Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter

Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer

Heiteren Scherzes gedacht’, und jetzt zu Friedrich von Nürnberg

Also begann: „Herr Burggraf, sprecht: wie war’s denn vor Basel

Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?“

Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen:

Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter,

Rudolph, both sein Werk: „Von den Kriegen der Römer und Deutschen —

So auch des Feldherrn Wissenschaft“ ein Gelehrter aus Straßburg;

Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette,

Die von dem Hals ihm hing, und d’rauf, voll Gier, in den Büchern

Blätterte; wie er — der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen,

Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug

Fortan heischt’. „Ach hört,“ so erzählt’ er dann, „wie mich Rudolph

Schalt! „Der herrlichste Lohn,“ so sprach er, „gebührt dem Gelehrten,

Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt,

Sie zu vollbringen dereinst.“ Er säße wohl selber mit Freuden

Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber

Spendet’ er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens,

Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.“5

„Wahrlich,“ so fiel ihm Müller in’s Wort, „kein wankendes Schilfrohr,

Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner

Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte

Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war,

Unversöhnlichen Haß g’en Habsburg. Feindlich umringten

Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg,

Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar

Flogen die Felsen nach ihr, von des Antwerks6 mächtigem Wurfbaum

Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister,

Sinnig zu bauen, verstand. Auch die Katzen,7 mit Erde bedecket,

Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger

Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau’n

Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens.

Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums,

Den der Meister sich wählt’, und mit Eisen die Stirn’ ihm bewehrte.

Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen.

Endlich rückten wir auch mit dem Ebenhoch8 an die Zinnen:

Schleudernd von ihm zermalmende Blöck’ in die Mitte der Felsburg —

Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln.

Doch ereilt’ uns d’rauf der grimmige Winter: verderbend

Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk.

Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten

Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit;

Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner

Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch

Seiner Gewalt. Er rief: „Ermannt euch: unser ist Uznach!“

Also geschah’s. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur

Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst.

Unserm würgenden Schwert’ erlagen die Gegner, und alsbald

Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.“

Laut umtönt’ ihn einhelliger Ruf: „Hoch lebe der Held uns!“

Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern

Traulicher an, und sprach: „Stets bist du wohl glücklich gewesen?

Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.“

Jener begann: „Nicht also: denn vieles erduldet’ ich seither,

Ander’n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens;

Leidengeübt erkenn’ ich das Maß auch der härtesten Leiden

Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet,

Frühe mich fügen; hab’ treu an des Heilands Lehre gehalten,

Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits

Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten;

Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld; stets ehrt’ ich die Wahrheit;

Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau’ in des Grab’s Nacht

Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.“

Sagt’ es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten,

Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber.

Stiller wurd’ es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme

Lichtenstein: „Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit?

Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut’, und des Frohsinns

Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß’ Sitz an dem Tisch hier

Leer ist bei’m künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen;

D’rum genießet des Augenblicks, eh’ er schwindet auf immer!

Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret

D’raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht’ ich.“

„Sage mir an,“ sprach Rudolph jetzt, „weß’ Landes und Volkes

Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister:

Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher

Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen.

Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern:

Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter

Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten,

Die der herbstliche Wind versengt’: auf den nebligen Himmel

Sä’t er glänzende Stern’ umher, und weckt in des Menschen

Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft,

Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret,

Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet!

Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.“

Jener eilte hinaus; dann kehrt’ er, und sagte dem Herrscher:

„Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks9 Name, des Sängers,

Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend

Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs,

Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden.

Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein

Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt,

Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof

Wieder vertraut’. Er starb, und Horneck kehrt’ in die Heimath:

Erst dem Sänger des Frauenbuch’s,10 deß’ Sohn ich mich rühme,

Sich zum Frommen zu weih’n: dann mir, als jener gestorben:

Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten

Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg’ und im Frieden.“

Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger

Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht

Unter dem Arm, und grüßte die Schar — vor allen den Kaiser

Tief, und mit innigem Blick’. Erstaunt besann der Beherrscher

Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt’ er ihn früher gesehen;

Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren

Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen

Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder;

Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern

Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes

Töneten. Still ward’s d’rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem

Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten,

Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten:

„Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken

Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald

Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen.

