Die Finsternis ist wo anders dicht,
Doch solche Gedanken sind hell und licht.
Wer recht in seinem Leben tut,
Den überkommt ein starker Mut
Und ihn erfreut des Todes Stund
Darin ihm Seligkeit wird kund.
Oh, wem die Stunde des Tods allweg
Recht wohl betrachtet am Herzen läg
Um den braucht einer Mutter Herz
Nit Sorgen tragen und üblen Schmerz.
JEDERMANN:
Wir sind gute Christen und hören Predig
Geben Almosen und sind ledig.
JEDERMANNS MUTTER:
Wie aber, wenn beim Posaunenschall
Du von deinen Reichtümern all
Ihm sollst eine klare Rechnung geben
Um ewigen Tod oder ewiges Leben?
Mein Sohn, es ist ein arg Ding zu sterben,
Doch ärger noch auf ewig verderben.
JEDERMANN:
Auf vierzig Jahre bin ich kaum alt,
Mich wird eins halt nit mit Gewalt
Von meinen irdischen Freuden schrecken.
JEDERMANNS MUTTER:
Willst du den Kopf in den Sand stecken
Und siehst den Tod nit, Jedermann,
Der mag allstund dich treten an?
JEDERMANN:
Bin jung im Herzen und wohl gesund
Und will mich freuen meine Stund,
Es wird die andere Zeit schon kommen,
Wo Buß und Einkehr mir wird frommen.
JEDERMANNS MUTTER:
Das Leben flieht wie Sand dahin,
Doch schwer umkehret sich der Sinn.
JEDERMANN:
Frau Mutter, mir ist das Reden leid,
Hab schon gesagt, hab heut nit Zeit.
JEDERMANNS MUTTER:
Mein lieber Sohn!
JEDERMANN:
Bin sonst allzeit
Gehorsam gern und dienstbereit.
JEDERMANNS MUTTER:
Meine Red ist dir verdrießlich sehr,
Das macht mich doppelt kummerschwer,
Mein guter Sohn, ich hab ein Ahnen,
Ich werd dich nimmer lang ermahnen.
Fall dir zur Last noch kurze Zeit,
Weil ich von hier mich bald abscheid.
Doch du bleibst dann allein dahint
Und bist mein unberaten Kind.
So sag ich dir halt nur ein Wort,
Das dich mit langer Red nit kränk,
Sei deines Herrn Gotts eingedenk.
Und auch seiner großen Gnadenspend,
Der sieben heiligen Sakrament.
Davon ein jegliches uns frommt
Und unserer Schwäch zu Hilfe kommt
Ein jegliches in besonderer Weis
Uns stärket auf dieser Lebensreis.
JEDERMANN:
Was soll –
JEDERMANNS MUTTER:
Du bist ein stattlicher Mann
Und Frauenlieb steht dir wohl an.
Und hat denn unser Erlöser nicht,
Der weiß, woran es uns gebricht,
Und alles auf dieser Erden kennt
Und alls zu unserem Segen wendt,
Ein Sakrament nit eingesetzt
Wodurch was also dich ergetzt
Verwandelt wird und kehret sich um
Aus Wollust in ein Heiligtum!
Willst stets in arger Zucht umtreiben
Und fremd die heilige Eh dir bleiben?
JEDERMANN:
Frau Mutter, die Red ist mir bekannt.
JEDERMANNS MUTTER:
Hat doch dein Herz nit umgewandt.
JEDERMANN:
Ist halt noch allweil die Zeit nit da.
JEDERMANNS MUTTER:
Und doch der Tod schon gar so nah.
JEDERMANN:
Ich sag nit ja, sag auch nit nein.
JEDERMANNS MUTTER:
So muß ich allweg in Ängsten sein.
JEDERMANN:
Auch morgen ist halt noch ein Tag.
JEDERMANNS MUTTER:
Wer weiß, wer den noch sehen mag.
JEDERMANN:
Macht euch nit unnütze Beschwerden,
Ihr seht mich sicher noch ehlich werden.
