Jener, mit Freudenthränen im Blick’, erwiederte, hebend

Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen.

Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung

Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes,

Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht.

Wehe, daß Drahomira so nah’ ihm war in des Nachtgrau’ns

Schrecklicher Stund’, und stets auflauerte, daß sie, verderbend

Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll!

Hufesgerassel erscholl: denn Milota’s Reitergeschwader

Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: „Der Feind ist im Anzug!“

„Ha, der Feind!“ rief Milota laut, und in wilder Verwirrung

Jagt’ er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin.

Ottgar folgt’ ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer

Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen.

Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld

Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher

Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld’ auch.

Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings;

Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes:

„Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg,

Wo in dem nächtlichen Grau’n nur menschenfeindliche Geister

Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang?

Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle,

Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen!

Fort, g’en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth

Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!“

Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel;

Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder,

Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber.

Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend,

Als die Ross’, oft zögernden Gang’s, aufschritten den Bergpfad:

„Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich

Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel,

Der dein Blatt dir weis’t in dem Buche des Lebens und Todes?

Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes,

Was du verübt seither, schon heut’ im nächtlichen Irr-Ritt?

Grauses vernahm mein Ohr. Ist’s Wahrheit, oder nur Täuschung,

Was die Sag’ uns gab von dem blutbesudelten Handel

Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen,

Hast du Schätze gesandt nach Wälschland — heimlich verbündet

Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich4

Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten?

Hast nicht Erbarmen geübt, als d’rauf die Mutter des letztern,

Gertrud,5 sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben,

Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit?

Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn,

Margareth?6 Ward der edele Herr und Ritter von Meißau

Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?7

Nicht die Heldenschar, von dem Pettau’r,8 niedrigen Herzens,

Angeschwärzt, jahrlang’ in schmählichen Banden gehalten —

Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh’ dort auf dem Hügel

Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe

Dreh’n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten!

Hu, aufsträubt sich mein Haar — und dennoch lieber gehenkt dort,

Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger9 den Frevel!

Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden,

Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen

Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester

Bild — geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht’ er,

Eh’ er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen.

Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr! Daß ich jetzo der Tochter,10

Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk’ es dem Vater,

Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward.

Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!“

Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: „Vater, Verzeihung;

Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!“

„So?“ — sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater.

Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen

Knirscht’ er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme:

„Milota, sieh’, wie es über den armen Sündern erblitzet!“

Sagt’ es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota’s Schulter.

Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht

Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira

Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen.

Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle

So, daß der Halbentseelte noch zuckt’, und bebte vor Schrecken,

Als er die Furchtbar’n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier

Starrten mit weitgeöffnetem Aug’ todblasse Gesichter,

Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira’s,

Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau’n.

Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf, und hinunter sich schwingend

Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer,

Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm’ und Käferchen spähet,

Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen

Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg.

(Zwischen Ottgar hier, und Milota — aber vor Wallstein

Dort, der zögernd folgt’: in täuschende Träume versunken

Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath.

Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten

Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern

Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling,

Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen

Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten,

Vor den Drei’n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft

Grimmvoll murrt ein Drach’, das Gift auf den furchtbaren Unrath

Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich

Dann im Weh’ausruf des Höllengefolg’s in den Luftraum.

Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles

Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle

Hingebannt von der Macht Drahomira’s, des schrecklichen Weibes.

Ha, schon naht’ er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm

Auf der Stirn’; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf

Ottgars: „Daß er ein Sohn ihm sey — dem liebenden Vater.“

„Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet!

Himmlische Hoffnung!“ Rief’s; da bäumte schnaubend sein Reitroß

Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf,

Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen,

Hedwigs Stimm’: alsbald vorspornend den hurtigen Läufer,

Stand er gebannt in dem Zauberkreis’, und urplötzlich, so wähnt’ er,

Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft.

Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen:

Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell

Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen,

Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle.

Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte

Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen,

Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt

Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth’. In den Adern

Kocht’ ihm das Blut, und im kreisenden Schwung’ umgaukelte jenes

Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber,

Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater;

So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet,

Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.

Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel

Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten:

„Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf?

Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit

Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz

Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt:

Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung

Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben:

Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden

Niedergehalten. Verzieh’; o denke des Ewigen, reuig;

Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens,

Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!“

Sagt’ es, und schwang sich empor zu dem Vater im Himmel, deß’ Antlitz

Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig.

Aber der Jüngling rief: „Ward erst der Seligen Wonne

Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle

Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich’s — will es nicht wissen; es dreht sich

Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!“

Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein:

Brausenden Sprung’s trug fort ihn das Thier, bis er’s vor dem Herrscher,

Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog,

Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh’n: denn wüthenden Ingrimms

Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz,

Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König:

„Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater

Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne!

Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben,

Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm

Heut’ in dem Herzen gewühlt — frechlautende Worte gesprochen.

Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst,

Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird’s nicht verschmähen!

Halte dich künftig entfernt von mir — auch jetzt in dem Feldzug,

Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.“

Jener lächelte grimmig, und rief: „Recht hast du gesprochen:

Weichen will ich — im Kampf’ entfernt dir stehen; der Tochter

Stets gedenken, und flieh’n die Nähe des dräuenden Herrschers.“

D’rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling:

„Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen

Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend,

Hingest an mir: doch heut, wie lohn’ ich geziemend die Thaten

Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem;

D’rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner.

Sieh’, am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch

Hochverherrlichet steh’n vor meiner versammelten Heersmacht;

Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks,

Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!“

Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben:

„Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater

Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes,

Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist:

Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet!

Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung!

Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins:

Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam

Steht dir dankbar bereit — für dich zu sterben, entschlossen,

Tapferen Muth’s im Feld’, ein mächtiger Schirmer des Thrones,

Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest.

Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers;

Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!“

„Tod und Hölle!“ so rief entrüstet der König, „wie ward mir

Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen?

O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen,

Meine Hoffnungen all’, auf dich gegründet, und trotzest

Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars

Tochter zu frei’n — um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten?

Schwind’ aus dem Glanz der Sonn’, aufdämmernder Stern, und durchlaufe

Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen!

Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen?

Sieh’, ich schlage dich jetzt — doch, wiss’ es, Bube, zur Schmach nur:

Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!“

Rief’s, von der Hüfte sich reißend das Schwert. Er schlug mit der Kling’ ihn,

Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht,

Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl.

Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen,

Hielt’s so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden

Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken

Lang’ um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich

Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel.

Sechster Gesang.

Sieh’, im rosigen Duft versank die glühende Sonne

Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum

Schon die Gefild’, als jetzo von Neuburg her an der Donau,

Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen,

Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren

Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers.

Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold-

Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht,

Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich

Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges

Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey.

Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum

Nah’ war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau

Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften

Nah’n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen.

Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer

Wandernd, und d’rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten,

Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein,

Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr,

Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen,

Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.

Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin

Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen.

Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern;

Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo:

„Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben

Theuer verkaufen im Handgemeng’: ein schrecklicher Kampf sey’s!“

Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter

Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe.

Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen

Eben die Mauern der Burg: er war’s, der näher gesprengt kam.

Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen:

Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen;

Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum,

Hastig an Czernins Seit’, und hemmt’ ihn mit täuschenden Worten:

„Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier,

Sondern die Freund’, entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang

Zieh’n an der Vest’ umher, und erforschen: ob nicht die Gegner

Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen?

Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.“

Sagt’ es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so:

„Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen,

Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf.

Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung,

Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch’ ihm!“

Aber der Eilende sprach: „Mich däucht, ein Höllengeflister

Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen

Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter:

Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh’n die heilige Jungfrau —

Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn’ an das Herz legt,

Und das erfüllte Gelübd’ erringt der Mutter Genesung?“

Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend

Trug es ihn fort im Galopp’ auf die Höh’n des umnachteten Berges.

Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut’ er dem Knappen den Renner;

Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal

Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang

Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel,

Von dem Pförtner getrieben, im Schloß’, und in schweigender Ehrfurcht

Ließ er den Ritter, der „Gelobt sey Jesus!“ ihm rief, ein.

„Ewig!“ gab er zurück’, und verschloß die Thüre mit Sorgfalt:

Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten.

Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen,

Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter,

Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut

Rufend: „Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden,

Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle,

Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen.

O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!“

„Jüngling!“ so rief der Erwachende jetzt, „was treibest du rastlos

Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen

Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen

Heil’ entspricht: stell’s heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.“

Sagt’ es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer. Er schlief dort

Immer im härnen Gewand’: um das Grab sein Lager zu tauschen

Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen.

Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war,

Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth

Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit

Klar an der Stirn’ ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn

Seelenfrieden und Ruh’ in seinen erhelleten Zügen

Wahrnahm. Dennoch wagt’ er es nicht, ihm zu folgen in Gottes

Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber,

Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet,

Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten

Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf;

Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken:

Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben

Opfernd, Brot und Wein darreicht’; er Worte des Segens

Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth

Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß

Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling

Ganz in heiliger Gluth und in herzdurch­schauernder Andacht

Aufgelös’t, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen

Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob,

Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war.

Graunvoll stand ihm Odins1 Altar vor den Augen, und Sclaven

Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten.

Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend,

Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben!

Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber,

Schüttelt’ ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied:

„Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung,

Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung,

Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel.

Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie

Jenseits wieder im Glück’, im ewigen, wahren, und einen!“

Als er sich wandte, zu geh’n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch,

Drückte sie glühend an’s Herz, und rief mit thauenden Wimpern:

„Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter: zur Kriegszeit

Haben die grausamen Feind’, unmenschlich vor Wuth, in der Kammer

Beid’ erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben!

Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters

Einsamer Zell’. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens

Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen

Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!“

Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief: „Der Freundschaft erwähnst du?

Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen;

Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren

Schmerzlicher Trennung — sieh’, drei Schritte von hier, an der Mauer

Dort, erkannt’ ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl

Her aus dem Wettergewölk’, und todt, und erstarrt in den Armen

Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer

Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer!

Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand’rung

Hab’ ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten,

Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen

Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken

Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös’ lauttobender Menschen!“

Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel;

Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen.

Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten.

Rüdigers horchendem Ohr’ entging das warnende Wort nicht,

Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen

Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick

Unten im Felsengang, wo er häuft’ in Menge die Waffen,

Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen,

Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung,

Wandt’ er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor,

Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen,

Nie des rollenden Wagens Getös’: nur jenen zum Frommen

Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung

Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar.

Jetzt erscholl die Glock’ aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms,

Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers,

Und ummurrend lang’ in dem leis’entschlummerten Luftraum.

Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen —

Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet,

Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert

An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor

Standen die frechen geschart, des Wink’s von Rüdiger Waldram

Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner:

„Günther, muthig an’s Werk! Mit Hundert deiner Erwählten

Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen

Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt!

Hundert send’ ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern,

Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen,

Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken

Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen

Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel,

Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen

Wach aus dem Schlaf’ zum Kampf g’en Rudolphs bebende Söldner!

Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen;

Doch, so er siegt’? — ein Unterpfand ist unser: die Mutter,

Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen,

Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung.

Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol

Will ich, ein Bettler zieh’n, als Rudolphs Zepter gehorchen!

Kommt; viel lieber den Tod, als solch’ unwürdiges Leben!“

Rief’s, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner

Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen;

Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs

Heitere Stirn’ der Wandelnde stets mit Freuden gewahret:

Da er ihm so viel sonn’erhellete Tage vorhersagt,

Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer,

Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm

Dumpf die Glock’ ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen,

Sieh’, da stand er erstarrt! Ein Schrei — doch schrecklich zu hören,

Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber,

Klapperten ihm die Zähn’. Er sah zwölf Schattengestalten:

Häßliche Weiber der Stimm’, und wankende Greise dem Gang’ nach,

Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken

Altersschwer gebeugt: die Klag’ genannt von dem Volk dort,

Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel’) auf der Schulter

Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen,

Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg

Steilrecht schwebend empor — fort über das Dach, und verschwanden

Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer.

Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren,

Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben,

Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis;

Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr’ an der Kammer vorüber,

Wo, zumal bei den Fürsten des Volks — bei den Mächtigen, Hohen,

Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet.

Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten

Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer;

Schrie’n von fern: „Wer da?“ und fragten zugleich um die Losung.

Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt:

Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann

Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte

Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme;

Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten

So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern

Nun zum Glück’ erregt von dem angstergriffenen Mann dort.

Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger,

Günther, mißlang: da mahnt’ er sogleich die Seinen zur Rückkehr,

Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor.

Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs

Mauern sah er die Stub’ erhellt, und die Krieger entschlummert.

Nur die Wach’ allein ging inner dem Thore den gleichen,

Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter

Hatt’ er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen.

Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger,

Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie, ihn zu tödten, entschlossen.

Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte

Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst

Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog,

Albrecht, rief! Er sann, des Kind’s und der Gattinn gedenkend,

Einen Augenblick; dann dacht’ er der Pflicht und der Rettung

Seiner Gefährten: er schrie — der edelmüthige Krieger

Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin.

Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub’

Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram

Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf.

Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger

Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne

Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens

Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen

Hämmernder Schlag von dem Schild’ und dem Helm der kämpfenden Männer.

Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß

Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter,

Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier’ auf dem Schauplatz

Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern

Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren,

Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl:

Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor,

Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern.

Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel,

Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag,

Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier,

Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach

Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen

Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf:

„Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh’ ich erfüllet,

Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes.

Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner

All’ erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind —

Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung!

Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores,

Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.“

Czernin jubelte nicht. „Fürwahr,“ so sprach er bedeutsam,

„Viel ist gescheh’n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne:

Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen;

Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes

Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes

Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen

Huldigen, kalt vom Erob’rer gekehrt — nicht selten auf immer.

Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil;

Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr

Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad’ aus.“

Sagt’ es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger,

Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend,

Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth

Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will,

Seinem Volk’ es eröffne zur heißersehneten Rettung.

D’rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen:

Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel

Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken

Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen,

Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt,

Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung,

Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter

Auf aus dem ruhigen Schlaf’, und stürzten herbei an das Fenster,

Weinten, und rangen die Händ’, umschart von heulenden Kindern.

Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar

Schlug ihm der Wind um die Stirn’ und die toderblasseten Wangen —

Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich.

Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur,

Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen

Ehedem: treu verharrt’ in der Pflicht die bessere Mehrzahl.

Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen

Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand.

„Hartmann!“ scholl’s in der Burg, und „Hartmann!“ rings in den Straßen

Aengstlich und laut — umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh’n.

Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold,

Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond,

Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob,

Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf:

Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen.

Rüdiger stürmt’ auf Hohenried, der vorne die Scharen

Ordnete, los, und schrie: „Dich, Rudolphs treuen Gesellen,

Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle

Senden: verkünd’ es nur dort, daß sie folgen, und keiner entrinnt mehr!“

Rief’s, vorschreitend, und jener begann: „Gewaltiger Prahler,

Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde,

Trau’n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel,

Den du verübst g’en Treu’, und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!“

So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung.

Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen

Schwingend, und drang grad’ aus auf Rüdigers pochende Brust ein.

Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet,

(Ottgars Löwen zum Ruhm’) auf dem Schild von mächtiger Wölbung:

Dieser wehrte dem Stoß’, und der sprödere Stahl, auf des Leu’n Haupt

Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut

Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall

Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens

Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch,

Blutumhüllt, entsank — er wehrlos stand vor dem Gegner.

Sieh’, er hätt’ ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger

Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich

Hinter die Reih’n, wo ihm Hülf’ und erquickende Pflege zu Theil ward.

Waldram schrie: „Getreue, nun vor! Des Führers beraubet,

Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn

Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr

Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet

Sie in das Kloster Sanct Dorothe’; doch führet sie sanft hin:

Denn sie that uns kein Leid, und nah’t, abzehrend, dem Grab schon.

Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte,

Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!“

Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer

Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar,

Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof.

Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte

Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften

Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes,

Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen,

Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten

Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten,

Arnold, dort zu steh’n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur.

Dichtgedrängt in Reih’n, vorhielten die Schweizer die Lanzen

Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse

Wütheten — d’rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter

So, daß das Blut aufwogt’, und die starrenden Leichen bewegte:

Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner.

Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling,

Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers

Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet.

Nicht besann er sich lang’, und eilte hinaus nach dem Tabor,

Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager

Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt

Hugo’s, den er erst gestern warnt’. Ihn dacht’ er zu wecken,

Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel:

„Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs

Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther

Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen.

Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes:

Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!“

Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers

All’ das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen.

Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit

Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte!

Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen:

„Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises

Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs

Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram.

Willst du’s, Herr, so eil’ ich mit reisigem Volk vor das Burgthor,

Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh’ ihr Flammen entfahren!“

„Nein, ich fürchte sie nicht,“ so entgegnete jener, „den Auswurf

Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern

Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht

Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern

Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer,

Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten?

Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten.

Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch:

Denn ich bau’ auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.“

Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden

Hugo, im sicher’n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin;

Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors

Graben ersah. Dort hemmt’ er das Roß, und winkt’: ein Drometer

Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh’, bald riefen die Krieger,

Kletternd herauf an dem Wall’: „Ist’s Hartmann, unser Gebiether?

Kommt er, ein Retter, heran in der Stund’ entsetzlicher Nothwehr?

Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!“

„Gott, und das Vaterland!“ so gab mit gewaltiger Stimme

Hugo zurück, „ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich:

Aber nicht Hartmann — nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!“

Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere

Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger

Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides

Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war’s! Ihn erkannte der Vater —

Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen

Faßten wechselnd ihn an; nur leis’ und furchtsam begann er:

„Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen,

Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr

Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel

Seh’ ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum

Einer entflohenen Stund’! Ich räch’ ihn, und sollt’ ich auch fallen.“

Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau’n, wie er vor sich

Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling

Ueber das Thor, das erst mit Getös’, auf den Graben gesenkt, fiel,

Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs

Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder,

Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein

Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend,

Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte,

Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen,

Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen:

Denn er wähnt’ errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen

Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren.

„Halt, Verruchter!“ so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann

Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf,

Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier,

Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer

Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen.

Flammen sprühte sein Aug’, und aus seiner erhobenen Rechten

Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte,

Wandte sich dieser, und rief: „Ha, du, Verhaßter vor Allen;

Jetzo nur muthig heran: euch all’ entsend’ ich zur Hölle!“

Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind’ entgegen, und strebte,

Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen;

Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl

Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams

Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin.

Doch nicht rastet’ er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel

Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier

Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts

Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften.

Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern,

Schnell die Waffen von sich, und floh’n, im Verborgenen Rettung

Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.

Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen

Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt in dem Wuthkampf,

Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng’ an

Dort vor dem Gotteshaus’, und wehrten sich: alle für Einen,

Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur.

Keiner wär’ ihm entfloh’n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug,

Näher der Reisige kam, und schrie: „Erschlagen ist Waldram:

Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem;

Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.“

„Freunde,“ so rief ihr Hort den Reisigen, „Rüdiger Waldram

Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren — der Festung

Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils

Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt’ er den Frevel.

Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!“

Rief’s, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor

Jagt’ er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel

Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet’ er, bis er die Fähren

Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau.

Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr,

Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung

Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.

Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter

In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor,

Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater

Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes.

Dieser begann: „Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs:

Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen

Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg, die er, frevelnden Fußes,

Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur.

Dennoch steh’ ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen —

Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn

Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög’ es dich treffen!“

Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an,

Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme:

„Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter,

Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam;

Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung

Bannen: ihr solltest du steh’n ein Hort in dräuender Kriegszeit,

Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen,

Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr?

Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest

Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers.

Dein Vergeh’n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger

Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen!

So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute,

Stellst du’s wieder zurück’, in die Hände des Helden von Tauffers.“

Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend.

Sieh’, jetzt kam aus dem Thor’ ein Jüngling gelaufen, und rief so:

„Herr, voll Angst erschein’ ich, ein Both’ aus des Jammers Behausung.

Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter

Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer

Zwölf’ ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!“

Hartmann warf sich vom Roß, und flog — ihm folgte der Vater,

Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer,

Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen

Wieder zum ewigen Glück’ und nie vergänglicher Wonne.

Ihr zu dem Haupt’ und den Füßen, die Stirn’ in die Hände geheftet,

Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal,

Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet.

Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend,

Ihr die erkaltete Hand, und der leis’aufweinende Vater

Warf sich im stillen Gebeth’ auf die Knie’. Nur Seufzer erschollen;

Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen.

Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken

Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt,

Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes,

Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen?

Feierlich schallt ein Wehe-Getön’ aus der Orgel: Posaunen

Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores,

Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter,

Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen,

Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen

Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen

Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen.

Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle

Jener Verewigten schon, mit der Stirn’ zum Altare gewendet,

In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg.

Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen

Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet,

Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen.

Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester

Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar

Liegt auf den Knieen, und schluchzt: um die Beste der Fürstinnen trauernd,

Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen.

Aber, erschütternd zu schau’n: nicht fern dem heiligen Altar,

Knie’t, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser:

Alle zugleich vor Schmerz erblaßt — wie gealtert seit gestern!

Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen

Nach dem Sarg’, und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten,

Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig!

Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war,