Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad’liger Sitte.

Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen

Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du,

Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers:

Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen,

Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen

Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen — zu rächen

Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus,

Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen

Nur, entreiß’ ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens

Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt’ ich in’s Lager

Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht!

Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey

Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben,

Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt.

Mög’ er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen

Mir zur Freud’, und den Kindern zum Glück’, auf immer und ewig!“

Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn;

Winkt’, und reicht’ ihr, zum Scheiden, die Hand. Durch quellende Zähren

Sah’n sie lang’ einander in’s Aug’: die Zitternde sank ihm

Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm.

Angst ergriff das Volk, und ihr’ Erzeugten verhüllten,

Weinend, das Aug’: sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg.

Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend,

Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter:

Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen,

Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!

D’rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt,

Führt’ er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber:

Denn nicht wollt’ er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten,

Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger.

Außer dem Stubenthor naht’ ihm mit eilenden Schritten

Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands

Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung

Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath.

„Herr,“ so sprach er ihm leis’ in das Ohr, „nicht wollest du Hugo’s,

Deines Getreu’n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings

Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers!

Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen;

D’rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, — wie ein Kind fast

Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens;

Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern;

Schaue noch scharf in die Fern’, und mir entgehet der Laut nicht,

Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen!

So verkünd’ ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen

Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner

Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern,

Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang,

Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau,

Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt,

Listigeröffnet die Thür’, und gehäuft unzählig die Waffen:

Sie zu vertrau’n der würgenden Faust verruchter Gesellen.

Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram,

Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus

Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen.

Solches erwäg’, o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!“

„Horch,“ so gab ihm der Kaiser zurück, „der Huth in der Festung

Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer

Heute noch, die, so heiß’ es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt!

Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest’ und die Hofburg;

Doch du schwinge dich hurtig auf’s Roß, und reite g’en Theben,

Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs

Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse,

Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer’n Magyaren.

Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh’n,

Bis von dem Kahlenberg’, in dem mitternächtlichen Grauen

Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann

Eil’ er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge

Sie in dem trocknen Geröhr’, an dem Weidenbache vor Marchek.

Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen

Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.“

Hugo vernahm das Wort — nicht zweimal braucht’ er’s zu hören:

Denn er hob sich, behend’, im kreisenden Schwung in den Sattel,

Jagte davon — ihm nach der rüstige Knapp’, und in Säulen

Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.

Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern

Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen,

Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann,

Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten:

„Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung

Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten

Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren,

Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath

Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!“

Sagt’ es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest’ ein,

Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker.

Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer,

Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß

Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath,

Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld,

Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert,

War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen;

Doch mißlang ihm oft sein Müh’n und Streben, und ach, erst

Kündet’ ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins

Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten,

Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel

Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder:

Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen.

Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte,

Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen,

Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt’ er ihm Freud’ in dem Herzen:

Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause

Pilgern ein frommes Gelübd’, und, wie es nun lösen? — nicht wußt’ er’s.

Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold’s

Außen- und Inselstadt7 mit dem Land’ und der Vest’, in dem Grund fußt,

Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen.

Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau,

Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland,

Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen

Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners.

D’rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen,

Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis

Reihten, dem wachsenden Mond’ an dem Sternenhimmel nicht ungleich,

Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt.

Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld

Links an der Straß’, und rechts sein Heer das Lager bezogen,

Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte

Beifall den Amtnern8 zugleich, und den muth­begeisterten Kriegern:

Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter,

Endlosdauernd im Ruf: „Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!“

Allen voran stand dort der Hauf’ östreichischer Krieger,

Ober’n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen,

Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer,

Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm’, und dem Schilde bewehret,

Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen.

Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner

Stand an jene gereiht, und, wahrt’ auch der Helm nicht das Haupt ihm,

Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd’ es, den Degen

Schwingend, durchbrechen im Sturm, und erringen den blutigen Kampfpreis.

Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad’ligen Feldherrn,

Riefen die Völker in’s Feld: dreitausend erlesene Reiter.

Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben

Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht;

Dies’ empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg,

Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld,

Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers;

Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen,

Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust

Auf der Schulter — die Pfeil’, im Bündel geschnürt, auf dem Rücken

Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild’ auf der Fährte die Jäger,

Fernhin sah’n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten.

Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt

Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.

Sieh’, und schon gewahrt’ er das Ziel! Die sinkende Sonne

Stand an dem Abendthor’, umhüllt von rosigem Schimmer.

Heller glüht’ ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar

Flammt’ empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber

Winkt’ ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis.

Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen

Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung.

Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen

Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten; der Hals und der Rücken

Schäumt’, und ihm wankten die Füß’, da er stand vor dem Zelte des Königs.

Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses

Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit

Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau

Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen

Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren:

Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend

Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.9

Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen;

Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren

Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe

Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus,

Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren

Im Besitz’, errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen.

Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren

Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,10

Nach entsetzlichem Mord’ und Gewürg’ unzähliger Christen,

Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau,

Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz,

Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt,

Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur.

Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen

Dienet’ er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit

Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands

Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt’ er das Herz noch.

Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun’ in der Feldschlacht.

Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug,

Braus’t er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen

Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie,

So er den Gegner in’s Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen.

Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder,

Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel;

Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans

Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen.

Sieh’, und hatt’ er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder

Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel;

Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel

Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe

Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels;

Beugt sich nieder im Flug’, und hebt sie empor von dem Boden,

Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.

Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick’ aus dem Sattel,

Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg’ an.

Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm

Gleich, der himmelan braus’t, erfüllt’ ein dumpfes Gemurmel

Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel

Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern.

Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber

Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll’ und dem Wiehern des Lastthiers:

Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld

Breitgehörnetes Rind und der Ross’ unendliche Mehrzahl,

Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling,

Aber, von feurigem Muth’ erfüllt, und dauernder Kraft voll,

Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten

Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen.

Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres

Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern,

Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich

Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.

Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint’ er,

Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen

Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen.

Ach, und so war’s! Doch bald verstummte der Sang und die Zither,

Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten.

All’ erhoben sich schnell von dem Boden — die bärtigen Männer

Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling,

Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren

Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit.

Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne,

Bis er sich wieder ermannt’, und d’rauf mit kräftigem Laut rief:

„Sprich: weß’ Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung

Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus,

Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit,

Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen

Uns ergetzend, und sein’, des feindbedrängten nicht achten?

Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen,

Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!“

Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand:

„Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter,

Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger,

Seit er der Schul’ entlief: ein Taug’nichts ist er am Schreibtisch!

Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen;

Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen,

Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er

Dir kund thun; doch, Herr, verzeih’ — in dieser Gesellschaft?“

Sagt’ es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser:

„Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen,

Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter

Richtet streng; doch sieh’, noch blüht mir der fröhlichen Jugend

Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort;

Weile so gerne dahier im Kreis’ des unschuldigen Volkes,

Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend,

Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben!

Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl,

Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.“

Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether

Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her,

Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet,

Sah’n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling

Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe.

Bald erschienen im Zelt’ auch die rosigblühenden Mädchen,

Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel

Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte

Heiß geworden, und mürb’, des Volks ersehntes Gericht war;

Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch

Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken,

Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst,

Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen.

Alle schmaus’ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen

Lieblingsgericht — nicht des Weins, des trefflichen, schonend: unendlich

Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.

Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön’, und der Herrscher

Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz’, dem Gaste zu Ehren!

Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend,

Draußen in Doppelreih’n, und hoben den werbenden Tanz an,

Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth,

Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend,

Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen.

Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn’ an die Spornen;

Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden;

Stöhnend vor Lust, und ihr Aug’ erfüllten oft schimmernde Thränen,

Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung.

Doch als d’rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler

Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen

Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer

Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle,

Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend

Fort im verengenden Kreis’. Dann riß er sich wieder von ihr los;

Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen,

Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen.

Aber sie folgt’ ihm entfernt. Die Recht’ an die Seite sich stemmend,

Hielt sie die Schürze am Saum’ sich stolz vom Leib’ mit der Linken,

Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn

Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers

Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte.

Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten;

Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie;

Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin.

Jene entfloh’n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo:

„Ritter, du hast magyarische Tänze geseh’n, und ergetzet

Dich bei’m fröhlichen Mahl’, obgleich du ein nüchterner Gast bist!

Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus,

Unser Bundesgenoß’ und Freund, zum Throne gelangt ist —

Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft

Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers,

Die mit unsterblichem Ruhm’ ihm zieren die Stirne. Der Morgen

Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth’ in der Feldschlacht.“

„Zwar verweigerst du noch,“ so entgegnete jener, „des Kaisers

Herold’ ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen,

Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung.

Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers

Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen

Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen

In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!“

„Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg

Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf.

Dort, so kündet die Sag’, erschien in grauender Vorzeit

Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute

Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten.

Aber vor allen hieß die „Herrliche“ jene von Habsburg:

Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht

Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen,

Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether.

Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen,

Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen,

Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens

Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer.

Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes

Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser,

Der zu der heiligen Tauf’, als Path’ ihn führte, gerufen,

Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten

Streben; wie er im sicilischen Krieg’, und in jenem von Oestreich,

Gegen den Streitbar’n focht, und miterstürmte die Stadt Wien,

Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet;

D’rauf in der Ahnen-Burg11 zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm;

Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend,

Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg

Heimzog, freudig zu eh’lichem Bund sich Annen erkies’te,

Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen —

Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war.

Wohl gebräch’ es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend

Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg’ all’,

Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren,

Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers,

Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild’rung

Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr

Schaltend, Sitten, Gesetz’, und allem Heiligen Hohn sprach;

Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner

Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost’, und den Räubern zum Schrecken.

Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen,

Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen,

Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab

Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten

Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger

Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund’ und Verwandten:

Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren

Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt,

Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah.

Aber er both ihm die Hand, und sprach: „Daß ich also zu dir kam,

Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet,

Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit.

Höre, viel besser wär’s, daß wir uns in Rechten vertrügen,

Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten,

Die mir erschlugen die Freund’, und erwürgten die theuern Verwandten!“

Also geschah’s: sie schmaus’ten versöhnt. Am kommenden Abend

Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt’ es

Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag’nen,

Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen.

D’rauf durchschwamm er die Furt, die noch „habsburger“ im Land dort

Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk’, und erstürmte

Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!“ 

Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters

Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug,

Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet,

Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit

Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug

Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort

Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er:

„Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern

So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns

Biethet die Fehd’ auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift

Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte.

Ha, nicht reut’ ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm,

Gegen die Heiden im Preußenland’, und errang ihm den Lorber

Auch im Vernichtungskampf g’en Bela’s schreckliche Heersmacht.

D’rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht,

Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer

Setzen wollt’ ein Ziel, von den sieben glänzenden Sternen

Unser’s heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward:

Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens

Strahlen über die Gau’n des deutschen Landes versende.

Sieh’ er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft

Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt’, und besann sich;

Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen

Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung

Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen.

Dort heischt’ er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten:

Daß sie verschafften nach Recht dem heiligen, römischen Reich’ jetzt,

Was ihm die Faust entriß.12 Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht:

„Noch vermiss’ er zum Königseid’ den Zepter der Ahnen.“

Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar;

Hielt es empor, und rief: „Wer kennt ein schöneres Zeichen,

Kraft zu verleihen dem Eid’, denn dieses, woran der Erlöser

Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?“

Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne,

Der so kräftig gesprochen — so fest- und so muthiggesinnt war.

Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus,

Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat:

Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich

Muthig aus Deutschlands Gau’n — an Leib und an Seel’, er, ein Deutscher,

Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach’ auch

Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug

Ihr vor dem todten Latein, dem schwer­verständlichen, gönnend.13

Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm

Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen,

Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend,

Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk

Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd’ und den Himmel,

Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen

Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft.

Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun,

Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet:

Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen

Hoch die Loh’ auffleugt: dann eil’ aus dem schirmenden Lager

Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge

Sie in dem trocknen Geröhr’ an dem Weidenbache bei Marcheck:

Denn auch er wird also dir nah’n, und die Hände dir reichen

Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.“

Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.

Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens

Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte

Hüpfende Funken in’s bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger,

Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt,

Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau

Dacht’ er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen.

„Gern,“ so entgegnet’ er, „will ich mich ganz dem Winke des Kaisers

Fügen, und eilen in’s Feld, sein redlicher Bundesgenosse;

Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh’ dir nicht zur Heerschau

Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich’s lange verziehen.“

Sagt’ es; riß sich das Schwert von der Hüft’, und schlug in die Tafel

Dann mit der Klinge so stark, daß die ird’nen Gefäße zum Boden

Taumelten: ein’s das and’re im Flug zu Scherben zerschmetternd.

