Zittern, ritt im Galopp mit den schwergeharnischten Reitern

Lobkowitz näher, und schlug der Kunen umschwärmende Scharen

Mordend zur Erd’, als Suhol, ihr jüngsterlesener Führer,

Sank vor seiner Gewalt, und, entmuthigt die andern entflohen.

Sieh’, auch Trautmansdorf, von den Reitern entblößt, und der Unzahl

Bloßgestellt, wich nun vor Lobkowitz! Aber dem Leu’n gleich,

Der, von unbändigen Rüden verfolgt, noch häufig sich wendet,

Und noch manchen zerreißt mit den schrecklichen Zähnen: so wies er

Ihm die muthige Stirn’, da er fechtend die Scharen zurückzog.

Meinhard warf sich zuvor rechts hin auf Heinrich, den Herzog

Bayerns: denn voll Kraft und verwegenen Muthes im Schlachtfeld,

Waren die Krieger aus Kärnthen und Krain ihm gefolgt, und es stürmten

Oestreichs Tapfere links, geführt von dem kühnen Capellen,

Gegen die Sachsen vor, die Mansfeld, furchtbaren Grimmes

Würgen heißt. Da war, entlang die feindlichen Reihen,

Schrecklicher Mord, Wehklag’, Aufjauchzen und Jammern zu hören:

Da zu schau’n das Entsetzliche: wie der erbitterten Gegner

Manche, schon nahe dem Tod, sich im Staub noch, würgend, umfaßten,

Und das Blut der Erschlagenen, gleich aufschäumenden Bächen,

Wogte hinauf und herab in dem grau’numnachteten Schlachtfeld.

Bis an des Himmels Gewölb’ empor die mittägliche Sonne

Sich erhob, die heut’ ihr strahlendes Antlitz in Wolken

Hüllete, wies die Völkerschlacht, wie auf stürmischer Meerfluth

Ein entmastetes Schiff, hinauf und hinunter im Kreis’ treibt,

Sich im wechselnden Glück; doch jetzt gelang es dem Helden

Lobkowitz, rasch vorstürmend im Feld, der mittleren Heerschar

Obzusiegen. Sie wich nur langsam, und stellte sich wieder,

Gegen den Feind, erneut, die tödliche Waffe zu führen;

Aber mit leuchtendem Blick und muthgerötheten Wangen,

Sprengte der König das Roß von Reihen zu Reihen. Er schalt, bath,

Und bewegte sein Heer noch eilender vor in dem Blachfeld.

„Jetzo hinan,“ so rief er, und schrie, daß die Völker erbebten,

„Jetzo nur muthig hinan: denn Ottgar führt euch als Sieger!

Seht, wie Jene vor euch entflieh’n; fort, schmettert sie nieder!“

Also braus’te das Wort, empörend, ihm von den Lippen.

Wie den nächtlich umwüthenden Brand, der viele der Häuser

Schon vernichtete, noch das Volk zu bewältigen hoffet:

Denn still ruhen die Lüft’ umher; doch plötzlich erhebt sich

Ein feindseliger Sturm, und unaufhaltsam hinunter

Wälzt sich von neuem der Strom des empöreten Feuers: so stürmten

Ottgars Völker dahin, und drängten die Gegner im Blachfeld,

Immer rascher und rascher zurück. Ein Körnchen Gewichts mehr

Auf die Schale des Leu’n, und den himmelannahenden Räumen,

Seinem erkorenen Reich’, entsank der Adler auf immer.

Rudolph sah des Augenblicks kurzdauernden Zeitraum

Lang, bestürzt, umher, und ihm dunkelten nächtlich die Augen.

Deutschlands Ruh’, und des Reiches Wohl, dem, herrschend mit Thatkraft,

Er sich geweiht, ersah er von neuem gefährdet, und allwärts

Wieder entfesselt die Wuth der grau’nverbreitenden Willkühr;

Doch bald schwang sich sein Geist aus der Erdennacht in des Himmels

Ewiges Lichtreich auf, wo ein mächtiger Helfer ihm lebte.

Schnell verließ er den Sattel, und lag auf den Knieen im Staub dort,

Laut aufrufend vor allem Volk mit gefalteten Händen:

„Ewiger, komm’ uns, errettend, zu Hülf’! Ach, wende die Augen

Nicht von uns ab: denn nicht entzündeten, frevelnden Muthes,

Wir den blutigen Streit: nur unversöhnlicher Rachgier,

Und zermalmender Wuth steh’n wir, abwehrend, entgegen!

Gib uns den Sieg! Ein Gelübd lebt mir, erhebend, im Herzen:

Denn ich schaue dein Heil, wie der erste der christlichen Kaiser,

Huldausstrahlend, vor mir: des weltversöhnenden Kreuzes

Heiliges Zeichen, in dem ich den Sieg erringen, und dankbar

Ihm, zu verehrendem Dienst, für immer und ewige Zeiten,

Stiften ein Gotteshaus, und zu ihm versammeln die Jungfrau’n

Werde zu Tulln, am Ufer der freihinrollenden Donau.

