Schwebte der Sarg, vom Gerüst’ auf kräftige Schultern gehoben,

Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet,

Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm;

Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort

Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.2

Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten,

Albrecht: „Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters

Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind.

Ach, mich zög’ es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern,

Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn

Meines Lebens vor mir; nicht hör’ ich die Worte des Trostes

Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers

Nah’n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens,

Die uns umfingen mit Lieb’, und wir steh’n am errungenen Ziel oft,

Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will!

Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes,

Uns’rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung

Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens

Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh’n,

Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist.

Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth’, und getreulich

Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld,

Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter

So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen

Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte.

Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen

Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken,3

Die uns, auf Flöß’ erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt,

Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme,

Wohl behau’n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern.

Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger,

Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge

Rasch mit dem Heere dir nach, und steh’ an dem kommenden Morgen

Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern

Tapferem Volk, im Rücken des Feind’s, und im mächtigen Vortheil.

Rühmt er der Menge sich gleich, doch siege die Treu’ und das Recht nur.“

Jener begann alsbald: „Mit Freuden gehorch’ ich dir, Vater!

Aber, o sieh’, da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges,

Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit

Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß

Bändigen lehrt’ auf der Ritterburg, ein tapferer Degen,

Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!“

Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet:

Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also:

„Leb’ wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle,

Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden

Sind’s, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann

Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer!

Fort an den vaterländischen Rhein — hinüber nach Aargau,

Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!“

Rief’s; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg

Plötzlich dahin: ihm sah’n die Beiden mit thränendem Blick nach.

Siebenter Gesang.

Marbod sah aus den Wolkenhöh’n, verglommenen Blickes,

Wie der Mond, umflort von herbstlichen Nebeln am Morgen,

Lang’ auf die dämmernden Fluren herab. Er dachte des Bruders

Ernst auf dem Kahlenberg, der kriegrische Thaten verschmähend,

Froh in der Einsamkeit verharrete: selbst, da ihm Hartmann

Ehre und Vortheil both in des Throns hellschimmerndem Umkreis.

Völlig fremd erschien ihm die Erd’, und verändert der Menschen

Leben und Geist. Nur Feindes-Gewürg im Schlachtengetümmel

Sann er sein Lebenlang; nur Kampfmuth heisch’t er vom Manne,

Und, ergrimmt, so ihm einst das heiß Ersehnte versagt war,

Schlug er den Stein mit dem Schwert’, und spaltete Bäume des Waldes —

Ja, was jetzt ihn zermalm’t, unschuldigen Menschen die Scheitel:

Denn jetzt hört’ er von Liebe des Feinds, versöhnender Sanftmuth,

Schonung, und froher Geduld, und des Friedens sanften Gebothen.

Feig und entnervt erschien ihm fürwahr dieß Volk, so er seither

Nicht mit staunendem Blick sein Heldenleben gewahrte:

Seinen Muth in dem Kampf’ und im Tod, der Helden zu Theil wird.

Doch nun horcht’ er, erstaunt: im lauten Getöse der Waffen

Kam des Kaisers gewaltige Macht auf dem stäubenden Heerweg

Näher. So, wie der Sturm, empört, hersaust, und die Blätter,

Tausendfältig bewegt, aufrauschen im finsteren Waldthal:

Also klang in sein Ohr des kommenden Heeres Getümmel.

Alsbald schwebt’ er vom Morgengewölk nach den Zinnen der Heunburg

Hin: einst Attila’s Burg, der sich, als König der Heunen,

Furchtbarn Ruhm gewann, da er Gottes Geißel genannt ward;1

Doch verödet aufragte die Burg in die Lüfte; der Epheu

Kroch an der Mauer umher, und durch weitgehöhlete Fenster

Sah der bläuliche Himmel herab in den grasigen Hofraum,

Wo vom zerschlag’nen Gesims’ ureinst verfallener Bögen

Sich der Dornstrauch hob, und im Windesgesäusel sich wiegte.

Dort von des Wartthurms schwindliger Höh’ ersah er des Kaisers

Nahende Macht, und ihn selbst inmitten der tapferen Scharen:

Wie auf dem feurigen Roß er schaltete, hin und herüber

Eilend, sie in geordneten Reih’n zum Ziele zu leiten.

Unabsehlich hinab auf der Straße war reges Gewimmel,

Lärm, und Getös’. Im Lichte der hellaufstrahlenden Sonne

Lachten die Fluren rings, und sie sog aus den blanken Gewehren,

Aus dem Harnisch und Helm, wie der Blitz augblendend, die Funken.

Jetzt, wo am Fuße des Bergs sich weit hinüber, im Halbkreis

Windet der Donaustrom, anlangten des Heeres Geschwader.

Zweifach theilt er sich dort, und streckt ein liebliches Eiland,

Gegen die breiteinmündende March zum linken Gestad hin.

Sieh’, und all’ die Nacht anschwammen die mächtigen Stämme

Wolkengethürmter Fichten, gesandt aus dem südlichen Forstland

Oestreichs, das im Gebirg, unendlicher Fülle, sich ausdehnt!

Dort, gehorchend dem Wink des hohen Erzeugers, erbaute

Albrecht nun die Brücke dem Heer’. Der Stämme je sechzehn

Hatt’ er zu Flößen vereint, und über des eilenden Stromes

Rücken, im kiesigen Grund mit lastenden Ankern gefesselt:

D’rauf erhöht das Säulengebälk’; unendliche Stämme

Ueber ihn hin gefügt, und sie in die Quere mit Bohlen

Dicht bedeckt: dem Mann’ und dem Rosse zum sicheren Heerweg,

Den an jeglichem Rand’ ein leichtes Geländer begränzte.

Doch vom Gestade, wohin mit duftenden Matten das Eiland

Sich erstreckt, hieß Albrecht dann die Brücke noch schneller

Ueber den schmälern Arm erbau’n: denn längliche Fähren

Reihten, über der Fluth von gewichtigen Ankern gehalten,

Sich hinüber den Strom, und einten die ragenden Ufer:

Sicheren Uebergang dem eilenden Heere zu bahnen.

„Trefflich hast du, mein Sohn,“ so rief ihm der Kaiser entgegen,

„Alles und Jedes vollbracht, und bezwungen die Fluthen des Stromes

So, daß wir hinziehn auf ihm, und, des furchtbaren Abgrunds

Achtlos, freudig zum Ziel, dem ersehneten, fördern die Schritte:

Drüben dem stolzvertrauenden Feind’ in den Rücken zu stürmen.