Sieh’, dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter,

Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz

Strahlt ihm der Heldenmuth — aus den bläulichen Augen die Wahrheit,

Liebe, und Treu’. Er sah in die Fluthen: sie saus’ten, und braus’ten,

Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens.

Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund:

Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich

Heim zu zieh’n in die Burg, wo sein die Liebenden harren.

Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her

Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock,

Und mit goldener Stol’ an der Brust, nachschreitend dem Meßner

Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen.

Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach

Schwemmte den Steg aus dem Grund’, und drüben aufjammert die Hausfrau:

Hörbar poche der Tod an der Thür’, und es lechze der Gatte

Nach der Labung, die ihn auf die Reis’ in die Ewigkeit stärke.

Schnell entblößt’ er die Füß’ an des Ufers felsigem Abhang,

Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen.

Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm —

Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß

An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen.

Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer

Hüllete, sieh’, da führte der Priester das Roß an dem Zügel

Ueber den Burghof her, und sagt’ es dem Ritter mit Dank heim!

Aber er sprach: „Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd

Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen:

Denn nun sey’s der Kirche des Herrn mit dem Feld’ an dem Weiher

Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden

Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!“

D’rauf der Priester begann: „So vergelt’ es dir Gott, der Erbarmer,

Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener

Seiner Kirche gethan: stets mög’ es dir glücklich ergehen!

Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht — sey dieß Geheimniß

Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel

Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches!

Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron’ in die Zukunft

Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!“

Endete so: da sah’n zugleich die versammelten Helden

Staunend, dem Kaiser in’s Aug’, und erkannten des Grafen von Habsburg

Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth.

Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung

Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so:

„Wahrlich, du bist’s, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach

Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden!

Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!“

Jener beugte die Stirn’ auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen

Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen.

Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens

Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser

Sie mit erglühendem Aug’: „O denket,“ so sprach er, „des Morgens,

Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg’ ist die Freiheit,

Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!“

Aber erschütternd braust’ ein Ruf aus dem Munde der Helden:

„Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!“

Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken

Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte

Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen — sah mit Ergebung

Himmelempor, und entschlummert’ im Schimmer der Lamp’ auf dem Lehnstuhl.

Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht’ er,

Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit,

Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen,

Blickte lächelnd ihn an, und sprach: „In düsterem Zeitraum

Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad

Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht

Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt.

Ha, nun steh’ ich am Ziel! Gelös’t, und in himmlischer Klarheit

Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen

Bitterer Quell’, und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn’ auf.

Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden:

„Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben,

Retter zu seyn Unglücklicher!“ Schon ist die sterbliche Hülle,

Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen,

Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen.

Traure nicht. Ich, und die Mutter — wir harren dein in Gefilden

Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend

Sinket die Wag’, und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne

Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung.

Denke der Alpenhöh’n, des Greises, und frommen Gelübdes,

Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!“

Rudolph fuhr von dem Stuhl’. Er wähnte den fliehenden Schimmer

Noch an der Decke des Zeltes zu schau’n, und zitterte, starrend

Hin, den Gesichten der Nacht. Dann rief er: „Ein furchtbarer Traum war’s:

Furchtbar und himmlisch zugleich! Mein Hartmann lebt, und mich täuschte

Nur der Lamp’ aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr’ ihn!“

Sprach so; streckt’ auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder.

Aber nicht herrschte die Ruh’ und des Herzens Frieden in Ottgars

Zelt: denn eben kehrt’ er zurück aus dem finsteren Eichwald

Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle

Rauschten hinter ihm her, im Gezisch’ unseliger Geister.

Furchtbar rollte sein Aug’, und seine geöffneten Lippen

Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin,

Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick’ in des Oehldochts

Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund

Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg

Fern’ auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals

Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum,

Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber

Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen.

Dorthin bannt’ erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist,

Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar,

Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen.

Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel

Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung:

„Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös’ter,

Willst du dem Vater der Lüge dich weih’n — die unsterbliche Seel’ ihm

Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen?

Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens.

Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil’ ihn zu söhnen!“

Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes,

Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald

Floh’n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl

Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug

Kehrt’ er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder.

Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen,

Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse

Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken

Schauend, vor ihm, und sprach: „Hast du die verhüllete Neigung

Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling,

Wallstein, früher gekannt, der jüngst in’s eigene Schwert sank,

Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder.

Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad’ligen Nonnen

Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet:

Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille

Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier.

Schrecklicher, dein Werk ist’s: gar viel des Schlimmen erlebst du!“

Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen

Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal

Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend.

Doch sie sprach von neuem mit Hohn: „Im nächtlichen Grauen

Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt’ in des Tages-

Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz

Ueber die Flucht des Böhmenheers — des tapfersten Heeres,

Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden,

Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!“

„Weib, halt ein!“ schrie laut der Empörete, „kühn und entschlossen

War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte

Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward.

Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen!

Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar

Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr.

Fort noch heute g’en Prag! Ich sende dir muthige Scharen

Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter

Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten.

Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen

Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch.

Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug,

Schönere Tag’ uns blüh’n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.“

Sagt’ es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen

Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie’s: nimmer

Werde sie ihn mehr seh’n; doch scholl kein freundliches „Leb’ wohl!“

Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf’s Roß, von den Reitern

Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen.

Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum

Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten

Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar,

Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth

Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau’ns

Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag!

Stöhnend streckt’ er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte

Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt.

Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen,

Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens,

Wär’ er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken

Auf die Knie’, zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung.

Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden

Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid

Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen

Auf zu dem Himmel, und sah durch leis’aufquellende Zähren,

Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ’ er

Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend,

Also begann: „O Herr, nicht geh’ in’s Gericht mit mir Armen!

Ringsum drängt mich die Schuld, wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms,

Und einstürzender Berge Geröll. Wo find’ ich Errettung

Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner

Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird?

Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet,

Ich nicht übt’ an den Menschen — ein Mensch? Erhebe die Hand nur,

Furchtbarer, straf’ mich: denn ich hab’ es verschuldet, auf immer!

Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig

Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch,

Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl’ ich auf ihr. Im Bewußtseyn

Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones

Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler

Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens

Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte,

Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen

Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen,

Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden

Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit,

Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten

Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung

Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich,

Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig

Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten!

Ha, der Morgen graut! Ich stehe g’en über den Feinden:

Jenem zumal, der mich verhöhnete — mir in dem Herzen

Glühenden Haß und Rachsucht weckt’. Ich verzeih’ ihm: du heischest

Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur,

Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker

Heiliget, will ich ihm steh’n, und anheim dir stellen mein Schicksal.

Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein — dein Wille geschehe!“

Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht

Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.

Eilfter Gesang.

Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht

Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen,

Als das schreckliche Paar der Meerenberger in’s Lager

Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg,

Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel

Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt,

Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten,

Schon drei Stunden lang, und sah’n mit finsteren Blicken

Bald nach dem Hochgericht, bald einer in’s Auge dem andern,

Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau’n, öfters erglühte

Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens.

Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder:

„Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen!

Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.“ Und jener

Sagt’, erweicht: „Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe,

Nicht gescheh’n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner,

Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels

Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir

Günstig beut. Bereit ist die Rach’, und der schändlichste Frevel

Heischt sie mit Recht, und doch — ich könnt’ ihm verzeihen! Nicht zürne

Theurer, mir ob dem Wort’, er sinkt: ich könnt’ ihm verzeihen!“

„Wie,“ so entgegnete jener voll Wuth, „das verhaßteste Wort kam

Dir von den Lippen: verzeih’n? Sieh’ hin nach dem Baume des Fluches!

Ist er nicht jenem gleich — vielleicht daß die höllischen Mächt’ ihn,

Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum,

Weh’, auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried,

Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal

Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih’n? Ich erwürge dich, thust du’s!“

Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten

Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth.

Drüben in Osten entstieg des erd’umrandenden Himmels

Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne;

Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen,

Wieder, und zeigt’ auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz,

Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah!

Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager

Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin,

Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern1

Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen.

Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg

Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel

Bis g’en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut,

Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen:

Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben

Reuß’ und Pol’ an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen,

Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern

Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold

Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim.

Aber wie gestern am Wall’, zu drei Heersäulen geordnet,

Standen des Kaisers Reih’n entgegen den Reihen der Gegner,

Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks:

Denn manch tapferer Krieger sprach: „Wo weilt in des Heeres

Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein

Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse,

Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär’s, in solcher zu scheiden!“

Bald gewahrt’ er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies,

Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen,

Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß.

Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie’ sich

Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger,

Nicht durch Erdenmacht — nein, nur von dem Herzen getrieben,

Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren;

Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch,

Der sie lös’te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens,

Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab.

D’rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester

Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten

Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen,

Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns

Demuthssinn, der sprach: „O Herr, nicht würdig erkenn’ ich

Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur,

Wird die Seele gesund!“ Und mit Freudigkeit stellten die Scharen

Wieder sich auf in Reih’n, gestärkt in heiliger Andacht.2

Jetzt erwacht’ in dem Lager Getös’. Der edele Ritter

Rief den Knappen herbei, daß er säh’ nach dem Zaum’ und dem Bügel —

Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang

Haltbar sich wies’? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich

Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen,

Prüfte, die Schneid’ entlang, mit sanfthingleitendem Daumen.

D’rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken,

Faßt’ er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen:

„Grüß’ mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel

Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen,

Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in’s Grab mir!“

Aber ein Anderer sprach: „Merk’ auf! So ich niedergeworfen

Lieg’ auf dem Feld’, und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend’

Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben

Theilten wir Freud’ und Leid, vereint von der zartesten Jugend!“

Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit’, und geboth ihm:

„Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein

Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen,

Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes,

Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte:

O so sprich: „Treu bis in den Tod ihr weiht’ ich das Leben!“

Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so:

„Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath:

Grüße die beste der Frau’n und die holdaufblühenden Kinder

Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn

Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen,

Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit

Hellem Pfad’ erzieh’n, daß sie Männer in jeglichem Sinne

Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!“

So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter,

Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß.

Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem

Freundlich die Hand, „leb’ wohl!“ auf immer vielleicht ihm zu rufen.

Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih’n sich erblickten,

Eineten sich mit betheuerndem Wort’ und mit kräftigem Handschlag:

Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern.

Sieh’, da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn,

Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber!

Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte:

„Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher!

Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet,

Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger

Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath,

Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.“

„Klug hast du,“ sprach jener mit Huld, „mir gerathen. Des Weisen

Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum

Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen

Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands

Oberen Gau’n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark

Heldensöhn’ und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken,

Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet;

Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten —

Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum

Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen,

Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König,

Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.“

Also geschah’s. Noch war der volkvereinenden Fähnlein

Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden

Solche dem ragenden Schaft’, und sie flatterten jetzt in dem Wind hin,

Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes.

Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen:

Vor dem Kaiser im Kampf’ einher zu tragen die Sturmfahn’:3

Oestreichs Demantberg’ und Edelgesteine mit Konrad

Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten,

Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg!

Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser:

„Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen;

Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort,

Heischt ihn mit Recht: d’rum werd’ ihm heut die erlesene Stelle

Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft

In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh’n, und es steh’ ihm

Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet.

Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn’!

Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen,

Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes,

Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen:

Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau’n,

Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!“

Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches

Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum

Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies;

Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh’ns,

Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld.

Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken;

Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn’ auf,

Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war.

Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen:

„Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen:

Ob er gerüstet im Feld’ uns heut zu begegnen, gewillt sey?

Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen:

Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!“

Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind,

Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt.

Bald annahte der Held dem nahenden Feind’, und gewahrte

Dort an der Vorderhuth, im Kreis’ erlesener Feldherrn,

Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam:

Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich

Rings um selben, die Kron’ aus strahlendem Golde, gezackt, auf;

Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen,

Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend,

Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant

Blitz’ umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber.

Als er den Ritter ersah, da hemmt’ er den schnaubenden Rappen

Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so:

„Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth’ ich dir Krieg denn,

Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold,

Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich,

Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:4

Ob du, gerüstet zum Kampf’, ihn heut’ erwartest im Schlachtfeld?“

Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener:

„Bring’ ihm die Kunde zurück: ich sey Streit’s halber5 gekommen!“

Sagt’ es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger

Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel.

Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold,

Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft

Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff.

Sieh’, und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners

Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten

Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen!

Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes

Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen

Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs,

Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer

Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter,

Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf.

Doch nun ritten im Flug’ aus den Reih’n der mittleren Heerschar

Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen;

Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so:

„Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte

Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle!

Ha, nicht soll es dich reu’n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!“

Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte:

„Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet,

So gescheh’ euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen

Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte,

Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.“

Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden

Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.6

Aber er sprengt’ im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen;

Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme:

„Tapfere, hört: nun gilt’s! Dort nah’t in furchtbarer Mehrzahl,

Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark,

Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen.