Sey dem Gelübd von dir, Allmächtiger, Huld und Erhörung!“

Als er’s rief, da fuhr ein leuchtender Strahl aus den Wolken,

Und erfüllt’ ihn mit Muth und Freudigkeit. Sieh’, auf dem Lichtstrahl

Schwebt’ ein Engel daher, und hieß die Scharen der Geister,

Welche die Schlacht herab aus dem Uebersinnlichen lockte,

Flieh’n, daß keiner im Kampf sich den Gegnern als Helfer erweise!

Alle gehorchten, und sah’n, umher in den Wolken sich lagernd,

Noch voll Gier auf die Streiter herab; nur einer aus allen,

Marbod, stand, und sann den Worten des bethenden Kaisers

Trauernd nach. Da erklang urplötzlich ein Ruf aus den Wolken.

Ha, sie rissen entzwei: Erwine, die liebende Gattinn,

Sank ihm, weinend vor Wonn’, an die Brust. Sie entschwebten des Erdballs

Dunkeln Gefilden, vereint, auf dem Sirius, der in dem Sternreich

Herrschet, im Lauf des vom Ewigen nur ermessenen Zeitraums,

Huldbeglückt, und des Erdenjammers vergessend, zu weilen.

Aber mit leuchtendem Blick’ erhob der Kaiser der Deutschen

Sich von dem Staub’: ein Strahl der himmlischhohen Begeistrung

Glänzt’ in ihm, und auf seinen gerötheten Wangen. Betroffen

Staunten die Krieger ihn an; doch all’ aufjauchzten mit einmal,

Als er das schnaubende Roß vortummelte, dann mit dem Schlachtschwert

Auf den nahenden Feind hinwies, und, ermuthigend, ausrief:

„Gott ist mit uns! Eilt jetzt, gleich loderndem Feuer im Saatfeld,

Gegen den Feind; vertilgt ihm schnell die Haufen, und schafft mir

Heut’ unendlichen Ruhm, da ich euerem Muthe vertraute.

Euer zugleich ist der Ruhm und der Dank noch spätester Nachwelt:

Denn wir kämpfen für Deutschlands Glück, als Deutsche, der Ahnen

Werth, die, tapfergesinnt, sich nie im Joche des Fremdlings

Beugeten. Hört, der Herr ist mit uns, und scheuet den Tod nicht,

Hier der heiligen Pflicht und des Vaterlandes gedenkend!“

All’ entflammte sein Wort: ein jeglicher Mann in den Reihen

Lechzte vor Gier, schnell vorzudringen im Feld’, und zu sterben

Dort den Tod für das Vaterland und die heilige Freiheit.

Aber nach Albrecht sah vor allen sein hoher Erzeuger

Mit bedeutendem Blick’, und freudiger ging er im Schlachtfeld,

Hoch in der Linken die Kreuzesfahn’, in der Rechten das Schlachtschwert

Führend, ihm vor. Das Panier von Oestreich, als ihm des Greises

Arm ermattete, trug der hochgesinnete Kampfheld,

Lichtenstein, und die Reichsfahn’ ihm der tapfere Markgraf

Hochberg vor in die Schlacht. D’rauf folgten die älteren Ritter

Ihm mit den Edeln aus Zürch, die, heute zu Rittern geschlagen,

Kühn voreileten. Laut ermahnt’ er sie noch mit den Worten:

„Jünglinge, vor, und ahmt die Tapferen, die sich schon früher

Als die Meister im Feld’ erprobten, jetzt in dem Kampf nach!“

Jen’ entgegneten jauchzenden Rufs: „Wir halten dir Wort, Herr!“

Und entfloh’n. Doch schnell vorstürmten die muthigen Scharen,

Die sein Erzeugter ihm warb in den rheinischen Landen, in Schwaben,

Und in dem Schweizerland, und die vor allen gewaltig,

Altgedient, und in jeder der Kriegsarbeiten erfahren,

Ihm auch heut’ errangen den Sieg in dem Kampf der Entscheidung.

So, wie der eiserne Keil, vom gewichtigen Hammer getrieben,

Den mit kräftiger Hand im Gehölz aufschwinget der Löhner,

Krachend, entzwei den Stamm des hundertjährigen Eichbaums

Spaltet, daß rings umher die Splitter fliegen: so drang jetzt

Rudolphs raschgeordnete Macht in das feindliche Heer ein.

Kreischender rief die Dromete zum Sturm; die erregende Trommel

Scholl ergrimmter, und rings, und überall drängten die Führer

Mit gewaltigem Schrei den Krieger vor zu dem Angriff,

Daß er noch heißer entbrenne vor Gier: muthfest und entschlossen

Niederzuschmettern, was entgegen sich warf in der Feldschlacht,

Und entsetzlich war das Gewürg’ in dem Waffengetümmel;

Doch, wie ein Felsendamm in dem waldumschatteten Weiher

Sich entgegenstemmt den Gewässern des thauenden Frühlings,

Unerschüttert und fest: so stemmte sich, eiserngesinnet,

Ottgar hier dem stürmenden Feind’ entgegen, und wich nicht.

Stundenlang fortwährete schon das tödliche Ringen

Tausender gegen einander im Feld! Den tapferen Böhmen,

Die in der Heerschar Lobkowitz lenkt’, vereinte der König

Bayerns und Sachsens Macht, und führte sie selbst in die Schlacht vor.

Zahllos lag sein Volk, erwürgt, auf dem Boden; unzählig

Warf auch er die Gegner, entseelt, in den Staub, und es ragten

Von den hundert, zuvor zu Rittern geschlagenen Zürchern,

Jetzo nur wenige mehr. Wie im hagelgetroffenen Saatfeld

Einzeln die Halme noch steh’n, die andern bedecken den Boden

Weit, zermalmt von dem sausenden Eis: so ragten auch hier nur

Einzeln die Helden noch auf, die aus Zürch gezogen; verwundet,

Oder todt, verlor sich im Feld das tapfere Häuflein,

Niedergeworfen durch Ottgars Kraft und zerschmetterndes Eisen.

Doch stets näher kam dem gewaltigen König des Todes

Dunkles Geschick. Bald sinkt er in Staub, all’ irdischer Hoheit,

Macht, und Würde beraubt, dem ärmsten im Heere vergleichbar:

Denn zu entscheidender That aufboth der Edle von Tauffers

Nun die Schützen Tyrols. Er drang im brausenden Schlachtfeld

Dort mit den kühnen entsetzlicher vor, und, nimmer ermüdend,

Spanneten sie die Sehn’ an der Armbrust; legten den Pfeil an,

Zielten, und schnellten ihn fort in die Luft. Unhemmbaren Fluges,

Saus’t er in Eile dahin, und traf stets sicher in’s Leben:

Denn gewohnt ist das Aug’ und die Hand tyrolischer Schützen,

Mitten in Feindesbrust des Todes Geschoße zu senden.

Doch nun winkte der Held dem Geübtesten, der in den Gauen

Rings umher, im Kreis- so wie auch Hauptschießen berühmt war:

Wenn Zielscheiben, erhöht vor dem Thor’ an festlichen Tagen,

Manchen des Schützenvolks aufregeten, stets in der Mitte

Drüben zu treffen, und stets zu erringen das Beste vor allen.7

„Martin,“ so rief er ihm zu, „sieh’ hin, wie der König von Böhmen

Dort vortummelt das Roß in dem Feld’, und unsere Völker,

Jenem Unsterblichen gleich, der Pharao’s Erstlinge tilgte,

Niederwirft! Versuche denn jetzt, ob, sausenden Flugs, nicht

Ein befiederter Pfeil, durch dich geschnellt von der Armbrust,

Ihn erreicht, und erlegt — dir Lohn und auch Ehre gewinnet.“

Jener entgegnet’ ihm laut: „Nicht geiz’ ich nach Gold und nach Silber:

Zierlein nah’, und nicht fern dem wunderlieblichen Innsbruck,

Ruht mein Haus an der Felsenwand, die hoch in die Wolken

Aufragt, reingezimmert erst jüngst, und mit Habe gesegnet;

Doch so ich heute im Feld den blutgierathmenden König,

Oder sein Roß, mit dem tödlichen Pfeil durchbohrete: ha, da

Rühmt von der Martinswand mich noch die späteste Nachwelt!“

D’rauf entsandt’ er den Pfeil: er durchbohrte dem Rosse des Königs,

Sausend, die Brust, da es auf in die Luft sich bäumte, des Reiters

Ingrimm theilend; es sank auf den Rücken, und warf ihn herunter.

Wildes Getümmel erscholl um den Stürzenden. Reisige schwangen

Alsbald sich vom Sattel herab, vor Gefahr ihn zu schirmen;

Doch erhob er sich schnell, und ermahnte, besteigend das Streitroß,

Das ein Reiter ihm both, mit donnernder Stimme die Krieger:

Nimmer zu rasten vom Streit’, und den herrlicherrungenen Vortheil

Rasch zu verfolgen: schon nahe dem Ziel des entscheidenden Sieges.