Dein gedenken mit Ruhm noch kommende Menschen­geschlechter.“

„Vater,“ so sagte darauf der Tapfere, „nimmer geahnet

Hättest du wohl: ich sey jetzt eigennützig, und harre

Gierig des Lohnes? So ist’s: mir wollest du solchen gewähren

Bald in der Schlacht: daß ich dort das Zeichen des Sieges vor dir her

Tragend, kämpfe zugleich für den edelsten Herrscher und Vater!“

Rudolph legte die Hand ihm sanft auf die Schulter, und sah ihm,

Beifalllächelnd in’s Aug’: ein zartgesinneter Vater!

D’rauf erhob er das Schwert, und ritt, der erste vor allen

Ueber die Brücke, das Roß kurz haltend am Zaum’, und ihm folgten

So im gehalt’nen Schritt die Reisigen — folgte das Fußvolk

Rastlos nach. Sie donnerte laut, von unzähligen Hufen

Wiehernder Rosse gestampft; doch unter des eilenden Fußvolks

Ehernem Schritt’, erdrönte sie dumpf nur, und schwankte der Last nach.

Also zog er den breiteren Arm, des grünenden Eilands

Augefild’, und den schmäleren Arm der mächtigen Donau

Freudig hinüber zum linken Gestad’, am unendlichen Marchfeld.

Dort aufstellt’ er das Heer, und rief dem kühnen Capellen:

„Tapferer, sey mit der Schar fünfhundert erlesener Reiter

Heute der Führer des Vorderzugs, schlagfertig und wachsam

Jeglichen Augenblick, so Gefahr uns drohte vom Gegner!

Otto von Meißau lenkt die Reisigen; doch vor dem Fußvolk

Ziehe nun Meinhard, herrschend, einher; ich gebiethe dem Nachzug.

Rastlos wollen wir bald des Feindes Lager uns nähern.“

Also geschah’s: Capellen ging an der Spitze der Reiter

Vorwärts. Hoch in der Luft, vom säuselnden Winde gehoben,

Flatterte, grün, sein Fähnlein vor in der Farbe der Hoffnung.

Otto’s Fähnlein, blau, die Farb’ ausdauernder Thatkraft,

Folgte mit neun- und zwanzigen noch, die im Lichte des Morgens

Schimmerten, vielfach an Farb’, wie solche dem Ritter genehm war,

Der sie gewählt, ihm nach, und mit jeglichem kamen der Reiter

Hundert. D’rauf erschien, blutroth, des unbändigen Muthes

Farbe verrathend, die Fahne der görz- und tyrolischen Herrschaft:

Meinhards Siegespanier! Ihr reihten der schimmernden Fähnlein

Fünfzig sich an, und nach jeglichem eileten hundert der Krieger:

Alle mit Helmen und Schilden bewehrt, und mit Lanzen bewaffnet.

Aber nach ihm, umringt von der Schar der edelen Ritter,

Führte der Kaiser selbst in dem Nachzug jene zum Kampf vor,

Die aus den rheinischen Gau’n nach Oestreichs Fluren gekommen,

Und ihm folgte das Kriegs-Gezeug’ im unendlichen Zug nach.

Schnell g’en Hof an der March vordrangen die muthigen Völker,

Sonder Trommelgetön und Drometengeschmetter: dem Gegner

Weislich zu bergen die Macht, die ihn bald umstürmet im Schlachtfeld;

Naheten dann Schloß-Hof, wo empor aus den düsteren Mauern

Einer verödeten Burg der Wartthurm sich in die Luft auf,

Dräuenden Anseh’ns, hob.2 Nur Molch’ und giftige Nattern

Haus’ten in ihrem unheimlichen Raum. Mit rieselndem Schauder

Eilte der Wand’rer vorbei, und der Hirt hielt ferne die Heerden

Von den Mauern, wo einst (so kündet die Sage) die Hausfrau,

Eitelen Sinnes, der Wangen Paar in dauernder Schönheit

Sich zu bewahren, in’s Burgverließ die Kinder verlockte,

Schlachtete, dann mit dem Blute sich wusch, unmenschlichen Herzens;

Aber sie starb durchs Schwert, und die Burg vermieden im Land dort

Rings die Bewohner umher — zumal in den Stunden des Abends,

Wo, so kündeten sie, ein Werfen mit Steinen im Hofraum,

Lautes Zischen vom Wartthurm her, und ein Stöhnen und Aechzen

Aus dem Verließ erscholl. Doch sieh’, als jetzo vorüber

Eilte das Heer, da gewahrete Jörg, der muthige Reiter

Steyrischen Oberlands, auf den Zinnen des ragenden Wartthurms

Sitzend ein Wesen von Menschengestalt, von Bewegung, und Leben!

Alsbald sprang er vom Sattel, und rief, verhöhnend: „Nicht furchtbar

Sind die Geister bei Tageslicht; ich wette, die Böhmen

Sandten den Späher heran: ich will es ihm tapfer gesegnen!“

Rasch enteilt’ er, und klomm an der Mauer, der Gemse nicht ungleich,

Die an der Felswand schwebt, empor, bis über dem Fallthor

Er die Stufen gewann, und schnell zu den Zinnen hinaufstieg.

Schon entfuhr ihm ein höhnender Ruf, da wankt’ er voll Schrecken

Wieder zurück: so grausenhaft erwies sich der Fremdling,

Der ein Jüngling ihm schien. Sein losgewühletes Haupthaar

Flog ihm wild um die Stirn’; an dem blutigen Wamms und den Schenkeln

Hingen nur Trümmer des Riemwerks noch vom zerschmetterten Panzer,

Wie auch der Schienen am Bein’. Er zitterte: Wuth und Verzweiflung,

Rach’ und Schmerz verrieth sein tieferglühendes Antlitz,

Als er, den Degengriff mit krampfhaftzuckender Rechten

Haltend, nach Jörg umsah, der jetzt ihm wieder genaht war.

Aber dem dräuenden faßt’ er die Brust, und warf, mit des Riesen

Kraft gestählt, von des Wartthurms Rand’ ihn hinab in den Abgrund:

Seinem Volke zur Schau, das eben voll Muthes heran kam.

Siehe, da liefen sogleich die Gefährten des sterbenden Kriegers

Hin nach dem Thurm, voll Gier, den schrecklichen Frevel zu rächen;

Doch schon eilt’ er die Stufen herab, und sprang wie der Steinbock,

Den der Schütze verfolgt von Klippe zu Klippe hinunter,

Mit erhobenem Schwert, von der Mauer der Burg auf den Vorgrund,

Gegen die Rächerschar, sich wüthend zu wehren, entschlossen!