JEDERMANNS MUTTER:
Mein guter Sohn, für dieses Wort
Will ich dich segnen immerfort,
Sei viel bedankt, daß mir dein Mund
So schönen Vorsatz machet kund.
JEDERMANN:
Hab nit von heut noch morgen geredt.
JEDERMANNS MUTTER:
Wenn nur dein Wille dagegen nit steht.
Einer Mutter Herz ist wohl gestellt
Wo nur ein gutes Wörtlein hinfällt.
Dein Vorsatz ist noch klein und schwach,
Zielt doch auf eine heilige Sach
Und daß du so geantwort’ hast,
Nimmt von der Brust mir schwere Last.
JEDERMANN:
Viel gute Nacht, Frau Mutter nun,
Ich wünsch, du mögest sänftlich ruhn.
JEDERMANNS MUTTER:
So will ich, mein lieber guter Sohn,
Und ist mir doch als ob ein Ton
Gar schön wie Flöten und Schalmein
In deine Worte tön herein!
An solchen Zeichen und Gesicht
Mirs dieser Tage nit gebricht.
Ich nehm sie als eine Vermahnung hin,
Daß bald ich eine Sterbende bin.
(Geht.)
JEDERMANN:
Nun hör ich auch ein solch Getön,
Sollt also seltsam dies zugehen?
O, nein, das geschieht natürlicher Weis
Wie wohl ichs noch nit zu deuten weiß.
Nun aber gehts nit bloß ins Ohr,
Tritt auch den Augen was hervor. –
(Buhlschaft kommt heran, von Spielleuten und Buben, die Windlichter
tragen, begleitet.)
JEDERMANN:
Das ist ja meine Buhle wert,
Nach der mein Herz schon hart begehrt.
Hat Spielleut mit eine ganze Schar
Und kommt mich abzuholen gar.
BUHLSCHAFT:
Wer alls lang auf sich warten läßt
Und ist der wertest aller Gäst,
Den muß man mit Zimbeln und Windlicht
Abholen und führen zu seiner Pflicht.
JEDERMANN:
Du schlägst die Lichter mit eigenem Schein,
Deine Red ist süßer als Schalmein,
Ist alls für mich zu dieser Stund
Wie Balsam für die offne Wund.
BUHLSCHAFT:
War mir doch, eh ich zu dir trat,
Als ob dir jemand nahe tat
Und wär dein helle Stirn und Wangen
Von einer Trübnis überhangen.
JEDERMANN:
Wie, gelt ich also viel vor dir,
Daß du solch Ding erspähst an mir?
So bin ich dir wahrhaftig dann
Kein ältlich, unbequemer Mann?
BUHLSCHAFT:
Mit dieser Red geschieht mir weh,
Dess’ ich zu dir mich nit verseh.
Steh nit auf grüne Buben an,
Du bist mein Buhl und lieber Mann.
JEDERMANN:
Fühl mich wahrhaftig herzensjung
Und selber bubenhaft genung,
Und wenn ich alls kein Bub mehr bin,
So zärtlicher ist drum mein Sinn.
BUHLSCHAFT:
Ein Bub liebt frech und ohne Art,
Ein Mann ist großmütig und zart.
Hat milde Händ und steten Sinn,
Das zieht zu ihm die Frauen hin.
JEDERMANN:
Wenn eins gemahnt wär an den Tod
Und hätt Melancholie und Not
Und säh auf deine Lieblichkeit,
Dem tät sein trübes Denken leid.
BUHLSCHAFT:
Das Wort allein macht mir schon bang,
Der Tod ist wie die böse Schlang,
Die unter Blumen liegt verdeckt,
Darf niemals werden aufgeweckt.
JEDERMANN:
Du Süße, schaff ich dir noch Sorgen?
Wir lassen sie unter Blumen verborgen
Und wissen nirgend nichts von Schlangen,
Als zweien, die gar hold umfangen.
BUHLSCHAFT:
Wie, wären die mir auch bekannt,
Wie werden diese denn genannt?
