Alle, daß euch nicht ereile mein Zorn schon hier, vor dem Angriff.“

Rasche Bewegung erhob sich im Kreis’ der gesendeten Helden:

Manchem zuckt’ es im Arm, aus der Scheide sein blinkendes Eisen

Gegen den König zu zieh’n; doch schnell bezwang sie der Vater:

„Denket,“ so rief er gefaßt, „wir kamen als Herolde Rudolphs,

Unsers erhabenen Kaisers, gesandt: nicht ziemt es uns, jetzt hier

Rächer der Unbill zu seyn; doch bald, in dem Felde der Waffen

Laßt uns gedenken der Schmach, und sie rächen im Blute mit Nachdruck.“

Rief’s, und jagte den Renner zurück’. Ihm folgten die Seinen

Zögernd, vor Ingrimm, nur, und wandten die flammenden Augen

Häufig zurück: denn ach, die raschnachstürmenden Reiter

Höhnten sie noch mit Geschrei und mit schallendem, lautem Gelächter!

Sieben gehorchten, und folgten ihm nach; doch lenkten die andern

Fünf’, aus der Zahl der eigenen Söhn’, unbändiger Wuth voll,

Plötzlich die Rosse herum, und flogen zurück auf dem Heerweg.

„Brüder,“ so rief der älteste laut, „kommt, lasset uns sterben,

Eh’ wir dulden die Schmach, die uns also die Seele betrübet!“

So mit empörendem Ruf’ enteilete Hartwig, den Degen

Schwingend zur Luft. Ihm nach, mit Eckhard, Walther, und Siegfried,

Folgte sein Zwillingsbruder und Freund, der tapfere Dietbert,

Bis sie erreichten die Schar der Reisigen, die zu dem Angriff

Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete, führte:

Denn er warb sie entlang die grünlichen Fluthen des Peltew,

Jüngst: Klein-Reussens Volk, zu des Kriegs Beschwerden gestählet,

Wie auch geübt in dem Schlachtengedräng, schnellfüßige Rosse

Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels;

Dann mit des Fußes Druck’ und dem Stoße der nervigen Rechten

Einzustürmen im sausenden Flug’ in die feindlichen Reihen.

Siehe, so weit ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, in den Lüften

Herfleugt, hemmte schon Hartwig das Roß, und harrte, dem Leu’n gleich,

Der in der Hetz’, umringt von emporgereiheten Sitzen

Voll schaulustigen Volkes, allein, der entfesselten Rüden

Heulender Schar, wie sie kommen, mit todandräuenden Augen

Harrt, und vor Grimm dumpf murrt: so Hartwig, als ihm die Reiter

Naheten; doch er rief mit gewaltiger Stimme noch laut so:

„Ha, ihr brüstet euch wohl, auf die zierlichgestalteten Mützen

Wie auf das wallende Kleid und die fähnleintragenden Lanzen

Stolz, in dem Vor-Zug oft, in vielumstürmender Mehrzahl,

Niederzustoßen den einzelnen Mann? — so gar nicht geachtet,

Weder dem Feinde noch Freund’: denn bar all’ edler Gesinnung,

Die des Kriegers Brust, des tapferen, füllet mit Großmuth!

Euere Zung’ ist kühn, die Helden zu schmähen; so kommt denn,

Zeiget den Muth, uns hier zu besiegen im rühmlichen Vorkampf!“

Also drang er im Eilflug vor; ihm folgten die Brüder

Alle, zur Wuth empört. Den Schaft der feindlichen Lanzen

Jetzt aufschleudernd zugleich mit dem Schwert’, erwürgten der Gegner

Dreizeh’n sie, voll Hast, und wandten dann fliehend den Rücken.

Fort nur ein Weniges noch, und sie waren entrückt dem Verderben:

Da fiel Dietberts Roß, und begrub mit dem Rücken den Reiter.

Hartwig ersah’s, wie er lag in dem Staub: denn immer nach ihm hin

Wandt’ er den lächelnden Blick; urplötzlich verscheuchte das Lächeln

Jetzo die Angst: er stieg nicht, er stürzte vom Pferde herunter;

Lief, erhob ihn, und strebt’, auf den Rücken des rasch und behend sich

Wieder erhebenden Thiers, ihm, lautermunternd, zu helfen.

Doch schon nahten im Flug die erbitterten Feinde. Die Lanzen,

Lechzend nach Blut, voreileten weit, zugleich von der Rechten

Und vom kräftigen Fuße gedrängt, zum schrecklichen Mordstoß.

Sieh’, und, als den Zaum und die Mähn’ erfassend, sich Dietbert

Auf in den Bügel schwang, da bohrten der feindlichen Reiter

Zween ihm die Lanz’ in die Brust: er sank, und verhauchte das Leben,

Eh’ aufschreiend vor Angst um den liebenden Bruder, ihm Hartwig

Hülfe geschafft, und Eckhard, fern mit Walther und Siegfried,

Sich des Jammers versah’n im lauterbrausenden Heimritt.