Aber es sprengte der Kaiser das Roß in Eile herüber,

Und, vernehmend die That des grimmerfülleten Jünglings,

Hemmt’ er die Krieger, und rief dem Nahenden: „Halt, ich gebieth’ es!“

Jenem sank der dräuende Arm bei den Worten des Herrschers

Plötzlich hinab, daß am Stein die Spitze des funkelnden Eisens

Klirrete: denn er besann, die Augen erhebend, sich jetzo:

Ob er die Stimme gekannt, die ihm also gerufen? Er starrte

Schweigend ihn an; die Wuth entschwand, wie schneeige Flocken

Vor dem mächtigen Strahl der wolkenenthülleten Sonne

Schwinden, aus feinem Gesicht’, und im Kreise der zuckenden Wimpern

Wies sich nun herzinniges Leid, das nahe der Thränen

Leis’aufstrebenden Quell verkündete. Mild, und versöhnend

Sagte der Kaiser: „Verschonet ihn doch: nicht mit hellem Bewußtseyn

Hat er Arges verübt. Kein größerer Jammer auf Erden,

Denn des Unglücklichen Schau, deß’ edelster Vorzug: des Geistes

Licht, verdunkelt ward; der unter den Lebenden weilet,

Aber, entfremdet dem holden Verkehr’ und der trauten Gemeinschaft

Seiner Lieben, zum Grab fortwankt im finsteren Wahnsinn.

Wahrlich mich däucht, als hätt’ ich ihn jüngst gesehen: ein Zerrbild

Jenes Ritters, der so feindlich am Tabor turneyte!“

Pferdegetrab erscholl jetzt laut in der Nähe: des Reiters

Ledig, kam mit verhängtem Zaum der Braune gesprungen;

Lief dem erkannten Jünglinge zu, und fuhr mit dem Hals’ ihm,

Wiehernd, unter den Arm, daß er über den Mähnen herabhing.

Alsbald faßt’ er dies’, auf des treu erfundenen Thieres

Rücken sich schwingend in Hast, und flog nach dem Ufer der March hin.

Nicht besann er sich dort: er schwamm die Fluthen hinüber,

Und entschwand den Augen der stummnachstarrenden Krieger.

Ach, und der Jüngling war’s, der jüngst so feindlich turneyte:

Wallstein! Als in der Schreckensnacht, vernichtet von Ottgars

Wüthendem Zorn, er, allein, gehöhnt, und urplötzlich aus Edens

Rosenau’n, wohin ihn Hedwigs Engelgestalt rief,

Rauhverstoßen sich sah: da warf er die Blicke, mit Ingrimm,

Schweigend noch, um sich her; erhob sie g’en Himmel; zerwühlte

Sich mit der Rechten das lockige Haar an der Stirn’, und besann sich:

Was ihm gescheh’n? Jetzt trieb er das Roß mit schrecklichem Ruf’ an;

Riß aus der Scheide den Stahl, und schlug, und bohrte dem armen,

Immer tiefer den Sporn in den Leib, daß er blutet’ im Lauf hin.

Also wohl Stunden lang, fort über die Hügel und Thäler

Trieb er hinaus und herein, voll Wuth, bis athemberaubet,

Endlich das Roß hinsank am hainumränderten Blachfeld.

Lange stand er dort, wie erstarrt. Der nahenden Sonne

Rosiger Strahl, nach welchem er sonst mit Liebe sich sehnend,

Rasch die Höhen erklomm, und dort aufjubelte, wenn er

Ihm die Stirn’, die umliegende Flur, und der wirbelnden Lerchen

Zartes Gefieder beschien, die hoch vom Gewölk’ ihn begrüßten —

Ha, wie trüb erglüht’ er ihm jetzt! Wie schrecklich ertönt’ ihm

Heut der sonst entzückende Ruf der befiederten Sänger

Drüben im schauernden Wald, und wie schal erschien ihm das Leben

Ringsum! Furchtbar schwoll ihm die Brust von unsäglichen Qualen:

Lichtleer dünkt’ ihn der Tag, und die Sonne verloschen. Er warf sich

Dann auf die Erde; verbarg im thauenden Grase das Antlitz;

Lag schwerathmend noch, und weinte mit leisem Gestöhn’ fort.

Doch nun fuhr er empor (ihn faßt’ unbändige Zornwuth)

Riß sich vom Haupte den Helm, den Panzer vom Leib’, und die Schienen,

Hastig, von Arm und Bein’, und verstreute sie, schmetternd, im Staub dort,

Weil ihn solche nicht schirmten, zuvor, g’en Schmach und Entehrung.

Jetzt mit dem Schwert in der Faust, und dem einen Gedanken im Herzen:

„Ottgars Tod!“ hinbraus’t’ er im Feld’, ihm zu nahen, entschlossen.

Also den Tag und die Nacht fortras’t’ er, und kam an dem Morgen,

Wutherschöpft, g’en Hof an der March zu dem einsamen Schloß her;

Klomm den Thurm empor, und forschte herum in der Dämm’rung.

Stille herrscht’. Er sah hinab in den schwindelnden Abgrund:

Einen Schritt von dem Rand — kopflangs hinunter, und stumm war

Plötzlich der schreiende Schmerz in der Brust, und verschollen der Menschen

Liebehöhnender Ruf. Doch Ottgar lebend auf Erden

Noch? Nur jenen erwürgt zuvor: dann sterben wie immer!

Nun, vor den Kaiser geführt, und dort nur Worte der Sanftmuth

Hörend von ihm, den er erst jüngst, ein eifernder Ritter

Ottgars, offen gehöhnt: das brach ihm das Herz, und mit Thränen

Hätt’ er, liegend im Staub’, ein Reuiger, jetzt ihn gesöhnet;

Doch ihm folgte sein treues Thier, und er jagte von dannen.

Sieh’, und rastlos fort g’en Marcheck zogen die Scharen

Weiter im fröhlichen Muth, nicht achtend des sengenden Mittags,

Noch des qualmenden Staubs, entlang den unendlichen Heerweg!

Aber vor Marcheck kam ein Häuflein kumanischer Reiter

Näher gesprengt: wohl fünfzig Mann, und der Führer des Volks war

Kaduscha. Ihm ertönte der Gruß der Kampfesgenossen.

Auch er schwang den blitzenden Stahl, den Freunden zum Dank, auf,

Und erkundet’ im Flug: wo er treffe den mächtigen Kaiser?

Aber ihn führte das Volk stets weiter zurück’ in den Reihen,

Bis er im Waffenschmuck die Schar der erlesenen Ritter

Drüben ersah, und gerad’ dorthin den schnaubenden Läufer

Spornte. Umforschend im Kreis’, begann er, und sagte, verwundert:

„Traun, ich schaue vor mir vereint gewaltige Männer;

Doch nach dem Herrscher des deutschen Volks, dem Kaiser Rudolphus,

Forsch’ ich umsonst! Erkennbar leicht ist der König der Ungern

Schon an dem Purpurpelz, der, rings mit Zobel verbrämet,

Ihm von den Schultern fließt; an dem Stern, voll Edelgeschmeides,

Der an der Brust den Pelz festschlingt mit der goldenen Kette;

Auch an dem Reiher, des Kalpags Zier, entschwebend des Demants

Funkelnder Ros’, und dem Stab, den er in der Rechten, zum Zeichen

Heerebewegender Macht, und erhabener Herrschergewalt führt:

Denn nur kurz ist der Stab, von Golde getrieben, und oben

Noch mit der Kugel verseh’n: ein Abbild furchtbarer Waffe,

Die in des Ungern Faust zerschmettert dem Feinde die Scheitel;3

Doch wen grüß’ ich als Herrscher hier mit meines Gebiethers

Freundlichem Wort? Verzeiht, so ich irre! Mich dünket, der Ritter

Dort in der einfachen Wehr’, ob seines erhabenen Anseh’ns

Und der Macht in dem Blick’, ist der Herrscher, zu dem ich gesandt bin.“

„Wohl, er ist’s,“ entgegnete jener, „du hast ihn gefunden!

Aber verkünde nur schnell: was uns der tapfere König,

Unser Freund und Bundesgenoß’, Erfreuliches darbringt?“

„Heil und Segen zum Gruß,“ sprach Kaduscha, heimlich erschüttert,

„Sendend zugleich mit der Siegesbothschaft Zeichen des Glückes

Dir zum Geschenk! Den Kampf begann der Kune mit Ruhm schon.

Längs dem Ufer der March, im Hinterhalte verborgen,

Lag mein Volk: da zog des Weges vorüber der Böhmen

Streitgerüstetes Heer. Wir harrten, lauernd im Dunkel,

Bis der größere Hauf’ hinschwand, und die Beute so herrlich

Dar sich both. Fürwahr, ein blutiger, schrecklicher Kampf war’s!

Dennoch entkamen der Feinde nur zween aus hunderten: alle

Lagen erwürgt. Wir hieben sogleich von dem Rumpfe die Häupter,

Sie, auf die Säbel gespießt, nach dem Lager zu tragen, und eben

Bringt in Körben von Schilf dir solche mein Volk zum Geschenk her,

Drüben am schlängelnden Weidenbach, wo dein der Beherrscher

Ungerns harrt mit gewaltiger Macht. Das soll ich dir künden.“

Heimlicher Schauder ergriff, bei der Red’ entsetzlichem Inhalt,

Rudolphs mildgesinnetes Herz, er wandte sich seitab,

Barg die Stirn’ in die Hand, und rief nach erschütterndem Schweigen:

„Furchtbar habt ihr gesiegt, und dem Feinde Verderben bereitet,

Uns voreilend sogar. O möchte die Liebe des Heilands,

Möchte sein hohes Gesetz in euren verwilderten Herzen

Eingang finden, daß ihr entsagtet für immer der Ahnen

Schmählichem Götzendienst: nicht würd’ unmenschlicher Kriegsbrauch

Schänden den Sieg, den ihr mit tapferem Muthe gewonnen!

Biethet der Krieg nicht genug des Furchtbaren dar, und ein Jammer,

Schrecklich, wie der, soll ihn noch entsetzlicher, wilder gestalten?

Wehe, daß oft nur aus Blut des Friedens lieblicher Oehlzweig

Keimt, und, mit glühenden Thränen benetzt, die Blüthen entfaltet!

Schwarzenberg, gib jetzo Geleit den muthigen Kunen;

Zieh’ uns voran, und verkünde mit Huld, wie es Rittern geziemet,

Unsern Freundesgruß dem Könige! Aber ich folge,

Tapferer, dir auf dem Fuß, mit dem muthbegeisterten Heer nach!“

D’rauf noch sagt’ er ihm leis’: „O schaffe die Reste der Todten

Schnell bei Seite, daß solch’ ein frommer Priester begrabe,

Würdig, nach Christenbrauch: denn unsere Brüder begräbt er!

Hohn, an den Todten verübt, erfüllet die Seele mit Schauder.“

Sagt’ es, und jen’ entschwanden im Flug auf dem stäubenden Heerweg.

Ottgar rückte mit Heer’smacht an. Nur das Auge der Geister

Dringt in die weiteste Fern’: entflohen der sterblichen Hülle

Schau’n sie vom Nord- zu dem Südpol hin des kreisenden Erdballs

Vielbevölkerten Raum; sie schau’n des unendlichen Weltmeers

Schwankende Wüsten, und dort, wohin kein segelndes Fahrzeug

Je noch Sterbliche trug, auf weitentlegenen Inseln,

Sonder Zahl, gar seltsamgestaltete Thier’ und auch Menschen.

Marbod sah aus den Wolkenhöh’n des entrüsteten Ottgars

Nahende Heeresmacht mit heimlichem Schauder: unzählbar

Schien sie ihm gegen des Kaisers Heer an Mannen und Rossen;

Auch nicht ferne zugleich der wildumwüthende Kampf mehr.

Alsbald sann er besorgt, ob einer der Lüftebewohner

Nahe sich fände, mit ihm vereint, in blutiger Feldschlacht

Beizustehen dem Hort der edelmüthigen Deutschen?

Schauend umher vom Gewölk nach den fernentlegensten Ländern,

Drang sein forschender Blick von dem Rücken des sanften Gebirges,

Wo, beginnend vom Donaustrom’, an dem freundlichen Preßburg

Höher und höher empor sich hebt, und thürmt der Karpathen

Mächtige Kett’ (entlang die silesisch- und polnischen Länder,

Eine schirmende Mark für die reichen Gefilde von Ungern)

Bis zu dem Riesen der Lomnitz hinauf, der, schneeigen Hauptes,

Hoch aus den Wolkenhöh’n in die lieblichen Thäler der Zips schaut:4

Dorthin drang sein Blick. Auf der Scheitel des Riesen gewahrt’ er

Jetzo, erstaunt, den, einst gewaltigen Führer der Gothen,

Katwald, hingestreckt mit Inguiomar, dem Cherusker,5

Hermanns Ohm, der, zürnend dem heftigen Varus-Besieger,

Ihn zum Bundesgenossen erkor in den Tagen der Nothwehr.

Schüchtern naht’ er den Höh’n: denn Katwald, finstern Gemüthes,

Trug ihm Haß in der Brust. Er hatt’ ihn vertrieben aus Böheim;

Jener rächte sich d’rauf, mit den Römern im Bund’, und vertrieb ihn

Wieder aus Marobud, der Stadt, die er gründete, machtvoll

So, daß er dann ein Flüchtling starb in den Mauern Ravenna’s.

Dennoch bezwang er sein sträubendes Herz, und schwang sich hinüber

Von dem Gewölk. So lang’, als hier, aus der Schleuder geworfen,

Fleugt der sausende Stein, und fern zur Erde herabsinkt,

Währte sein Eilflug nur, und er stand vor den Beiden, und sagte:

„Ha, ihr weilet dahier, entzückt von der reizenden Ansicht,

Die dieß Land gewährt im Schooß’ umragender Berghöh’n?

Schön ist es: wie nach den vier Weltgegenden, mächtige Flüsse,

Ewig genährt von dem sprudelnden Quell, aus dem hohen Gebirgsthal

Wälzen die silberne Fluth; wie solches, mit Städtchen und Dörfern

Rings besäet, die blühende Flur dem Auge zur Lust beut!

Aber ein wichtiger Streit entzweit die mächtigsten Fürsten:

Welchem die östliche Mark, die ich einst beherrschte, zum Eigen

Werde noch heut’: denn nah’ ist der Kampf, dem Kaiser der Deutschen,

Oder dem König des Lands, das ach, von Rache getrieben,

Katwald, du, mir entrissest im Kampf — dem König von Böhmen?

Habt ihr völlig vergessen des Muths, der schnell in dem Busen

Aufflammt, wenn die Dromet’ erschallt, das wiehernde Schlachtroß

Steigt, und der blitzende Stahl in der Rechten des Helden umhersaus’t?

Kommt, mit thatenerregendem Wort’ und stachelndem Zuruf

Anzufeuern die Kraft der, uns abstammenden Deutschen,

Und zu verherrlichen heut’ in dem Feld den erhabensten Kaiser!“

Inguiomar erhob bei den Worten sich schnell von des Felsens

Schneeigem Kulm, wo er saß (er ragte noch höher denn Marbod,

Riesengestaltet, auf), ergriff ihm die Hand, und begann so:

„Trauter, nicht sah dich mein Aug’ seitdem, als, flüchtig des Landes,

Du nach dem herrlichen Wälschland zogst: mehr Jahre, denn tausend,

Sind den Menschen entfloh’n, seit solches geschehen! Ich weilte

Unten im Schooße der Erd’, in düstere Träume versunken;

Plötzlich rief es mich fort. Wer rief? nicht wußt’ ich es — folgte.

Doch nun zieh’ ich mit dir: ein Freund der Söhne von Deutschland!“

Also gesellt’ er sich ihm; doch Katwald starrt’ in den Abgrund

Finster hinab, und verschloß den mildversöhnenden Worten

Marbods feindlich das Ohr: da entschwanden die beiden Vereinten,

Arm in Arm. Er hob mit Grimm in den bläulichen Augen —

Trotz in dem blassen Gesicht’, um welches der säuselnde Westwind

Wiegte das röthliche Haar, sich vom Boden, und folgte nur zögernd

Jenen nach, die rasch nach Oestreichs Fluren enteilen.

Aber auch Marcheck lag im Rücken des ziehenden Heers schon.

Von Baumgarten herab, in der Au feldlagerte weithin

Ungerns Macht, verhüllt von schattenden Weidengebüschen.

Dorther jagt’ im Gefolg der Reisigen jetzt auf dem Heerweg

Ladislav, der König, heran: er dachte dem Kaiser

Würdig zu nahen, und hielt, als Staub aufwallte zum Himmel.

Schwarzenberg mit Kaduscha war’s, der eilig daherkam.

Jener entblößte den Stahl, und senkt’ ihn zum Zeichen der Ehrfurcht,

Vor dem Könige; d’rauf erhob er ihn wieder, und sprach so:

„Mein erhabener Kaiser und Herr entbiethet dir, Hoheit,

Seinen Gruß! Er kommt, dein redlicher Bundesgenosse,

Dich an die sehnende Brust vor dem Heere zu drücken. Nicht fern mir

Folgte der Vorderzug: bald siehst du ihn schalten im Nachzug.“

„Herr,“ sprach Kaduscha jetzt, „erblickst du sein Heldengefolg dort,

Forsche mit Fleiß, daß vor Allen sogleich dein Aug’ ihn erspähe:

Denn nicht glänzt er im Waffenschmuck; nur magst du ihn kennen

An der erhabenen Stirn’, der wölbenden Nase des Adlers,

Und an dem Herrscherblick in der Himmelsbläue der Augen!

Fremd ist die Furcht dem Kaduscha, doch erbebt’ er, ihm nahend.“

„Freude mit ihm,“ entgegnete schnell der König, „und Glück uns

Beiden Verbündeten, da sich Ottgars furchtbare Heersmacht

Gegen uns wälzt wie die Fluth, die aus ihren Gestaden getreten!

Aber er komme nur: bald begegnen wir ihm in den Feldern

Ewigen Ruhms, vereint mit Rudolphs tapferen Scharen.

Unser Stahl ist geschärft, und die Rechte gar mächtig zum Einhau’n.“

Sieh’, da hob sich erneut von der Straße der wirbelnde Staub auf,

Und der Rosse Getrab ertönete näher und näher!

Rudolph jagte heran im Gefolg’ erlesener Ritter:

Denn ihn drängte das Herz, den verbündeten König zu grüßen!

Aber noch standen die Ross’ an dem Weg, tiefhangenden Hauptes

Tragend den Siegespreis unmenschlicher Krieger. Nicht säumte

Schwarzenberg, und begann mit eiferndem Laut vor dem König:

„Schnell g’en Zwerndorf hin, da es also dem Kaiser genehm ist,

Trage die Last der wohlverhülleten Körbe das Saumthier:

Ihm ein werthes Geschenk, weil dort der redliche Priester

Solche nach heiligem Christenbrauch der Erde vertrau’n wird.“

Sagt’ es, und rief Luitold, dem muthigen Knappen. Er nahte

Folgsam, und führte die Schar der Treiber zurück mit den Rossen.

Ringsum staunte das Volk, und sah bald seinen Beherrscher,

Bald den Fremdling an; doch, tieferglühenden Blickes,

Saß der König im Sattel, und schwieg, und ließ ihn gewähren.

Allen zuvor kam jetzt der Kaiser gesprengt, daß ihn alsbald

Ladislav erkenne, der Hort der tapfern Magyaren.

Beide sprangen behend’ aus dem Sattel. Sie streckten die Rechten,

Einer dem andern im schnelleren Gang, begrüßend, entgegen;

Hielten mit heißem Druck die verschlungenen; standen, und blickten

Lange, staunend sich an. Dem Auge des einen entstrahlte

Feuriger Muth; entscheidende Kraft, und Würde des andern.

Als sie jetzo gesättigt das Herz in freundlicher Anschau,

Schweigend, begann voll Hast der jugendlichblühende König:

„Werth sey mir der heutige Tag, und theuer vor allen,

Wo ich, Erhabener, dir, deß’ Ruhm erfüllet den Erdkreis,

Nahete, bund’svereint: denn lang ersehnt’ es mein Herz schon!

Siehe, nicht riefst du umsonst: ich zog aus den unteren Landen

Meines Reichs mit Heeresmacht dir zu Hülfe! Des Ungern

Flammenden Muth kennst du, wie er einstürmt rasch in die Schlachtreih’n;

Aber der Kun’ ist schrecklicher: denn ihm wohnet die Wildheit

Seiner, erst jüngst verlassenen Stepp’ an des Tanais Ufern,

Ungezähmt in der Brust; du sollst uns loben im Schlachtfeld.

Ha, dort fleugt Staub auf! Fürwahr der Feind ist im Anzug;

Solches verkündeten mir zuvor Eilbothen, aus Weiden

Kommend, voll Angst: das Volk ersehnet den Retter Rudolphus!“

Als der Kaiser die Worte vernahm, da wandt’ er die Augen

Schnell g’en Oberweiden zurück, das über den Sandhöh’n

Einsam liegt: ein hainumsäuseltes Dörfchen. Von dorther

Hob sich der Staub zum Gewölk. Wie nach glühenden Tagen des Sommers,

Hinter dem fernen Gebirg’, empor die schwärzlichen Wölkchen,

Gleich dem, gebläht, in die Lüft’ aufsteigenden Balle sich heben,

Bis sie im höheren Raum mit den weitgedehneten, lichten,

Aestigen plötzlich vereint, den wetterleuchtenden Schleier

Auf an den heiteren Himmel zieh’n: so flog auf dem Heerweg

Sparsamer erst, dann häufiger, hoch der qualmende Staub auf,

Der, von der Abendsonne durchblinkt, wie vom Blute geröthet,

Ottgars nahende Macht verkündete. Jener begann so:

„Ha, Beherrscher der Ungern, du bist zur Stunde des Glückes

Jetzt mit dem Heldenheer’ als Bundesgenoß mir erschienen!

Säumen wir nicht. Nur einmal beut auf entscheidender Bahn dir

Freundlich die Hand das Geschick: ergreifst du sie nicht, so entzieht es

Selbe für immer vielleicht. D’rum sey in gebiethender Hast nun

Unsere Macht zum Wohl unzähliger Menschen vereinigt.

Frisch an die That! Wir ordnen das Heer sogleich in dem Feld hier.“

Alsbald schwang er sich rüstiger auf in den Sattel, und sprengte

Hin, und herüber im Flug, mit des Feldherrn Auge die Gegend

Rings erforschend, zum Kampf den günstigen Raum zu erlesen.

D’rauf entboth er vor sich die Herolde: hieß von des Heeres

Rechtem Horn, g’en Zwerndorf hin Oestreicher und Steyrer

Zieh’n; von dem linken die Macht der Kärnthner und Krainer, nach Marchecks

Fluren hinab. Capellen geboth den ersteren; diesen

Meinhard, Graf von Görz und Tyrol, als oberster Feldherr.

Aber im mittleren Raum, Baumgarten nicht ferne, des Dörfchens

Früchtegesegneter Flur, vereinte sein Wink die Tyroler,

Schwaben, und Schweizer zugleich, gar tapfere Scharen im Schlachtfeld.

Also in fünf Heersäulen stand des gewaltigen Kaisers

Macht zu dem Kampfe bereit. Vor jeglicher wehten die Fähnlein

Edeler Ritter empor in die Luft, und die sinkende Sonne

Leuchtete hell aus den Helmen und Harnischen, furchtbar zu schauen!

Reisige folgten den Rittern nach, und, diesen im Rücken,

Trefflich geordnet, die Reih’n des lanzentragenden Fußvolks,

Wo vor jeglicher, schimmernd im Licht, ein mächtiges Banner

Flatterte, dort den Kriegern Verein in dem Kampfe gebiethend.

Aber vor allen empor, aus dem Kern des stattlichen Heeres

Hob sich die Reichsfahn’ auf: wie des Meerschiffs mittleres Segel,

Flatternd umher im Hauch des leis’umschmeichelnden Westwinds,

Und enthüllend den Doppelaar, mit der Kron’ und dem Zepter

Herrlich geziert, nun rechts, nun links auf dem goldenen Feldraum;

Immer wies sie dem Heer’ die Nähe des waltenden Herrschers.

Aber er sagte darauf zu dem Könige, schnell und entschlossen:

„Sey dort hinter Capellens Macht, zur Rechten, der Kunen

Furchtbare Schar gestellt, die Kaduscha’s Winken gehorchet;

Aber zur Linken, verhüllt von der schattenden Au’, und des Meinhards

Völkern zur Stütze gespart, erwarte die tapfere Heerschar,

Die Trentschins Gebiether beherrscht, den ehrenden Aufruf:

Loszubrechen mit Macht auf die wildanstürmenden Gegner;

Doch du weiche zurück: denn also gebiethet die Sitte

Deines Landes dem Könige — fern von dem blutigen, Schlachtfeld

Sitzend auf einer der ragenden Höh’n, auf dem rollenden Wagen,

Oder dem feurigen Roß, des Kampfmuths seiner Erwählten

Zeuge zu seyn!6 Schon neigt sich der Tag. Nicht wird uns der Feind mehr

Heute begegnen im Feld; doch sey’s: er komme! Mit Freuden

Wollen wir entgegen ihm zieh’n, und der Ehre gedenken.“

Sagt’ es, und bald stand jegliche Schar, in Reihen geordnet,

Nach dem schaltenden Wink des erhabenen Kaisers. Der König

Ungerns gewann mit Gefolg die aufragende Wart’ auf dem Hügel,

Die in der Vorzeit einst zur Gränzmark diente den Völkern.

Doch g’en Westen hinab, nach des Abends goldenen Fluren

Senkte die Sonne den Flug, und sah vom Rande des Himmels

In das erhellete Nebelgewölk, das, duftigem Schleier

Gleich, empor sich hob, sie in lieblicher Ruh zu umfangen;

Rosig die Brust erhellt von ihren verglühenden Strahlen,

Wanderten hoch in dem Wolkenreich nach entfernteren Zonen

Singende Schwäne dahin; im Saatfeld zirpten die Heimchen;

Leise verhallte des Tages Geräusch, und das Leben verstummte.

Aber die Höhen entlang, die rechts von Weiden nach Marcheck,

Weitgedehnt, sich zieh’n, und des Marchthals Fluren beherrschen,

Tönete jetzt Getrab anstürmender Rosse, der Waffen

Helles Geklirr, und das Schrei’n und Rufen unzähliger Krieger.