JEDERMANN:
Das sind die lieben Arme dein,
In diese sehn ich mich hinein.
(Sie küßt ihn und setzt ihm einen bunten Blumenkranz auf, den ein Bub
darreicht.)
(Ein Teil der Buben läuft hinauf, streuen Blumen und wohlriechende
Kräuter. Ein Tisch kommt aus dem Boden empor, reich gedeckt und mit
Lichtern. Jedermann und Buhlschaft treten jedes an eine Seite der
Treppe, die zum obern Gerüst emporführt. Die Gäste, zehn Junggesellen
und zehn Fräulein, kommen hinein von beiden Seiten tanzend und
singend.)
VORSÄNGER:
Ein Freund hat uns beschieden,
Er heißet Jedermann,
Der Mann ist guter Art,
Hat eine Freundin zart,
Drum blieb er ungemieden
Und hat er uns beschieden,
So treten wir heran.
ALLE:
Wohlauf antreten
In fröhlichem Tanz,
Schalmeien, Drommeten
Wir sein hier gebeten
Zu Fackeln und Glanz
Und kommen mit Tanz.
Wir waren mit Blicken
Nit zaghaft und bang,
Nun gehts an ein Drücken
Recht nah und gedrang,
Wir wollen uns verstricken
Und schlingen den Kranz,
So wollen wir vorrücken,
Das ehret den Tanz.
Ein jeder erwähle
Mit liebendem Sinn
Und keiner verhehle
Seiner Freuden Gewinn.
Wir wollen uns umstricken,
Das wärmet das Blut,
So wollen wir vorrücken
Mit fröhlichem Mut.
JEDERMANN:
Seid allesamt willkommen sehr,
Erweist mir heut die letzte Ehr.
EIN FRÄULEIN:
Daß ist ein sonderlicher Gruß.
DICKER VETTER:
Potz Maus, mein Vetter Jedermann,
Wie grüßt ihr uns, was ficht euch an?
BUHLSCHAFT:
Was ist dir, was schafft dir Verdruß?
JEDERMANN:
Ist unversehens zu Mund so kommen,
Ich heiß euch alle recht schön willkommen!
BUHLSCHAFT:
Nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz!
Ihr Buben, reicht Handwasser jetzt!
Was stehst du da und siehst so fremd?
(Sie setzen sich.)
JEDERMANN:
Sie sitzen ja alle im Totenhemd!
BUHLSCHAFT:
Was ficht dich an, bist du mir krank?
JEDERMANN:
Haha! ein ungereimter Gedank!
Ich trink jetzt einen Becher Wein,
Der macht das Hirn von Dämpfen rein.
BUHLSCHAFT:
Sitz! red zu ihnen ein freundlich Wort!
JEDERMANN:
Ihr Leute, seid ihr auch recht am Ort?
Ihr sehet mächtig fremd mir aus.
(Ein Schweigen.)
MAGERER VETTER:
Potz Velten, Vetter Jedermann,
Wollt Ihr uns wiedrum treiben fort?
DICKER VETTER:
Das schafft Ihr nicht so leicht, Potz Maus,
Dazu ist Euer Koch zu gut,
Auch geht der Wein recht warm ins Blut,
Freu mich, daß ich hier seßhaft bin.
JEDERMANN:
Jawohl ... nur bloß ... mir steht zu Sinn,
Wie ihr da seid hereingelaufen,
So könnte ich euch alle kaufen
Und wiederum verkaufen auch,
Daß es mir nit so nahe ging
Als eines Fingernagels Bruch.
EIN GAST:
Was soll uns dieser grobe Spruch?
EIN FRÄULEIN:
Was meint er nur mit diesem Ding?
DICKER VETTER:
Die Reden sind sonst nit sein Brauch.
BUHLSCHAFT:
Geht die Red gleicherweis auf mich?
(Jedermann sieht sie an.)
EIN GAST:
Ist recht eines reichen Manns Red,
Gar überfrech und aufgebläht.
BUHLSCHAFT:
Dein Blick ist starr und fürchterlich,
Für was willst du mich strafen, sprich.
JEDERMANN:
Dich strafen, Süße, ist mir fern,
Lieb dich gleich meinem Augenstern,
Hab müssen denken von ungefähr
Wie deine Miene beschaffen wär,
Wenn dir auf eins zukäm die Kund,
Daß ich müßt sterben zu dieser Stund.
BUHLSCHAFT:
Um Christi Willen, was ficht dich an,
Mein Buhle traut, mein lieber Mann,
Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,
Dein bin ich heut und ewiglich.
JEDERMANN:
Wenn ich dann spräch: Bleibst du bei mir?
Willst dort bei mir sein so wie hier?
Willst mich geleiten nach der Stätte
Und teilen mein eiskaltes Bette?
Fielest ohnmächtig mir zu Füßen,
So hätte ich meine Frag zu büßen!
Wollt ich trotzdem des Wegs dich locken
Tät dir das Blut in Adern stocken,
Wäre mir gedoppelt Marterqual
Und Gall und Essig allzumal,
Wenn ich müßt sehen mit eigenen Augen
Wie deine süßen Schwür nit taugen
Und wie du lösest deine Händ
Aus meinen Händen gar am End
Und deinen Mund von meinem Mund
Abtrennest in der letzten Stund.
O weh.
(Er seufzt.)
BUHLSCHAFT:
Ihr lieben Vettern und Leut,
Mein Liebster ist besonders heut,
Weiß nit, wes ich mich soll versehn,
Könnt ihr mit Rat mir nit beistehn?
(Jedermann starrt vor sich und tut sich den Kranz aus dem Haar.)
Er sitzt nit fröhlich und gepaart
Und redt von Dingen aus der Art,
Hab nie zuvor ihn so gesehn,
Weiß nit was ihm mag sein beschehen!
MAGERER VETTER:
Potz Velten, Vetter Jedermann,
Habt Ihr leicht die Melancholie?
Wenn nit, was sonsten ficht Euch an?
DICKER VETTER:
Kenn das, sitzt hinterwärts der Stirn
Ist eine Trockenheit im Hirn
Ist mir von meinem Herrn Vater bekannt
Mit ihm wars öfter so bewandt.
Mußt brav eines trinken, mit Vergunst
Daß dir der Wein das Hirn aufdunst.
EIN FRÄULEIN:
Gehört ein Absud in den Wein
Von Nießwurz, Veilchen oder Hanf.
DICKER VETTER:
Hier Buben machet heiß den Wein
Daß er fast glühender aufdampf
Und tut ein Zimmet und Ingwer ein.
(Sie machen hinten den Wein glühend auf einer Pfanne.)
EIN ANDERES FRÄULEIN:
Hab sagen hören es gibt einen Stein
Den trägt die Schwalbe in ihrem Bauch
Den haben die großen Ärzt im Brauch
Heißt Chelidonius.
MAGERER VETTER:
Nein Calcedon!
Hab öfter reden hören davon.
Ist mächtig gegen die Melancholie.
EIN DRITTES FRÄULEIN:
Ich mein, er müßt mit der Sympathie
Kuriert sein. Ist giftiger Hauch
Im Spiel hier oder böser Blick.
Wär mir mein Liebster also krank.
Ich täts probieren ohne Wank.
DIE ZWEITE:
Was tätst probieren?
DIE DRITTE:
Ist geheim!
Darf in gemeinem Mund nit sein
Verliert sonst seine verborgne Kraft.
DIE ZWEITE:
Von wo hast du die Wissenschaft?
DIE DRITTE:
Habs halt einmal und gebs nit preis.
Sags aber ihr ins Ohren leis.
(Steht auf, flüstert Buhlschaft ins Ohr. Gleichzeitig reden mehrere
unten am Tisch das Folgende.)