Wunder zu schau’n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn

Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war’s

Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter

Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle

Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers

Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer

Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern.

Schon erhob sich Geschrei und Getös’, und das Wiehern der Rosse

Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt.

Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen

Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen,

Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen,

Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.

Dort, auf dem sandigen Feld’, in fernhinschwindenden langen,

Drei Mann tief, geordneten-Reih’n aufritten die Kunen:

Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels

Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid

Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh’n.

Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders,

Ueber dem kürzeren Hemd’, das halb des Niedergebeugten

Rücken entblößt — doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel

Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder.

Zehnmal tausend’ erhoben zur Luft den blitzenden Säbel,

Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm’, und es führten,

Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan.

Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen,

Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene:

Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin.

Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias

Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr,

Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms,

Dräuend, in’s Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden.

Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter,

Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder;

Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren

Hängend, von hellblau’m Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell,

Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman,

Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen,

Ziert’ ihm den Leib, und der Bein’ anschmiegende, gleiche Bekleidung

Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen.

Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels

Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.

Als nun Hugo die Völker geseh’n, da sprach zu Matthias

Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer:

„Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers

Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren,

Einet die Brücke des Flusses Gestad’, und all das Geräth hier

Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil!

Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter

Edelster, folg’ mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher,

Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier,

Staunend, gewahren wirst; künd’ ihm: wir stehen den Feinden

Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!“

Sagt’ es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle,

Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen.

Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer

Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen;

Brandend flogen die Wellen zum Land’, und schäumten, und zischten

Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer,

Eilend zum Wallfischfang’ in schaukelnden Booten, auf einmal

Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen

Vor sich jagt, erseh’n: da werfen sie schnell die Harpun’ aus,

Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches,

Oder in’s breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt

Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund

Fährt er, und eilig herauf, und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth,

Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle

Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte,

Schäumt’, und braus’te die March, als jetzo die Kunen hinüber

Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse

Spornten, und all’ das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer.

Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er

Sich nicht lang’, und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe)

Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber;

Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.

Vierter Gesang.

Leis’ entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels

Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen

Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken:

Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand

Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend,

Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte.

Sieh’, als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen

Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum

Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers.

Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften

Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger

Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber.

Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen

Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß

Ueber die Heid’: er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin,

Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau

Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum:

Zeichen all’ annähernden Sturms und gewaltigen Regens.

Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager,

Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick’ in des Morgens

Dräuende Gluth. Er dacht’ im Geiste das dunkele Schicksal

Tausender, bis zu dem Abendlicht’ entschieden zum Leben,

Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau’nvoll,

Fallen des blutigen Kriegs — des holdumlächelnden Friedens,

Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen.

Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel

Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen:

„Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth,

Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen,

Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier,

Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!“

Aber mit Staunen vernahm’s der, einst kampfdürstende Marbod,

Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner

Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt’ es nicht fassen —

Er, der stets nur Schlachten ersehnt’, und glühenden Muths voll,

Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens.

Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert:

Ihm gebrech’ es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit

(Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter)

Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.

Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes

Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager,

Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied’, und der Schreiner.

All’ die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln,

Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret,

Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin.

Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach,

Strahlen gleich, fortzieh’n die länderverbindenden Straßen:

Diese nach Ungerland — nach Böhmen und Mähren die andern,

Eileten sie, zu erbau’n die Gerüst’ und die Schranken der Turnbahn.

Hundert Schritte, die Straß’ entlang, und der Breite nach fünfzig,

Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief

Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag;

Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht

So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck.

Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes

Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten,

Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug1

Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron’ und dem Zepter,

Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur,

Die an dem Saum’ umher von goldnen Blumen erglänzten.

Dort dem Herrscher und seinem Gefolg’, erles’nen Geschlechtes,

Standen die Sitz’ erhöht, und emporgereihet im Halbkreis’;

Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn,

Bauten sie auch; versahn’s mit emporgereiheten Sitzen

Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden,

Und erhöhten die luftigen Zelt’, entgegen der Prachtlug:

Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen.

Als der Krieger dem Zelt’ enteilete, stand er, vor Staunen,

Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth;

Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her

Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab?