Zwar sie kehrten zurück’; auch Hartwig saß in dem Sattel

Wieder, und so wie der wüthende Bär, dem drüben der Weidmann

Schon das zweite Geschoß in die Seite getrieben, sich brüllend,

Auf den hinteren Beinen erhebt, und rasch auf den Schützen

Losstürmt: drang auch er, ergrimmt, auf die feindliche Schar ein.

Nur die Zween im Aug’, die ihm erst erwürgten den Bruder,

Gab er dem Rosse den Sporn, und warf sich inmitten der beiden:

Einem im Flug zerschmetternd die Stirn’, und dem andern die Scheitel

So, daß sie lautlos jetzt, und auf einmal dem Sattel entstürzten!

Hoch aufflatterte noch, im Sturz, von dem Schafte das Fähnlein,

Das, geröthet vom Blut des erschlagenen Bruders, ihn reizte.

Lang’ noch, hätt’ er zugleich mit den drei kampfmuthigen Brüdern,

Sich, unbändiger Kraft, gewehrt, und noch manchen der Gegner

Hingewürgt; doch schrie, vor Wuth sich die Lippen zernagend,

Jaroslav, der Führer des Volks, mit entsetzlicher Stimme:

„Schließt, ihr Memmen, den Kreis um die Rasenden; stoßet sie nieder!“

Also geschah’s: denn jetzt, umringt von dichteren Haufen,

Sanken sie dort, mit nie zu erschütterndem Muthe sich wehrend,

Alle, vom Sattel herab, und verhauchten auf Leichen der Gegner,

Die sie im Kampf’ erwürgten zuvor, die tapferen Seelen.

Doch der unglückliche Vater flog auf dem schnaubenden Rosse

Nach dem Lager zurück. Den Herrscher zu treffen, verlangend,

Daß er ihm künde sogleich das Nahen der feindlichen Heersmacht,

Sprengt’ er, die Scharen entlang, dorthin, wo im Hauche des Windes

Sein Panier aufflatterte, schön und erhaben vor allen.

Eilig sprach er vor ihm, um die fünf gefährdeten Kinder,

Die ihm nicht folgten, besorgt: „Umsonst ersehnst du den Frieden

Jetzt mit dem Könige: denn nur des Kampfs und der Rache gedenkt er.

Wisse, dir nah’t sein Heer; nicht fern mehr streifen die Reiter

Milota’s. Ach, mir gönne die Huld, vor des Lagers Umwallung,

Kehrend in Eile, zu schau’n: ob mein’ Erzeugten mir folgen?

Denn sie sanken vielleicht, empört von unwürdiger Schmähung,

Die von dem Feind’ uns ward, als Opfer unbändiger Rachgier!“

Sagt’ es, und eilete dann, von den tapferen Söhnen umgeben,

Wieder hinaus vor des Lagers Wall, wo Lärm und Getümmel

Unter dem Volk sich erhob: denn Milota’s furchtbare Reiter

Jagten herbei, wie am grau’numhülleten Morgen des Winters

Mit endlosem Geschrei unzählige Krähen heranzieh’n;

Schwangen die Lanzen zur Luft, und bothen dem Heere des Kaisers

Kampf auf Leben und Tod, mit wildverhöhnendem Trotz’, an.

D’rauf nachbrausten sie wieder im Flug den Kriegesgefährten,

Sich auf des Feldherrn Wink schnell aufzustellen im Saatfeld.

Aber der Lärmruf scholl nun rings in dem Lager. Die Trommel

Wirbelte; stets empörender klangen die hellen Drometen;

Herolde flogen voll Hast umher; die Stimme der Führer

Rief gebiethend zur Schlacht; das Fußvolk schloß sich in Reihen;

Rasch auf das Pferd aufschwang sich der Reisige; schimmernden Anblicks

Zogen die Ritter allen voran, und herrlich geordnet

Ging jetzt Rudolphs Heer in festausdauernder Abwehr

Außer des Lagers Wall, dem Feinde die Spitze zu biethen.

Ach, dort starrete noch auf die fünf erschlagenen Brüder

Trautmansdorf, der tapfere Held, mit erschütternder Fassung,

Schweigend, hinab! Es sandte zuvor der schreckliche Feldherr,

Milota, der auf dem Feld den angstergriffenen Landmann

Zwang, das gehörnete Rind, in Eil’, an den Karren zu spannen,

Sie nach dem feindlichen Lager heran. Da enthoben die Krieger

Jenem die traurige Last, und legten sie dort auf den Boden.

Aber er trieb sein Gespann, schnell wieder zurück’ auf dem Heerweg.

