wollte sie sie lehren, einen Schlitten zu ziehen, sie, die doch seit mehr als zwanzig Jahren jeden Stein, jede Brücke, jeden Zaun, jeden Hügel in meilenweitem Umkreis gekannt hatte!
Inzwischen kam das Schlittengeläute näher und näher.
»Das ist er, das ist er, ich kenne seine Glocken!« jammert die alte Ulrika.
Der Laut kommt immer näher. Zuweilen ist er so unnatürlich stark, daß Anna sich umwendet, um zu sehen, ob Sintrams Pferd mit seinem Kopf schon ihren Schlitten berührt, bald stirbt er völlig hin. Sie hören ihn bald rechts, bald links vom Wege, sehen aber niemand. Es ist, als verfolge sie nur das Geläute der Schlittenglocken.
Wie des Nachts, wenn man aus einer Gesellschaft heimkehrt, so ist es nun: die Glocken klingen in Melodien, singen, sprechen, antworten. Der Wald hallt wider von ihrem Getön. Anna sehnt sich fast danach, daß der Verfolger allmählich so nahe kommen soll, daß sie ihn selber und sein rotes Pferd sehen kann. Ihr wird ganz unheimlich zumute bei diesem unablässigen Schlittengeläute. Sie ist nicht ängstlich, ist es niemals gewesen, aber diese Glocken peinigen und plagen sie.
»Die Glocken peinigen mich«, sagt sie. Und sofort fangen die Glocken das Wort auf. »Peinigen mich,« klingeln sie, »peinigen mich, peinigen, peinigen, peinigen mich«, singen sie in allen möglichen Tonarten.
Es war nicht lange her, seit sie, von Wölfen verfolgt, diesen selben Weg gefahren war. Sie hatte in der Finsternis die weißen Zähne in dem offnen Rachen schimmern sehen, sie hatte gedacht, daß sie von den wilden Tieren des Waldes zerrissen werden würde. Damals aber war sie nicht bange gewesen. Eine herrlichere Nacht hatte sie niemals erlebt. Schön und kräftig war das Pferd gewesen, das sie zog, schön und kräftig war der Mann, der die Freude des Abenteuers mit ihr teilte.