EIN GAST:
Wenn eins halt allzeit lebt zu gut
Das schafft ihm ein verdicktes Blut,
Einen armen und beschwerten Mann
Käm die Melancholie nit an.
EIN FRÄULEIN:
Was heißen sie denn die Spielleut nit
Anheben mit Blasen und Geigenstreichen
Davor muß immer der Trübsinn weichen.
EIN ANDERES FRÄULEIN:
Wir wollen anheben zu singen was
Davon schon öfter einer genaß.
EIN GAST:
Darf aber ein züchtig Lied nur sein.
EIN ANDERER:
Sie singt nit anders als zart und fein.
DER EINE GAST:
Kennt Ihr das Lied, das anhebt so?
„In süßen Freuden geht die Zeit“
Davon so dünkt mich müßt einer zur Stund
Wenn er es anhört, werden gesund.
DAS EINE FRÄULEIN:
Nein lasset doch, sind wir denn Pfaffen?
Was soll ein geistlich Lied uns schaffen?
GAST:
Ist nie und nimmer kein Pfaffenlied
Der Türmer singts wenn die Sonn aufzieht.
DAS EINE FRÄULEIN:
Ich weiß ein anderes singen wir das.
DAS ANDERE FRÄULEIN:
Ei was?
DER EINE GAST
(indem er sie küßt):
Ei was, wenns regnet ist’s naß.
DAS ANDERE FRÄULEIN:
„Floret silva undique“
„Um meinen Gesellen ist mir weh.“
DER EINE GAST
(spottet ihr nach):
„Floret silva undique“
„Um ihren Gesellen ist ihr weh“.
DAS GLEICHE FRÄULEIN:
„Er ist geritten von hinnen“
„O weh, wer soll mich minnen!“
EIN ANDERER GAST
(fällt ein):
„Steht auch der Wald voll grünen Schoß“
„Wohin doch ist mein Traugenoß“.
(Jedermann hat indes den Becher Glühwein ausgetrunken und sieht mit
fröhlicher Miene umher.)
JEDERMANN:
Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst,
Mir ist nit just recht wohl gewest
Ein Trunk hat mich gemacht gesund
Nun grüß ich erst meine Tafelrund.
War mir als läg was auf der Brust,
Nun hab ich doppelt Lebenslust
Bin froh daß wir beisammen sein
Ist mir ein rechter Freudenwein.
Schwillt mir das Herz so übervoll
Weiß gar nit wie ichs sagen soll
Sind köstlich Ding doch auf der Welt
Ist herrlich gar um uns bestellt.
Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert
Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt.
Kommt Wein dazu und Saitenspiel
So ist’s schon über Maßen viel.
Ich hab Euch recht lieb, Ihr lieben Gäst
Ich bitt Euch nützt die Stund aufs Best.
Laßt Eure Kehl nit untätig sein
Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein.
Verschränket Eure Stimmen aufs Best
Und haltet sänftlich die Liebste fest.
Genützt sei eine schöne Stund
Mit Hand und Aug und Herz und Mund!
Ja laßt Euch nit lang gebeten sein
Und singt uns eins, lieber Vetter mein.
DER DICKE VETTER:
Mein dünner Vetter, o weh o weh
Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.
(Sie singen lachend.)
DER DÜNNE VETTER
(singt):
O weh o weh Frau Minne mir ist weh
Frau Minne!
Greif her wie sehr ich brinne
O weh!
Ein kalter kalter Schnee
Er müßt vor Glut zerrinnen
Darin das Herz erstickt!
Wollt helfen mir Frau Minnen,
Des wär ich hoch beglückt.
(Alle singen mit. Man hört darein ein dumpfes Glockenläuten.
Jedermann stößt sein Glas von sich.)
JEDERMANN:
Was ist das für ein Glockenläuten!
Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten
Der Schall ist laut und todesbang
Schafft mir im Herzen Qual und Drang.
Was läuten Glocken zu dieser Zeit?
EIN GAST:
Ist nichts zu hören weit und breit.
EIN ANDERER:
Hat einer läuten hören Glocken?