Siehe, schon wandte sich Trautmansdorf von den theueren Todten

Nach den Lebenden um, und gewahrte mit steigender Rührung

Jetzt, daß sie all’, ihm gleich, bezwangen die Thräne. Nur Erdwin

Hielt sich nicht länger, der jüngst’, und der theuerst’ ihm seiner Erzeugten:

Denn er sprang von dem Roß’, und warf mit schallendem Wehruf

Sich auf die Brüder hin: nun dem — dann wieder dem andern

Küssend die blasse Stirn’ und die toderstarreten Lippen.

Schnell umzog ein glänzender Thau die Augen des Vaters

Und der Söhne zugleich; sie weineten, über die Todten

Hingebeugt. Doch jetzo begann der tapfere Feldherr:

„Keiner tadle den Schmerz, der uns bei den jammernden Tönen

Meines geliebtesten Sohnes ergriff. Vielleicht, daß ihn auch bald

Grausam der Tod entrafft. Daß mir doch solches geschähe,

Eh’ denn ihm — zu entsetzlich wär’ des Getödteten Anblick!

Aber so will es des Kriegers Los: er sterbe der Pflicht treu!

Nur beschirmt, als Brüder, ihn kühn! Im Gemenge der Waffen

Möge der eine die Brust für den andern biethen, und Rettung

Schaffen sich selber und ihm, der Wechselhülfe gedenkend!

Erdwin, auf! Gebieth’, und schnell gehorchen die Krieger

Dir: nach Marchecks heiligem Grund die gefallenen Helden

Heimzutragen, daß dort der Priester mit Grabesgesängen,

Segnend, vertraue dem Staube den Staub; du folge dem Zug’ nach!“

Erdwin winkte den Kriegern stumm: sie erhoben die Leichen

Auf langschaftige Speer’, und trugen sie schnell nach den Mauern

Jener, unferne gelegenen Stadt, daß Alles und Jedes

Nach dem Willen geschah des mildgesinneten Vaters.

Durch das geordnete Heer ging nun der trauernde Zug fort:

Denn nach dem Rasenwall, den gestern unzähliges Landvolk

Baute, und d’rauf mit dem Graben umzog, dem Lager zur Schutzwehr,

Kam es heran: in den blutigen Kampf mit dem Feinde zu treten.

Aber, nicht rastete Katwald jetzt im höheren Luftraum:

Denn voll Muthes empört’ er die Kraft des nahenden Feldherrn,

Milota’s. Sieh’, als dieser die furchtbarn Reisigen Herbots

Eilen hieß in dem Vorderzug, nach dem muthigen Fußvolk

Mährens, dem er geboth, nachdrang ihm zur Rechten der Baiern

Treffliche Schar, geführt von Heinrich dem edelen Herzog,

Jetzt mit den Sachsen vereint, den tapferen, welche der Markgraf

Pfeil (ein Pfeil in der Schlacht!) im Sturmschritt lenkte: den beiden

Herrschte noch Czernin ob, als Feldherr. Aber zur Linken

Drang der Böhmen erlesenes Volk, gehorchend dem Helden

Lobkowitz, vor, und nach diesem kam das kühne Geschwader,

Welches sich Ottgar heut’ erlas, gleich loderndem Feuer,

Rasch aus dem Nachhalt vor, in die Reihen der Feinde zu stürmen.

Katwald eilte, voll Hast, vom Einen zum Andern, und weckte

Mächtig in jeglicher Brust des Kampfs entsetzliche Sehnsucht.

Horch, schon tönt drometendes Erz; schon wirbelt die Trommel,

Schreit der Krieger, und wiehert das Roß; schon zittert der Boden

Unter dem stampfenden Huf; des Blachfelds Weite bewegt sich

Vorwärts. Doch, wie im Hauch zwei streitender Wind’ an den Ufern

Wogen die Fluthen des See’s herauf und hinunter: so trat auch

Rudolphs tapferes Heer vor dem Wall den Feinden entgegen,

Und, wie der thürmende Wald erkracht, den plötzlich aus Süden

Und aus Norden zugleich, Orkane zerschmettern im Spätherbst:

Zahllos liegen umher die unendlichen Stämme geworfen

Durcheinander hinab in den Staub: so lagen die Reiter

Dort mit den Rossen, erwürgt, und des Fußvolks Reihen vermenget.

Furchtbar wüthete heut vor allen der tapfere Feldherr,

Milota, so daß Ottgar selbst den gewaltigen Thaten

Staunte, die er vollbracht’ in des Todes erkorenem Saatfeld.

Ach, er ahnete nicht, wie der Rachebrütende jetzt auch

Arges sann im Gemüth — daß er ihm vertraue, die Scheingluth

Heuchelte, bald Verrath nur an ihm zu verüben, entschlossen!

