Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen —

Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders

Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen,

Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen

Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen,

Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt:

Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben

Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater.

Nicht entbehrt’ er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte

Selber ihres Gefolg’s, und lächelte, stolz in dem Herzen

Seines Glücks, das höher denn all’ sein Reichthum ihn dünkte,

Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief.

Aber nicht lang’, da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert,

Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin —

All’, erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater

Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur.

Doch jetzt naht’ er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen:

Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch;

Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel,

Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder

Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses.

Jubelnd im Paukenklang’, erschollen die eh’rnen Drometen.

Doch jetzt naht’ ein Paar der Edelgestein’ in dem Adel

Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein. Aus der steyrischen Mark stammt

Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers,

Der sein Leben der Frauen-Ehr’ und dem Degen verschrieben)2

Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern:

Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters

Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft

Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter.

Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten

Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum

Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte

Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken.

Schmetternd klang die Dromet’, und die Pauken donnerten laut auf.

Sieh’ auch die beiden Demantberg’, auf welche sich Oestreich

Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes

Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer)

Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum

Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau’n

Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren

Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath

Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen.

Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk’ und Dromete Getön’ auf.

Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter,

Naht’ im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig,

Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug

Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser.

Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg,

Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen!

Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter:

Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein,

Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld,

Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend,

Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher

Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn.

Sieh’, gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte

Oestreichs ad’ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln!

Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht:

Ottgarn dort zu schau’n, als Freund: er säumte zu kommen.

Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken

Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren.

Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden

Oestreichs hurtig dem Zelt’, und schwangen sich auf in den Sattel.

Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart,

Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken.

Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet

(Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes)

Ritten entlang die Turnbahn all’, in der nervigen Rechten

Hebend den Speer in die Luft, mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug,

Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte.

Als sie gegrüßt — er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard:

„Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches

König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret:

Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels

Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter,

Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!“

„Wahrlich,“ so rief der Kaiser ihm zu, „nicht dacht’ ich: entrissen

Werde mir heut’ ein Glück, das ich ersehnt’ in dem Herzen

Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter,

Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt,

Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend.

Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold,

Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill,

Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.“

Sagt’ es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl. Da erhob sich

Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle,

Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen,

Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter

Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin.

Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos

Sollten sie seyn — zum Scherz, nicht zum Ernst gebraucht in dem Turnkampf.

Zween der Grieswärt’ hoben den Helm von dem Haupt’, und empfiengen,

Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern:

Jeglicher gab’s, mit dem Nahmen verseh’n. D’rauf schüttelten mehrmal

Jene die Zeichen umher in dem Helm’, und bothen (die Ordnung

Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and’re gefordert,

Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner.

Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen;

Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet,

Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme,

Allen verständlich, vor: „Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus,

Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung:

Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird,

Alle die Edeln, von Nah’ und von Fern, zu turneien am Tabor

Aufboth, die nach dem Recht’ und nach Rittersitte gemeint sind.

Weiche darum von hier, der bar ist der ad’ligen Ahnen-

Reih’ erhärtender Zahl, und der unehlich geboren;

Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches

Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung;

Der die Wittwen und Waisen bedrückt’, und das zarte Geschlecht nicht

Schirmt’ in Gefahr, nicht rächt’, als Mann, g’en schnöde Verläumdung;

Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist,

So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben:

Ferne mögen sie stehen, sie all’, und ermangeln des Vorzugs,

Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!“

Rief’s; dann faltet’ er wieder das Blatt, und barg’s in dem Busen.

Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein

Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter,

Und die Grieswärt’ theilten sich links und rechts an der Bahn hin,

Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts.

Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen

Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen.

Als der Kaiser die Kehrenden sah — dann vor sich das Volk dort,

Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter,

Edeler Herrn, und Frau’n, und zartaufblühender Fräulein:

Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte

Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung:

„Welch unzähliges Volk: nur die Ein’ ersehen wir hier nicht —

Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd

Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels —

Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft

Ehernen Lauts, und heißt all’ and’re im Herzen verstummen.

Weh’, daß ich auch die Kunringe hier vermiß’, und der Helden

Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden

Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter,

Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh’n;

Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!“

Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen:

Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling

War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen.

Sieh’, nun schwebt’ auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels

Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug

Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters,

Der mit geschlossenem Helm’ aus dem böhmischen Lager herüber

Spornte den Rappen im Donnergalopp’, an die Schranken der Turnbahn.

Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet:

D’rum erbangt’ ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten,

Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah

Er in dem Blick Dahomira’s, und kam, ihm rettend zu nahen,

Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben.

Immer schneller verschlang des Tages Heit’re der Wolken

Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand

Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner:

Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber.

Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands,

Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen.

Alsbald braus’te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken

Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck,

Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert’ ein fliegender Adler.

Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug;

Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners,

Den das Los ihm beschied, und sieh’, ihm nahte Capellen,

Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen:

„Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen!

Schon viel Rühmens hört’ ich von euch, Capellen! So laßt uns

Heut’ erseh’n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey,

Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers,

Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.“

„Wohl,“ entgegnete jener mit Trotz, „das laßt uns erproben,

Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch

Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.“

Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel.

D’rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels

Röhr’, und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr,

Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges,

Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog,

Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner

Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen

So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert,

Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog,

Und die Rosse, zurück’ auf die Hinterfüße gesunken,

Noch dem gewaltigen Stoß’ erzitterten, schreckenerfüllet.

Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen

Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall.

Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen

Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit,

Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt:

„Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden!

Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet,

Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz, in schrecklicher Feldschlacht

Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner!

Ihr brach’t zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten

Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut’ in dem Turn-Dank!“

Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen.

Stille wurd’ es umher, und es faßt’ ein heimlicher Schauder

Manchem die Brust bei’m ernsteren Wort des prophetischen Greises.

Doch nun braust’ im Sturm der schwarzgerüstete Ritter

Näher, und riß den Rappen zurück’ an dem leitenden Zügel,

Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte,

Wüthenden Grimms, am Gebiß’, und schnob, und streute den Schneeschaum

Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf.

Edelem Stamm’ entsprossen schien der gewaltige Reiter;

Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes.

Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden

Milota nah’n. D’rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers,

Reicht’ es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin.

Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken

Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten.

Dieser entfaltet’ es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme:

„Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter,

Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches

Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer

Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf

Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist.

Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!“

Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte

Wieder zurück. Da lispelte leis’ in die Ohren des Nachbars

Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen,

Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand:

„Seh’ ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung,

Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling,

Zawiß von Rosenberg,3 der weitgepriesener Anmuth,

Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon

Völlig gewann, das leis’ in heimlichen Flammen sich abzehrt.

Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten

Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold

Sich beilegte zum Weib: Kunegund’ ersehnt sich den Buhlen.“

Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter,

Zuckten die Blitz’ umher im Gewölk’, und auf ehernen Rädern

Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen

So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens

Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand.

Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf

Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein,

Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch,

Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners.

Sieh’, ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken

Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen

Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte!

Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden

Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm

Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig —

Sie, die Zierde der Welt, für welch’ er thöricht entbrannt war,

Reichen sollte die Hand zum eh’lichen Bund dem Erzeugten

Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt’ ihn erneut an!

Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt’ er

Wie er’s vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira,

Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis’ an das Ohr so:

„Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten

Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!“

Alsbald wandt’ er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken,

Lang’ nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt’ er gefrevelt.

Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich

Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen.

Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt

Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen:

„Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?“

„Nein, ich säume nicht!“ sprach alsbald der Zürnende, wähnend:

Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm

Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier.

Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten;

Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen,

Der nicht müßig geharrt: denn sieh’, jetzt trafen die beiden

Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen,

Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte

Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild

Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend;

Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer!

Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier

Glühend, nahm er das Abseh’n hoch nach dem Helm’, und er stieß ihm

Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald

Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin

Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter

Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt

Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm,

Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben.

Stille herrscht’ umher; kein Beifall krönte die Kämpen.

Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein

Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm

Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch,

Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers.

Ihn verhöhnet’ er frech, und begann mit stachelnden Worten:

„Kühlere Lüftchen umweh’n dich dort; hier fühlt es sich heißer:

Komm, und versuch’s! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.“

Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte

Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters.

Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte

Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter.

Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich

Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten;

Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn.

Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein

Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken

Ueber Ottgars Haupt. Er war’s, der heute des Nachtgrau’ns

Farbe zur Rüstung sich wählt’, als jene, voll höllischer Arglist,

Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen.

Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt,

Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden

Dicht umstrickt, daß kein’ Errettung mehr von dem Tod ist:

Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher,

Deß’, sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung

Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte.

Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel

Glüh’n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern

Dräu’n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten

Jetzt Drahomira’s zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte

Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein:

„Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück: d’rum hasch’ es im Flug jetzt,

Eh’ es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen:

Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling

Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt

Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling

Erst in den Staub; dann wende dich, nah’ ist der Kaiser, durchbohr’ ihm

Kühn die verräth’rische Brust, und entflieh’. Dein schreckliches Reitroß

Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt

Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.“

Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp’, als jene gesprochen;

Scharrt’ in dem Sand, und schnob, und drehte sich, wüthend, im Halbkreis’:

Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle.

Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter.

Ottgars Aug’ umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen,

Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier,

Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen

Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden

Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters:

„Wallstein, halt! Zieh’ hin zu dem Schrankenthor’, und vergönne

Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir

Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben

Deß’, der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.“

Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen:

„Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen,

Der so frech sich erweis’t, so unritterlich handelt, geschmähet,

Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.“

Rief’s, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe,

Nicht zum Kampf auf Leben und Tod — nur zum rühmlichen Scheinkampf

Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung.

Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt;

Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart’ dieß und auch jenseits;

Aber sie achteten’s nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind

Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner

Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung.

Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser

Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira’s

Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens

Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung

Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah.

Jetzt umfaßt’ er ihn heiß, und rief im Geistergelispel:

„Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend!

Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben

Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!“

Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher

Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte

Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten

Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen,

Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts.

Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden

Gegen einander die Ross’ auf dem Plan; doch, brausenden Fluges,

Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter

Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf.

Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners

Flammt’, und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken,

Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken,

Jetzo des Mittags Hell’ in Nacht verwandelten ringsum.

Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken

Bebte das Herz, als sey der Tag’ allletzter gekommen.

Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner

Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort.

Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild,

Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann

Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom

Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner

Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend,

Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin.

Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte

Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners.

Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig

Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend, sich bog, und entzwei brach.

Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm

Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth:

Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen,

Jetzt mit den hinteren scharrt’ in dem Sand — dann todt, und erstarrt lag.

Ottgar saß, geblendet vom Blitz’, und schnaubend vor Ingrimm

Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner,

Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel,

Naheten; doch er sann im schnell­hinschwindenden Zeitraum

Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn,

Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang;

Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar;

Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh,

Warf ihn entgegen dem Feind’, entblößte das Eisen, und rief ihm:

„Rudolph, heb’ ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben

Ottgar, zitt’re vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer!

Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung:

Rach’ allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!“

Rief’s, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber

Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe

Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried,

Und ihm sprengte sein Ehrengefolg’ im eiligen Flug nach.

Aber in wilder Verwirrung schrie’n, und entstürzten die ander’n

Rings den Sitzen, und floh’n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim.

Fünfter Gesang.

Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen

Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald

Und dem ersäuselnden Hain’ gewichtige Tropfen zum Boden.

Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen

Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur.

Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr

Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben:

Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner

Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden

Flatternd umher: als droht’ er entsetzlicher wiederzukehren.

Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben,

Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel

Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen,

Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er:

„Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend

Unsers mit Blut gefertigten Bund’s: an dem Kaiser — an Rudolph,

Rache zu üben — an ihm, der nach den geheiligten Rechten

Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth

Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft

Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden

Schmettert’, und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien

Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr.

Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh’nsherr

Rang um sein Eigen im Feld; sein ist’s, was dort ihm zu Theil ward —

König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse.

Wie, mir würd’ es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen,

Der aus dunkelem Wald’ aufragt, und zum schwindelnden Abgrund,

Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt,

Unnahbar dem Feind? Nicht sollt’ ich dort von den Zinnen,

Oder des Wartthurms Höh’n mit herrschendem Blick in des Abends

Goldenem Schein’ erforschen die Gau’n: ob, lauernd, der Gegner

Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten,

Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen,

Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh’n,

Kennend der Mauern Gefüg’, und in selben geschirmt nach dem Heimzug?

Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier,

Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann,

Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler

Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß’ Habe doch mein ist?

Nur in der Ritterburg, der Wieg’ erhebender Thatkraft,

Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch.

Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth

Ueber das rohe Gesind’, und die züchtigen Töchter, den Rosen

Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter;

Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang

Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er,

Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen,

So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens:

Nicht für die goldene Kron’ eintauscht’ ich die goldene Freiheit.

Sieh’, auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum,

Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten,

Eh’ er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales

Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub’rischen Tönen

Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten

Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen

So, daß in wonniger Lust, wie im Flug’, uns die Stunden entschwinden!

Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben?

Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht,

Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend,

Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe,

Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher!

Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt?

Hast du Rache geübt? — denn Schreckliches kündet dein Aug’ an.“

Sagt’ es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen

Ihn noch schrecklicher an, und rief: „Ja, Rache geübet

Offen vor allem Volk! Wohl sagt’ ein höllischer Geist mir

Heimlich in’s Ohr: „Durchbohr’ ihn!“ doch mich dünkt’ es zu niedrig:

Morden! Ein Leichtes war’s, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm

In die verräth’rische Brust — er zitterte! heute zu tauchen;

Doch nur in offener Schlacht, das Aug’ auf das Auge geheftet,

Soll er mir steh’n, und, fallend, im Staub’ aushauchen das Leben.“

Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so:

„König, verzeih’: er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier

Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt’ ich, als er so muthvoll

Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen

Weise davon. Gut war’s: nicht wehrlos falle der Gegner,

Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen:

Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.“

Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens

Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte,

Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen

Milota’s. Jetzt entblößt’ er das Schwert, und flehte zum Himmel:

„Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht;

Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes

Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner,

Höre mein Fleh’n, und laß’ mich jetzt vergelten im Vollmaß

Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu’ und die Wahrheit,

Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt:

Heimlich im Zelt sollt’ ich ihm huldigen — schändlicher Trug war’s!

Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter

Meiner Erzeugten weis’t die unschuldigen Opfer des Truges

Mir, im verzweifelnden Schmerz. O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!“

„Ihr,“ so rief er den Feldherrn laut, „erhebet die Banner

Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn:

Dort von dem Weidenbach g’en Wien zu dringen, entschlossen.“

Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch.

All’ die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen

Tausender: „Auf! In den Kampf! Wir geh’n den Feinden entgegen.“

Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh’rner Drometen

Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse.

Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt’ aus den Fluren,

Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer’smacht

Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen.

Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs

Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg;

Sah die Tausende zieh’n, und heischte von Diesem und Jenem,

Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten.

Lobkowitz führt’ in dem Vorderzug die böhmischen Reiter;

Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht,

Milota, der in der Mitt’ einher vor den Reussen, den Meißnern,

Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt’ in dem Nachzug

Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring’,

Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes.

Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch

Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein

Ritt ihm zur Seit’ — auch er versunken in düstere Schwermuth:

Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung

Blüht’ ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn.

Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt’ er,

Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing.

Jetzo schwand das hüg’lige Matz zur Rechten, und Angerns

Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber.

Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter,

G’en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen

Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht’ er

Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling:

„Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort?

Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch,

Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden.

Siehe, wie düster die March jetzt fließt, und wie herrlich erschien sie

Dort an dem Tage von Kressenbrunn,1 wo im Siegesgefild mir

Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König,

Zahllos, wie der Heuschrecken Heer’, uns entgegengeführt hat!

Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet’ ich dankbar

Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses.

Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch,

Und ich folgt’ ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer.

So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens

Pilgerpfad’ empor zu schießen, voll üppigen Wuchses;

Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen,

Wie die thürmend’ Eich’, die ihr Haupt in die Lüfte gehoben,

Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte,

Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich’ und gewaltige Völker

Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen,

Und mir ahnet es fast, ich hab’ sie errungen: zum Abend

Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau’n.“

„Das sey ferne,“ so rief den schwärmerischtrüben Gedanken

Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, „das Dunkel

Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne

Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne!

Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir

Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg’ im Triumphzug

Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:2 so winkt jetzt,

Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet

Roma dir die Thor’, und erblickt die Krone der Kaiser

Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen.

Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam —

Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest,

Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!“

Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille,

Wie er gebothen zuvor. Doch sieh’, aus den nächtlichen Wolken

Senkte sich Arpad3 jetzt in Eile herunter! Ein Vater

Ward er genannt dem Magyaren-Volk’, und aus seinem Geschlecht her

Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König

Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend,

Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht’, und der Sitten

Mildere Form kund gab, auch Gesetz’ ihm schenkte zur Wohlfahrt.

Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen,

Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell

Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum

Lag auf dem Bärenfell’ im grasumwucherten Aufeld;

Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm

So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen

Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt’, entrüstet, umher sah.