EIN FRÄULEIN:
Was Glocken, was wird von Glocken geredt?
EIN ANDERER:
Wär eins zu früh zur Morgenmett!
BUHLSCHAFT:
Ich bitt Euch laßt das Singen nit stocken.
EIN GAST:
Hat einer von Euch was läuten hören?
EIN ANDERER
(lachend):
Nit läuten meiner Seel noch schlagen.
BUHLSCHAFT:
Laßt Euch im Singen doch nit stören.
JEDERMANN:
Ich bitt Euch hat alls nichts zu sagen
Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.
DICKER VETTER:
Kommt alls von einem trägen Blut.
Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.
JEDERMANN:
Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein.
(Er setzt sich wieder, Buhlschaft schmiegt sich an ihn. Die am untern
Ende des Tisches singen.)
„Floret silva undique“
(und so fort als Kanon.)
(Indes sie singen kommt Jedermanns guter Gesell und nimmt den leeren
Platz am Tische ein. Indem der Gesang leiser wird, hört man viele
Stimmen rufen):
STIMMEN:
Jedermann! Jedermann! Jedermann!
(Jedermann springt angstvoll auf.)
JEDERMANN:
Mein Gott wer ruft da so nach mir?
Von wo werd ich gerufen so?
Des werd ich im Leben nimmer froh.
GESELL:
Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.
BUHLSCHAFT:
Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.
JEDERMANN:
Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an
Wer ruft so gräßlich „Jedermann“?
DÜNNER VETTER:
Hat müssen grad ins Ohr dir dringen
Ein Widerhall von ihrem Singen.
JEDERMANN:
Nein, nein! in fürchterlicher Weis
Und laut und mächtiglich, nit leis
So: Jedermann! und Jedermann!
Doch anderster als ich es schaffen kann.
Gar fremd und doch bekannt zugleich
Aus welchem höllischen Bereich
Hats müssen also nach mir schreien
Des kann ich mich nimmer getrösten, nein!
Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an
Wie streng sie rufen „Jedermann“!
(Man hört das gleiche Rufen wie vordem.)
BUHLSCHAFT:
Ich hör keinen Laut.
DER DICKE VETTER:
Ich hör keinen Schall.
DER DÜNNE VETTER:
Auch nit einen leisen Widerhall.
(Gesell tritt zu Jedermann.)
GESELL:
Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus,
Soll ich geleiten dich nach Haus?
JEDERMANN:
Wie ich auf Euch die Augen heft
So kommen mir zurück die Kräft
Ich mein, es könnt ein solches Schrein
Kein zweitesmal sich hier anheben.
Tut mir recht wohl der Lichterschein.
Sitz nieder mein Gesell hierneben
Und mögen alle lieben Gäst
Zulangen und sich ergetzen aufs Best.
Will morgen zu gelegner Zeit
Mit einem Arzten Beratung pflegen
Daß solche Zufäll aller wegen
Er wohlbedacht mir hält hintan.
BUHLSCHAFT:
Mußt mirs versprechen, lieber Mann!
Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn
Sollt ich dich öftern also sehn.
(Sie essen alle weiter und sind zärtlich miteinander. Jedermann hebt
sich angstvoll.)
JEDERMANN:
Nun aber sag um Gott, mein Lieb,
Was brennen die Lichter also trüb?
Und wer kommt hinter mir heran?
Auf Erden schreitet so kein Mann.
(Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf.)
TOD:
Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?
JEDERMANN:
Was fragst um das zu dieser Stund?
Bekümmerts dich? wer bist? was solls?
TOD:
Von deines Schöpfers Majestät
Bin ich nach dir ausgesandt
Und das in Eil: drum steh ich da.
JEDERMANN:
Wie, ausgesandt nach mir?
(Greift nach seinem Herzen.)
Dem möchte wohl so sein. Ei ja.
TOD:
Denn ob du ihm gibst wenig Ehr
In der himmlischen Sphär denkt er dein
In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.
JEDERMANN
(die Augen gesenkt tritt hinter sich):