Aber nicht soll er deß’ sich erfreu’n. Allmächtig ist Gottes

Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht

Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens:

Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt,

Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes

Schrecknisse siegend besteh’n; den eidverhöhnenden Frevel

Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland;

Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm.

Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden!

Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen,

Leb’, und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.“

Sieh’, und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen

Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff.

Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen:

„Sehet,“ so sprach er mit grimmigem Blick, „schon naht uns des Gegners

Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung

Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder,

Denk’ ich’s! Doch er büße dafür: denn ewige Schand’ euch,

So ihr nicht rächet die Schmach, die, gleich, dem Volk’ und dem Herrscher

Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg,

Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen

Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern

Kressenbruns, wo ich Bela’s Macht, vernichtend, in Staub warf.

Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen

Führete! Fort — greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich

Möge der böhmische Leu’ nun weisen die furchtbaren Klauen.“

Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher.

D’rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln

Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh’rnen Drometen:

Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff

Drängend im Feld’, und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren

Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher,

Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond,

Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind

Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag

Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug

Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels

Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn

Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen

Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden,

Und das Entsetzen schnob aus dem Grau’n des umnachtenden Qualms her;

Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten

Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen,

Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern

Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert,

Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum

Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin,

Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen

Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen.

Sieh’, und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen,

Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah’n sich die Gegner

Näher in’s Aug’, und ha, bald traf das Eisen auf’s Leben!

Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich,

Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen?

Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen

Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust

Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben;

Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben;

Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein

Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn’, und erbraus’te

Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut

Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen,

Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg,

Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet,

Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes

Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih’n wiederzukehren.

Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk

Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes

Eingedenk’, heut’ in dem Feld’ als mannhafte Streiter zu stehen.

Freudig gehorchte das Volk, und im Sturmlauf ging’s an den Feind jetzt,

Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet,

Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters

Flog ein mordender hin, und verschont’ ihn — den zartesten Sprößling,

Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen.

Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß’. Er hört’ es, und bebte;

Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens

Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg’ auf.

Erdwin war’s, der fiel, von dem Pfeil’ im Halse getroffen,

Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg’ sich von der Schulter

Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert,

Sank er vom Roß’, und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch,

Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe.

Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger.

Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger

Bis in die vordersten Feindesreih’n, und schnell, wie der Blitz schlägt,

Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden.

Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald

Jagt’ er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen;

Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen;

Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes

Tödlichem Stahl’ ihm die hochgethürmete Mütz’ und die Scheitel

Tief in die Stirn’ entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter

Taumelte, laut aufstöhnt’, und das blühende Leben verhauchte.

Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen

Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling,

Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie’ ihm umfaßte,

Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre;

Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann

Fort in das Feld, und er sank, erwürgt, in dem schrecklichen Kampf jetzt.

Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen,

Rasch fortkämpfend, zurück’, und Blut beströmte den Boden!

Fern, vom gehügelten Sand’, ersah der Führer der Kunen,

Suhol, der Eber genannt, dem Trentschins Gebiether den Herold

Sendete: daß er ihm eine sein Volk, wie dort in dem Vortrab

Trautmansdorf vor allen zuerst vordrang mit den Reitern.

Das empört’ ihm die Brust, und, unbändigen Zorns, wie ihm stets noch

Jugendlichheiß das Blut in dem leichtaufbrausenden Herzen

Kochte, schwang er sein Eisen zur Luft, und begann vor dem Volk so:

„Seht, dort fechten sie schon, und tränken ihr Schwert mit des Feindes

Dampfendem Blut’, — erringen wohl auch sich die Beute vor andern,

Da wir, müßig im Hinterhalt, des unsicheren Vortheils

Harren! Soll denn die Beut’ und der Siegsruhm stets nur die Deutschen

Lohnen im Schlachtengefild? Stets sollen wir jenen zurücksteh’n,

Eng’ in die Ordnung gebannt? Nicht also gefällt es dem Kunen:

Denn er schwärmt in dem Feld, wie ein brausendes Donnergewitter,

Frei umher, und erfüllt es mit Angst, Verderben, und Jammer.