Arpad haucht’ ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel:

„Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder,

Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau’n und der Zither

Sanftem Getön? Wach’ auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen

Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes,

Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns,

Wenn die Feinde sich trafen im Feld’, und der Würgenden Ruf scholl.

Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos

Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit.

Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm’ in täuschender Stille

Eilig die Straße hinab g’en Thalsbrunn, dort in des Lagers

Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall’ und dem Graben

Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen.

Zahllos regten sich dort viel’ Tag’ und Nächte die Gräber,

Die er entboth in dem Land’ umher voll schrecklicher Drohung;

Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend,

Kommt mit schwachem Gefolg’ auch der König vorüber, und langsam

Folgt ihm die Wagenburg: d’rum schnell an das muthige Werk jetzt!

Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter

Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr’, an dem Heerweg

Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen

Und von der Wagenburg; dann all’, im sausenden Eilflug,

All’ auf ihn los, und erhascht ihr ihn, schnell in Geschrei und Getümmel

Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang’nen.

So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser —

Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!“

Sagt’ es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein,

Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg

Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen.

Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König

Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh’, eilig erhob er

D’rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen,

Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh’n,

Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war.

„Eile,“ so sprach er zu ihm, „mit tausend erlesenen Reitern

Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht

Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah’ ist:

Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen;

Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen!

Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel,

Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.“

„Ich vernahm es,“ entgegnete stolz der muthige Feldherr,

Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten

Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs

Harrend, in’s Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf

Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken,

Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut:

Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend?

So der Kune dahier. Doch sieh’, bald wogten des Feindes

Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend,

Naht’ auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel

Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel

Klirrender Waffen, und brausender Ross’, und der stürmenden Krieger

Lautem Gejauchz’ erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar

Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel,

Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel,

Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben.

Wallstein rief alsbald dem Gefolg’: „O, schließt um den Herrscher

Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir

Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!“

Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen,

Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit’, umringten den König

Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind, der, ähnlich dem Sturmwind,

Naher und naher im Flug, herbraust’ auf dem staubenden Heerweg.

Kaduscha hieb der erst’ in den Kreis des kühnen Gefolgs ein.

Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings

Mannen, die Stirn’, und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen.

Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds

Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ:

Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau,

Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm

Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel.

Jetzo hatt’ er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich

Jener sogleich im Gedräng’, und rief nach dem Führer des Volkes,

Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung —

Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären

Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden.

Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier

Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft.

Vier’ erwürgt’ er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens

Zobor tief in’s Genick’, als er nach dem Gegner sich beugte.

Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus.

Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter,

Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg;

Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen,

„Und euch allen,“ so sprach sie, „ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt

Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er’s heischte, benehmet.“

Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich:

Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert,

Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger,

Und Verderben umgab stets näher und näher den König.

Wie wenn nächtlich im Wald’ ein wandernder Fleischer, von Räubern

Angefallen, mit tapferem Muth’ sich wehrt, und der Gegner

Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich,

So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten

Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend,

Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern

Niederreißt am Genick’, und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet,

Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben

Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein.

Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte,

Schrie er ihm zu: „Mir nach, mein König und Herr!“ und er bahnte

Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad.

Ottgar folgt’ ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder.

Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau’n, und gesprengt war

Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden,

Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel

Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner;

Doch die kehrten zurück’, und des Königs treue Geleitschar

Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich)

Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen.

Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend

Allen das Haupt von dem Rumpf’, und es dann auf die Spitze des Säbels

Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt:

Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten

Hingestreckt im Staub’, und erwürgt von den tapferen Feinden.

Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres

Nähe gelangt; nur die Höh’n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen,

Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen.

Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt

Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt’ ihn dem Tod schon

Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages,

Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar!

D’rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater,

Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen:

Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen,

Streckt er sogleich ihm nach die klau’nbewaffneten Pfoten —

Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen

So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen

Milota’s Ottgarn stets, der Rach’ ihn zu opfern, entschlossen.

Jetzo gewahrend: er sey’s, begann er von weitem zu rufen:

„Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten

Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht,

Wandelt auf glattem Geröll’, an des Abgrunds schwindligem Rand hin:

Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen

Leis’umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut’ ihm,

So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?“

„Mein Gefolg ist todt,“ entgegnete jener, „gefallen

Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling

Hier verdank’ ich das Leben allein; stets hielt er im Leben

Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.“

D’rauf hinbeugt’ er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt’ ihn

Auf die glühende Stirn, und drückt’ ihm die Rechte noch freundlich.