„Herbot,“ so rief er „hin, wo in keilgestalteter Ordnung

Oestreichs Heerschar naht — die Ritter für jetzo vermeidend,

Eile zuerst, und stürm’ im Flug’ in die Seite des Volks ein!“

Also geschah’s: denn schmetternd erklangen die eh’rnen Drometen;

Schnell, wie das Wetter fleugt, vorbraus’ten die reussischen Reiter,

Und die gesenkte Lanz’ aus der Röhre des eisernen Bügels

Festnachdrängend, erkor ein jeder von ferne den Mann schon,

Dem er die Brust zu durchbohren beschloß. Wohl sechzig erlagen

Also dem tödlichen Stahl der wildanprallenden Reiter,

Die in des oberen Oestreichs Gau’n der tapfere Hauptmann

Berchthold, warb, und lautes Geschrei auftobte zum Himmel.

Jene wichen zurück’, um schnell zu erneuerndem Anlauf

Sich zu stellen im Feld’, und die mordende Lanze zu senken;

Aber Capellen, der oberste Hort des Volks, wie des Ober-

Also des Unterlands, flog her, und empörte sie laut so:

„Denket der Ehr’ und des Vaterlands, östreichische Männer,

Jetzt in dem Kampf. Nur fest die Reihen geschlossen; die Lanzen

Kühn dem Feind’ entgegengesenkt, und, nah’t er, zur Erd’ euch

Hurtig gebeugt; dann auf, zu durchbohren dem schnaubenden Rosse,

Oder dem Reiter, die Brust! Bald schaut ihr sie fliehen im Schlachtfeld.“

Auch die Steyrer entflammt’ er, und rief: „Heut sollt an dem Feind’, ihr,

Krieger der Steyermark, euch rächen, der Schande gedenkend,

Wie ihr gewichen vor ihm mit Lärm und Getös’ in dem Nachtgrau’n,

Fortgerissen durch Schuld des Pettau’r, der, von dem Kaiser

Heimgesandt, hinfort zur Flucht euch nimmer verlocket!

Jetzo nur kühn an den Feind! Uns lohnt der herrlichste Sieg bald.“

Sagt’ es, und sprengte zurück: da braus’ten die furchtbaren Reiter

Herbots wieder heran, zu erneuen den muthigen Angriff.

Jene senkten das Haupt, ausbeugend, zum Knie’ hin, und bohrten

Hier dem Reiter, und dort dem Roß den Stahl in die Brust ein,

Als weit über ihr Haupt die feindliche Lanze dahinfuhr.

Aber der Boden, mit Leichen bedeckt, verwandelte ringsher

Sein erfreuendes Grün in die gräuliche Farbe des Blutes.

Milota sah den wankenden Sieg mit Staunen: er sandte

Schnell die Reiter zurück, und führte die mährischen Krieger

Gegen das Fußvolk, das aus dem ober’n und unteren Oestreich

Kam, und den Steyrern vereint, ihm entgegen stand in dem Schlachtfeld.

Gleich den Wogen des Meers, die ein Sturm aus Süden daherrollt,

Eilten die Reih’n jetzt vor; doch so, wie jene zum Strand sich

Stürzen mit lautem Gebrüll’, und im schäumenden Zorne zerschellen:

Denn nicht wanket der Fels: so trafen sie auch an den Kriegern

Oestreichs ehernen Widerstand im Gemenge der Waffen.

Schrecklich ertönte der Schrei der Würgenden, schrecklich der Lanzen

Kreischender Schlag, als sie den eisernen Helm und den Harnisch,

Oder das Panzerhemd zerschmetterten, wüthend geschwungen.

Gleich dem Orkan, flog jetzt auch Milota hin, und, ersehend,

Wie die Führer des Volks: der Seldenhofen die Steyrer —

Berchthold Oestreichs Krieger zum Kampf’ empöreten, schwur er

Beiden den Tod. Urschnell auf Berchthold drängt’ er das Streitroß,

Und als dieser, erhebend das Schwert, die muthigen Krieger

Oestreichs jetzt noch mehr vortummelte, siehe, da bohrt’ er

Ihm den Stahl in den Hals, daß alsbald ihm auf den Lippen

Starb das Wort, er taumelnd sank, und das Leben verhauchte!

Schmerz durchzuckte die Brust des Volks bei dem schrecklichen Anblick,

Da er, so mildgesinnt, ein Vater der Krieger genannt ward.

Doch mit erneuerter Wuth flog Milota hinter den Reihen

Seines Volkes hinab; drang wieder hervor, und durchrannte

Col von Seldenhofen das Herz, der weit vor den Seinen,

Die er entboth, hersprang, und nach ihm sein blutiges Eisen

Zuckte, die Stirn’ ihm zu spalten, gesinnt. Nun brachen die Knie’ ihm,

Schlotternd, ein, und er fiel, im Tod’ erbleicht, auf das Eisen.

Ach, bald jammert daheim die alterserblindete Mutter,

Deren einziger Sohn und Trost er war in den Jahren

Trauerbelasteter Witwenzeit auf der einsamen Felsburg:

Denn nicht kehrt er zurück, wie ein täuschender Traum ihr verheißen —

Er, den Traum ihr deutend, verhieß, die Gute zu trösten,

Als er zum letzten Mal’ auszog von dem rühmlichen Stammhaus!

Hier erlag er zugleich mit fünf erlesenen Kriegern

Milota’s Schwert, der furchtbarn Muths, umtobt’ in dem Schlachtfeld.

Ottgar wandte sich jetzt nach Lobkowitz um, und begann so:

„Nie war Milota’s Seele mir hold: ich kenne der Menschen

Trugverhüllende Brust; doch sieh’, ein schrecklicher Krieger

Ist er im Feld’: ich vertraute mit Recht ihm die rühmliche Stelle!“

Jener entgegnete schnell: „D’rum vor mit den Reitergeschwadern

Jetzt, wo die Feind’ erbeben vor ihm, sie niederzuwerfen,

Und zu entscheiden den Kampf in der heiteren Stunde des Glückes.“

„Nein,“ so sagte der König ergrimmt, „noch laß uns verziehen,

Bis er noch mehr aufflammt, und wir ihn entscheiden für immer!“

Also die beiden dahier. Capellen, der Edle, gewahrend

Drüben im Feld den Tod der muthigen Scharengebiether,

Sandte den Oesterreichern den Meißauer hier, und den Steyrern

Dort den Lichtenstein, aus der Schar der Ritter, als Feldherrn.

Schnell gehorchten die zwei Feldobersten jetzo Capellens

Ruf; denn jener erkor, an Berchtholds Stelle, den Helden

Summerau, und Lichtenstein den furtbaren Ritter

Merenberg, an jene des Seldenhofen, zu Führern.

Hoch schwang Merenberg sein Schwert in die Luft, und er rief dann:

„Ha, nun endlich dem Ziel, dem schrecklichen, näher und näher

Schreit’ ich den dunkelen Pfad! Komm, Richard, und stehe dem Bruder

Treu zur Seite, mit ihm die entsetzliche That zu vollführen,

Die sich der Merenberger ersehnt! O denke des Bruders:

Wie er am Galgen hing — das Haupt zu den Füßen gebunden,

Dreimal schreckliche Tage sich wand! Wie, leben soll Ottgar?“

Alsbald einte sich ihm in dem Kampf sein finsterer Bruder.

Doch mit erneuetem Muth vorstürmten die beiden Geschwader,

Und ermordeten, was sich entgegenstemmt’ in den Reihen.

Also gedrängt von den Stürmenden, wich Morawia’s Fußvolk

Langsam zurück’, und stand, und wehrte sich wieder: nicht anders

Weicht der gewaltige Felsenblock, nach dauerndem Regen

Losgewühlt vom Gebirg’, an des Bergs abgleitendem Rand hin;

Bis nachströmend die Fluth ihn bewegt, und er in den Abgrund

Stürzt im sausenden Sprung’ und Getös’, unhemmbaren Fluges.

Doch der erhabene Kaiser sah mit Freude die Seinen

Ringen im Feld, die im Vorkampf schon die gesunkenen Lorbern

Ihrer Heldenstirn’ jetzt herrlicher wieder erhöhten.

Schnell entboth er zu sich Trentschins Gebiether, der Ungern

Muthigen Hort, und sprach: „Noch ward dir, tapferer Feldherr,

Nicht eröffnet das Thor an der siegsruhmbiethenden Laufbahn;

Aber ich kenne den Muth, der dich und die Deinen beseelet.

Zieh’ g’en Schönfeld hin mit den furchtbarn Reitern, und harre

Drüben des Winks: urschnell dem Feind’ in die Seite zu fallen.

Aber der Wink sey dir: wenn, blutrothschimmernd, von Marchecks

Ragendem Thurm die Sturmfahn’ weht, und die Glocken erschallen.

Also erringst du dir Ruhm, und mir den herrlichsten Vortheil.“

Jenem erglänzten die Augen wie Gluth; er strich mit der Rechten

Sich den mächtigen Bart, und sprach: „Glorwürdiger Kaiser,

Gleich dem Morgenthau, der schmachtende Fluren erquicket,

Hat dein ehrendes Wort das Herz mir gelabt, und des Unmuths

Wolken entflieh’n mir jetzt vor den lang’umdüsterten Augen!

Tödtendem Blitz und verheerenden Stürmen gleich ist im Schlachtfeld

Ungerns tapferes Volk: ich will sie dir lenken zum Vortheil,

Mir zum Ruhm: weil mich des edelsten Kaisers Vertrau’n ehrt.“

Sagt’ es, und ritt im Flug, mit den jauchzenden Scharen nach Schönfelds

Auen hinab, ersehnend den Wink zu dem schrecklichen Angriff.