Doch bald lacht’ er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister

Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes;

Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch

Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft’ erst

Selbes am mähnigen Hals’ mit der Hand, im freundlichen Zuruf;

Aber es scharrt’ in dem Grund’, und wieherte, gierig des Futters.

Rings erwachte Getös’ und unendlicher Lärm in dem Lager.

Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren

Hörbarer stets; dann sah das Aug’, umspähend, von fern her

Blitzen die Harnisch und Helm’, und endlich erkannte der Kaiser

Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet.

Angelangt im Gewölk’ umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher

Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen

Aus dem Sattel behend’, und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.

Aber er rief erstaunt: „Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim?

Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager?

Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden

Blumen umher — die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges

Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold

Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld

Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker:

D’rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet.

Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir,

Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!“

Meinhard sagte darauf: „Nicht hat uns der König von Böhmen

Ritterlich’ Ehre gewährt — gastfreundlich das Herz uns erheitert:

Grimm bewölkte sein Aug’, da er sprach, und finster uns ansah.

Wie der furchtbare Leu’ mit glühenden Blicken des Gegners

Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich

Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden.

Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier,

Frohere Kunde gebracht: deß’ will ich mich gerne bescheiden.“

„Zwar,“ so begann jetzt Lichtenstein, „versprach uns des Königs

Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte

Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh’n;

Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel

Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust

Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal,

Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten,

Minniglich schöne Frau’n und Fräulein, an gastlichen Tafeln

Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern.

Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen:

Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit!

Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher!

Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt,

Künd’ ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah’ ist die Zeit schon,

Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern.

„Dort,“ so sprach er vor uns, „soll’s bald allmänniglich kund seyn,

Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.“

„Gott befohlen das Ein’ und das Andere!“ sagte, gen Himmel

Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem

Wieder, mit sorglichem Blick: „Wo weilt mein tapferer Hugo?

Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche

Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.“

Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag

Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken

Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau.

Hugo war’s, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe,

Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber;

Doch nun hemmt’ er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet,

Lächelt’ ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte:

„Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind

Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen.

Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau,

Deß’ unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist,

Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein,

Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen.

Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen,

Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen,

Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König —

Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf’, und gewährt sie:

Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader,

Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck

In dem Geröhr’, längs hin dem Weidenbache, verborgen.

Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt’ ich zu reden, —

Von dem Kaiser zumal, und dem Greif’, wenn alles ihm abstirbt,

Wird die Zung’ allein stets rühriger noch mit den Jahren.

Auch gebrach’s nicht an köstlichem Trank’, an magyarischer Tänzer

Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet,

Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend:

Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.“

„Ruhe,“ so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser,

„Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt’ auf das Lager gesunken!

Aber euch beid’, obgleich ermüdet vom dauernden Ritte,

Lockt, deß’ bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn,

Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal

Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen.

Meinhard, zieh’ im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein,

Zinken, und Paukengetön’, und hundert erlesenen Reitern

Bis zu des Lagers Rand’ entgegen dem Herrscher von Böhmen:

Ihn zu begrüßen nach Würd’, und des Turnspiels Sitte geziemend!“

Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden.

Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug,

Eilete vor, und sieh’, ihm nahten die theuren Erzeugten

Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg

Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen.

Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön’, und Drometen

Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen:

Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings

Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren,

Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen:

Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her,

Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider,

Und erfüllte die hohen Gerüst’, augblendenden Schimmers.

Mitten im dichten Gedräng’ erglänzten, vor allen, die Edeln,

Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse:

Herrlich geschmückt der Reiter zugleich, und das wiehernde Schlachtroß.

Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden?

Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers,

Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher

Noch an errungenem Ruhm’ im dräuenden Felde der Waffen.

Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden,

Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war

Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp’ und dem Helmbusch;

Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken

Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget.

Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum,

Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt.

Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt’ ihm,

Haltend die zween hochragenden Speer’ in der nervigen Rechten.

Pauk’ und Dromet’ erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken

Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in’s dunkele Zelt ging.

Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen:

Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm

Ob der beständigen Treu’, und des nie zu erschütternden Muthes.

Meergrün hatt’ er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber

Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug.

Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum

Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet,

Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen.

Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand

Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang,

Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken.