Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh’n, und die Fluthen
Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser
Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,5
Eilete: denn zum Abendgebeth’ ertönte das Glöckchen
Schon von dem Thurm’; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder,
Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth
Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet
Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand’rung.
Nahend dem Ziele, durch’s Thal, geboth der Herrscher den Reitern,
Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad;
Aber er selber klomm, des Weg’s wohlkundig, mit Müllern
Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand
Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen,
Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden
Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung,
Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick’, und errang so
Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten
Wieder, rastet’ er nicht, und stieg, stets höher und höher,
Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten
Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh’n,
Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle
Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner,
Sandte die fächelnde Flamm’ empor aus goldenem Oehlduft.
Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen
Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut’ erst.
Wichtiges sollt’ ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß,
Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.
Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel,
Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes
Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras’ sich
Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen.
Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand’rung.
Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren,
Trat aus der Hütt’, im barnen Gewand’, und führte den Kaiser,
Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß
Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren
Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen
Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden
Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie’ dort,
Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war;
Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein
Wies in dem hehren Gemähld’, voll Lieb’ an den Busen es drückend,
Und, den wonn’ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet,
Allen zu rufen schien: „O liebt den Liebenden mir gleich!“
Aber der Greis, als wär’ es zum legten Male hienieden,
Sah zu ihr lang’ empor, und wandte sich dann zu dem Pilger:
„Herr“, sprach er, „blick’ auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens
Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau
Dir erkoren zum wahrenden Schild’, und dem Schiffer nicht ungleich,
Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm,
Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth:
Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies’ auch im Glück’ noch.
Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens
Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört
Gerne der Mutter Fleh’n, in ihrem Schutze geborgen.
Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung,
Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld,
In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd’ tönt:
„Fromme Jungfrau’n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.“6
Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten
Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten
Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn
Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch
Treu’, und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.“7
„Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker,
Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft
Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh’n;
Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter,
So auch die Wissenschaften, die Kunst’, und den frohen Gewerbsfleiß
Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher:
Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht
Waltet über des Menschen Geschick’. In Dunkel gehüllet
Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.“
„Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes,
Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel.
Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind’ ihm
Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld
Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend,
Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne
Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird.
Sieh’, er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher,
Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit,
Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln
Beut: ein Muster der deutschen Treu’ auf Wort und auf Handschlag!
Innig ehrt er ihn d’rauf, und theilt das nächtliche Lager,
Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.“
„Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir
Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens!
Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so,
Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren,
Welch’ ihm fortan drau’n auf des Herrschers dornigen Pfaden.
Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld,
Weis’ im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.“
„Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel!
Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz’ auf.
Jugendlich regt sich die Erd’, und treibt den erfreuenden Keim schon
Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister
Wandeln auf ihr zum Ziel — der Höchst’ er unter den Hohen!
Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft
Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung,
Auf Hispania’s Macht, und Italia’s, daß er die Rettung
Schaffe dem Christenvolk g’en wildempörter Osmanen
Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget.
Auch jenseits dem unendlichen Meer’ erbeben die Völker
Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne
Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken.
Also die alt’ und die jüngere Welt im Segen zu einen,
Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht!
Deutschlands Gau’n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden,
Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in’s Aug: ihn verwildert
Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung
Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung,
Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er,
Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer
Scheint er entfloh’n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet,
Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.“
„Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild’, und Gerechtigkeit ruhmvoll
Herrschenden Männern deines Stamms, erseh’ ich im Thronsaal
Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen,
Gottvertrauenden Muths, die Lieb’ und Bewunderung aller,
Eintritt dort, mit dem Sohn’ auf dem Arm, in die hohe Versammlung
Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen,
Als der ehernen Scheid’ entrissen der blitzende Stahl fleugt:
„Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!“
Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig
Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.“
„Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter:
Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist.
Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau’re,
Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn,
Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket
Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat;
Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.“
„Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter,
Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort!
Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn
Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!“
„Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln.
Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs
Vesten wanken; es scheint, als sollt’ ein neues Geschlecht sich
Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten
Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung
Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit
Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones
Stürzendem Heiligthum’ auch sich selber hinunter zum Abgrund,
Wo in dem nächtlichen Grau’n sein Wuthgestöhne verhallet.
Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel,
Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer;
Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau’n
Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich,
Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen,
Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt:
Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend
Heiliger Wink, und sein ist die Lieb’ und die Treue der Völker,
Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit.
Heißt auch mancher Gewaltige „Groß“ in Geschichten der Menschen,
Ihn wird einst die Nachwelt laut den Edelsten nennen.“
„Dunkler ward’s ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft.
Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener
Heute der Herr enthüllt’. Leb’ wohl! Vollbracht ist des Lebens
Weitumirrender Lauf — er endete, deiner gewärtig.
Denk’ auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!“
Sagt’ es, und wankte hinaus, der Klaus’ entgegen. Er warf sich
Dort auf die Knie’, und bethete leis’ mit erblassenden Wangen.
Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz
So, daß die stürzende Thrän’ auf die Marmorstufe hinunter
Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille,
Vor dem Altar auf den Knie’n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer,
Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel.
Als er den Blick zu dem Bild’ erhob, und das Aug’ auf die Augen
Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger
Wecken zur Liebe des Sohn’s, da erblaßt’ er betroffen. Ihn dauchte:
Daß sie in himmlischem Glanz’ erglühten, und schaudernder Angst voll,
Wich er zurück vom Altar — bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht
Hell aufflammt’, und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.
Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof
Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt’ ihm:
„Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch;
Auch die Spor’n, die wir mitführeten: leg’ sie in Demuth
Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten,
Bis zum Morgen. Ich geh’, ein Weniges draußen zu schlummern.“
Also geschah’s. Der Knappe ging, und holte, verwundert,
Alles und Jedes herbei; dann faßt’ er den Speer, und erging sich
Dort, gemessenen Schritts, die Wach’ an dem Heiligthum haltend.
Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen
Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen
Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle
Nahen, und dort im Kreis’ umgeben den heiligen Altar.
Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt’ er sich freundlich
Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt’ ihm,
Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock
Nahm er ihm erst von dem Leib’, und umgab mit dem glänzenden Harnisch
Ihm die Brust: er reicht’ ihm die Sporn’ und den trefflichen Degen
Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm,
Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid’, und begann so:
„Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren,
Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches
Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld
Ritterlich’ Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten:
Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen.
Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters
Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld;
Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren;
Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert;
Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht,
Kräftig und ohne Verzug, so dir’s nicht wehrt das Bewußtseyn:
Hierauf schlag’ ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau,
Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.“8
Sagt’ es, und führte den Streich kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl
Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt’ ihn.
Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte,
Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen?
Doch, nun schüttelt’ ihm jeder die Hand, und lächelt’ ihm Beifall.
Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten,
Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne
Kündete: sieh’, da führte sein treues Gefolge der Kaiser
Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht
Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat!
Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen:
Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel,
Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern
Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt’ er: gewaltige Berghöh’n
Nun zu Hügeln versunken, zu schau’n, und auf jeglichem ringsher
Wiesen, und Ackergründ’, und waldumsäumtes Gehöftland;
Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters
Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen
Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten — Dann
unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren;
Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz,
Dunkelgeröthet, die Sonn’ erhob, und ringsum der Erdkreis
Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen
Zahlloser Vögel im Wald’, in den Thälern, und hoch in den Lüften,
Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen:
Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken!
Mancher faltete, bethend, die Händ’, und blickte hinunter,
Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne.
Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh’n, und gesehen
Dorther tausendfaltig besä’t mit schimmernden Städten,
Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen;
Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich
Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes:
„Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand,
Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d’rüben
Herzogburg mit dem Gotteshaus’ im lieblichen Aufeld.
Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath,
Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster;
Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort,
Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden;
D’rauf die Stadt’ auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen
Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau.
Doch, o! wer erspäht’, auch schärferen Blickes, noch jenseits,
Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken
Mährens der Menschen Wohnungen all’ in unendlicher Landschaft?
Seh’t, g’en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß
Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs.
Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund
Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn.
Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher
Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg,
Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der Immer-Getreuen,9
Sehet ihr Berg’ auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks.
Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause
Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld,
Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt;
Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig,
Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert.
Ha, dieß Bild entschwind’ euch nie, das heute so wonnig
Uns enthüllten die Höh’n des Lilienfelder-Gebirges!“
Eiliger wandt’ er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte
Noch dem frommen Klausner zu nah’n — zu vernehmen des Segens
Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen,
Als er geöffnet die Thür’, und ihn, vor dem Bild des Erlösers
Auf den Knie’n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden
Starrendem Aug’, ersah — doch stumm, und erblasset im Tod schon!
Lange staunt’ er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte
Dann der Hütt’. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum
Schwangen die Reiter sich all’ in den Sattel, und trabten ihm, schweigend,
Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch,
Anbethend, weilt in dem Gotteshaus’, und dann in dem Kreuzgang
Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags.
Hundert Schritt’ entlang, auf mächtige Säulen gegründet,
Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht
Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster.
Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht
Staunte dem Bau. „Du sollst“, so lispelt’ er leise für sich hin,
„Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau’n;
Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben
Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme
Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!“10
Sieh’, da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte:
„Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!“
Doch der Kaiser begann: „Nicht euere Schuld ist es, wahrlich:
Denn ich schlich gar leise herein, als käm’ ich, ein Späher.
Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen
Staub dem Staub’, aus welchem er kam: die Leiche des Klausners,
Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh’n.“
„Weh’,“ entgegnete jener bestürzt, „so schwand auch der Segen
Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen
Dankten sie ihr Gedeih’n, und des Segens Fülle die Hirten!
Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt’ er zu spenden.
Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen — versteht mich
Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes,
Das die Seel’ ernährt, und stärket für immer und ewig!
Aber woher er kam; weß’ Landes und Stamm’s er gewesen,
Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth,
Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp’, und erbaute
Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau.
Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend — mit Werken
Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret.
Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß’ und dem Bußpsalm
Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.“
Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter
Von dem Wege heran, der Zell’ entgegen — der Jungfrau
Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen
Schmachtet, unzählige Pilger zieh’n mit sehnendem Herzen
Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung.
Hell erglänzte das Aug’ und die Wange des Kaisers. Er eilte
Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt
Her aus den rheinischen Gau’n mit tapferen Scharen gezogen.
Laut begrüßt’ er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar,
Freundlich und mild; doch warm erwiedert’ es dieser, und innig,
Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau
Hatt’ er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen
Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf
Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her:
Dreimal so viel’ an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf,
Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich
Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens
Heiteren Gau’n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt:
Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden.
Aber hinab und herauf vor den Reih’n erging sich der Kaiser
Dort mit zögerndem Schritt’. Er sah mit freundlichen Blicken
Jedem Krieger in’s Aug’; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt’ ihn:
Wie’s ihm erging seither? — bei’m Nahmen die Tapferen rufend.
Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern
Faßt’ er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle:
Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen
Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.
Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden:
Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath — d’rauf an den Marken
Schwabens vereinte zum Heer’; wie er schnell g’en Ulm an der Donau
Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut;
Dann’ in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren,
Also durch Oestreichs obere Gau’n nach Enns, und gelandet,
Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom
Vielfach den Wand’rer ergetzt durch eisengestaltender Meister
Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend,
Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger
Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen.
„Doch,“ so erzählt’ er fort, „wie erhob mich, nicht ferne dem Ziel mehr,
Heut’ in dem dunkeln Oetscherthal’ ein Wunder der Allmacht!
Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges
Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen
Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand
Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein’ all’.
Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich
Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen.
Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen
Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht, wie ich nahte,
Stürzender Fluthen Gerausch’, und erfüllte die Thäler mit Schauder.
Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens
Schmalvorragendem Riff’ ersah ich, vor freudigem Schrecken
Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund:
Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg
Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther
Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.11
Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog’ auf Woge sich dränget,
Rastlos; dann, erbebend dem Sturz’, aufheult, und die Stimme
Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös’ wird!
Wie sie sich fassen im Flug, mit eh’rnem Geprassel die Klippen
Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter
Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen
Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig
Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern.
Ueber die Berg’ empor, in die hehren Gefilde der Wolken
Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich,
Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes.
Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag,
Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung
Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen,
Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah
Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung.
Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen,
Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!“
Aber er horchte den Worten des Sohn’s mit Lust, und geboth dann,
Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.
Staunend ersah’n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers
Müllern im Ritterschmuck — den ebenbürtigen Bürger
Zürcher Stadt; sie sah’n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch,
Einer dem andern die Frag’ in’s Ohr: „was solches bedeute?“
Jener gewahrt’ es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel
Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt’ er von Diesem,
Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen.
Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte:
„Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger
Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja,
Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben
Rettete: d’rum auch werth und würdig des Standes der Edeln;
Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh’ ich als Schuldner,
Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus,
Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.“
Sagt’ es, und schwang sich auf’s wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch
Scholl die Dromet’, und schnell g’en Wien bewegte der Zug sich.
Sieh’, in des Abends Grau’n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen,
Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern
Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach,
Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war
Nun des Kampfes Getös’ — erstürmt die Veste. Die Gegner
Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn
Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht)
Oestreichs Aar’ entrissen, dem Leu’n von Böhmen zu Theil wird.
Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes,
Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth?
Hedwig, ihr’ Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters,
Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen.
Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun
Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen
Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang’ ihr
Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun
Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen?
Ach, nicht der Mutter allein — auch allen den Sterblichen ringsum,
Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel,
Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen!
Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes
Stützend den Arm, und pressend die Wang’ in die Höhle der Linken,
Hebt sie das Aug’, voll Himmelsbläu’, empor zu den Sternen.
Seitwärts sank von der hellen Stirn’ ihr des bräunlichen Haupthaars
Ringelnde Meng’, und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens
Schöner Säul’ an dem schneeigen Faltengewande hinunter,
Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel
Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl
Ihr in die grau’numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend,
Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur,
Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein:
„Ha, vernichtendes Bild — entsetzlich, und furchtbar, und dennoch
Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos,
Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel!
Wallstein — Gott! Wen nannt’ ich? Sein Nahm’ entriß sich den Lippen
Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär’s;
Süßer als Harfengetön’ in des Mondlichts freundlichem Schimmer,
Klang’ er mir in dem Ohr’, dürft’ ich ihn nennen — ich darf nicht!
Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte
Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen
Trennt, dem ihr’s auf immer geweiht: wie zög ich so freudig
Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt!
Weh’, wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung!
Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben
Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten,
Huldvolle Maid, nah’ mir, der armen Verirrten, zur Rettung!
Billig haßt’ ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie’n mir
Sank — ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang;
Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend,
Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen.
Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.“
Sagt’ es, und wollt’ entflieh’n: da trat ein edeler Ritter,
Schimmernd im tönenden Waffenschmuck’, in der Stille des Abends
Ihr in den Weg, und sprach: „Gönnt mir, holdseliges Fräulein,
Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren,
Folg’ ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen,
Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh’ ich, ein Anwald
Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann,
Rudolphs Sohn’, der euch schon lange zum Gatten erwählt ist:
Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit
Wollten zu eh’lichem Bund’ euch die liebenden Aeltern vereinen,
Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser,
Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld
Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer’ aus dem Sattel,
Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern
Drosendorfs verfolgt’, und ihn selber bestand auf dem Heerweg.
Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit — auf Ritters
Redliches Wort d’rob heischend die Pflicht: daß ich brächte die Bothschaft
Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist.
Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen,
Wiedergeseh’n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet
Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn!
Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens.
Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar
Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger,
Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber
Schau’n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms
Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens
Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid’ ihr blitzendes Eisen
Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz’ sich die Rechten
Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung.
D’rauf zerstreuen sich all’. Auf den stäubenden Straßen erschallet
Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen
Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben
Jetzo des Wiedersehn’s erschütternde Wonne zu lesen.
Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern
Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne.
Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher
Sich bekämpften mit eisernem Trotz’ — o, hört ihn! Er frägt euch:
Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen?
Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld
Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau’n
Schau’n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin.
Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth
Ihm auf der Stirn’ — und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.“
Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.
Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie:
„Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann,
Mir bekannt — ich ehre den edelgesinnten Jüngling;
Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß,
Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern
Herzen um uns: ich steh’, entledigt der frühen Verlobung.
Ach, und sollt’ in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen
Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar,
Dem Europa’s Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht,
Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth:
Dennoch würd’ ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen!
Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer,
Künd’ ihm: ich hätte gewählt — für den Einen gelobt’ ich zu leben.“
Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte
Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt’, und der Ritter
Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.
Dritter Gesang.
Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner
Aus dem übersinnlichen Raum’, und den Tiefen des Erdballs,
Mächtigen Zaubers herbei! Auch Marbod,1 der edele Markmann,
Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn
Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth,
Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon,
Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine,
Die, in dem Todeskampf’, ihm die Hände mit weinenden Blicken
Reichte zum letzten Mal’, und dann, viel reineren Herzens
Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.
Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet,
Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen
Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden
Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend,
Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau
Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg2
Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken,
Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter.
Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma,
Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld,
Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher
Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau,
Marobud,3 und ward gefürchtet umher in den Ländern.
Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann,
Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld
Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges.
Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen
Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald,
Stürmend, die Burg Mar’bud, und entthront’ ihn. Ach, er vertraute
Roma’s täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna’s
Arm — ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn!
Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren
Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt’ in der Vorzeit.
Bald gewahrte sein Aug’ auf des Lilienfelder Gebirgs Höh’n
Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte
Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier
Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt,
Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell
Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger
Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden
Flehend rang, und ein Greis ihm naht’ in erschütternder Hoheit;
Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft
Dunkel enthüllt’, und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker
Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort
Oestreichs Größ’, und in Wonn’ erbebend den hehren Gesichten.
Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers
Näh’ ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm’, in des Aargau’s
Thälern die Burge der Ahnen bewohnt’, und von allen gepriesen
Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen
Jauchzenden Rufes erwählet ward. „Doch biethet ihm jetzo,“
Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh’n,
„Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur
Dann erringen den Sieg, wenn ihm“ — welch’ dunkele Reden! — „In
umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd’ tönt?“
Dacht’ es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs
Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick’s, zu erforschen;
Rudolph helfend zur Seite zu steh’n; in dem Seelenverein ihm
Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten,
Und zu enthüllen die List auflauernder Feind’ in dem Feldzug.
Dort, wo im schimmernden Zelt’, umfangen von nächtlichen Schatten,
Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß,
Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum
Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter;
Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht’ ihm
Lächelnd both, im Wahn: er nah’ als Verbündeter Freund ihr.
Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte:
„Ha, nicht hast du die Knie’ vor des Menschen-Sohne gebeugt einst,
Du, in dem Lande der Frei’n Geborener: hast in des Eichwalds
Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern —
Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn
Dort? Jetzt nähr’ ich ihn kühn — will nie dem stolzen Gewaltspruch
Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens.
Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer
Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird
Von dem Beherrscher des All’s. Wir wandeln sie muthig und kühn fort,
Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend.
Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung:
Ottgar falle besiegt; Kunegund’ sey Herrscherinn! Mir gleich
Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.“
Aber sie lockt’ ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen,
Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken,
Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder;
Wandt’ ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter:
Denn ihm schwebt’ Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen
Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte.
Doch als sie in dem Kreis’ der Versammelten hier Kunegundens
Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war;
Ottgar selbst, von dem Weib’ empört, dem Herrscher der Deutschen
Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt
Gegen ihn dräuend sich hob, und, „Rache,“ die Losung des Heers war:
Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen!
Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung
Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte
Ruh’ in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen
Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus,
Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen,
Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß:
Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen.
„Seht,“ so sprach er, „uns frommt’s des ruhmverherrlichten Ottgars
Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt.
Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all’ in der Wahrheit,
Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings,
Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte.
Seine Heimath ist fern — ein Aargau’r bleibt er noch immer.
Flieht den Leu’n im güldenen Feld: roth glüht er vor Ingrimm;4
Aber euch sey in dem Purpurfeld der weiße5 willkommen,
Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And’re,6
Hier zum Wapen uns gab. Nun hört’, ihr Getreuen! Erschallen
Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen
Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen,
Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang
Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen
Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen,
Oder errungen im Blut — uns gleich! wir biethen die Stadt ihm
Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes.
Eilt nun heim, und gedenket des Muths, und des herrlichsten Lohn’s nur!“
Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.
Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser
Marbod im schwebenden Flug’, und sann, wie er solchen vereitle.
Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah’n im warnenden Traumbild
Hugo von Tauffers, dem Greis’ unbändigen Muthes im Schlachtfeld,
Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war.
Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh’n:
Also nahet’ er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens,
Außer dem Stubenthor’, ein Heer von Wölfen: sie folgten
Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder
Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist.
D’rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten
Ringsum Kinder und Greis’, und lautaufheulende Mütter
So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach,
Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt.
Stöhnend entwand sich der Held dem Traum’, und sagte, verwundert:
„Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig
Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket,
So ich es recht erwäg’ im Gemüth: ein warnender Traum seys!“
Und er erhob sich behend’, um die Veste besorgt in dem Herzen.
Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen,
Mächtiger stets Drometengetön’, und unzählige Glocken
Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel:
Denn von des Berges Höh’n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild,
Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne,
Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen
Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen!
Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes,
Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter,
Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten,
Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen
Hieß sie dem Volk’, und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn:
Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth;
Doch sie naht’, abzehrend, des Lebens Ziel’, und auf einmal
Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.
Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild
Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon
Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend
Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung
So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner.
Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar
Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend,
Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin.
Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens
Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen;
Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in’s Antlitz!
Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt’ ihr das Kissen,
Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt,
Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend.
Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth:
„Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen —
Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr’ ich sie mündig
Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten!
Rastlos sucht dein Geist nur Müh’ und Arbeit: die Tag all’
Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben
Nach dem erkorenen Ziel’, und die Ruh’ erquicket dich nimmer.
Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher;
Zogst auch jetzo hinauf g’en Lilienfeld in dem Waldthal
Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr
Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that.
Weh’, und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du
Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn,
Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset,
Schreien nach dir — umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht!
Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht
Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker;
Führest den Frieden zurück’ in die sturmerschütterten Gauen
Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark,
Deinem Geschlechte zum Ruhm — zum Sitz’ unendlichen Segens?“
Jener entgegnet’ ihr sanft: „Nicht also gedacht, und gesprochen
Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren,
Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen
Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost
Oft mit dem Hauche des Mund’s und den zartgestalteten Fingern,