D’rauf erschien, dem Gewittergewölk’ im Sommer nicht ungleich,

Das, von gährendem Donner schwer, am Himmel heraufschwebt,

Drüben am Rande der Höh’n die schlachtgerüstete Heersmacht

Ottgars: gierig des Kampfs, und zu muthigen Thaten entschlossen.

Noch empört’ ihn der Zorn ob jenes verwegenen Jünglings

Frechenthülleter Gluth zu seiner Erzeugten, und dennoch

Sehnt’ er sich herzinnig nach ihm, in dem einsamen Kriegszelt

Sitzend, und schlug sich die Stirn’, und jammerte laut um den Liebling.

Also kam er heran, und hoffte, des lechzenden Herzens

Heißen Durst im Blut’ und Gewürge der Feinde zu stillen.

Doch nicht rastete jetzt Drahomira, die schreckliche Feindinn

Ottgars: denn sie sah, wie Marbod und Inguiomar erst

Sich vereinten, im Kampf zu entflammen die Deutschen. Sie nagte

Heimlich vor Wuth an den Lippen, und hätte mit schmähenden Worten

Jene gehöhnt; doch schwang sich nun, verdüsterten Blickes,

Katwald her in der Luft, und sah nach der Erde herunter.

Alsbald hob sie zu ihm sich empor, und rief, ihn erforschend:

„Ha, du sahst es, wie Marbod, der schrecklichste dir in des Lebens

Langentschwundener Zeit, auch Inguiomar zum Gehülfen

Sich erkor, heut’ Oestreichs Volk zu entflammen im Schlachtfeld!

Komm, und eine dich mir! Erst will ich den König der Böhmen,

Stürzen: denn mir zur Schmach verübt’ er entsetzlichen Frevel;

Aber erliegt er im Kampf, dann sey Kunegunde, des Zepters

Würdig, erhöht auf den Thron; ihr laß uns erringen den Vortheil.

Hoch erhebe sich Böhmens Ruhm, des trefflichen Landes,

Das dir gehorcht’, eh’ Marbod dir’s mit den Waffen geraubt hat.“

Sagt’ es mit stachelndem Wort; doch jener entgegnete zürnend:

„Weiche von mir, du fluchbeladene, daß nicht dein Odem

Noch verpeste die Luft, die mir umsäuselt die Wangen!

Kein Verein, Drahomira, mit dir! So willst du mit Marbod

Und mit Inguiomar, des Kaisers verbündeten Freunden,

Ottgars Haupt gefährden im Kampf’? Ich nah’ ihm, als Helfer,

Schon dem Lande zum Ruhm, wo ich herrschend lebt’ in der Vorzeit,

Ha, und lache des Zorns, der, so wie zum Strande die Meersfluth

Brausend fleugt, und zurück, der Ohnmacht eiteles Bild, sinkt,

Dir empöret die Brust, und dräuet in nichtiger Ohnmacht!“

Rief’s, und stürzte herab vom Gewölk’ an die Seite des Königs,

Der das Roß anhielt, und des Kaisers geordnete Völker

Staunend ersah, wie solche den Plan erfülleten weithin.

Jetzo noch einmal, quer von dem Saum der Erde herüber,

Blickte die Sonn’, und verschwand; die Dämmerung zog von dem Thal her.

Nicht gedacht’ er des Kampfs für heut’; an dem kommenden Morgen

Wollt’ er dem Feind’ ihn biethen auf Tod und Leben, den Herold

Sendend zuvor, nach des Kriegs herkömmlicher, edeler Sitte.7

Katwald war ihm genaht, und haucht’ ihm vor allem den Rath ein:

„Ottgar, wie, du willst, nachtlagernd, des dämmernden Morgens

Harren dahier? Schnell vor, eh’ dunkel die Nacht sich herabsenkt:

Schleudre die feindlichen Reihen entzwei! So machst du dir heut’ noch,

Schrecken verbreitend, Bahn zu des Siegs erhellten Gefilden:

Denn der erste Gewinn in dem eisernen Feld ist ein Hagel,

Der die Halmen der Hoffnung zerschlägt; ein brausender Sturmwind,

Der des Athems beraubt den Wanderer, und ihn ermattet.

Alsbald biethet der Feind dir selbst ein Zeichen des Angriffs.“

Jener verschloß ihm das Ohr. Doch wer entflammt’ an dem Abend

Schon den noch nicht ersehneten Streit im tosenden Schlachtfeld?

Marbod, der muthige that’s. In den Reih’n der stürmischen Reiter

Spornt’ ein munterer Held bischöflicher Leute von Salzburg,

Schörlin, ein unbändiges Roß heran in dem Kriegszug.8

Ihm nicht fern, ersah das Nest pferdstachelnder Bremsen

Marbods spähendes Aug’: er eilte dahin, und empörte

Mit gewaltigem Geisterhauch die entschlummerten Quäler:

Denn er brannte vor Gier des Kampfs Arbeiten zu schauen.

Sieh’, und, also geweckt, im heulenden, wilden Gesumme

Fuhr der Schwarm empor; er flog dem muthigen Rosse

Schörlins unter den Bauch, und stachelte solches, erboßt, wund.

Schrecklich tobt’ es umher, schlug aus, bog, stöhnend, die Ohren

Gegen die Brust, und rannte dahin: nicht achtend des Rufens,

Nicht des Schrei’ns, das Schörlin erhob, da er, rücklings gebogen,

Zog an dem Zügel, es noch im wüthenden Laufe zu hemmen.

Schnurgerad auf Ottgar hin losrannte das Thier jetzt.

Zorn erfüllte sein Herz; er rief den staunenden Feldherrn:

„Wahrlich, nicht dacht’ ich mehr den Stahl an dem heutigen Abend

Feindlich zu zieh’n; doch seht, die Unsinnigen stürzen sich selber

Ihm entgegen, voll Wuth! Sie sollen mir büßen die Kühnheit.

Fort! Wir greifen sie an mit den schwergeharnischten Reitern,

Welch’ uns Böhmen gesandt, den tapfersten Männern auf Erden,

Und im gemessenen Schritt’ uns folge das Heer auf dem Fuß nach.“

Alsbald gab er dem Pferde den Sporn, und jagte die Höhen

Brausend herab. Ihm nach, mit dem kampferfahrenen Helden

Lobkowitz, flog die Schar zweitausend geharnischter Reiter.

Wie, wenn unterirdische Gluth aus den Tiefen des Erdballs

Aufwärts braus’t, und gehemmt, weithin erschüttert die Gegend

So, daß vom stürzenden Felsengebirg’ unzählige Trümmer

Schnell in’s drönende Thal herrollen mit wildem Getümmel,

Krachend der Wald entsinkt, und Staub auffleugt in die Wolken:

Also stürmt’ auch hier der König mit seinen Erwählten

Von den Höhen herab. Vor den Kommenden stürzte das Reitroß

Schörlins zusammen. Kein Leid ihm geschah: die furchtbaren Reiter

Setzten über ihn hin; er lag, listsinnend, im Scheintod

Dort bis Mitternacht, und kehrete heim zu den Seinen.

Ottgar nahete schon den äußersten Wachen der Steyrer.

„Auf, zu den Waffen!“ so schrie Wildon, der tapfere Hauptmann

(Pfannberg weilte noch fern bei Capellen, dem obersten Feldherrn,

Drüben im luftigen Zelt, des Kriegs Arbeiten erwägend,

Die der Morgen verhieß) und das Fußvolk eilt’ aus dem Lager:

Denn nicht dachten des Streites mehr die erlesenen Ritter

Jetzt, in der sinkenden Nacht. Wohl mancher saß in dem Gras’ noch,

Haltend das Roß an dem Zaum’, und beredete Dieses, und Jenes;

Doch nun fuhren sie all’ empor, von dem feurigen Marbod

Aufgestürmt mit empörendem Ruf. Bald schwang in den Sattel

Jeder sich auf, erhob den Speer in der Rechten, und senkte

Sein Helmgitter herab, das Roß zu dem Kampfe bewegend.

Ha, und der Kampf begann! In dem Vorderzuge, des Feindes

Dräuende List zu erspähen gesandt von dem sinnigen Feldherrn,

Stand ein Brüderpaar der Trantmannsdorfe beisammen:

Heinrich, und Götz, von der Schar der Verwaiseten. Laut, und mit Nachdruck

Hieß sie des Hauptmanns Ruf in die Reih’n der Versammelten kehren:

Aber sie hörten ihn nicht, von glühendem Muthe getrieben.

Ottgar fuhr auf den älteren los, und, ob er den Speer schon

Ihm entgegen streckt’, und des Kampfs wohl kundig sich zeigte,

Schlug er ihm doch mit dem Heldenschwert den nahenden Speerschaft

Seitwärts, und durchstieß ihm den Hals, wo, gleitend, vom Harnisch

Sich der Helm verschob: er sank, und verhauchte das Leben.

Götz drang muthig auf Lobkowitz ein; verwundete, jauchzend,

Sein aufbäumendes Roß, und stürmte noch feuriger vorwärts;

Aber ihm bohrte, von jenem gekehrt, der empörete König

Sein, von des Bruders Blut geröthetes Schwert in die Brust ein

So, daß er rücklings vom Sattel sank, und dicht an dem Bruder

Ruhete, langgestreckt, und erblassend im Tode. Sie lagen

Dort wie jährige Leu’n im Staub, die, grausam, ein Tiger

Eben erwürgt’ im Gebüsch’, als Beut’ aufsuchte die Mutter.

Doch der feurige Katwald sprach, umschwebend, in’s Ohr ihm:

„Ottgar, flüchtig enteilet das Glück: erhasch’ es im Flug jetzt!

Werfe den Feind, eh’ Rudolphs Schwert dir nah’t. Ich gewahrte

Helfende Geister um ihn, die ihn warneten: eile, zu siegen!“

„Ha, wer drängt mich so muthig, und kühn?“ sprach zürnend der König,

„Muthig, und feig zugleich, mit Rudolphs Schwert mir zu drohen:

Denn er komme nur, bald entreißt ihm das meine das Leben!“

Rief’s, und jagte dahin wie der brausende Sturm auf den Heiden.

Welchen erlegt’ er zuerst aus den Reih’n der tapferen Ritter?

Sieh’, ihm warf sich Stubenberg vor allen entgegen:

Weit vorhaltend den Schild, deß’ Zier, im Ringe der Anker,

Schlangenumwunden, sich wies, und strebte, das muthige Herz ihm

Durchzubohren im Wuthanlauf mit dem blinkenden Speerstahl;

Doch in des Rosses Bauch stieß Ottgar, stachelnd, den Sporn ein

So, daß es seitwärts sprang, und er drängte dem Gegner den Degen

Tief in die Brust, als ihm die entblößte Höhle der Schulter

Räumigen Eingang both: er sank, und athmete nicht mehr.

D’rauf erwürgt’ er auch noch urschnell den redlichen Knappen

Edelred, der jetzt dem Ritter zu Hülfe geeilt war.

Czernin stellte sich g’en Wildon zur Wehre: sie kämpften

Lange mit wechselndem Glück; verwundeten: jener des Gegners

Bein, und dieser den Arm, und schieden mit dräuendem Ingrimm

Mitten im Kampf: denn schon herstürmten im Felde die Reiter

Ottgars, welchen das Fußvolk rasch nachdrang, und urplötzlich

Hob sich der schwellende Ruf mit dem Waffengetöse der Würger

Himmelempor, und erfüllte die Welt mit Entsetzen und Schauder.

Jetzo vernahm in der zweiten der fünf Heersäulen Capellen

Kämpfender Krieger Geschrei, das drüben, am Rande der ersten,

Stets vernehmlicher scholl in der Dämmerung. Eifernd besprach er

Eben mit Pfannberg dort, dem Führer des steyrischen Volkes,

Für den kommenden Tag des Angriffs muthige Weisen;

Auch die verstellete Flucht: den wechselnden Kampf, und den Rückzug,

So des Krieges Geschick ihn gebeut: da verstummt’ er auf einmal,

Horchte dem Lärm, und sprach, voll Hast, zu dem Scharengebiether:

„Pfannberg, eile zurück! Der Feind, so sagt uns der Lärm dort,

Wagte den Ueberfall in der Dämmerung; eile zur Rettung

Deines Volks: ich folge dir schnell mit erlesenen Scharen.“

Also geschah’s. Im Flug’ erreichte der tapfere Feldherr

Sein gefährdetes Volk, und warf, mit dem Schwert’ in der Faust, sich,

Allen voran, als sie nachbraus’ten im stäubenden Saatfeld,

Rasch auf die furchtbare Macht der Geharnischten, die zu dem Angriff

Ottgar selber geführt, und jetzt umtobte, voll Mordwuth.

Ihm selbst hätt’ er die Brust durchbohrt, so plötzlich erschien er

Mitten im Waffengemeng; doch schlug ihm der muthige Ritter,

Zawiß von Rosenberg, der schönste der Männer im Kriegsheer

Böheims, sein erhobenes Schwert aus der Faust, und durchstieß ihm

Schnell mit dem Speere den Arm, daß er, stöhnend, vom Sattel herabsank.

Ottgar rühmte gerührt den Tapferen; doch Drahomira

Lächelte Hohn aus den Lüften herab: sie erspähte die Neigung

Schon, die verborgene, jüngst in der Brust Kunegundens für Zawiß,