Aber der Kaiser entsendete links und rechts an die Feldherrn:

Albrecht hier, und Meinhard dort, die Herolde; stehen

Hieß er sie noch vor dem Wall’, und festabwehren des Gegners

Furchtbardrängende Wuth, bis, blutrothschimmernd, von Marchecks

Ragendem Thurm die Sturmfahn’ weht, und die Glocken erschallen:

Denn er ordnete dort die zeichenerspähenden Männer.

Marbod nahte heran. Er schwebte zuvor in dem Zeitraum

Eines entfliehenden Augenblicks nach den schimmernden Mauern

Drüben der Wunderstadt, Venezia,2 die aus des Meeres

Fluthen sich hebt, und des Fremdlings Brust erfüllet mit Staunen,

Dort das ehrende Maal des Heldengreises zu schauen,

Dandolos, der mit den Franken im Bund’, ersiegte die Hauptstadt

Constantins, erst jüngst, mit nie zu erschütternder Thatkraft.

Doch nun kehrt’ er zurück’, und staunte der Menge der Leichen,

Die in der Männerschlacht schon weit bedeckten die Felder.

Wie den Wanderer Grau’n befällt, der plötzlich ereilet

Von dem sausenden Sturm’, in den tiefergesunkenen Wolken

Weißherschimmernden Hagel ersieht, und drüben im Wald’ ihn

Wüthen hört, wo er bald, entstürzend mit lautem Geprassel,

Blühende Zweige zerschlägt, und zu Boden schmettert die Wipfel:

Also befiel ein Schauder auch ihn. Im Fluge vernahm er

Katwalds Ruf, wie er hier empörte den mächtigen Herbot.

„Ha,“ so sprach er, „du prahltest zuvor: du wollest lebendig,

Oder todt, aus der Schlacht heimführen den Kaiser der Deutschen?

Eitler Schwätzer, wie werden dereinst dein spotten die Helden!

Reite zur Rechten hinab, und versuche denn quer in die Reihen

Einzudringen, wo Rudolph weilt, und keine Gefahr ahnt.“

Herbot besann sich schnell; fünfhundert Reisigen rief er:

„Folgt mir!“ und jagte zur Rechten hinab, wo, nahe dem Herrscher,

Meinhards Heldenruf die Krieger zum Kampfe bewegte:

Denn schon maßen im Waffengemeng’ auch die Bayern und Sachsen

Sich mit den Tapferen Krains und Kärnthens. Dicht, und unzählbar

Lagen die Leichen im Gras’. Doch Czernin führte die Völker

Gegen Meinhards Macht, der jetzt ihn näher gewahrend,

Schnell vordrang, und, genaht, ihm rief: „Du hast dich vermessen,

Nächtlich, im Ueberfall, Vindobona, die herrliche Festung

Zu betreten; gehofft, als Sieger, herunter zu schauen,

Stolzen Blicks, aus der Kaiserburg: nun sollst du es büßen,

Was du frevelnd gedacht, und gewollt, und nimmer erreicht hast.“

Czernin schwieg, ergrimmt. Er senkte den Speer, und erreichte,

Sausenden Flugs, den Mann, der also ihn schalt vor den Scharen,

Ihm die Brust zu durchbohren, gesinnt; doch fehlt’ er des Zieles,

Zitternd vor glühender Hast, und der blutgeröthete Speerstahl

Streifte nur, zwischen dem Leib’ und dem Arm, durchfahrend, den Harnisch.

Meinhard säumte nicht, hob, und senkte das Schwert, und zerschlug ihm

Jetzo den Helm und die Stirne zugleich, daß er rücklings vom Rosse

Sank, und, gestreckt lang hin, in Todesschauern erblaßte.

So vor den äußersten Reih’n stritt auch der muthigen Sachsen

Feldherr, Pfeil, mit dem weitgefürchteten Grafen von Heunburg,

Der den Kärnthnern geboth, und der Hort der krainischen Scharen,

Ortenburg, mit Bayerns gewaltigem Herzoge, Heinrich,

Jetzo auf Leben und Tod: da Scharen des einen und andern

Sich bekämpften, und rings nur Mord und Gewürge zu schau’n war.

Heunburgs blitzendem Stahl’ erlag der tapfere Markgraf

Pfeil, nicht des Todes Pfeil, von des Gegners Rechte geschleudert,

Mehr vermeidend, nach schrecklichem Kampf’, und hauchte den Geist aus.

Heinrich gelang’s, den Ortenburg aus dem Sattel zu heben,

Ihm durchstoßend den Arm, daß er dort im knisternden Sandstaub

Blutete, kriegsgefangen sich sah, doch wieder gerettet

Heim in das Lager kam, und dem kundigen Arzte sich hingab.

Sieh’, als hier in dem Streit die erbitterten Völker sich maßen;

Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel

Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte,

Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader

Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht

Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter —

Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar

Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel.

Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin

Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof)

Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards

Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht;

Doch nun hemmt’ er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte

Gierig: ob Freund’, ob Feind’ ihm naheten? bis er des Ritters

Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war.

„Ha,“ so rief er, „erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück

Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!“

Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten

Trautmansdorf: „Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser:

Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!“

Alsbald kehrten die sechs untad’ligen Brüder den Feinden

Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel

Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten.

Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben

Rudolphs droht’; er umfing mit heißumschlingenden Armen,

Flehend, Capellens Brust, und rief: „Zur Linken hinüber

Eil’ im sausenden Flug’, und errette den Kaiser vom Tod jetzt!“

Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten?

Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld.

Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen;

Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern

Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater

Noch mit dem Schwert’ in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser.

Sie gehorchten ihm all’, und erlagen nach schrecklichem Mord nur:

Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried.

Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum

Sich in die Lüft’ erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein.

Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers;

Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend

Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf!

Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter

Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger:

Dennoch war es um ihn gescheh’n, und die Hülfe vergeblich,

Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten,

Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes

Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm

Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald

Dunkelten — Seh’n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich

Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen,

Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch

Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter.

Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert,

Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort

Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall’, und Gerassel der Waffen

Scholl im Gefild’ umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen

Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen,

Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber

Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden,

G’en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen.

Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher,

Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen.

Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick

Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte,

Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben;

Doch der Erhabene rief: „Zurück, verschont ihn: er lebe!

Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter,

Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff:

Heute noch komm’ er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam.

Trautmansdorf, dir dank’ ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden

Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen,

Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe

Albrecht schnell: er stürm’ in den Feind; du stehe zur Seit’ ihm

Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren!

Eilt nun all’ an’s Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!“

Alle jagten davon; nur einer — unglücklicher Vater,

Nur du allein verweiletest noch, und sah’st auf die Todten,

Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen!

Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte,

Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks

Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth

Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn’;

Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel.

Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn,

Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte:

„Sieh’, wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk

Rasch vordringt! Nun gilt’s: entscheide den schrecklichen Kampf du!“

Aber der König begann: „Fürwahr, wir tauschten für heut schon

Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen,

Kaltvorschauend, und heut’, empört zu Feuer und Flammen,

Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.“

Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth:

„Wallstein, ach, ich schau’ in des Sieges Gefilden dich nimmer!“

Lobkowitz schwieg. Doch sieh’, nun hemmte die stürmenden Krieger

Milota’s Feldherrnwink! Er dacht’, ergrimmend im Geist, so:

„Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König.

Ist’s nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur,

Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.“

Dacht’ es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten

Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald,

Tapfer zu steh’n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war

Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend

Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten.

Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm:

„Schreie: „Der Feind entflieht!“ Gar mächtig ertönet dein Ausruf.“

Hochberg schrie: „Der Feind entflieht“ mit gewaltiger Stimme,

Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel

Donnerte. Bald erscholl’s von tausenden Stimmen auf einmal:

„Holla, die Feind’ entflieh’n! Sie flieh’n — die Feinde, sie fliehen!“ 

Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick’ auf;

Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: „Wahrlich, vermuthend

War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß!

Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens

Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,3 des Schicksals

Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir

Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon!

Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh’n!“

„Herr, nicht der Hölle vertrau’,“ so rief der jammernde Greis auf,

„Gott vertraue — dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern!

Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren.

Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm’, und erring’ ihn!“

Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen

Milota’s, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers,

Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner.

Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen

Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog

Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden:

Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend

Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn’ —

Hörend der Glocken Getön’, erhob sich in Eile von Schönfeld,

Mit zermalmender Macht dem Feind’ in die Seite zu fallen.

Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel

Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus’ten die Reiter, und hieben

Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä’t in dem Blutfeld,

Wankten die Gegner, und floh’n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort.

Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau’n,

Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin,

Stolz vor Siegeshoffnung, verließ — nun trotzig begrüßte:

Denn er dachte des Siegs am nächst­aufstrahlenden Morgen.

Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß’ an dem Waldthal,

Führte der Kaiser sein Heer, und ruht’, umlagernd, im Feld dort.

Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel

Sah’n die Sternenheer’ auf die schlummernden Völker herunter.

Zehnter Gesang.

Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom;

Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen

Manchmal, leis’umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel

Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen,

Wäldern, und Höh’n, nun hochaufragende Thürme der Burgen,

Nun hellschimmernde Städt’ und Gotteshäuser sich heben,

Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten

Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen.

Wechselnd, von einem zum andern Gestad’ durchkreuzen der Vögel

Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu.

Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden

Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel

Auf sich schwingen die goldenen Stern’; umschattendes Dunkel

Ruh’ auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt.

Von Schafhausen allein tönt Donnergetös’, in des Abends

Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz

Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett

Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther

Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler

Sendet im Windeshauch’, unendlichen, ewigen Eilflugs.

Sieh’, ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen!

Eilig trabt’ er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe

Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter

Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht.

Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald

Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten

Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an;

Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden,

Netzt’ ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau’ns Wonne versunken.