Aber im Feld verhallte sein Ruf. Der furchtbare Keil drang

Vor mit zermalmender Kraft; vordrang, die Fahn’ in der Linken,

Und in der Rechten das würgende Schwert, des Kaisers Erzeugter,

Also auch Lichtenstein und Hochberg; also der Ritter

Glänzende Schar, und, vereint, der tapferen Schweizer und Schwaben

Siegsruhmdürstende Macht. Doch, als der erhabene Herrscher

Auch den Trentschiner entboth, mit den kühnen, magyarischen Reitern

Einzubrechen im Sturm in die Seite des Feindes, und Meinhard

Dort, hier Otto von Meissau, gleich dem tapferen Helden

Trautmansdorf, ihr Volk vortummelten: siehe, da wankte

Ottgars Macht. Wie ein Wald an den schwer zu erklimmenden Höhen,

Losgewühlt aus dem Grund von innen­aufschwellenden Wässern,

Erst nur langsam, nur zitternd sich regt; dann plötzlich zum Abgrund

Taumelt mit Erd’ und Gestein, wild durcheinander geschleudert:

So, nach gewaltigem Kampf, dem entscheidenden, wankten, und stürzten

Ottgars Völker dahin; nachbraus’te der Feind, in dem Rücken

Rastlos würgend, und sät’ ergrimmt die Leichen im Feld hin.

Allwärts war auch das blitzende Schwert des Kaisers zu schauen,

Und zu vernehmen sein Ruf, der vorwärts drängte die Scharen;

Dennoch vergaß er auch, mitten im Kampf, der verwundeten Krieger

Nicht; er hieß mit gebiethendem Wink sie zurück, nach dem Rückhalt

Tragen, und dort der Sorgfalt kundiger Aerzte vertrauen.

Aber warum hält er nun plötzlich sein feuriges Roß an?

Ach, ein Verwundeter streckt, mit lächelndsterbenden Augen,

Seine Rechte nach ihm empor, und ruft ihm ein „Leb’wohl!“

Matt, doch freundlich noch zu! Sein Müller, der tapfere Held war’s.

Tief, zu den Mähnen des Rosses hinab, sank leise des Kaisers

Blässeres Antlitz: er sah mit starrendem Aug’ in die Augen

Seines Getreu’n, bis, thränenumhüllt, ihm’s dunkelte. Stöhnend

Gab er dem Rosse den Sporn, und flog wie ein brausender Sturmwind

Dort nun wieder hinaus, wo am lautesten tönte der Schlachtruf.

Wohlgeordnet, und schnell: denn Lobkowitz deckte des Heeres

Rücken, voll Heldenkraft mit den schwergeharnischten Reitern,

Zog sich Ottgar jetzt nach den mittleren Höhen von Spannberg

Aufwärts, dort dem Feind’, erneu’t die Spitze zu biethen:

Denn weit überwog an der Zahl, in dem Waffengemeng schon

Seine des Kaisers Macht, und siehe, noch stand in dem Rückhalt

Milota! Laut entboth er vor sich den muthigen Feldherrn,

Zierotin, und begann: „Nicht kam uns zuvor in dem Schlachtfeld

Milota, selbstvorschauenden Blicks, zu Hülfe. Noch steht er,

Ungeschwächt, mit der Schar der tapferen Mährer im Rückhalt;

Doch jetzt brech’ er vor, und fall’ in die Seite des Gegners,

Links anstürmend, da wir zugleich mit vereintem Vermögen,

Und unhemmbarer Kraft, auf den mittleren Haufen uns werfen.

Groß ist erst die Gefahr, so er säumt; ihm vertrau’ ich: er eile!“

Rief’s, und im sausenden Flug fortsprengte der edele Feldherr.

Aber des Siegers Heer drang Ottgarn näher und näher.

Wie vom verwundeten Leu’n, so sehr er auch strebt, zu entkommen,

Sich die lautumbellende Schar gewaltiger Rüden

Nicht mehr fernt; ihn, stets blutgieriger, treibt, und bedränget,

Bis er, ermattet, sinkt auf den sandigen Höhen: so ließ auch

Jetzt von dem König, im Kampf, nicht mehr der verfolgende Feind ab:

Denn mit flammendem Muth und unwiderstehlicher Thatkraft

Eilte, zum Siege geführt von dem tapferen Grafen von Nürnberg,

Schwabens Heldenvolk und der Schweiz gefürchtete Kriegsschar,

Rasch die Höhen herauf, und wüthete dort in den Reihen

Kühnabwehrender Gegner, vereint, mit gesenketen Lanzen,

Allvernichtend, umher. Entsetzlich erscholl das Getümmel.

Ottgar sah im brausenden Feld den verhaßtesten Gegner,

Rudolph jetzt, voll Grimms, wie er schaltete: Reiter und Fußvolk

Drängend vor mit gewaltigem Wort’, und das furchtbare Schlachtschwert,

Deß’ Blitzglanz vom Blut nur tapferer Gegner verhüllt war,

Aufschwang — sah den Kaiser, und Wuth und unendliche Rachgier

Wandelte schnell sein Aug’ in Feuer und Flammen. Er spornte,

Hemmte sein Roß dreimal, in dem wildumtobenden Schlachtgrau’n

Ihm die Spitze zu biethen, gesinnt; doch immer ergrimmter,

Brachen die Gegner heran (nur Lobkowitz stand in dem Kampf noch,

Gleich dem Felsen im Wogentumult) und zur Linken und Rechten

Wich sein Volk geworfen, zurück in dem stäubenden Saatfeld.

Jetzo wandt’ er das Roß, und forscht’: ob Milota vordrang?

Denn nicht schien ihm verloren der Sieg, so er rasch in die Seiten

Stürmte dem Feind. Doch, ach, was sah er, vor Staunen erstarret?

Staub flog auf im Gefild’, und Milota jagte von dannen!

Ihm nachbraus’te die reisige Schar, und das mährische Fußvolk,

Das er mit täuschendem Wort, dem König zum sichern Verderben,

Erst zu dem Rückhalt zog. Mit verhängtem Zügel, und fernher

Winkend, naht’ auch Zierotin. Ihm folgten am Fuß nur

Zween, der flüchtigen Schar sich entreißende Brüder: der Hanna

Fruchtbarem Land entsprossen die Edeln. Der Nahende sprach jetzt:

„Herr, nicht künd’ ich es, was dein Auge gesehen — des Frevlers

Schnöden Verrath! Hohnlachend vernahm der schändliche Mann erst

Dein gebiethendes Wort, dann rief er mit grimmigen Blicken:

„Eile zurück zu dem Könige, sprich: so räche der Vater

Seine Tochter an ihm: er fahre denn, fluchend, zur Hölle!“

Also der Rach’ allein, nicht des Vaterlandes gedenkend,

Floh er mit jenen Verräthern davon, die er früher gewonnen.

Nur die beiden dahier mir eilten zum mächtigen Trost nach:

Zeigend, daß noch in der Brust der Tapferen Ehr’ und Gewissen

Herrlich sich eint, und dir die erlesensten Männer noch treu sind.“

Ottgar sah nach den Zween mit bewegtem Gemüth’, und begann so:

„Laß den Verräther flieh’n. Noch sind die erlesensten Männer,

Also sprachst du mit Recht, mir treu. Nicht im dahlenden Frohsinn

Will das Große gethan, das Gewaltige, spielend, vollbracht seyn:

Denn, ein leuchtender Blitz in des Lebens umnachteten Stunden,

Flammet es auf in der Brust, und wecket den Ernst und die Thatkraft.

Jetzt umnachtet auch uns die Gefahr; doch laß uns, noch kühner,

Dringen hinaus zu dem Tag’, und so dort fallen im Licht nur!“

Rief’s, und spornte sein Roß, umschauend: ob er zur Linken,

Oder zur Rechten hinab es wende, die kämpfenden Scharen

Nun zu gewagter, die Schlacht urplötzlich entscheidender Kriegsthat

Anzufeuern, und so mit unwiderstehlicher Kühnheit

Festzuhalten das wankende Glück, das sonst ihm getreu war.

Doch dort floh’n, gedrängt von den Söhnen der Steyer- und Ostmark,

Bayern und Sachsen zurück; hier sank, an der Schulter verwundet,

Lobkowitz, er, der untad’lige Held, aus dem Sattel, und, schreiend,

Braus’te das reisige, gleich dem vorgedrungenen Fußvolk

Böhmens, herüber im Feld, durch Meinhards Völker geworfen,

Und gedrängt von dem Hort Trentschins, zur Flucht und Verwirrung:

Da in dem Kern des Heers ihn selbst der edelen Ritter

Glänzende Schar, und, vereint, die tapferen Schweizer und Schwaben

Näher und furchtbarer stets bedroheten, horchend des Kaisers

Schlachterregendem Ruf’ in dem wildempörten Getümmel.

Mansfeld erst, dann Zierotin, die Scharengebiether,

Jagten herüber im Feld’, und riefen dem König: „Entfliehe!“

Aber er sah, voll Wuth, nach den Rufenden; faßte sein Schwert noch

Fester zur Hand, und begann: „Wer sprach ein schmähliches Wort aus?

Nichts von Flucht mir gesagt! Ich lebt’ als König, und sterben

Werd’ ich als solcher, dem Feinde zum Trotz, auf dem Felde der Ehren.

Mir nach, wem sie noch werth im rühmlichen Leben und Tod’ ist!“

Wie der gewaltige Leu’ sich wüthenden Tigern entgegen

Wirft in des Abends Grau’n: die hochaufsträubenden Mähnen

Flattern mit Sturmes Weh’n um den Nacken ihm; dunkelgeröthet

Funkeln hervor aus den tiefgesenketen Brau’n ihm die Augen,

Als er naht mit Gebrüll, dem so, wie dem rollenden Donner,

Drönt das Gefild, und peitschend sich mit dem buschigen Schweifhaar

Beide Seiten, sich selbst entflammet zur Wuth: da erliegen

Links, rechts ihm, zerschmettert zugleich, die umdrängenden Gegner:

Also warf sich auch er vor allen den Rittern entgegen,

Daß ihm noch ein’, und der andere dort, östreichischen Blutes,

Fiele durchbohrt: denn fest bewahrt’ er den Haß noch im Busen.

Jene, erregt von dem stachelnden Wort, nachjagten ihm brausend.

Sieh’, ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter

Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger

Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens:

Denn er quälte die Menschen und Thier’, und beherrschte des Herzens

Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß.

Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber;

Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm,

Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden.

D’rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden,

Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang,

Ihn mit gesenktem Speer’ aus dem Sattel zu heben, so kam ihm

Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl

Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein

So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank.

Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder

Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater,

Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war.

Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar

Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell

Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut:

„Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!“

Rief’s; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß

Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen,

Glühenden Durst nach Rach’ im Blute der Feinde zu löschen.

Jetzt umgab ihn des Todes Grau’n. Die furchtbaren Ritter,

Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier

Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten,

Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle

Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen,

Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust

Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu:

„Sieh’, gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder,

Merenberg — ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter

Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!“

Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz’ ihm,

Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen

Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm,

Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken,

Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte.

Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach;

Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen,

Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden

Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken

Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä’te.

Rastlos fort g’en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn

Bis g’en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern

Ottgars fliehendem Heer’, und, wo sie dann der Verfolgung

Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch

„Ungerndorf“ genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal.

Siehe, die Wolken entfloh’n; der Geister unzählige Scharen

Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne

Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her!

Zwölfter Gesang.

Schauerlich irrt durch Nacht und Grau’n ein zitternder Lichtstrahl

Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang’, und es folgen

Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen

Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt,

Wogt (entsetzlich zu schau’n!) auf den bleicherstarreten Leichen

Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth.

Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer

Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes?

Ottgarn! Sieh’, und bald verkündete drüben ein Hügel

Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich

Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank!

Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme

Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres

Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen,

Mit den heruntergezogenen Brau’n, und den Lippen, zum Bogen

Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens

Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann,

Wähnet’ er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther,

Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder

Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier.

Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen,

Schon mit der Leiche des Königs beschwert, und verhüllt mit dem Bahrtuch,

Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen,

Die zum eng’gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart

Bändigte. Sieh’, da trug der weitgefeierte Sänger,

Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen

Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend

Starrt’ er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an:

„Weh’, da liegt er entseelt, der einst gewaltige König!

Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern,

Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm

Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt’, und bewundert’ ihn Jeder

Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen

Schimmernd am gold’nen Gewand’, aufschritt: nun wandten sie, schaudernd,

Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg!

Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen?

Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken,

Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn,

Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen,

Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter

All’ ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen?

Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,

Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig

Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich

Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein.

Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket

Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur;

Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet

Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel!

Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen:

Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode — wo sind sie?

Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung.

Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,

Der dir, falschen, vertraut: denn nichtig entschwebt ihm das Leben!“1

So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger

Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend,

Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers,

Ottgars finstere Stirn’ erhelleten. Jener entzog sich

Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort.

Doch sie schlugen behend’, als solches der Führer gebothen,

Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen

Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes,

Von den Kriegern umschart, g’en Wien, die herrliche Stadt, hin.

Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen,

Als, dem Sieger zum Ehrenempfang’, in geschäftiger Hast sie,

Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen:

Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet,

Sollte von Laubgehölz’ ein Siegesbogen sich heben,

Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben

Rufen die goldene Schrift ein „Lebehoch!“ dem Befreier,

Der von der Stadt und dem Land’ abwehrt’ unendlichen Jammer;

Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden

Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr,

Die sich gefiel im Raub’, und in all’ den Gräueln des Faustrechts!

Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern,

Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen

Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger,

Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen

Oestreichs rings von dem Wall’ und den ragenden Thürmen im Wind hin.

Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich

Schmückt an dem Morgen des Tags, der sie eint mit dem Lieben auf immer.

Hinter des Ostens dämmerndem Thor’ entfaltete jetzo,

Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend

Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer,

Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel;

Doch sie weckten zugleich des sanft­umschmeichelnden Frühwinds

Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung

Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum

Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung.

Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen,

Das sie im Lenz’ erbaut’ an dem Mauergesimse des Hauses;

Auch umgirrete laut die Taub’ in dem Schlag’, und der Hahn rief

Schmetternd darein, als draußen vom Feld, von dem Hain’, und dem Hochwald

Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte.

Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend,

Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh’n,

Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft’, und entflammte

Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten,

Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen.

Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel

Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis

Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier.

Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig,

Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin

Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen —

Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld

Kehrend, zum Siegseinzug’ auf dem sanfterhobenen Berg sich

Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern

Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse;

Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen

Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d’rein; die Drometen

Schmetterten, Zink’ und Pauk’ erklang, und die wirbelnde Trommel

Rief das verworr’ne Getön zum allerfreuenden Einklang.

Sieh’, und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her,

Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen:

Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen

Ihre Lieben ersah’n! Da scholl (erschütternd zu hören!)

Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter:

Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter

Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter,

Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos!

Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz

Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen:

Denn nicht hatt’ er die Lieben erseh’n, und dem Fragenden tönte

Schrecklich der kurze Bescheid: „Er fiel, und kehret nicht wieder!“

Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen,

Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens

Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter

Preßte den Arm mit der Stirn’ an den Baum, und schluchzte vor Herzleid.

Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes

Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel,

Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser

Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren

Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten;

Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht,

Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen,

Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader

Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte,

Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau’n war.

Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlich­prangenden Mantel;

Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif

Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn

Auf zum ersehneten Wink’. Alsbald bewegte das Heer sich

Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern.

Sieh’, ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns —

Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern

Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein!

Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben

Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern.

Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette

Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet,

Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend:

So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm

Festlicher Glocken Getön’ und des Volks auftobender Jubel.

Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war,

Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren

Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen,

Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen;

Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel

Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht:

„Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen!

Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien,

Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen,

Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage — des Herzens

Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch’ im Segen des Himmels

Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein

Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest,

Dein erhab’nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!“

Sagt’ es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser:

„Ihr Getreu’n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung!

Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt

Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker,

Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!“

Plötzlich entstürzt’ ein heller Strom von Thränen den Augen

Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen

Brausend, ein „Lebehoch!“ und mehrte sich, jubelnden Lautes,

Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug,

Schimmerten. Jetzt durch’s Thor und die Straße Karinthia’s trug ihn,

Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte

Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau’n —

Frau’n im glänzenden Schmuck’, ihr schneeiges Tuch in die Lüft’ auf

Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme.

Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich

Wankende Greis’, ihn zu seh’n, und zu segnen. Die Väter und Mütter

Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm

Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben,

Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke!

Sieh’, und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen

All’ die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug

Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten.

Also im Freudengeschrei unzähliger Meng’, in der Glocken

Festlichem Klang’, und der Pauk’ und Dromet’ empörterem Jubel,

Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo

Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein;

Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber,

Durch die Herrngass’ fort nach dem breitaufragenden Graben,

Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel

Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner,

Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes

Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen, im Schutt lag.2

Dort reicht’ ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen,

Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser

Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß

Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder

Herrlichstes: „Gott, dich preisen wir!“ zum erleuchteten Altar,

Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach.

Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes

Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war,

Knie’te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht

Voll, am Altar’, im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn.

Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth

Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen,

Der, von dem schimmernden Kreis’ entfernt, auf die Kniee gesunken,

Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen.

Bald umhüllten ein jegliches Aug’ untad’lige Thränen:

Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen,

Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging:

Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen,

Wie der verdorrete Stamm in dem Wald’, um welchen die Windsbraut

All’ die frischen umher mit lautem Gekrach’ in den Staub warf.

Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser

Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug

Nach der erhabenen Burg. Doch sieh’, welch’ tiefes Erstaunen

Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen

So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen,

Raum sey, fürder zu zieh’n bis hin zur Pforte des Domes.

Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte

Lang’ nach dem Trauerflor, und dem leich’umhüllenden Tuch hin,

Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern

Gegen ihn stand, der heut’, erstarrt, all’ irdischer Hoheit,

Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle

Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so:

„Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier

Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes

Würdest du seh’n: nie haßt’ ich dich, und im redlichen Busen

Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen!

Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!“

Sagt’ es, und hieß die Leich’ auf dem trauerumhülleten Wagen

Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten,

Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess’ und dem Bußpsalm

Werd’ ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte.

Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen?

Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid

Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber,

Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein

Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb.

Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld;

Aber nicht kehrt’ er ihm mehr, und, verwais’t in der zartesten Jugend,

Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers!

Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser

Jetzo genaht, vordrängt’ er das Kind, und sprach in das Ohr ihm:

„Geh’, und umfass’ ihm die Knie’ mit festgeschlungenen Armen,

Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters

Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ;

Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden

Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort,

Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen!

Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis’t sich der Kaiser

Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.“

Ottgars blühender Sohn gehorcht’ ihm: er stürzte zu Rudolphs

Füßen; umfaßt’ ihm die Knie’, und rief erschütternden Lautes:

„Mildgesinnt, so sprachen sie all’, ist der mächtige Kaiser,

Dem ich hier auf den Knie’n, und mit thränenerfülleten Augen

Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters

Leich’ uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht!

Hast ja auch Kinder, und sie erfreu’n sich des liebenden Vaters

Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet.

Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet,

Welcher so hold mir war, vermiss’ ich die mächtige Hand jetzt,

Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden!

Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden,

Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein

Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen;

Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes

Sinkenden Muth, das stets, in Treu’ ergeben, ihm anhing.“

Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken

Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum.

„Höre des Sohnes Fleh’n,“ begann jetzt Lobkowitz finster,

„Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins

Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt,

Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast.

Allwärts preis’t dich die Welt großmüthig und edel: als solchen

Sollst du auch ihm dich erweisen — wo nicht? so täuschte dein Ruf nur:

Denn unziemlicher Haß g’en Ottgar füllet dein Herz noch.“

Rief’s empört, und übermannt von unbändigem Herzleid.

Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten,

Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war,

Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten

Ottgars, der erneut ihm die Knie’ umschlang, von dem Boden,

Herzt’ ihn vor allem Volk’, und begann mit erheitertem Antlitz:

„Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend,

Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald

Geb’ ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden,

Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim.

Zieh’ dann schnell g’en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers,

Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal

Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit,

Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt

Förderte. Doch, nun komm’! Ich will ein Vater dir werden,

Wie ich’s zuvor beschloß im Gemüth’, und im Segen des Himmels

Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.“

Sagt’ es mit freud’ausstrahlendem Blick’, und als er, gewendet,

Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel

Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden,

Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten:

„Kühner, du stand’st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch

Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!“

Jener dankt’ ihm d’rauf mit thränenumflossenen Wimpern,

Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen,

Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht.

Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich

Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden:

Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen.

Jetzt, in dem weitumschlossenen Raum der mächtigen Hofburg,

Wies sich dem Volk’ ein Schaugerüst, der Sichel des Mondes

Aehnlich an Bogengestalt, erhöht, und mit Purpur behangen.

Vierzehn Stufen empor, in stets verengteren Kreisen

Hob sich der herrliche Bau, und zuhöchst, auf dem oberen Feldraum

Stand, hellschimmernd, des Herrschers Thron, an welchem zur Linken,

Und zur Rechten, gar zierlich geschmückt, zwei Stühle von Purpur

Glänzten. In drängender Hast erfüllte sich eilig die Hofburg.

Freudiger Lärm erscholl, als die Rosse, der Reiter entledigt,

Wieherten, heim durch die Menge geführt, und in stattlicher Hoheit

Rudolph nun mit Gefolg zu dem glänzenden Throne hinaufschritt;

Dort sich Ladislav, den König der Ungern, zur Rechten —

Wenzel, den Sohn des getödteten Horts der Böhmen, zur Linken

Sitzen hieß, und das Volk mit freundlichem Winke begrüßte;

Doch ein schmetternder Laut der Dromete geboth in dem Hofraum

Schweigen, und Stille ward, daß der Hauch des athmenden Busens

Hörbar flog, und umher die Stimme des Kaisers vernehmlich

Tönete, da er die Recht’ erhob, und also zum Volk sprach:

„Seht uns am Ziele, mit Gott! Vollbracht ist die That, und das Opfer,

Das aus dankbarer Brust zu dem Ewigen heute sich aufschwang.

Ach, gar dürftig erscheinet das Wort! Wie sollen wir würdig

Danken dem Heer’, das uns den Sieg errang in der Feldschlacht?

Wie dem erlauchtesten Könige, der als helfender Freund, uns

Einte sein tapferes Volk im allentscheidenden Zeitraum?

Nicht vermöchten wir das! Doch ihn, den König der Ungern

Schließen wir heut’ an Sohnesstatt, wie er selbst es ersehnet,3

Freudig an’s Herz, und geloben ihm Schutz und Freundschaft für immer.

Wohl bezeugt uns der Herr: „Wer hat, dem wird noch gegeben!“

Also auch wir, von Gott mit Kindern gesegnet, erkiesen

Heute der Söhne noch mehr — denn hört: den theuern Erzeugten

Ottgars einen wir auch, als solchen, in liebender Sorgfalt

Bald mit unserem Blut: ihm Gutha, die Tochter, verlobend,

Die uns die jüngst’ erblüht aus den Töchtern, voll lieblicher Unschuld!“

Jetzo drückt’ er zuerst den König, und d’rauf den Erzeugten

Ottgars rasch an die Brust, und unendlich jauchzte das Volk auf.

Aber der König erhob sich vom Stuhl’, und sagte voll Feuer:

„O, gesegnet für immer der Tag, der, freundlichen Anblicks,

Dich als Bundesgenossen mir wies! Der brausenden Jugend

Jahr’ umgaukelten mich noch jüngst im verwirrenden Schimmer;

Aber du kamst: wohl nenn’ ich dich „Vater“ mit Recht, und ich fühle

Mich urplötzlich zum Manne gereift — dein würdig, als Sohn jetzt!

Lange lebe, beglückt, der edelste Kaiser der Deutschen!“

Sprach’s mit jubelndem Ruf’, und umher ertönte des Volkes