Auf, wir wollen hinaus, dem Feind’ in die Seite zu fallen

Mit entsetzenverbreitender Hand! So holen wir Beut’ uns

Selber, und Ruhm wird uns, die Sieger, nur herrlicher lohnen.“

Alsbald gab er dem Rosse den Sporn, und es jagte sein Volk ihm

Dann im brausenden Flug rasch nach: umschwärmend das Häuflein

Kunrings, und schnellend zugleich von dem weitgehörneten Bogen

Pfeile, so dicht, daß rings sich in nächtliches Dunkel der Luftraum

Hüllete. Bald traf hier, bald dort der befiederte Mordstahl

Reiter und Roß, und verwundete viel’ in der nahenden Kriegsschar;

Doch als solches die Pfeile verschoß, den entleereten Köcher

Und den Bogen, vereint, mit der Schnur auf den Rücken zurückwarf:

Da griff’s rasch nach dem Säbel, und hieb mit Gejauchz’ in die Feind’ ein.

Kunring hatte den Speer gesenkt; das unbändige Reitroß

Links gespornt, und rechts, und die wildumschwärmenden Krieger

Niedergeworfen, bis ihm ihr Feldherr, Suhol, der Eber,

Seitwärts nahend im Flug, mit dem Säbel die Lenden durchrannte.

Alsbald sank er vom Sattel herab: die erschrockenen Krieger

Wichen zurück, und im Feld hin scholl Geschrei und Getümmel.

Ottgar bebte vor Zorn, da er so, im beginnenden Kampf schon

Wieder die Gegner im Vortheil sah, und die Seinen im Feld hin

Flüchteten. Sieh’, da schwang sich, ergrimmt, der finstere Katwald

Aus den Lüften herab, und rief im Geistergelispel:

„Wehe, du schaust die Deinen besiegt, noch ehe die Gegner

All’ ihr Schwert entblößten, und eh’ den ragenden Speer sie

Senkten zum Todesstoß’! Unglücklicher, willst du noch zaudern?

Wähle sogleich die tapfersten dir aus des Heeres Geschwadern;

Führe sie kühn selbst vor, zu erwecken den Muth in dem Herzen

Aller umher: so erringst du vielleicht den herrlichsten Sieg noch!“

Ottgar rief alsbald nach Lobkowitz, schreiend hinüber:

„Tapferer Greis, nun vor mit deinen geharnischten Reitern,

Hier den allentscheidenden Sieg mir heut zu erkämpfen!

Groß ist der Ruhm, den dieser mir beut; doch größer die Freundschaft

Noch, und die Liebe, die ich, dein König, dankbargesinnet,

Dir werkthätig bewies seit dreißig entflohenen Jahren.

Dessen gedenk’ anjetzt, und vergilt mir mehr, als die Schuld war!“

Dann entsendet’ er dort an Zierotin, und den Herzog

Bayerns die Herolde: Muth und dauernde Kraft in dem Busen

Beider zu wecken, und hier entboth er, gewaltigen Ausrufs,

Selber die Kühnsten im Heer’, und führte sie rasch in die Feldschlacht.

Nicht entging es dem Blick des erhabenen Kaisers, wie tapfer

Trautmansdorf vordrang, und die stürmenden Schützen zurückwarf:

Freud’ erfüllte sein Herz; doch bald versiegte sie wieder,

Als der Kune so frech, der Willkühr fröhnend, zum Angriff

Flog. Kein Sterblicher hemmte den Fels, der, rollend aus Alphöh’n,

Schneller und schneller herab in das Thal mit donnerndem Sprung fleugt:

D’rum geboth er auch jetzt, den edelen Rittern und Feldherrn,

Winkend, das Feldgeschrei. Urplötzlich ertönte der Aufruf:

„Gott mit uns!“ im östreichischen Heer’, und „Praga!“ zur Losung

Allentscheidender Schlacht, in dem böhmischen, lauter und lauter,

Durch drometenden Schall und den Lärm fortwirbelnder Trommeln,

Und in dem staubumwölkten Gefild traf Reiter und Fußvolk,

Ritter und Knappe zugleich in schrecklicher Eile zusammen.

Wie, herstürmend, der Donner rollt, daß die Vesten des Erdballs