Hartmann war’s, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend

Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte.

Drüben am linken Gestad’, ersah er das freundliche Städtchen

Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten

Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit)

Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,1 Schottlands

Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino,

Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben,

Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt.

Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber —

Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau’s

Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg

Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter

Schau’n auf die Fluthen der Aar, die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht.

Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater

Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser)

Todt die Mutter — von ihm die holden Geschwister geschieden.

Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille

Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand’rung.

Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen:

„Mangold, fasse das Roß an dem Zaum’, und führ’ es mit Vorsicht

Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg’ ich dir nach in die Herberg!“

Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt’ es mit Vorsicht

Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau

So, daß die Brück’, entlang, erst laut, dann leiser und leiser

Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin.

Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken,

Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber

Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten

Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen,

Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens.

Sieh’, nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf;

Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel

Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter,

Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin,

Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen

Spiegelte. Dort winkt’ ihm (so däucht’ es ihn) freundlichen Blickes,

Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter.

Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus;

Beugte die Stirn’, und ihm sank die heimliche Thrän’ aus den Augen!

Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad;

Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau

Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten,

Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen,

Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom

Ruderte. Nun verfehlt’ er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug,

Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück’ um,

Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften,

Schrie’n, und riefen, die Fluth. Nicht der lastenden Rüstung gedenkend,

Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter

Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen;

Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung,

Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben;

Aber nicht rettet’ er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund

Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.2

Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal

Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben,

Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages!

Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels

Nächtliches Grau’n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf

Blöckender Lämmer und Schaf’, und des dumpfaufbrüllenden Rindes:

Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt:

Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel

Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen

Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte.

Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines,

Oder des Brots; nicht des Habers und Heu’s die munteren Rosse:

Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend

Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit,

Und stets lauter erscholl auftobende Freud’ in dem Lager.

Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben,

Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern,

Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck

Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen

Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen.

An dem Gestade der March, wo, g’en Hochstätten, im Halbkreis

Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens,

Der vor grau’n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein

Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs

Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh’n, in der Umwelt

Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold

Sitzend im munteren Kreis’ der Zitherspieler und Sänger,

Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns

Reichem Gefild’ und der Thatenkraft gepriesener Führer

Sprachen im jubelnden Lied’; auch rühmten darauf: wie im Feld’ erst,

Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers

Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind,

Der auf der Heid’ im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt,

Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken

Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben.

Aber so laut der König sich d’rob erfreute, so gönnt’ er

Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen,

Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand.

Hastig nahet’ ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so:

„Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges,

Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft

Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser,

Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.“

„Gern,“ erwiederte jener, voll Hast, „hineil’ ich in’s Lager

Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.“

Sagt’ es, und schwang sich auf’s Roß, im Gefolg kumanischer Reiter,

Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum

Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog,

Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.

Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer —

Kaduscha war nicht zu schau’n. Empört von dem Glücke des Helden

Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter:

„Ha,“ so sprach er, „was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet,

Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden Woldan3

Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte?

Auf, wir zieh’n nach Günß, den tapferen Iwan4 zu retten,

Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget,

Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung

Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen:

Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken

Schau’n von nah’ und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen;

Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.“

Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen

Schnell g’en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber,

Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt;

D’rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern

Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin.

Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten,

Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen;

Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth

Klaren Bescheid ertheilt: bis all’, einmüthig, ihm Beifall

Zollten; die Ordnungen, Zahl, und die Stellung der Völker im Schlachtfeld

Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh’n war.

Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber.

Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser:

„Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers,

Jenen gewaltigen Greis, bei’m herzerheiternden Spätmahl.

Wahrlich, viel erduldet’ er jetzt, in der engenden Festung

Müßig zu steh’n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen

Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut!

Ich entboth ihn in’s Feld, dem jüngst verwundeten Helden,

Ortenburg, vertrauend die Vest’, und er folgte dem Ruf bald.“

Als er’s sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein;

Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern;

Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken,

Setzte sich hin, und begann: „Fürwahr, ich wähnte: verrosten

Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer,

Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins

Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern!

Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen

Haug der Kaiser sich stets: sein dacht’ er auch jetzo mit Huld nur.

Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes

Treulos flieh’n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir:

Iwan weih’ er sein Schwert; euch wünsch’ er Glück in dem Siegslauf.“

All’ aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr

Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern,

Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen;

Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias

Von Trentschin, und sprach: „Du sey des Heeres Gebiether

Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren

Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun’s aus der Brust ihr

Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett

Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger,

Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung,

Vorzieh’n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen

Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.“

Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel,

Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlacht­entscheidenden Kriegsrath

Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war,

Saß der Kaiser im Heldenkreis’ bei dem fröhlichen Nachtmahl

Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem:

„Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch

Sind der Gerichte nicht viel’, doch würze die wenigen Frohsinn!“

Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener

Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath

Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel,

Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes,

Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend,

Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war.

Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen

Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen,

Die vor jeglichem Gast’, aus schimmerndem Erze getrieben,

Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken.

Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt.